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Von Ciudad Bolivar ( Venezuela) aus fahren wir mit Carlos, einem Einheimischen indianischer Abstammung, nach El Dorado. Dort treffen wir Miguel, der uns mit seinem Einbaum auf dem Rio Cuyuni für eine Woche in den Dschungel fährt. Dieser Teil des Landes gehört zu einem Naturschutzgebiet und außer wenigen Indios, begegnet man dort nur Tieren. Das verheißt Abenteuer pur. Geschlafen wird in Hängematten in der freien Natur. Fischen, jagen ergänzen unseren Speiseplan. Die unwegsame Natur und die wilden Tiere machen diese Reise zu einem unvergesslichen Abenteuer.
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Gerda Althoff
Oma geht in den Dschungel
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort:
Impressum neobooks
Diese Geschichte ist wahr und entspricht den eigenen Erlebnissen.
Auch die hier erwähnten Personen existieren tatsächlich.
Dieses Buch ist Carlos gewidmet, mit dem ich später noch mehrere
unvergessliche Dschungeltouren organisiert habe.
Oma packt ihren Rucksack. Die Enkel stehen mit traurigen Gesichtern daneben. Sie wissen, sie werden sie für eine lange Zeit nicht wieder sehen, denn Oma geht wieder in den Dschungel. Oma, das bin ich, achtundfünfzig Jahre jung und fühle mich ganz und gar nicht wie eine Oma, aber meine Enkel haben mich nun mal dazu gemacht. Ständig zieht es mich hinaus in die weite Welt, gemeinhin auch Fernweh genannt. Nun ja, es hat mich wieder gepackt und wie schon so oft, habe ich mir im Internet ein günstiges Ticket besorgt und bin nun dabei meinen Rucksack zu packen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich nach Südamerika fliege und so ist es fast schon zur Routine geworden, das Packen. Einige T-Shirts, mindestens drei kurze Hosen, eine leichte lange Hose, die sich unten zuziehen lässt, damit einem im Dschungel nichts in die Hosenbeine kriecht. Sehr wichtig sind auch Regenjacke, Mückenspray und eine Taschenlampe. Das sind alles Erfahrungswerte. Gelbfieber- und Hepatitis A Impfungen habe ich längst hinter mir, nur bei der Malaria-Prophylaxe bin ich etwas leichtsinnig, allerdings gibt es in Südamerika auch nicht die gefährliche Malaria tropica und so hält sich das Risiko in Grenzen.
Nachdem ich vor fünf Jahren mit zwanzig Kilo Gepäck monatelang um die Welt gezogen war und dabei oftmals an meine Grenzen gestoßen bin, was das Gewicht des Gepäcks betrug, versuche ich nun meinen Rucksack so leicht wie möglich zu packen.
Während hier in Deutschland der ständig graue Himmel einem aufs Gemüt schlägt, erwartet mich im fernen Südamerika strahlender Sonnenschein. Das macht sich auch an den Menschen bemerkbar, die nicht so griesgrämig dreinschauen wie hier und jede Sekunde ihres Lebens genießen, obwohl sie manchmal nicht wissen, woher sie das Essen für ihre Kinder nehmen sollen.
Morgen geht es los. Ein weiteres Mal nach Südamerika, meinen Lieblingskontinent und billig war es außerdem. Samt Steuern und Bahnfahrt zum Flughafen, schlappe fünfhundertundvierzig Euro. Wer da nicht fliegt ist selber schuld.
Obwohl ich mir sicher bin, alles Wichtige eingepackt zu haben, werde ich unterwegs bestimmt bemerken, dass mir irgendetwas fehlt.
Es ist immer das gleiche. Mal ist es der Wecker, mal der Waschlappen, ein anderes Mal die Haarbürste; im Grunde aber nichts, was sich nicht vor Ort besorgen ließe. Tagelang überlege ich, was ich noch einpacken könnte, um dann hinterher festzustellen, dass es noch besser hätte machen können.
Schon spüre ich ein innerliches Kribbeln, kann es kaum erwarten endlich in den Flieger zu steigen und abzuheben.
