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Simone ist kein Mädchen wie jedes andere. In den Achtzigerjahren geboren, wächst sie zusammen mit einer behinderten Schwester in der Agglomeration von Zürich auf. Ihr Vater ist ein angesehener Metzger. Zwischen Simone und ihm gibt es eine schreckliche Abhängigkeit, die ihr Leben nach und nach zerstört. Simone wird von ihrem Vater nicht nur regelmässig geschlagen, er missbraucht sie auch von klein auf. Die Mutter schaut weg. Ein Lügengebäude entsteht. Nur ihrer Schulfreundin Dora vertraut Simone alles an. Damit beginnt eine langjährige Freundschaft voller Hoffnung und Zweifel.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Unsere Metzgerei
Hinter den weidenden Kühen
Die Familie
Die kleine Prinzessin
Ein blaues Auge
Der Mann vom Reh
Mein Nachthemd
Papas Geschichte
Der Wolf unter der Wolke
Beste Freundin
Ein Eisbär in der Küche
Der Wald ist schwarz
Fliehen gehört dazu
Nachspiel
Spaziergang mit Hund
Die Eulendose
Weisse Schürze
Der Biss
Brennendes Haar
Im Spiegel
Vom Reden
Am Grab
Die Schublade
Von der Schule
Helles Herz
Kleingelacht
Eine Ansichtskarte
Beim Arzt
Teufels Schatz
Sichere Orte
Die Nacht hat einen Traum
Abschied
Verletzte Stadt
Ein strenges Gesetz
Mehr als ein Gefühl
Du musst dich wehren
Von Anfang an zu spät
Mein grösster Wunsch
Nachtlöcher
Plötzlich schwanger
Nur anders sein
Fleisch ist ehrlich
Haare wie Süssholz
Mordpläne
Verkehrte Welt
Herzstillstand
Traum eines herzlosen Menschen
Der Stuhl als Waffe
Endlich Schnee
Lernen für das Leben
Fliegen statt sterben
Pfeifen ist grausam
Einsames Spiel
Cocktail für die Freiheit
Und Tränen beruhigen doch
Eine Stimme hat Flügel
Nur eine hergelaufene Katze
Ich brauche keinen Freund
Zur Hälfte vierundzwanzig
Fahrt über die Grenze
Ich will, dass du lebst
Unsere Metzgerei liegt an der Dorfstrasse. Aber auch am frühen Morgen ist W. kein Dorf mehr. Obwohl die Leute das sagen. Doch es stimmt nicht. Die Leute, die das sagen, eilen morgens müde auf die Bahn, um nach Zürich zu fahren. Die Arme der Stadt reichen bis hierher. Fährt man umgekehrt, ist man rasch in Winterthur. Zwischendrin gibt es immer weniger Lücken.
Unsere Metzgerei liegt dort, wo die Menschen wohnen, im Eckteil eines grossen Hauses aus der Nachkriegszeit. An dieser Stelle kann man zwei Kirchtürme sehen. Startende Flugzeuge drehen ab über den Dächern. Bei jedem Flugzeug dreht sich auf dem reformierten Kirchturm der Hahn. Und die Augen der Reisenden starren auf den Vogel. Oder auf das glänzende Kreuz. Sind sie weiter vom Boden weg, drehen sich ihre Augen in den Himmel.
Vor dem Geschäft gibt es Parkplätze, in Töpfen Blumen, die im Sommer blühen und im Winter schlafen, aus serdem ein Anschlagbrett der Gemeinde. Oberhalb der Eingangstüre ist ein langes, rotes Schild mit weisser Schrift befestigt: METZGEREI heisst es nach unten gelesen. Daneben gibt es ein graues Wandbild mit weidenden Kühen. Rechts vom Eingang hat es eine Holzsau als Sitzbank. Sie ist meistens leer. Die Sonne lässt sie im Stich.
Das Auslagefenster ist gefüllt mit Spielzeugschweinen aus der ganzen Schweiz. Alle sind rosa. Am Fenster klebt das Abbild einer rotbraunen Kuh. Sie trägt eine weisse Schürze und steht auf ihren Hinterbeinen. Mit den Vorderbeinen hält sie das Schild, worauf geschrieben steht: Uns Metzgern ist das Fleisch nicht Wurst.
