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Die Strecke vom Belgrave Place im Stadtteil Belgravia bis zur Southwark Cathedral über die Southwark Bridge dauerte mit der Kutsche etwa eine Stunde. Mit der neuen motorisierten Kutsche, die in Deutschland vorgestellt worden war und selbst in England für Schlagzeilen sorgte, mochte es vielleicht ein wenig schneller gehen. Und wenn er in die Londoner Underground eingestiegen wäre, die sich seit einigen Jahren unter der Stadt hindurch schlängelte und die wichtigsten Plätze in der City miteinander verband, hätte er es sogar in einer halben Stunde schaffen können. Doch Matthew Collins brauchte zwanzig Jahre seines Lebens bis er in der hintersten Kirchenbank der riesigen Kathedrale am Südufer der Themse Platz nehmen sollte, um auf sie zu warten. Er würde vergeblich dort sitzen in dem riesigen Kirchenschiff und den Prunk der vergangenen Jahrhunderte betrachten. In diesen zwanzig Jahren sah er die Stadt seiner Geburt, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte, er fand einen neuen Freund und verlor seine große Liebe. Aber als Matthew Collins an diesem Sonntagmorgen des 14. März im Jahre 1892 gegen elf Uhr das Haus verließ, konnte er von alldem noch nichts ahnen.
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Seitenzahl: 652
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Lisa Janssen
Der Weg über die Southwark Bridge
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Februar 1815 bis Mai 1819
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Epilog
Impressum neobooks
Der Weg über die southwark bridge
Die Strecke vom Belgrave Place im Stadtteil Belgravia bis zur Southwark Cathedral über die Southwark Bridge dauerte mit der Kutsche etwa eine Stunde. Mit der neuen motorisierten Kutsche, die in Deutschland vorgestellt worden war und selbst in England für Schlagzeilen sorgte, mochte es vielleicht ein wenig schneller gehen. Und wenn er in die Londoner Underground eingestiegen wäre, die sich seit einigen Jahren unter der Stadt hindurch schlängelte und die wichtigsten Plätze in der City miteinander verband, hätte er es sogar in einer halben Stunde schaffen können. Doch Matthew Collins brauchte zwanzig Jahre seines Lebens bis er in der hintersten Kirchenbank der riesigen Kathedrale am Südufer der Themse Platz nehmen sollte, um auf sie zu warten. Er würde vergeblich dort sitzen in dem riesigen Kirchenschiff und den Prunk der vergangenen Jahrhunderte betrachten. In diesen zwanzig Jahren sah er die Stadt seiner Geburt, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte, er fand einen neuen Freund und verlor seine große Liebe. Aber als Matthew Collins an diesem Sonntagmorgen des 14. März im Jahre 1892 gegen elf Uhr das Haus verließ, konnte er von alldem noch nichts ahnen.
Aufgeregtes Gemurmel erfüllte den langgestreckten Saal, in dem rund zwanzig Männer Platz genommen hatten. Vertäfelte Wände und lange schwere Vorhänge sorgten für eine düstere Atmosphäre und eine stickige warme Luft, die die Herren in ihren Anzügen schwitzen ließ. Draußen hingegen peitschte ein eisiger Wind durch die Straßen der Stadt und so gesehen beschwerte sich keiner der Gentlemen. Am vorderen Ende des Raumes stand ein Mann ganz allein, dutzende von Papieren und Zeichnungen auf dem Tisch ausgebreitet und sprach zu ihnen mit fester sicherer Stimme. Er war von seinem Projekt überzeugt, doch in den Reihen der Gentlemen kamen Diskussionen auf. Fragende und skeptische Gesichter waren ihm zugewandt, ihm, den sie damit beauftragt hatten eine neue Brücke zu bauen westlich der London Bridge. Die Southwark Bridge Company, die sich vor etwas mehr als einem Jahr zusammengefunden hatte, um die Konstruktion dieser und vermutlich auch weiterer Brücken ins Leben zu rufen, lauschte jetzt seit etwas mehr als einer Stunde den Worten von John Rennie, einem der bekanntesten Bauingenieure seiner Zeit. Doch das, was er ihnen hier präsentierte, war ihnen suspekt. John Rennie war ein gemütlicher, etwas korpulenter Herr mittleren Alters, dessen rotes Gesicht ein wuchtiger Schnauzbart zierte, auf den er wahrlich stolz war. Er wischte sich jetzt ein paar Schweißperlen von der Stirn und schaute in die Menge vor sich. Die Southwark Bridge war nicht sein erstes Projekt, doch die Architektur, die ihm vorschwebte, stellte etwas nie Dagewesenes dar. Die Brücke, die er auf den Zeichnungen fein säuberlich skizziert hatte, umfasste drei Rundbögen aus Gusseisen und dazwischen jeweils zwei kleine Türmchen zu beiden Seiten der Brücke.
„Meine Herren, darf ich um etwas mehr Ruhe bitten!“, versuchte er sich Gehör zu verschaffen und pochte mit der Faust auf den Holztisch.
„Gentlemen, lassen wir ihn sich noch einmal erklären“, ertönte ganz am Anfang der Sitzreihe die Stimme eines dicklichen kleinen Herrn. Das Gemurmel erstarb.
„Diese Konstruktion aus Gusseisen stellt für uns alle eine nie dagewesene Herausforderung dar und doch meine Herren, ich versichere Ihnen, die von mir entworfene Southwark Bridge wird noch in hunderten von Jahren den Norden mit dem Süden unserer Stadt verbinden.“
„Meine Güte Mr Rennie! Der mittlere Bogen umfasst knapp 80 Yard. Das sind 240 Fuß! Nie im Leben wird diese Brücke halten. Kein Mensch geschweige denn ein Fuhrwerk werden sich auf dieses Konstrukt wagen und die Schiffer werden den Kopf einziehen, wenn sie die Brücke passieren“, meldete sich ein stattlicher Herr vom anderen Ende des Saals zu Wort. Zustimmendes Gemurmel erklang. Rennie seufzte. Die ewigen Diskussionen und die Hitze im Raum machten ihm zu schaffen.
„80 Yard sind viel, aber es ist nicht unmöglich. Lassen Sie uns die Southwark Bridge zu der bedeutendsten Brücke des Landes machen, lassen Sie uns diesen Schritt gehen, um London weiterhin in eine blühende Zukunft zu steuern. Unsere Wirtschaft wächst stetig, diese Brücke ist lebensnotwendig“, rief Rennie. Vereinzelt gab es nun Applaus, doch hier und dort ein kritisches Kopfschütteln.
„Aber nicht mit einem Bogen aus Gusseisen, der diese Maße umfasst!“ Wieder ein Nicken bei vielen der Männer.
„Meine Herren!“, ertönte wieder die Stimme des Herrn aus der ersten Reihe, „ich habe vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten von Mr Rennie. Hat er in der Vergangenheit nicht schon mehrfach bewiesen, dass er ein Meister seines Faches ist? Wir sollten zu dem nächsten Punkt auf unserer Tagesordnung übergehen, die Mautgebühren und unsere Stellungnahme gegenüber der Corporation of London.“ Mit einem Schlag wurde es wieder ruhig. Man fügte sich den Worten des Mannes, Rennie rollte seine Zeichnungen ein und setzte sich dann auf den freien Platz neben den Wortführer der Southwark Bridge Company. Als ein weiterer Herr, klein und schmächtig, eilig seine Unterlagen zusammen suchte, dann nach vorne trat und mit seinen Ausführungen bezüglich der geplanten Maut begann, beugte sich Lord Henry Winslow vorsichtig zu Rennie hinüber.
„Bleiben Sie nach der Sitzung noch hier“, flüsterte er ihm zu. Rennie nickte zur Antwort. Er wusste, was Lord Winslow mit ihm besprechen wollte, doch er wusste nicht, ob es ihm behagte, was dieser Mann und ein halbes Dutzend andere vorhatten. John Rennie war ein ehrlicher Mensch und heimliche Machenschaften gefielen ihm nicht, doch hatte er eine Wahl? Vermutlich nicht. Winslow beobachtete ihn von der Seite, aber Rennie starrte stur nach vorne und ließ sich nicht anmerken, was in seinem Kopf vor sich ging. Und dabei war es eine ganze Menge, was ihn beschäftigte und ihn von den Erklärungen bezüglich der Maut ablenkte.
