Der Weg der Homöopathie - Jörg Wichmann - E-Book

Der Weg der Homöopathie E-Book

Jörg Wichmann

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Beschreibung

Homöopathie wirkt, heilt und lässt sich auch leicht erklären und verstehen. - Es bedarf dazu nur eines Perspektivwechsels zu einem wissenschaftlichen Paradigma, das zur Homöopathie passt und auf dessen Boden ihre Gesetzmäßigkeiten sinnvoll sind. In der aktuellen Diskussion über die Wirksamkeit der Homöopathie gibt dieses Buch klare Antworten und beleuchtet die geschichtlichen, philosophischen und wissenschaftlichen Hintergründe dieser ganzheitlichen Medizin. Dabei zeigt sich, dass viel mehr darin steckt als eine Heilmethode. Die Homöopathie bietet eine medizinische Alternative, die keine resistenten Keime erzeugt, keine Hormone und Gifte in den Körper und in die Umwelt bringt und aufgrund ihres minimalen Ressourcenverbrauchs nachhaltig, günstig und weltweit einsetzbar ist. Die Homöopathie ist eine Heilweise, die sich zwischen den Welten der modernen Wissenschaft und der überlieferten ganzheitlichen Wege bewegt und von beiden Seiten Gutes beitragen kann. Sie entwickelte eine Genauigkeit der Beobachtung, Dokumentation und Mittelkenntnis, sowie einen internationalen Erfahrungsaustausch, wie das nur von den Naturwissenschaften her bekannt ist. Und sie baut auf die Tiefe der Intuition der Behandelnden, auf die unmittelbare Begegnung mit dem Wesen der Heilmittel und auf ein Verständnis der Lebenskräfte, wie dies nur die ganzheitlichen Traditionen pflegen. Nur wer beide Seiten sieht, kann die Homöopathie wirklich verstehen und in der Fülle ihrer Möglichkeiten nutzen oder ausüben.

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Inhalt

EINLEITUNG

WEGE DER HOMÖOPATHISCHEN HEILUNG

A

RZNEIMITTEL UND

Ä

HNLICHKEIT

DAS

S

IMILEPRINZIP

Zwei wichtige Arzneimittelbilder als Beispiele:

D

YNAMIS UND

P

OTENZIERUNG

Samuel Hahnemann – eine Kurzbiographie

Potenzierung – die Befreiung von der Stofflichkeit

K

RANKHEIT UND

W

AHRNEHMUNG

D

ER

H

EILUNGSVERLAUF

A

RZNEIMITTELPRÜFUNGEN

G

ESUNDHEIT

, K

RANKHEIT UND

S

YMPTOME

D

YNAMIS

DIE

L

EBENSKRAFT

EINE ANDERE WIRKLICHKEIT

D

IE

W

ELTSICHT DER

A

NTIKE

D

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A

LCHEMIE

Zur Geschichte der Alchemie

M

IKRO

-

UND

M

AKROKOSMOS

Die „Tabula Smaragdina“

Die Prinzipien des hermetischen Weltbildes

E

INE ANDERE

W

IRKLICHKEIT

II

H

OMÖOPATHIE UND IHRE GEISTIGEN

W

URZELN IN DER

H

ERMETIK

Geschichtliche Verbindungen

Die Prinzipien der Homöopathie

Homöopathie und Christentum

N

ATURWISSENSCHAFT UND

H

OMÖOPATHIE

Wissenschaftliche Forschungen zur Homöopathie

MEDIZINMÄNNER UND –FRAUEN VON HEUTE

Schamanismus

G

EISTER UND

A

RZNEIMITTEL

Aus dem „Organon“ über den Selbstversuch

„W

AS FEHLT UNS DENN

?“ – H

EILUNG DURCH

A

NTEILNAHME

Jeremy Sherr über Schamanismus und Homöopathie

S

CHAMANISCHE

A

SPEKTE DER

H

OMÖOPATHIE

Schamanisches und homöopathisches Heilen

H

OMÖOPATHIE UND DER SPIRITUELLE

W

EG

SELBSTBEWUSST ANDERS – DIE HOMÖOPATHIE IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT

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RAGE DER

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OLERANZ

Zwei Weltanschauungen und zwei medizinische Wege

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RAGE DER

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OMÖOPATHIE UND IHRE

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NDE DES MECHANISTISCHEN

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ELTBILDES

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ESUNDHEITSPOLITIK GEGEN DIE

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ENSCHENRECHTE

Homöopathie als nachhaltige Medizin

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EDIZIN DER

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UKUNFT

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OMÖOPATHIE IM

K

ONTEXT DER GLOBALEN

K

RISE

GLOSSAR HOMÖOPATHISCHER FACHBEGRIFFE

LITERATUR

FUSSNOTEN

In den grau hervorgehobenen Kästen – im Inhaltsverzeichnis kursiv und eingerückt – finden Sie jeweils Zusatzinformationen, die inhaltlich zum jeweiligen Thema gehören, die aber zum Verständnis nicht erforderlich sind und im Textfluss übersprungen werden können.

Einleitung

In der Krise des modernen Gesundheitswesens suchen immer mehr Menschen nach anderen, nach alternativen und für sie persönlich angemessenen Wegen der Heilung. Anliegen vieler ist dabei zunächst, eine sanftere Heilmethode für sich zu finden, deren mögliche Nebenwirkungen nicht gefährlicher sind als die zu heilende Erkrankung. Anderen geht es darum, im Heilungsprozess die Verantwortung für sich, ihre Gesundheit und ihr Leben nicht vollständig abgeben zu müssen. Sie wollen nicht nur Symptome beseitigt oder Organe kuriert haben, sondern auch einem so schweren Lebensabschnitt wie einer Krankheit einen Sinn abgewinnen und daran innerlich reifen.