Wir wohnen hinter den weidenden Kühen. Wenn niemand hinschaut, bewegen sie ihre Münder. Damit das Gras in den Magen taucht. Eine von den drei Kühen, die mittlere, ist auffallend dick. In ihrem Bauch hängt ein Kind. Ausgerechnet ein Kind. Man wird es erschlagen und in der Wiese begraben. Aber nichts Genaues davon wissen wollen.
Hier bin ich geboren. Hier, wo vor dem laufenden Fernseher gegessen und stundenlang geschlafen wird. Wo die sauberen Kleider in Schubladen verstaut werden. Und alle Tage sich die Leute von Kopf bis hinter die Zehen waschen. Wo man den Nachbarn entweder grüsst oder über ihn schimpft. Wie die zwei uralten Schwestern über uns, die keine Zeit zum Essen finden, weil sie immer reklamieren müssen. Wo über den beiden der Eisenbahner wohnt, durch dessen Kopf Tag und Nacht die Züge rollen. Wo die Wände weiss und trotzdem dicht sind. Und man umsonst geschlagen wird.
Als ob keine Blicke hinter die Wände gingen. Was gibt es da zu sehen, fragen die Leute, ausser den weidenden Kühen. Dabei fallen die Augen in ihre gefalteten Hände. Sonst müssten sie erschrecken. Über das dumpfe Poltern, wenn der Polizist seinen Sohn verprügelt. So unregelmässig wie seine Arbeitszeit. Oder so regelmässig wie der Metzger seine Tochter. Doch die Ohren der Menschen schrumpfen mit jeder neuen Geburt. Da wird das Hinhören schwer. Oder der Schrei dünner. Wen soll man da fragen. Nur manchmal verliert Papa die Nerven. Wenn der Polizist nebenan Trompete übt, sind seine Schläge am schärfsten. Seine Tritte am gezieltesten. Es ist nicht einfach, in den Bauch zu treten. Mama sagt: Wer Trompete spielt, kriegt einen dicken Hals. So einer braucht viel Spucke.
Ich war eine Hausgeburt. Im Jahr 1986 war das. Mama presste nur einmal kräftig. Ich kam viel zu schnell. Die Hebamme konnte mich gerade noch vor der Tagesschau auffangen. Papa war am Telefon. Ich habe eine Tochter bekommen, sagte er zu seinem Kollegen. Er hielt mir den Hörer an den Mund und sagte, ich solle schreien. Ich wollte nicht schreien. Da schlug er mich, damit ihm der Kollege glaubte. Was man vergisst, ist normal.
Papa passt schon früh auf mich auf. Er füttert mich. Sein Atem hält mich warm, und seine Arme schliessen sich über meinem Schlaf, aus dem mich dieselben Arme wieder herausziehen. Vor allem am Abend, wenn Mama noch bei einem Anwalt mithilft, um die Schulden für die Wohnwand abzuzahlen. Bis dieser ihr unter den Rock greift. Danach steht sie nur noch hinter Papa in der Metzgerei. So lange, bis ihr das Wasser in die Beine läuft. Es steht schon weit über die Knie, da kann sie fast nicht mehr gehen. Am Himmel häkelt sie schon jetzt.
Steht man vor dem Haus, fällt einem auf, dass es der Sonne immer im Weg steht. Oben hält es sein Dach spitz zusammen. Dort hängt Mama die Wäsche auf. Im Winter rutscht der Schnee von den Ziegeln. Mama sagt, es ist gefährlich, unter das Dach zu stehen. Der fallende Schnee würde dich totschlagen. Nicht einmal das Dach bietet Schutz. Deshalb werde ich zweimal davonlaufen. Und weil die Köpfe der Menschen manchmal die Wände ihrer Häuser sind. Hart und nicht voneinander zu unterscheiden. Aber es reicht nicht, wenn man den Kopf schüttelt. Damit kann man kein Haus umwerfen.