Die Sitzung der Southwark Bridge Company endete spät am Abend. Rennie war müde und abgekämpft, als er weit nach Mitternacht in eine leere Droschke stieg, die am Ende der Straße wartete und sich nach Hause fahren ließ. Die Lichter dort waren schon alle gelöscht. Die Haushälfte in der Grosvenor Street lag dunkel und verschlafen vor ihm. Ein vertrauter Anblick. In letzter Zeit war er immer erst dann zurückgekehrt, wenn seine Frau und sein Sohn schon längst tief und fest schliefen. Obwohl ihm die Augen beim Betreten der Eingangshalle beinahe zufielen, konnte er sich nicht ohne weiteres ins Bett legen. Dazu war er viel zu aufgewühlt. Stattdessen schleppte er sich in den Salon, goss sich einen Schluck Whisky aus der Karaffe ein und ließ sich in dem tiefen Sessel vor dem Kamin nieder. Der Whisky brannte in seiner Kehle und es war ein gutes Gefühl. Seit er den Auftrag der Southwark Bridge Company angenommen hatte, griff er häufiger zum Alkohol als früher. John Rennie war kein Trinker, das nicht, aber er brauchte den Whisky, um seine Gedanken zu ordnen oder um seine Zweifel zu zerstreuen, um ihm die Furcht zu nehmen… Es gab mehr als genug Gründe, die einen Schluck aus der Karaffe rechtfertigten. Und sie alle hatten denselben Ursprung: Lord Henry Winslow.
Im April desselben Jahres wurde mit dem Bau der neuen Brücke begonnen. Einige Proteste der Schiffer, die schlechte Auswirkungen auf die Strömungen in der Themse befürchteten, wurden zügig zerschlagen, sodass die Bauarbeiten wie geplant fortgeführt werden konnten. John Rennie war die meiste Zeit vor Ort. Vier Jahre lang sah er zu, wie sein Meisterstück langsam Form annahm und war stolz auf sich und seine Männer. Lord Henry Winslow stand fast ebenso oft am Ufer wie er, doch andere Beweggründe führten ihn an den Fluss. John war tief über seine Blaupausen gebeugt, als Winslow ihn an einem heißen Tag im Juni ein Jahr vor der Fertigstellung von hinten auf die Schulter klopfte. Es war ein Zeichen der Anerkennung und der Zufriedenheit.
„Sobald die Brücke fertig gestellt ist und ich meine vollständig fertig gestellt, werden wir Sie in unsere Gemeinschaft aufnehmen Mr Rennie.“ John Rennie hob den Blick. Winslow reichte ihm gerade einmal bis zur Schulter und doch wusste er, dass er diesem Mann nicht widersprechen durfte. Die kleinen dunklen Augen des Vorsitzenden der Company taxierten ihn und wieder einmal musste Rennie den Blick abwenden. Er bückte sich wieder über die Zeichnungen vor ihm, doch Winslow machte keine Anstalten zu gehen. Stattdessen zündete er sich eine Zigarre an und blies den Rauch langsam aus. Rennie hasste diese Momente, denn sie lenkten ihn von seiner Arbeit ab und Winslow wusste das nur zu genau. Winslow traute niemandem, nicht einmal seinen engsten Freunden und Verwandten und so bereitete es ihm ein sichtliches Vergnügen seine Mitmenschen zu kontrollieren. Rennie krempelte seine Hemdsärmel noch weiter hoch angesichts der sengenden Hitze, die über der Stadt lag. Winslow trug immer noch sein Sakko. Er war immer gut gekleidet, selbst bei Temperaturen wie diesen.
„Dann sind Sie also bereit für Ihren großen Moment?“, fragte Winslow nach ein paar Minuten des Schweigens. Rennie, der versuchte seine Gedanken auf die Baupläne zu lenken, schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er wusste, worauf Winslow anspielte.
„Es wird mir eine Ehre sein Lord Winslow“, sagte er schließlich, obwohl ihm im selben Augenblick ein kalter Schauer den Rücken hinunter lief.
Im Mai 1819 wurde die Southwark Bridge feierlich eröffnet und John Rennie für seine Voraussicht und sein architektonisches Meisterstück gelobt.
Man hatte ihm die Augen mit einem schwarzen Tuch verbunden und die Hände auf dem Rücken so stark verschränkt, dass sie schmerzten. John Rennie wurde von zwei Männern an den Schultern gepackt und langsam Schritt für Schritt geführt. Es roch modrig und die Luft war kalt und feucht. Der Boden unter seinen Füßen war glitschig und ein leises Rascheln ab und zu ließ ihn vermuten, dass auch Ratten hier unterwegs waren. Er stolperte zwischen den Männern einen langen nur spärlich beleuchteten Tunnel irgendwo unterhalb Londons entlang und er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn brachten. Doch er konnte sich denken, dass es etwas mit den Worten Lord Winslows zu tun haben musste, dass sie ihn in ihre Gemeinschaft aufnehmen würden. Er hätte gut und gerne auf dieses Ritual verzichtet, schließlich war seine Arbeit getan. Er hatte die Southwark Bridge konstruiert, wie die Männer es ihm aufgetragen hatten, hatte ihren Bau überwacht und seiner Meinung nach mit allem abgeschlossen. Doch Winslow hatte darauf bestanden. Rennie hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend und der Schweiß stand ihm trotz der kühlen Luft auf der Stirn. Warum um Himmels Willen hatte er sich darauf eingelassen? Fast fünf Jahre hatte er sich nun schon damit gequält! Er hätte ein ruhiges bequemes Leben führen können. Warum hatten sie ausgerechnet ihn auserwählt, diese gottverdammte Brücke zu bauen? Sie kamen um eine Biegung und durch das Tuch erkannte Rennie einen schwachen Lichtschein, der langsam näher kam. Sie stiegen ein paar Stufen hinab, auf denen Rennie beinahe gestürzt wäre, hätten die Männer ihn nicht so fest gehalten. Stimmen ertönten, ein aufgeregtes Gemurmel, das Licht wurde heller. Dann blieben sie stehen. Rennie atmete immer schneller. Plötzlich riss ihm jemand die Binde von den Augen und geblendet von dem hellen Licht, kniff er erschrocken die Augen zusammen. Die beiden Männer traten von ihm zurück und er rieb sich die schmerzenden Handgelenke. Erst dann nahm er wirklich war, wo er sich befand. Es war ein riesiger Raum mit hohen Decken aus Stein. Zu jeder Seite ragten etwa fünf Säulen empor, die die Decke stützten. Zu seiner Linken erspähte er eine kleine Treppe, die zwischen einer Art Tribüne nach oben führte. Von dort musste er gekommen sein. Das Raunen kam von der Tribüne, aber sie war in tiefe Schatten gehüllt, sodass er keine Gesichter erkennen konnte. Tatsächlich war nur die kreisrunde Fläche, in dessen Mitte er stand, hell beleuchtet. Er stand im Mittelpunkt des Geschehens. Er fühlte, dass man ihn beobachtete und er kam sich schutzlos vor, was seine Angst nur noch verstärkte. Vor ihm an einer Wand des Raumes erhob sich ein Podest mit einer langen Tafel darauf, an der drei Männer saßen. Den mittleren von ihnen erkannte Rennie. Es war Lord Henry Winslow. Winslow blickte ihn mit starrem Gesicht an, dann hob er auf einmal die rechte Hand und mit einem Schlag verstummte das Gemurmel. Trotz seiner mickrigen Körpergröße strahlte Winslow eine Autorität aus, die man nur bewundern konnte und der man sich fügte. Sowohl im Saal der Southwark Bridge Company als auch hier, meilenweit unterhalb der Stadt.
„John Rennie, wir haben uns heute hier versammelt, um Ihnen Ihr Schweigegelübde abzunehmen, auf dass Sie niemals das Geheimnis, das Ihnen anvertraut wurde, verraten werden. Schweigen Sie für immer oder sterben Sie eines grausamen Todes“, ertönte die Stimme von Lord Winslow und hallte unheimlich nach. Rennie zuckte zusammen. Dann hörte er ein Rascheln, und glaubte zu sehen, wie die Menschen auf der Tribüne sich von ihren Plätzen erhoben. Lord Winslow und die beiden Gentlemen zu seiner Rechten und Linken waren ebenfalls aufgestanden.
„Sprechen Sie mir nach Mr Rennie“, sagte Winslow zu ihm. Er legte seine rechte Hand auf das Herz und Rennie tat es ihm zitternd gleich.
„Ich, John Rennie, schwöre bei meinem Leben und beim Leben meiner Frau und meines Sohnes, dass ich das Geheimnis der Southwark Bridge Company bis zu meinem Tod in Ehren halten werde, dass ich voller Stolz und Demut die Errungenschaft der Bruderschaft achte und für ihren Erhalt mein Leben opfern würde“, sprach Winslow langsam und deutlich. Rennie wurde noch blasser.
„Sir, bitte halten Sie meine Familie aus der ganzen Sache heraus“, sagte er mit heiserer Stimme.
„Sagen Sie’s!“, donnerte Winslow.
„Ich, John Rennie, schwöre bei meinem Leben und beim Leben meiner Frau…“ Seine Stimme versagte und er sackte auf die Knie. Sofort waren die beiden Männer, die ihn hereingeschleppt hatte, wieder an seiner Seite und zerrten ihn hoch.
„Weiter!“, blaffte Winslow.
