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Kürzestgeschichten. Kleine Weisheiten in Prosa. Traumtexte.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Absichtlich bin ich hinter der Maske ein anderer
Als würde der Traum dem Leben vorausfliegen
Am Anfang spannt der Reisende ein Seil
Auf einmal gibt es eine Zunge, wo sonst alles leer ist
Beim Denken fliegt das Gehirn
Die angeborene Angst, sich vor Menschen zu ängstigen
Die Aufgabe, Freunde zu werden
Die Leiter am Ende des Weges
Die mit dem Stock gegen das Meer kämpft
Die Nächte sind doppelt mal dunkler
Die Wahrheit ist mir mein Vater wert
Du, mit deinem Strick um den Hals
Heute sind die Regeln so und morgen anders
In den Regenpfützen sieht man die Kinder winken
Liebesbriefe wie nämlich Zucker
Mein Boot trägt dich weiter als alles andere
Mutters Haar unter dem Kopfkissen
Und überhaupt braucht es für das Schreiben keinen Grund
Von namenlosen Vögeln
Wem sonst soll ich diese Welt erklären
Wenn eine Wand im Zimmer fehlt
Wölfe, ausser man zähmt sie
Die Leute schüttelten mitleidig ihre Köpfe, sie sahen mich im eigenen Handwagen sitzen. Dieses ziemlich altmodische Ding hatte ich viele Jahre hinter mir hergezogen und bloss geseufzt, wenn sich jemand hineingesetzt hatte. Jeden hatte ich geduldig durchs Leben gezogen, bis ich endlich zu mir zurückfand. Heute bin ich schon etwas geübt, obwohl alles langsamer geht. Es ist ein herrliches Gefühl, nur noch mich selbst im Wagen hinter mir herzuziehen.
Von Kind an habe ich gespielt, wie es wäre, wenn daheim ein Toter läge. Solange es ein Spiel war, machte es Spass. Jetzt aber einen Mann im Bett liegen zu sehen, der mir auffallend gleicht, jagt mir einen Schrecken ein. Ich eile aus dem Haus in den nahen Wald, der Mann folgt mir dicht auf den Fersen. Ich baue mir mit Holz schnell eine Hütte und verstecke mich darin. Von draussen drängen Geräusche herein. Die Nacht hat dem Wald die Bäume genommen und Tote hingestellt. Um irgendwo Halt zu finden, lehne ich mich an den Mann, mit dem ich die Hütte teile.
Auf dem Schreibtisch liegt das zusammengeschnürte Päckchen. Na klar, denkst du, darin steckt mein Lebensplan. Du öffnest es und willst den Plan studieren und erschrickst: Auf ein Blatt Papier ist ein grauer Punkt gemalt. Irgendetwas ist daran merkwürdig. Je länger du ihn anstarrst, umso grösser wird er. Wohin und auf welche Weise wird sich dein Leben entwickeln? Genauso wie alle anderen starrst du auf diesen grauen Punkt. Gut möglich, dass er dir einmal etwas bedeuten wird.
Mit Schaufeln gräbt man tiefe Löcher in den Boden, befestigt darin übers Kreuz Seitenstangen, die mit Querbalken über einen Mittelmasten verbunden sind, bevor an den dafür angedachten Stellen das Zelt angenäht und über das vergessene Land gespannt wird. Kostbare Möbel, Teppiche, Geschirr und auch Personen werden hin- und hergeschoben. Kräftige Arme zerren mich quer über einen Hof, bis wir vor der Vergangenheit stehen. Das muss ein Irrtum sein. Eine Rückkehr kann es nicht geben, weil ich der Vergangenheit immer einen winzigen Schritt voraus bin.
Eine ganze Welt kannst du auf deine Freunde bauen. Blitzschnell durchschauen sie dein Blinzeln, ohnehin ist ihnen klar, weshalb du deine Wangen aufblähst, deine gespitzten Lippen deuten sie instinktiv richtig, und wenn du deine Stirn runzelst, erfahren sie Dinge, die dich noch treffen werden. Die Freunde wissen über dich Bescheid. Und du? Du blickst im Spiegel in die reinen Augen eines Fremden.
