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Ein Roman über einen jungen Mann im Zürich der 1990er Jahre, der sich in der erfolgsorientierten Wohlstandsgesellschaft immer weniger zurecht findet. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen und beschreibt, wie er sich langsam wieder aus den Fängen von Überwachung und Psychopharmaka befreien kann.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Auch ich will im Leben gewinnen. Darum den Fehler vermeiden, auf dem rechten Gehsteig zu gehen, was einem Spiel entspricht. Ist es aber nicht. Denn es ist Pflicht, und dafür gibt es Gründe. Im Juni ist die niedrige Langstraße-Unterführung ein Kältekanal. Riskiere die Sünde, und du wirst dem Schicksal deiner Sehnsucht überlassen. Oben drüber die rumpelnden Züge; einmal würfeln und du bist im Zürcher Kopfbahnhof, den viele hassen. Was für eine Queen, die an mir vorbeizieht, die Frau im roten Haarschopf mit Sonnenbrille und einer Eule auf dem Kleid; ich könnte gleich hinknien. Der Vogel hat ein Auge auf mich geworfen und schiebt eine Welle vor sich her. Am Ende der Unterführung hängt ein Plakat: Die Outdoor-Bude Spatz wirbt für Campingmöbel. Bin verwundert, sind in meinem Kopf schon Vögel?
An der Ampel staut sich der Verkehr, ein Kleintransporter verpestet die Luft, auf die Seitenwand ist ein Adler gepinselt. Der Fahrer hat das Fenster runtergelassen, eine geistlose Melodie plärrt heraus. Als die Ampel auf Grün springt, schicken mich die Abgase ins Jenseits.
Ich frage mich, wann das begonnen hat, und tue mal so, als ob ich keine Blicke auffange. Meine gefütterte Jacke ist bis obenhin zugeknöpft. Die Zuhälter, die sich in dieser Gegend fleißig was verdienen, tragen schicke Klamotten. Es gibt niemanden, der nicht irgendwelche Schlüsse zieht aus deinem Outfit. Klar, meine Jeans sind eine Nummer zu groß, die Schuhsohlen schief abgelaufen und die Schnürsenkel eklige Würmer. Außerdem habe ich die Kapuze des Sweaters auf. Ich trage auch noch ein Hemd; und in der Brusttasche ist alles, was ich brauche: ein Stift, ein Büchlein, Zigaretten.
Beim Limmatplatz halte ich es nicht mehr aus, ich schwitze brutal und doch ist mir kalt. Wäre mal lieber daheim geblieben. Ich zünde eine Zigarette an und vergrabe meine Hände in den Hosentaschen. Diese Stadt ist ein offener Ameisenhaufen. Wetten, dass die Leute nach einem geheimen Muster hin- und herlaufen? »Aus dem Weg, sorry«, wieder einer im Rücken, ich muss mich verdrücken, einmal um die nächste Ecke. Die Gasometerstraße ist menschenleer, ich gerate ins Grübeln. Gas killt. Ich biege rechts ab in die Röntgenstraße. Zu spät, beim Röntgen wird man durchleuchtet, du bist aus Glas, wumm, ein Hammer schlägt dich kaputt, klirr. Das ist irr. »Josefstraße« lese ich auf einem Schild, fehlt nur noch der Marienplatz und im nächsten Satz ist Weihnachten; von mir aus kann dieses Fest zur Hölle fahren.
Bin wieder in der Langstraße, auf der Hauptschlagader des Rotlichtmilieus, an jeder Ecke steht ein Dealer oder eine Hure. Männer lassen sich nicht zweimal bitten. Sogar am Mittwochnachmittag kriechen die Autos im Schneckentempo, die Buslinie 32 transportiert die ganze Vielfalt an Menschen, mit denen die Stadt prahlt. Ich kicke eine Bierdose weg, man müsste sie recyceln, sie rollt über die Bordsteinkante und wird von einem blutroten Auto geschnappt. Ich drehe mich um und sehe einen weißen Reisecar mit der Aufschrift »Müller Eulenbach«; einen Scheiß habe ich gesehen, es heißt »Erlenbach«. Die Vögel sind in meiner Schaltzentrale, das ist völlig krass. Beim Albaner kaufe ich mir einen Kebab, aus zwei Lautsprechern dröhnt Balkanrap.
Vor dem Hauseingang bin ich nudelfertig, mein Kreislauf ist gestört. Neben der Tür liegt ein Stapel Zeitschriften, neueste Weltraumtechnologien aus den USA. Und im Briefkasten finde ich eine Ansichtskarte aus Griechenland, am oberen Rand ein Spruch in griechischen Zeichen: Eulen nach Athen tragen, den Sinn kann man sich leicht ausmalen. Die kleingedruckte Akropolis auf der Briefmarke gleicht einem Puppenhaus. Mit Kebab, Karte und den Zeitschriften unter dem Arm steige ich in den fünften Stock, oben schlägt mein Herz 200-mal pro Minute, es hat ein begrenztes Volumen. Auf die Tür, Kapuze runter, der Kreis hat sich geschlossen. Einer der WG-Kollegen hat ein neues Kissen mit einem Eulenmotiv gekauft. Eulen blinzeln nie, das macht ihren Blick so kalt.
