Der wilde Kontinent - Keith Lowe - E-Book

Der wilde Kontinent E-Book

Keith Lowe

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Beschreibung

Zusammenbruch, Rechtlosigkeit, Anarchie: Mit der deutschen Kapitulation war das Töten noch nicht beendet. Zum ersten Mal macht Keith Lowe das ganz Europa umfassende Ausmaß der materiellen und moralischen Verwüstungen deutlich: die ergreifende Darstellung einer Welt, die aus den Fugen geraten war. Eindrucksvoll beschreibt Keith Lowe in seinem international viel beachteten Buch den Abstieg eines ganzen Kontinents in die Anarchie. Dabei zeigt er die Gewalteruption des Zweiten Weltkrieges als ein komplexes Geschehen über die sogenannte Stunde Null hinaus. Im Zentrum seiner ausgewogenen Neudarstellung der Nachkriegszeit stehen die vielen auf dem Kontinent aufflammenden regionalen Konflikte, die auch noch nach den klassischen Kriegshandlungen stattfanden: Bürgerkriege wüteten, ethnische Spannungen und Säuberungen dauerten an, Juden und Minderheiten wurden weiterhin verfolgt. Der Krieg hatte – trotz Hitlers Niederlage – eine Gewaltdynamik entfacht, die sich nicht mit der Kapitulation stoppen ließ. Zugleich lässt der Autor die Menschen und die einzelnen Schicksale in den betroffenen Ländern sichtbar werden. Eine unerlässliche Lektüre für ein tieferes Verständnis der Schreckensgeschichte Europas.

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Seitenzahl: 843

Veröffentlichungsjahr: 2014

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KEITH LOWE

DER WILDEKONTINENT

EUROPA IN DEN JAHREN DERANARCHIE 1943–1950

Aus dem Englischen übersetzt vonStephan Gebauer und Thorsten Schmidt

Impressum

Mit 29 Abbildungen im Tafelteil

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Savage Continent. Europe in the Aftermath of World War II«

im Verlag Viking (Penguin Books), London 2012

© Keith Lowe 2012

Für die deutsche Ausgabe

© 2014 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH,gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Redaktion: Monika C. Müller, Friedrichsdorf (Ts.)

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung des Fotos »Vue de Coventry« von © Rue des Archives/Tallandier

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96039-6

E-Book: ISBN 978-3-608-10758-6

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in dr Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Für Vera

INHALT

EINLEITUNG

TEIL 1 – DAS ERBE DES KRIEGES

1. KAPITEL Die Zerstörung der dinglichen Welt

2. KAPITEL Abwesenheit

3. KAPITEL Vertreibung

4. KAPITEL Hunger

5. KAPITEL Moralische Zerstörung

6. KAPITEL Hoffnung

7. KAPITEL Die Landschaft des Chaos

TEIL 2 – RACHE

8. KAPITEL Blutdurst

9. KAPITEL Die befreiten Lager

10. KAPITEL Gezügelte Rache: Zwangsarbeiter

11. KAPITEL Deutsche Kriegsgefangene

12. KAPITEL Entfesselte Rache: Osteuropa

13. KAPITEL Der Feind im Innern

14. KAPITEL Rache an Frauen und Kindern

15. KAPITEL Der Zweck der Rache

TEIL 3 – ETHNISCHE SÄUBERUNG

16. KAPITEL Vor die Wahl gestellt

17. KAPITEL Die Flucht der Juden

18. KAPITEL Die ethnische Säuberung Polens und der Ukraine

19. KAPITEL Die Vertreibung der Deutschen

20. KAPITEL Ein europäischer Mikrokosmos: Jugoslawien

21. KAPITEL Westliche Toleranz, östliche Intoleranz

TEIL 4 – BÜRGERKRIEG

22. KAPITEL Kriege in Kriegen

23. KAPITEL Politische Gewalt in Frankreich und Italien

24. KAPITEL Der griechische Bürgerkrieg

25. KAPITEL Ein Kuckucksei im Nest: Der Kommunismus in Rumänien

26. KAPITEL Die Unterjochung Osteuropas

27. KAPITEL Der Widerstand der »Waldbrüder«

28. KAPITEL Der Spiegel des Kalten Krieges

SCHLUSS

ANHANG

Danksagung

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis

Bildnachweis

Quellen

Personen- und Ortsregister

KARTEN

1. Gebietsveränderungen in Europa, 1945–1947

2. Die Kriegstoten in Europa, 1939–1945

3. Der Archipel der deutschen Konzentrationslager

4. Vertriebenenlager in Deutschland, Österreich und Norditalien

5. Die Flucht der Juden nach Palästina

6. Die Vertreibung der Deutschen

7. Schauplätze von Massakern in Jugoslawien, 1945

8. Von der Résistance bis zum 23. August 1944 eigenständig befreite Gebiete

9. Italien, 1945–1946

10. Von den Partisanen kontrollierte Gebiete Griechenlands, 1944

11. Die baltischen Länder

12. Die Teilung Europas im Kalten Krieg

EINLEITUNG

Versuchen Sie sich eine Welt vorzustellen, in der es keine Institutionen gibt. Es ist eine Welt, in der sich die Grenzen zwischen den Ländern anscheinend aufgelöst haben. Menschen durchstreifen das grenzenlose Land auf der Suche nach Gemeinschaften, die nicht mehr existieren. Es gibt keine Verwaltungen mehr, weder nationale noch lokale. Es gibt keine Schulen und Universitäten, keine Bibliotheken und Archive mehr. Die Menschen haben keinerlei Zugang mehr zu Informationen. Es gibt keine Kinos oder Theater und natürlich auch kein Fernsehen. Das Radio funktioniert gelegentlich, aber das Signal ist schwach und die Sendungen, die man hören kann, sind fast immer in einer fremden Sprache. Eine Zeitung hat seit Wochen niemand mehr in der Hand gehabt. Es fahren keine Züge oder Autos, man kann weder telefonieren noch Telegramme verschicken, die Postämter sind alle verwaist – abgesehen von dem, was mündlich weitergeben wird, ist die Kommunikation unmöglich.

Es gibt keine Banken mehr, was jedoch keine Rolle spielt, da das Geld ohnehin wertlos ist. Es gibt keine Läden, denn niemand hat irgendetwas zu verkaufen. Es wird nichts mehr produziert: Die großen Fabriken und Unternehmen wurden alle zerstört oder stillgelegt, und auch die meisten anderen Gebäude stehen nicht mehr. Es gibt keine Werkzeuge außer denen, die man im Schutt findet. Es gibt keine Nahrung.

Recht und Ordnung existieren praktisch nicht mehr, denn es gibt weder Sicherheitskräfte noch ein Justizsystem. In einigen Gebieten scheinen die Menschen nicht mehr zu wissen, was Recht und was Unrecht ist. Sie eignen sich an, was greifbar ist, ohne darüber nachzudenken, wem es gehört, denn sie haben offenbar keine Vorstellung mehr vom Eigentum. Wer etwas besitzen darf, hängt davon ab, wer der Stärkere ist und es mit seinem Leben verteidigen wird. Bewaffnete Männer ziehen durch die Straßen, nehmen sich, was sie wollen, und bedrohen jeden mit dem Tod, der sich ihnen in den Weg stellt. Frauen aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters prostituieren sich für Nahrung und Schutz. Die Menschen haben jedes Schamgefühl verloren und kümmern sich nicht mehr um moralische Normen. Es zählt nur das nackte Überleben.