Verzeihen Sie, sagt der Mann, der mich nicht wesentlich überragt, und wächst unzimperlich in mich hinein, dass ich hart werde. Maskuliner Kampfgeist, was sonst. Na gut, sagt die Frau und wächst gewichtig in mich hinein, dass ich weich werde. Das ist der Unterschied. Und doch geht beides zusammen. Denn halb ist man hart und halb ist man weich. Das macht uns in irgendeiner Weise todtraurig. Vermutlich können wir das nicht anders sehen, weil es niemand gibt, der uns aus dieser Klemme heraushelfen kann.
Vor dem Zelt, unweit des grossen Flusses, rufe ich meinen Namen, wobei ich die Hände trichterförmig vor den Mund halte. Dabei bemerke ich eine Gestalt, die etwas geduckt an mir vorbeirennt. Entweder ist sie ins Zelt gerannt, oder ich rufe weiter meinen Namen, was mir in diesem Fall jedoch sonderbar vorkommt.
Hinter der Maske lassen mich die Leute immerhin in Frieden. Durch kleine Öffnungen dringen Sauerstoff und diffuses Licht. Es gibt schätzungsweise zwanzig Meter dunkle Leere hinter der Maske. Doch die Leere ist nicht einfach schwarz. Wenn du ein anderes Leben hast, kann es im Dunkeln auch sehr hell sein. Deshalb bin ich hinter der Maske absichtlich ein anderer.
Es ging mir nicht schlecht und doch kam die Zeit, meinen Koffer zu packen und mich ins selbst gebaute Flugzeug zu setzen. Der Propeller setzte sich in Gang, der Motor brummte auf und die Maschine hob ab. Kaum flog ich über der gleichgültigen Welt, war ringsum alles wach und lebendig. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als mit mir ins Gespräch zu kommen. Ein Selbstgespräch? Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch und wusste: Ich bin ein hoffnungsloser Fall.
Wir beide sind Freunde, mein Hund und ich. Mir gefällt es, wie er mit seiner langen Zunge unsere Spuren vom Asphalt aufleckt. Andersherum wäre das ziemlich mühsam. Die Füsse müssten Zungen sein, oder man müsste in den Knien gehen und die Hände pausenlos hinter sich herziehen, um die Spuren zu tilgen. Zum ersten Mal überhaupt muss ich darüber lachen. Ehrlich gesagt, würde das verdammt gut zu mir passen.
Lange jagte das Ich hinter mir her, gerade mir, der niemals rannte. Dann packte es mich. Mein Ich hatte die Geduld verloren. Eine schreckliche Umarmung. Dann drängte es unverschämt an mir vorbei, als wäre das die letzte Gelegenheit, aus meinem Körper zu entwischen. Okay, dachte ich mit einer gewissen Erleichterung, mein Ich ist immer schon weggelaufen, ohne zu wissen, wo es hinwollte.
Man sagt, ich hätte es leicht und müsse keinen Menschen mehr suchen, um mich anzulehnen, vor allem jetzt, wo ich mich verdoppelt habe. Ein Komplize in allen Lebenslagen ist das grosse Los. Sobald jedoch bei einem von uns die Gefühle mit ihm durchgehen, müssen wir durchatmen. Mit wechselnden Blicken versuchen wir zu klären, wer von uns zweien gemeint ist. Wären wir in einem solchen Moment weniger aufeinander fixiert und mehr das Gegenteil voneinander, würden wir wieder schutzlos sein; und daran wollen wir uns beide nicht erinnern.
