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Zwei Völker, zwei Götter, zwei Arten und Weisen zu leben. Zwei Außenseiter, zwei Verräter, zwei Auserwählte, die das Schicksal der Welt erfüllen sollen. Ein Krieg, ein Kampf ums Überleben, ein Glauben, eine Liebe, ein gemeinsamer Weg. Nur zusammen können sie heilen, was zerbrochen wurde. Ari wächst in Kisharien heran, wo Männer alle wichtigen Positionen innehaben. Doch sie träumt davon, an der Akademie der Meister zu studieren und ein Meister zu werden. Beathan wächst in Macarien heran, wo nur Frauen die große Mutter verehren und Priesterinnen werden dürfen. Doch Beathan ist die Stimme der Mutter, ausersehen ihren Willen zu verkünden. Zusammen wird ihr Schicksal die Welt verändern Der Weg der Götter spielt in einer fremden Welt voller Abenteuer, Herausforderungen, Liebe, Kampf und dem Schicksal, als Außenseiter einen eigenen Weg finden zu müssen.
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Seitenzahl: 1027
Veröffentlichungsjahr: 2023
Thomas M Hoffmann
Der Weg der Götter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Danksagung
Die Welt von Talamo
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Leseprobe Blutgefährtin, eine neue Welt
Impressum neobooks
Vielen Dank liebe Leser, dass ihr diese Geschichte zur Hand nehmt. Als Autor bin ich darauf angewiesen, dass ihr sie mit Begeisterung lest und diese Freude auch mit anderen teilt. Lasst daher bitte eine Rezension da, wenn euch das Buch gefallen hat, aber auch, wenn es euch nicht gefallen habt. Sagt mir, was euch fehlt, nur dann kann ich mich verbessern und aus meinen Fehlern lernen. Ihr könnt mich über meine Webseite www.thomasmhoffmann.de erreichen.
Ein solches Buch kann nicht entstehen ohne die Hilfe von anderen. Mein besonderer Dank geht daher an meine Testleserinnen Britta, Marcella, Kari, Sophia und Monique. Ihr habt mir viel Input gegeben und mich dazu motiviert weiterzumachen und die Geschichte noch einmal zu überarbeiten. Besonderer Dank gilt auch Rene Rott von www.cover-and-art.de, der das Cover für mich entworfen hat.
Die Blutgefährtin Serie
Das vorliegende Buch ist nicht das erste, das ich veröffentlicht habe. Hier der Hinweis auf meine Urban Fantasy Serie.
Blutgefährtin 1, eine neue Welt (erschienen bei neobooks)
Blutgefährtin 2, die Verschwörung (erschienen bei neobooks)
Blutgefährtin 3, der Vampirjäger (erschienen bei neobooks)
Verträumt schaute Beathan auf die leicht hüglige Landschaft um ihn herum, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Er bemerkte das Ruckeln seines Sitzes auf dem schweren Wagen seiner Familie kaum. Er sah die grünen Wälder und fruchtbaren Wiesen von Morica, der südwestlichen Provinz Macariens nicht, weil er mit seinen Gedanken bei der großen Göttin Amu war.
Seine Eltern, seine Geschwister und er waren auf dem Weg nach Veg, um dort, wie an jedem Tag des Segens, an der Verehrung von Amu teilzunehmen. Beathan liebte es, zu Amu zu beten. Deshalb sehnte er diesen besonderen Tag der Woche immer herbei, manchmal so sehr, dass seine Mutter ihn ermahnen musste. Denn dann war er mit den Gedanken bei der Göttin und nicht bei seinen Aufgaben auf dem Hof.
Solange er sich erinnern konnte, waren die Stunden, die er in dem Tempel der Amu in Veg verbracht hatte, immer die schönsten gewesen. Er liebte die Lieder, die gesungen wurden. Er liebte die Atmosphäre des Tempels. Er liebte die Statue der Göttin, die dort stand und er liebte die Priesterin von Veg, Mutter Eula. Natürlich liebte er auch seine Eltern und seine Geschwister, aber die Liebe, die er für Amu empfand, war irgendwie etwas ganz anderes.
Deshalb freute er sich, dass wieder der Tag des Segens war und er sich auf dem Weg zum Tempel befand. Aber er spürte, dass heute irgendetwas anders war. Etwas würde passieren. Woher er das wusste und was es sein würde, konnte er nicht sagen. Er hatte überlegt, ob er seine Mutter fragen sollte. Aber die war zu beschäftigt gewesen, ihre Kinder für den Tag des Segens herzurichten und alles rechtzeitig fertig zu bekommen. Daher musste er allein mit dem komischen Gefühl zurechtkommen, das ihn erfüllte.
Die lauten Stimmen von Neron und Maggar rissen ihn aus seinen Gedanken. Die Zwillinge waren drei Sommer älter als er und ließen keine Gelegenheit aus, sich in einer Art Wettkampf zu messen. Beathan verstand nicht, was denn so wichtig daran war, stärker oder schneller zu sein. Er selbst war der jüngste der Kinder, aber er war schon zwölf Sommer alt und wusste, worauf es in der Welt ankam. Die Verehrung von Amu war notwendig, doch ob jemand stark war oder klug, das war nicht wichtig.
Diesmal hatten die beiden sich auf ein Armdrücken eingelassen. Sie hatten ihre Ellenbogen auf den hölzernen Tisch gestellt, der in der Mitte des Wagens montiert war, und versuchten, den Arm des jeweils anderen herunterzudrücken. Dabei taten sie mit Stöhnen und Knurren kund, wie sehr sie sich anstrengten. Rebtus wachte mit der Hochmütigkeit des Ältesten darüber, dass keiner schmutzige Tricks anwandte, während Melissia das Ganze gar nicht beachtete. Sie spielte summend mit ihrem Zopf, der ihr beinahe bis zu den Hüften reichte.
Sie war das einzige Mädchen der Familie und die Hoferbin. Genauso verhielt sie sich auch. Sie ließ ihre Brüder raufen und kämpfen, aber sie beschützte Beathan, wenn die anderen ausnutzen wollten, dass er der Jüngste war. Sie schaffte es immer wieder, alle nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Gegen ihre subtilen Methoden der Lenkung war selbst Rebtus hilflos. Natürlich hatte sie das von ihrer Mutter gelernt, die die Familie leitete und verwaltete, wie eine gute Frau das tun sollte.
Stirnrunzelnd betrachtet Beathan den Wettkampf seiner Brüder. Warum versuchten Neron und Maggar immer herauszufinden, wer stärker war? Es war doch offensichtlich, dass sie in allem gleich waren. Sie sahen sich nicht nur sehr ähnlich, sondern hatten auch dieselben Tricks und Fähigkeiten parat. Immer, wenn einer etwas Neues entdeckte, bemühte sich der andere sofort, diese Neuigkeit ebenfalls zu lernen. Auch jetzt schien keiner der beiden die Oberhand erringen zu können.
Doch diesmal hatte Beathan das Gefühl, als würde man spüren können, wer gewinnen würde. Er schaute intensiver auf die beiden, wie sie sich abmühten und versuchte, zu erkennen, wer gerade einen Vorteil erlangte. Plötzlich kam ihm ein Bild in den Sinn.
«Neron wird gewinnen.», verkündete er. Seine helle, noch ganz jungenhafte, Stimme drang sofort zu seinen Brüdern durch.
Wütend ruckte der Kopf von Maggar hoch, eine scharfe Entgegnung auf den Lippen. Diesen Augenblick nutzte Neron aus. Mit einer plötzlichen Kraftanstrengung drückte er den Arm seines Bruders nach unten, dessen mangelnde Aufmerksamkeit dafür sorgte, dass er keinen Widerstand leisten konnte. Der Arm berührte die Oberfläche des Tisches. Jubelnd riss Neron die Arme in die Höhe.
«Sieg!», rief er laut aus.
Augenblicklich sprang Maggar auf, packte einen Arm Nerons und versuchte, ihn wieder in Stellung zu ziehen.
«Gar nicht wahr. Du hast gepfuscht. Das war kein richtiger Sieg. Du hast diese kleine Ratte bezahlt, dass sie mich ablenkt.»
Neron sprang ebenfalls auf.
«Was soll ich gemacht haben? Als ob ich das nötig hätte. Du hast doch schon gezittert, weil du am Ende deiner Kräfte warst.»
«Lüge, Lüge, Lüge. Du hast viel mehr gezittert.»
«Ich habe gewonnen, das ist doch so etwas von klar.»
«Hast du gar nicht. Das war unfair.»
«Nein, war es nicht», mischte sich Rebtus ein. «Du hast dich ablenken lassen, es ist also deine eigene Schuld.»
Als er sich plötzlich zwei seiner Brüder gegenübersah, wandte Maggar seinen Zorn gegen Beathan.
«Gib zu, du Winzling, dass Neron dich angestiftet hat, mich abzulenken.»
