Der Welt einen Stiefel - Peter Kaspar - E-Book

Der Welt einen Stiefel E-Book

Peter Kaspar

0,0

Beschreibung

Das Sehnsuchtsland der Deutschen aus einer anderen Perspektive betrachtet, nämlich im Spiegel von Begegnungen, Menschen und Situationen – mal urkomisch, mal ernst und nachdenklich, mal klischeebehaftet, mal ganz und gar unerwartet. In zehn Etappen zu je fünf Kapiteln geht die Reise quer durch den Stiefel und versucht dabei, der italianità auf den Grund zu kommen. Der Reisende entdeckt Unbekanntes und Schönes, aber sicher auch Hässliches auf diesem sentimental journey und kann der Welt, wenn nicht einen Spiegel, so doch einen Stiefel vorhalten. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein Roadtrip vom Brenner nach Sizilien, der vor Leben strotzt. Mit Gedichten von Thaddäus Sturm.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Peter Kaspar

Der Welt einen Stiefel

Der Autor:

Peter Kaspar, geb. 1981, Studium der Germanistik und Geschichte, seither Lehrer an der Beruflichen Oberschule. 2014 Promotion zum Dr. phil. Universitäre Lehrtätigkeit im Bereich Deutsche Sprachwis-senschaft. Verschiedene Publikationen zur Dialektologie, Deutschen Sprachwissenschaft und Romanistik.

Peter Kaspar

Der Welt einen Stiefel

Begegnungen in Italien

Königshausen & Neumann

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2020

Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier

Umschlag: skh-softics / coverart

Umschlagabbildungen:

Vorderseite: Blick in die Valle Umbra bei Trevi (Provinz Perugia)

Rückseite: Piazza im Stadtteil Castellammare, Palermo

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany

ISBN 978-3-8260-8051-7

www.koenigshausen-neumann.de

www.ebook.de

www.buchhandel.de

www.buchkatalog.de

Meinen Eltern gewidmet.

Und Bergamo.

Drüben, hinter dem Gebirg,

Bist du

Gar nicht weit, eigentlich.

Wenn ich mich ein wenig recke,

Kann ich dich sogar erahnen,

Deine Zitronen blühen sehen.

(Thaddäus Sturm)

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Eigentlich.

Eins:Trotz allen Widersinns

Wo es beginnt (Brenner)

Stein gewordene Sinnlosigkeit (Franzensfeste)

Äpfel und Wein (Brixen, Unterland)

Ewige Lauben (Bozen)

Ein paar Worte nur zur Politik (eigentlich überall)

Zwei:Jenseits der Sprachgrenze

Nichts wie weg! (Karnien)

Glücklicher Linguist (Sappada)

Bücher und Kaffee (Trient)

Bei Seen (Riva, Bezzecca)

Zugerlebnisse (eigentlich überall)

Drei:Das land weitet sich nach Mittag hin

Am schönsten Bahnhof der Welt (Mailand)

Unter dem Berg des Heiligen (Bergamo)

Von wegen Liebe! (Verona)

Polenta und darüber hinaus (Kulinaria)

Chaos, geliebtes (eigentlich überall)

Vier:Am Meer I

Familiensommer (Bibione, Lignano Sabbiadoro)

Svevo und Joyce, Laurenti und Rilke (Triest, Duino)

Das wichtigste Gut überhaupt (caffè)

Stern der Baukunst (Palmanova)

Heilige Bürokratie (eigentlich überall)

FÜnf:Am Meer II

Ach, Giuseppe... (Nizza)

„Wenn ich daran denke“ (Genua)

Die normative Kraft des Faktischen (Livorno)

Jahreszeitliches Leben (Toskanische Küste)

Dieser Klang (eigentlich überall)

Sechs:Klassischer nicht

Selige Völlerei (Sant’Andrea)

Klassischer wirklich nicht (Florenz)

In Stein gehauen (Siena, Volterra)

Ein feste Burg (Urbino)

Straßenerlebnisse (eigentlich überall)

Sieben:Goldene Mitte

Kaum übertroffen (Perugia)

Mit dem Wind (Assisi)

La Valle intramontabile (Valle Umbra)

An Seen (Trasimeno, Bolsena)

Der Mitten Mitte (Montefalco)

Acht:Die Welt zwischen HÜgeln

Ein Gepäckschein auf Sehnsucht (Stazione Termini)

Begrüßungsrituale (Pincio, Trinità dei Monti, Gianicolo)

Fußball bedeutet Krieg (Via Amendola)

Es geht nicht ohne Kirchen (Amen)

Spinnen die? (Imponderabilia)

Neun:Am Meer III

Von außen und von innen (Neapel)

Katastrophengebiete (Pozzuoli, Torre Annunziata)

Dieser Himmel – (Paestum)

Unvergessen (Vietri sul Mare)

Ewiges Theater, geliebtes (eigentlich überall)

Zehn:Im Meer

Künstler, Lebenskünstler (Capri)

Chaos und Schönheit (Palermo)

Montalbanos Insel (Hommage an Andrea Camilleri)

Und am Abend (Osilo)

Was ich lernte (Hommage an Ingeborg Bachmann)

Epilog: Trotzdem.

Literaturangaben

Personenregister

Ortsregister

Prolog: Eigentlich.

Eigentlich wäre der Epilog dieses Buches als erstes zu lesen und das finale Trotzdem ihm als Prämisse voranzustellen. Doch eigentlich schien es mir auch wiederum passend, dieses gerade ans Ende zu setzen. Der Leser bzw. die Leserin soll entscheiden.

Denn eigentlich ist zum Thema Italien bereits alles geschrieben, mehr noch gesagt worden, auch stillschweigend. Die Zahl der Reiseberichte ist Legion, sie füllen Bibliotheken nicht erst seit dem Dichterfürsten, den irrlichternden Briten des 19. Jahrhunderts, seit Attilio Brilli und Franca Magnani, seit Ferdinand Gregorovius und Ingeborg Bachmann.

Warum also, um alles in der Welt, noch ein Band hierzu, zumal und ausgerechnet von einem Deutschen, „dunkel, denkensschwer“, wie Albrecht Goes diese unsere Landsleute so treffend beschreibt?1 Der Grund ist zweischichtig:

Erstens aufgrund des Trotzdem (siehe Epilog), das alles überstrahlt; zweitens weil es mir ein Bedürfnis ist, ein Land, welches wie kein zweites in der Geschichte einen Sonderweg nach dem anderen beschritten hat und dabei so klischeebehaftet ist wie erst recht kein zweites, hierzulande anders zu sehen. Und zwar mit den Augen eines gewissermaßen empfindsam Reisenden, eines, der sich auf einem nicht verklärten, verklärenden sentimental journey durch dieses Italien befindet. Alle geschilderten Begebenheiten entfachen unterschiedliche Weisen von Erinnerungen: manche stimmen fröhlich, manche melancholisch oder nachdenklich, manche machen schmunzeln, manche lachen, manche kurz verstummen.

Aus dieser Retrospektive entwickelt sich allmählich eine Forderung: Denken wir dieses Land der Sehnsucht und Sehnsüchte neu im Spiegel seiner Menschen, Sprache und Geschichte, fernab von jedem Gemeinplatz. Und da der Todfeind jedes Gemeinplatzes die individuelle Erfahrung ist, soll dieses Buch gerade individuell, subjektiv daherkommen. Nicht aber dass der Eindruck reiner Reiseschilderungen entstünde! Ein Land lebt stets und vor allem anderen von seinen Menschen, deren Zungenschlag, erst dann von Landschaft, Sonne, Monden und Moden. Und gerade darum soll es gehen, um die Tiefe der Begegnungen mit Menschen und Orten, nicht um Geographie, Ethnographie, Soziologie und dergleichen schöne wie wichtige Wissenschaften. Die einzelnen Kapitel sind von Norden nach Süden angelegt, gegliedert in zehn größere Bereiche, jeweils untergliedert in fünf kleinere Komplexe. Sie können auch unabhängig voneinander gelesen werden.

Jedem Teilkapitel vorangestellt ist ein Gedicht des bisher wenig bekannten Autors Thaddäus Sturm, eines, wie er von sich selbst sagt, „Teilzeitlyrikers“, den zu kennen ich die Freude habe. Ihm danke ich an dieser Stelle sehr herzlich, die lyrischen Texte zu diesem Buch über den Stiefel beigetragen und dieses so maßgeblich aufgewertet zu haben. Er zog es vor, nicht expressis verbis als Mitautor genannt zu werden. Dieser Wunsch sei respektiert.

