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Der weisse Mann: Er ist schon fast zum Sprichwort geworden. Und zum Synonym für die Ewiggestrigen. Er konzentriert die Macht in seinen Händen und wehrt sich dagegen, sie abzugeben. Er dominiert Chefetagen und Parlamente, ist allgegenwärtig in den Medien mit Krawatte und Anzug. Ständig redet der weisse Mann, erklärt uns die Welt, dirigiert sie. Doch jetzt er steht unter Beschuss. Durch all jene, die ihren Anteil an der Macht und mehr Rechte für sich einfordern. Jene, die nicht dem stereotypen Bild des weissen, heterosexuellen Manns entsprechen. Nun wird ihm nachgesagt, er sei ein Auslaufmodell. Vom Aussterben bedroht. Er, die Krone der Schöpfung, bäume sich noch ein letztes Mal auf, bevor er in der Bedeutungslosigkeit verschwinde. Doch wer ist eigentlich dieses seltsame Wesen wirklich, dieser weisse Mann? Was ist sein natürliches Habitat? Was braucht er zum Überleben? Und was bedroht ihn? Wir haben ihn gefragt und zugehört. Sind dem weissen Mann in seine Welt gefolgt und haben ihn beobachtet. Wird er überleben? Drei weisse Männer kommen in persönlichen Porträts zu Wort und geben Einblick in ihre Gedanken- und Lebenswelt; politisch inkorrekt, berührend und manchmal überraschend.
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Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2019
Herausgeber
ruby. ag
Hohlstrasse 486
8048 Zürich
hey-ruby.com
Redaktion
Chefredaktion: Katrin Hasler
Redaktion: André Moita, Eliza Mitova
Design/Layout: Jazmine DeCaro
Korrektorat: Das letzte Auge GmbH
Fotografie
Djamila Grossman
djamilagrossman.com
Motion Design
Sabrina Kuhlmann
kubomotion.com
Korrektorat
Das letzte Auge GmbH
dasletzteauge.li
der-weisse-mann.ch
@der_weisse_mann
Editorial
Der weisse Mann in Zahlen
JANN
In der Gesellschaft ist der Mann heute der Inbegriff des Bösen
Wer bist du, Jann?
JOSÉ
Ein Mann muss Land und Besitz haben
Wer bist du, José?
URS
Meine Generation ist stark von den damaligen Stereotypen geprägt
Wer bist du, Urs?
Das natürliche Habitat des weissen Manns
Weisse Männer unter sich
Wer fragt da so blöd?
Der weisse Mann – er ist schon fast zum Sprichwort geworden. Und zum Synonym für die Ewiggestrigen. Er konzentriert die Macht in seinen Händen und wehrt sich dagegen, sie abzugeben. Er dominiert Chefetagen und Parlamente, ist allgegenwärtig in den Medien mit Krawatte und Anzug. Ständig redet der weisse Mann, erklärt uns die Welt, dirigiert sie.
Doch jetzt steht er unter Beschuss. Durch all jene, die ihren Anteil an der Macht und mehr Rechte für sich einfordern. Jene, die nicht dem stereotypen Bild des weissen, heterosexuellen Manns entsprechen. Nun wird ihm nachgesagt, er sei ein Auslaufmodell. Vom Aussterben bedroht. Er, die Krone der Schöpfung, bäume sich noch ein letztes Mal auf, bevor er in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Doch wer ist eigentlich dieses seltsame Wesen wirklich, dieser weisse Mann? Was ist sein natürliches Habitat? Was braucht er zum Überleben? Und was bedroht ihn?
Wir haben ihn gefragt und zugehört. Sind dem weissen Mann in seine Welt gefolgt und haben ihn beobachtet. Wird er überleben?
Wir haben Hoffnung für ihn. Wenn auch er anfängt, zu fragen und zuzuhören. Wenn der weisse Mann sich dazu entschliesst, sich zu emanzipieren und ein neues Selbstbild zu schaffen. Und wieder Selbstvertrauen schöpft fernab von Stereotypen, in die er selbst gar nicht richtig passt.