Drohend machte er einen Schritt auf Beathan zu, der ihn mit großen Augen ansah, als würde er nicht verstehen, warum sein Bruder so wütend geworden war. Dabei trat Maggar Rebtus, der vor Beathan auf der Bank saß, auf den Fuß. Der stieß einen Schmerzensschrei aus und schlug Maggar gegen das Bein. Dieser wollte sich für den Schlag rächen, rief eine Beleidigung und wandte sich seinem Bruder zu. Doch bevor die Situation endgültig in eine wüste Prügelei abgleiten konnte, peitschte eine scharfe Stimme dazwischen.
«Das reicht, Kinder. Ruhe, sofort.»
Die Autorität der Mutter wirkte auf der Stelle, alle erstarrten, sogar Melissia unterbrach ihr Lied und schaute zu ihr auf. Rebtus ließ von seinem Bruder ab und setzte sich wieder hin. Beathan wandte seinen Blick auf die Mutter. Nur Maggar konnte das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, nicht vergessen.
«Aber Mama. Ich hätte gegen Neron bestimmt gewonnen, wenn Beathan mich nicht abgelenkt hätte. Das hat er extra gemacht. Das ist nicht fair.»
Die Mutter lächelte nachsichtig und wandte sich an Beathan.
«Beathan, hast du deinen Bruder absichtlich abgelenkt?»
Der antwortete zunächst nicht. Er zog seine Stirn kraus, als müsste er angestrengt nachdenken. Schließlich sagte er zögernd.
«Nein, ich wollte ihn nicht ablenken. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde Neron gewinnen. Es ist mir ganz einfach in den Kopf gekommen.»
«Aber du siehst doch, dass du dadurch, dass du dazwischengerufen hast, Maggar abgelenkt hast?»
Wieder zögerte Beathan. Schließlich nickte er.
«Es tut mir leid. Das wollte ich nicht.»
Maggar sah so aus, als würde er seinem Bruder nicht glauben, aber in diesem Moment mischte sich der Vater ein.
«Aber Rebtus hat auch Recht, Maggar. Du hast dich ablenken lassen. Wenn du kämpfst, dann musst du immer konzentriert bleiben, sonst bist du im Nachteil. Lerne daraus. Du kannst deinen Bruder ja zu einer Revanche herausfordern.»
Die Aussicht, seine Stärke doch noch beweisen zu können, hob die Laune von Maggar sichtlich. Er wollte sich gerade vor seinem Bruder aufbauen und ihn mit hochfliegenden Worten herausfordern, da unterbrach ihn der Vater.
«Aber nicht jetzt, wir sind fast da.»
Tatsächlich war der Wagen auf die Spitze eines Hügels gefahren und hinter der Biegung des Weges war das Dorf Veg zu sehen. Es war keine große Siedlung, lediglich ein paar hundert Häuser drängten sich um die Anlegestelle des Flusses mit dem gleichen Namen. Sie waren in dem typischen Stil der Provinz Morica gebaut, zweigeschossig mit strohbedeckten Giebeldächern. Nur die Ratshalle und der Tempel der großen Mutter ragten als Gebäude heraus.
Zwischen diesen beiden lag der Markt, der aber am heutigen Tag des Segens natürlich nicht geöffnet war. Später würden sich dort viele der Familien für Gespräche und ein Mittagessen einfinden, aber noch war wenig los. Die meisten Menschen strebten dem Tempel zu, so wie auch der Wagen der Familie Sidania. Petronas lenkte die Ochsen von dem staubigen Feldweg auf den Hauptweg, der von Veg nach Glastana führte, der nächsten größeren Stadt im Süden. Der Weg war sogar mit Steinen befestigt. Schon bald erreichten sie die Grenze des Dorfes. Dort befand sich das Feld, auf dem die Wagen der Bauern abgestellt waren, die von den umgebenden Höfen kamen, um die Mutter zu verehren.
Während Petronas die Ochsen anband und versorgte, stellte Sama ihre Kinder dem Alter nach auf und überprüfte ihre Kleidung. Die Jungen waren alle in leinene Hosen und gewebte Hemden gekleidet. Der Stoff war einfach und robust, wie es sich bei einer Bauernfamilie gehörte, aber die Sachen waren gut gepflegt und teilweise bunt gefärbt. Schließlich war es der Tag des Segens und man besuchte das Haus der großen Mutter Amu nicht in seiner Alltagskleidung. Nur Beathans Kleidung sah abgegriffen aus, er trug die Sachen, aus denen seine Brüder bereits herausgewachsen waren. Sama machte sich eine gedankliche Notiz, ihrem Jüngsten im Verlauf der Zeit der Hitze neue Hosen zu nähen.
Melissia hatte, als die zukünftige Herrin des Hauses Sidania, schon immer eine Sonderrolle gespielt, was Kleidung betraf. Wenn sie auf dem Feld oder im Stall half, trug sie zwar auch oft robuste Bekleidung, wie ihre Brüder. Aber ansonsten hatte sie schon früh darauf bestanden, ihre eigenen bunten und gefällig aussehenden Sachen anzuziehen. So war sie auch jetzt in einen weiten Rock und ein bauschendes Oberteil gekleidet, das sogar an einigen Stellen einen Spitzenbesatz und eine Verzierung mit glitzernden Glasperlen besaß. Da das Geld für wertvollere Kleidung fehlte, hatte sie diese Verschönerungen selbst angebracht und dafür auch mit großem Eifer nähen gelernt.
Sama hatte ihre Tochter darin gerne unterstützt. Es konnte nichts schaden, wenn die Herrin eines Hauses viele handwerkliche Fähigkeiten mitbrachte. Das verbesserte die Auswahl an Männern, die später potenziell in die Familie einheiraten würden. Dass das Oberteil weiter gefasst war, als Melissia schon ausfüllen konnte und auch der Rock die weiblichen Kurven stärker betonte, als es bei dem Alter des Mädchens angebracht war, hatte Sama dafür mit gerunzelter Stirn akzeptieren müssen.
Natürlich sah Melissia tadellos aus und sogar bei den Jungen war alles in Ordnung, auch wenn sich Maggar und Neron ein paar Flecken eingehandelt hatten. Die kamen von dem Staub, der sich in dieser Zeit der Blüte überall in der Luft befand. Sama konnte aber das meiste aus den Hemden heraus reiben. Schließlich war sie mit dem Ergebnis ihrer Überprüfung zufrieden.
«Gut Kinder, ihr könnt noch etwas spielen. Aber ich will keinen Schmutz sehen, wenn Mutter Eula uns in ihr Haus ruft.»
Das ließen sich die Kinder kein zweites Mal sagen. Mit Geheul stürmten die Jungen davon, während Melissia mit der Würde einer Herrin ihren Brüdern hinterher schritt. Sie war genauso erpicht darauf, ihre Freundinnen zu treffen und den neuesten Klatsch auszutauschen, wie die anderen. Aber ihr war bereits bewusst, was mit ihrer zukünftigen Stellung verbunden war und sie versäumte kaum eine Minute, dies allen zu demonstrieren.
Auch Beathan ließ sich von der Aussicht, seine Freunde aus dem Dorf zu treffen, von seiner nachdenklichen Stimmung ablenken. Er lief zu einer Gruppe Jungen in seinem Alter, die am Rand des Marktplatzes Abschlagen spielten. Sein Vater stellte sich zu den Männern, die in einem lockeren Kreis um Vico e Bitu den Hauptmann der Stadtwache, und den Ratsherrn Galba e Mapina herumstanden. Seine Mutter ging dagegen zu der Gruppe der Frauen um die oberste Rätin Rena e Essox.
Nicht dass es verboten gewesen wäre, dass ein Ehepaar zusammenblieb, wenn die neuesten Nachrichten auf dem Marktplatz ausgetauscht wurden. Aber so etwas galt als unsozial und Sama wusste, was sie der Gemeinschaft als Herrin einer der wichtigsten Bauernfamilien schuldig war. Rena winkte ihr sofort zu, als sie sich der Gruppe näherte.
«Sama, Liebes. Gut, dass du da bist. Ich habe Nachrichten zu deiner Anfrage wegen Rebtus. Triff dich doch bitte nach der Feier der Mutter mit mir, dann gebe ich dir die Namen.»
«Amu sei mir dir, Rätin. Ich danke dir und werde kommen.»
Rena nickte freundlich und wandte sich wieder ihrer vorherigen Unterhaltung zu. Sama stellte sich dazu, war aber mit den Gedanken nicht bei der Sache. Sie dachte an die Zeit, als Rebtus, ihr erstes Kind, geboren worden war.
Es kam ihr vor, als wäre es gestern gewesen. Und jetzt musste sie sich schon darum bemühen, eine Ehefrau für ihn zu finden. Als ältester Sohn einer Bauernfamilie war es üblich, dass er die zukünftige Herrin eines Hofes heiratete. Abgesehen davon, dass es in Veg keine geeignete Kandidatin gab, war es normal, dass eine solche Verbindung an einen weiter entfernten Hof ging. Das stärkte den Zusammenhalt zwischen den Dörfern und vermied Inzucht.
Daher hatte sie die oberste Rätin um Hilfe gebeten, die über ihre Kontakte die Namen der Familien erfahren konnte, bei denen es eine Hoferbin im geeigneten Alter gab. Nun würde sie diese anschreiben und Kontaktbesuche machen müssen, um zu sehen, ob die Kinder zueinander passten. Ein solcher Prozess konnte einige Zeit dauern. Daher war es wichtig, schon jetzt damit zu beginnen, obwohl Rebtus erst in einem halben Jahr seine Initiation als Mann feiern würde.