Zahlreiche ganzheitliche Heilweisen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen bemühen sich heute, diesem Anliegen gerecht zu werden. Sie alle haben neben den offensichtlichen Unterschieden vieles gemeinsam, was für ein umfassendes Verständnis der heutigen medizinischen Entwicklung wichtig ist. Das vorliegende Buch stellt auf neue Art einen Weg dar, der sich auf die eigenen inneren Heilungskräfte des Menschen stützt und diese fördert: die klassische Homöopathie, seit zweihundert Jahren die bedeutendste Alternative zur vorherrschenden mechanistischen Medizin.1

Ganzheitliche Heilweisen sind nicht nur Methoden zur Heilung, wenn man krank ist, sondern Teil eines Weltbildes, das uns auch in gesunden Tagen leben hilft. In vielen Lebensfragen gibt ein ganzheitliches Weltbild Orientierung und Sinn und hilft uns dabei, gesund, kreativ und im Gleichgewicht zu bleiben. Dieser Aspekt ist für vielen Menschen ebenso wichtig wie die Möglichkeit, im Falle von Beschwerden Heilung zu erfahren.

Die Homöopathie ist zugleich bekannt und unbekannt. Viele Menschen sind über eigene Leiden oder die Krankheiten ihrer Kinder damit in Berührung gekommen. Sie haben die Homöopathie in der Praxis kennengelernt und wissen, dass es eine wirksame Methode ist. Fast alle sind aber darauf gestoßen, dass ihnen niemand erklären kann, warum und wie die Homöopathie wirkt. Es gibt die vielen positiven Erfahrungen; aber dahinter bleibt das große Fragezeichen, worauf denn die Erfolge beruhen. – Placebo sagen manche, Einbildung oder Scharlatanerie andere, und manche wollen nicht näher bestimmbare Schwingungen oder Energien als Wirkfaktoren herbeiziehen.

Die homöopathische Wirkung so erklären zu wollen, wie man sich allgemein die Wirkung eines Medikamentes vorstellt, führt aber nicht zu einem wirklichen Verständnis. Außerdem verhindert die falsche Blickrichtung auf das Wesen der homöopathischen Heilung oftmals, das ganze Potential dieser Methode auszuschöpfen. Es reicht nicht, die Homöopathie bloß als eine praktische Methode wahrzunehmen. Eine Heilmethode und die ihr zugrundeliegenden Gesetze können nur dann ernst genommen werden, wenn sie in ein Weltbild passen, das nach den gleichen Gesetzen funktioniert. Die Homöopathie fordert ihren PatientInnen und der Öffentlichkeit oft noch ab zu akzeptieren, dass die Wirkungsweise der Homöopathie außerhalb der allgemein angenommenen Wirklichkeit liege, ohne ein alternatives Weltbild angeben zu können, in dessen Rahmen sie passt. Die erfahrbare Tatsache, dass die homöopathische Behandlung wirkt und heilt, überzeugt viele. Doch bleibt ein Unbehagen, sich auf ein System einzulassen, das allen alltäglichen Annahmen über unsere Welt widerspricht oder zumindest keine klare Auskunft über diese Zusammenhänge geben kann.

Deshalb werden viele mehr oder auch weniger wissenschaftliche Scheinerklärungen zusammengebastelt, die dann seitens der etablierten Wissenschaft immer wieder zurückgewiesen werden. Alle Versuche, sich an die derzeitige Schulwissenschaft anzulehnen, werden scheitern müssen, weil diese nicht die passende Weltanschauung ist. Vielmehr steht hinter der Homöopathie ein für viele zunächst sehr ungewohntes Weltbild. Die Homöopathie2 ist Teil einer alten europäischen Geistestradition, die sich vom mechanistischen Denken der aktuell etablierten Naturwissenschaften grundlegend unterscheidet. Nur aus dem Gedanken- und Erfahrungsschatz der Hermetik und Alchemie, ja hinüberreichend bis in die Welt des Schamanismus, ergeben die Prinzipien und Vorgehensweisen der Homöopathie einen erkennbaren Sinn. Haben wir das Wesen dieser alten Überlieferungen, dieses die ganze Menschheit verbindenden Wissensschatzes einmal verstanden, lösen sich auch die Rätsel der Homöopathie auf einfache Weise. Und wir können darauf vertrauen, dass eine sich stetig weiter entwickelnde Naturwissenschaft dabei ist, sich auf ihren eigenen Wegen den Einsichten dieser Philosophia perennis, der ewigen Philosophie, anzunähern. In einem späteren Kapitel werden wir darauf eingehen.

Vieles, was hier für die Homöopathie gesagt wird, gilt sinngemäß auch für andere ganzheitliche Heilverfahren. Die ganzheitlichen Heilweisen sind weder Überbleibsel aus einer „vorwissenschaftlichen“ Epoche, deren halbverstandenes Erfahrungsgut noch wissenschaftlich aufgearbeitet werden muss; noch sind es Formen einer „Komplementär“medizin, die die eigentliche und hauptsächliche Medizin ergänzen können, wo es sich um weniger problematische Leiden handelt. Vielmehr handelt es sich um vollständige und eigenständige Wissensbereiche und Methoden, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen, die für die Heilung im Prinzip aller menschlichen Leiden eingesetzt werden können.

Sie sind damit nicht nur als Methoden zur Behandlung von Krankheiten eine Alternative, sondern sie stehen auf dem Boden eines Weltbildes, das in den heutigen Krisen wegweisend sein kann. In dieser Kombination von Eigenschaften liegt die Herausforderung und die große Chance dieses Heilsystems, von dem viele bislang nur einen kleinen Aspekt kennengelernt haben.

Indem wir die Heilweise der klassischen Homöopathie mit dem schamanischen Heilen in Verbindung bringen und die Zubereitung ihrer Heilmittel als ein alchemistisches Vorgehen sehen, ist es möglich, diese bislang unbefriedigend erklärte Heilmethode vollständig und tiefgründig zu begreifen. In diesem Verständnis kann sie sowohl von TherapeutInnen als auch von PatientInnen als ein faszinierender gemeinsamer Weg beschritten werden, Zugang zu den eigenen Heilkräften zu finden, Heilung in der vertieften Begegnung zwischen Menschen und zwischen Mensch und Welt zu finden und dadurch ein erweitertes Verhältnis zu sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt zu gewinnen.