Das ständig miese Wetter in Deutschland macht mich seelisch fertig. Von Zeit zu Zeit muss ich einfach hier raus, aus dem gefühlskaltem Heimatland, wo sich die Beziehung zwischen den Nachbarn auf ein „hallo, wie geht´s"? und „das Wetter könnte auch bald besser werden,“ beschränkt, um dann sofort wieder hinter der Haustür zu verschwinden.
In Venezuela ist das anders. Hier hat man immer Zeit für ein Schwätzchen. Wenn man von Caracas mal absieht, spielt sich das Leben vorwiegend außerhalb des Hauses ab. Man weiß um die Probleme der Nachbarn und versucht zu helfen. Ich habe inzwischen viele Freunde dort, mehr, als hier im kühlen, unpersönlichen Deutschland. Die Lebensart ist derart different, dass ich lieber heute als morgen ganz auswandern würde. Das einzige, was mich noch daran hindert, sind meine Enkel. Nach einigen Monaten bekomme ich „Entzugserscheinungen“ und muss zumindest für ein paar Wochen zurück, bis mich dann das Fernweh erneut packt und ich wieder in die Welt ziehe.
„Wann kommst du wieder, Oma?“ ertönt eine traurige, piepsige Stimme aus dem Hintergrund.
Schlagartig befinde ich mich wieder in der Realität, wo ich in Gedanken doch schon drüben war, in meinem „zweiten Heimatland“ Venezuela. Mein jüngstes Enkelkind Nina schaut mich fragend an.
„In drei Monaten, Schatz“, antworte ich und weiß doch, dass dies ihre Zeitvorstellung vollkommen sprengt.
Wie zu erwarten war, kommt dann auch gleich die nächste Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist.
„Oma, wie lange ist drei Monate?“ Wieder sehe ich in ihre traurigen, fragenden Augen. Das tut weh! Ich überlege, wie ich einem fünfjährigen Kind, dem jede Zeitvorstellung jenseits seiner zehn Finger fremd ist, erklären kann, wie lange drei Monate dauern. Ich gehe in die Küche und nehme den Kalender von der Wand. Patrick, mein ältester Enkel, ist acht Jahre alt. Er hat die ganze Zeit auf meinem Bett gesessen und aufmerksam beobachtet, was ich alles eingepackt habe. Als ich nun mit dem Kalender zurück ins Schlafzimmer komme, steht er auf, gespannt, wie ich seiner kleinen Schwester nun das mit den drei Monaten erkläre. Ich zeige auf
das oberste Blatt.
„Nun seht mal, hier haben wir September, der bald vorbei ist."
Ich blättere, laut zählend, weiter: „ Eins, zwei, drei.“ Nun haben wir das Dezemberblatt vor uns. „Siehst du hier, wo die beiden roten Zahlen sind, da ist Weihnachten und dann bin ich wieder da.“
Die Kleine nickt nur. Es macht sie nicht gerade fröhlicher. Es ist jedes Mal das Gleiche, aber was soll ich machen, mein Fernweh ist nun mal stärker als alle Familienbande und wenn sie größer ist, wird sie es schon verstehen, versuche ich mir einzureden, aber tief im Innern bin ich mir bewusst, dass ich nicht das Idealbild einer guten Oma darstelle.
Vielleicht will ich das auch gar nicht sein.
Ein Blick nach draußen in den von wolkenverhangenen Himmel sagt mir, dass ich das Richtige tue.
Die folgende Nacht gleicht jenen, die ich vor jeder Reise erlebe, kurz, unruhig, mit immer den gleichen Träumen.
Ich will am Flughafen einchecken und habe keinen Pass, kein Geld, kein Gepäck bei mir oder komme gar nicht erst rechtzeitig am Flughafen an.
Vielleicht spiegelt sich darin die Angst wider, dass im letzten Augenblick vielleicht noch etwas dazwischen kommen könnte, was meine Abreise verhindern würde.
Der schrillende Wecker erlöst mich von meinen Qualen. Müde und zerschlagen, aber froh mit der Erkenntnis, dass es ja nur Träume waren, werfe ich die Bettdecke beiseite.
Mein erster Gang führt mich zur Kaffeemaschine, danach zur Toilette und kurz darauf sitze ich mit einer Tasse heißen Kaffe am Frühstückstisch.