Die Menschenmenge auf dem Marktplatz wuchs schnell an, die Sonnenuhr, die an der Seite des Tempels angebracht war, zeigte, dass die Zeit der Verehrung von Amu näher rückte. Fast automatisch hörte Beathan auf zu spielen. Die große Mutter war wichtiger als seine Beschäftigung mit den Freunden. Zögernd näherte er sich dem Tempel und wartete darauf, dass Mutter Eula das Zeichen zum Beginn geben würde.
Tatsächlich erschien sie in diesem Augenblick auf der Schwelle der Eingangstür. Die Priesterin war eine kleine, aber energisch aussehende Frau, die bereits früh ergraut war. Sie strahlte die Herzlichkeit und Liebe der großen Mutter in einer Weise aus, wie Beathan es bisher selten bei Frauen gesehen hatte. Sie begann mit einem Klöppel auf eine hölzerne Klangschale zu schlagen, die genau für diesen Zweck hergestellt und geformt worden war. Der sanfte Klang des Gefäßes erfüllte den Marktplatz und brachte die Unterhaltung der Menschen zum Erliegen.
«Kinder, kommt her und erlebt die Güte und Weisheit der großen Mutter.»
Die Stimme von Eula war sanft, aber kräftig. Sie durchdrang mühelos alle Unruhe, die noch unter den Kindern herrschte. Die traditionellen Worte lösten eine hektische Betriebsamkeit aus. Die Familien fanden sich zusammen und stellten sich in der Rangfolge der Wichtigkeit an der Tür des Tempels auf. Vorne standen die Angehörigen der Ratsmitglieder, danach folgten die Mitglieder der Stadtwache. Dann schlossen sich die Bauern, die Handwerker und Handelsleute an und am Ende diejenigen, die unverheiratet und ohne Familie waren. Petronas trieb alle seine Kinder zusammen, die sich wiederum dem Alter nach ordneten. Sama prüfte insbesondere bei den Zwillingen, ob sich nicht doch noch der eine oder andere Schmutzfleck in die Kleider verirrt hatte, aber es war alles in Ordnung. So waren sie bereit, als es für sie Zeit war, in den Tempel einzutreten. Mutter Eula stand am Eingang und sah Sama, die als Herrin die Familie anführte, mit einem freundlichen Blick in die Augen.
«Mutter. Ich, deine demütige Tochter, bitte darum, das Haus Amus betreten zu dürfen.»
Die Klarheit, mit der Sama diese traditionellen Worte sprach, erinnerte Beathan daran, wie ihn seine Mutter immer ermahnt hatte, die Traditionen und die Rituale ernst zu nehmen. Seine Brüder achteten nicht auf den Sinn der Worte oder die Bedeutung der Bräuche. Aber seine Mutter hatte ihm oft erklärt, warum man etwas sagte und tat, wenn es um Amu ging. Deshalb hatte er es sich angewöhnt, dem Beispiel zu folgen und zu versuchen, den Ablauf einer Verehrung bewusst zu erleben.
Nach seiner Mutter kamen erst sein Vater und dann seine älteren Geschwister an die Reihe. So war er der Letzte der Familie, der vortrat.
«Mutter. Ich, dein demütiger Sohn, bitte darum, das Haus Amus betreten zu dürfen.»
Er sagte das mit großem Ernst und bemühte sich, diesen Satz wie eine Frage klingen zu lassen, die abgelehnt werden konnte.
Doch Mutter Eula verweigerte ihm den Einlass nicht.
«Trete ein, Sohn, und sei willkommen.», lautete ihre traditionelle Antwort.
Damit ging Beathan in die Räumlichkeiten des Tempels, wo seine Familie bereits wartete. Sein Blick schweifte durch den wohlvertrauten Raum, der vor ihm lag. Das Gebäude war mit einer Mischung von Holz, Lehm und Stein erbaut, wobei die kreisförmigen Grundmauern mit Ziegeln befestigt waren, worauf sich eine kuppelförmige Holzkonstruktion anschloss. Das Ganze hatte den Eindruck eines Zeltes, in dessen höchster Erhebung ein Loch war, das bei Regen abgedeckt wurde. Jetzt aber stand es offen, damit das Licht der Sonne auf den darunter stehenden Altar fallen konnte.
Dieser war ein quadratischer Tisch, der mit reichen Tüchern bedeckt war und auf dem die heiligen Gefäße der Amu standen. Der Teller war aus feinstem Porzellan und mit den traditionellen Gaben aus Obst und Getreide gefüllt. Der Becher war aus Glas und Beathan wusste, dass sich darin klares Wasser befand. In einem Dreieck darum herum waren drei hölzerne, reich verzierte Schüsseln angeordnet, die Blumen, Erde und Steine enthielten. Jeder der heiligen Gegenstände hatte eine tiefe Bedeutung. In dem Unterricht, den Mutter Eula seit Jahren für die Bewohner des Dorfes abhielt, lernte man den Hintergrund und die Geschichten dazu.
Vom Eingang aus gesehen hinter dem Altar stand eine Statue, die die große Mutter darstellte. Beathan hatte die Herkunft dieses Kunstwerks im Unterricht bei Eula gelernt. Angeblich war vor vielen Jahren eine Prophetin der Amu nach Veg gekommen. Sie war gleichzeitig eine große Künstlerin gewesen und hatte die Statue aus Dankbarkeit für ihre Genesung angefertigt. Sie war in Veg so krank geworden, dass sie am Rand des Todes gestanden hatte. Sie musste für die Arbeit einige Schwierigkeiten in Kauf nehmen, denn den Marmor, aus dem die Statue bestand, gab es in diesem Teil Macariens nicht. Aber Beathan war froh über diese Mühe, denn die weiße Sanftheit des Steins drückte alles aus, was Amu ausmachte. Nirgends, selbst in der Hauptstadt nicht, gab es eine Darstellung der Amu, die ausdrucksvoller und schöner war, als die in der Gemeinde aus Veg.
Der Raum selbst war mit Bänken versehen, die in einem Halbkreis um den Altar angeordnet waren, so dass alle Besucher Platz finden konnten. Vom Eingang aus hinter dem Tisch mit den heiligen Gegenständen waren zwei Räumlichkeiten mit nicht tragenden Wänden abgetrennt. Darin konnte sich die Priesterin aufhalten und sich auf die Verehrung der Amu vorbereiten.
Die vorderen Bänke waren bereits mit den wichtigsten Familien besetzt und der Hauptmann der Stadtwache befand sich noch in einem intensiven Gespräch mit dem Ratsherrn. Beathans Mutter schüttelte unwillig den Kopf. Für die Probleme des Alltags gab es im Anschluss an die Feier der Amu noch genug Gelegenheit, sich auszutauschen. Jetzt sollten alle Konzentration und Gedanken der großen Mutter gelten. Dafür war man schließlich hier.
Sie nickte ihrer Familie zu und führte sie an den Platz, der für sie am Tag des Segens vorgesehen war. Sama saß links, neben ihr Melissia, dann die Jungen und außen Petronas. Alle Kinder waren still, da sie wussten, dass von ihnen verlangt wurde, sich auf die Begegnung mit Amu vorzubereiten. Nur die Zwillinge tuschelten miteinander, aber Beathan richtete seine Gedanken auf die große Mutter. Er konzentrierte sich auf die Statue und plötzlich machte sein Herz einen Sprung. Hatte Amu ihm zugelächelt? Verwirrt schüttelte er den Kopf. Das konnte ja eigentlich nicht sein, oder?
Schließlich war die Gemeinschaft versammelt und Eula schritt würdevoll durch den Mittelgang zu dem Gabentisch. Die Gespräche erloschen und alle erhoben sich. Nur die Zwillinge fanden es unnötig, ihr Getuschel zu unterbrechen, bis Sama sie durch eine sanfte Berührung daran erinnerte, dass jetzt die große Mutter im Vordergrund stand. Eula stellte sich hinter den Gabentisch und hob den Becher mit beiden Händen nach oben.
«Liebe Kinder, seid willkommen im Hause der großen Mutter. Trinkt das klare Wasser, um euren Durst nach Leben zu löschen.»
«Dank, oh große Mutter, für das Leben.», erwiderte die Gemeinde in einem Chor der Stimmen.
Eula stellte den Becher wieder hin und hob die Schale hoch.
«Esst die Gaben der Erde, um euch zu stärken und mit Kraft und Freude die Aufgaben zu erfüllen, die die große Mutter gegeben hat.»
«Dank, oh große Mutter, für deine Gaben.»
Eula stellte die Schale wieder vor sich ab.
«Lasst uns gemeinsam essen und trinken, singen und feiern. Denn die große Mutter hat uns gesegnet.»
Mit diesen Worten erhoben sich vier Männer und zwei Frauen und gingen zu den Instrumenten, die am Rande des Altarraums bereitstanden. Die meisten Anwesenden holten ein Büchlein mit Liedtexten hervor. Nachdem sich die Musiker bereitgemacht hatten, verkündete einer der Männer das Lied, das zum Eingang gesungen werden sollte und die Feier der großen Mutter begann.