Eulen haben einen kalten Blick
Ausgehöhlter Kürbis
Die Gedankenmaschine
Brotarbeit
Das All weiß alles
Der Tod im Wecker
Die perfekte Omelette
Zahlen heißt bluten
Rückwärtsbeten
Gott oder Batman
Auf Futtersuche
Kaltes Auge
Lichtscheu
Die gewendete Not
Okay, ich reise mit
Reizüberflutung
Ein schwieriger Name
Im Isengrind
Zutaten für die Zukunft
Verstrahlte Welt
Ritt auf den Mond
Kein Kinderspiel
Der Türspion
Gedankenpirat
Philipp est mort
Kamera überflüssig
Tick-tack-tick
Lebenslänglich
Drei Pappeln im Wind
Magischer Kreis
Ordnung muss sein
Lingua nigra
Hold Me Now
Geteilte Liebe
Dreisamkeit
Nur eine Gutenachtgeschichte
Relaxo
Hoffnung verpufft
Ich tu’s – ich tu’s nicht
Straßenpoesie
Die sieben Farben
Zwangseinweisung
Blackouts
Der Boss sind wir
Leponex-City
Schlüsselklau
Am Wehrenbach
Normalnull
Ein Üben für drüben
Wie viele Finger hat ein Tag?
Immer ein Weltuntergang
Poetischer Elektroschock
Augen im Schuhkarton
Das Du vom Ich
Luzifers Funken
Ich mache Sound
Gedankensex
Eine Runde Zärtlichkeit mit Zimt
Realityshow
Vom Zwerg zum Riesen
Vom Zufall berührt
Vertrauen heilt
Schreiben oder sterben
Hilfe, suche Seelenspiegel
Im Poesiehimmel
Wassermann und Stierfrau
Ein Heroinmädchen
Das Wusel-Dusel-Schaf
Poetomanie
Ein Miteinanderspiel
Der Schweigemönch
Im Zweierzelt
Dramatischer Abgang
James Bond auf dem Velosolex
Stadtindianer
Alles zu viel
Der Ghostwriter
Auf Autopilot
Brandbeschleuniger
Schwarzer See
Dort ist überall
Alles plausibel
Überlebensradar
Wo Bremse, wo?
Der Sprachkönig im Irrenhaus
Im Haifischbecken
Ein Schutzschild
Aus dem Logbuch 1
Es schreitet die Zeit
Hopp, hopp
Falsche Impulse
Aus dem Logbuch 2
Der Pillenpicker
Last-Minute-Job
Das Leben ist eine Torte
Vom Traum getroffen
Der edle Oblomov
Auch ein Rettungsboot
Anarchotiere
Schübe
Pflichtlektüre
Heilige Glut
Quantengott und Tütenjesus
Zurück zu den Wurzeln
Verbündete
Eine Möwe über dem Meer
Schwarz ist attraktiv
Am Seealpsee
Ein letzter Gruß
Verletzter Heiler
Der Sinn von Listen
Lyrik im Pool
Im Lichtkreis
Für mein Alter uralt
Ein Superheld
Im Leerlauf
Anarchie im Kopf
Ein Winterschläfchen
Überlebensphilosophie pur
Es schweinachtet
Vom Schutz
Engel inmitten von Rosen
Schicksalszahlen
Roadtrip
Gedankenexperiment
Lirumlarumdämonenstiel
Leck mich
Resonanzfäden sind bunt
Hochtouriger Industriestaubsauger
Is There Anybody Out There?
Top secret
Ein Scheinnormaler
Im Hasenjahr
Die Regenbogeninformation
Der Tod als Flop
Das unscheinbare Haus an der Langstraße steht zwischen dem Kebabstand Aladin und dem Club Bagatelle. Seit vier Monaten wohne ich hier. Jürg holte mich in die WG: »Probier’s bei uns aus, unsere Loge unter dem Dach hat sechs Zimmer.« Ich lernte Jürg in der Helvti-Bar kennen, hatte kein Geld für eine Wohnung, für einen Schlafplatz reichte es.
»Dreimal dürft ihr raten, von wem die Ansichtskarte aus Athen ist«, mein Vater und Marielen verbringen in der Ägäis ihren Urlaub. Sie haben die Karte gewiss in einer Eisdiele geschrieben, nach Meeresluft riecht sie, ein Buchzeichen wird sie. Die beiden sind noch nicht zurück.
Im Zimmer nehme ich mir in Ruhe die amerikanischen Zeitschriften vor, für die Weltraumtechnologie ist Science-Fiction kein Risiko. Um Teleskope geht es, die nach intelligenten Zivilisationen jenseits des Sonnensystems suchen. Ein Mathematiker im Maßanzug hat für ihre Anzahl eine Gleichung gefunden. Und um einen Physiker geht es auch noch, er will den Geist in der Maschine ausfindig machen. Das wäre dann so etwas wie das Bewusstsein von Computern, Roboter wären das in Gesundheitslatschen, die sich in unseren Gärten verlaufen.
Für das Abendessen heute ist Flurin zuständig. Er ist ein Koch mit Finessen, trägt Turnschuhe und ein Raketen-T-Shirt. Der Chemiestudent ist ein cooler Macher und kennt jede Menge Tricks. Die Küche ist sein Labor, denn Kochen ist praktische Chemie. »Es hat wenig mit Zufall, dafür viel mit Magie zu tun«, sagt er. Von den Mitbewohnern sind auch Jürg und Mauro hier. Reiko ist in Barcelona, seine Freundin besuchen. Wir sitzen in der Küche auf ächzenden Stühlen vom Sperrmüll, die Tischplatte voll mit Flecken, ein Isolierband deckt einen Spalt ab. Wir reden über die WG-Regeln. Bei uns geht keiner mit dem Kopf durch die Wand, wir haben ja alle Verstand; hockt einer allein vor seinem Bier, wird das ausdiskutiert, Probleme werden anders kanalisiert.