„…meiner Frau und meines Sohnes, dass ich das Geheimnis der Southwark Bridge Company bis zu meinem Tod in Ehren halten werde, dass ich voller Stolz und Demut die Errungenschaft der Bruderschaft achte und für ihren Erhalt mein Leben opfern würde.“ Die Worte hallten in seinem Kopf nach und ihre Bedeutung ließen ihn am ganzen Leib zittern. Die Gestalt von Lord Winslow und der ganze Saal verschwammen vor seinen Augen. Dann brach er vor Erschöpfung und Angst zusammen.
März 1892
Er stand jetzt etwa eine halbe Stunde vor der grün angestrichenen Eingangstür von Haus Nummer 12 Regency Street und starrte auf den goldenen Türklopfer in Form eines Löwenkopfes. Er traute sich nicht anzuklopfen, denn alles, was ihn hinter dieser Tür erwarten würde, erfüllte ihn mit Schrecken und Abscheu. Nervös drehte er sich zu Bernie um, der oben auf dem Kutschbock saß und sich eine Zigarette angezündet hatte. Als dieser den zögerlichen Blick des jungen Mannes bemerkte, nickte er ihm aufmunternd zu und gab ihm zu verstehen, jetzt endlich an diese Tür zu klopfen. Doch Matthew Collins strich erst zum zwölften Mal seinen Anzug glatt und rückte den Zylinder zurecht, in der Hoffnung, dadurch das Unvermeidbare noch ein wenig hinauszuzögern. Die Menschen, die an ihm auf dem Bürgersteig vorbeiliefen, starrten ihn interessiert an und reckten beim Vorbeigehen noch einmal die Köpfe. Matthew räusperte sich, dann trat er auf die oberste Treppenstufe und betätigte den Klopfer. Er hörte das dumpfe Pochen, das darauf folgte und wünschte sich im selben Augenblick, dass niemand es bemerkt hätte. Doch seine Gebete wurden nicht erhört. Ein großgewachsener Mann in schwarzem Frack und frisch gestärktem weißen Hemd öffnete ihm die Tür. Matthew nahm seinen Zylinder ab und verbeugte sich leicht.
„Mr Collins! Man erwartet Sie bereits“, sagte der Butler mit einer leicht näselnden Stimme und trat einen Schritt zur Seite, um den jungen Mann hinein zu lassen. Matthew blickte sich noch einmal zu Bernie um, der gerade seine Zigarette austrat, dann betrat er den Eingangsbereich von Regency Street Nummer 12. Er legte seinen Hut und leichten Mantel, den er sich für die Übergangszeit vor kurzem gekauft hatte, ab und wartete in der noblen kleinen Halle. Ein schwerer Geruch nach Blumen hing in der Luft und aus dem Raum zu seiner Linken hörte er Stimmen.
„Wenn Sie bitte hier warten würden Mr Collins, ich werde im Salon Bescheid geben, dass Sie da sind.“ Der Butler ließ ihn stehen und ging in den Raum, aus dem die Stimmen zu hören waren. Matthew strich sich nervös das blonde Haar aus der Stirn, das vielleicht etwas zu lang war, aber ihm durchaus stand. Er war ein groß gewachsener Mann mit einem breiten Kreuz und einem gutmütigen rundlichen Gesicht. Er blickte auf seine Taschenuhr hinab. Es war genau zwanzig Minuten vor 12. Spät genug, um die Hausherren nicht beim Frühstück zu überraschen und auch früh genug, um sie nicht beim Lunch zu stören. Er war genau richtig angekommen. In diesem Moment streckte der Butler den Kopf durch die Salontür und winkte ihn herein. Matthew holte tief Luft, dann schritt er zügig über den Marmorboden, um das hinter sich zu bringen, was unausweichlich war. Im Salon warteten drei Menschen auf ihn. Ein kleiner Mann mit spärlichem braunen Haar, der ihn durch eine große Brille freundlich anlächelte, eine Frau, die steif auf der Couch vor dem Kamin saß, das Haar kunstvoll hochfrisiert und in einem eleganten dunkelblauen Kleid, das der neuesten Mode entsprach und Susan Wentworth, ihre Tochter.
„Mr und Mrs Wentworth“, sagte Matthew, verbeugte sich und schritt dann auf die Dame des Hauses zu, um ihr einen Kuss auf ihre vorgestreckte Hand zu hauchen.
„Wir freuen uns so, dass Sie da sind Matthew!“, begrüßte ihn der kleine Mann und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. Dann wandte sich Matthew Susan zu, gab auch ihr einen Kuss und blickte in ihre grauen Augen, die ihn kühl musterten. Susan war eine hübsche junge Frau, die die feinen Gesichtszüge ihrer Mutter geerbt hatte, aber sie lächelte nicht, als sie Matthew gegenüber stand und ihn betrachtete. Susan hatte nicht das liebliche Wesen einer Frau, sie war kühl und berechnend und sie wusste, was man von ihr verlangte. Eigentlich musste er nicht nur Mitleid mit sich selbst, sondern auch mit ihr haben, aber das hielt sich bei ihm in Grenzen. Mr Wentworth setzte sich neben seine Frau und dann betrachteten sie die beiden jungen Leute und Matthew wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. In diesem Moment wünschte er sich, er könnte wie Bernie auf dem Kutschbock sitzen, in die Sonne blinzeln und die einzige Sorge, die er dann hätte, wäre, immer genügend Zigaretten zu besitzen oder die Qual der Wahl, in welchen Pub er am Abend gehen würde. Aber Matthew war dieses einfache Leben nicht vergönnt und eigentlich sollte er zufrieden sein mit dem Leben, das ihm seine Eltern aufgebaut hatten.
Matthew Collins war der Sohn des Bankiers Thomas Collins und die Bank Collins & Sons gehörte zu Englands ältesten Bankhäusern im Norden der Stadt. Schon bei seiner Geburt stand fest, dass er eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr war Matthew nun also jeden Tag in der großen marmornen Halle in der City beschäftigt und er musste zugeben, dass ihm die Arbeit eigentlich gefiel. Die Collins führten ein vornehmes Leben in Belgravia, etwa vier Straßen entfernt von den Wentworths. Abendgesellschaften, ein Sitz in den nobelsten englische Clubs und der Umgang mit den einflussreichsten Politikern und Geschäftsleuten Englands standen an der Tagesordnung. So war es nur selbstverständlich, dass es eines Tages dazu kommen musste, dass Matthew eine Frau heiratete, die den Ansprüchen der Collins und der gesamten Londoner Gesellschaft genügte. Susan Wentworth war diese Frau. Matthew war ein umgänglicher Typ, der sich nur selten den Anforderungen seines Vaters widersetzte oder für Unruhe sorgte, ganz im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Charles, doch dieser Vermählung hatte Matthew nur unter wochenlangem Protest, Diskussionen und vielen Tränen seiner Mutter zugestimmt. Denn es gab ein Problem. Matthew liebte eine andere.
„Miss Susan Wentworth, würden Sie mir die Ehre erweisen und meine Frau werden“, sagte er jetzt, als er auf die Knie gesunken war und in ihr blasses spitzes Gesicht hinauf blickte, in dem sich kein Muskel rührte.
„Es wäre mir eine große Ehre Mr Collins“, erwiderte sie ohne jegliche Gefühlsregung. Mr Wentworth begann zu klatschen und Mrs Wentworth nahm ihr seidenes Taschentuch zur Hand und tupfte sich die Augen. Ob sie wirklich vor Rührung weinte, konnte Matthew nicht erkennen.
„Willkommen in der Familie mein Schwiegersohn. Nennen Sie mich George!“ Der kleine Mann schüttelte ihm erneut frohen Mutes die Hand.
„Lasst uns darauf anstoßen. Auf die Familien Collins und Wentworth! Mögen ihnen eine blühende und kinderreiche“, er zwinkerte Matthew zu, „Zeit bevorstehen.“
Matthew nahm dankend das Glas Whisky entgegen, das ihm gereicht wurde, doch als er einen Schluck nahm, wurde ihm übel. Susan stand dicht neben ihm und er sah, wie sie die Lippen zusammen gekniffen hatte und er wusste, dass sie genauso unglücklich über diese Vermählung war, wie er. Vielleicht hatte sie selbst einen anderen Verehrer, dem sie ihr Herz geschenkt hatte und den sie jetzt gehen lassen musste, weil Matthew Collins wohl oder übel seinen Platz einnehmen würde. Und dann musste er an Polly denken, Polly Perkins, die Frau, bei der es ihm seit dem Moment, als er sie das erste Mal gesehen hatte, die Sprache verschlagen hatte. Doch Polly Perkins war nicht die Partie, die seine Eltern sich für ihn gewünscht hatten. Und so sehr er auch gefleht und gebettelt hatte, Polly könnte nie die Frau an seiner Seite werden. Nicht in diesem Jahrhundert und nicht als die Frau eines angesehenen Bankiers in der Londoner Gesellschaft. Dabei war es sein Vater gewesen, dem er die Begegnung mit Polly zu verdanken hatte, denn vor gut einem Jahr hatte ihn Mr Collins in die Fleet Street geschickt, um ein Interview, um das der Daily Courant, Londons angesehenste Zeitung, gebeten hatte, zu besprechen. Matthew hatte im Vorfeld die Fragen mit den Reportern durchgehen und alles Übrige in die Wege leiten sollen. So war er also an einem Frühlingstag im Mai in die Fleet Street gefahren, um sich mit einem gewissen Charly Taylor zu treffen. Als er das Gebäude des Daily Courant betreten hatte, war sein Blick auf die junge Empfangsdame gefallen, die hinter einem hohen Tresen gesessen und eifrig auf einer Schreibmaschine getippt hatte. Sie hatte ein rotes Kleid getragen, das vielleicht etwas zu tief ausgeschnitten war, um sie eine feine Dame nennen zu können, doch als sie zu ihm aufgeblickt und ihn lächelnd nach seinem Namen gefragt hatte, da hatte Matthew gewusst, dass diese Frau für ihn einzigartig war.