Beathan war der Ablauf so vertraut, dass er keine Probleme hatte, ihm zu folgen. Nach dem Eingangslied folgten Gebete, die teilweise von Eula, manchmal auch von der Gemeinde gesprochen wurde. Dann wurden Texte aus dem heiligen Buch verlesen, diesmal war es die Geschichte von der Bekehrung des Dämons Hetor, der ursprünglich zusammen mit Keltos rebelliert hatte. Als er von dem ehemaligen Vatergott zu den Menschen gesandt wurde, um sie gegen Amu aufzubringen, verliebte er sich in eine Menschenfrau. Dies brachte ihn dazu, den Irrtum seiner Wege zu erkennen. Er wandte sich Amu wieder zu, wurde begnadigt und erhielt den neuen Namen Solitas, der Wächter.
Nach dem Verlesen der heiligen Texte folgte ein Teil, in dem die Anbetung der großen Mutter im Vordergrund stand. Jeder konnte hier etwas beitragen, ein Gebet, ein Lied, eine Geschichte, einen Wunsch oder ein Lob. Eula achtete darauf, dass alles seinen rechten Gang ging. Falls sich niemand fand, der einen Beitrag leisten wollte, forderte sie die Gemeinde auf, ein weiteres Lied zu singen. Die Stimmung wurde ehrfürchtig und meditativ, auch Beathan richtete seinen Blick auf Amu.
In diesem Augenblick zuckte er vor Schreck zusammen und wäre fast aufgesprungen. Der Kopf der Statue bewegte sich und die Göttin sah ihn direkt an. Die sonst weißen Augen fingen an zu leuchten und das Gesicht verwandelte sich von Stein in Fleisch. Amu lächelte jetzt ganz deutlich und Beathans Herz begann zu rasen, dass er meinte, es müsste jeden Augenblick aus seiner Brust herausspringen. Dann öffnete die Göttin den Mund und sprach mit ihm.
«Komm, mein Kind, komm und sieh.»
Wie im Traum stand Beathan auf. Eigentlich durfte er während der Verehrung der Mutter nicht aufstehen und herumrennen, aber die Göttin hatte ihn gerufen. Da konnte er nicht anders. Fast taumelnd machte er ein paar Schritte auf die Statue zu, ohne dass seine Mutter oder die Leute bemerkten, dass etwas Ungewöhnliches geschah.
«Ich höre, große Mutter.», sagte er.
Da hob Amu einen Arm und deutete in eine Richtung. Als Beathan den Blick dorthin richtete, sah er eine Scheune. Er kannte sie, er war schon einige Male dort gewesen, um mit den Kindern der Familie zu spielen. Es war ein Gebäude auf dem Hof der Olcanis. Während er sich fragte, warum er diese Scheune sah, fingen plötzlich Flammen an, aus dem Dach zu schlagen. Ein Feuer verzehrte das Gebäude und er meinte, das ängstliche Blöcken und Quieken des Viehs zu hören.
Panik stieg in ihm hoch und er wollte dorthin rennen und den Tieren helfen. Sie würden verbrennen, wenn niemand die Tür öffnen und sie herauslassen würde. Doch sein Impuls, nach vorne zu laufen, verwandelte sich in ein Taumeln, so dass er gegen den Tisch hinter sich stieß. Fast sehnsüchtig streckte er seine Arme dem Bild entgegen.
«Nein, die Tiere. Was ist mit den Tieren? Öffnet doch die Tore, hört ihr nicht, wie sie Angst haben?»
Wie im Traum hörte er, wie Leute aufsprangen. Irgendwie wusste er, dass er nicht selbst dorthin rennen und die Tore öffnen konnte. Sein Blick verschleierte sich, als Tränen der Angst und der Sorge in seine Augen traten. Die Erwachsenen, die mussten helfen, sie würden wissen, was zu tun ist. Er wirbelte herum und stieß gegen seine Mutter, die zu ihm geeilt war.
«Feuer. Da ist ein Feuer. Das Dach der Scheune, es brennt. Die Tiere haben Angst. Helft ihnen, schnell.»
Wie Balsam umschlossen ihn die Arme seiner Mutter. Er wurde etwas ruhiger. Sie würde alles in Ordnung bringen.
«Ruhig, Beathan, ruhig. Hier ist kein Feuer. Komm, wir gehen vor die Tür.»
Er spürte, wie sie versuchte, ihn in Richtung Tür zu ziehen, aber er weigerte sich, einen Schritt zu machen. Sie glaubte ihm nicht, die Tiere würden verbrennen.
«Nein, nein. Die große Mutter hat es mir gezeigt. Nicht hier. Die Scheune auf dem Hof der Olcanis. Sie brennt. Das Tor ist zu, die Tiere können nicht heraus. Wir müssen ihnen helfen.»
Unruhe entstand in den Bänken, insbesondere in dem Bereich, in dem die Familie Olcani saß. Die Leute schauten sich fragend und nervös an. Seine Mutter blickte ihn mit gerunzelter Stirn an und zögerte. Da kniete sich Mutter Eula neben ihm nieder. Die Priesterin konnte sehr streng und unnachgiebig sein, aber jetzt klang ihre Stimme so, als wüsste sie, was er meinte.
«Wie kommst du darauf, dass die Scheune der Olcanis brennt?»
Sie schien ihm zu glauben, das erfüllte Beathan mit Erleichterung.
«Die große Mutter. Sie hat, hat … sich bewegt. Sie hat mich angeschaut.»
Unwillkürlich ging sein Blick zu der Statue. Er erwartete, dass sie herabsteigen und zu ihm kommen würde. Aber die Figur war wieder aus Marmor und nichts dergleichen geschah.
«Ja? Und was passierte dann?», fragte Eula immer noch mit sanfter Stimme.
«Ich sollte zu ihr kommen. Also bin ich zu ihr gegangen. Man muss doch tun, was die große Mutter befiehlt, nicht wahr, Mutter Eula?»
Sie nickte lediglich bestätigend.
«Dann hat sie gelächelt. Und dann hat sie auf die Wand gezeigt. Ein Bild ist darauf erschienen, das Bild von der Scheune auf dem Hof der Olcanis. Ich kenne die Scheune, ich habe dort schon gespielt. Dann ist Feuer durch das Dach geschlagen, es hat angefangen, um sich zu greifen. Ich habe die Ochsen blöken hören. Sie haben Angst, sie wollen raus. Wir müssen ihnen helfen.»
Plötzlich wurde ihm klar, wie dumm sich das alles anhörte. Wie konnte er erwarten, dass sie ihm glauben würden? Er war hier in dem Tempel der großen Mutter in Veg, viele Schritte von dem Hof der Olcanis entfernt. Beschämt blickte er zu Boden.
«Wir müssen helfen» flüsterte er nur noch.
Eula runzelte kurz die Stirn und richtete sich dann auf.
«Vailos e Olcani. Bitte nimm dein Pferd und reite zu eurem Hof. Prüfe, ob alles in Ordnung ist.»
Unruhe entstand, als ein junger Mann nickte, sich an seiner Familie vorbei aus der Sitzreihe schlängelte und nach draußen verschwand. Wenig später konnte man hören, wie ein Pferd angetrieben wurde und in einen Galopp verfiel.
«Sama, nimm deinen Sohn und bringe ihn in den Versammlungsraum. Wir setzen unsere Anbetung der Göttin fort.»
Hastig zog Sama ihren Sohn zur Seite. Diesmal ließ er dies ohne Widerstreben über sich ergehen. Die Leute flüsterten aufgeregt, nicht wenige schauten neugierig oder sogar ärgerlich auf Beathan, der aber seinen Blick unverwandt zu Boden richtete. Kaum waren die beiden durch eine Tür in einem der abgetrennten Räume verschwunden, in dem sich die Gemeinde nach der Verehrung Amus zusammenfand, wenn das Wetter einmal schlecht war, hörte man die energische Stimme Eulas.
«Lasst uns ein Lied zusammen singen.»
Beathan fühlte sich plötzlich zittrig, seine Beine wurden schwach und er hatte Mühe, zu stehen. Seine Mutter zog ihn an ihre Brust und umarmte ihn. Er klammerte sich an sie, so wie er es als kleines Kind immer getan hatte. Es dauerte eine ganze Weile, bis er ruhiger wurde.
«Es wird alles gut, Beathan. Vailos wird nachschauen, was mit der Scheune ist.»
«Aber was ist, wenn er zu spät kommt?»
Beathan sprach leise und er spürte immer noch dieses Zittern. Obwohl seine Stimme in letzter Zeit angefangen hatte, tiefer zu klingen, merkte er, wie er so quiekte, so als wäre er noch ein kleines Kind.
«Das wird er nicht.»
«Aber ich habe gesehen, wie die Flammen aus dem Dach schlugen. Bis zum Hof der Olcanis braucht man einen viertel Strich. Bis dahin werden die Tiere Angst haben. Wir müssen ihnen helfen.»
«Das tun wir ja. Vailos wird ihnen helfen, du wirst schon sehen.»