Heute scheint es uns, als könnte es eine solche Welt nur in der Phantasie von Hollywood-Drehbuchautoren geben. Aber noch heute leben hunderttausende Menschen, die vor einigen Jahrzehnten tatsächlich unter solchen Bedingungen ihr Dasein fristen mussten – und zwar nicht in einem abgelegenen Winkel der Erde, sondern im Herzen jener Region, die seit Jahrzehnten als stabilste und am höchsten entwickelte der Welt gilt. In den Jahren 1944 und 1945 versanken weite Teile Europas für Monate im Chaos. Der Zweite Weltkrieg – der vermutlich zerstörerischste Krieg in der Menschheitsgeschichte – hatte nicht nur die materielle, sondern auch die institutionelle Infrastruktur verwüstet, die die Länder des Kontinents zusammenhielt. Die politischen Systeme waren so vollkommen zusammengebrochen, dass amerikanische Beobachter vor der Möglichkeit eines europaweiten Bürgerkriegs warnten.1 Die gezielte Zerstückelung der Gemeinschaften im Krieg hatte ein unüberwindliches Misstrauen zwischen Nachbarn gesät, und für die hungernden Menschen hatte die persönliche Moralität jegliche Bedeutung verloren. »Europa«, erklärte die New York Times im März 1945, »befindet sich in einem Zustand, den ein Amerikaner unmöglich verstehen kann.« Dies war »der neue dunkle Kontinent«.2

Dass es Europa gelang, sich aus seinen Trümmern zu erheben und sich wieder in einen wohlhabenden, toleranten Kontinent zu verwandeln, wirkt tatsächlich wie ein Wunder. Angesichts der großen Leistungen des Wiederaufbaus – es wurden Straßen, Eisenbahnen, Fabriken, ja ganze Städte wiederhergestellt – könnte man meinen, die Nachkriegszeit sei eine makellose Erfolgsgeschichte gewesen. Nicht weniger beeindruckend war die politische Wiedergeburt im Westen Europas, insbesondere die Rehabilitierung Deutschlands, das sich innerhalb weniger Jahre von einem Ausgestoßenen in ein verantwortungsbewusstes Mitglied der europäischen Familie verwandelte. In den Jahren nach dem Krieg erwachte auch der Wunsch nach internationaler Zusammenarbeit, die Wohlstand und Frieden bringen sollte. Mittlerweile werden die Jahrzehnte seit 1945 als die längste Friedenszeit in Europa seit dem Römischen Reich gepriesen.

Es ist nicht verwunderlich, dass jene Autoren, die sich mit der Nachkriegszeit beschäftigen, seien sie Historiker, Staatsmänner oder Wirtschaftswissenschaftler, von einer Ära sprechen, in der sich Europa wie Phönix aus der Asche erhob. In dieser Darstellung endeten mit dem Krieg nicht nur Unterdrückung und Gewalt, sondern es begann auch eine spirituelle, moralische und wirtschaftliche Wiedergeburt des ganzen Kontinents. Die Deutschen bezeichnen die Monate nach Kriegsende als »Stunde Null«: Sie machten reinen Tisch und fingen von vorne an.

Aber man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Nachkriegsgeschichte unmöglich so schön gewesen sein kann. Zunächst einmal war der Krieg nicht einfach vorbei, als Hitler besiegt war. Es dauerte Monate, wenn nicht Jahre, um einen Konflikt von den Ausmaßen des Zweiten Weltkriegs zu beenden, der zahlreiche kleinere innere Auseinandersetzungen nach sich gezogen hatte. Und der Krieg endete in verschiedenen Teilen Europas zu verschiedenen Zeitpunkten. Zum Beispiel war er in Sizilien und Süditalien im Herbst 1943 praktisch vorbei. In Frankreich endete er für den Großteil der Zivilbevölkerung ein Jahr später, im Herbst 1944. Hingegen gingen die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Teilen Osteuropas noch lange nach dem Ende der europäischen Kampfhandlungen am 8.Mai 1945 weiter. In Jugoslawien kämpften Titos Truppen noch mindestens bis zum 15.Mai gegen deutsche Einheiten. In Griechenland, Jugoslawien und Polen tobten die durch die Interventionen Hitler-Deutschlands ausgelösten Bürgerkriege noch mehrere Jahre, nachdem der große Konflikt in Europa beendet war. In der Ukraine und im Baltikum setzten nationalistische Partisanen ihren Kampf gegen die sowjetischen Truppen bis in die fünfziger Jahre fort.

Manche Polen sind der Ansicht, der Zweite Weltkrieg habe eigentlich erst vor wenigen Jahren geendet. Da der Konflikt offiziell mit dem Einmarsch deutscher und sowjetischer Truppen in Polen begann, war er in ihren Augen erst vorüber, als im Jahr 1989 der letzte sowjetische Panzer das Land verließ. In den baltischen Ländern wird die Geschichte ähnlich betrachtet: Im Jahr 2005 lehnten die Präsidenten Estlands und Litauens eine Einladung ab, in Moskau an einer Feier anlässlich des 60.Jahrestags des Kriegsendes in Europa teilzunehmen. Sie begründeten ihre Weigerung damit, dass ihre Länder erst Anfang der neunziger Jahre befreit worden seien. Berücksichtigt man auch den Kalten Krieg, der eigentlich ein andauernder Konflikt zwischen Ost- und Westeuropa war, sowie mehrere nationale Erhebungen gegen die sowjetische Hegemonie in Osteuropa, so stellt man fest, dass die Behauptung, die Nachkriegszeit sei eine Ära des stabilen Friedens gewesen, maßlos übertrieben ist.

Gleichermaßen zweifelhaft ist die Vorstellung von der »Stunde Null«. Mit Sicherheit wurde kein reiner Tisch gemacht, so sehr es sich die deutschen Politiker auch wünschen mochten. Der Krieg löste Wellen der Rache und Umverteilung aus, die sämtliche Bereiche des europäischen Lebens erfassten. Staaten verloren Gebiete und Vermögen, in Verwaltungen und Institutionen fanden Säuberungen statt, und ganze Gemeinschaften sahen sich dem Terror ausgesetzt, weil man sie kollektiv für Übeltaten während des Krieges verantwortlich machte. Zivilisten wurden Opfer furchtbarer Rache. In ganz Europa wurden Deutsche misshandelt, verhaftet, versklavt oder einfach ermordet. Soldaten und Polizisten, die mit den Nationalsozialisten kollaboriert hatten, wurden festgenommen und gefoltert. In den im Krieg von der Wehrmacht besetzten Ländern wurden Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten, nach der Befreiung nackt ausgezogen, kahlgeschoren, mit Teer übergossen und durch die Straßen getrieben. Millionen deutsche, ungarische und österreichische Frauen wurden vergewaltigt. Statt reinen Tisch zu machen, wurde nach dem Krieg lediglich das Ressentiment zwischen ethnischen Gruppen und Nationen vertieft, und oft schwelt diese Feindseligkeit noch heute.