Flurin serviert einen Kartoffelgratin mit Zucchini und Champignons an einer Cashew-Sauce, dazu gibt es Rioja. Ich schneide das Brot mit einem scharfen Messer. Flurin hat mit den Pilzen etwas Rätselhaftes gemacht, aber was soll’s. Wir sind hungrig, das Essen bekommt fünf Sterne. Ich kleckere und trinke mehr, als ich vertrage. Nach 22 Uhr fühle ich mich so richtig wohl.
Später im Wohnzimmer baut Flurin einen Joint, er pafft und reicht ihn weiter. Das ist unser Baby, Kinder müssen wir uns keine anschaffen. Einfach wieder mal was smoken und sich mit den Geistern der Yanomami verbinden. Jürg macht sich nützlich und holt Bier, auf ihn ist Verlass. Die leeren Dosen landen in einem Einkaufswagen. Das Filmplakat von Das Piano an der Wand wirkt ein bisschen übersinnlich. Wir füllen unsere Lungen mit Rauch. Kiffen und Bücher verraten Gleichgesinnte, und jeder weiß, dass über Musik zu reden nur stört. The Man Who Sold the World von David Bowie genügt uns völlig.
Nach dem vierten oder fünften Joint sind wir schlaff, aber wir verstehen uns und dämmern vor uns hin. Wer allein durch die Zeit strampelt, kann nur verlieren. Schließe die Augen und du wirst sehen, in Gedanken reist man weiter als mit Flügeln. Unser Schädel ist doch mehr als ein ausgehöhlter Kürbis. Dann hören wir ein Flattern wie von riesigen Fledermäusen. Der Magnolienbaum tanzt in den Lichtkreis der Stehlampe hinein, einmal im Leben will er blühen. Über dem Sofa liegt eine Pferdedecke. Eigentlich ist es keine Pferdedecke. Es ist eine graue wie in einer Kaserne. Wie der graue Einband dieses seltsamen Buches, das auf meinem Bett liegt.
Ich kann nicht einschlafen, ohne vorher darin gelesen zu haben, obwohl mein Hirn dem Sinn etwas hinterherhinkt. Muss meine Antennen nur richtig ausrichten. Das Buch heißt Die Phänomenologie des Geistes; ist so eine Art Krimi, besser als Tatort. Kein halbgares Geblubber, ein bisschen Niveau ist halt schon schön. Die Antworten auf alle Fragen fallen nicht einfach so vom Himmel. Ich müsste mal eine Pause einlegen, aber mein Lesetrieb ist nicht mehr zu bremsen. Ich will einfach verstehen, was da drin steht. Und etwas kommt noch, todsicher.
Also das Buch habe ich die ganze Zeit im Kopf. Habe mich auch schon gewundert, wieso ich so lange dran rumkaue. Die Phänomenologie war ein Zufallsfund auf dem Weg zum Bäcker um die Ecke. Es lag auf einem Mäuerchen, ich habe das Buch aufgeklappt und in den folgenden Wochen nur ein wenig herumgeblättert. Nun ja, die Sprache ist eher betagt als glasklar. War dann lange an den ersten Seiten dran und überlegte, ob sich der Aufwand lohnt. Ich vermute mal, das Buch hat mich von Anfang an gepackt. Und jetzt hänge ich daran wie eine Lichterkette an der Dachrinne.
Das Buch ist ein Tor, wo man durchgeht und dann in eine Otherworld gelangt. Jeder Satz ist wie eine kleine Botschaft, die ich empfange. Da fängt man halt an, sich Gedanken zu machen.
Hegel kann sich kein Bewusstsein ohne Lebenstrieb vorstellen, er hat sich dazu einiges ausgedacht. In den letzten Monaten habe ich eine ganze Menge Zeit in sein Buch investiert. Es ist eine Gedankenmaschine. Die Phänomenologie des Geistes ist der Mount Everest, die direkte Route eine Illusion. Nicht die 600 Seiten sind es, die du bezwingst, sondern dein eigenes Ich. Es ist kein schlechtes Buch. Es ist tatsächlich ein perfekter Wurf, falls du einen Entschlüsselungscode dafür hast. Im Prinzip muss man an der Uni eingeschrieben sein oder einen Doktortitel haben, um sich da durchklicken zu können. Ich glaube, man macht das nur mit, wenn man das Gefühl hat, dass mit der Welt etwas nicht stimmt; dass uns eine Scheinwelt etwas wegnimmt.
Der Geist ist bei Hegel der Ort der Wahrheit. 150-mal habe ich mir das überlegt, vieles in dem Buch verstehe ich nur über drei Ecken. Die Phänomenologie ist ein verbales Monster. Sie ist eine Nachricht aus der Vergangenheit mit Augen in die Zukunft. Trotzdem ahnte ich die heranrollende Monsterwelle nicht voraus. In den Jahren, die vor mir liegen, werde ich den Wunsch verspüren, nichts von Hegel jemals gelesen zu haben. Seine Ideen werden mein ganzes Leben über den Haufen werfen. Ich habe ein Buch geöffnet, in dem der Tod mit mir spielt.
Von einem Schriftsteller heißt es, er mache Geld oder er wohne in Berlin. Der gute alte Adrenalinkick. Seit Frühsommer 1993 bin ich Praktikant beim Tagblatt der Stadt Zürich.
Beim Einstellungsgespräch gab es keine kniffligen Fragen mehr. Der Chefredaktor nahm meine Hand und schüttelte sie kräftig: Na los, trau dich, wollte er damit sagen. Mit seinen Bartstoppeln war Patrick kein Jüngling mehr. Er trug ein Trucker Cap, Jeanshemd mit Krawatte, darüber ein Jackett wie für Arnold Schwarzenegger genäht. Der Zuzüger aus dem Rheintal (woher auch mein Vater stammt) hat seinen Dialekt nie ganz verloren. Patrick ist ein Schnelldenker, er hat Linguistik studiert und spricht fünf Sprachen. Den Hunger nach Literatur kennt er auch. Er war in die Stadt gezogen, um ein Buch zu schreiben, ist lange her. Die Zürcher Kneipen hatten es ihm angetan, er trank viel und schrieb wenig. Heute sei er von den Jugendträumen geheilt. Ein Pragmatiker sei er geworden, der bei den handwerklichen Dingen des Journalismus verweile. Die Zeitung brauche frischen Wind, sagte Patrick, um Junge fürs Lesen zu gewinnen.