Das alles ging ihm in diesem Moment durch den Kopf, als er im Wohnzimmer der Wentworths stand und ein Whiskyglas erhoben hatte, um auf seine Verlobung mit Susan Wentworth anzustoßen.
„Was sagen Sie dazu Matthew?“, hörte er die Stimme von Mr Wentworth und er wurde ruckartig in die unliebsame Gegenwart versetzt.
„Verzeihung, ich habe nicht ganz zugehört“, entschuldigte er sich hastig.
„Noch ganz benommen, nicht wahr mein Sohn! Ich fragte, was Sie davon hielten, eine kleine Verlobungsfeier zu organisieren. Hier in unserem Haus. Ein paar gute Freunde und Bekannte, keine allzu große Sache, schließlich sparen wir uns das ganz Große für die Hochzeit auf.“
„Das wäre eine wunderbare Idee“, antwortete Matthew pflichtbewusst, dabei spürte er, wie ihm die Galle in den Hals stieg und hastig trank er den restlichen Whisky in einem Schluck aus.
„Mr Wentworth – George, Mrs Wentworth, ich werde mich jetzt leider verabschieden müssen. Die Pflicht ruft mich“, verabschiedete er sich schnell. Er hatte das Gefühl, er müsste umgehend diese Räume verlassen, die ihn zu ersticken drohten. Er hauchte Susan einen Kuss auf ihre Hand und blickte ihr noch einmal in die Augen. Immer noch war kein Lächeln darin zu sehen. Er nahm es ihr nicht übel. Der Butler führte ihn aus dem Wohnzimmer, half ihm beim Ankleiden seines Mantels und geleitete ihn zur Tür. Erst als Matthew draußen auf dem Bürgersteig stand und in die Londoner Sonne blinzelte, wurde die Übelkeit langsam besser. Bernie sprang vom Kutschbock und öffnete ihm die Tür.
„Alles in Ordnung Mr Matthew?“, fragte er und setzte einen mitfühlenden Blick auf.
„Danke Bernie, es ist alles in bester Ordnung.“ Er nahm in der Kutsche Platz und starrte auf die Kutschenwand vor ihm, in die ein kleines Fenster eingelassen war, um bei Bedarf mit dem Kutscher Kontakt aufnehmen zu können. Matthew schob die Scheibe hinunter und wies Bernie an nicht nach Hause fahren, sondern einen Abstecher in seinen Pub zu machen. Bernie warf ihm einen erstaunten Blick zu, doch dann nickte er und ließ die Pferde antraben. Die Kutsche bewegte sich in östliche Richtung, an der City vorbei und auch an dem Bankenviertel. Das hohe Gebäude mit den Marmorsäulen, an dessen Giebel in großen goldenen Lettern Collins & Sons angebracht war, ließen sie ebenso hinter sich wie den Tower. Die Straßen wurden schmaler, dunkler und dreckiger. Genau wie ihre Bewohner, die in zerlumpten Kleidern die vornehme Kutsche anstarrten, die sich in ihre Gegend verirrt hatte. Matthew empfand jedes Mal tiefe Abscheu für dieses Leben, aber er wusste, dass er nichts daran ändern konnte. Das Leben in den äußeren Stadtbezirken war hart und traurig. Die Menschen hockten dicht an dicht in den kleinen Wohnungen zusammen, die manchmal von zwei oder mehr Familien geteilt wurden. Hinter den Häusern ragten die Schornsteine der Fabriken in den Himmel und stießen ihren dicken schwarzen Qualm in die Luft. Das East End war eine grausame Gegend. Hier wurden aus den Menschen Ratten, die sich auf alles stürzten, was auch nur im Entferntesten essbar wirkte. Es war ein Ort, an dem Krankheit und Kriminalität die Straßen beherrschte. Seitdem vor vier Jahren die bestialischen Morde an Frauen durch einen Mann, der allgemein nur als Jack the Ripper bekannt war, das East End erschüttert hatten, hatte der Ruf des Viertels sich noch weiter verschlechtert. Doch die einzige Antwort, die man auf die Zustände hier gefunden hatte, war der Bau weiterer Gefängnisse gewesen.
Ein paar Jungen liefen der Kutsche auf ihren bloßen blutigen Füßen hinterher und Matthew warf ihnen aus dem Fenster ein paar Schillinge zu. Sie stritten sich darum und Matthew hoffte nur, dass sie so schlau waren und es nicht ihren Vätern gaben, die das Geld gegen Bier und Schnaps eintauschen würden. Bernie ließ die Pferde vor dem Eingang des Ten Bells zum Stehen kommen und Matthew stieg aus. Er hielt sich ein seidenes Taschentuch vor die Nase, um den Gestank nach Verfäulnis und Urin nicht einatmen zu müssen. Whitechapel war kein Ort für einen Gentleman wie ihn, doch er kannte sich aus in dem verrufenen Viertel und betrat zügigen Schrittes den Pub. Drinnen war es heiß, laut und es roch nach altem Schnaps. Die Mädchen waren leicht bekleidet, die Männer betrunken und zwischen ihnen Matthew Collins in seinem feinen Mantel und Zylinder. Er setzte sich an einen Tisch am Fenster und starrte durch die dreckigen Scheiben nach draußen.
„Na Süßer, was hättste denn gern“, fragte ihn die Bedienung und ließ sich mit ihrem Hintern keck auf seinem Tisch nieder.
„Ein Bier Mary“, antwortete er knapp.
„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen, hmm!“ Sie zuckte genervt mit den Schultern und verschwand wieder zum Tresen. Wenn irgendjemand herausbekommen würde, dass der Sohn von Thomas Collins in einem Pub in Whitechapel verkehrte, dann würde das das Gesprächsthema der nächsten Monate auf allen Gesellschaften und Soirées, in jedem Club und vor allem bei den Collins zu Hause sein. Doch Matthew ließ sich nicht erwischen.
„Eine Spende für einen armen Jungen Sir!“, erklang die piepsige Stimme eines Zwölfjährigen, der mit ausgestreckter Hand schelmisch grinsend an seinem Tisch aufgetaucht war. Matthew grinste zurück.
„Setz dich Marty und lass das Betteln.“ Mary brachte das Bier und ehe Matthew noch widersprechen konnte, schnappte sich der Junge den Krug und trank gierig einen Schluck. Seufzend ließ Matthew ihn schließlich gewähren.
„Lass mir zumindest einen Schluck übrig, hast du verstanden.“ Ein kurzes Brummen sollte wohl ja bedeuten. Als Matthew das erste Mal nach Whitechapel gekommen war, damals noch zu Fuß, hatte er in den vielen engen Gassen den Überblick verloren und sich heillos verirrt. Marty hatte ihn für ein paar Groschen bis zum Tower gebracht, ab dort kannte sich Matthew aus. Er war dem kleinen Burschen zu Dank verpflichtet und er hatte ihn ins Herz geschlossen. Seine Mutter war im Kindsbett gestorben und der Vater ein Trinker, so hatte es Marty ihm erzählt, als sie sich ein zweites Mal begegnet waren. Seitdem war er ein treuer und ständiger Begleiter geworden und vermutlich sah er in Matthew den großen Bruder oder den Vater, den er nie haben würde. Matthew zog ihm schließlich den Krug aus der Hand und nahm selbst einen Schluck. Das Bier war warm, aber es störte ihn nicht. Seit er Susan den Heiratsantrag gemacht hatte, störte ihn gar nichts mehr. Er fühlte sich schuldig gegenüber Polly, obwohl sie beide von Anfang an gewusst hatten, dass es kein gutes Ende werden würde. Vielleicht eine kurze glückliche Liebschaft, aber mehr auch nicht. Für Matthew war es weit mehr, er hatte Polly ins Herz geschlossen und als Charly Taylor das Interview mit seinem Vater geführt hatte, war es Matthew gewesen, der sich angeboten hatte, alle restlichen Formalitäten in der Fleet Street zu klären, nur um ein weiteres Wort mit der hübschen Empfangsdame des Daily Courant auszutauschen. Es war schon bei ihrer dritten Begegnung, als er sie zu einem Kaffee in ihrer Mittagspause eingeladen hatte. Polly hatte gezögert. Sie kannte diese Art junger reicher Männer, die in ihr ein kurzes Vergnügen sahen und wenn sie das bekommen hatten, was sie wollten, zurück kehrten zu ihren Damen. Doch Matthew war anders. Er meinte es ernst mit ihr. Er behandelte sie nicht wie eine dumme Sekretärin und sie begann ihm zu vertrauen. Sie erzählte ihm von dem Zimmer, das sie bei einer alten Dame gemietet hatte, weil es günstig genug war, um ein bisschen Geld beiseite legen zu können.