Auch begann mit dem Kriegsende keine neue Ära der ethnischen Harmonie in Europa. In Teilen des Kontinents verschärften sich die Spannungen zwischen den Volksgruppen sogar noch. Die Juden wurden weiter verfolgt. Überall richtete sich die nationalistische Politik einmal mehr gegen die Minderheiten, und an manchen Orten führte der so geweckte Hass zu Gräueln, die nicht weniger abscheulich waren als die der Nationalsozialisten. In den Jahren nach dem Krieg wurden die Bemühungen des NS-Regimes fortgesetzt, die verschiedenen ethnischen Gruppen zu kategorisieren und voneinander zu trennen. In den Jahren 1945 bis 1947 wurden mehrere Millionen Menschen aus ihren Heimatländern vertrieben. Diese ethnischen Säuberungen zählen zu den größten der Geschichte. Darüber sprechen die Bewunderer des »europäischen Wunders« nur selten, was vor allem daran liegt, dass die wenigsten von ihnen verstehen, was damals wirklich geschah. Selbst jene, denen die Vertreibung der Deutschen bekannt ist, wissen wenig über ähnliche Schicksale anderer Minderheiten in Osteuropa. Die kulturelle Vielfalt, die Europa vor und sogar noch während des Krieges ausgezeichnet hatte, wurde erst endgültig zerstört, als der Krieg schon beendet war.

Umso bemerkenswerter ist, dass der Wiederaufbau Europas inmitten all dieser Wirren beginnen konnte. Aber so wie sich das Ende des Krieges über Jahre hinzog, dauerte es auch lange, bis der Wiederaufbau in Gang kam. Die Menschen, die in den Trümmern der europäischen Städte lebten, waren so beschäftigt mit dem täglichen Überlebenskampf, dass sie kaum Zeit hatten, die Fundamente der Gesellschaft zu reparieren. Sie waren hungrig, gezeichnet vom Verlust und verbittert nach den Jahren des Leidens. Bevor man sie bewegen konnte, mit dem Wiederaufbau zu beginnen, brauchten sie Zeit, um ihrer Wut Luft zu machen, nachzudenken und zu trauern.

Auch die neuen Verwaltungen, die überall in Europa ihre Tätigkeit aufnahmen, brauchten Zeit, um sich zu etablieren. Anfangs war nicht daran zu denken, die Trümmer wegzuräumen, die Eisenbahnlinien instand zu setzen oder die Fabriken wieder in Betrieb zu nehmen. Zuerst mussten in den einzelnen Verwaltungsgebieten Vertreter ernannt und Gremien eingerichtet werden. Diese Gremien mussten dann das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, die im Lauf von sechs Jahren der organisierten Grausamkeit gelernt hatte, den Kontakt mit öffentlichen Einrichtungen zu vermeiden. Unter diesen Umständen war es wenig mehr als ein Wunschtraum, Recht und Ordnung wiederherzustellen, geschweige denn, dass man darüber nachdenken konnte, das eigene Land wieder aufzubauen. Nur Einrichtungen, die von außen kamen – die alliierten Militärverwaltungen, die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz –, hatten die Befugnis oder die Mittel, um das zu bewerkstelligen. Dort, wo solche Einrichtungen fehlten, herrschte das Chaos.

***

Die Geschichte Europas in den ersten Nachkriegsjahren war daher nicht in erster Linie eine Geschichte des Wiederaufbaus. Zunächst war es eine Geschichte des Abstiegs in die Anarchie. Diese Geschichte ist nie richtig erzählt worden. In Dutzenden vorzüglichen Büchern wurden die Geschehnisse in einzelnen Ländern – insbesondere in Deutschland – beschrieben, aber das Gesamtbild betrachtete keiner der Autoren: Überall auf dem Kontinent wiederholte sich dieselbe Geschichte. Einige wenige Autoren – ein Beispiel ist Tony Judt (Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart) – zeichnen ein umfassenderes Bild des Kontinents, aber da sie einen sehr viel längeren Zeitraum behandeln, müssen sie die Geschehnisse in den ersten Nachkriegsjahren in wenigen Kapiteln zusammenfassen. Meines Wissens gibt es kein Buch in irgendeiner Sprache, in dem genau beschrieben wird, was in dieser wichtigen und turbulenten Zeit überall in Europa geschah.

In diesem Buch versuche ich, diese Lücke teilweise zu schließen. Anders als vielen anderen Autoren geht es mir nicht darum zu erklären, wie sich der Kontinent schließlich aus den Trümmern erhob und den materiellen, wirtschaftlichen und moralischen Wiederaufbau in Angriff nahm. Ich werde mich nicht auf die Nürnberger Prozesse, den Marshall-Plan oder andere Versuche konzentrieren, die vom Krieg aufgerissenen Wunden zu heilen. Vielmehr handelt dieses Buch von einer Zeit, in der diese Versuche zur Wiederherstellung des zerstörten Europa noch undenkbar waren, von einer Zeit, in der weite Teile des Kontinents noch extrem instabil waren und die Gewalt beim geringsten Anlass erneut auszubrechen drohte. In gewissem Sinn versucht dieses Buch das Unmögliche: die Beschreibung des Chaos. Um das zu bewerkstelligen, werde ich verschiedene Bestandteile der Anarchie herausgreifen und versuchen, sie verschiedenen Themen zuzuordnen.

Zunächst werde ich zeigen, was genau im Krieg zerstört wurde. Nur wenn wir uns ein Bild von der dinglichen und moralischen Zerstörung machen, können wir die folgenden Geschehnisse verstehen. In TeilII beschreibe ich die Welle der Rache, die über den Kontinent rollte, und erkläre, wie dieses Phänomen für politische Zwecke manipuliert wurde. Die Rache ist ein ständiges Thema dieses Buchs, und wenn wir die Atmosphäre im Europa der Nachkriegszeit verstehen wollen, müssen wir uns ein Bild davon machen, wie Rache funktioniert und zu welchen Zwecken sie in jener Zeit eingesetzt wurde. In den TeilenIII und IV gehe ich der Frage nach, was geschah, als sich Rache und andere Formen der Gewalt ungehindert entfalten konnten. Die ethnischen Säuberungen, die politische Gewalt und die Bürgerkriege jener Zeit zählen zu den umwälzenden Ereignissen in der Geschichte Europas. Ich werde meine These erläutern, dass diese Entwicklungen tatsächlich die letzten Zuckungen des Zweiten Weltkriegs waren – und in vielen Fällen fast nahtlos in den Kalten Krieg übergingen. Daher geht es in diesem Buch im Wesentlichen um die Jahre 1944 bis 1949.