Die Fassade hat viele Fenster. Sie schauen gegen Norden. Sehen aus wie grosse Aquarien, in denen regelmässig Köpfe hin- und herschwimmen. Nur starren einen die Fische friedlicher an. Friedlicher als die Köpfe, meine ich. Die den Menschen mit den kleinen Ohren gehören, die wegschauen, weil sie immer weniger hören. Die es nicht merken, wenn ihr Kopf gegen eine Wand schlägt. Weil die Wand mit der gleichen Kraft zurückschlägt. Ich bin mir sicher, die Wände haben Augen und Ohren. Irgendwann werden sie alles erzählen. Nur wie weh es tut, wissen sie nicht. Und ob man die Schläge überhaupt überlebt.
Von meinem Fenster aus sehe ich auf eine grüne Wiese mit einem Ahornbaum. Darin hängen gelbe, braune und grüne Blätter, die mit dem Wind spielen. Die gelben Blätter leuchten und stechen aus den anderen heraus. Ein kleiner Zwetschgenbaum steht verlassen und kahl daneben. Er weiss, dass er sterben wird. Wie das junge Kalb. Und das Kind. Und die Kinder, die der Kasper aus dem Fenster wirft, weil sie schreien, wenn er auf sie aufpassen muss. Papa liebt es, von diesem Kasper vorzulesen, der auch seine Frau und den Polizisten den Kindern hinterherwirft. Ich kann das nicht verstehen. Wahrscheinlich habe ich schreckliche Angst. Am wenigsten kann ich Papas Lachen verstehen. Das der Wind überallhin trägt. Darum ist es gewachsen und mir zwischen die Beine gefahren. Von dort wird Papa noch lange herauslachen. An seine haarigen Hände hingegen habe ich mich gewöhnt. Die sind auch überall. Und fahren überallhin. Auch zwischen meine Beine. Ich denke mir, wenn sie dort stecken, kann mich Papa nicht aus dem Fenster werfen. Vielleicht würde der Wind nach meinen Zöpfen greifen. Das hoffe ich. Aber nur, wenn du nackt bist, sagt Papa. Ich will nicht, dass er dabei lacht.
Zu einer Familie gehören Vater, Mutter und mindestens ein Kind. Zu unserer Familie gehören Papa, Mama und zwei Kinder. Wir sind zwei Mädchen und keine Knaben. Wir heissen Simone und Tania. Die Knaben in der Familie wären meine Brüder. Tania ist meine Schwester. Brüder und Schwestern sind Geschwister. Ich habe eine Schwester und keinen Bruder.
Mama hat mich geboren. Schon am ersten Tag darf ich neben Papa liegen. Am Morgen, am Mittag und am Abend möchte ich Milch. Aber Mama hat keine Milch. Ich muss fast verhungern. Papa rettet mich. Er gibt mir Milch aus der Flasche. Ich wachse und werde gross.
Papa ist sehr fleissig. Er sorgt für die ganze Familie. Jeden Tag arbeitet er in seiner Metzgerei, wo er aus toten Tieren Fleisch macht. Zum Mittag sitzen wir alle am Tisch. Mama kocht für uns das ganze Jahr ein feines Essen. Sie wäscht die Kleider, flickt und bügelt sie. Sie häkelt Decken für uns. Und sie betet für uns oder hilft im Laden. Nach dem Essen geht Papa gleich wieder in die Metzgerei. Vorher isst er noch eine Tafel Schokolade. Seine Zähne sind klein und scharf, weil er nachts mit ihnen knirscht. Wenn der letzte Kunde den Laden verlässt, setzt sich Papa vor den Spiegel und sagt: Ich bin ein guter Mensch. Erst dann wäscht er sich die Hände. Am Abend trinkt er ein Bier, die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher.
An den Wochenenden fährt Papa oft zum Bauern und kauft ein Kälbchen, das gesund und munter ist. Das Kälbchen darf nicht lange neben der Mutter liegen, weil es der Bauer tötet. Oder er kauft ein Schwein. Schweine mag er besonders.
Papa ist sehr lieb. Mama mag er nicht. Aber Mama mag ihn trotzdem. Papa sagt: Das Schwein gibt uns Speck und Schinken. Du gibst mir die Liebe.