„Ich will nach Paris“, hatte sie zu ihm gesagt, „dafür spare ich. Eines Tages kaufe ich mir ein Zugticket und verlasse England. Ich will in einem dieser schönen französischen Kleider an der Seine entlang spazieren, mich in ein Café setzen und die Menschen zeichnen, die mir begegnen.“ Polly war eine begnadete Künstlerin, aber sie verkannte ihr Talent. Einmal hatte sie einen Skizzenblock mit in das Café am Ende der Fleet Street gebracht und Matthew gezeichnet, wie er vor ihr gesessen und sie stillschweigend bewundert hatte. Sie hatten genau dreißig Minuten ehe sie wieder an ihren Empfangstresen musste. Matthew kostete jede Sekunde aus.
„Bestellst du mir noch ein Bier?“, fragte Marty.
„Zuviel Bier ist in deinem Alter nicht gut“, erwiderte Matthew, doch er winkte Mary zu sich herüber, weil er dem Jungen diesen Wunsch nicht abschlagen konnte.
„Bist aber nicht sehr gesprächig heute“, bemerkte Marty und schaute Mary hinterher, die mit gekonntem Hüftschwung wieder davon tänzelte, nachdem sie ihre Bestellung aufgenommen hatte.
„Manchmal gibt es so Tage.“
„Sagt mein Alter auch immer, aber bei dem liegt’s am Schnaps. Du kommst mir aber nicht betrunken vor.“
„Ich heirate eine Frau, die ich nicht liebe“, antwortete Matthew und damit sprach er es endlich aus. Es war genau das, was ihn seit Tagen bekümmerte und ihm den Schlaf raubte. Er hatte es Polly noch nicht erzählt, aber sie würde es wissen. Spätestens in ein paar Tagen würde die Verlobung von Matthew Collins und Susan Wentworth in den Zeitungen stehen.
„Dann heirate sie halt nicht.“ Matthew musste lächeln. Für ein Kind war die Welt so einfach. Er wünschte sich, er wäre auch wieder zwölf Jahre alt und liefe an der Hand seiner Nanny durch den St James Park und füttere die Enten.
„So einfach ist das nicht“, gab er zurück und mit dem nächsten Schluck Bier beschloss er seine Verzweiflung und Trauer in Alkohol zu ertränken.
„Dann lauf weg!“ Weglaufen, er musste gestehen, er hatte auch schon daran gedacht, aber er war nicht der Typ für derlei Wagnisse. Matthew Collins würde sich seinem Schicksal beugen, so wie er es immer getan hatte. Er war kein Kämpfer, keiner, der aus der Reihe tanzte, der etwas tat, was sich nicht gehörte, einfach nur, weil er es tun wollte. Matthew war derjenige, der sich an die Regeln hielt. Nur bei Polly, da war es etwas anderes. Das Verhältnis mit Polly verstieß gegen die Regeln, aber er wagte es nicht, sie noch weiter zu überschreiten. Während er über seinem Bier hockte und ins Leere starrte, mit den Gedanken weit weg, vergaß er die Zeit und auch Marty, dem es irgendwann zu langweilig wurde und der sich verabschiedete, ohne jedoch von Matthew wahrgenommen zu werden. Irgendwann war es Bernie, der ihn unsanft an der Schulter vom dem klapprigen Stuhl hochzog und halb ziehend halb schleppend zurück in die Kutsche verfrachtete.
„Zum Abendessen sollten Sie sich umziehen und frisch machen Mr Matthew“, brummte er nur.
Matthew lehnte den Kopf an die Kutschentür und schloss die Augen. Das Rattern der Räder unter ihm war gleichmäßig und beruhigend und der Schlaf übermannte ihn.
Die Verlobungsfeier bei den Wentworths war alles andere als klein. Neben den engsten Freunden und Verwandten, wie Mr Wentworth es angekündigt hatte, gesellten sich einige der einflussreichsten Männer der Stadt, bekannte Künstler, Architekten, Musiker und Politiker. Matthew war den Umgang mit diesen Leuten gewohnt, verkehrten sie doch alle in regelmäßigem Abstand auch bei ihm zu Hause. Mr Collins hatte zusätzlich ein paar wichtige Kunden seiner Bank eingeladen, vielleicht um ihnen zu demonstrieren, dass Matthew ein würdiger Nachfolger seiner selbst war, wenn er eines Tages die Leitung von Collins & Sons übernehmen würde. Susan Wentworth sah hinreißend aus und man sprach davon, dass sie beide eines der schönsten Paare waren, die es zurzeit in London gab. Matthew hatte unzählige Hände zu schütteln, Glückwünsche entgegen zu nehmen und dabei gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Mr Wentworth sprach von Matthew in den höchsten Tönen und nahm es sich nicht seinen zukünftigen Schwiegersohn hinter sich her zu ziehen und ihm jeden vorzustellen, der ihnen entgegenkam. Matthew ließ alles über sich ergehen, er hatte auch keine andere Wahl. In der Nähe der Eingangstür erblickte er schließlich Susan, als er sich für einen kurzen Moment von dem eifrigen Mr Wentworth losreißen konnte. Sie stand abseits von dem Trubel und nippte an einem Glas Champagner. Er schlängelte sich durch die Menschenmasse in der Eingangshalle hindurch und stellte sich neben sie. Er schwieg zunächst, nahm ebenfalls einen Schluck und betrachtete die Vielzahl an Menschen, die gekommen waren, um ihn und Susan zu feiern. Doch das Verlobungspaar stand steif nebeneinander. Schließlich brach Matthew das Schweigen.
„Wir sollten zumindest versuchen, wie ein glückliches junges Paar zu wirken, was meinen Sie.“ Sie antwortete nicht, nippte weiter an ihrem Champagner und hielt das Glas so fest in ihren Händen, als wäre es der einzige Halt, der ihr noch geblieben war.
„Schließlich wollen wir Ihrem Vater nicht seine Feier ruinieren.“ Sie wandte sich zu ihm um und ihre grauen Augen wirkten kalt und abschätzig.
„Mein Vater hat mich nicht einmal nach meiner Meinung gefragt“, gab sie kühl zurück. Er verstand sie, ihn hatte auch niemand gefragt.
„Gab es einen anderen Mann in Ihrem Leben?“, fragte er vorsichtig. Wieder schwieg sie für ein paar Minuten und Matthew dachte schon er wäre zu intim gewesen und damit sei ihre erste richtige Unterhaltung beendet.
„Sir William Dalton.“ William Dalton gehörte zu Londons einflussreichsten Männern, aber ihm wurde Spielsucht und Trunkenheit nachgesagt, woraufhin sein guter Ruf sehr gelitten hatte. Dalton war auch Kunde bei Collins & Sons gewesen, aber Mr Collins hatte ihn des Hauses verwiesen, als er schwer betrunken eine seiner Sekretärinnen unter den Rock gegriffen hatte, als die ihm eine Auskunft verwehrte. Dalton gehörte zu den Männern, die nur noch selten zu den großen Gesellschaften eingeladen wurden, doch bei den Frauen war er immer noch begehrt. Er hatte ein jugendliches Aussehen und in seinen dunklen Augen sahen sie stets die Lust eines Mannes, die andere Gentlemen zu verbergen versuchten. Dalton war ein Frauenschürze, ein Herzensbrecher und doch hatte er Susan Wentworth den Kopf verdreht und ihr weisgemacht, er würde sie mehr lieben als jede andere Frau auf der Welt. Dass eine so berechnende Frau wie Susan ihr Herz an einen Casanova verloren hatte, erstaunte Matthew und im Stillen konnte er Mr Wentworth verstehen, der nie die Liaison seiner Tochter mit diesem Mann erlaubt hätte.
„Und Sie?“, fragte sie zurück. Mein Herz gehört Polly Perkins, dachte er, aber es widerstrebte ihm, ihren Namen zu nennen, aus Angst, er würde sie in Verruf ziehen und weil er dann deutlich gemacht hätte, dass seine Liebe genauso tragisch war wie die von Susan zu William Dalton. Doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als sein Vater ihn vom anderen Ende der Halle aus zu sich winkte.
„Entschuldigen Sie mich bitte.“ Er ließ sie in ihrem Kummer zurück, den sie gekonnt hinter ihrer Maske aus Vollkommenheit und Stolz verbarg.
„Matthew, ich möchte dir jemanden vorstellen“, begann sein Vater und Matthew wusste, dass es eine jener Unterhaltungen werden würde, die ihm auf seinem Weg zur Geschäftsleitung von Collins & Sons noch öfter begegnen würden.