Ich bin nun seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder, stets Reisetagebuch führend, in Italien unterwegs. Zu Reisen, Studien, Besuchen, privat, beruflich; seit einigen Jahren begleitet von meiner Familie, voll der Freude darüber, dass meine beiden Kinder sich in Italien wohlzufühlen scheinen. Entsprechend sind persönliche Schwerpunktsetzungen unvermeidlich, unterschiedliche Erfahrungen und Begegnungen mit und in Italien sowieso. Ich habe die Möglichkeit, reisen zu können, in jungen Jahren freilich als Selbstverständlichkeit gesehen, bald aber als Privileg erkannt.

Trotzdem: Einzig ein Loblied auf das uns Deutschen vermeintlich so nahestehende Land der Sehnsucht anzustimmen, würde meinem Ansinnen nicht entsprechen, trage ich durchaus auch Kritisches in meinen Erfahrungen. Und dennoch: Sie zu bewahren, weiterzureichen, ist mein Ziel; zu unterhalten vielleicht auch gemäß dem Horazschen Motto aus Vers 334 seiner Ars poetica: „aut simul et iucunda et idonea dicere vitae [volunt poetae]“ – „Die Dichter wollen auch gleichzeitig Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen“; öfter noch ist mein Ziel, der Welt quasi einen Stiefel vorzuhalten, am meisten jedoch trotzdem... Aber das steht ja dann im Epilog.

Im Frühjahr 2020Peter Kaspar

1 Zitat aus dem Gedicht Olévano. Blick auf Latium.

Eins:Trotz allen Widersinns

Wo es beginnt (Brenner)

Nichts ist zufällig hier,Doch so beständig flüchtig alles.

Wo es tiefer und höher nicht geht,Blickst Du, dauernd, auf die Szenerie.

Und bleibst.

Da keiner Dir ins Auge geschaut,Spiegelst Begehrlichkeiten

Im raschen Auf und Nieder

Deiner selbst,Du.

Was geschieht,Vergeht,

Entsteht,

Du bleibst –

Immer.

Wie auch immer.2

Mal ehrlich: Die Frage, wo Italien im Norden beginnt, ist beinahe so alt wie besagter Staat selbst. Da differieren schon subjektive Befindlichkeiten gehörig voneinander. Für den einen beginnt der Stiefel ganz klar dort, wo er politisch beginnt, nämlich im ersten Drittel des etwas länglichen, zwischen Österreich und Italien geteilten Dorfes Brenner. Für den anderen beginnt Südeuropa an der Mautstation der A22 nahe Sterzing, da auch Vipiteno heißt. Wieder andere verlegen den Beginn an die Salurner Klause, um die 35 Kilometer südlich der Hauptstadt Bozen gelegen, also genau dorthin, wo seit der Völkerwanderung die Sprachgrenze zwischen dem Germanischen und Romanischen verläuft (immerhin seit 1.500 Jahren). Diese Sprachgrenze hat auch historisch eine gewisse Berechtigung, wenngleich mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye nach dem für das Deutsche Reich und Österreich verlustreichen 1. Weltkrieg andere Realitäten geschaffen hat, als man es in der tirolischen Realität auf beiden Seiten des Brenners je für möglich gehalten hatte und hätte. Ohne Zweifel brachte die Teilung Tirols durch die insgesamt doch recht willkürliche Grenzziehung mitten durch das Wipptal und den Alpenhauptkamm (bezeichnenderweise war es die – Nota bene! – japanische Delegation auf dem Friedenskongress, die deren genauen Verlauf festlegte) und der Übergang Südtirols an Italien mehr Probleme denn Lösungen.

Wo aber sollte also nun Italien beginnen? Staatsrechtlich wird nämlich ein anderer Stiefel draus, da erschafft die normative Kraft des Faktischen die Realität. Denn kurz nach dem Kreisverkehr in Brenner, wo der alte Grenzstein etwas verloren neben der Straße steht, verlässt man plötzlich Mittel- und betritt Südeuropa, befindet sich im Land der Sehnsucht. Vorerst aber noch an einem speziellen Ort – am Brenner, diesem einstig so verschlafenen Nest auf der Höhe des nach ihm benannten Talpasses. Es mag im wahrsten Sinne des Wortes zerrieben sein zwischen Autobahntrasse, Bahngleisen und Staatsstraße, einen Besuch wert ist es allemal. Wenn man die Ausdehnung des Ortes und die Dimensionen der meisten Gebäude betrachtet, kann man sich gut vorstellen, dass es dereinst über 1.000 Menschen waren, die hier lebten und arbeiteten, der unsäglichen und unseligen Grenze im Herzen Tirols sei zweifelhafter Dank.

Es offenbaren sich drei Gesichter des Dorfes, wenn man die St.-Valentin-Straße (die Via San Valentino) hinein bis an sein Ende und die Karl-von-Etzel-Straße (die Via Karl von Etzel) zurückläuft, bestenfalls aber offenen Auges und Gemüts schlendert. Zum einen ist es ein trauriges Gesicht, das da mit seinen leerstehenden Häusern, Dienstgebäuden, Wagenremisen daherkommt, mit seinen bröselnden Fassaden, mit seinem endzeitlichen Charme an den Westhang des Wipptals gedrängt ist. Er sieht die Abertausenden vorübereilen jeden Tag, sieht die beinahe nicht mehr existierende Grenze und ein ebenso unhistorisches wie unsägliches „Endlich in Italien, Schatz!“ auf manchen Lippen, die sich da meinen, was einbilden zu müssen und plötzlich mitten im Dorf Italienisches radebrechen.

Im gleichen Moment wird aus dem traurigen Gesicht des Dorfes dann ein melancholisches. Sind es doch tempi passati, die da im Gewand der unzähligen Vehikel Pass wie Dorf links liegenlassen. Denn vorbei die Zeit der obligatorischen Brennerjause, vorbei die des Verschleuderns übriggebliebener Lire. Wehmütig scheint das Dorf auf die 1961 geweihte Pfarrkirche Maria vom Wege zu blicken, als noch so viele Menschen dauerhaft hier wohnten, dass ein neues Gotteshaus mit mehr als den 200 in der alten St.-Valentins-Kirche vorhandenen Sitzplätzen nötig wurde. Heute wohnt kaum einer, der hier arbeitet, im Dorf. Ob dessen Blick auf großleinwandige Abbildungen historischer Postkarten im DOB - Designer Outlet Brennero, jenem einem zufällig hier gestrandeten Ufo nicht unähnlichen Altar des Konsums, ein mehr melancholischer oder enttäuscht grollender ist, vermag niemand zu wissen.

Schließlich aber ist es noch das manchmal aufblitzende stolze Gesicht des Dorfes, das die Traditionen und ihre Menschen, so wenige es geworden sein mögen hier und im einst so mondänen Brennerbad gut zwei Kilometer weiter südlich, fest im Blick hat und die wenigen Eingeschworenen zu halten versucht; man braucht nur in die so kunstvolle wie ruhig-schöne alte Pfarrkirche St. Valentin, gleich neben dem Nachfolgebau des Gebäudes, in dem anno 1786 der Dichterfürst Goethe auf seinem Weg aus der beengenden Provinzialität Weimars ins gelobte Land Italien genächtigt haben soll, zu gehen. Bereits zur späten Römerzeit, als das Christentum zur Staatsreligion avanciert war, soll hier ein diesem Heiligen geweihtes Gotteshaus gestanden haben. Jedenfalls halte man in der heutigen Kirche inne, zünde vielleicht eine Kerze an, gehe im Anschluss daran aber unbedingt über den alten, irgendwie etwas vergessen, fast schon aus der Zeit gefallen wirkenden Dorffriedhof. Sein grauer Kies knirscht unter den Schuhsohlen, fast schon klagend, wobei es erstaunlich still hier ist, wenn man bedenkt, dass keine zweihundert Meter weiter Züge über den Brennersattel rollen, Rangierloks das Ihrige tun, Autobahn und Staatsstraße ohnehin ewig rauschen. Das immer noch imposante Bahnhofsgebäude hält die Schallwellen ab. Orgler, Silbergasser, Vetter, Großsteiner kann man auf den Grabsteinen lesen, die ältesten Familien hier oben, deren Lebensunterhalt es über Generationen hinweg war, die Reisenden zu beherbergen, zu stärken, mit guten Wünschen besehen wieder zu entlassen.