Die kleine Prinzessin ist sehr klein. Aber alle Knochen sind dran. Man kann daran drehen und sehen, ob sie etwas spürt.
Ich bin Papas kleine Prinzessin. Auch mit dreiundzwanzig Jahren werde ich es noch sein. Von Anfang an habe ich mich nur um ihn gedreht. Ausgerechnet Papa, der mich mit der linken Hand festhält und mit der rechten Hand streichelt. Aber mit beiden Händen würgt, dass es in meinen Augen schneit. Diese Vertrautheit ist von Beginn an da. Gäbe es Papa nicht, wäre die kleine Prinzessin ohne Gesicht.
Du gehörst zuerst mir, meine kleine Prinzessin, sagt Papa. Seine Worte laufen zwischen meinen Ohren hin und her. Als ob es die Einzigen wären, die laufen können. Doch von kleinen Worten gibt es auch grosse. Er sagt: Niemand anders wird dich so lieben wie ich. Du wirst jeden Tag an mich denken. Und wenn es stimmt, was er sagt. Ich denke immer, wenn ich einmal gross bin, kann ich tun, was ich will. Papa sagt, das ist nicht wahr. Er sagt, es ist meine Schuld, dass es so weit gekommen ist. Seine Liebe wird mich immer festhalten. Auch viel später noch, wenn ich schon in Winterthur wohne.
An den Anfang erinnert nichts, ausser ein Traum. Ich sehe, wie sich mein Rock wie ein grauer Schleier ausbreitet und sich über mein Zimmer legt. Als er sich von selbst anhebt, steht Papa darunter. Er ist mit einem Messer zu Besuch gekommen. Es hängt ihm um den Hals. Ich darf nicht mucksen. Mit dem Messer schneidet er mich aus dem Rock heraus. Zuletzt aus den Strümpfen. Wegen meiner durchsichtigen Haut werde ich traurig. Ich habe Tränen. Sie bohren sich in meine Knochen. Die sind so weiss wie die leeren Seiten eines Buches. In mein Tagebuch muss ich mein Leben schreiben. Ich schreibe: Nachher durfte ich mit Papa baden.
Ich habe ein Gesicht, weil es mir Papa gegeben hat. Es stimmt, ich habe mich immer schon schneller um ihn gedreht als Tania. Papa sagt, ich bin hübsch und gescheit. Manchmal auch: Tania ist dumm und hässlich.
Tania wurde in einem heissen Herbst geistig behindert geboren. Aus Mamas offenem Bauch heraus fiel sie gleich neben den Tod. Vielleicht weinte sie deshalb mehr als alle Kinder im Spital. Sie bringt Papas Geduld rasch zum Überlaufen. Sie darf nie auf seinem Schoss sitzen oder in seine Hose greifen. Wenn sie beisst, stösst er sie vom Stuhl. Als sie drei ist, bricht zum ersten Mal ihr Schlüsselbein. Das Schlüsselbein wird wieder angenäht. Papa kann schon mal die Nerven verlieren.
Auch Mama hat es mit den Nerven. Und mit den Beinen. Sie ist eben sehr fleissig. Von morgens bis abends hilft sie immer in der Metzgerei, bis die dicken Beine kommen. Über die Jahre hinweg ist ihr das Wasser aus den Augen in die Füsse geflossen, wo es sich staut. Dünnes Blut, sagen die Ärzte. Früher, sagt Mama, hat sie noch geweint. Da hatte sie noch kein Wasser in den Beinen. Seit sie dicke Beine hat, weint sie nicht mehr.
Tränen helfen sowieso nicht. Wer weint, will nur Mitleid. Dabei holt dich das Leiden schneller ein, als du es sagen kannst. Und schon hast du dich blamiert. Hauptsache, die blauen Flecken auf der Haut verschwinden wieder. Sie passen zu keiner Prinzessin.
Wenn ich mit Mama das Abendgebet spreche, liegt Papa mit gekreuzten Beinen auf dem Sofa. Mama legt mir einen Engel ins Herz. Der Engel stösst mit seiner Stirn an die Tür, wenn Papa ins Zimmer kommt. Wie im Traum steigt er ins Bett, als wäre es die leere Seite eines Buches. Papa flucht, weil ich so steif bin. Er bindet meine Haare fest. Bevor er an meinen Knochen dreht. Und sagt, bevor er zubeisst: Ich esse lieber kleine Äpfel als grosse. Lieber gesunde als faule. Lieber süsse als saure.