Leben und Tod
Suizid
Tod durch Drogenkonsum
Gefängnis
Armee
Arbeit und Geld
Hausarbeit und Erziehung
Lohn
Obdachlosigkeit
Armut
Liebe und Beziehung
Verheiratet
Geschieden
Verwitwet
Männer
Frauen
Quellen: Bundesamt für Statistik (2016–2019), Schweizer Armee (2017), Fachhochschule Nordwestschweiz (2019)
Alter 52
Geschlecht männlich
Hautfarbe weiss
Jann ist kribbelig und zieht an seiner Zigarette: Er wartet ungeduldig auf den Gitarren-Amp, den er von einem Spezialisten in Holland anfertigen lässt. Nichts hat sein Leben so geprägt wie der Rock `n` Roll und wilde Zeiten liegen hinter ihm.
Er ist ruhiger geworden, aber steht noch immer regelmässig auf der Bühne. Aufgewachsen ist der gelernte Sanitärinstallateur in Zürich. Zehn Jahre lebte er in der Romandie, bevor es ihn schliesslich nach Bern verschlug. Sein Job ist ihm wichtig, ebenso seine Weiterbildung zum Heizwerkführer, die er gerade absolviert.
Seine grösste Leidenschaft bleibt aber die Musik.
Interview: André Moita, Fotos: Djamila Grossman
Denkst du, dass der weisse Mann vom Aussterben bedroht ist?
Ich würde sagen, der weisse Mann ist nicht vom Aussterben bedroht – er ist degeneriert, er lässt sich gehen. Männer haben es in der heutigen Welt schwer. Ich habe drei Söhne, und ich würde heute nicht mehr als Mann geboren werden wollen. Der weisse Mann mit all seinen Facetten hat an Stellenwert verloren.
Hat sich das Männerideal geändert?
Absolut, ich bin ganz anders aufgewachsen. Mein Vater war das Familienoberhaupt, ein Patriarch. Wenn er etwas gesagt hat, wurde das ernst genommen. Wenn heute ein Mann etwas sagt – diese heutigen Mannsbilder mit knapp 25 Kilo und halbwegs mit einem Röckchen bekleidet –, das kann ich gar nicht mehr ernst nehmen. Ich denke, auch mit der Gleichberechtigung, die ich an sich nicht schlecht finde, sollte der natürliche Unterschied zwischen Mann und Frau bestehen bleiben. Das ist ein Kräfteverhältnis: Wenn das nicht mehr stimmt, degeneriert der Mann. Das Gutheissen der Homosexualität finde ich an sich auch nicht schlecht, dass man darüber reden kann. Aber das ist ja heute schon fast ein Modetrend. Aus meiner Sicht hat sich deshalb das Männerbild total verändert. Früher hat man sich vielleicht mal auf die Schnauze gehauen, aber fünf Minuten später hat man zusammen ein Bier getrunken. Ein kurzes Kräftemessen, beide bluten aus dem Mund, aber jetzt ist es wieder gut. Das gehört sinnbildlich auch dazu, Mann zu sein.
Ist dir wichtig, dass du männlich bist?
Ja, Männlichkeit strahlt ja vieles aus. Einerseits, dass du festen Boden unter den Füssen hast. Andererseits hat es auch damit zu tun, dass man sich die Hände mal dreckig macht. Ich repariere zum Beispiel Sachen selbst. In meinem Alltag behaupte ich mich als Mann, ich lasse mir im Bereich Gesellschaft und Gleichberechtigung keine Vorschriften machen. Es geht auch um die Diskriminierung des Manns: Wir werden heute viel mehr und schneller diskriminiert.
Was ist für dich typisch männlich?
Dass man sich in diesem stetigen Kampf der Positionierung durchsetzen kann. Wenn ich mich am Ende des Tages nicht so bescheuert aufführe wie die andere Hälfte der weissen Männer – also nicht halbwegs im Röckchen rumlaufe –, dann bin ich stolz auf mich.
Was machst du typisch Weibliches?
Wenn ich sarkastisch wäre, würde ich sagen Haushalt, aber das bitte aus dem Protokoll streichen (lacht). Ich denke, ich habe im Alter mehr Bezug zur Reinlichkeit. Ich lege Wert darauf, dass ich an einem Anlass nicht mit Jeans und einem weissen Shirt mit Fettflecken erscheine. Dass man darauf achtet, dass man schön angezogen ist.
Und was ist eine starke Frau für dich?
Für mich ist wichtig, was die Begriffe «Mann» und «Frau» überhaupt bedeuten. Man muss zurück in die Entstehungs