Viel ist davon nicht mehr übrig. Den Gasthof Vetter in Brennerbad gibt es nicht mehr, sämtliche Hirtenmakkaroni, für die er berühmt war, jedes letzte Nockentris aus Spinatknödel, Kasnocken und den unvergleichlichen Schlutzkrapfen verspeist. Sein Nachbar Silbergasser bietet zwar Beherbergung in renovierten Zimmern und historischem Ambiente samt lukullischer und bacchischer Bewirtung, letztere jedoch ausschließlich Übernachtungsgästen. Im Dorf ist keines der traditionellen Gasthäuser geblieben, allenfalls das Gasthaus Olimpia oder die Bar Café Brenner Center zwischen Bahnhof und alter Pfarrkirche. Von den Ufern des recht idyllischen Brennersees, der eigentlich Dornsee heißt, sind die dortigen Gasthäuser schon vor Jahrzehnten verschwunden, auch der traditionsreiche Kerschbaumer, der seit der aberwitzigen Grenzziehung von 1919 den letzten Zipfel Österreichs markierte, ist der Verladerampe für die rollende Landstraße sowie einer Tankstelle gewichen.

Doch zwischen dem Grenzort und der nächsten Fraktion der comune di Brennero, vielleicht drei Kilometer vom Ortszentrum entfernt, steht auf einer Anhöhe das altehrwürdige Gasthaus Zum Brenner-Wolf, das älteste auf der Passhöhe, das mitsamt zugehöriger Kapelle in den 60-er Jahren im Zuge des Autobahnbaus transferiert wurde. Es stand einer modernen Verkehrstrassenführung im Wege, die historische Stube aus dem 14. Jahrhundert konnte dankenswerterweise erhalten bleiben und in dem damals neuen Haus wieder installiert werden. Nicht leicht zu finden und über die Via Statale 12, von Norden über eine Linkskurve und schließlich unter der Autobahn hindurch zu erreichen, kann man in besagter Stube den Geist und die Atmosphäre vergangener Jahrhunderte atmen, als diese für die Vielzahl der per pedes und per Kutsche Reisenden 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr geöffnet und beheizt sein musste.

Wenn schon von Gasthäusern die Rede ist: Neben dem eben erwähnten Friedhof erhebt sich in ebenso traurigem Braungrau samt dunkelgrüner Fensterläden der ehemals so stolze Gasthof Post, geographisch ziemlich nahe an der viel beschreiten europäischen Hauptwasserscheide steht und wo die Gedenktafel an Giovanni Volfgango Goethe etwas verloren wirkt. Noch an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert bildete der Gasthof neben der Pfarrkirche das Zentrum der nur wenige Gebäude zählenden Ortschaft, der die bereits vorhandene Eisenbahntrasse noch genug Platz zum Atmen und zur Idylle ließ.

Während meiner zahlreichen Reisen nach dem italienischen Stiefel, von denen einige mit der Bahn erfolgten, musste der Zug im Schnitt zwölf Minuten am Bahnhof Brenner halten aufgrund des notwendigen Lokomotivwechsels, d. h. des Umstellens von Wechselstrom in Österreich auf Gleichstrom auf den Schienen der Trenitalia. Allein das zweisprachige Schild zu sehen (natürlich das italienische Brennero vor dem deutschen Brenner, was sonst), weiße Schrift auf blauem Grund, machte eine gewisse Zäsur deutlich, markierte den Beginn gewissermaßen einer temporär neuen Zeitrechnung, ganz egal, ob die gerade überfahrene Grenze nun eine nach logischen Beweggründen gezogene war oder nicht. Allein durch das geöffnete Wagenfenster die Höhenluft zu spüren, die den Lokomotivwechsel begleitenden Geräusche im zumeist nächtlich verlassenen Bahnhof (ich nahm bisher ausschließlich den Nachtzug) ließen die Vorfreude auf die kommende Zeit intensiver spürbar werden.

Ein ähnliches Gefühl des Grenzübertretens bemächtigt sich meiner, wenn ich mit dem Wagen unterwegs bin. Nach Möglichkeit die alte Brennerstraße nutzend oder spätestens an der Anschlussstelle Brennersee, benannt nach Dorf und Rotte, ausfahrend, beschleicht mich im Dorf trotzdem immer ein Gefühl unspezifischer Nachdenklichkeit. Schon beim Passieren der letzten Tankstelle auf österreichischem Staatsgebiet, wo einst der Gasthof Kerschbaumer der Mittelpunkt eines bäuerlichen Weilers war, suche ich, ohne es zu wissen, nach Relikten vergangener Tage, als es am Brenner noch ohne Grenze zuging, als in Brennerbad gegenüber der grau-weißen Kapelle Mariä Heimsuchung noch das Grandhotel stand und Kaiser Franz Joseph I. samt seiner Sisi die Höhenluft auf 1.370 Metern genoss.

Genug davon jetzt – Ende der Nostalgie und des Lamentos über die Fährnisse der Gegenwart. Wann immer der Brenner passiert wird, um nach Italien oder Südtirol zu gelangen, immer dann sollte man sich als Reisender die Zeit eines kurzen Spaziergangs durch das Dorf abseits des Konsumtempels nehmen, das sich so wandelnd wie stet dem Beobachter präsentiert und ihn immer noch freundlich aufnimmt. Und wenn man den Weg hinauf zum Brenner-Wolf findet, umso schöner, umso lohnender.

Stein gewordene Sinnlosigkeit (Franzensfeste)

Da, schau! Nach Süden, Nandl!Da steht der Feind Gewehr bei Fuß.

Er kommt.

Sei bereit, Franz! Ab in die Kapelle.

Sie stehen noch immer, längst kalt.

Der Feind kommt nicht.

Wir aber sindBereit.

Da steht sie nun seit 1838 und kann nicht anders. Die Franzensfeste, jenes gigantomanische Bollwerk aus Granit im Süden des Wipptals kurz vor Brixen, wo das Pustertal abzweigt, südlich des unscheinbaren gleichnamigen Dorfes. So sie überhaupt auf den wirkt, der sie passiert, dann mit einer Mischung aus Bedrohlichkeit und Trotzigkeit auf der einen, Verfall und Sinnlosigkeit auf der anderen Seite. Dabei befindet man sich auf historisch für ganz Südtirol bedeutsamem Terrain, was den allermeisten Vorübereilenden (es mag ähnlich wie beim Brenner sein) gar nicht bewusst sein wird. Dabei ist das gesamte Ensemble seit 2013 der Öffentlichkeit zugänglich, seit 2017 sogar Teil der Südtiroler Landesmuseen.

Schon allein das imposante Eingangstor gibt einen ersten Eindruck von der schier unheimlichen Größe der Festung Franzensfeste, die man hier betritt. Jeder einzelne Granitblock des Tores wiegt stolze 13 Tonnen, die Inschrift kündet von großen Namen:

Franciscus I. Austr. Imp. Inchoavit MDCCXXXIII. Ferdinandus I. Austr. Imp. perfecit MDCXXXVIII.

Und man betritt eine militärische Festungsanlage im schönsten Grau, seit knapp hundert Jahren quasi unbenutzt und dem Verfall preisgegeben, von Gräsern, Sträuchern und Bäumen überwuchert. Aber sie ist zugänglich, und wenn man durch die unendlich lang erscheinenden Gänge geht, in denen die eigenen Schritte gespenstisch widerhallen, in die unzähligen verwaisten Stuben schaut, in denen einst über 1.000 Mann das Land schützten, dann bekommt man langsam einen Eindruck von dem Sinn, dem dieser Festung einst gegeben worden war. Dieser verstärkt sich noch, wenn man einen Blick in die in ihren Ausmaßen ebenso gigantischen Lagerhallen und Keller wirft oder die einer Himmels- oder Höllenleiter nicht ganz unähnliche unterirdische Felsentreppe, die sog. ewige Stiege, betrachtet, die über 451 Felsenstufen beachtliche 75 Höhenmeter zurücklegt, damit man sicher vom mittleren ins obere Fort gelangen konnte. Und es wird dem Betrachter allmählich klar, in welchen Dimensionen beim österreichischen Heer gedacht wurde.