Im Verborgenen spüre ich deutlich den Skorpion in mir. Ich richte die Tage so ein, dass mein Herz im Käfig bleibt. Immerzu im Dunkeln, um vor den Mitmenschen sicher zu sein. Höchstens im trüben Licht, meistens reglos. Ich rede nicht anders als mit mir selbst. Ich bin undankbar wie morsches Holz, aus dem man keine Hütte baut. Ein Hoffnungsloser, der Trost in der Einsamkeit sucht. Und schlecht und recht sich den Stachel ins eigene Fleisch bohrt.
Der entscheidende Fehler war, das Vergessene zu suchen. Denn das Vergessene dreht sich im Kreis herum und wird immer weiter nach innen gezogen. Irgendwann stösst es mit dir zusammen. Die Kollision ist ein Kuss. Warum ausgerechnet ein Kuss? Weil es so schnell geht, dass man es gar nicht merkt.
Ich bin ein halber Samurai, von meinem scharfen Schwert in zwei Teile geschnitten, die sich nicht sofort wieder vereinen, da sich die beiden Hälften unterhalb des absichtlichen Wollens in Punkte verwandeln, die zunächst als Nullpunkte wahrgenommen und von unten heraufgezogen werden, was offenkundig gegen den allgemeingültigen Menschenverstand verstösst, wobei mir aber der vollständige Samurai entgegenkommt.
Was für ein Wunder, dass es in der modernen Welt noch Zauberbücher gibt. Bücher mit unbeschriebenen Seiten, meine ich, denen eine Geheimschrift innewohnt. Es ist keine unsinnige Vorstellung, zu glauben, in den leeren Seiten liege etwas für uns bereit. Eines Tages werden wir aufwachen und die Geheimschrift finden. Aber was heisst es denn, etwas lesen zu können, das geheim sein will? Heisst das nicht, nicht erkannt werden zu wollen?
Regelmässig nach Mitternacht bat ich die geladenen Gäste, sich im Spiegel zu betrachten. Meistens standen sie abrupt auf und verliessen die Wohnung. Ziemlich mies fand ich das, aber reden wir nicht davon. Ich bereue es nämlich nicht, die Einladungen gestrichen zu haben. Heute kann ich meine Zeit ungestört vor dem Spiegel verbringen. Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum ich so viele unterschiedliche Gesichter vor mir sehe. Auch wenn ich einen Schritt zurücktrete, sehe ich mehr, als ich zählen kann. Wo ich hinschaue, ist im nächsten Augenblick ein anderes Gesicht.
Noch nie habe ich daran gedacht, mich zusammenzusetzen, das ist doch vollkommen unmöglich. Ich wäre dazu nicht nur nicht imstande, sondern würde eine Ganzheit niemals aushalten. Wie viel unglücklicher wäre ich, zumal niemand nach dem Zweck der Ganzheit fragt und von den einzelnen Stücken sowieso nie die Rede ist. So benimmt sich einer, könnte man sagen, der ein Leben lang auseinanderfällt, ohne dass es jemand merkt. Und mit etwas Glück ein leeres Blatt findet, gerade so gross, wie er es braucht, um seine Träume aufzuschreiben.
Genaugenommen wollte ich den Stein gleich wieder loswerden. Halt!, rief der Fremde, wirf ihn nicht weg, der Stein könnte dein Herz sein. Bisher hatte mir das Loch in der Brust nichts ausgemacht, ich wusste ja nicht, was vorher dort gewesen war. Im Prinzip war ich froh über diesen Stein, nur sein Gewicht verwunderte mich. Überaus einladend fand ich ihn eigentlich auch nicht, ausserdem berührte mich das kühle Ding kein bisschen. Fast gleichgültig warf ich den Stein fort, doch der Fremde fing mein Herz in Sekundenschnelle auf, einmal, hundertmal.
Wie gewöhnlich schläfst du neben einem Buch. Vor lauter Träumen ist das Kopfkissen warm. Noch bevor du erwachst, wirst du geteilt. Daran ist nicht zu zweifeln. Die jüngere Hälfte läuft sofort ins Kinderzimmer, damit dich Mutter wecken kann. Der andere Teil flieht als Erwachsener vor den Menschen, die dir im Lauf der Jahre begegnet sind. Beide Hälften sind lebendig, weil sie immer das Gegenteil sind. Und so stark, dass sie dich heimwärts tragen.