Darf ich dich wieder besuchen kommen, meine kleine Prinzessin, fragt Papa. Es ist ein stiller Sonntagabend. Die Uhr sagt, es ist Viertel nach zehn. An Papas Arm hängt ein Haar. Daran mein Rock. Und der Rock hängt am Stuhl.
Ich bin heute Morgen ganz früh zur Schule gegangen, als es zu schneien anfing. Jeden Tag haben wir darauf gewartet. Im Schulzimmer stehe ich vor Frau Limacher. Sie sitzt hinter ihrem Pult, dahinter die Wandtafel, die wie ein dunkles Auge ins Zimmer schaut. Frau Limacher steht vorsichtig auf und blickt mir mitten ins Gesicht. Anders als die Flugzeuge über unserem Haus, dreht ihr Blick nicht ab. Er ist leise. Er sucht mein blaues Auge, während ich Schutz suche. Ich denke an den neuen Schnee. Wie siehst du denn aus, fragt irgendwann ihr Mund. So fragt man, wenn man etwas weiss. Aber nicht sagt, was man weiss. Dass ich lüge, weiss Frau Limacher natürlich auch. Trotzdem rollt die Lüge aus meinem Kopf. Ich halte den Schneeball, den mein Auge abbekommen hat. Der Schneeball fällt auf den Fussboden und verschwindet spurlos. Lügen haben gar keine Beine, denke ich.
Frau Limacher schaut mir noch immer ins Gesicht und fragt, wer das getan hat. In meinem Versteck ist es eng. Es ist nicht grösser als der Schneeball. Ich vertreibe die Frage mit allerlei Gedanken. Gerne zähle ich mit Tania die Schneeflocken, die uns der Himmel schenkt. Tania plangt immer, bis der Winter kommt. Dann plangt sie auf den Frühling. Tania hat nie ein blaues Auge. Sie geht ja auch nicht in unsere Schule. Aber ich bin ein tapferes Mädchen. Ich habe mir beigebracht, alle Schmerzen auszuhalten. Ich kann sogar weinen, ohne dass die Augen nass werden. Ohne dass es jemand merkt. Das kann man. Aber heimlich hoffe ich schon, dass das entdeckt wird und jemand kommt, der mir hilft.
Ein kleiner Spiegel hält dicht an meiner Nase. Frau Limacher hat lange Arme. Sie reichen weit über ihr Pult hinaus. Der rechte ist länger. Ihre Finger sind auch sehr lang. Meine sind im Vergleich ganz kurz. Sie ähneln Vaters Händen. Heute trägt sie keinen Ring. Gewöhnlich glänzt an ihrem Ringfinger ein silberner Stern mit einem eingefassten Stein. Sein Blau ist viel heller als das von meinem Auge. Das ist ein Aquamarin, hat uns Frau Limacher erklärt. Es gibt wenig, das Frau Limacher nicht weiss. Sie kennt meine Lügen. Und lügende Augen. Und die Worte, mit denen man lügt. Sie kennt die Väter, die ihre Töchter verprügeln. Aber das sagt sie nicht. Auch wenn es wahr ist und weh tut.
Schau dich an, wie du aussiehst, sagt sie stattdessen. Im Spiegel sehe ich hinter mich. Wie mich mein Vater wieder einmal grün und blau schlägt. Das ist nicht erst seit heute so. Bin halt ein richtiger Trotzkopf, sagt Papa, und übersensibel. Die blauen Flecken muss man einfach wegstecken. Ich könnte sie wie reife Pflaumen in eine Tasche packen und aufbewahren. Sie würden zu stinken beginnen, und neue Lügen müssten mich finden. Einfacher ist es mit Lügen, die sowieso alle kennen. Von denen alle wissen, dass es gelogen ist. Diese Wahrheit ist mir am liebsten. Obwohl man davon dick wird. Man wird dick, weil man mit dem Lügen schwanger geht. Später werden daraus Lügenkinder geboren.