Seit 49 Tagen arbeite ich nun in einem kleinen Team. Es ist die reinste Brutstätte für Schlummernde. Unsere Schreibtische sind aufgeräumt, und die Sonne versinkt hinter einem Nebengebäude. Hier sitzt man vor einem Secondhand-Computer, als hätte man ein Brett vor dem Kopf. Mit jedem Tag wirst du ein fleißigerer Schreibsoldat. No fun! Mieser Job, hier gibt’s nichts zu verpassen, der Lohn ist ein Hohn. Mitrudern ist was für die Schwachen. Ein paar Geldscheine verdiene ich noch mit Klappentexten für Bücher, die ich nie lesen werde. Ich habe Geistergeschichten aus dem Berner Oberland lektoriert, Reime für ein Schulbuch gedichtet und die Biografie eines Naturarztes aus dem Ärmel geschüttelt. Auf Dauer wirst du depressiv. Ich will mein eigener Steuermann sein. Schriftsteller will ich sein, auch wenn ich mir das Genick breche.
Mit einem Artikel über August Forel werden die Karten neu gemischt. Patrick hat mich ausgesucht, mein Talent zählt. Wer nicht wagt, gewinnt im Leben nicht. Um 1900 herum war Forel Direktor der Irrenanstalt Burghölzli in Zürich. Von Kind an galt seine Leidenschaft den Ameisen. Früh war der Psychiater auf das Hartmanngitter gestoßen, ein Muster im Energiefeld der Erde. Er liebte es wegen den Ameisenstraßen, die auf diesem Gitter liegen, davon war er überzeugt. Hirn- und Ameisenforscher in einem, das ist doch der Aufhänger für eine Story. Ein Schlüsselort könnte das Großmünster mit seiner Krypta sein, dessen Säulen exakt auf den Knoten des Hartmanngitters angeordnet sind; man sollte das nur leise aussprechen. Vom Büro ist es zu Fuß eine halbe Stunde dorthin. Auch in der Mittagszeit ist der Verkehr hektisch und auf Gewinn aus, Hetzende im Business-Look, die Gehsteige voller Aggression. Das Großmünster steht auf einer Terrasse nahe der Limmat. Rundum sind die Wege mit faustgroßen Steinen gepflastert, Tauben, Kondensstreifen kreuzen sich am seeblauen Himmel, es ist der sonnigste Tag seit Langem.
Fünf Stufen runter in die Krypta. Hier haust Karl der Große, er muss chillen, der Stein würde vom Smog aufgefressen. An der Kirchenfassade hoch droben thront sein Double. Die Krypta ist ein fensterloser Raum für die Sünder; bleiche Gesichter weinen, oder sie beten. Nirgendwo sonst sind ihre Stimmen ehrlicher. Sie reden durch einen hindurch und werden zum Echo unserer Selbstgespräche. Statt mich abzuwenden, verliere ich mich im eigenen Gemurmel.
Als ich mich endlich losreiße, spüre ich Wärme, die vom Steinboden her in meine Füße fließt, über die Beine hoch bis in den Kopf. Ein Gedanke ist ein Funke, aber noch kein Feuer. Das Hartmanngitter schickt mir Power. Ich bin aus den Schuhen geschlüpft. Schritte, ich höre Schritte. Ohne mich umzudrehen, mache ich mich aus dem Staub. Und dann stehe ich in den Wollsocken in der Sonne, geblendet von einem traumhaften Licht.
Ich fühle mich einfach wohl im Bett, es ist meine Höhle, wir sind ein Duett. Lesen ist eine gute Tat, da finde ich Glück, weil ich den Alltag vergesse. Es ist Nacht und ich liege wach. Ein Fensterflügel steht offen, ein kühler Hauch strömt ins Zimmer. Die Phänomenologie liegt auf meiner Brust, ich spüre das Gewicht von Gott und der Welt. Um Hegels Körper war es schlecht bestellt, Essen und Schlafen waren bloß Störgeister, ein gefüllter Magen ist ein Haufen voller Parasiten, Gift für den Denkprozess.
Ich suche blind nach Zigaretten. In der Phänomenologie steht, dass Natur und Denken ein- und dasselbe sind, folglich ist die Welt ein Entwurf des Geistes. Dann wird es kompliziert. In dem Buch sind mehr Zutaten drin als in einer chinesischen Hühnersuppe. Um das Bewusstsein geht es Hegel, man kann es heute noch haben, der Glaube ist ein altes Guthaben. Hegel sieht im Bewusstsein Gott, der mit der Auferstehung Jesu seine Arme über uns ausbreitet. Wenn also Gott der Geist ist und der Geist das Gehirn, ist das Gehirn Gott. Und flupp, bist du Teil der Suppe. Hegel lesen ist etwas für die Irokesen, da werden alte Gewissheiten verstümmelt, bis man taumelt. Das Hirn wird zu einem Jetpack zwischen den Ohren, mit dem du durch die Luft düsen kannst.