Der Ursprung der Franzensfeste, italienisch einfach nur Fortezza, war ein Trauma, das das Habsburger Militär so schnell nicht mehr loswerden sollte. Zwar kursierten seit 1801 in Wiener Ministerien vage Pläne, wie man das Wipp- bzw. Eisacktal künftig gegen einen eventuellen Napoleonischen Ansturm mit seiner Armée d’Italie sichern könnte, doch recht konkret wurden diese nicht, wenngleich man den heutigen Standort schon ungefähr im Blick hatte. 1809 wurden tatsächlich die im Zuge des Fünften Koalitionskrieges unter General François-Joseph Lefebvre (1755-1820) gegen Österreich heranrückenden Truppen zwischen den Ortschaften Grasstein und Mittewald von tapfer-patriotischen Tiroler Schützen unter Führung von Peter Mayr (1767-1810) aufgerieben; der Ort der Schlacht heißt noch heute Sachsenklemme.

Eine Talsperre gegen jedweden Feind erschien notwendig, doch es sollte noch dauern. In Wien reifte seit 1830 die Idee wieder zu veritabler Größe heran, in unmittelbarer Nähe zu jener Sachsenklemme, wo eine tiefe Schlucht das Tal durchfurchte, die sog. Neue Befestigung an der hohen Brücke nächst dem Dorfe Aicha zu errichten. Seit 1832 verantwortete der Festungsbaumeister und Generalmajor Franz Scholl (1772-1838) die Planungen, 1833 begannen unter Kaiser Franz I. (jenem ehemaligen Franz II., der dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation durch seinen Austritt 1806 den Todesstoß versetzt hatte) die Arbeiten zu dessen Bau. Allein die Beschaffung und Herstellung des notwendigen Materials sind ein Kraftakt. Granit und Lehm zur Herstellung von Ziegeln in rauhen Mengen werden gebraucht, die glücklicherweise nicht weit von der Großbaustelle entfernt bzw. in Spinges und Pfalzen zu finden sind. Ein Problem gibt es vorerst noch mit den Arbeitskräften; man holt schließlich, weil es in Tirol zu wenige gibt, Maurer und Ziegelbrenner aus der Lombardei, Ligurien und Venetien ins Eisacktal. In der Nähe des Klammerhofs bei Aicha (Gemeinde Natz-Schabs) entsteht ein Lager mit Unterkünften für 6.200 Arbeiter, zwei Öfen sind Tag und Nacht in Betrieb. 795.000 Pferdefuhren mit Granitblöcken und 120.000 mit Ziegeln (im Schnitt täglich fast 600) quälen sich in den kommenden Jahren zur entstehenden Festung, die in drei vollkommen autarken Forts errichtet wird. Sollte der Fall eintreten und eines erfolgreich angegriffen werden, wären die anderen beiden bereit, dem Feind so lange als möglich erbittet Widerstand zu leisten. Fünf Jahre dauert es schließlich, bis das Eisacktal die gigantische Talsperre abriegelt, äußere und innere Mauern werden errichtet, die knapp hundert Mörser, Haubitzen und Kanonen, die mehrere hundert Schießscharten ermöglichen eine Verteidigung im 360-Grad-Winkel, sollte sich der französische Feind entschließen, Südtirol von der Hintertür über den Brenner anzugreifen. Franz I. erlebt die Fertigstellung nicht mehr, sein Sohn und Nachfolger Ferdinand I. (1793-1875) kommt schließlich 1838 zur feierlichen Einweihung höchstselbst mit großem Gefolge aus Wien angereist. Dieser glücklose Kaiser, den man später den Gütigen nennen wird und den Volkes Stimme aufgrund seines nicht immer recht überzeugenden Auftretens – er stotterte, war nicht sehr entscheidungssicher und hatte regelmäßig Tobsuchtsanfälle – als Gütinand den Fertigen oder Depperten Nandl verspottet, äußert bei der Eröffnung mit dem ihm eigenen Augenzwinkern, in Anbetracht der immensen Bausumme von 2,6 Millionen Gulden hätte er eigentlich eine Festung ganz aus Silber erwartet. Nichtsdestotrotz: Die nach seinem Vater benannte Franzensfeste ist bezugsfertig, die etwa 1.200 dort stationierten Soldaten sind auf der Wacht, dem Feind würde gebührender Empfang bereitet, er könnte also getrost kommen. Tut er aber nicht.

Die ihrem Kaiser und Herrn treu ergebenen Soldaten Österreichs patrouillieren emsig, halten Ausschau, indes wenig geschieht. Dabei hätten sie es eigentlich gut, es ist an alles gedacht. 1845 wird auf dem Exerzierplatz eine Kapelle errichtet, eine der ersten im neugotischen Stil in ganz Tirol. Sie ist bombensicher gebaut, ihr Inneres dem Pantheon in Rom nachempfunden und mit einer hervorragenden Akustik ausgestattet, so dass man den Gebeten und Gesängen des jeweiligen Priesters noch problemlos auf dem Exerzierplatz lauschen kann. In der Offiziersmesse mahnt die Aufschrift „Die Rose blüht, ihr Dorn, der sticht. / Wer gleich bezahlt, vergisst es nicht.“ zur ge fälligsten Einhaltung der Zahlungsmoral, denn schließlich befinden sich im Obergeschoss einige erstaunlich kleine Zimmer, man könnte auch sagen Separées, die wohl dem Stillen eines recht fleischlichen Verlangens dienen. Nicht, dass die eigentlich anmutige Landschaft um die Sachsenklemme jetzt mit einem Granitklotz ungeahnten Ausmaßes zweifelhaft verschönert ist; erschwerend kommt bereits in diesen ersten Jahren hinzu, dass sich hinter den dicken Mauern statt der geplanten gut 1.000 nur mehr 70 Soldaten verschanzen (also gerade ja mal ein Fünfzehntel der ursprünglichen Menge), aus finanziellen Gründen wird nur ein Bruchteil der bestellten Kanonen geliefert, und selbst die finden 1848 den Weg nach Venetien zur Niederschlagung eines Volksaufstands, jedoch denselben nicht wieder zurück.

Im Endeffekt können sich schon wenige Jahre nach der Einweihung die wenigen stationierte Soldaten nur noch langweilen, doch es kommt beinahe noch schlimmer: Da die Franzensfeste lediglich das Eisack-, nicht aber das angrenzende Pustertal abriegelt, werden gar Rufe laut, am Eingang in jenes eine weitere Festung zu errichten und somit ein riesiges Bollwerk gen Süden. Dankenswerterweise, muss man heute sagen, werden diese Pläne ad acta gelegt. Man ist zwischenzeitlich ohnehin nicht mehr von der Notwendigkeit der Befestigungsanlagen überzeugt. Als sich Italien als Nationalstaat kriegerisch gegen Österreich wendet und reüssiert, die Grenze letztendlich bis Ala verschoben wird, sieht es noch einmal so aus, als würden die drei Forts gebraucht. Das stellt sich aber letztlich als falsche Vermutung heraus, der neue italienische Staat verhält sich nach Norden hin erstaunlich ruhig. Das ist dann aber auch der Anfang vom Ende.