Eines meiner wichtigsten Ziele ist es, mich von der auf die westliche Welt beschränkten Darstellung dieser Zeit zu lösen. Jahrzehntelang haben sich die Autoren, die sich mit den Folgen des Weltkriegs beschäftigt haben, auf die Geschehnisse in Westeuropa konzentriert, was vor allem daran lag, dass Informationen über den Osten sogar östlich des Eisernen Vorhangs schwer zugänglich waren. Seit dem Zerfall der Sowjetunion und der Befreiung ihrer Satellitenstaaten hat sich die Informationslage gebessert, aber das Bild der Nachkriegszeit ist weiterhin unscharf. Eigentlich ist diese Zeit nur in Fachbüchern und historischen Zeitschriften behandelt worden, und diese Arbeiten liegen oft nur in der Muttersprache des Autors vor. Polnische, tschechische und ungarische Autoren haben wichtige Pionierarbeit geleistet, aber ihre Untersuchungen liegen eben nur in polnischer, tschechischer oder ungarischer Sprache vor. Und diese Arbeiten sind zumeist für ein akademisches Publikum bestimmt – womit wir bei einem weiteren Ziel dieses Buches sind: Ich möchte einem breiten Publikum die Möglichkeit geben, sich ein Bild von dieser Zeit zu machen.

Das letzte und vielleicht wichtigste Ziel dieses Buchs ist es, meinen Lesern einen Weg durch das Labyrinth der Mythen zu weisen, die über die Nachwirkungen des Kriegs verbreitet worden sind. Bei einer genaueren Untersuchung zeigt sich, dass viele »Massaker« sehr viel weniger dramatisch waren als in den bekannten Darstellungen. Auf der anderen Seite wurden einige schockierende Gräuel vertuscht oder verschwanden einfach im Strudel wichtigerer historischer Vorgänge. In einigen Fällen wird es vermutlich nie gelingen, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber wir können zumindest einige Unwahrheiten entlarven.

Eine besondere Plage ist in meinen Augen die Vielzahl ungenauer und nicht fundierter Statistiken, die regelmäßig in Diskussionen über diese Zeit zitiert werden. Die statistischen Daten spielen eine wichtige Rolle, denn sie eignen sich sehr gut, um politische Ziele zu erreichen. In einigen Ländern werden die Verbrechen der Nachbarländer regelmäßig übertrieben, sei es, um die Aufmerksamkeit von den eigenen Verbrechen abzulenken oder die nationalen Bestrebungen voranzutreiben. Parteien jeder Couleur lenken gerne die Aufmerksamkeit auf die Schandtaten ihrer politischen Gegner, während sie die Verbrechen ihrer Verbündeten herunterspielen. Auch mancher Historiker neigt zur Übertreibung oder pickt aus einer Vielzahl verfügbarer Daten die eindrucksvollste Zahl heraus, um seine Darstellung dramatischer zu gestalten. Aber die Geschichten aus dieser Zeit sind auch ohne Übertreibung unglaublich. Aus diesem Grund habe ich mich dort, wo ich Zahlen nenne, nach Möglichkeit auf amtliche Statistiken gestützt und dort, wo die amtlichen Zahlen fehlen oder nicht vertrauenswürdig sind, Studien seriöser Forscher herangezogen. Wann immer die Statistiken umstritten sind, werde ich im Text die in meinen Augen zuverlässigste Zahl nennen und in den Fußnoten auf andere Angaben verweisen.

TEIL 1DAS ERBE DES KRIEGES

Ich dachte, du würdest auf mich warten… Stattdessen fand ich die leere Hülle unseres zerstörten Hauses vor, über dem der üble Geruch der Asche hing.

Samuel Puterman bei seiner Heimkehr nach Warschau im Jahr 19451

Wir konnten die Zerstörung der dinglichen Welt sehen, aber die Auswirkungen der gewaltigen wirtschaftlichen Verwerfungen und der politischen, sozialen und psychischen Zerstörung […] blieben uns verborgen.

Dean Acheson, Staatssekretär im US-Außenministerium, im Jahr 19472

1DIE ZERSTÖRUNG DER DINGLICHEN WELT

Im Jahr 1943 veröffentlichte Karl Baedeker einen Reiseführer über das Generalgouvernement, jenen Teil Zentral- und Südpolens, der nominell vom Deutschen Reich getrennt war. Wie alle zeitgenössischen deutschen Publikationen diente dieser Reiseführer nicht nur der Information der Leser, sondern auch der Verbreitung von Propaganda. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür war der Abschnitt über Warschau. Das Buch enthielt eine lyrische Abhandlung über die deutschen Ursprünge und den deutschen Charakter der Stadt und beschrieb, wie Warschau dank der »Jahrhunderte dauernden deutschen Aufbauarbeit« zu einer der großartigsten Hauptstädte der Welt geworden war. Der Reisende wurde aufgefordert, das mittelalterliche Königsschloss, die im 14.Jahrhundert erbaute Johanneskathedrale und die Jesuitenkirche aus der Spätrenaissance zu besichtigen, die allesamt Produkte der deutschen Kultur und des deutschen Einflusses seien. Von besonderem Interesse war der Komplex der Barockschlösser am Piłsudskiplatz, dem »schönste[n] Platz Warschaus«, der mittlerweile in Adolf-Hitler-Platz umbenannt worden war. Der zentrale Bestandteil des Komplexes war das – selbstverständlich von einem Deutschen erbaute – Sächsische Palais mit dem malerischen Sächsischen Garten, der ebenfalls von deutschen Architekten angelegt worden war. Die Autoren des Reiseführers räumten ein, dass ein oder zwei Gebäude leider im Verlauf der Schlacht um Warschau im Jahr 1939 beschädigt worden waren, versicherten aber dem Leser, die Stadt werde einmal mehr unter deutscher Führung wiederaufgebaut.1

Unerwähnt blieben die westlichen Vororte der Stadt, die in ein Ghetto für die Juden verwandelt worden waren. Das machte vermutlich keinen Unterschied, denn genau zu der Zeit, als das Buch erschien, brach im Ghetto ein Aufstand aus, weshalb sich SS-Gruppenführer Jürgen Stroop unerbittlich genötigt sah, praktisch alle Häuser in dem Bezirk in Brand zu setzen.2 Fast vier Quadratkilometer der Stadt wurden vollkommen zerstört.