Das gleichmässige Atmen der Schlafenden ist deutlich hörbar. Man könnte sich fragen, wohin sie atmen und ob sie nicht das Leben verschlafen. Das ist schwer zu sagen, murmelt die Frau und kramt in ihrer Handtasche. Mit einem Lächeln zieht sie den Atem der Schlafenden ein. Aus der Handtasche rutscht eine kleine, schöne Welt voller Liebe. Ich möchte, dass ihr für diese Welt sorgt, flüstert die Frau, worauf ihr Gesicht in der geheimnisvollen Tiefe verschwindet.
Es war noch nicht Morgen. Meine Finger krallten sich in sein weiches Fell, der merkwürdige Kater kroch unter das Bett und miaute kläglich. Sobald ich aufwachte, wollte ich mich um ihn kümmern. So oder ähnlich hatte ich geträumt. Kaum war es hell geworden, holte ich das Tier raus aus dem Traum. Der Kater sprang auf den Schreibtisch und fixierte mit seinen grüngrauen Augen einen Punkt in der Ferne. Er konnte seinen Blick nicht mehr losreissen.
Um ganz ehrlich zu sein, lag ich schon im Bett, da wurde ich mit unerhörter Geschwindigkeit hochgeschleudert und flog zur einen und dann zur anderen Seite, und dann stürzte ich ab. Wer wagte es, mir so viel Angst einzujagen? Kurz vor dem Aufprall wurde ich wieder hochgeworfen, es riss mir Arme und Beine auseinander, als würde jemand daran ziehen. Ich musste hilflos zusehen, wie ich in der Luft zappelte, und das einen Meter von mir entfernt.
Dort, wo ich den Traum vermute, stosse ich auf eine Höhle. Sie ist von einem kreisförmigen Knochen umgeben. Neugierig gehe ich hinein und taste mich unbeholfen vorwärts. In der Finsternis beginne ich zu zweifeln, ob ich mich tatsächlich in meinem Schädel befinde. Solange mir niemand begegnet, will ich nicht umkehren. Ja, ich bin sogar bereit, das Furchtbare im Traum zu vergessen.
Blinkende Lichter schweben durchs Zimmer, wie kleine Flämmchen schwirren sie herum. Eine Art Film flimmert über meine Augen. Ich versuche, sie zu schliessen. Ein Daumen (was macht er bloss mit mir) drückt sanft auf meine Lider. Der Schmutz unter dem Daumennagel füllt meine leeren Pupillen.
Du Glücklicher, mit jeder Nacht kommen neue Gäste. Du gehst mit ihnen über den Rand der Welt, wo es von Geschichten nur so wimmelt. Und wenn du dann mal wach wirst, brauchst du nur noch ein Blatt Papier zu nehmen und alles aufzuschreiben. So ist das mit den Träumen, die du greifen, fassen, festhalten möchtest, damit du nicht an ihnen verzweifelst.
Plötzlich traten zwei Männer in Uniform aus den Büschen und versperrten mir den Weg. Haut ab! Hilfe! Im Traum hört dich sowieso niemand schreien, sagte der eine, der andere lag friedlich schnarchend neben mir im Bett. Ein Aufwachen gab es nicht. Bei Tieren ist es auch besser, sie im Schlaf nicht zu stören, dachte ich und drehte mich um. Ein dunkles Band hüllte uns ein.
Pünktlich zur vereinbarten Stunde kam die Frau herbeigerannt, sie griff in den Rucksack und warf mir etwas zu. Aus den Falten ihres langen, grauen Rockes spazierte ein Mann hervor mit einem zottigen Hund, auf einem Zaun hockte eine Krähe. Der kleine, runde Mann musste husten, und der Hund bellte, die Krähe flog in eine schwarze Öffnung. Die Frau beäugte mich misstrauisch. Bereits wurde es Morgen. In meiner Hand lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: Der Traum macht vor dem Leben nicht halt. Ich kleidete mich an und zwinkerte der Frau zu.