Als 1867 der erste Zug über den Brenner auch die Enge im Eisacktal passieren muss, macht die inzwischen k.u.k. Militärverwaltung kurzen Prozess. Man schleift die Verteidigungsmauer und schickt die Bahnlinie mitten hindurch zwischen mittleres und oberes Fort, zerschneidet also die eigentliche Bestimmung der Festung aufs Empfindlichste. Dasselbe passiert 1872, als die Pustertalbahn gebaut wird; zwar liefert eine französische Firma – Ausgerechnet eine Firma aus dem Land, gegen das die Festung erbaut wurde! – das Material für eine Brücke über die Riggerschlucht, die sich im Bedarfsfall komplett in die Franzensfeste einziehen ließe, doch das erweist sich letzten Endes als ein weiteres Geldgrab. Und als schließlich 1882 Österreich-Ungarn, Italien und das Deutsche Reich sich im sog. Dreibund zum Verzicht auf gegenseitige Angriffe verpflichten, ist der riesige Festungsbau Makulatur. Es wird offiziell zum Lager degradiert, die wenigen verbliebenen Wachmannschaften fallen komplett der Langeweile anheim, denn es tut sich ja kaum etwas im Eisacktal. Die in den Putz geritzten Zeichnungen, verzweifelt erscheinenden Rechnungen (Zählen sie die Tage herunter, die man noch auszuharren hatte?) beweisen es. 1919 wird das Lager kampflos an die italienische Militärverwaltung übergeben (Südtirol ist ja inzwischen italienisches Staatsgebiet), nach kurzem deutschen Intermezzo und einem Bombenquerschläger, der Teile des mittleren Forts zerstört, kommt es 1945 über die Amerikaner wieder an Italien. 1970 dann wird die Trasse der Brennerautobahn ebenso durch die ehemalige Festung getrieben wie schon hundert Jahre zuvor die beiden Bahnlinien, die Staatsstraße wird verlegt, Teile des mittleren Forts stürzen ein, weite Teile der übrigen Gebäude sind mit Bäumen und Sträuchern vollkommen überwuchert. Es stört sich niemand mehr daran, bis – endlich, möchte man sagen – 2003 der letzte italienische Militärangehörige die Franzensfeste verlässt, und sie gleichzeitig für die Öffentlichkeit freigegeben wird. Zwar gab es damals immer wieder Anlass zu wilden Spekulationen, warum die wenigen, die die Festung und ihre ungezählten Bunker- und Kelleranlagen bis zuletzt sicherten, einer besonders harten Schweigepflicht unterlagen, gar von den 1943 hier kurzzeitig versteckten 127 Tonnen Goldreserven der Banca d’Italia wird schwadroniert. Doch nichts Gewisses weiß man bekanntermaßen nicht. Außer dass bei ersten Reinigungsarbeiten 2005 ausgerechnet eine Gussform für Goldbarren gefunden wurde.

Noch heute gibt die Franzensfeste eindrucksvoll steinernes Zeugnis vom Militär und vom Transit, vom Widersinnigen und Vergangenen. Selbst die Schlucht ist Geschichte, die ehemalige Ladritscher Brücke ebenso wie der angrenzende Weiler Unterau mit seinen bäuerlichen Gehöften. Sie verschwanden 1935 im Stausee, einem faschistischen Projekt zur Stromversorgung. Einzig jene grauen, pflanzenumwucherten Gebäude ohne Bestimmung sind geblieben, wo man in einem der ewig langen Gänge einfach mal laut rufen und auf Echo warten sollte. Denn sie mutet dann noch gespenstischer an als sie ohnehin ist, die Franzensfeste. Doch da steht sie nun mal und kann nicht anders.

Äpfel und Wein (Brixen, Unterland)

Wenn vom Dom her anschwillt

Langsam das Zwölfuhrleuten,

Dann macht verstohlen ein KreuzzeichenDie Alte am Stand nebenan: Brot.

„Un giorno io lascerà un mondo di dolore

Per un regno di pace.“Einmal, ganz in Weiß: Applaus.

Und dann huscht im Kreuzgang verstohlenEine dunkle Kutte um die Ecke.

Nicht weit von der Franzensfeste ist Brixen, Bressanone. Der weitläufige Domplatz mit seiner Kathedrale sowie der angrenzenden Pfarrkirche St. Michael ist so etwas wie der Herrgottswinkel Südtirols, und das schon ziemlich lange. Bereits 992 verlegten die Bischöfe von Säben, jenem trutzigen Kloster oberhalb Klausens, ihren Sitz in den locus Pressene. Nicht ganz hundert Jahre zuvor hatten sie den Ort vom ostfränkischen König Ludwig dem Kind (893-911), dem letzten Spross der Karolinger, geschenkt bekommen. Erst nach dem Übergang Südtirols an Italien war eine Neuordnung auch in kirchlicher Hinsicht notwendig. So wurde das vom heiligen Kassian gegründete Bistum Brixen aus dem österreichischen Metropolitanverband Salzburg herausgelöst und direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt. 1964 erfolgte die Eingliederung deutschsprachiger, also Südtiroler Gebiete aus dem Erzbistum Trient in die neu gegründete Diözese Bozen-Brixen, die als Suffraganbistum fortan Trient unterstellt war. Zu dieser Zeit erfolgte auch der Umzug der Bischöfe von Brixen nach Bozen und die Erhebung der dortigen Propsteikirche Maria Himmelfahrt zur Konkathedrale; zeitgleich entstand die Diözese Innsbruck-Feldkirch (1968 endgültig Feldkirch in Vorarlberg als eigene Diözese). Bozen-Brixen, noch um zwei ladinischsprachige Gebiete, die an Belluno gingen, verringert, verfügt über 281 Pfarreien in 28 Dekanaten.

Vom Dom aus in Ost-West-Richtung erstrecken sich Laubengänge, in denen es sich herrlich flanieren und treiben lassen lässt. Wenn im Herbst der Südtiroler Brot- und Strudelmarkt auf dem weiten Platz vor der Kathedrale erstreckt, können diese auch ein bisschen verwaisen, denn dann drängt sich die Masse der Einheimischen und Auswärtigen um die Stände, um zu kosten und zu kaufen. Wie nah dann Leben und sein Gegenteil beieinanderliegen können, erfuhr ich genau zu diesem Anlass. Während sich eine Touristengruppe nach der anderen trotz Regens die nicht sehr breiten Gänge zwischen den Brotständen entlangschob, fand in der Michaelskirche ein Requiem statt. Irgendwann, der geöffnete Leichenwagen in Form des dunklen Mercedes-Kombi wartete bereits geduldig, gingen die schweren Kirchentüren auf und die schwarz gewandete Trauerversammlung bildete ein schirmbewehrtes, stilles Spalier, das im Kontrast zu den geschäftigen Stimmen vom Markt her stand, bis endlich ein schneeweißer Sarg herausgetragen wurde. Sofort brandete ein so trauriger wie warmherziger Applaus auf, bis sich die Türen des Wagens schlossen und der sich langsam einen Weg durch die Menge bahnte. Ich betrat in die fast leere Kirche, wo der Mesner die Altarkerzen löschte, und fand auf einer der Bänke ein offensichtlich vergessenes Sterbebild, welches zweisprachig gestaltet war. Zu betrauern war eine achtundsiebzigjährige Witwe mit dem Spruch Consolatevi con me voi tutti che mi eravate tanto cari. Io lascio un mondo di dolore per un regno di pace.3

Wo die Domgasse auf die Kreuzung Kleiner Graben / Regensburger Allee trifft wurde ich einmal Zeuge einer kuriosen Begegnung. Es dämmerte bereits, als sich ein mit Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nicht gerade gut ausgestatteter Radfahrer mit teils waghalsigen Manövern zwischen den Fußgängern durchlavierte. Erschwerend kam hinzu, dass sein Gefährt nicht über ein Licht verfügte. Ein ziemlich aufgebrachter Herr rief dem so Fahrenden ein wütendes „Hast schon gwusst? Nur Armleuchter fahren ohne Licht!“ Insgeheim bewunderte ich den Herrn über seinen wohl so spontanen wie pointierten Wortwitz (wenngleich er freilich eine Beleidigung darstellte), musste aber nach wenigen Schritten feststellen, dass er lediglich ein an einer Hauswand angebrachtes Plakat zitierte. Es zeigte in Schwarz/Weiß einen Radler der zwanziger oder dreißiger Jahre, der in der rechten Hand, während er sein Vehikel mit der linken lenkte, einen dreiarmigen Kerzenleuchter hielt. Die Bildunterschrift lautete entsprechend der eben gehörten Äußerung.

Wenn man die Stadt verlässt und Richtung Plose fährt, kommt man auf nicht ganz 1.000 Metern Seehöhe in den ehemals selbstständigen Stadtteil St. Andrä, der aus mehreren Weilern besteht. Man hat einen herrlichen Blick hinunter ins Eisacktal, der sich nachts noch um ein Vielfaches stimmungsvoller ausnimmt. Ich verbrachte einmal Silvester in St. Andrä. Die Unterkunft und das dort nächtigende Klientel waren wenig bemerkenswert, denn jenes bestand zu großen Teilen aus deutschen Skiurlaubern von weit nördlich des Mains, die sich bemüßigt fühlten, sich am Silvesterabend mit Weißbier volllaufen zu lassen, während ihre Kinder den Hotellift soweit brachten, dass er seinen Dienst und Geist aufgab. Unmittelbare Zimmernachbarn waren jedoch zwei italienische Familien, die sich zum Jahreswechsel und um das Feuerwerk von Brixen zu beobachten, auf dem Balkon befanden. In erstaunlichster Nüchternheit, die man Angehörigen ihres Volkes gar nicht zutrauen würden, zählten sie um kurz vor zwölf die Sekunden runter. Bei nulla angelangt, erfolgte aus voller Brust der Ausruf „Auguri!“ Unmittelbar, wirklich unmittelbar danach ging es in die Zimmer und die Fensterläden wurden geschlossen. Man hatte offenbar seiner Pflicht zum Jahresstart Genüge getan, dann konnte man sich auch beruhigt in die Waagrechte begeben.