Im Jahr darauf brach ein zweiter Aufstand aus, der ganz Warschau erfasste. Diesmal war es eine von der Polnischen Heimatarmee angeführte Volkserhebung. Im August 1944 begannen Gruppen polnischer Männer, Frauen und Jugendlicher, deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt zu überfallen und ihnen ihre Waffen und Munition abzunehmen. In den folgenden zwei Monaten verschanzten sie sich in der Altstadt und den angrenzenden Vierteln und hielten mehr als 17000 deutsche Soldaten in Schach.3 Der Aufstand endete erst im Oktober; die Kämpfe zählten zu den brutalsten im Zweiten Weltkrieg. Erbost über den Widerstand der Polen, befahl Hitler, Warschau angesichts der bevorstehenden Einnahme der Stadt durch die Rote Armee dem Erdboden gleichzumachen.4

Also sprengten die deutschen Truppen das mittelalterliche Königsschloss, das Baedeker so beeindruckt hatte. Sie untergruben die Kathedrale aus dem 14.Jahrhundert und jagten sie ebenfalls in die Luft. Dann zerstörten sie die Jesuitenkirche. Sie brauchten drei Tage, um das Sächsische Schloss kurz nach Weihnachten 1944 systematisch zu sprengen. Der gesamte Komplex von Barock- und Rokokoschlössern wurde zerstört. Das von Baedeker empfohlene Hotel Europäischer Hof wurde im Oktober niedergebrannt und zur Sicherheit im Januar 1945 auch noch gesprengt. Die deutschen Soldaten nahmen sich Haus für Haus vor, um die Stadt systematisch dem Erdboden gleichzumachen: 93Prozent der Gebäude Warschaus wurden zerstört oder irreparabel beschädigt. Um das Zerstörungswerk abzuschließen, brannten die deutschen Besatzer das Nationalarchiv, das Archiv alter Akten, das Finanzarchiv, das Kommunalarchiv, das Archiv neuer Akten und die öffentliche Bibliothek nieder.5

Als sich die Polen nach dem Krieg daranmachten, ihre Hauptstadt wieder aufzubauen, zeigte das Nationalmuseum in einer Ausstellung Fragmente von Gebäuden und Kunstwerken, die von den deutschen Besatzern beschädigt oder zerstört worden waren. Der Ausstellungskatalog war anders als Baedekers Reiseführer zur Gänze im Präteritum geschrieben. Auf diese Art wollten die Autoren den Bewohnern Warschaus und der Weltöffentlichkeit vor Augen führen, dass all diese Schönheit verloren war. Sowohl der Reiseführer als auch die Ausstellung beinhalten die unausgesprochene Erkenntnis, dass die Menschen, die Zeugen der Zerstörung Warschaus wurden, nicht einschätzen konnten, was für ein gewaltiger Schaden ihrer Stadt zugefügt worden war. Schritt für Schritt hatten sie die Zerstörung und das Ende der Stadt erlebt: zunächst das Bombardement im Jahr 1939, dann die Plünderungen während der deutschen Besatzung und die Zerstörung des jüdischen Ghettos im Jahr 1943 und schließlich die Verwüstung Ende 1944. Nur wenige Monate nach der Befreiung hatten sie sich daran gewöhnt, inmitten von Schuttbergen in Häuserskeletten zu leben.6

In mancher Hinsicht konnten nur jene das wahre Ausmaß der Verheerung begreifen, die keine Zeugen der Zerstörung geworden waren, sondern nur ihr Ergebnis sahen. Der junge Fotograf John Vachon kam als Mitglied der Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen nach dem Krieg nach Warschau. Die Briefe, die er im Januar 1946 an seine Frau Penny schrieb, zeigen seine Fassungslosigkeit angesichts des Ausmaßes der Zerstörung.

Dies ist wirklich eine unfassbare Stadt. Ich möchte sie dir beschreiben, weiß jedoch nicht, wie ich das anstellen soll. Es ist eine große Stadt, vor dem Krieg hatte sie mehr als eine Million Einwohner. Sie ist so groß wie Detroit. Nun sind 90Prozent davon vollkommen zerstört… Wo man auch hinkommt, man sieht nur Reste von Gebäuden, denen die Dächer oder Seitenmauern fehlen, und darin leben Menschen. Eine Ausnahme ist das Ghetto, das nur eine weite Ebene ist, übersät mit Ziegelsteinen, verbogenen Bettgestellen, Badewannen, Sofas, gerahmten Bildern, Baumstümpfen, Millionen Dingen, die aus dem Schutt hervorragen. Ich verstehe nicht, wie jemand das tun konnte… Es ist unbegreiflich böse.7

Die malerische barocke Stadt, die Karl Baedeker nur zwei Jahre früher beschrieben hatte, war verschwunden.

Es ist schwer, das Ausmaß der im Zweiten Weltkrieg angerichteten Verheerungen nachvollziehbar zu beschreiben. Warschau ist nur eines von vielen Beispielen. Allein in Polen wurden Dutzende weitere Städte in Trümmerfelder verwandelt. In ganz Europa wurden hunderte Städte teilweise oder vollkommen verwüstet. Nach dem Krieg aufgenommene Fotos geben uns eine Ahnung vom Ausmaß der Zerstörung in einzelnen Städten, aber wenn man versucht, sich einen verheerten Kontinent vorzustellen, stößt das Verständnis zwangsläufig an Grenzen. In einigen Ländern, insbesondere in Deutschland, Polen, Jugoslawien und der Ukraine, wurde ein Jahrtausend kultureller und architektonischer Leistungen innerhalb weniger Jahre ausgelöscht. Die Gewalt, die eine derart umfassende Zerstörung hervorbrachte, ist von einigen Historikern mit Armageddon verglichen worden.8

Jene Menschen, die Zeugen der Zertrümmerung von Europas Städten wurden, konnten selbst die lokal begrenzten Verheerungen, die sie mit eigenen Augen sahen, kaum begreifen, und nur ihre vom Leid erfüllten, unzulänglichen Beschreibungen vermitteln uns eine Ahnung vom Ausmaß der Verheerungen. Aber bevor wir uns den menschlichen Reaktionen auf den Anblick einer zerschmetterten und zerborstenen Welt widmen, sollten wir uns einige Statistiken ansehen. Denn so trügerisch sie auch sein mögen: Statistiken sind aufschlussreich.

Als einziges Land, das Hitler während des gesamten Kriegs erfolgreich die Stirn bot, musste Großbritannien sehr leiden. Die deutsche Luftwaffe lud im Verlauf des »Blitz«, wie die Briten den Luftkrieg nennen, 50000 Tonnen Bomben über der Insel ab. 202000 Häuser wurden zerstört, 4,5Millionen beschädigt.9 Es ist allgemein bekannt, wie übel die britischen Großstädte zugerichtet wurden, aber das wahre Ausmaß der Bombardements zeigt sich am Schicksal einiger kleinerer Städte. Angesichts der Ergebnisse ihrer brutalen Angriffe auf Coventry prägte die deutsche Luftwaffe ein neues Wort für die vollkommene Zerstörung: »coventrieren«. In dem Industriestädtchen Clydebank bei Glasgow blieben von 12000 Häusern nur 8 unbeschädigt.10

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals waren die Schäden nicht ganz so umfassend, aber sehr viel konzentrierter. Beispielsweise verschwand Caen praktisch von der Landkarte, als die Alliierten im Jahr 1944 in der Normandie landeten: Drei Viertel der Häuser wurden von alliierten Bomben ausgelöscht.11 Saint-Lô und Le Havre litten noch mehr: Dort wurden 77 beziehungsweise 82Prozent der Gebäude in Schutt und Asche gelegt.12 Bei der alliierten Landung in Südfrankreich wurden in Marseille mehr als 14000 Gebäude teilweise oder vollkommen zerstört.13 Aus behördlichen Aufzeichnungen über Entschädigungsansprüche und Kreditanträge für die Behebung von Kriegsverlusten geht hervor, dass in Frankreich im Krieg 460000 Gebäude zerstört und weitere 1,9Millionen beschädigt wurden.14