„Matthew, das hier ist John Rennie junior. Mr Rennie, mein Sohn Matthew.“ Matthew schüttelte einem alten Mann, den er auf Ende 70 schätzte, die Hand. Der Mann hatte für sein Alter einen erstaunlich festen Händedruck und einen freundlichen Gesichtsausdruck. Er stützte sich mit der Linken auf einen Gehstock, dessen Kopf eine silberne Schlange zierte.
„Mr Rennie, es freut mich Sie kennen zu lernen. Ich bewundere Ihre architektonischen Meisterleistungen und jedes Mal, wenn ich die London Bridge überquere, muss ich an Sie denken.“ Rennies Lächeln wurde noch breiter und seine kleinen grauen Augen verschwanden dabei fast vollständig unter den vielen Falten, die sein Gesicht durchfurchten.
„Mein Anteil an dieser Brücke ist nur mäßig Mr Matthew, es war mein Vater, der sie entworfen hat. Ich habe nur sein Werk vollendet.“ Sein Lächeln wurde traurig. „ Ich habe sie fertiggestellt, in der Hoffnung, er würde sie eines Tages sehen und stolz auf mich sein. Leider ist es nie so gekommen und inzwischen dürfte es zu spät sein. 60 Jahre sind seitdem vergangen.“ Matthew kannte die mysteriöse Geschichte um John Rennie senior, der eines Tages spurlos verschwunden war. Monatelang hatte man ganz London durchkämmt auf der Suche nach dem begabten Architekten, aber nicht die geringste Spur hatte man gefunden. Man war zunächst von Entführung ausgegangen, doch es traf nie eine Lösegeldforderung bei seiner Familie ein. Dann glaubte man an einen Unfall, aber auch seine Leiche ward nie gefunden, weder in den Straßen noch in der Themse. Die Presse hatte die ganze Geschichte angeheizt und so viel über die Angelegenheit geschrieben, dass selbst die Polizei am Ende nicht mehr wusste, was wahr war und was nur der Feder eines Journalisten entsprungen war.
John Rennie junior verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und zuckte vor Schmerz leicht zusammen.
„Die Gicht“, erklärte er, „mein Arzt verbietet mir eigentlich all diese Köstlichkeiten, die Sie hier anbieten und auch vom Alkohol soll ich mich fernhalten, aber was hat ein Mann in meinem Alter denn noch vom Leben außer einem guten Glas Whisky und ein paar hübschen Frauen.“
„Das ist wohl war Mr Rennie“, sagte Matthew lachend.
„Sie sind ein hübsches Paar, Sie und Miss Wentworth“, sagte er und nickte mit dem Kopf zu Susan hinüber, die sich inzwischen mit Mrs Bird, einer Witwe und guten Freundin der Familie unterhielt.
„Das sagt man mir häufig in letzter Zeit. Dann muss es wohl wahr sein“, antwortete Matthew und versuchte zu lächeln, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen. Rennies Blick schien ihn zu prüfen und Matthew hatte das Gefühl, der alte Mann würde direkt in seinen Kopf gucken und dort sehen, was er eigentlich fühlte. Er blickte hastig zur Seite und sein Blick fiel auf den wunderschön geschnitzten Holzstock. Die silberne Schlange an seinem Ende sah so echt aus, dass Matthew fast den Eindruck hatte, sie würde sich vor seinen Augen bewegen.
„Ein Erbstück meines Vaters“, erklärte Rennie, der seinen Blick bemerkt hatte, „es war ein Geschenk der Southwark Bridge Company für seinen Entwurf der Southwark Bridge. Wundervolle Arbeit nicht wahr? Muss ein Vermögen gekostet haben.“
„Mr Rennie, ich muss mich noch um ein paar meiner Gäste kümmern“, wandte sich jetzt Thomas Collins an den alten Mann. Er hatte sich während des Gesprächs vornehmlich zurück gehalten, um seinem Sohn den Vortritt zu lassen.
„Mr Collins, vielen Dank für die Einladung. Und nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich einmal in die roten Zahlen rutschen sollte.“ Rennie lächelte und schüttelte ihm die Hand. Mr Collins gab das Lächeln zurück, aber Matthew wusste, dass Witze über das Bankgeschäft seinen Vater nie zum Lachen brachten. Matthew starrte weiter gedankenversunken den Schlangenkopf auf dem Handstock an.
„Sie sollten sich um Ihre Verlobte kümmern Mr Matthew“, sagte Rennie plötzlich und zwinkerte ihm zu. Doch Matthew zog es nicht zu seiner Zukünftigen hinüber, sondern er verschwand möglichst unauffällig durch die Tür zum Dienstbotentrakt. Er hörte ein paar laute Stimmen aus der Küche, doch niemand bemerkte ihn. Das Personal war voll und ganz mit der Bewirtung der Gäste beschäftigt. Der Flur führte in einen Hinterhof, der von der Straße aus über einen schmalen Durchgang zwischen den Häusern zu erreichen war. Vor ihm auf einem umgestülpten Eimer saß Bernie und rauchte eine Zigarette. Neben sich hatte er einen Teller mit einem halb aufgegessenen Sandwich liegen.
„Mr Matthew, ich feiere meine eigene kleine Party. Haben Sie das junge Stubenmädchen mit den zwei geflochtenen Zöpfen bemerkt? Ist ganz süß die kleine, hat mir ein Sandwich gebracht.“ Matthew trat auf ihn zu und setzte sich auf einen Holzstumpf, der vermutlich im Winter zum Holzhacken verwendet wurde.
„Wo sind die anderen Kutscher?“
„Drei von denen hatten sich gerade mächtig in der Wolle. Haben Karten gespielt und einer war wohl ein schlechter Verlierer. Die sind gerade drinnen und verarzten den armen Kerl, bevor sein Herr nach Hause will. Und ein paar sind vorne auf der Straße, schauen nach den Pferden. Ich hab auf Sie gewartet Mr Matthew. Hab ihr den Brief übergeben.“ Er zwinkerte ihm zu und biss dann herzhaft in sein Sandwich.
„Danke Bernie. Was hat sie gesagt?“, fragte er nervös. Der Kutscher musste ein paarmal hart schlucken und sich räuspern bevor er antworten konnte.
„Sie hat gesagt, Sie sollen nicht kommen.“ Damit hatte Matthew gerechnet. Vorgestern war die Anzeige über die Verlobung im Daily Courant erschienen. Was mochte Polly gedacht haben? Natürlich hatte sie damit gerechnet, aber es schwarz auf weiß vor Augen zu haben, musste sie sehr getroffen haben.
„Ich werde trotzdem zu ihr gehen“, sagte er bestimmt. Bernie zuckte mit den Schultern.
„Hab ich ihr auch gesagt, dass Sie nicht auf sie hören werden. Aber Mr Matthew, von Mann zu Mann, wenn ich so offen sein darf, lassen Sie es gut sein. Miss Wentworth ist wirklich keine schlechte Partie, es hätte Sie durchaus schlechter treffen können. Ich geb ja zu, die Frau guckt immer als wenn sie gerade ein paar saure Gurken gegessen hätte, aber ansonsten.“ Er nahm den letzten Bissen und wischte sich mit dem Hemdsärmel über den Mund.
Bernie war eine ehrliche treue Haut und das schätzte Matthew an ihm. Seine Eltern und sein Bruder sahen in ihm den Kutscher, für Matthew war er ein Vertrauter geworden. Vielleicht lag es an den vielen Ausflügen, die sie nach Whitechapel unternommen hatten, an die heimlichen Besuche bei Polly, die Bernie für sich behielt. Matthew konnte ihm vertrauen.
„Susan Wentworth hat ihr Herz auch an einen anderen verloren“, erzählte Matthew.
„Hätte mich auch schwer gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Aber so sind die Zeiten.“ Bernie kramte eine weitere Zigarette aus der Hosentasche.
„Haben Sie noch Streichhölzer?“, fragte er mit der Zigarette zwischen den Zähnen. Matthew holte eine kleine Schachtel aus der Innentasche seines Fracks. In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Dienstbotentrakt und ein junges Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, in der Hand einen Bierkrug, trat in den Innenhof. Als sie Matthew auf dem Holzstumpf sitzen sah, erschrak sie sosehr, dass sie beinahe das Bier verschüttet hätte. Matthew erhob sich mit einem Grinsen in Richtung Bernie.
„Dann lass ich Sie beide mal allein“, raunte er ihm zu.
„Du hättest dich ruhig etwas mehr um sie kümmern können“, schimpfte Mr Collins mit ihm, als sie in der Kutsche auf dem Nachhauseweg saßen.
„Lass ihn Thomas, es ist schon schwer genug für ihn“, versuchte seine Frau ihn zu beruhigen.