Die Worte beruhigten ihn langsam. Er wurde still und lauschte den Geräuschen aus dem Tempel. Eula sprach gerade die Abschlussgebete. Aber seine Mutter schien nicht so sehr bei der Sache zu sein, so sorgenvoll blickte sie zu Boden. Beathan traute sich nicht zu fragen. Vielleicht war er schuld, dass sie sich Sorgen machte, und das wollte er nicht.
Kurz nachdem die Feier der Göttin in den Lärm der aufbrechenden und aufgeregt miteinander redenden Menschen überging, kam Eula herein. Sie kniete sich langsam neben Mutter und Sohn nieder, um mit Beathan auf Augenhöhe zu sein. Er schaute sie ängstlich an. Wie würde sie reagieren, würde sie ihm böse sein, weil er die Verehrung von Amu gestört hatte? Aber sie strich ihm bloß eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
«Geht es dir besser, Beathan?»
Dieser nickte zaghaft.
«Erzähl mir noch einmal, was passiert ist.»
«Wir … wir waren bei der Anbetung der großen Mutter. Ich dachte daran, wie sehr sie mich an Mama erinnert, wie sehr ich mich freue, dass sie bei uns ist. Dabei … »
Beathan senkte den Blick, er schien mit sich zu kämpfen.
«Sprich weiter.»
«Dabei schaute ich auf ihr Gesicht, ich sah den weißen Stein, ihre freundlichen Züge. Da ... da ... da leuchteten plötzlich ihre Augen auf. Sie sahen mich an. Sie lächelte. Dann hob sie ihre Hand und befahl mir, näher zu kommen. Also bin ich aufgestanden, um zu ihr zu gehen. Ich musste doch gehorchen. Nicht wahr, Mutter Eula, ich musste doch gehorchen.»
«Natürlich, Beathan. Wenn Amu ruft, dann muss man gehorchen.»
«Ich bin zu ihr gegangen. Ich konnte nur noch ihr wunderbares Gesicht sehen, ihr Lächeln. Sie sah mich fragend an. Also sagte ich ihr, dass ich sie höre.»
Zögernd schaute Beathan in die Augen von Eula. Diese nickte bestätigend.
«Da zeigte die große Mutter in Richtung der Wand. Ein Bild erschien da, das Abbild der Scheune. Und es bewegte sich, ich sah Flammen, Flammen, die aus dem Dach schlugen. Ich bekam Angst, schreckliche Angst.»
Den letzten Satz flüsterte Beathan nur noch. Schweigen breitete sich aus, während die beiden Frauen die Geschichte verdauten. Eula hatte ihre Stirn gerunzelt, wie sie es immer tat, wenn sie eine schwierige Frage zu klären hatten. Schließlich schien sie zu einer Entscheidung zu kommen. Sanft strich sie eine weitere Haarlocke aus den schwarzen Haaren von Beathan.
«Es ist gut, mein Sohn. Du hast nichts falsch gemacht. Ob das, was du gesehen hast, Wirklichkeit ist, werden wir bald erfahren. Bitte komme morgen nach dem Unterricht zu mir, dann können wir darüber reden.»
Beathan nickte, während seine Mutter die Priesterin fragend ansah.
«Ja, Sama, du solltest ebenfalls kommen. Doch nun lasst uns nach draußen gehen. Bestimmt erhalten wir bald Nachrichten von Vailos.»
Mühsam richtete sich Sama auf, die die ganze Zeit verkrampft dagesessen hatte. Eula war bereits an der Tür und öffnete sie. Im zentralen Raum standen nur noch drei Männer, die wohl etwas zu besprechen hatten, jetzt aber ihr Gespräch unterbrachen und neugierig in Richtung von Beathan schauten. Dieser hielt seinen Blick gesenkt, die Hand der Mutter umklammert. Gerade als sie sich zum Ausgang wendeten, war von draußen Unruhe zu hören. Menschen riefen etwas. Ein Pferd näherte sich im Galopp.
«Kommt.», sagte Eula zu Beathan und seiner Mutter, dann eilte sie zur Tür und öffnete sie hastig. Draußen war eine Traube von Leuten zu sehen, die ein Pferd umringten, auf dem Vailos saß. Seine Haare waren durcheinander und standen in alle Richtungen ab. Auf seiner Kleidung waren dunkle Flecken und auf der rechten Wange zeigte sich ein schwarzer Streifen, wie von einem Kohlestift. Er atmete schwer.
«Die Scheune. Sie brennt. Ich bin gerade rechtzeitig gekommen, um die Ställe zu öffnen und die Tiere nach draußen zu treiben. Ich glaube, es sind alle entkommen. Aber das Feuer breitet sich aus. Wir müssen löschen, sonst greift es auf das Haupthaus über.»
Diese Worte brachte Bewegung in die Menge. Mehrere Männer rannten in Richtung zu dem Schuppen, in dem ein spezieller Wagen abgestellt war, der Wasser zum Löschen enthielt. Doch es würde eine Weile dauern, bis dieser den Hof der Olcanis erreichen würde. Andere Männer rannten zu ihren Reittieren. Beathans Vater schob seine Kinder, die bei ihm standen, in Richtung Sama.
«Hier, fahrt nach Hause. Ich helfe bei den Löscharbeiten.»
Damit wandte er sich ab, um sich zu den Männern zu gesellen, die gerade einen Karren bestiegen, vor dem zwei Pferde angeschirrt waren. Doch Sama schien von dem ganzen Chaos nichts wahrzunehmen. Ihre Augen waren aufgerissen und immer noch auf Vailos gerichtet. Mit aller Kraft hielt sie die Hand ihres Sohnes umklammert. Beathan war auch erstarrt. Was hatte das zu bedeuten? Das Bild, das er gesehen hatte, war echt gewesen. Doch wie konnte das sein? Erst Eula riss ihn aus seiner Erstarrung, indem sie eine Hand auf den Arm seiner Mutter legte, der Beathan festhielt. Ruckartig blickte Sama der älteren Frau in die Augen.
«Was hat das zu bedeuten, Mutter?»
«Ich bin mir nicht sicher, Sama. Es kann von großer Wichtigkeit sein oder völlig unwesentlich. Jetzt müssen wir Geduld haben und Amu vertrauen. Komm morgen nach dem Unterricht mit Beathan zu mir, dann besprechen wir, wie es weitergeht.»
Sama konnte nur stumm nicken. Ihre Augen trafen sich mit denen ihres Sohnes. Er war erleichtert, dass das, was er gesehen hatte, Wirklichkeit gewesen war und dass die Tiere entkommen waren. Doch er fühlte, dass die Konsequenzen seiner Vision weitreichend sein würden. Alles würde sich ändern, er wusste nur nicht, was passieren würde. Etwas noch nie da Gewesenes stand bevor und es würde ihn ganz persönlich betreffen.
Doch er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte.
Leise summend ging Ari zwischen den Bänken des Kirchenraumes hindurch und wischte alle Flächen sorgfältig mit einem Tuch ab. Sie war während des Unterrichts von Vater Isik unaufmerksam gewesen und musste zur Strafe die Räume reinigen. Aber ihr machte das nichts aus. Die Lektionen waren immer elend langweilig. Der Priester hatte lang und breit erzählt, was der große Vater den Menschen verboten hatte. Nach seiner Darstellung waren alle von Herzen schlecht und hatten es verdient, vernichtet zu werden. Allein die Güte Gottes hielt die Schöpfung am Leben.
Ari verstand nicht, was an dem Vater denn gut sein sollte, wenn er die Menschen zuerst schlecht erschaffen hatte, um sie dann mit so vielen Verboten zu drangsalieren. Und nach den Worten von Vater Isik zu urteilen, hatte Gott insbesondere etwas gegen Frauen. Das kam wohl daher, dass die frühere Ehefrau des Vaters, die als Mutter die ersten Menschen geboren hatte, in ferner Vergangenheit abgefallen war und jetzt als Dämonin Macarien beherrschte. In dem Land mussten schreckliche Zustände herrschen, wenn man dem, was der Priester so erzählte, Glauben schenken konnte.
Aber Ari hatte so ihre Zweifel, ob Vater Isik immer die Wahrheit sprach. Einmal konnte sie wirklich nichts Verwerfliches daran finden, sich von einem Ehemann abzuwenden, der mit so vielen Verboten um sich warf. Sie fand die Idee, dass die Frauen das Sagen hatten, eigentlich ganz interessant. Natürlich spürte sie keine Neigung, nackte Männer gefesselt hinter sich her zu ziehen. Ihr war auch das, was Vater Isik über diese Begierden redete, nicht wirklich klar. Aber sich von keinem Mann sagen lassen zu müssen, was sie tun durfte oder nicht, kam ihr ganz attraktiv vor.
Also fand sie das, was Vater Isik im Unterricht erzählte, in der Regel langweilig. Einmal hatte sie versucht, ihn nach den Dingen zu fragen, die sie nicht verstand, aber da war der Priester sehr zornig geworden. Er hatte sie als verruchtes Weibsbild beschimpft. Also fragte sie nicht mehr, aber sie konnte es auch nicht über sich bringen, den endlosen Litaneien zuzuhören. Das hatte ihr jetzt die Strafarbeit eingebracht, die Kirchenräume sauber zu machen.