Je weiter man nach dem Krieg nach Osten reiste, desto schlimmere Verwüstungen bekam man zu Gesicht. In Budapest waren 84Prozent der Gebäude beschädigt, 30Prozent waren vollkommen unbewohnbar.15 Rund 80Prozent von Minsk waren zerstört: Von 332 großen Industriebetrieben in der weißrussischen Hauptstadt überstanden nur 19 den Krieg, und das nur, weil Pioniere der Roten Armee die von den Deutschen bei ihrem Rückzug hinterlassenen Minen rechtzeitig entschärfen konnten.16 Als sich die Russen 1941 aus Kiew zurückzogen, verminten sie die meisten öffentlichen Gebäude – die übrigen wurden zerstört, als die Rote Armee 1944 zurückkehrte. Um Charkiw im Osten der Ukraine wurden so viele Schlachten geführt, dass am Ende nur wenig blieb, um das man kämpfen konnte. Rostow am Don und Woronesch wurden nach Aussage eines britischen Journalisten zu »nahezu 100Prozent« zerstört.17 Man könnte die Liste noch lange fortsetzen. In der Sowjetunion wurden rund 1700 Städte und Ortschaften verwüstet; allein in der Ukraine waren es 714.18

Wer nach dem Krieg durch diese verwüstete Landschaft reiste, sah eine zerstörte Stadt nach der anderen. Die wenigsten dieser Reisenden versuchten je, das gesamte Ausmaß der Vernichtung zu beschreiben – stattdessen bemühten sie sich, die Schäden in jeder einzelnen besuchten Stadt zu verarbeiten. Stalingrad zum Beispiel bestand nur noch aus »Mauerresten, Hüllen halbzerstörter Gebäude, Schuttbergen und Kaminen, die aus der Ebene aufragten«.19 Sewastopol war ein »unbeschreiblich trauriger« Ort, wo »sogar in den Vororten… kaum noch ein Haus stand«.20 Im September 1945 beobachtete der amerikanische Diplomat George F. Kennan in der ehemals finnischen und mittlerweile russischen Stadt Wiborg, wie ein paar Strahlen der aufgehenden Sonne »auf die ausgebrannten Gerippe der Wohnblocks« trafen und sie »mit einem bleichen, kalten Glanz [überschütteten]«. Abgesehen von einer Ziege, die er in der Tür einer Ruine bemerkte, schien Kennan das einzige Lebewesen in der Stadt zu sein.21

Und im Herzen dieses wüsten Kontinents lag Deutschland, dessen Städte zweifellos die umfassendste Zerstörung erlebten. Rund 3,6Millionen deutsche Wohnungen wurden von den britischen und amerikanischen Luftstreitkräften zerstört – das war etwa ein Fünftel des gesamten Wohnraums.22 Gemessen an den absoluten Zahlen ging in Deutschland fast 18-mal mehr Wohnraum verloren als in Großbritannien.23 Und einzelne Städte erlitten überdurchschnittlich schwere Verluste. Aus den vom Statistischen Reichsamt erhobenen Zahlen geht hervor, dass in Berlin bis zu 50Prozent, in Hannover 51,6Prozent, in Hamburg 53,3Prozent, in Duisburg 64Prozent, in Dortmund 66Prozent und in Köln 70Prozent des Wohnraums verloren gingen.24

Die meisten alliierten Beobachter, die nach dem Krieg nach Deutschland entsandt wurden, hatten damit gerechnet, dort ähnliche Zerstörungen vorzufinden wie jene, die die deutschen Flächenbombardements in Großbritannien angerichtet hatten. Aber die Fotos und Beschreibungen der Verheerungen, die britische und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften nach Kriegsende zu veröffentlichen begannen, konnten diese Beobachter unmöglich auf den Anblick vorbereiten, der sie erwartete. Austin Robinson wurde direkt nach Kriegsende vom britischen Produktionsministerium nach Deutschland geschickt. Seine Beschreibung von Mainz verrät, wie schockiert er war:

Dieses Skelett, in dem ganze Häuserblocks eingeebnet waren, in großen Gebieten nur Mauern standen und ganze Fabriken fast vollkommen ausgeweidet waren, bot ein Bild, das mich mein Leben lang verfolgen wird. Man hatte es intellektuell gewusst, ohne es emotional oder menschlich zu fühlen.25

Ähnlich entsetzt war der britische Leutnant Philip Dark über den apokalyptischen Anblick, den Hamburg bei Kriegsende bot:

Wir bogen ins Zentrum ab und kamen in eine Stadt, die unvorstellbar verwüstet war. Es war mehr als schockierend. Soweit das Auge blickte, Quadratmeile auf Quadratmeile leerer Häuserschalen, in denen verbogene Stahlträger wie Vogelscheuchen emporragten, Heizkörper an einer noch stehenden Wand in der Luft hingen wie das gekreuzigte Skelett eines Pterodaktylus. Furchtbare, abscheuliche Formen von Kaminen sprossen aus dem Gerüst einer Wand. Über dem ganzen hing eine Atmosphäre zeitloser Stille. […] Solche Bilder kann niemand verstehen, der sie nicht gesehen hat.26

In vielen Beschreibungen deutscher Städte aus dem Jahr 1945 klingt schiere Verzweiflung durch. Dresden hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem »Florenz an der Elbe«, sondern wirkte eher wie eine »Mondlandschaft«, und die Planungsstäbe waren der Ansicht, es werde »mindestens 70Jahre« dauern, die Stadt wieder aufzubauen.27 München war derart verwüstet, dass »man sich kaum des Gedankens erwehren konnte, das letzte Gericht stehe unmittelbar bevor«28. Berlin war »vollkommen zerschlagen – nichts als Schutthaufen und Hausskelette«.29 Köln »lag in Trümmern, ohne Schönheit und Gestalt, einsam in völliger physischer Vernichtung«.30

Zwischen 18 und 20Millionen Deutsche verloren durch die Zerstörung ihrer Heimatstädte das Dach über dem Kopf – diese Zahl entspricht der gemeinsamen Bevölkerung der Beneluxstaaten vor dem Krieg.31 In der Ukraine waren 10Millionen Menschen obdachlos, das waren mehr als die Vorkriegsbevölkerung Ungarns.32 Diese Menschen hausten in Kellern, Ruinen, Erdlöchern oder wo sie sonst ein wenig Schutz vor der Witterung finden konnten. Millionen Menschen in ganz Europa fehlte es am Grundlegenden: Sie hatten kein fließend Wasser, keine Heizung, keinen Strom. Ein Beispiel: In ganz Warschau gab es nur noch zwei funktionierende Straßenlaternen.33 In Odessa gab es nur Wasser aus selbst gegrabenen Brunnen, weshalb sogar Würdenträger bei ihrer Visite der Stadt pro Tag nur eine Flasche Wasser für die Körperpflege erhielten.34 Da sie nicht einmal mit den grundlegenden Gütern versorgt wurden, führten die Bewohner der europäischen Städte, wie eine amerikanische Berichterstatterin schrieb, »ein mittelalterliches Leben inmitten einer zusammengebrochenen Maschinerie des 20.Jahrhunderts«.35