Es ist vier Uhr dreißig und noch viel zu früh, um etwas Essbares zu sich zu nehmen. Das werde ich auf dem Weg zum Flughafen tun.
Seitdem mich der Wecker aus meinen ungeliebten Träumen gerissenhat, sind nun schon mehr als fünfzehn Stunden vergangen.
Der Jumbo der British Airways ist gerade in Caracas gelandet und hat, wie die Stewardess eben verkündet, seine endgültige Parkposition erreicht. Der elfstündige Flug mit Zwischenlandung in London hat mir die Möglichkeit gegeben, etwas von dem versäumten Schlaf nachzuholen.
Gut gelaunt steige ich die Gangway hinab, obwohl wider Erwarten kein blauer Himmel zu sehen ist. Der Himmel ist genauso grau wie in Deutschland, jedenfalls im Moment.
Es ist vier Uhr nachmittags, die Luft heiß und schwül, tiefschwarze Wolken hüllen die Küstenkordilliere ein; es ist noch Regenzeit. Bis ich endlich in Caracas im Hotel sein werde, können noch gut zwei Stunden vergehen, dann wird es bereits dunkel sein.
Im Dunkeln durch Caracas zu laufen, auf der Suche nach einem Hotel, ist nicht gerade gesundheitsfördernd, aber es geht nun mal nicht anders.
Fast alle Flieger, die aus Europa kommen, landen um diese Zeit hier.
Ich bringe so schnell es geht die Einreiseformalitäten hinter mich und zu meiner großen Freude ist mein Gepäck auch da, nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit in Venezuela.
Ich habe schon Leute getroffen, die eine Woche am Ort festsaßen, um auf verloren gegangenes Gepäck zu warten. Selbst habe ich diese negative Erfahrung Gott sei Dank noch nicht gemacht.
Ich mag Caracas, aber eine ganze Woche in dieser brodelnden Viermillionenstadt muss dann doch nicht sein.
Mich zieht es mehr in die Natur, genauer gesagt, in den Dschungel.
Meine erste Dschungeltour erlebte ich in Ecuador, damals noch als organisierte Abenteuerreise. Mittlerweile gestalte ich meine Touren selbst und habe mich dabei in den letzten Jahren immer mehr auf Venezuela konzentriert.
Inzwischen besitze ich hier gute Ortskenntnisse und habe einige Freundschaften geschlossen.
Zu meinen besten Freunden gehört Carlos. Er lebt in Ciudad Bolivar und ab und zu organisiere ich mit ihm zusammen Dschungeltouren.
Von El Dorado aus den Rio Cuyuni hinauf bis zu einem bezaubernden Wasserfall mitten im Dschungel, doch ist es sehr schwierig Leute zu finden. In Deutschland lässt sich kaum jemand dafür begeistern und vor Ort ist die Konkurrenz der Anbieter so groß, dass sich schon eine Art Mafia gebildet hat, der man besser nicht in die Quere kommt.
Nun, wenn ich bei meinen Reisen auch nicht immer Geld verdienen kann, was soll´s. Es gibt für mich doch jedes Mal etwas Neues zu entdecken und neue Freunde zu gewinnen, obwohl ich schon mindestens zehn Mal hier war.
Weil alle großen Flieger aus Europa hier fast zeitgleich ankommen, herrscht im Flughafengebäude ein ziemliches Chaos, dem die venezolanischen Flughafenangestellten jedoch eher gelassen gegenüberstehen und verständnislos den Kopf schütteln, wenn sich gestresste Europäer über lange Wartezeiten bei der Einreise aufregen.
Die Reiseleiter der Pauschalreisenden stehen mit ihren bunten Schildern vor dem Ausgang und versuchen, ihre Gäste anhand der Kofferanhänger zu identifizieren.
Ich habe keinen Anhänger, außer den von British Airways und bin deshalb für sie uninteressant.
An dem kleinen Schalter der Wechselstube, direkt neben dem Ausgang, stelle ich mich an um noch Geld zu tauschen. Ich habe das Glück, dass nur drei Leute vor mir sind und fünf Minuten später verlasse ich das kühle Innere des Gebäudes, um gleich darauf mit dieser typisch heißen Schwüle der venezolanischen Regenzeit konfrontiert zu werden.