Im schwachen Schein der Lampe beugt sich jemand über mich, greift mir ins Haar. Ich schlafe überhaupt nicht. Fremde Hände packen mich am Hals, der eiserne Griff lässt nicht locker. Ich muss kurz weinen. Ziehe meine Beine an. Allmählich verschlingt mich die Nacht. Du bist ein undankbares Kind, knurrt eine vertraute Stimme. Es tönt, als hätte sie Bier getrunken. Die Hände lassen mich in die Dekken zurückfallen. Sie merken nicht, dass ich mir die Zunge abgebissen habe.
Schlafen ist so seltsam und ungewöhnlich wie träumen. Man wird in seine Innereien eingerollt und hofft auf ein Wunder. Und sei es nur ein aufflammendes Streichholz. An dem man zerbrechen kann, wenn man mit einem Schlag den Halt verliert und der Körper über dem Schlaf baumelt.
Das pfeifende Flüstern kam von draussen. Rasch schloss ich das Fenster und knipste das Licht aus. Lauschte angespannt. Das Flüstern hing nun über mir. Ein Stuhl fiel um, ganz nah. Ich schüttelte den Kopf, in dessen Mitte es flüsterte. Hielt mir die Ohren zu. Wer bist du, wollte ich fragen, doch mein Mund war eingeschlafen. Das Flüstern warf sich über mich. Es heulte der Wind.
Es gab eine Zeit, da knieten die Menschen vor der Nacht, sie beteten für eine Reise zum Traum. Und zwar um jeden Preis. Lange blieb alles schwarz und finster. Nicht von den Menschen kam die Idee, Laserteleskope ins All zu richten. Und plötzlich wurde überall geträumt. Lohnen sich Träume?, fragten sich die Menschen. Wollen wir nicht lieber unseren Seelenfrieden?
Das feuchte Gras klebt an den Schuhen, der kürzeste Weg führt querfeldein über die Wiesen. Im Tal hockt der Nebel. In Riesenschritten stapfst du bergauf. Noch vor dem Gipfel tauchen die alten Frauen auf, sie schleppen ein schwarzes Wägelchen hinter sich her. Du würdest gerne helfen, doch das Wägelchen ist voller Illusionen. Du spuckst in die Luft und rennst mit ausgebreiteten Armen talwärts. Auf natürliche Weise willst du abheben. Mit etwas Glück wird dir das gelingen.
Nacht für Nacht kommt etwas Grosses aus der dunklen Ecke gekrochen. Ach, wenn ich mich nur davonrollen könnte. Lege ich mich hin, rückt es rasch heran. Schlafe ich tief ein, drückt es mich weit hinunter bis auf den Grund von allem. Was machst du mit mir? Ich bin ganz verwirrt. Es nimmt schon den ganzen Raum ein. Ich zähle meine Atemzüge. Es läuft mir kalt über den Rücken. Sie werden immer weniger.
Faserdünn ist die Wand, an die der Schlaf stösst, und nicht ungefährlich. Selbst der klitzekleine Wanderer zwischen den Welten weiss darüber nicht mehr als du. Obschon er die Stimmen der Toten kennt, fürchtet er sich vor der absoluten Finsternis. Dringt diese einmal in dein Innerstes, wirst du die Einsamkeit nie mehr los, so der Wanderer. Du schmiegst dich in die Betttücher, um ein wenig länger am Leben zu bleiben.
Man nennt es: den Traum hören. Dafür braucht es ein besonders feines Gehör. Du hörst die Nadel, die tief in dein Gehirn eindringt. Sie bremst den Gedankenstrom, damit der Kopf leer wird für die Träume, die aus einem wirklicheren Stoff sind als das Denken. Falls die Nadel nicht rechtzeitig aus dem Gehirn rausgezogen wird, bleibt ein schwarzer Fleck zurück.