Zwar nahm die Verwüstung in den Städten besonders dramatische Formen an, aber die Menschen auf dem Land litten nicht weniger. Überall auf dem Kontinent wurden Bauernhöfe geplündert, niedergebrannt, überflutet oder einfach aufgegeben. Die süditalienischen Marschen, die Mussolini mit so großem Eifer trockengelegt hatte, wurden von den Deutschen bei ihrem Rückzug wieder überflutet – was dazu führte, dass die Malaria zurückkehrte.36 In den Niederlanden wurden 219000 Hektar Land ruiniert, als deutsche Truppen gezielt die Deiche öffneten und das Meerwasser einströmen ließen.37 Auch Orte fernab des Kriegsgeschehens blieben nicht verschont. In Lappland zerstörten die Deutschen bei ihrem Rückzug mehr als ein Drittel der Unterkünfte, um zu verhindern, dass die finnischen Truppen nach dem Wechsel auf die Seite der Alliierten Schutz vor der Winterkälte fanden.38 Aber auf diese Art wurden auch 80000 Menschen zu Flüchtlingen. Überall in Norwegen und Finnland wurden Straßen vermint, Telefonleitungen unterbrochen und Brücken gesprengt, was noch Jahre nach Kriegsende das Leben in diesen Ländern beeinträchtigte.

Erneut war die Zerstörung umso schlimmer, je weiter man nach Osten kam. Griechenland büßte unter deutscher Besatzung ein Drittel seiner Wälder ein, und mehr als tausend Dörfer wurden niedergebrannt und entvölkert.39 In Jugoslawien waren nach Angaben der Reparationskommission 24Prozent der Obstgärten, 38Prozent der Weingärten und etwa 60Prozent der Viehbestände verloren gegangen. Die Plünderung von Millionen Tonnen Getreide, Milch und Wolle machte den Ruin der jugoslawischen Landwirtschaft vollkommen.40 Noch schwerer getroffen wurde die Sowjetunion: Dort wurden sage und schreibe 70000 Dörfer samt ihrer Gemeinschaften und der gesamten ländlichen Infrastruktur ausgelöscht.41 Diese Schäden waren nicht einfach das Ergebnis der Kämpfe und gelegentlicher Plünderungen: Vielmehr wurden Land und Eigentum systematisch und gezielt zerstört. Beim geringsten Hinweis auf Widerstand wurden Bauernhöfe und Dörfer niedergebrannt. Entlang der Straßen schnitten die Besatzer breite Schneisen in die Wälder, um die Gefahr von Hinterhalten zu verringern.

Es gibt zahlreiche Beschreibungen der Unbarmherzigkeit, mit der Deutsche und Russen übereinander herfielen. Nicht weniger rücksichtslos verhielten sich beide Seiten bei der Verteidigung. Als die deutschen Armeen im Sommer 1941 in die Sowjetunion einmarschierten, wies Stalin die Bevölkerung in einer Radioansprache an, vor ihrer Flucht möglichst viel vor den Invasoren in Sicherheit zu bringen: »Alles wertvolle Gut, darunter Buntmetalle, Getreide und Treibstoff, das nicht weggeschafft werden kann, muß unbedingt vernichtet werden. In den vom Feind besetzten Gebieten müssen Partisanenabteilungen […] gebildet werden, sowie Diversionsgruppen […] zur Niederbrennung der Wälder, Depots und Transporte.«42

Als sich das Blatt wendete, gab Hitler seinerseits den Befehl, es dürfe nichts für die Sowjets zurückgelassen werden. »Der Feind wird bei seinem Rückzug uns nur eine verbrannte Erde zurücklassen und jede Rücksichtnahme auf die Bevölkerung fallenlassen«, erklärte er im Jahr 1945 im »Nerobefehl«. »Ich befehle daher: 1.Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.«43 Als die Lage der deutschen Truppen aussichtslos wurde, wies Himmler die SS-Führung an, alles zu zerstören: »Ich beauftrage Sie, mit allen Kräften mitzuwirken, daß […] kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleiben… Der Gegner muß wirklich ein total verbranntes und zerstörtes Land vorfinden.«44

Derartige Befehle hatten zur Folge, dass ein großer Teil der landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Ukraine und Weißrussland nicht einmal, sondern zweimal angezündet wurden – und mit den Feldern gingen ungezählte Dörfer und Höfe in Flammen auf, in denen der Feind Zuflucht hätte finden können. Und natürlich zählten die Industrieanlagen zu den ersten Dingen, die zerstört wurden. So wurden in Ungarn 500 große Fabriken demontiert und nach Deutschland gebracht – mehr als 90Prozent der verbleibenden Industrieanlagen wurden gezielt beschädigt oder zerstört –, und fast alle Kohlengruben wurden geflutet oder zum Einsturz gebracht.45 In der Sowjetunion wurden rund 32000 Fabriken zerstört.46 In Jugoslawien schätzte die Reparationskommission, dass das Land Industrieanlagen im Wert von mehr als 9,14 Milliarden Dollar verloren hatte, das heißt ein Drittel seiner industriellen Kapazitäten.47

Die vielleicht schwersten Schäden erlitt die Verkehrsinfrastruktur des Kontinents. In Holland beispielsweise wurden 60Prozent der Straßen, Bahnlinien und Kanäle zerstört. In Italien war ein Drittel des Straßennetzes unbrauchbar, und 13000 Brücken waren beschädigt oder eingestürzt. Frankreich und Jugoslawien verloren je 77Prozent ihrer Lokomotiven und einen ähnlich großen Teil ihrer Waggons. In Polen wurden ein Fünftel der Straßen, ein Drittel des Eisenbahnnetzes (insgesamt etwa 16000Kilometer), 85Prozent des gesamten rollenden Inventars und 100Prozent der zivilen Flugzeuge zerstört. Norwegen verlor die Hälfte der Ladekapazität seiner Handelsflotte, und in Griechenland lagen die Verluste an Schiffen zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln. Bei Kriegsende gab es nur eine einzige vollkommen zuverlässige Fortbewegungsart: zu Fuß.48

Die Verwüstung Europas ging über den Verlust seiner Bauten und seiner Infrastruktur hinaus. Sie ging sogar über die Auslöschung von Jahrhunderten an Kultur und Architektur hinaus. Das wirklich Verstörende an den Ruinen war, was sie symbolisierten. Die Schuttberge waren, wie es ein britischer Soldat ausdrückte, »ein Monument für die menschliche Fähigkeit zur Selbstzerstörung«.49 Die Trümmer erinnerten hunderte Millionen Menschen jeden Tag an die Verwerflichkeit, die den Kontinent erfasst hatte. Diese Verwerflichkeit konnte jederzeit wieder zum Vorschein kommen.