„Er muss endlich erwachsen werden und sich den Herausforderungen des Lebens stellen. Und dazu gehört nun mal auch, sich eine Frau zu nehmen.“ Matthew schwieg und starrte aus dem Kutschenfenster. Die Gaslampen draußen auf den Straßen brannten schon eine ganze Weile. Es war spät geworden und das war ein Zeichen, dass der Abend vollends gelungen war. Mr Wentworth und seine Frau konnten beruhigten Gewissens sagen, dass sie der Londoner Gesellschaft einen unterhaltsamen Abend geboten hatten.
„Hörst du mir zu Matthew!“, polterte Mr Collins.
„Er denkt an Polly Perkins“, warf Charles, sein jüngerer Bruder, mit einer hämischen Grimasse in die aufkommende Stille.
„Halt die Klappe Charles“, fuhr Matthew ihn an.
„Wie zwei junge Buben! Matthew ist das wahr, was dein Bruder sagt? Schlag dir die kleine Dirne aus dem Kopf.“
„Thomas!“ Mrs Collins starrte entsetzt zu ihrem Mann beim Gebrauch dieses obszönen Wortes.
„Ich werde Susan Wentworth heiraten, keine Sorge Vater“, erwiderte Matthew während er immer noch aus dem Fenster starrte. Mr Collins ließ es dabei auf sich beruhen und lehnte sich jetzt deutlich entspannter in seinem Sitz zurück.
Matthew stieg die knarrende Holztreppe an der Seite des Hauses hinauf, die zu der kleinen Dachgeschosswohnung führte, die Polly bei Mrs Walton, einer rundlichen fröhlichen Frau, gemietet hatte. Von Wohnung konnte man derweil kaum sprechen. Es handelte sich vielmehr um zwei kleine Zimmer. In dem ersten standen ein schmales Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen sowie eine Holztruhe, in der Polly ihre wenigen Habseligkeiten verwahrte. Sie sagte immer, wenn sie eines Tages nach Paris ginge, dann könne sie nicht so viel mitnehmen. Daher genüge ihr diese Truhe. Matthew hatte laut lachen müssen, als sie es ihm erzählt hatte, doch sie meinte es ernst. Das zweite Zimmer war eigentlich so gut wie nicht bewohnbar. Mrs Walton bewahrte dort einige ihrer Sachen auf, doch zeitgleich hatte sie auch Polly gestattet es zu nutzen. Polly hatte hier ihre Bilder untergebracht.
Als Polly die Tür öffnete und ihn erkannte, warf sie sich ihm sofort um den Hals, obwohl sie sich vorher vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Sie hatte nie damit gerechnet, dass er nicht kommen würde, als Bernie ihr den Brief gebracht hatte und daher beschlossen den Abschied so kurz und schmerzlos wie möglich zu halten, wenn er denn schon kommen würde. Doch als er jetzt hier vor ihr stand, warf sie all ihre Überlegungen über den Haufen und lehnte den Kopf an seine breite Brust.
„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie mit halber Überzeugung.
„Ich weiß“, flüsterte er. Dann beugte er sich zu ihr hinab und küsste sie zärtlich. Eng umschlungen stolperten sie in die Wohnung und Matthew ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie warfen sich auf das schmale Bett unter dem Dachfenster und Matthew wünschte sich, dass dieser Moment ewig dauern würde, dass er nie wieder diese kleine Dachgeschosswohnung verlassen und dass er nie Susan Wentworth heiraten müsste. Er strich ihre langen Haare glatt, die in den Lichtstrahlen, die durch das Fenster fielen, wie Gold aussahen. Sie lagen nebeneinander, betrachteten das Gesicht des anderen und die Welt um sie herum schien für einen winzigen Moment innezuhalten, um die zwei Liebenden nicht zu stören.
„Es ist das letzte Mal“, flüsterte sie und strich ihm eine Wimper von seiner rechten Wange. Er antwortete nicht.
„Ich will dich zeichnen“, sagte sie plötzlich und nur ungern ließ Matthew von ihr ab, doch sie löste sich sanft aus seiner Umarmung. Sie holte ihren kleinen Skizzenblock und einen Bleistift aus dem Nebenzimmer, zog sich einen Küchenstuhl heran und setzte sich im Schneidersitz darauf. Matthew richtete sich lachend auf, lehnte sich dann seufzend mit dem Rücken gegen die Wand, sodass das Abendlicht auf sein Gesicht fiel. Dann begann Polly zu zeichnen. Die blau grauen Augen unter den langen hellen Wimpern, die blonden Haare, die jetzt etwas zerzaust vom Kopf abstanden, das kleine Grübchen am Kinn, das weiße Hemd, das er jetzt offen trug, die breiten Schultern, die sich darunter abbildeten.
„Mein Vater sagte mir, ich solle dich vergessen“, sagte Matthew irgendwann, „aber das kann ich nicht. Ich will dich nicht vergessen.“ Sie blickte von ihrer Zeichnung hoch und betrachtete ihn traurig.
„Matthew, ich bin nicht eine von den Frauen, die sich von den reichen Herren aushalten lassen, das weißt du. Ich will nicht zwischen dir und Miss Wentworth stehen, ich will nicht, dass du wegen mir Ärger mit deinem Vater bekommst. Matthew, ich habe die Zeit wirklich genossen, aber wir wissen beide, dass es jetzt vorbei ist. Du hättest nicht kommen sollen.“ Ihre Worte taten weh, doch er wusste, dass sie Recht hatte. Polly hatte es nicht verdient, wie eine Mätresse behandelt zu werden, wie die vielen Frauen, die wie eine Hure von den vornehmen Herren ausgehalten wurden, wenn sie von ihrer Ehefrau genug hatten. Es war ihm wie sein halbes Leben vorgekommen, die Zeit, die er mit ihr verbracht hatte, dabei waren es genau neun Monate gewesen. Neun Monate, in denen sie Hand in Hand durch die Straßen geschlendert waren, fernab von den vornehmen Gegenden, um unentdeckt zu bleiben. Am Anfang hatten sie sich einen geheimen Treffpunkt überlegt. Es war die Southwark Cathedrale am Südufer der Themse in der Nähe der Southwark Bridge. Die Kirchentür war nie verschlossen und so hatte sie ihm eines Tages einen Zettel in die Manteltasche gesteckt, bevor sie wieder zur Arbeit musste mit den Worten: Southwark Cathedral, bei Sonnenuntergang, in der letzten Bankreihe. Sie hatten nur dort gesessen und den Geräuschen der Nacht gelauscht, die durch die offene Tür zu ihnen drangen, dem Wind, der um den Kirchturm pfiff, die Krähen, das Knarzen des Holzes, wenn sie sich bewegten. Der Einzige, der von diesen Treffen wusste, war Bernie. Er ließ die Hintertür, durch die Matthew unbemerkt davonschleichen konnte, offen und schloss sie im Morgengrauen, wenn er zurückkam hinter ihm ab. Ein kurzes Nicken zwischen den beiden Männern, dass alles geklappt hatte, dann war Matthew die Treppe hinaufgeschlichen und hatte sich leise in sein Zimmer begeben. Neun Monate waren viel zu kurz, um Polly Perkins auch nur annähernd gut kennen zu lernen, doch er würde nicht die Möglichkeit bekommen, etwas daran zu ändern.
„Es ist fertig!“ Sie stand auf und setzte sich wieder neben ihn. „Ich will, dass du die Zeichnung immer bei dir trägst, als Andenken an mich. Wirst du das tun?“
Er blickte in sein eigenes Gesicht auf dem Blatt Papier und sah darin den Schmerz, der ihn erfüllte.
„Ich verspreche es.“
Sie legte ihren Kopf auf seinen rechten Arm und starrte über sich in den inzwischen dunklen Himmel.
„Mein Vater hat mir die Sternbilder erklärt, als ich ein kleines Mädchen war, aber ich habe schon wieder so viel vergessen, dass es mich traurig macht“, erzählte sie. Matthew lehnte sich ebenfalls zurück und blickte nach oben, doch er sah nicht die Sternbilder, die sie ihm jetzt versuchte zu erklären. Er sah sich selbst, wie er in einem schwarzen Frack, mit einer Blüte im Knopfloch vor den großen Türen von Westminster Abbey stand und seiner Verlobten entgegenblickte, die in einem langen weißen Kleid an der Hand ihres Vaters langsam auf ihn zuschritt. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, denn ein Schleier umhüllte es. Er wurde immer aufgeregter, er hörte eine Kapelle spielen, die Menschen klatschten und jubelten. Dann stand sie vor ihm. Mit zitternden Händen hob er den Schleier hoch und blickte in Pollys strahlende Augen.
„Wir fahren nach Paris!“
Polly hielt verdutzt inne und drehte sich dann auf die Seite, um ihn ansehen zu können.