Ari fand Putzen auch langweilig. Aber ihre Mutter machte das jeden Tag und sie konnte sich während solcher Arbeiten in Gedanken mit interessanteren Dingen beschäftigen. Wie zum Beispiel mit der Frage, warum in Kisharien die Männer alles bestimmten. Hier auf der Burg Dagre gab es einen Fürsten, der aber keine Frau hatte, denn er war noch recht jung. Dann gab es einige adelige Familien, deren Oberhäupter Ämter wie die der Generäle oder des Schatzmeisters innehatten. Sogar der einzige Heiler der Burg war ein Mann, obwohl die Menschen lieber in das benachbarte Dorf gingen, wenn sie krank waren.
Ari hatte gehört, dass in Macarien alle Heiler Frauen waren, obwohl sie sich das nicht vorstellen konnte. Um Krankheiten behandeln zu können, musste man eine Schule besuchen und so etwas war in Kisharien für Frauen nicht üblich. Das wenige, was diese können mussten, um Kinder zu bekommen, zu kochen oder um sauber zu machen, lernten sie von anderen Frauen. Ihre Mutter hatte ihr schon gezeigt, wie man nähte und Kleider herstellte, aber Ari hatte sich in dieser Hinsicht als sehr ungeschickt erwiesen. Nein, sie interessierte sich eher für Dinge, wie Lesen und Schreiben. Ihre Mutter konnte das nicht, doch sie hatte den Hofmeister beobachtet, wie er etwas aufschrieb, und hatte versucht, zu verstehen, was er da machte. Ein paar Zeichen hatte sie schon gelernt. Aber richtig lesen konnte sie nicht, dazu waren die Runen zu kompliziert. Vielleicht sollte sie einmal Meister Zak fragen, der die Jungen der Burg unterrichtete, aber bisher hatte sie sich noch nicht getraut.
Zak war der Meister der Burg. Er war ein seltsamer, alter Mann, der viel Zeit in seinem Laboratorium verbrachte, wo er mit allen möglichen Dingen hantierte. Manche Kinder meinten, er würde zaubern, aber das glaubte Ari nicht. Menschen, die so etwas machten, waren doch immer böse und Meister Zak war ein sehr freundlicher und warmherziger Mann. Wenn er von seinen Elementen und Stoffen erzählte, leuchteten seine Augen so begeistert, dass sich die Kinder fragend anschauten, weil sie ihn nicht verstanden. Aber Ari fand diese Begeisterung faszinierend. Auch wenn ihr noch nicht klar war, wieso es so toll sein sollte, zwei Stoffe zusammen zu schütten, und es anfing zu stinken.
Langsam wurde Ari mit ihrer Arbeit fertig. Sie wischte über die letzte Bankreihe und sah sich um. Jetzt musste sie nur noch diese Statue des Vaters abwischen, dann war alles sauber und sie konnte endlich wieder spielen gehen. Die anderen Kinder tobten sicherlich schon draußen vor dem Tor und spielten fangen. Sie würde aber nicht mitspielen, heute hatte sie sich vorgenommen, in dem Waldgebiet nahe der Burg zu einer Lichtung zu laufen. Dort hatten Ameisen einen riesigen Haufen errichtet und sie wollte sie beobachten.
Als sie den letzten Staub von der Statue des Vaters entfernt hatte, hörte sie ein Geräusch hinter sich. Sie wandte sich um und sah Vater Isik im Eingang zu der Kapelle stehen. Er war ein dicklicher Mann mit fettigem, schon ziemlich schütterem Haar. Er war bereits lange der Priester auf der Burg, Ari glaubte, dass er hier angefangen hatte, als der Vater des jetzigen Fürsten noch jung gewesen war. Isik sah Ari mit seltsam funkelnden Augen an, so dass ihr etwas mulmig wurde. Artig machte sie einen Knicks.
«Ich habe alles saubergemacht, wie ihr es befohlen habt, Vater.»
Der Priester grinste breit.
«Das hast du gut gemacht, kleine Ari. Komm her.»
Vorsichtig ging Ari zu dem Mann. Etwas verursachte ihr Angst, aber sie wusste nicht, was es war. Ob er sie segnen wollte? Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass sie den Segen nicht mochte, aber im letzten Augenblick hielt sie sich zurück. Vater Isik wurde immer wütend, wenn man nichts mit Keltos zu tun haben wollte. Da war es besser, den Segen schweigend zu empfangen und dann schnell wegzukommen. Für die Segnung musste der Priester die Hände auf den Kopf des Gesegneten legen, also blieb sie vor Isik stehen und blickte zu Boden.
Der jedoch fasste unter ihr Kinn und hob ihren Kopf. Ein merkwürdiges Lächeln lag auf seinem Gesicht.
«Komm mit, ich zeige dir etwas.»
Neben dem Eingang zur Kapelle gab es ein kleines Zimmer, in dem die Helfer der Priester sich während des Gottesdienstes vorbereiteten. Isik hatte Ari an einer Hand gepackt und zog sie zu der Tür zu diesem Zimmer. Was wollte er ihr dort denn zeigen? In dem Raum gab es doch nichts, als ein paar Kisten und einen Tisch. Aris Angst verstärkte sich, was hatte Vater Isik mit ihr vor?
«Bitte, ich will nicht da hinein, ich habe Angst.»
Aber der Priester antwortete nicht. Er zog sie in das Zimmer, schloss die Tür und wandte sich mit einem Lächeln dem Mädchen zu. Ari wich verängstigt vor dem Mann zurück, der ihr immer näherkam. Schließlich verhinderte die Wand, dass sie weiter zurückweichen konnte und Vater Isik stand unmittelbar vor ihr.
«Komm schon Ari, stell dich nicht so an. Du musst doch lernen, was später deine Aufgabe als Frau ist.»
Damit fing er an, sie mit seinen Händen zu befühlen, als würde er etwas suchen. Erst tastete er ihre Brust ab, dann griff er nach ihrem Po und ihrem Unterleib. Ari war gelähmt vor Angst. Was immer er von ihr wollte, sie wusste, dass es falsch war, grundfalsch. Aber sie konnte nichts tun, sie hatte zu viel Angst. Mit aller Macht presste sie sich gegen die Wand, als könnte sie ihm damit entkommen, aber Isik rückte noch näher an sie heran und begann, ihr Kleid hochzuschieben.
In diesem Augenblick ertönte von draußen das Schließen der Kapellentür, als wäre jemand in die Kapelle hereingekommen. Mit einem Satz sprang Isik von Ari weg und drehte sich zu den Regalen um, als sich auch schon die Tür des Raumes öffnete. Herein kam Meister Zak, ein ergrauter, alter Mann. Er war klein, dürr, hatte zottelige Haare und sah immer irgendwie verwirrt und geistesabwesend aus. Doch diesmal schaute er mit gerunzelter Stirn auf die Szene, die sich ihm darbot. Vater Isik schien sich mit etwas in einem Regal zu beschäftigen, während sich Ari immer noch zitternd vor Angst gegen die Wand drückte.
«Ah, Vater Isik. Ihr seid hier. Ich hatte euch schon gesucht. Ich benötige einige Tageskerzen. Sie werden doch hier in diesem Raum gelagert, nicht wahr?»
Vater Isik drehte sich zu dem Gelehrten um und blickte ihn ziemlich ärgerlich an.
«Meister Zak. Ihr habt mich bei einer sehr wichtigen Kontemplation über die Wege des Vaters gestört. Ihr benötigt zu viele Tageskerzen, das ist gar nicht gut. Ihr verbraucht ja beinahe einen Jahresvorrat in wenigen Monaten.»
Meister Zak zuckte lediglich mit den Schultern.
«Tageskerzen sind nun einmal die einzige zuverlässige Methode, den Verlauf der Zeit zu messen. Ich mache aktuell eine Reihe von Experimenten, die es erfordern, dass ich die Zeit messe. Aber was macht denn Ari hier, wenn ihr eine so wichtige Kontemplation zu erledigen habt?»
Vater Isik winkte verächtlich ab.
«Das Mädchen soll hier lediglich saubermachen. Hier sind eure Tageskerzen. Aber seid gewiss, dass ich mich beim Fürsten über diesen Verbrauch beschweren werde. Die Kerzen sind ziemlich teuer.»
Damit trat er an ein anderes Regal heran und entnahm einer Kiste drei Tageskerzen, die er Meister Zak in die Hand drückte. Dieser runzelte wieder die Stirn und blickte fragend von Vater Isik zu Ari und zurück. Ari hatte sich nicht gerührt, die Angst hatte sie immer noch voll im Griff.
«Tut, was ihr nicht lassen könnt, Vater Isik. Da fällt mir noch etwas ein. Ari, deine Mutter fragte nach dir. Es ist wohl besser, wenn du jetzt zu ihr gehst.»
Meister Zak blickte Ari auffordernd an, aber die hatte immer noch zu viel Angst, um sich zu rühren.
«Was hat das Mädchen?», fragte Meister Zak.