Wo wir schon beim Eisack waren: Wenn man, von Brixen und dann weiter über Bozen kommend, Autobahn oder Staatsstraße nach Süden nimmt, mündet er in die Etsch, weitet sich das Tal immer mehr, gibt den Blick auf sonnige Hänge frei, genannt (Bozner) Unterland (italienisch Bassa Atesina). Zur Bezirksgemeinschaft gehört auch das Gebiet um Kaltern und Eppan, das man Überetsch (italienisch Oltradige) nennt. Es ist klimatisch begünstigt, da durch die Alpen im Norden einigermaßen windgeschützt, von Süden her sonnendurchflutet. Es sind fast ideale Bilder, die sich dem Betrachter da ergeben, nicht nur an einem Sommertag. So lieblich, symmetrisch, harmonisch sich Dörfer an die Hänge schmiegen, so eingerahmt von Bergen sie sind, sich aber doch zur Etsch hinunter verlieren, so ruhig (sieht man vom ewigen Rauschen der Autostrada del Brennero einmal ab) und strotzend vor Selbstbewusstsein. Kalkhaltige, gut durchlüftete Böden bieten beste Voraussetzungen für die beiden Zweige der Landwirtschaft, wofür Unterland und Überetsch bekannt sind: Äpfel auf der einen, Wein auf der anderen Seite; denn: nichts gegen ein kühles Glas Gewürztraminer, der wie kaum eine andere Rebsorte einen Geschmack zu entfalten vermag, der an kräftige Kräuter im Gewande eines ebenso kräftigen, aber doch irgendwie milden Weißen gemahnt. Doch auch der Kalterer hat seine Vorzüge nicht nur für den, der es rot mag: Als gediegener Deutscher, erzogen im Geiste der Mäßigung (der mittelalterlichen maze), mag man sich gerne zur abendlichen Brotzeit vielleicht ein Glaserl gönnen. Doch wo aufgetischt werden Speck, Kaminwurzen und ein kräftiger Käse, begleitet von Schüttelbrot und kümmelsattem Vinschgauer, dann kann selbst gerade der nicht anders und leert die mitservierte Flasche aus Eigenbau gerne bis auf den Grund. Gsundheit!

Dieser Geschmack passt zu den Menschen hier. Von eigenem Selbstbewusstsein, bricht sich eine Art Südtiroler Nationalgefühl – freilich oft genug in Abgrenzung zu allem Italienischen – im Gewand des Dialekts und blauer Schürzen bahn. Und es ist schon so: Wenn Tiroler Flaggen wehen, die Blaskapelle spielt, die Traminer Fastnacht laut und unverwechselbar durchs Dorf zieht, dann erkennt jeder, wie viel die Gegend mit dem Stiefel eigentlich gemein hat: So gut wie nichts. Meine Pensionswirtin stellte einmal, Ende Oktober (die enorme Wärme und Sonne des Jahres erlaubte eine zweimalige Kirschenernte), fest, dass jetzt noch „so a poar Ithaker kemmen, dann sperr i zua fir heier.“ Ich wohnte bei gleicher Gelegenheit dem letzten Abend in einer Buschenschank bei. Als der Kalterer und der Linus besonders resch schienen, der Apfelstrudel mit Walnüssen besonders fein abgestimmt, ergab es sich, dass die hohen Räume widerhallten von den Hötterer Vogelfängern und anderen Volksliedern. Der Rückweg zur gewohnten Pension am Ortsrand in warmer Herbstnacht geriet zum inwendigen Dank dem Vater da droben für dieses Stück Land. Am kommenden Morgen fand dies im sonntäglichen Gottesdienst in der fast vollbesetzten Pfarrkirche der Heiligen Julitta und Quirikus zu Tramin seinen gewissermaßen liturgischen Abschluss. Übrigens ist dies die einzige Kirche im gesamten deutschsprachigen Raum, die diesen beiden Heiligen geweiht ist,4 und ihr Patronatstag am 16. Juni ist eine Institution in der ganzen Gegend.

Immer wenn ich an zahlreiche Aufenthalte im Unterland denke, vorzugsweise in Tramin oder in Auer, wird es in Gedanken auch kulinarisch: unübertrefflich die Schlutzkrapfen, die Hirtenmakkaroni, die saure Suppe (eine Kuttelsuppe), begleitet von einem Glaserl Würzer. Oder eine Jause auf Schloss Entiklar bei Kurtatsch, dazu ein Weißburgunder – unübertrefflich.

Im Herbst, wenn das Wetter wahrlich golden sein kann und man sich selbst hier nach des Abends Kühle sehnt, hat der Blick über die Weinberge auf der einen, auf die Apfelplantagen auf der anderen Seite schon etwas Verklärenswertes, schaffe ich es immer wieder, inwendig zur Ruhe zu kommen. Dabei geht es auch anders her, wenn die Traminer etwas zu feiern haben. Damit meine ich nicht in erster Linie den legendären wie exzessiven Fasching. Noch zu Zeiten, da man in Italien mit Lire zu bezahlen hatte, wurde bei der Kirche St. Jakob in Kastelaz, die sich seit dem 11. Jahrhundert mit ihren romanischen Fresken auf dem gleichnamigen Hügel befindet, ein Wanderweg eingeweiht, verbunden mit einem kleinen Fest. Dieses entpuppte sich als wahrlich ausgelassene Feier der Dorfgemeinschaft, bei der hervorragender Wein zu moderaten Preisen ausgeschenkt wurde und die im Singen der inoffiziellen Südtiroler Landeshymne Zu Mantua in Banden5 durch einige offensichtlich deutlich illuminierte Altherren gipfelte. Schon zu Beginn hatte ich mich gefragt, wieso an sämtlichen Ständen die dort bedienenden Männer unter ihren blauen Schürzen so unförmig aussahen. Des Rätsels Lösung: Beim Erwerb eines Glases Gewürztraminers hielt ich einen 10.000-Lire-Schein griffbereit in Erwartung des Rückgelds von 6.000 Lire. Der Herr griff dorthin, wo die Schürze sein Hemd verdeckte, zog eine Handvoll zerknüllter Scheine hervor und zählte mir die 6.000 Lire in teils eingerissenen, speckigen Scheinen in die Hand, bevor er das ganze Bündel wieder dorthin praktizierte, wo es war. Wo soll auch eine Beziehung zu Geld herkommen, wenn es nichts wert ist.

Ewige Lauben (Bozen)

Im Geläut, das sanft herüberzieht

An diesem Sonntag,

Sich zu verlieren,

Im Gemisch der Sprachen

Und im Duft des beginnenden Frühlings,

Aus Himmelshöhen kündend,

Einfach innehaltenUnd erst dann

Ab unter die Bögen,Auf den engen Platz,In die Kellergewölbe,

Denn sogar diese atmen hier Stolz.

Und Freiheit,

Wenn sich blaue Schürzen treffen,Rotweingläser fest haltenUnd froh sind, Tiroler zu sein.

Und wenn sich dritte GenerationenUm Nonnas Pastatopf versammeln

Und froh sind, Tiroler zu sein.