Hegels Welt ist ein Vielfaches von drei, das steht auch in dem Buch: Aus dem Samen wird eine Blüte und daraus eine Frucht; aus dem Kind ein Erwachsener, ein Greis, und das gibt einen ewigen Kreis. Und weil die Natur für Hegel Geist ist, muss ein Gedankengebäude durch drei dividierbar sein, um wieder auf die Eins zu kommen. Auf die absolute Identität. Die absolute Wahrheit. Die Phänomenologie ist ein mentales Projekt, no Probs für die Dummheit. Der Geist ist frei und jenseits aller Paragrafen. Der Geist wohnt auf der Spitze des Dreiecks, das sich über der Erde aufspannt, die zwar rund ist wie der Mond auch. Der menschliche Verstand ist schlampig, so Hegel, der im Hirn zuhause ist. Mit ihm segelt man um die Welt, ohne segeln zu können.
Solange jeder allein im Dunkeln seines Schädels hockt, wo durch elektrische Impulse die eigene Party lockt, dürfen wir uns über die Scheinwelt nicht wundern. Könnten wir mit Gott die Dinge anpeilen, würden wir die allumfassende Wahrheit erkennen. Primetime für die zitternden Elementarteilchen. Das All weiß alles. Damit der Geist erwachsen werden kann, braucht er ein Dach über dem Kopf. Ich hatte ja keine Ahnung, wann man anfängt, vom Boden abzuheben.
Klopf, klopf. »Nur Penner verschlafen einen Sommertag«, Jürg steht in der Tür und versprüht gute Laune, hinter ihm Bea, sie ist auch hier. Ich lese die Zeit auf dem Wecker, um drei Uhr hat er seinen Geist aufgegeben, Stummel im Aschenbecher, eine Schachtel Stilnox ist angerissen. »Magst du mit uns plaudern?« Wir setzen uns in die Küche. Bea trägt eines dieser luftigen Sommerkleider, ich könnte meine Blicke verschenken, trotz Augen mit rabenschwarzen Ringen. Sie trinken Bier, mir genügt ein Glas Milch, auf dem Tisch eine Schachtel Pralinen. Wir gönnen uns ein paar deftige Kugeln. Jürg beugt sich vor zu Bea und küsst sie. Als Teenager war ich für die Mädchen nur ein hinterherschwingendes Lüftchen. Die Vergangenheit tut weh, heulen nützt mir nicht mehr. Ich ziehe lustvoll an der Zigarette. Der Qualm ist meine Marionette.
Ich klammere mich an der Tasse fest, darauf ein Tiger, in seinem Maul sitzt ein kleiner Junge: der Tigerprinz. Dass der Junge nicht gefressen wird, ist ein Test, die beiden Freunde entdecken die Welt von Ost nach West. »Bei den Indianern werden die Toten als Tiere wiedergeboren«, sage ich. »Gibt es Indianer, wo Tiger wohnen?«, fragt Bea; ihr Lächeln lähmt fast mein Gehirn. »Eulen gibt es«, sage ich, »bei den Indianern sind sie die Begleiterinnen in die Anderswelt, sie führen dich direkt ins Unbewusste.« In keine andere Frau bin ich verliebt, aber kein fremdes Auge darf es entdecken, mein wahres Ich muss ich verbergen.
Jürg hat den Sex mit Bea heimlich auf Tonband aufgenommen und mir vorgespielt. Aus meiner Sicht ist das Beschiss, ich wäre total sauer. In meinen Wachträumereien habe ich Jürgs Rolle zigfach durchgespielt. »Wie wär’s mit Akte X auf dem Sofa?«, frage ich. »Sorry, wir haben es eilig«, ruft Jürg und zieht Bea hinter sich her. Das ist nicht fair; hinter der leeren Packung Milch versteckt sich das Alleinsein. Von Bea berührt zu werden, wäre wertvoller als tausend Ficks. Ich verwandle mich zum Wurm und krieche ins Bett, Dylans Tomorrow Night im CD-Player, ich schraube die Lautstärke hoch. Ich bin doch für Größeres geschaffen, müsste endlich in mich investieren.
Die Stunden kann ich nicht mehr sortieren, irgendwann klingelt das Telefon. Vater ist dran: »Dein Großvater ist gestorben, heute Nachmittag um drei Uhr.« Ich habe den Wecker im Visier, die Zeit und der Tod sind ein glückliches Paar. Es dauert noch, bis der Tag erlischt. Mit der einbrechenden Dämmerung beginnen die Eulen ihren Flug. Ein wahrer Indianer zeige seine Gefühle, das hat mir Großvater gesagt, ungefähr vor einem Jahr, kurz vor seinem Hirnschlag.
Die Nacht hat keine Form. Sie ist nur die Verkleidung des Tages. Oder der lange Bart von dem dort oben, der auf uns runteräugt mit Zorn. In der Nacht kann man nichts vom Himmel unterscheiden.
Montagmorgen nach gequältem Schlaf. Diesmal wirklich allein in der WG, ich finde gar nicht mehr heraus, wo die anderen sind. Im Traum Hegels Drei-Schritte-Geheimnis hinterhergerannt. Wer stehen bleibt, stagniert, egal, in welcher Lebenslage. Ich liege verkehrtherum im Bett, das hält den Verstand in der Waage (eine Schnapsidee aus dem Unterbewusstsein). Endlose Hetzerei im Kopf. Reize fegen in Millisekunden ins Hirn, es ist ein Wettlauf von Signalen, die Physik hat einen minimalen Zeitvorsprung. Wir leben garantiert in der Vergangenheit.
Ups, da ist etwas in meinem Kopf, ein Strahlen oder so, was weiß ich. Und jetzt bewegt es sich auch noch, echt seltsam. Das klingt ziemlich schräg, aber es ist wie ein fremdes Tier in mir. Ich mach mal Pause.