Damit verabschiedet sich die Homöopathie aus dem Ringen um die sogenannte wissenschaftliche Anerkennung und die Einordnung in ein Weltbild, welches nicht zu den ganzheitlichen Heilverfahren passt. Tatsächlich ist es innerhalb der schulwissenschaftlichen Bedingungen bisher zwar gelungen, das Vorhandensein homöopathischer Wirkungen nachzuweisen; aber es gibt gute wissenschaftstheoretische Gründe dafür, dass eine Erklärung dieser Wirksamkeit im gegebenen Rahmen nicht befriedigend möglich sein wird. Es ist jedoch ein gedanklicher Kurzschluss, dass etwas, das sich nicht mechanistisch erklären lässt, generell nicht erklärbar sei.

Die Homöopathie ist gut erklärbar und verstehbar, aber eben nicht im Rahmen der heutigen mechanistischen Naturwissenschaft. Mit dem vorliegenden Buch möchte ich den Versuch machen, den geistigen Hintergrund dieser Heilweise zu beleuchten und die Wirkung homöopathischer Medizin in diesem zu ihr passenden Zusammenhang verständlich zu erklären.

Die Homöopathie wurde vor gut zweihundert Jahren geboren, als auch die modernen Naturwissenschaften in ihrer frühen Entwicklung waren; und eine Medizin ähnlich unserer heutigen war noch nicht in Sicht. Mit seinem neuen System griff ihr Begründer, Samuel Hahnemann, zwar auf die alten Geistestraditionen des Abendlandes zurück, aber er war schon ein Kind der Aufklärung und versuchte seine Entdeckung in den neuen Begriffen zu formulieren. Er hegte sogar die Vorstellung, mit Hilfe der Homöopathie könne die Medizin einmal so exakt und vorhersagbar werden wie die Mathematik. Diese Vorstellungen Hahnemanns lassen sich aus seiner Zeit heraus gut verstehen, denn mathematische Vorstellungen, Rationalität und Messbarkeit waren das intellektuelle Programm dieser Epoche. Doch helfen sie uns heute nicht mehr weiter, den Menschen, die Medizin oder die Homöopathie zu verstehen. Wir wissen heute unendlich viel mehr über die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Wissenschaft, als Hahnemann es konnte. Und wir können heute erkennen, dass die Homöopathie viel besser auf der Grundlage desjenigen Weltbildes zu verstehen ist, das in Europa und der ganzen Welt vor der Zeit des Materialismus vorgeherrscht hat und mit dem die Menschheit schon immer die Welt und ihr eigenes Dasein, ihr Leben und Sterben, ihr Glück und ihr Leiden zu begreifen versucht hat.

Dieser Weg zu einem klareren Verständnis der Homöopathie und des Heilens überhaupt wird uns weit zurückführen über die Alchemie bis zum Schamanismus unserer sehr frühen Vorfahren, zu den Heilweisen der Naturvölker und den esoterischen Ansätzen, das Wesen des Menschen zu verstehen. Es wird deutlich werden, dass die Herstellung homöopathischer Arzneimittel ein alchemistischer Vorgang ist, und dass der homöopathische Umgang mit dem Heilen dem Schamanismus am ähnlichsten ist. Damit ist die Homöopathie der schulwissenschaftlichen Medizin eher wesensfremd und lässt sich von ihr her weder verstehen noch beurteilen. Sie widerspricht ihr nicht, sondern verfügt über ein eigenes Weltbild und eigene wissenschaftliche Methoden, die in sich gesetzmäßig und schlüssig sind.

Umgekehrt könnte man aus der Sicht eines ganzheitlichen spirituellen Weltbildes fragen, welches eine dazu passende Medizin sein könnte? Da kommen unter den in Europa entwickelten Formen der Medizin hauptsächlich in Frage: die Homöopathie als umfassendstes System, die immer wichtiger werdende Osteopathie, die anthroposophische Medizin, die recht junge Steinheilkunde, die Bach-Blüten, die Geistheilung. Viele der heute sogenannten „alternativen Therapieformen“ stellen zwar sanftere Alternativen zur Schulmedizin dar, beruhen jedoch im wesentlichen auf dem gleichen Weltbild wie diese: die Pflanzenheilkunde, die manuellen und chiropraktischen Methoden, die Formen der Energiemedizin wie Bioresonanz oder Elektroakupunktur, die meisten Psychotherapien. Sie alle gehen wie die Schulmedizin von einer Spaltung zwischen Seele und Körper aus und glauben, dass man mit therapeutischen Maßnahmen einen kausalen (ursächlichen) Einfluss auf das System von Körper und Seele nimmt.

Zum Schluss werden wir in unserer Betrachtung der Wege und Möglichkeiten ganzheitlichen Heilwerdens darauf stoßen, in welchem Ausmaß diese Art der Heilung in unserer Gesellschaft zur Zeit behindert wird. In einer freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft sollte es selbstverständlich sein, dass wir BürgerInnen in der Wahl unserer Lebensweise und unserer Heilverfahren nicht ideologisch bevormundet oder festgelegt werden. In der Medizin ist das jedoch in erheblichem Maße der Fall. Indem wir uns bewusst machen, welchen Weg wir in Gesundheit und im Kranksein gehen wollen und worin sich die angebotenen Wege unterscheiden, können wir die Kraft gewinnen, uns für eine größere Wahlfreiheit einzusetzen.

Es gibt verschiedene Wege der Erkenntnis und der Wissenschaft, die ihre jeweiligen Vor- und Nachteile haben, und verschiedene Wege, wie wir unser Leben führen können. Ich möchte einen Beitrag leisten zu einem partnerschaftlichen Neben- und Miteinander unterschiedlicher Weltsichten und Lebensstile. Auch wenn für mich das moderne naturwissenschaftliche Denken das spannendste Unternehmen des Abendlandes und sein größter Beitrag zur Entwicklung des menschlichen Geistes ist, weise ich doch seinen Anspruch zurück, alle anderen Sichtweisen der Welt zu dominieren. Eine echte Zusammenarbeit zwischen VertreterInnen verschiedener medizinischer Verfahren und Ansätze wird nur dann möglich sein, wenn ein Verständnis für die jeweiligen Besonderheiten und Unterschiede vorhanden ist und diese wechselseitig geachtet werden. Zu einem solchen fruchtbaren Zusammenwirken zwischen unterschiedlichen Formen der Wissenschaft und der Medizin möchte dieses Buch beitragen.