Bozen ist – für mich – ein besonderer Ort. Das Flanieren unter den Lauben, die Gerüche am Brot- und Obstmarkt, das geschäftige, selten jedoch wirklich laute Treiben in der Altstadt, dem man schnell durch Verschwinden in einer Buchhandlung entgehen kann, sind mir stets willkommen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Kultur des Aperitifs von Süden her auf die Stadt ausgebreitet hat, besticht umso mehr angesichts des Panoramas auf die umliegende Bergwelt, wenn das Wetter klar und sonnig ist bis auf den Rosengarten hin. Ein Aperol Spritz auf dem Walther-von-der-Vogelweide-Platz, vorzugsweise auf der Terrasse des Stadthotels genossen, den Blick auf das Dichterdenkmal und den Dom Maria Himmelfahrt gerichtet und saisonal auf Christkindlmarkt oder Jazzfestival ist immer lohnend. Selbst bei schlechtem Wetter verliere man sich in den Räumen des besagten Cafés bzw. Restaurants, wo man ungemein gut bedient wird, hervorragenden, traditionell zubereiteten caffè napoletano bekommt und eine schier endlose Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften hat – wie es sich für ein gutes Kaffeehaus gehört. Das Haus mit seiner charakteristischen Fassade ist übrigens ein Werk der aus Brünn stammenden Architekten- Brüder Alois (1872-1969) und Gustav Ludwig (1876-1952), die die Südtiroler Hauptstadt 1912 mit besagtem Hotel bereicherten, 1907 mit dem Sparkassengebäude und 1910 mit dem Parkhotel Laurin. Allein auch in der dortigen Bar einen Cocktail oder Longdrink zu nehmen im Angesicht des 1911 gefertigten Wandfrieses von Bruno Goldschmitt (1881-1964) – ein Genuss ebenso wie etwas derart Profanes wie die Fahrt mit dem Aufzug. Abgesehen davon, dass das Laurin in seinen Anfangsjahren u. a. gerade deswegen als modernstes Hotel Europas galt, mutet es heutzutage surreal an, in der Kabine eines Lifts von einem roten Sofa empfangen zu werden, um sich eben sitzend über die Etagen transportieren lassen zu können. Oder die Tatsache, dass auf den Zimmern gold-blaues Briefpapier mit Stift und zugehörigem Kuvert aufliegt mit der Option, angefertigte Schreiben selbstverständlich an der Rezeption abzugeben; wer wollte da nicht wieder zum Briefeschreiber mutieren.

Hauptstädte und Hauptstädter werden gemeinhin gerne belächelt, nicht so ganz für ernst genommen, weil sie Weltstadtallüren hätten, unmögliche Marotten pflegten und überhaupt nationale Deutungshoheiten für sich beanspruchten. Man mag den Boznern in Südtiroler Kreisen eine gewisse Sonderstellung beimessen, mehr und kuriosere Blüten treiben jedoch die Animositäten, die zwischen den Boznern und den Bewohnern des heutigen Stadtviertels Gries-Quirein existieren. Der ehemalige Markt Gries war 1925 eingemeindet worden, und bald schon spottete eine vollmundige vox populi über die Überheblichkeit der neuen Hauptstadtbürger, und das nicht zu knapp. 1934 schon wurde ein heute als Volkslied geltendes Spottlied über die Grieser veröffentlicht, das die Wünsche des Stadtteils kontrastiert zur daraus folgenden Realität, die eigentlich wiederum die Provinzialität und (man muss es so sagen) Tumbheit aller in Gries decouvriert. Hier drei Strophen, in denen dies besonders drastisch deutlich wird:

Und im Rathaus sitzen die alten Herrn in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol und die sagen: es muß jetzt anders wern in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol und statt Fleisch gibt’s lauter Boana und das Brot wird immer kloana in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol.

Und das Elektrische muß eingführt wern in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol An ein jedes Eck kommt a Latern in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol und wenn alle Lichter glanzen sieht man Flöh und Wanzen tanzen in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol.

Ja, ein Riesenrad wird a aufgstelltin Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol und damit da wern die Fremdn prellt in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol wenn man auffikommt auf d’Höh spuckt ma nunter auf d’Chaussee in Gries-Bozen, in Gries-Bozen in Tirol.

Im Laufe der Jahre kamen unzählige Strophen hinzu, so über die Oberschule, die Trambahn, den Jungfernbund... Gerne wurde und wird die eingängige Melodie mit den schönen Wiederholungen auch auf andere Städte oder Dörfer angewandt, so dass man eine gewisse Verselbstständigung feststellen kann. Dennoch konnte ich nicht nur einmal eine interessante Entdeckung im Umgang mit jenem Lied machen. Im Rahmen mehrerer abendfüllender Veranstaltungen zu den unterschiedlichen bairischen Dialekten vor etlichen Jahren nahm ich mein Publikum auf eine Reise vom Egerland über Bayern und Österreich bis nach Südtirol mit. Mein lieber Freund Eginhard König begleitete dies mit Gitarre und Gesang und animierte die Anwesenden zum Mitsingen. Den Abschluss bildete stets Gries-Bozen. Im Refrain ist ja stets von Gries-Bozen in Tirol die Rede, also mit präzisierendem geographischem Zusatz. Die ältere Generation der Zuhörer ließ diese konsequent unkommentiert, manche Jüngere jedoch merkten im Gespräch im Anschluss an die Veranstaltungen an, dass Bozen doch eigentlich ja in Süd-Tirol liege; manche zeigten sich gar verwirrt, denn schließlich sei die besungene Stadt ja in Italien. Die normative Kraft des Faktischen hat sich durchgesetzt, der – man muss es so offen nochmals sagen – widersinnige Übergang Südtirols an Italien nach dem Ersten Weltkrieg hat sich in den Köpfen der Nach-Nach-Nachgeborenen zementiert. Noch mir würde es nicht in den Sinn kommen, wenn ich mich in Bozen befinde, zu behaupten, ich sei ernsthaft in Italien. Nun, man wird offensichtlich älter.

In Bozen bzw. Poutsn, wie die Südtiroler sagen, bzw. italienisch Bolzano bzw. ladinisch Bulsan spürt man das Aufeinandertreffen der beiden großen Sprachgruppen besonders (Ladinisch spielt kaum eine Rolle). Nach Ergebnissen der letzten Volkszählung sind knapp 74% der etwas mehr als 100.000 Einwohner italienischsprachig und ein Viertel deutschsprachig, was an einem vom faschistischen Staat in den 1930-er Jahren mit dem Ziel der möglichst vollkommenen Italianisierung Südtirols massiv unterstützen Zuzug v.a. aus dem Süden des Stiefels liegt. Stolz sind beide Sprachgruppen, die hier aufeinandertreffen, wenngleich sie sich auch nach so langer Zeit nicht ohne Animositäten, von Seiten der Südtiroler sicherlich nicht befreit von skeptischen Blicken begegnen. Wo man in Geschäften auf Italienisch angesprochen wird, wird, wenn es schon gar nicht anders gehen kann oder mag, halt so geantwortet – von selbst jedoch würde man nicht auf die Idee kommen, Italienisch zu sprechen.6 Umgekehrt ist ein Deutsch von Seiten der Italienischsprachigen oft nicht oder nur schwer möglich. Wie häufig schon saß ich in einem Café und wurde auf Deutsch nicht verstanden. Man könnte meinen, in der ach so globalisierten Postmoderne stellte dies kaum mehr ein Problem dar, der irrt. Noch in den Abendstunden, wenn junge Leute unterwegs sind in Bars, Kneipen, Clubs kann man solche feststellen, wo tendenziell Italienisch, und solche, wo tendenziell Deutsch gesprochen wird. Einmal im Juli, als ich mich mit einem Freund durch das erstaunlich quirlige und volle Bozner Nachtleben zwischen Obstplatz und Erbsengasse, Leonardo-da-Vinci-Straße und Johann-Wolfgangvon-Goethe-Straße kämpfte, bekam ich hierfür – Möge es, bitte, die Ausnahme sein und nur auf diesen einen Fall und sonst nie mehr zutreffen! – einen zweifelhaften Kommentar zu hören. Als ich uns an einem in einer kleinen Passage improvisierten Stand mit Getränken versorgte, kam ich mit einer der dort arbeitenden Studentinnen kurz ins Gespräch. Man hörte freilich, dass ich kein Einheimischer bin, es ging um Oberflächliches und schließlich um die Frage, wo man sich des Abends bisher schon verlustiert hätte. Ich nannte zwei, drei Kneipen. Bei der letzten stutzte meine Gesprächspartnerin: „Do seind die Ithaker, do gangan mia nead hi.“ Animositäten sind das eine, offene Feindseligkeiten das andere. Zur Gänze ändern wird sich das vermutlich so schnell nicht, allen Fakten zum Trotz. Man könnte es auch so formulieren: Schämt euch!