Ich bin gemeint, ja? Und du bist für mein Powerdenken zuständig. Na schön, dann werde ich dir also einen Namen geben: Du bist meine Bewusstseinskobra.
Im Hirn hockt sie, faustdick und voll am Start, vorausdenkend, die Gegenwart ihr Ziel. »S, ss, sssss«, macht die Bewusstseinskobra, sie formt eine liegende Acht, das Zeichen der Unendlichkeit. Die Schöpfung hat nur sieben Tage gedauert, und die Tonleiter hat sieben Stufen. Ähnlichkeiten sind Zufälle, doch das Gegenteil ist der Fall. Licht ist Liebe und Dunkelheit ist Wut.
Gib dem Menschen eine Schlange, dann wird seine Seele gesund. Es ist dringlich, mit der Kobra zu verhandeln, »s, ss, sssss«, sie wirkt toxisch. Ich frage: »Was denkst du, was passiert, wenn wir als Team am selben Strang ziehen? Du und ich, gemeinsam stellen wir uns dem Kampf, um die Wahrheit unter die Leute zu bringen.« Die Schlange züngelt: »S, ss, sssss.« Ich sage: »Ich bin entschieden dafür, das wird eine große Nummer. Da kriege ich gleich Hunger.«
Vor dem offenen Kühlschrank zähle ich von 1 bis 10 und beginne wieder von vorne: Die 1 steht für Eier kaufen, der Reibkäse bekommt die 2, die 3 die Milch, die 4 steht für das Mehl, die 5 für das Salz und so weiter. Mit der 10 ist aus der Kausalitätskette ein Supergedanke geworden. Er lautet: Die perfekte Omelette backen. »Mampf«, das ist Nahrung für den Auserwählten.
Heute werde ich den Forel-Beitrag abliefern, die Deadline habe ich fast geschmissen. Noch als Klinikdirektor träumte der Psychiater von einer harmonischen Gesellschaft aus perfekten Menschen, vom Ameisenstaat war er völlig hingerissen. Helfen macht Ameisen stark, Unnormale und Geisteskranke gibt es dort keine. Nach Forels Tod benannte man auf dem Balgristhügel eine kurze Straße nach ihm, sie beginnt an der Umzäunung des Burghölzli. Zürich war schon damals eine Stadt ohne Poesie. So endet meine Reportage. Mein Auftrag aber ist noch nicht beendet, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass mehr dahintersteckt.
Vor der Arbeit gehe ich ins Café Presse beim Münsterhof, schon am Morgen ist es gerappelt voll. Gewöhnlich sitze ich am Fenster, diesmal mitten im Gewühl. Die Leute plaudern oder lesen Zeitung. Die Kellnerin bringt den Kaffee, die Tasse hat einen glasierten Mundrand, der Löffel liegt auf dem Bauch und zeigt mir seinen kleinen Hintern. Das Zuckerbrieflein trägt den Spruch »Echter Stoff«. Die Frau vom Nebentisch mustert mich, sie sitzt mit einem Seidenschal vor einem Croissant, der Schal passt zu den Stühlen. Sie treibt gewiss ein doppeltes Spiel, ich bin doch nicht käuflich. Ich will etwas Sinnvolles tun und beobachte das ständige Kommen und Gehen. Sich sozial zu engagieren, ist auch im Alltag nützlich.
Kaum steht einer auf, setzt sich ein anderer wie selbstverständlich hin. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Es lohnt sich, genauer hinzugucken bei diesen scheinbar zufälligen Koppelungen. Die Realität kennt niemand, wirklich niemand. Allein das Bewusstsein kann die Wahrheit erkennen, Bewusstsein ist Energie, und Energie ist Veränderung. Über Asymmetrien sind wir in ein und dieselbe Sache verwickelt. Das beruhigt meine Nerven und aktiviert den Magen.
Ich gebe den Zucker in den Kaffee, rühre mit dem Löffel, ruckzuck dreht sich die Welt auf den Rücken. Ich drehe mich um. Der Mann mit Hut hat sich eine Zeitung geschnappt, die Schlagzeile »Geld ist das Blut im Körper des Menschen« springt mir ins Auge: Bluten heißt im Volksmund auch bezahlen. Ich grabe in den Hosentaschen nach Kleingeld, aus der Musikanlage ertönt der Song Money, Money. Der Kellnerin gebe ich ein Extrageld: »Danke für das Lied.« Ich bin kein Typ, der beim Ausgang die Glastür berührt.
Draußen steht ein Junge, unter dem Arm ein Notenheft, ein unschuldiges Gesicht, er scheint schon zehn Minuten hier zu warten. Ich stecke mir eine Zigarette an. Bluten tut man auch, wenn man denkt, doch der wahre Stoff fürs Hirn ist Nikotin. Der Junge schlägt mit dem Notenheft gegen den Rauch. »Tut mir leid«, murmle ich, »ich muss nachdenken.« Einen Augenblick später zieht der Junge an Gottes Hand mit der Frau im Seidenschal über die Münsterbrücke. Ich will noch in den Käseladen gehen.
Ein Bagger gräbt Löcher, in denen man verschwinden könnte, Bäume werden entlang der Parkplätze gepflanzt. Im Eingang der Zentralbibliothek steht ein Securitas mit stoischer Miene, ein Tross Studierender trabt an ihm vorbei. Die Studis tragen Nikes und ähnliche Labels; denken wohl, das mache klüger. Ich bin gekommen, um mir das Buch Briefe von und an Hegel zu holen. Über eine lange, graue Treppe geht es in den Untergrund, die wahren Schätze liegen hier bis in alle Ewigkeit. Neonlicht, Regale bis unter die Decke, in die Durchgänge passen gerade mal zwei Arschbacken. Man muss die Wege klug wählen, sonst läuft man sich die Füße wund.