Das Buch verfolgt demnach zwei Ziele: Es möchte einen begehbaren Weg zur Homöopathie zeigen, indem sie in den größeren Zusammenhang gebettet wird, in welchen sie gehört. Und es möchte Interessierten, PatientInnen und BehandlerInnen ermöglichen, mehr Klarheit über verschiedene Therapieformen zu finden, um bewusster den eigenen Weg in Krankheit und Gesundheit zu wählen.

Ziel dieses Buches ist es nicht, eine bestimmte oder gar neue Art der Homöopathie darzustellen oder zu entwickeln. Es geht darum, die klassische Homöopathie besser zu verstehen und als Teil eines größeren geistigen Umfeldes zu begreifen. Aus diesem besseren Verständnis werden sich einige Aspekte der Homöopathie zeigen, die noch unterentwickelt sind oder in ihrer Bedeutung für den Gesamtzusammenhang dieser ganzheitlichen Wissenschaft nicht richtig wertgeschätzt wurden. Die mechanistische Epoche des Abendlandes hat der Homöopathie – wie auch etlichen anderen ganzheitlichen Wissenschaften – eine methodische Engführung aufgezwungen, die eine Reihe wesentlicher Möglichkeiten dieser Disziplinen verkümmern ließ. Da sich nun in vieler Hinsicht ein Ende dieser Epoche abzeichnet, wird es Zeit, sich die vollen Möglichkeiten ganzheitlicher Verfahren und Weltbilder klarzumachen und mit ihrer Wiederbelebung und Umsetzung zu beginnen – zum Wohle unzähliger „kranker“ und „gesunder“ Individuen wie auch der kulturellen Gesamtentwicklung.

Meinen ersten Kontakt mit der Homöopathie hatte ich in der Ausbildung zum Heilpraktiker, als ich eine Vorlesung über das Arzneimittel Symphytum hörte (Symphytum officinale ist der lateinische Name des Beinwell), das typischerweise bei akuten Beschwerden der Knochenhaut und der Gelenke verwendet wird. Ich hatte zu der Zeit Probleme mit meinem Arm, den ich mir 10 Jahre zuvor bei einem Sturz im Ellbogengelenk gebrochen und ihn vor ein paar Monaten beim Arbeiten überlastet hatte. Seitdem war die Beweglichkeit im Ellbogen schmerzhaft und stark eingeschränkt, und ich konnte ein loses Knorpelteilchen fühlen, das im Gelenk herumwanderte. Seit drei Monaten hatte ich vergeblich versucht, die Beschwerden zu lindern und alle Mittel ausprobiert, auf die ich stieß: Sportsalben, Verbände, Wickel, ätherische Öle, Einreibungen, Wärme, Kälte; nichts hatte geholfen. Nun dachte ich: Warum nicht mal ein homöopathisches Mittel ausprobieren? Ich nahm also Symphytum in einer niedrigen Potenz, allerdings ohne die ernsthafte Erwartung, dass sich etwas spürbar verändern würde. Ich verstand noch nichts von Homöopathie, und die winzigen Globuli wirkten im Verhältnis zu meinen bisherigen Heilungsbemühungen nicht gerade beeindruckend. Tatsächlich aber waren die Schmerzen am nächsten Morgen so extrem, dass ich nur noch wenige Zentimeter Bewegungsspielraum im Gelenk hatte. Am Abend danach war alles weg, der Schmerz und auch dieses lästige und hinderliche Knorpelstück im Gelenk. Wie ein Spuk war alles verschwunden und kam auch nicht mehr wieder.

Schwer beeindruckt setzte ich mich intensiver mit der Homöopathie auseinander, die bis dahin nicht mein Interessensgebiet gewesen war. Ich musste lernen, dass solch ein wundersamer Heilungsverlauf zwar sehr erfreulich, aber auch selten ist. Doch zeigte mir ein solcher Zufallstreffer, wie ich ihn erlebt hatte, recht drastisch die Möglichkeiten einer homöopathischen Mittelgabe. Offenbar war mein Körper in der Lage, selbst manifeste Knorpelteile in kürzester Zeit wieder zu integrieren, wenn ihm der richtige Impuls dafür gegeben wird. Mein Interesse war geweckt, und ich war offen für weitere neue Erkenntnisse.

Damit begann eine Lebensphase, in der ich mich als homöopathischer Patient, als Schüler der Homöopathie und schließlich auch als homöopathischer Behandler erlebt habe. Heute bin ich in allen drei Rollen zugleich: Schüler bleibt man in der Homöopathie lebenslang – das ist das Schöne und Spannende an ihr –, Patient bin ich immer wieder einmal, und das homöopathische Therapieren habe ich zu meinem Beruf gemacht.

Wege der homöopathischen Heilung

Gesundheit ist die Fähigkeit, in einer ungesunden Situation Symptome zu entwickeln und daraus zu lernen, las ich letztens.