„Wir fahren nach Paris“, wiederholte er laut, „du und ich. Ich kaufe dir ein Kleid und wir werden in einem gemütlichen Café an der Seine sitzen und du wirst die Menschen zeichnen.“
„Matthew, ich…“ Doch er ließ sie nicht ausreden. Mit einem Mal war er Feuer und Flamme für diese Idee. Er, Matthew Collins, der nie seinem Vater widersprochen, nie etwas wirklich gewagt hatte in seinem Leben, war drauf und dran London den Rücken zu kehren und Hals über Kopf mit seiner großen Liebe das Land zu verlassen. Und ihm gefiel diese Vorstellung. Er konnte vor sich das fassungslose Gesicht seines Vaters, das belustigte und anerkennende Grinsen seines Bruders sehen und auch das heimliche zufriedene Lächeln von Susan Wentworth. Dieser Gedanke füllte ihn mit einem Mal aus, beflügelte ihn und ließ ihn all die Vorsicht und Umsicht vergessen, die sonst sein Leben bestimmt hatten. Es war wie eine Käfigtür, die sich plötzlich öffnete und die ihm einen Weg in ein neues Leben schenkte.
„Matthew, das kannst du nicht tun!“, warf Polly ein, doch er hörte sie schon wieder nicht. Seine Gedanken kreisten um die große Stadt Paris, wie er mit Polly Arm in Arm am Fluss entlangspazieren konnte. Die Seine war bestimmt schöner, als die dreckige stinkende Brühe in der Themse. Der Himmel blauer, die Menschen freundlicher, das ganze Leben bunter und wunderbarer.
„Matthew!“ Sie musste fast schreien, damit er sich zu ihr umdrehte und ihr zuhörte.
„Es geht nicht, hörst du, das ist verrückt!“
„Das ist es ja gerade! Es ist verrückt!“ Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie sanft. Als seine Lippen sich langsam wieder von den ihren lösten, sagte sie leise: „Geh jetzt!“
Matthew stolperte wie blind durch die Straßen auf dem Weg nach Hause. Er war immer noch berauscht von seinem neu gewonnenen Mut und der Überzeugung, er könne doch noch einem öden Leben davonkommen. Bernie musste noch wach sein, wie immer, wenn Matthew durch die Hintertür in den Dienstbotentrakt schlüpfte. Bernie saß am Küchentisch, vor sich ein Bier und war eingedöst. Ein Kerzenstummel brannte schwach und das Wachs war auf den Tisch getropft. Morgen früh würde Mrs Simpson, die Köchin, vor Wut rasen und nach dem Übeltäter suchen. Matthew schüttelte den Kutscher unsanft wach. Schlaftrunken schreckte er hoch. Als er Matthews glühende Wangen und seinen aufgeregten Blick sah, grinste er.
„War’s gut Mr Matthew?“, fragte er schelmisch.
„Mehr als das Bernie. Ich habe beschlossen nach Paris zu gehen.“ Bernie kratzte sich verwirrt am Hinterkopf.
„Paris? Was wollen Sie denn in Paris? Mich würden keine zehn Pferde zu den Froschessern bringen, das sag ich Ihnen.“
„Bernie, ich meine es ernst. Ich kann Miss Wentworth nicht heiraten, ich kann mein Leben nicht damit verbringen an der Seite einer Frau zu sein, die kein Wort mit mir wechselt, die mich verächtlich anblickt, als sei es meine Schuld.“
„Die wird schon mit Ihnen reden Mr Matthew. Aber Paris? Mein Gott, so weit weg!“ Dann blickte er ihn ernst an. „Sie wollen mit Miss Perkins Reißaus nehmen, hab ich Recht? Schlafen Sie ne Nacht drüber Mr Matthew und morgen wird Ihnen das genauso absurd vorkommen wie mir gerade.“ Bernie pustete die Kerze aus und stellte sie zurück in den Schrank über dem Spülbecken.
„Ich geh jetzt schlafen, muss morgen früh raus. Mrs Collins will ein paar Besorgungen machen.“
„Bernie?“ Der Kutscher drehte sich im Türrahmen noch einmal um.
„Wenn ich wirklich gehen sollte, schließen Sie dann noch einmal die Tür hinter mir?“ Matthew konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen, doch er wusste, dass er auf ihn zählen konnte.
„Natürlich Mr Matthew“, antwortete er, „gute Nacht!“
Mr Collins hatte beschlossen einen Theaterbesuch mit den Wentworths zu unternehmen. Im Royal Theatre in der Drury Lane gab es heute Abend die Premiere eines neuen Stückes, das von der Presse schon seit Wochen in den höchsten Tönen gelobt wurde. Mr Collins stand vor dem Spiegel in der Eingangshalle und setzte sich seinen Zylinder auf, den im James, der Butler der Collins, gereicht hatte. Mr Collins warf einen prüfenden Blick auf sein Spiegelbild, zupfte an seinem Schnurrbart herum und wies dann James an noch einmal die Schultern seines Fracks zu säubern. Er war ein sehr penibler Mann, der viel Wert auf sein Äußeres legte und auch andere zu einem großen Teil danach beurteilte, wie gepflegt ihr Erscheinungsbild war. Dann holte er die goldene Taschenuhr hervor, warf einen prüfenden Blick darauf und steckte sie schließlich verärgert wieder ein.
„Bernie hat die Kutsche vorgefahren Sir“, sagte James.
„Danke James, wo steckt Charles schon wieder! Holen Sie ihn von oben. Ich will nicht zu spät kommen. Die erste Verabredung mit den Wentworths. Wir sollten keinen schlechten Eindruck hinterlassen.“ James wies eines der Hausmädchen, die am Rande der Halle stillschweigend nebeneinander positioniert waren, an nach Charles zu sehen, der wie immer zu spät war. Matthew stand abfahrbereit neben der Eingangstür und half seiner Mutter mit dem großen Hut, an dessen Spitze eine Pfauenfeder angebracht war.
„Freust du dich schon auf Susan? Du hast sie jetzt über eine Woche nicht gesehen“, fragte sie ihn lächelnd. Matthew zuckte mit den Schultern. Seit seinem Besuch bei Polly hatte ihn sein Vater dermaßen viel in der Bank beschäftigt, dass es Matthew fast so vorgekommen war, als versuche er damit seinen Sohn von allem abzulenken, was auch nur in entferntester Weise nicht mit seiner bevorstehenden Hochzeit zu tun haben könnte. Charles kam nun gemächlichen Schrittes die Treppe hinunter, was ihm einen zornigen Blick seines Vaters einbrachte. Doch ohne ein weiteres Wort marschierte die Familie Collins zur Vordertür hinaus und setzte sich in die Kutsche.
Die Wentworths warteten bereits vor dem Eingang des Theaters, an dem sich eine große Menschenmenge gebildet hatte, die es alle nicht erwarten konnten, endlich ihre Plätze einzunehmen. Kutschen verstopften die Straßen und die Damen versuchten möglichst graziös den Weg über das holprige Kopfsteinpflaster bis zur Tür zu schaffen. Mr und Mrs Wentworth gaben ein ungleiches Paar ab, das etwas Ulkiges an sich hatte. Der rundliche George Wentworth reichte seiner Frau gerade einmal bis zu den Schulterblättern. Sie war eine große schlanke Frau, die mit kühlem Blick den Collins entgegen sah.
„Wir hätten doch die andere Strecke nehmen sollen, anstatt durch den verstopften Trafalgar Square“, schimpfte Mr Collins vor sich hin, weil er es nicht ertragen konnte, dass jemand auf ihn wartete. Susan Wentworth sah genauso hinreißend aus wie ihre Mutter in ihrem grünen Abendkleid und der perlenbestickten Handtasche, die von ihrem Handgelenk baumelte. Nach der Begrüßung schritten die Männer voran, Mrs Collins und Mrs Wentworth hinter ihren Männern her und dann folgten Matthew und Susan, der ihr seinen Arm gereicht hatte, den sie ohne ein Wort des Dankes annahm. Charles bildete die Nachhut.
„Mr Collins! Wie schön Sie im Royal Theatre begrüßen zu dürfen“, wurden sie von einem älteren Herrn empfangen, bei dem es sich um den Direktor persönlich handelte, „man wird Sie in ihre Loge führen.“ Mr Collins war ein gern gesehener Gast in vielen Theatern und Restaurants. Zum Einen weil die Familie Collins einen hervorragenden Ruf in der Londoner Gesellschaft genoss, zum Anderen weil Collins & Sons bei vielen Veranstaltungen Geld stiftete und niemand gern in der Schuld eines Bankhauses stand. Sie saßen weit oben an der rechten Seite und hatten einen hervorragenden Blick sowohl auf die Bühne selbst als auch auf das Gedränge unter ihnen. Matthew nahm zwischen seiner Verlobten und seinem Vater in der ersten Reihe Platz.
„Mögen Sie das Theater?“, wandte er sich, in bester Absicht eine höfliche Konversation zu führen, an Susan. Diese blickte kühl nach vorne und machte sich gar nicht erst die Mühe Matthew anzusehen.
„Es kommt ganz auf das Stück an“, antwortete sie knapp.
„Nun dieses Stück soll wirklich sehr gut werden. Im Daily Courant las ich einen Artikel über den Regisseur und die Hauptdarstellerin Mary Sinclair.“
„Meine Mutter hat mir von dem Artikel erzählt.“