Einen kurzen Reisebericht, in dem Bozen eine kleine Rolle spielt, möchte ich noch nachbringen. Es war an einem Samstag im September, als sich eine Vierergruppe Studenten, in die ich mich einreihte, auf dem Weg zu einem zweiwöchigen Aufenthalt in Südfrankreich befand. Aufgrund des Mietvertrags für das dortige Ferienhaus war die Reise – leider – nur an jenem offenbar bei allen Reisenden von nördlich des Brenners exorbitant beliebten Wochentag möglich. Für die immerhin 1.100 Kilometer lange Strecke war der Weg über die Autostrada del Brennero unumgänglich. Hätte unumgänglich sein sollen, denn aufgrund endloser Stauungen schon vor der Mautstation Sterzing beschlossen wir, ab Brixen die Staatsstraße zu benutzen, die ähnlich überfüllt war. Im Schritttempo ging es nach Süden, immer nervenstrapazierender und angesichts der verbleibenden Hunderte von Kilometern auch stimmungszerstörender. Ein Zwischenstopp in Bozen wurde beschlossen, winkte doch dort ein entspannender Spaziergang samt Mittagessen. Je näher jedoch wir der Landeshauptstadt kamen (noch immer mit einer gefühlten Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 20 km/h), desto zahlreicher wurden die zumeist dunkelhäutigen Damen, die teils gelangweilt, teils offensiver am Rand der Staatsstraße standen und ihre Dienste in den angrenzenden Feldern oder Plantagen anboten. Zu gern hätte ich gewusst, wer der Vorbeifahrenden allen Ernstes angehalten hätte, um sich die Wartezeit versüßen zu lassen. Die Stimmung im Wagen war jedenfalls angesichts dieser Kuriosität(en) wieder gehoben. Und nach einem Risotto ai finferli in der Mustergasse wieder auf der Straße, schien es, als hätte sich dort nichts, wirklich rein gar nichts fortbewegt.

Ein paar Worte zur Politik (eigentlich überall)

Die ganzen Worte,

Sie rollen durch die Gänge bei Chigi7

Und werden versalutiert

Spätestens, wenn

Die gepanzerten Limousinen vorfahren.

Hab Acht, Alcide!8

Komm ihnen nicht zu nahe,

Es ist besser so.

Glaub nicht ihr salbungsvolles Gesäusel, Aldo!9

Auch du nicht, Giulio!10

29 aus 18 –

Manchmal huschen

Gestalten umher, Geister auch,

Die loszukriegen niemand vermochte.

Bis zum Jahr 2020 hat die Repubblica Italiana seit ihrer Gründung im Jahr 1946 ganze 29 (in Worten: neunundzwanzig) Ministerpräsidenten verschlissen. Das ergäbe in 74 Jahren immerhin eine durchschnittliche Amtszeit von etwas mehr als zweieinhalb Jahren. Allein für deutsche Gewohnheiten mit acht Bundeskanzlern11 seit Schaffung des Amts 1949 erscheint dies schon befremdlich. Es wird aber noch schlimmer, wenn man betrachtet, dass eine ganze Armada der italienischen Regierungschefs mehrmals in Amt und Würden war. Dann kommt man in den 18 Legislaturperioden seit 1946 auf sage und schreibe 46 (in Worten: sechsundvierzig) Regierungen, denen wiederum eine durchschnittliche Lebensdauer von anderthalb Jahren beschieden ist. Allein Alcide De Gasperi (1881-1954) brachte es zwischen 1946 und 1953 auf respektable acht Amtszeiten; unmittelbar hintereinander, wohlgemerkt. Möchte man diesen Umstand als einen etwas holprigen Start des ehemals faschistischen Staats in seine demokratische Zukunft abtun, bleiben immer noch Giulio Andreotti (1919-2013) mit sieben und Amintore Fanfani (1908-1999) mit sechs Amtszeiten. Selbst die legendären Politiker Aldo Moro (1916-1978) und Mariano Rumor (1915-1990) waren fünfmal Presidente del Consiglio dei Ministri, eine so umstrittene wie schillernde Figur wie Silvio Berlusconi insgesamt viermal. Gerade bei Letzterem, dem Medienmagnaten aus Mailand, der schonmal das Gruppenphoto beim Nato-Treffen im badischen Kehl schwänzte und die offizielle Begrüßung durch die geduldig wartende deutsche Bundeskanzlerin, um seelenruhig zu telefonieren, ist dies umso erstaunlicher. Erstmals bekleidete der gerne Don Silvio Genannte für acht Monate das Amt des Regierungschefs 1994/95, dann nicht ganz vier Jahre (2001 bis 2005), gleich darauf (2005/06) noch ein Jahr und schließlich und endlich noch einmal drei Jahre (2008-2011), was zusammengenommen nicht ganz neun Jahre ausmacht und ihn zum am längsten amtierenden Ministerpräsidenten in der Geschichte des Stiefels. Seither werden die Amtszeiten wieder deutlich kürzer – und wer erinnert sich noch an Paolo Gentiloni, Enrico Letta oder Mario Monti? Insofern wird ausgerechnet Berlusconi zu einer Konstante in der sonst so unsteten, unübersichtlichten und chaotischen politischen Welt Italiens.

Warum nur verschleißt dieses Land in solcher Regelmäßigkeit und mit fast schon vorhersehbarer Konstanz seine Regierungen? Da sind meines Erachtens drei Aspekte, die hierfür bedacht werden müssen.

1.Menschen, zumal wenn sie bewusst politisches Parkett betreten und ein Amt anstreben (schlimmer noch, wenn sie Berufspolitiker sind und schon allein deswegen ein Amit anstreben müssen, weil ihnen sonst nichts bliebe; mit dieser Sorte Emporkömmlinge hat die politische Landschaft dies- wie jenseits der Alpen in immer stärkerem Maß zu kämpfen), tun dies nicht zuletzt um der Macht wegen. Erst lange Zeit danach kommt der Wille, zu gestalten, etwas besser zu machen, einem Staat zu dienen, zum Tragen – wenn überhaupt. Dieses Streben nach Macht, und zwar nach möglichst ungeteilter Macht, muss nichts spezifisch italienisches sein. Dennoch lässt sich mit einem Blick in die Geschichte der Republik feststellen, dass führende Parteien immer wieder an inneren Machtkämpfen zerbrochen sind, sich gewissermaßen pulverisiert haben, worunter dann normalerweise auch die Regierung zerbrochen ist bzw. worauf sich mit Wonne und Inbrunst dann die jeweilige Opposition gestürzt hat, um den ohnehin Wankenden nach Möglichkeit den Garaus zu machen. Ein Bekannter, aus Sizilien gebürtig, hatte das schon vor gut einem Jahrzehnt so formuliert: „Ognuno vuole sempre essere leader. È una forma di cancro dento la società.“ – „Jeder will stets der Wortführer sein. Es ist ein Krebsgeschwür innerhalb der Gesellschaft.“ Oder, anders ausgedrückt (ein umbrischer Gastwirt mit sizilianischen Wurzeln): „L’ombra del potere è molto magnetico, specialmente di giovane età.“ – „Der Schatten derMacht zieht enorm an, besonders in jungen Jahren.“ Bei Silvio B. offensichtlich auch noch im Herbst derselben.

2.Gewisse ehrenwerte Gesellschaften, wie auch immer genannt, tut als Staat im Staate ihr Übriges, diesen immer schön nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen und ihn zu unterminieren, wo es nur möglich erscheint. So kann den Menschen, zumal im armen Süden des Stiefels, wirkungsvoll demonstriert werden, dass es die politische Kaste ohnhein nicht hinbekommt, weshalb die regionalen Ehrenmänner, die freilich international enorm erfolgreich agieren, die besseren Politiker sind, wenngleich sie sich so nicht nennen dürfen.

3.Die breite Masse der Bevölkerung hat längst fast schon jegliches Vertrauen in die Politik verloren. Schon längst gibt es keine Familientraditionen mehr, bei welcher Partei die ganze Sippschaft bei der nächsten Wahl (die immer kurz bevorsteht) ihre Kreuzchen setzt. Sollte noch überhaupt jemand zur Wahl gehen, dann durchziehen tiefe Gräben, die vom Partito Socialista Italiano bis zur rechtsgerichteten Lega und dem populistischen Movimento 5 Stelle reichen, die Meinungen und spiegeln so innerhalb einer Familie die Gesellschaft in ihrer ganzen pluralitischen Unvereinbarkeit wider; man fühlt sich fast ein wenig an die Schilderungen Franca Magnanis erinnert, die von den schweren Auseinandersetzungen zwischen ihrem Mann Valdo Magnani (1912-1982) und ihrem Vater Fernando Schiavetti (1892-1970) berichten. Heute mag es nicht anders sein.