«Ari ist nur etwas bedrückt, weil ich sie gerügt habe, als sie ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht hatte. Nicht wahr, Ari, du weißt ja jetzt, wie sich Frauen zu verhalten haben, um dem Vater zu gefallen, oder?»
Der leicht drohende Ausdruck im Gesicht des Priesters ließ Ari hastig nicken. Sie würde alles tun, um diesem Mann zu entkommen. Meister Zaks Stirnrunzeln vertiefte sich nochmals. Dann schüttelte er leicht den Kopf und wandte sich zur Tür.
«Kommst du Ari?»
Diese schaute unsicher auf den Priester, aber der verzog keine Miene. Da fasste sich das Mädchen ein Herz und lief schnell zum Ausgang. Meister Zak warf noch einen letzten Blick auf Vater Isik, dann folgte er Ari. Als er die Kapelle verließ, wartete Ari auf ihn und ging mit gesenktem Kopf hinter ihm her. Meister Zak hatte erwartet, dass sie schnell weglaufen würde, aber sie folgte ihm, als würde sie jemanden brauchen, der sie vor etwas beschützte. Vor der Kapelle blieb er stehen.
«Was ist los, Ari? Was ist dort drinnen geschehen?»
Aber Ari stand lediglich mit gesenktem Kopf vor Meister Zak und sagte nichts.
«Du kannst mir vertrauen, Ari. Ich will nur wissen, was dich so sehr verängstigt hat.»
Doch alle Bemühungen von Meister Zak waren vergeblich, er brachte aus Ari kein Wort heraus. Schließlich seufzte er.
«Ich muss jetzt zu meinem Laboratorium und ein Experiment überprüfen. Möchtest du mitkommen?»
Zu seinem Erstaunen schaute Ari mit erfreutem Gesichtsausdruck auf und nickte. Also ging er voraus über die Wehrgänge der Burg zu einer Treppe, die in die Mittelgänge führte. Die Festung war umfangreich genug für mehrere hundert Menschen und hatte ganze drei Türme. Ari hatte gehört, dass sie größer war als die meisten Burgen in Kisharien, außer vielleicht denen der Fürsten von Kesari oder Taner. Diese waren unermesslich reich und konnten deshalb größere Festungen bauen.
Auch Dagre war einmal reich gewesen, daher war die Burg eine der größten des Landes. Aber der Vater und der Großvater des jetzigen Fürsten hatten viel von diesem Reichtum verschwendet. Erst unter Kaza hatte es eine leichte Erholung gegeben und die Menschen hatten wieder genug zu essen. Aber das gefiel den Fürsten von Korun und Harek gar nicht, weswegen Dagre von Krieg bedroht war.
Die Kapelle stand auf einem der Höfe, die in Richtung des Gebirges gerichtet waren. Die Burg Dagre war in die ersten steilen Hänge des nördlichen Hochgebirges errichtet worden. Sie beherrschte ein Tal, das durch den Fluss Dagre in eine fruchtbare Gegend verwandelt wurde. Die Kapelle machte einen Zugang zur Burg vom Gebirge her fast unmöglich und war durch zwei Wehrgänge mit den übrigen Teilen der Festung verbunden. Dahinter gab es ein Gewirr von Höfen, Gängen, Treppen und Bauten. Das Gebäude, auf das Meister Zak zuging, befand sich im westlichen Teil der Burg. Dort gab es einen Trakt von vier Räumen, der das Reich von Meister Zak darstellte. In einem Zimmer schlief er. In einem unterrichtete er die Jungen der Burg. In einem hatte er sein Laboratorium eingerichtet und eines war der Raum der Elemente. Das war ein geheimnisvolles und verschlossenes Zimmer, das gefüllt war mit einer großen Sammlung von seltenen Stoffen und Gegenständen.
Ari hatte schon einmal einen Blick in das Laboratorium hineinwerfen können, aber nur kurz, und was sie gesehen hatte, hatte ihre Neugierde geweckt. Die Wände des Raums waren vollgestellt mit Regalen, in denen sich hauptsächlich Bücher befanden, so viele, wie Ari noch nie gesehen hatte. Ansonsten standen dort die seltsamsten Gerätschaften und gläserne Behälter mit den verschiedensten Stoffen oder Flüssigkeiten darin. Alle Gefäße waren sorgfältig beschriftet, auch wenn Ari nicht lesen konnte, was darauf stand.
Einige enthielten Tiere, wie Eidechsen oder Insekten, dazu schwammen diverse innere Organe in Flüssigkeit, um konserviert zu werden. Die Jungen flüsterten sich zu, dass es Teile von Menschen waren, die Meister Zak getötet hatte, aber Ari glaubte das nicht. Dazu sahen diese Organe nicht richtig aus, auch wenn sich Ari nicht sicher war, von welchen Tieren sie stammten.
Als sie vorsichtig den Raum hinter Meister Zak betrat, gingen ihre Blicke zuerst zu diesen Gefäßen. Aber dann wurde ihre Neugierde von anderen Behältern angezogen, die verschiedene Stoffe enthielten. Manche waren braun und erdfarben, viele waren bunt, einige waren mit glitzernden Körnern gefüllt. Wieder andere waren farblos oder weiß. Ari hatte gar nicht gedacht, dass es so viele Stoffe gab. Es standen auch einige Flaschen herum, die sorgfältig mit Wachs verschlossen waren, die aber gar nichts zu enthalten schienen.
Meister Zak hatte sich über eine Apparatur gebeugt, die auf einem der Tische stand. Diese bestand aus einem gläsernen Behälter, in der eine Flüssigkeit kochte, angetrieben von einer Kerze, die darunter stand. Das Gefäß war durch ein Rohr mit einem zweiten Container verbunden, der wiederum mit einem dritten gekoppelt war. Auch unter dem zweiten Behälter, in dem es tropfte, brannte eine Kerze, die aber etwas weiter entfernt stand. Das dritte Gefäß schien leer zu sein. Neben der Apparatur befanden sich zwei Tageskerzen, die unterschiedlich weit abgebrannt waren. Das verwunderte Ari, denn solche Kerzen waren dazu da, um die Tageszeit anzuzeigen. Dafür wurden sie dann angezündet, wenn der Mond am höchsten stand, immer zu derselben Zeit, sobald die alte Tageskerze verbraucht war. An den Kerzen waren Markierungen angebracht, die anzeigten, wie spät es war, je nachdem, wieweit sie abgebrannt war.
Doch Meister Zak hatte die Kerzen offensichtlich außerhalb der normalen Zeit angezündet und dazu auch noch an verschiedenen Zeitpunkten. Das erklärte vermutlich, warum sein Verbrauch an Tageskerzen so hoch war. Er studierte den Stand der beiden Kerzen, den Inhalt aller Behälter und machte sich in einem Buch, das ebenfalls auf dem Tisch lag, Notizen. Da Ari nicht verstand, was er dort trieb, begann sie sich zu langweilen und betrachtete stattdessen die Beschriftung der Gläser, in denen verschiedene Stoffe gelagert waren. Mühsam versuchte sie herauszufinden, was darin enthalten war, was aber schwierig war, weil sie nur wenige der Zeichen erkannte, die auf den Zetteln aufgeschrieben waren.
Bei einem Glas gelang es ihr schließlich, ein Wort zu entziffern. Der Inhalt sah aus wie Sand und tatsächlich stand dort unter anderem Sand. Sie wusste aber nicht, was die übrigen Worte bedeuten. Sie hatte auch keine Ahnung, warum man Sand in einem gesonderten Behälter aufbewahren sollte. Den gab es schließlich überall und in beliebigen Mengen, insbesondere im Westen, an der Küste zum dunklen Meer. Sie hatte das Gefäß in die Hand genommen und studierte abwechselnd den Inhalt und die Beschriftung, um hinter dieses Geheimnis zu kommen.
«Was interessiert dich denn an diesem Behälter so sehr?»
Die Stimme von Meister Zak ließ sie zusammenzucken. Schuldbewusst stellte sie das Gefäß zurück an seinen Platz. Dann senkte sie ihren Kopf. Das Geheimnis der Sammlung hatte sie von ihrer Angst abgelenkt, aber jetzt kamen ihr die Erinnerungen an das Verhalten von Vater Isik wieder. Würde sie Meister Zak auch so komisch anfassen wollen? Ihre Furcht kehrte zurück.
«Du brauchst vor mir keine Angst zu haben, Ari. Ich will dir nur helfen. Was ist bei Vater Isik vorgefallen, dass du so ängstlich bist?»
Doch Ari presste die Lippen zusammen. Sie wollte Meister Zak nichts erzählen. Was da geschehen war, war falsch gewesen und irgendwie war es ihre Schuld. Sie schämte sich und wollte nicht, dass irgendjemand davon erfuhr. Also senkte sie den Kopf und schaute Meister Zak nicht an. Nach einigen Augenblicken seufzte dieser.
«Na gut, Ari. Ich will dir nur sagen, dass du immer zu mir kommen kannst, wenn du ein Problem mit Vater Isik hast. Ich kann dir helfen. Hast du das verstanden?»
Vorsichtig nickte Ari. Meister Zak war immer gut zu den Kindern und deshalb glaubte sie ihm auch. Aber das, was da passiert war, wollte sie am liebsten vergessen.