Mittlerweile war ich eingeschlafen, wie sonst hätte ich glauben können, auf den Händen durchs Leben zu gehen, sei eine geschickte Übung. Trotz anfänglichem Staunen hatte ich bald den Eindruck, mit der schwierigsten Aufgabe betraut worden zu sein. Nicht nur, dass man mit den Füssen im Himmel einen ausweglosen Kampf voller Verzweiflung führt und das Denken genau die gegenteilige Wirkung dessen hat, was man denkt, sondern, und das ist das Schlimmste, dass man überhaupt zu keiner Begegnung mehr fähig ist, weil ja fälschlicherweise die Welt auf dem Kopf steht. Morgen würde ich das nicht mehr wollen, vielleicht heute noch, aber dann ist sicher Schluss.
Einen Freund zu würgen, sei kein ungewöhnlicher Traum, erklärte mir die Psychologin. Erleichtert lief ich in den Park und begann zu graben. Wonach ich denn suche, fragte mich der zufällig vorbeikommende Polizist. Meine Antwort schien ihn von Berufs wegen zu interessieren, jedenfalls half er mit hohlen Händen, die Erde wegzuschaffen. Hin und wieder stiessen wir auf Steine und nach vierundzwanzig Stunden auf die Leiche. Jetzt zu behaupten, ich hätte den Mord nur geträumt, hätte nichts mehr genützt. Darum hielt ich an der Überzeugung fest, dass ein Verbrechen begangen wurde, für das ich bestraft werden musste.
Vor einer halben Stunde lag ich noch wie ein Unschuldiger auf dem Rücken, fernab von der Welt. Ein bisschen habe ich geschlafen. Das Mondlicht fällt ins Zimmer. Es ist still, nur ein schwacher Schatten ist zu sehen. Früher oder später muss ich wohl aufwachen, und so geschieht es auch. Ich reisse ungläubig die Augen auf. Der Schatten löst sich von mir und entfernt sich eilig.
Und wieder erschrickst du über den unheimlichen Glanz auf deinem Traumheft. Als ob jemand von ganz weit weg mit der Taschenlampe leuchtet. Draussen sieht man den Lichtstrahl nicht.
Der alte Mann stützt sich auf den krummen Ast. Er geht langsamer, als der Schnee fällt. Der Wind verwischt seine Spuren. Zurück zum Ursprung will der Alte, obschon manche Leute behaupten, da soll man nicht hin. Er sagt: Wer das glaubt, hat kein Ziel. Er lädt mich ein, ihn ein Stück weit zu begleiten. Seine zittrige Hand packt mich am Arm, fester, als ich es ihm zugetraut hätte. Ich zucke die Schultern und gehe neben ihm her. Ohne den Alten wäre ich ziellos weitergegangen.
Der Riese wandert direkt in meine Richtung. Es dauert nicht lange, da steht er in voller Grösse vor mir. Willst du mir was antun?, frage ich. Nein, sagt der Riese. Warum machst du dich denn nicht kleiner, sodass ich über dich hinwegsehen kann? Mit einem Ruck verkleinert sich der Riese, seine Angst ist jetzt offensichtlich. Warum machst du dich nicht grösser, damit du deine Angst überragst?, frage ich.
Wieder gabelt sich der Weg, man weiss nicht so richtig, wo man hinmuss. Hetzt mit geducktem Oberkörper weiter über den nächstgelegenen Weg, der bald in diesen, bald in jenen mündet. Läuft, was man kann. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Wege auf einen zu, dass man seine Beine nur noch mühsam hinter sich herschleift. Wie soll man in diesem Durcheinander wissen, woher man gekommen ist und wohin man gehen soll. Fällt abermals auf den Boden. Da nimmt einen jemand an den Füssen in den Mund, als wäre das der letzte Weg.