Im kleinen Spiegel hängen auch unsere Winterzeichnungen, hinten an der Wand, der schwarzen Wandtafel gegenüber. Vierzehn weisse Bilder im Rücken. Mit Schneeflocken darauf, die eine lange Reise gemacht haben und jetzt müde sind. Darum haben sie sich auf die Bäume und auf die Dächer gesetzt. Und auf die Strassen. Die Schneeflocken streichen alles weiss an. Ausser mein blaues Auge und den Aquamarin von Frau Limacher. Der Schnee setzt den Leuten Hüte auf und hängt ihnen weisse Mäntel um. Wie ich mir die Lügen als Wahrheit.
Was sagt deine Mutter, fragt Frau Limacher noch. Zum Glück läuten die Pausenglocken. Kurz darauf rennen alle ins Schulzimmer. Ich tue so, wie wenn nichts wäre. Ich glaube es fast selber, dass mein Auge von einem Schneeball getroffen wurde. Als ich das Lachen der anderen sehe, wird mir schlecht. Das Lachen verzerrt die Gesichter. Wer prügelt, hat auch ein verzerrtes Gesicht. Ich habe die Prügel verdient, das sehe ich ein.
Falls nötig, rät mir Mama, das Turnen zu schwänzen. Weil mein Körper zu viele blaue Flecken hat. Mama hat eine helle, glatte Haut. Nicht nur im Gesicht, überall. Das passt zu einem stummen Menschen. Aber es passt nicht zu ihren bunten Häkeldecken. Mama hat immer gute Ideen. Sie merkt, wenn mir keine Lügen mehr weiterhelfen. Wenn ich schon zu oft die Treppe runtergefallen bin oder mich am Türrahmen gestossen habe. Sie merkt, wenn ich eine Weile nicht mehr lügen kann. Auch Frau Limacher würde mich für tollpatschig und ungeschickt halten. Wie es alle von der Klasse tun. Ausser Dora.
Allein daheim, trage ich meine blauen Ringe vor den Spiegel. Dort fliessen die Flecken über den Körper. Am Boden sammeln sie sich und bilden einen Schatten. Er ist blau. Der blaue Schatten ist ein vorläufiger Tod.
Tania war blau vor Angst, als sie kam. Das war im September. Da war ich schon dreizehn Monate auf der Welt. Mama sagt, Tania lag zu lange in ihrem Bauch. Mit der Nabelschnur um den Hals. Wie eine Würgeschlange. Tania schrie laut, als sie kam. Vielleicht, weil man sie fast in Mamas Bauch vergessen hatte. Als sie kam, war sie am ganzen Körper blau. Ich hielt es nicht so lange aus. Mich presste Mama mit einer einzigen Wehe ans Licht.
Tania kam mit Verspätung. Papa hatte die ganze Liebe schon weggegeben. In meinen Knochen schleppe ich sie durchs Leben. Zu mehr reicht es ihm nicht. Er sagt: Tania ist ein missratenes Kind. Vermutlich steckt er deshalb seinen Kopf nie unter ihre Decke. Er rührt sie nie an.
Für Mama ist Tania eine Strafe Gottes. Was habe ich bloss falsch gemacht, dass mich Gott so bestraft, fragt sie mit glänzenden Augen. Sie stellt die Frage in die Luft, weil sowieso niemand eine Antwort weiss. Es ist schlimm, wenn ich Mama so reden höre. Die Frage klebt ihr auf der Zunge. Öffnet sie die Lippen, fliegt sie nach draussen. Oder Mama verschluckt sie so leicht wie ein Stück Kuchen.
Was ist das für einer, denke ich mir, der seine Schlange losschickt. Die dann in Mamas Bauch kriecht und sich um Tanias Hals schlängelt, dass sie fast erstickt. Die Schlange hat ihr den Atem aus dem Gehirn gefressen. Das Hirn ist verdorrt. Später zittert Tania da, wo die Schlange gefressen hat.
Tania ist anders als ich, und sie ist anders als alle anderen. Tania ist einfach anders normal.