Je länger ich gehe, umso mehr werde ich von Glück übermannt. Ich will noch glücklicher sein und greife nach irgendeinem Buch; das zu seiner Linken fällt vom Regal auf den Boden, liegt aufgeschlagen da mit dem Kapitel »Post mortem«. Vorne und hinten dreht es und mittendrin ich, der geschwind mitdreht. Schwindel ist ein Angriff auf das Gleichgewicht, kleine Kristalle lösen sich im Ohr und rutschen durcheinander. Eine volle Drehung, ich werde herumgerissen, die Stabilität gibt nach, die Beine knicken weg. Ich verliere die Kontrolle.
Liege auf dem Beton. Erinnerungen kreisen. Als Kind spielten wir das Spiel, bei dem sich einer ganz schnell um die eigene Achse drehte, die anderen standen im Kreis, bis der Drehende abrupt stoppte und sich die Hand auf den Hals drückte und umkippte. Uuuhh, man konnte richtig ohnmächtig werden. Wurden wir erwischt, gab es Hausarrest. Von einem Sarg, der still im Meer versank, träumte ich auch einmal. Wäre Großvater hier, hätte er die Ärmel hochgekrempelt, und wir würden vom Angeln reden. »Ich hab’s dir doch gesagt«, würde Großvater sagen, »du musst warten, bis der Fisch erschöpft ist, dann kannst du ihn mühelos aus dem Wasser ziehen.« Das Buch ist der Köder, und ich bin der Fisch, der angebissen hat. Wer liest, knüpft an einem riesigen Netz, damit die Welt zusammenhält.
Ich kann nicht mehr aufstehen. Unter mir ein Strudel, ich spüre ihn genau. Schwere zieht an meinem Körper, alles um mich herum droht zu versinken. Da, die Stimme der Meerjungfrau: »No pain, no gain.« Ich bin einer ihrer neuen Kunden, verzweifelt schon an sie gebunden. »Come on«, sagt sie. Meine Lungen laufen voll, die Perlen des Meeres sind blutige Tränen. Vor dem Aufstieg in den Himmel wühlt der Geist in der Tiefe. Aus dem Schlamm steigt hoch der helle Strahl. Ich kreise den Kopf nach rechts, in umgekehrter Richtung zum Schwindel, doch er reißt nicht ab. Heiliger Scheiß, ich muss das Vaterunser rückwärtsbeten: »Nema, Tiekgiwe Ni«, keine Chance, die Fliehkraft drückt das Hirn gegen den Schädel, da drinnen dreht ein Kreisel mit 100 km/h. Das Verkehrtherum ist die geistige Welt, sie ist so nah. Entzweigerissen ist, was zusammengehört. Ich schlage den Kopf gegen den Boden, dass es kracht: Blong, blung.
Patrick von der Zeitung hat angerufen, gerade war er in der Leitung, und das schon morgens um neun Uhr. Ob ich Kummer hätte? Gute Lügen, schlechte Lügen, ich fehle ja erst seit ein paar Tagen. Ich bin halt keiner, der sich von einem Vorgesetzten steuern lässt. Zeitungskritiker sind Hampelmänner, sie haben von nichts eine Ahnung und zu allem eine Meinung. Aus dem Verkehr ziehen will er mich. Patrick weiß, dass ich an einer größeren Geschichte dran bin, so eine Spur findet man in keinem Bürokäfig. Geld ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist; kenn ich vom Monopoly her. Der Endboss ist mein Gewissen.
Ich sag mal so, am Abend wollen die WG-Kollegen mit mir reden, ich würde mich tagelang im Zimmer vergraben, das bereite ihnen Sorgen. »Wollt ihr Stunden mit Diskussionsrunden? Lesen ist doch nichts Schlimmes.« Mauro nervt sich über meine Haltung, der Philosoph im Rollkragenpulli vermisst Ehrlichkeit und fühlt sich übers Ohr gehauen, sobald man das Gespräch verweigert. Flurin dreht einen Joint. Auch Reiko kritisiert mich nicht, wahrscheinlich, weil er in der Altenpflege arbeitet. Er ist seiner Schwester in die Schweiz nachgereist, um aus Usedom rauszukommen. »Für ein schlaues Gespräch haben die meistens Leute keine Muße«, sagt Jürg, »wir haben sie.« Ich behaupte: »Die Zeit ist immer gut, wenn sie später kommt; bei den Sioux ist die Zeit ein Pfeil.« Jürg, der geborene Psychologe, sagt: »Klar, für die Indianer mag das stimmen, für mich ist die Zeit keine Einbahnstraße.« Und Mauro findet: »Genau, sie erinnert uns an die Verluste, ohne Trost zu spenden.« Ich sage: »Das ist mir zu komplex.« Was würden sie wohl von der Bewusstseinskobra halten? »S, ss, sssss.«
Wir teilen uns zwei Flaschen Wodka und reichen unser Baby weiter. »Wie kommt die Beule an deine Stirn?«, Jürg ist beharrlich. »Du machst mich noch wahnsinnig, hab mich halt irgendwo gestoßen. Wir müssen uns auf die innere Geburt vorbereiten«, sage ich, »das ist unser Trauma. Schaut euch doch die Welt an, und zwar im reinen Licht. Fragt euer Gewissen, denn das Bewusstsein ist nicht das Ende. Solange wir uns aus dem alten Leben nicht befreit haben, wird es keinen ruhigen Schlaf mehr geben, dafür umso häufiger Klagen.« Jürg sagt: »Du scheinst deine Fassung aufzugeben, und ich sage bewusst ›aufgeben‹; dich um deine Fassung zu kümmern, ist doch eine wichtige Aufgabe. Bleib in deinen Schuhen, dort bist du sicher.« Und ich: »Ach, immer dieses Moralisieren.« Flurin sieht mich an: »Was ist los mit dir? Du bist so reizbar. Ich möchte nicht, dass unsere WG vermiest wird. Freundschaft ist gut, Überwachung ist schlecht.«
Der Klumpen in meinem Hals löst sich: »Batman ist ein Zeichen für die Wiederkunft Jesu. Wo sein Schatten über der Stadt auftaucht, wird das Gute gerettet. Für mich ist er ein Held. Natürlich hat er nicht die Stärke von Jesus, der die Liebe ist.« Die Mitbewohner schütteln verwundert ihre Köpfe. »Was mir noch einfällt? Der Sieg des Guten über das Böse ist ein großes Ziel, und niemand sagt: ›Es wird einfach.‹ Wir müssen es nur konsequent verfolgen. Kennt ihr die Geschichte vom Urmenschen? Nicht? Er war androgyn und zweigesichtig. Gott hat ihn halbiert, damit wir von der Liebe träumen. Stattdessen fightet jeder mit sich selbst. Ein einzelner Mensch ist doch das Einsamste, was es gibt. Ende der Diskussion.« Mir egal, wenn die Jungs finden, dass mit mir etwas nicht stimmt. Sollen sie halt hintenrum über mich reden.