«Nun, willst du mir wenigsten sagen, was du so interessant an dem Behälter da gefunden hast?»
Meister Zak schaute sie auffordernd an. Eigentlich wusste sie nicht, ob es richtig war, ihn so unverschämte Dinge zu fragen, aber schließlich konnte sie ihre Neugierde nicht mehr zurückhalten.
«Warum bewahrt ihr Sand in einem Glasbehälter auf, Meister?»
Meister Zak zog die Augenbrauen hoch.
«Woher weißt du, dass darin Sand ist?»
Ari zuckte mit den Schultern.
«Es sieht so aus. Und auf dem Papier da steht das Wort Sand – glaube ich wenigstens.»
Nachdenklich betrachtete Meister Zak die Beschriftung.
«Ja, da steht das Wort Sand. Weißt du auch, was sonst noch darauf beschrieben ist?»
«Nein, Meister. Das andere kann ich nicht entziffern.»
«Da steht Ursprungsort: stille See, Taner, gesiebt, ein Zehntel Finger.»
«Warum stehen da so merkwürdige Dinge darauf?»
«Das ist Wissenschaft, Kind. Man muss die Sachen, die man herstellt oder aufbewahrt immer genau beschriften. Weißt du, wozu man Sand braucht?»
«Nein, Meister.»
«Für die Herstellung von Glas. Und je nachdem, wie gut das Glas ist, ob es farbig ist oder rein, welche Eigenschaften es hat und so weiter, muss man darauf achten, die richtige Sorte von Sand zu nehmen. Oder ihn vorher bearbeiten, wie zum Beispiel sieben, so dass nur Körner bestimmter Größe enthalten sind. Diese Sorte in dieser Körnung ergibt besonders wertvolles Glas. Ich hatte mal eine Zeitlang versucht, herauszubekommen, warum das so ist. Deshalb habe ich diesen Sand noch übrig.»
Darüber musste Ari zuerst nachdenken.
«Ich wusste gar nicht, dass Sand etwas anderes sein kann als einfach nur Sand.»
Zak lächelte leicht.
«Die meisten Dinge um uns herum sind anders, wenn man darüber nachdenkt. Das herauszufinden ist Aufgabe der Wissenschaft. Und die Kunst ist, über Zusammenhänge nachzudenken, die für andere Menschen so selbstverständlich sind, dass sie nicht mehr darüber nachdenken.»
Wieder musste Ari einige Augenblicke überlegen.
«Das ist ja spannend, Meister Zak. Könnt ihr mir zeigen, wie man das macht?»
Wieder musste Zak lachen.
«So etwas lernt man an der Akademie der Meister in Altinkuza. Bevor man das machen kann, muss man viele andere Dinge lernen.»
Dazu nickte Ari. Dass man zuerst eine Menge wissen musste, das konnte sie verstehen. Aber es gab niemanden, der ihr etwas beibrachte.
«Wo kann ich denn diese Dinge lernen, Meister Zak. Vater Isik bringt uns nur Sachen bei, die mit Keltos zu tun haben. Aber der will immer nur, dass wir gehorchen.»
Langsam nickte Meister Zak.
«Ja, die Ansichten von Isik sind sehr speziell. Vielleicht sieht er ja nur ein Teil dessen, was den Vater ausmacht. Aber sage mal, wer hat dir denn Lesen beigebracht? Deine Mutter kann doch nicht lesen und schreiben, nicht wahr?»
«Ich kann ja gar nicht lesen und schreiben.»
«Aber das Wort Sand hast du doch erkannt.»
«Ich habe öfter dem Haushofmeister zugeschaut, wenn Waren in der Burg ankommen. Er schreibt immer auf, welche Mengen wovon angekommen sind. Dabei habe ich mir einige Zeichen gemerkt und sie dann auf dem Behälter da erkannt.»
Jetzt schaute Meister Zak Ari mit großen Augen an.
«Du hast allein durch Zuschauen so viele Zeichen gelernt, dass du das Wort Sand lesen konntest?»
Meister Zak fragte das so erstaunt, dass Ari das Gefühl hatte, etwas falsch gemacht zu haben. Sie wollte das bestreiten, aber das ging ja jetzt nicht mehr. Sie senkte wieder den Kopf.
«Ja, Meister.»
«Allerhand. Das ist ja sehr ungewöhnlich. Wenn auch nur einer der Jungen, die ich unterrichte, halb so viel Intelligenz hätten, wie du, dann wäre ich nicht so besorgt, was die Zukunft von Dagre angeht. Willst du denn richtig lesen und schreiben lernen?»
Erstaunt schaute Ari auf.
«Ja, ja, das würde ich so gerne. Geht das denn?»
«Nun, es ist nicht üblich, die Mädchen in Lesen und Schreiben zu unterrichten. Unter dem alten Fürsten wäre das auch undenkbar gewesen. Aber der junge Fürst macht vieles anders. Ich denke, ich könnte ihn davon überzeugen, dass bei dir eine Ausnahme angebracht ist.»
Die Aussicht, die Erlaubnis zu bekommen, Lesen und Schreiben zu lernen ließ Aris Gesicht aufleuchten, wie eine Sonne. Vor Freude sprang sie auf und fing an zu tanzen.
«Oh, das wäre ja ganz fantastisch. Ich werde lesen und schreiben lernen, ich werde lesen und schreiben lernen.»
Meister Zak musste angesichts der Freude des Kindes lachen.
«Alleine deine Begeisterung ist Grund genug, es zu versuchen. Der Unterricht ist jeden dritten Tag, der nächste ist morgen am Tag vor der Mitte. Komm nach dem Mittagsmahl zum sechsten Strich hierher. Bis dahin habe ich auch mit dem Fürsten gesprochen.»
«Ja, Meister.»
«Aber jetzt wird es Zeit, dass du wieder zu deinen Pflichten in der Küche zurückkehrst. Ich muss mich auf mein Experiment konzentrieren, denn der schwierige Teil beginnt nun. Da kann ich keine Ablenkung gebrauchen.»
«Was ist denn der schwierige Teil?»
Meister Zak lachte.
«Deine Neugierde ist ja grenzenlos. Das kann ich dir jetzt nicht erklären, dazu müsstest du vorher viele andere Dinge wissen. Und dafür habe ich nun keine Zeit. Also ab mit dir. Ich verspreche, dass ich es dir eines Tages beschreiben werde.»
«Ja, Meister.»
Mit einem letzten neugierigen Blick auf die geheimnisvolle Apparatur verließ Ari den Raum. Dann lief sie zur Küche, wo die Mädchen bei der Zubereitung des abendlichen Mahls helfen mussten.
Meister Zak räusperte sich und wartete einen Moment, bevor er den Raum betrat, in dem er immer seinen Unterricht abhielt. Der Lärm verebbte sofort, als er durch die Tür trat, was genau das war, was er hatte erreichen wollen. An der Schwelle ließ er seinen Blick über die Kinder schweifen, denen er die grundlegenden Dinge beibringen sollte, die sie für ihr Leben auf der Burg wissen mussten. Nicht, dass viele Menschen der Meinung waren, es sei wichtig, lesen zu können, aber der Fürst war trotz seiner Jugend ein weiser Mann. Er wusste, dass die bedeutensten Positionen in seinem Reich einiges an Wissen erforderten und er wollte, dass diese von den Menschen ausgefüllt wurden, die dem Fürstentum Dagre verpflichtet waren.
Also hatte Meister Zak es auf sich genommen, die Kinder zu unterrichten. Lesen, schreiben, Geschichte und sogar ein wenig Wissenschaft standen auf dem Programm. Nur Religion nicht, denn das war Aufgabe von Vater Isik. Doch die Kinder dankten ihm das nur selten. Die meisten Jungen waren immer darauf versessen, sich in den Waffen zu üben und zu kämpfen. Auch in seiner jetzigen Klasse waren die Interessen klar verteilt. Von den fünfzehn Jungen war nur Emin mit Begeisterung bei der Sache. Die anderen nahmen am Unterricht teil, weil sie dazu gezwungen wurden. Ach ja, und dann gab es noch Ari. Sie war nicht nur das einzige Mädchen, das unterrichtet wurde. Sie war auch die beste Schülerin der Klasse und den anderen bereits weit voraus, obwohl sie erst vor knapp einem Jahr dazugestoßen war. Sie saugte alles Wissen auf, wie ein trockener Schwamm Feuchtigkeit.
Meister Zak seufzte leise. Er wusste, dass er nicht gut im Unterrichten war, sein Interesse galt der Wissenschaft und seinem Labor. Der Vater des jetzigen Fürsten hatte ihn geholt, damit er genau dieser Leidenschaft nachgehen konnte. Doch der junge Herr war im Gegensatz zu seinem Vater sehr pragmatisch eingestellt und sah nur die Kosten von wissenschaftlicher Forschung, aber keinen Nutzen. In gewisser Weise konnte Zak ihn verstehen, denn das Fürstentum kämpfte um das nackte Überleben. Die Folgen der Misswirtschaft des alten Fürsten waren überall zu spüren und es bestand die Gefahr, dass die gierigen Nachbarn bald einen Angriff wagen würden.