Dieser Satz gibt gut die Einstellung der Homöopathie zu Gesundheit und Krankheit wieder. Wenn Sie zu einem Homöopathen in Behandlung gehen, wird Ihnen das auch als erstes auffallen: Er (oder sie) wird sich sehr für Ihre Symptome interessieren, für Ihr eigenes Erleben. Die medizinische Diagnose spielt dabei meist eine untergeordnete Rolle. Vielmehr lernen Sie als homöopathischer Patient, sich selbst sehr genau zu beobachten, welche Veränderungen Ihres Befindens unter welchen Umständen auftreten, wann diese besser oder schlechter werden, welche Vorlieben oder Abneigungen Sie verspüren, wie Ihre Gefühle und Ihre Träume auf ihr Leben reagieren. Aus all diesen Informationen ergibt sich für homöopathische BehandlerInnen ein Gesamtbild, auf dessen Grundlage sie ein Arzneimittel verordnen können. Es geht also darum zu verstehen, wie Sie als ganze Person, Ihr Gemüt und Ihr Organismus auf die Situationen Ihres Lebens reagieren. Krankheit ist eine mögliche Reaktion auf die Anforderungen des Lebens und ebenso individuell wie alle anderen Verhaltensmuster, die jemand zeigen kann. Jeder Mensch arbeitet, isst, schläft, lacht, liebt, schimpft und läuft auf seine typische Art und Weise. Aber ein so kompliziertes Geschehen wie eine Krankheit glauben wir mit einem einfachen Etikett zusammenfassen zu können. Hundert kranke Menschen mit höchst unterschiedlichen körperlichen und seelischen Zuständen „haben Rheuma“ und erhalten, je nach Schweregrad, eines oder mehrere typische Medikamente. Ihre persönliche Geschichte und ihre je eigene Art, daran zu leiden, wird günstigenfalls von einem aufmerksamen Arzt am Rande wahrgenommen, meistens aber einfach übergangen und für das „Rheuma“ für unwichtig gehalten.

Die erste und vielleicht wichtigste Botschaft des homöopathischen Behandlers an die PatientInnen ist: Ich nehme Sie und Ihren Zustand, Ihr eigenes Erleben und Ihre ganze Geschichte ernst, jede Einzelheit davon, so wie Sie es selbst erlebt und erlitten haben. Ich höre mir alles in Ruhe an, ohne etwas zu bewerten oder umzudeuten. Bei dieser Therapieform sind Sie selbst als ganze Person gefragt und gefordert. Es geht um Sie, um Ihr Leben und Ihre einzigartige Weise, krank zu sein, zu leiden, gesund zu werden und Ihr Dasein zu gestalten. Die Therapie kann Sie in der Ihnen eigenen Kraft fördern und unterstützen und Sie einladen, Ihre Krankheit als eine Gelegenheit zu größerer Selbsterkenntnis zu nutzen und Ihren Weg gestärkt und geheilt weiter zu gehen. Die homöopathische Behandlung gibt den Impuls und weist einen Weg. Sie selbst gehen ihn aus eigener Kraft heraus.

Diese Grundhaltung hat verschiedene Komponenten, die auch sonst im Leben hilfreich sind. Das ruhige Zuhören ohne zu bewerten oder umzudeuten, ist in allen menschlichen Kontakten und auch in der Natur ein Schlüssel zu einem tieferen Verständnis und zu größerer Offenheit und Nähe. Letzten Endes ist meine ganze Biografie eine Art Anamnese des Lebens mit mir selbst – „an-amnesis“, das Hervorholen aus dem Unbewussten, aus dem Vergessen. Wenn ich diesen aufmerksamen und nicht beurteilenden Blick auf meine Lebensspanne werfe, kann ich nach und nach entdecken, was meine Seele mit dieser meiner Existenz gemeint hat. Mich selbst so zu betrachten, wie es ein guter Therapeut tun würde, kann eine hilfreiche Übung sein, sich von den Urteilen eines strengen Über-Ich zu befreien, sich selbst liebevoller und nachsichtiger anzunehmen oder auch den eigenen Ausreden auf die Schliche zu kommen.

Der Ansatz, immer das Ganze wahrnehmen zu wollen und nicht an den Symptomen allein herum zu korrigieren, ist nicht nur beim Heilen nützlich, sondern bringt mich überall im Leben weiter, wo ich Zusammenhänge verstehen will, wo ein Projekt nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte oder um eine bessere Übersicht über politische Geschehnisse zu gewinnen. Vom Ganzen her auf das Einzelne zu schauen, macht alles transparenter.

Und die Vorstellung, dass mein Körper die beste Lösung kennt und nur eines kleinen Impulses bedarf, um sich in Richtung Heilung zu bewegen, gibt ein großes Vertrauen darein, dass die Kraft für mein Leben in mir selbst liegt und nicht in äußeren Hilfestellungen, Experten oder Gurus.

Arzneimittel und Ähnlichkeit – das Simileprinzip

Die Verordnung eines homöopathischen Mittels ist der Akt, auf den meistens die ganze Aufmerksamkeit gerichtet ist – sowohl seitens der PatientInnen als auch in der homöopathischen Ausbildung. Sie bildet einen wesentlichen Teil, aber eben nur einen Teil des umfassenden Konzeptes der Homöopathie, den Menschen und das Leben zu betrachten. Da das homöopathische Arzneimittel allgemein der Ausgangspunkt vieler Diskussionen um diese Therapieform ist, wollen wir unsere Begehung der homöopathischen Wege auch damit beginnen.

Gemäß der individuellen Betrachtungsweise wird, wie oben angedeutet, innerhalb der Homöopathie ein Arzneimittel nicht im Hinblick auf eine bestimmte Krankheitsdiagnose verordnet, sondern in größtmöglicher Ähnlichkeit zum Wesen des Patienten, bzw. der Patientin und zum Wesen ihrer Erkrankung. „Similia similibus curentur“ – Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt, so lautet das sogenannte Ähnlichkeitsgesetz oder Simile-Prinzip. Mit dieser Ähnlichkeit ist gemeint, dass eine Substanz in homöopathischer Bearbeitung (dazu später) einen solchen Symptomenkomplex zu heilen vermag, wie sie ihn bei einem gesunden Menschen im Rahmen einer Arzneimittelprüfung (oder auch einer Vergiftung) hervorruft.

Die praktische Arbeit der HomöopathInnen mit ihren Arzneimitteln besteht nun zum einen darin, durch Arzneimittelprüfungen (gewöhnlich an Gruppen von KollegInnen) die Eigenschaften möglicher Heilmittel herauszufinden, und zum anderen, mittels ausführlicher Gespräche – der Anamnese – zu ermitteln, welches beim jeweiligen Patienten der zu heilende Zustand ist und welches der bekannten Arzneimittel diesem am ähnlichsten ist.

Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, stieß auf dieses Gesetz der Ähnlichkeiten, als er beim Übersetzen eines medizinischen Buches eine Behauptung über die Wirkungen von Chinarinde überprüfen wollte. Er nahm sie einfach ein paar Tage lang ein und bemerkte zu seiner Überraschung, dass diese Substanz bei ihm als Gesundem sehr typische Malariasymptome hervorrief. Chinarinde war damals das übliche medizinische Hauptmittel gegen diese schwere Tropenkrankheit, und auch heute noch verwendet die Schulmedizin chemisch modifizierte Extrakte aus der Chinarinde gegen Malaria. Hahnemann erlebte also an sich die Symptome, gegen welche die Chinarinde eigentlich eingesetzt wurde – ausgelöst durch das Heilmittel selbst. Er experimentierte weiter, an sich und an Familienmitgliedern, und fand heraus, dass er auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit gestoßen war, die auch von Ärzten der Antike, von dem berühmten Hippokrates etwa, und dem wichtigsten Arzt des späten Mittelalters, von Paracelsus, formuliert worden war.

Als gebildeter und belesener Gelehrter wird Hahnemann von den Ideen seiner Vorgänger über Heilung durch Ähnliches sicherlich gewusst haben, aber es entsprach dem Geist seiner Zeit, dass er auf eine Behauptung erst vertraute, als er sie durch Versuche selbst bestätigen konnte. Den Rest seines Lebens verbrachte Hahnemann damit, an dieser Idee weiter zu forschen, neue Heilmittel zu prüfen und die Ergebnisse zu systematisieren, die Regeln seiner Heilweise zu verfeinern und eine Zubereitungsform der „homöopathischen“ Mittel (wie er sie dann nannte) zu erarbeiten, die seinen hohen Ansprüchen an eine schnell, sanft und dauerhaft wirkende Arznei genügte.

Die Ermittlung der Substanz, die dem Gesamtbild der Symptome des Patienten am nächsten kommt, die Mittelfindung, ist keine leichte Arbeit. Schließlich will aus hunderten bekannten Mitteln mit zum Teil recht ähnlichen Eigenschaften das ähnlichste gefunden werden. Auch hängt das Ergebnis davon ab, wie gut der Behandler die Problematik des Patienten verstanden hat, denn häufig zeigt sich in den ersten Gesprächen nur die Oberfläche der eigentlichen Geschichte.

Ein sehr einfaches Beispiel zur Illustration: Eine Patientin kommt in die Praxis, weil sie über Halsschmerzen klagt, die seit drei Tagen immer schlimmer werden. Mir fällt schon ihre etwas mürrische, abwehrende Art auf. Ich lasse sie erzählen: Die Halsschmerzen stechen, besonders beim Schlucken, und werden schlimmer, wenn sie den Kopf bewegt. Außerdem klagt sie über furchtbaren Durst. Einen Grund für die Halsschmerzen sieht sie nicht, sie habe sich nicht erkältet und habe auch sonst keine weiteren Symptome. Auf Befragen erklärt die Patientin, dass sie sich allgemein jetzt nicht gern bewege und dass ihr der Weg in meine Praxis schon zu viel gewesen sei. Das entspricht meiner anfänglichen Wahrnehmung ihrer Stimmung. Das homöopathische Arzneimittel, welches ihr helfen wird, ist Bryonia, die Zaunrübe. Die typischen Zeichen dieses Mittels sind so gut bekannt, dass ich es auch nicht eigens nachlesen muss. Um sicher zu gehen, frage ich sie noch, ob sie in dieser Erkrankung lieber allein oder in Gesellschaft sei; und sie bestätigt meine Vermutung, dass sie am liebsten in Ruhe gelassen werde und sonst ziemlich grantig reagiere. Ich bin damit aber noch nicht zufrieden, weil ich noch eine andere Stimmung im Hintergrund spüre, und bin deshalb sicher, dass das noch nicht die ganze Geschichte ist. Wie ich diese Patientin kenne, glaube ich, dass es für sie wichtig und hilfreich wäre, wenn sie das Gesamtbild ihrer Halsschmerzen weiter spannen könnte. Deshalb bitte ich sie, von ihren Erlebnissen und Stimmungen der letzten Tage zu erzählen. Darauf berichtet sie, dass sie in Kürze in ein neues Haus ziehen wollen, dessen Finanzierung zwar gesichert sei, doch würde sie sich trotzdem viele Gedanken darüber machen. Gerade vor drei Tagen hätten ihr Mann und sie einen Termin bei der Bank gehabt. Während sie dies erzählt, fällt ihr selbst auf, dass die Halsschmerzen genau seit diesem Termin aufgetreten sind. Sie lacht über dieses Aha-Erlebnis, bekommt ihr Mittel und geht nach Hause. – Vom Arzneimittelbild „Bryonia“ sind Ängste um den Besitz und das Geschäft bekannt. Im Bilde gesprochen: Für die Zaunrübe ist der Gartenzaun sehr wichtig, denn an ihm muss sie emporranken.

Für die Mittelwahl ausschlaggebend war nicht das Auftreten von Halsschmerzen an sich, sondern der typische stechende Schmerzcharakter, der sich ebenso in der Blase oder bei Husten hätte zeigen können, sowie der starke Durst und die Verschlimmerung der Beschwerden durch jede Bewegung.

Zu der Fallgeschichte ist außerdem zu bemerken, dass die finanziellen Sorgen nicht als „psychische“ Ursachen der Halsschmerzen gelten. Im homöopathischen Sinne sind sie Teil eines Beschwerdebildes, eines Musters, das auf verschiedenen Ebenen analog auftritt. Allerdings ist die psychische Seite des Beschwerdebildes unserem Erleben, unserem Ich meistens näher und leichter „verstehbar“ als die Körpersymptome. Deshalb lässt sich über sie der bewusste Kontakt mit unserer Lebensganzheit leichter wieder herstellen. Die Begegnung mit dem homöopathischen Arzneimittel Bryonia wird der betroffenen Patientin zunächst helfen, ihre Halsschmerzen loszuwerden (in diesem Falle bis zum nächsten Morgen) und auf längere Sicht ihre Ängste um die materielle Sicherheit mindern. Solche Veränderungen werden manchmal durch Träume erlebbar und oft durch kaum bewusste innere Veränderungen im Alltag. Eine therapeutische Begleitung dieses Prozesses kann darüber hinaus ein tieferes Verständnis der Bedürfnisse nach Sicherheit und Stabilität vermitteln.