Bin alone. Ich liege ausgestreckt auf dem Sofa, brauche eine Portion Kuscheln und greife mir die Kasernendecke. Im TV frisst sich eine Horde Riesenechsen durch den Urwald. Forscher beteuern, die Dinosaurier seien permanent auf Futtersuche gewesen, um sich vollzufressen. Aha, darum jagen die Viecher in Jurassic Park rund um die Uhr. Ein Dino glotzt mich mit kugelrunden Augen an. »Was starrst du mich so feindlich an? Ich habe dir doch nichts getan.« Jetzt streckt er auch noch seinen schlauchförmigen Hals aus dem Bildschirm heraus. »Keine Spielchen, ja?« Ich spüre die Gefahr im Solarplexus. Der Dino brummt: »Wir waren vor euch auf dem Planeten. Seit der Homo sapiens unter uns ist, hat er Blut an den Händen, weil er Fleisch isst.« Um mich zu verteidigen, schwöre ich, ab sofort Vegetarier zu sein. Obschon, ich glaube, das ist dem Dino ziemlich egal. Trotzdem werde ich der Generaldirektion des Schweizer Fernsehens einen Dankesbrief schicken und nicht zu banal.
Ich zappe durch die Kanäle: Dauerbeschuss auf Sarajewo, ein Heim mit verwahrlosten Behinderten, Schiff versenkt im Schwarzen Meer usw. Ich sehe Krieg und brauche Harmonie. TV aus, CD-Player an:
When I see you sky as a kite
As high as I might
I can’t get that high
The how you move
The way you burst the clouds
It makes me want to try
Diese Musik rührt mich dann doch, mit einem Song bist du niemals allein.
Das Fenster im Zimmer habe ich mit Zeitungen zugeklebt, damit das Tageslicht draußen bleibt. Im Halbdunkel wird es deep. Ich weiß etwas, das ich nicht erklären kann, aber ich weiß es sicher. Ihr seht gleich, was ich meine. Ich blicke rüber zum Üetliberg, dort drüben beim Fernsehturm braut sich etwas zusammen. Mit Warten macht man alles richtig. Ich habe mir mal überlegt, Pilot zu werden, bin schon einmal kurz geflogen.
Bei Dunkelheit öffne ich einen Spaltbreit das Fenster. Signal, ich empfange das Signal! Das Licht auf dem Turm blinkt rot, das heißt, es wird gefilmt. Der Regisseur wohnt im Himmel. Gott schaut mit einem kalten Auge auf uns runter, er hat die Kamera auf die Stadt gerichtet, sie fährt die Langstraße runter zu den polnischen Mädels. Glaubt mir, ich kenne seine Tricks. Darum fehlt in dieser Nacht der Schlaf, auch weil ständig etwas um mich herumkriecht, etwas, das geräuschhaft ein- und ausatmet. Die Mitbewohner hören das Geschnaufe sicher auch. »Bleib, wo du bist!«
Fühlt sich gut an, mit geschlossenen Fensterläden im Dunkeln zu liegen, obschon es draußen noch hell ist. Im Radio läuft ein Interview: »Die Shoa kann sich jederzeit wiederholen, kein Gott würde eingreifen«, sagt jemand. Ich knipse das Licht an. Wach auf, der Herr ruft dich. Ich will nichts vermasseln und nehme schnell die Haltung des gekreuzigten Heilands ein, in Zeiten ohne Liebe sollte man mit Gebeten nicht sparen. Wer nicht an Gott glaubt, glaubt automatisch an den Teufel. Ich knipse das Licht wieder aus. Über meinem Scheitel vibriert es, im Kopf könnte ein Chip implantiert sein, der Störsignale sendet. Liege ganz easy auf einem Nadelkissen, als Kind wuchsen im Kissen meine Träume nach.
Ich bin wenigstens ehrlich zu mir, aber mit den Mitbewohnern komme ich nicht mehr klar, sie lästern hinter meinem Rücken über mich und ziehen eine Show ab. Widerlich, es ist so gemein, im Stich gelassen zu sein. Ich bin doch pflegeleicht, echt, so im normalen Umgang bin ich recht einfach gestrickt. Staumeldung im Radio: A1, Verzweigung Zürich-Ost und Unterstrass stockender Verkehr wegen eines Unfalls. Stau ist ein Leben voller Lügen.