Am Anfang haben wir in einem Zimmer Platz. Zwischen uns liegt ein schmaler Gang mit Nachttischchen und einer kleinen Lampe darauf. Wenn Papa hereinschleicht, hält Tania die Luft an, bis sie wieder ganz blau wird. Mit blauem Gesicht schreit sie am heftigsten. Nur Mama ist diesem Schreien gewachsen. Aber mich macht es traurig, dass sie an Papa vorbeischaut, der mit seinem aufgeknöpften Hemd mittendrin steht. Während sie Tania tröstet, beisse ich mir den Mund blutig. Ich finde das ungerecht. So ungerecht wie die Nacht, die immer hinter dem Tag herhinkt. Die den Mond auf den Bettpfosten stellt, von wo er die Türe nicht bewachen kann. Durch die mir Papa gute Nacht ruft. Bevor er ins Zimmer springt und meine Beine auseinanderdrückt. Sie nach links und nach rechts abbiegt, als wären es zwei Schlangen. Dabei will ich nur ein bisschen schlafen.
Tania weint vergeblich um mich. Wir bekommen eigene Zimmer. Damit ich ruhig schlafen kann. Denn Tania braucht nachts immer ein kleines Licht. Und sei es nur ein Knopf in der Steckdose, an den sie ihren Schlaf hängen kann. Jetzt muss sie sich noch mehr um mich fürchten.
Sie sagt: Papa ist der Mann vom Reh. Das Reh bist du. Sie zeigt auf mich.
Wenn ich später Fotos anschaue, tragen wir immer die gleichen roten Faltenröcke mit den gleichen rotweiss karierten Rüschenblusen. Die gleichen weissen Kniestrümpfe stecken in den gleichen schwarzen Lackschuhen. Wir stehen auf der Insel Mainau. Vor einem Brunnen in Lugano. Oder wir stehen vor der Metzgerei in W. Unsere Zöpfe fallen an Papas Krawatte, der immer gleichen, vorbei. An Papas Zigarette fallen sie vorbei und an Mamas Handtasche, die sie hätte verstauen können. Es ist, als wollten die Zöpfe bis zum Tod hinabfallen, weil ich nur auf den Fotos Ruhe finde.
Tania sagt: Ich bin nicht behindert. Sie sagt, ich will einmal heiraten und Kinder bekommen.
Bei Tania ist alles aus Gefühl. Etwa die Uhrzeit, die sie nicht versteht. Die Zeit hängt doch nicht an einem Zeiger, sagt sie. Sie hat das Jahr in Geburtstage eingeteilt. Auf den Tag genau denkt sie an alle von uns. Oder die Zahlen, für die es in ihrem Kopf keine Wege gibt. Zwar weiss sie, was Geld ist. Aber was wie viel Geld ist, weiss sie nicht. Zählen kann sie nur mit den Fingern. Aber immer falsch. Wer nicht rechnen kann, ist eine Blamage, sagt Papa und verscheucht Tania schon frühmorgens aus der Metzgerei. Er sagt: Tania hat den Verstand einer Dreijährigen. Das wird er noch sagen, wenn sie bereits sechzehn ist.
Am Anfang wünschte ich mir, man könnte ihrem Gehirn den Atem zurückgeben. Doch das Weggefressene kommt nicht zurück. Da kann man noch so lange in Mamas Bauch warten.
Auf der Blumeninsel Mainau sagt Papa: Wer nicht schreiben kann, ist schwachsinnig. Tania schreibt eine Ansichtskarte. Zittrig kritzelt sie ihren Namen. Nur den Vornamen, nicht den ganzen. Dafür reicht die Kraft nicht. Etwas anderes kennt sie nicht. Ohne sich abzuwenden, sagt Papa: Ich habe nur eine Tochter. Die Simone, meine kleine Prinzessin. Ich kenne kein anderes Mädchen, das mir so gefällt. Tania ist hässlich, sagt er vor uns allen. Mama steckt ihren Kopf in die Blumen. Der Blütenstaub kitzelt. Sie muss niesen. Tania singt ein Lied. Hüpft aus ihren Lackschuhen. Aber ich bin doch pummeliger, denke ich. Immerhin weiss ich, was Papa gefällt. Im Hintergrund vergeht die Zeit.