Schon Hahnemann hat in einer Zeit, als es noch lange keine Psychologie gab, erkannt, dass die seelischen Zustände – er nannte sie „Gemütssymptome“ – für das individuelle Verstehen eines Krankheitszustandes die wichtigsten sind. Allerdings – und das ist der besondere Vorzug der homöopathischen Methode – werden auch alle körperlichen Zustände und Empfindungen als Äußerungen des Organismus ernst genommen und in das Gesamtbild integriert. Dieses Gesamtbild ist die homöopathische „Diagnose“, das charakteristische Muster, das alle Ebenen des Menschen mit einbezieht und innerhalb der Homöopathie die Benennung des Naturstoffes trägt, das ihm nach unseren Erfahrungen am ähnlichsten ist. Die oben vorgestellte Patientin ist somit „Bryonia“-krank. In der Homöopathie fallen Diagnose und Therapie zusammen. Wenn ich den Zustand erkannt habe, kenne ich auch das Heilmittel – im Idealfalle. Theoretisch gibt es unendlich viele verschiedene Heilmittel, pflanzliche, tierische, mineralische, chemische und andere Stoffe, die sich in homöopathischer Zubereitung verwenden ließen und in der Arzneimittelprüfung jeweils typische Zustände erzeugen würden. Niemand könnte diese Fülle überblicken. Hahnemann arbeitete mit etwa neunzig verschiedenen Mitteln, heute sind einige hundert Mittel recht gut bekannt und geprüft, und ständig kommen neue hinzu. Deshalb kann es immer wieder sein, dass in der konkreten Behandlung die Ähnlichkeit zu einem Zustand nur mäßig genau getroffen werden kann, dass man einen Zustand auch mit mehreren Mitteln „einkreisen“ muss, oder aber dass ich als Behandler vor einem Zustand stehe, den ich zwar sehr genau und typisch beschreiben kann, dafür aber kein homöopathisches Mittel weiß, das ihm gut entspricht. Dann ist zu hoffen, dass ich in Gesprächen mit KollegInnen, durch weitere Lektüre oder auch erst durch die Arzneimittelprüfung neuer Substanzen auf das passende Mittel für diesen Menschen stoße. Zum Glück sind solche Fälle eher selten, und wir können mit den uns gut bekannten Mitteln im allgemeinen befriedigend helfen. Mit dem feinen inneren Zusammenspiel von Behandler, Patient und Arzneimittel werden wir uns im übernächsten Kapitel ausführlich beschäftigen.

Das Faszinierende der Diagnosen „Bryonia“, „Lachesis“ oder „Natrium muriaticum“ gegenüber den klinischen Diagnosen ist, dass der Patient mit dem Heilmittel einen Spiegel seines inneren und äußeren Zustandes erhält, also eine Substanz der Welt als mögliche Hilfe zur Selbsterkenntnis erhält. Es ist für die homöopathische Heilung nicht erforderlich, dass die PatientInnen dies wissen oder beachten, kann aber für ein erweitertes Verständnis der Heilung und für die Erweiterung des eigenen Bewusstseins sehr spannend sein, sich damit auseinanderzusetzen.

Zwei wichtige Arzneimittelbilder als Beispiele:

Ignatia amara

Die Ignatiusbohne wird in Zuständen verwendet, deren Grundtendenz die Verkrampfung ist, welche zu paradoxen Reaktionen und großer Überempfindlichkeit führt. Am bekanntesten ist das Festhalten an einer Trauer oder Enttäuschung, in welcher ein Mensch sich nicht mit einem Verlust abfinden kann. Die blockierten Gefühle äußern sich in stillem Grübeln, heftigem Seufzen oder hysterischen Ausbrüchen. Alle Zustände können schnell wechseln oder in ihr Gegenteil umschlagen, Weinen in Lachen, Grübeln in Heftigkeit. Alle Gefühle werden sehr intensiv erlebt, aber das romantische Innenleben gerät leicht in einen Gegensatz zu äußeren Anforderungen nach Rationalität. Das Erleben der starken inneren Widersprüche kann bis zur Hysterie oder Ohnmacht führen. Typisch für das Empfinden innerer Verkrampfung ist ein Kloßgefühl im Hals, Seufzen, nervöses Schaudern und Muskelkrämpfe, bis hin zur Chorea, und zeigt sich außerdem als Zucken von Gesichts- und anderen Muskeln, Lidkrämpfe, Magenkrämpfe, Schluckauf, Hustenkrämpfe, Schluckkrämpfe, Urindrang bei Unfähigkeit zu urinieren, krampfartigem Gähnen. Der Schlaf ist leicht, und die Glieder zucken viel. Generell verschlechtern starke Gefühle alle Beschwerden, ebenso Anregungsmittel wie Kaffee und Tabak. Druck, Alleinsein, tiefes Atmen, Reisen und Lageveränderungen hingegen bessern. Eine weitere Reihe paradoxer Symptome sind: Appetit, der verschwindet, wenn das Essen dasteht; Übelkeit, die durch das Essen von Unverdaulichem besser wird; Dröhnen im Ohr, das durch Musik besser wird; Hustenreiz, der sich durch Husten verschlimmert. Ignatia hat eine Abneigung gegen Fleisch, Alkohol und besonders gegen Rauchen.

Nux vomica

Ähnlich überreizt ist der Patient, dem Nux vomica, die Brechnuss hilft, aber hier zeigt der Organismus die Zeichen einer starken Übererregung, die bei der modernen städtischen Lebensweise leicht auftreten. Ein Übermaß an Arbeit und großem Ehrgeiz, Reizmittel und Drogen, Schlaflosigkeit und Übernächtigung, zu viel und unregelmäßiges Essen, materielle Sorgen und Bewegungsmangel führen zum typischen Bild der Nux vomica-Erkrankung mit ihren Schwerpunkten bei der nervlichen Reaktion und in der Verdauung. Nux vomica-Patienten sind sehr leicht reizbar, explodieren schnell und setzen sich selbst und andere stark unter Druck – das typische HB-Männchen. Dabei sind sie sehr sensibel und überempfindlich auf Schmerz, Lärm und Gerüche. Der Schlaf ist schlecht, kommt spät und ist nicht erholsam. Stimmungen wechseln leicht und heftig ab, Zornesausbrüche sind häufig. Nux vomica erzeugt am Gesunden die Symptome, die wir von einem Übermaß an Nahrung, Reizstoffen und Stress kennen, und wird deshalb homöopathisch gern eingesetzt, um die Folgen von Überdosierung jeglicher Art zu lindern. Übelkeit, Würgen und Erbrechen sowie Koliken, Leibschmerzen und Verstopfung treten oft auf. Erbrechen, Stuhlgang und Ausscheidungen aller Art bessern die Beschwerden. Ebenso helfen Schlaf und Wärme, denn in der körperlichen Erschöpfung sind Nux-Patienten extrem frostig. Anspannung und Spastik äußern sich auch als Asthma oder in akuten Rückenschmerzen, bei welchen Beschwerden Nux vomica ausgezeichnet hilft, sofern die oben geschilderten Rahmenbedingungen gegeben sind.

Sowohl Ignatia (bot.: Strychnos ignatii) als auch Nux vomica (bot.: Strychnos nux vomica) gehören zur Pflanzenfamilie der Loganiaceae und enthalten in hohem Maße das Gift Strychnin. Strychnin selbst ist als homöopathisches Mittel den Arzneimittelbildern von Ignatia und Nux vomica ähnlich, besonders was die Grunderscheinung der Krämpfe angeht.

Dynamis und Potenzierung

Was hat es nun mit dem zweiten Pfeiler der Homöopathie, der homöopathischen Zubereitung von Arzneimitteln auf sich? Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Homöopathische Arzneimittel werden hergestellt, indem man eine gründlich verriebene Substanz im Verhältnis 1:100 verdünnt und dann zehnmal rhythmisch verschüttelt, das heißt mit dem Fläschchen in der Hand auf eine feste Unterlage schlägt. Das ist die sogenannte Potenzierung (Genaueres siehe Kasten). Potenzierte Mittel werden mit C und einer Zahl gekennzeichnet, die die Anzahl der durchgeführten Potenzierungsschritte (Verdünnung plus Verschüttelung) angibt. Bei einer „Lachesis C 12“ wäre also der Ausgangsstoff, das Gift der Buschmeister-Schlange, zwölf Mal im Verhältnis 1:100 verdünnt und jeweils rhythmisch verschüttelt worden. Man kann leicht nachrechnen, dass bei Potenzen oberhalb von C 12 kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist. An dieser Tatsache entzünden sich immer wieder die wissenschaftlichen Gemüter, aber die Homöopathie ist keine chemische Therapieform. Ihre Wirkung beruht nicht auf den chemischen Inhaltsstoffen. Sonst wäre es ja völlig unsinnig, Potenzen bis in Millionenhöhe herzustellen. Schon die in der klassischen Homöopathie verwendeten häufigsten Potenzstufen C 30 und C 200 bewegen sich in Verdünnungsbereichen, in denen chemisch längst nichts mehr nachweisbar ist. Kein Homöopath wäre so dumm, diese Tatsache zu übersehen. Deshalb gehen die Diskussionen darüber, dass in den Mitteln „nichts drin“ sei, an der Sache vorbei. Man müsste schon behaupten wollen, jede denkbare Wirkung müsse immer chemisch sein. Das ist natürlich Unsinn. Chemisch gesehen lassen sich auch zwei CDs oder zwei Bücher nicht unterscheiden und schon gar nicht auf den Sinn ihres Inhaltes überprüfen.

Der Charakter einer homöopathischen Potenz ist eher der einer Information. Das homöopathische Arzneimittel gibt dem Organismus eine Mitteilung, einen geistigen Impuls, wie ein besseres Gleichgewicht eingestellt werden kann. Hahnemanns Vorstellung davon war, dass ein homöopathisches Mittel beim Kranken wie auch in der Arzneimittelprüfung beim Gesunden eine künstliche Krankheit hervorruft. Beim Kranken sei diese aber der bereits vorhandenen Krankheit so ähnlich, dass sie diese auslösche. Wir können dazu auch das moderne technische Bild der Resonanz zu Hilfe nehmen, um uns eine Vorstellung davon zu bilden. Ähnlichkeit als ein abgestimmtes Resonanzgeschehen. Oder wir können uns vorstellen, dass das homöopathische Mittel eine im Organismus vorhandene Information gleichsinnig (eben homöo-pathisch) so verstärkt, dass die Lebenskraft endlich richtig darauf reagieren kann. Alle diese Bilder und Verstehenshilfen haben gemeinsam, dass sie keine stoffliche oder energetische Wirkung, sondern eine Informationsübertragung annehmen. Damit wird auch verständlich, dass das Mittel in sehr kleinen und sehr seltenen Gaben verabreicht wird – je besser und genauer es wirkt, um so seltener. Es ist wie mit einem guten Rat: Wenn ich ihn im rechten Augenblick und auf passende Weise gebe, muss ich ihn nicht wiederholen. Wenn ich mehrmals laut schreien muss, stimmt mit meinem Rat etwas nicht. Was dann aufgrund eines solchen homöopathischen Impulses geschieht, ist die Eigenreaktion des Organismus, beziehungsweise der Dynamis, seiner Lebenskraft.

Hahnemann sah in der Potenzierung von Heilmitteln eine Möglichkeit, das Dynamische oder Geistartige eines Stoffes3