Primo Levi, der Auschwitz überlebt hatte, bezeichnete die von den Deutschen hinterlassene totale Zerstörung als geradezu übernatürlich. Angesichts der Trümmer eines Armeestützpunkts in Slutsk bei Minsk erklärte er, hier sei wie in Auschwitz »das Genie der Zerstörung, der Antischöpfung […] am Werk gewesen: die Mystik des Leeren, über jedes Erfordernis des Krieges, jegliche Beutelust hinaus«.50 Die von den Alliierten angerichteten Zerstörungen waren fast genauso schlimm: Als Levi die Ruinen Wiens sah, empfand er »einen umfassenderen Schmerz, der sich mit unserem eigenen Elend und dem drohend lastenden Gefühl eines unheilbaren und endgültigen Übels verband, das, überall gegenwärtig, sich wie ein Wundbrand in die Eingeweide Europas und der Welt gefressen hatte, Same künftigen Unheils.«51

Diese Grundströmung der »Anti-Schöpfung« und des »endgültigen Bösen« machte die zerstörten europäischen Städte und Ortschaften zu einem beklemmenden Anblick. Obwohl es nie offen ausgesprochen wurde, geht aus sämtlichen zeitgenössischen Schilderungen hervor, dass sich hinter der materiellen Verwüstung etwas sehr viel Schlimmeres verbarg. Die »Skelette« der Häuser und die gerahmten Bilder, die in Warschau aus dem Schutt hervorragten, haben hohen Symbolwert: Die Ruinen hatten sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn eine menschliche und moralische Katastrophe unter sich begraben.

2ABWESENHEIT

DER BLUTZOLL Die materielle Zerstörung Europas ist kaum nachzuvollziehen. Doch wirklich unbegreiflich ist das Ausmaß der menschlichen Verluste. Keine Beschreibung der Opferzahlen kann der menschlichen Katastrophe gerecht werden. Der Schriftsteller Hans Erich Nossack versuchte, die Auswirkungen des Hamburger Feuersturms im Jahr 1943 zu beschreiben: »Ach, während ich in der Erinnerung diese Straße nach Hamburg hinein wieder fahre, treibt es mich, anzuhalten und abzubrechen. Wozu? Ich meine: Wozu dies alles niederschreiben? Wäre es nicht besser, es für alle Zeiten der Vergessenheit preiszugeben?«1 Doch wie Nossack erkannte, haben Augenzeugen und Historiker die Pflicht, solche Ereignisse aufzuzeichnen, selbst wenn ihre Versuche, dem Geschehenen einen Sinn abzugewinnen, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind.

Bei der Beschreibung derart gewaltiger Katastrophen ist der Historiker stets hin- und hergerissen zwischen widersprüchlichen Impulsen. Einerseits kann er einfach die Statistiken vorlegen und es dem Leser überlassen, sich die Bedeutung dieser Zahlen auszumalen. Nach dem Krieg sammelten die Verwaltungen und Hilfsagenturen Zahlen zu praktisch jedem Aspekt des Konflikts – von der Zahl der getöteten Soldaten und Zivilisten bis hin zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Bombardements auf bestimmte Industrien. Überall in Europa wollten die Behörden messen, schätzen, quantifizieren – Nossack hatte den Eindruck, man habe versucht, »die Toten durch Zahlen zu bannen.«2

Auf der anderen Seite ist der Historiker versucht, die Zahlen vollkommen außer Acht zu lassen. Stattdessen kann er sich darauf beschränken, festzuhalten, wie die Menschen diese schrecklichen Ereignisse erlebten. Zum Beispiel war die deutsche Bevölkerung nach dem Hamburger Feuersturm weniger über die Zahl von 40000 Toten selbst aufgebracht: Viel größer war das Entsetzen darüber, wie diese Menschen umgekommen waren. Die Berichte über das Inferno, über einen Feuersturm von Orkanstärke und den Funkenhagel, der Haare und Kleidung der Menschen in Brand setzte – derartige Schilderungen fesseln die Vorstellungskraft sehr viel mehr als die nackten Zahlen. Außerdem verstanden die Menschen schon zu jener Zeit instinktiv, dass sie den Statistiken nicht trauen konnten. Ungezählte Leichen lagen unter Bergen von Trümmern begraben, die ungeheure Hitze hatte manche Körper miteinander verschmolzen, andere waren zu Asche zerfallen. Es war unmöglich, die Zahl der Toten auch nur annähernd genau zu ermitteln.

Gleichgültig, welchen Zugang wir wählen, wir werden lediglich eine leise Ahnung davon erhalten, was eine solche Katastrophe tatsächlich bedeutet. Die herkömmliche Geschichtsschreibung verfügt einfach nicht über geeignete Mittel, um zu beschreiben, was Nossack als »das Fremde«, als das »eigentlich Nicht-Mögliche« bezeichnete.3

In mancher Hinsicht war der Hamburger Feuersturm ein Mikrokosmos dessen, was im Zweiten Weltkrieg in Europa geschah. Wie das übrige Europa wurde die Stadt durch das Bombardement in eine Ruinenlandschaft verwandelt – und doch gab es Stadtteile, die nach dem Angriff wie durch ein Wunder heiter und unberührt dalagen. Wie in anderen Teilen des Kontinents waren ganze Vororte kurz vor dem Feuersturm evakuiert worden und blieben jahrelang praktisch verwaist. Wie anderswo gehörten die Opfer verschiedensten Nationalitäten und gesellschaftlichen Gruppen an.

In anderer Hinsicht ist das Schicksal dieser Stadt nicht mit dem des übrigen Kontinents vergleichbar. So grauenhaft der Hamburger Feuersturm war, tötete er doch weniger als 3Prozent der Bevölkerung. Die gesamteuropäische Opferrate war mehr als doppelt so hoch. Die Zahl der Europäer, die direkt dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen, ist unbegreiflich: Es starben zwischen 35 und 40Millionen Menschen.4 Diese Zahl entspricht etwa der Vorkriegsbevölkerung Polens (35Millionen) oder Frankreichs (42Millionen).5 Anders ausgedrückt, verloren so viele Menschen das Leben, als wäre der Hamburger Feuersturm tausend Nächte lang wiederholt worden.

Hinter der ungeheuerlichen Gesamtzahl verbergen sich gewaltige Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Beispielsweise war der Verlust an Menschenleben in Großbritannien, so furchtbar er auch war, vergleichsweise gering. Im Zweiten Weltkrieg starben etwa 300000 Briten – das war etwa ein Drittel des Verlusts im Ersten Weltkrieg.6 Frankreich verlor mehr als eine halbe Million Menschen, die Niederlande etwa 210000, Belgien 86000 und Italien fast 310000.7 Deutschland hingegen verlor fast 4,5Millionen Soldaten und weitere 1,5Millionen Zivilisten. Die Zahl der deutschen Zivilisten, die den alliierten Bombenangriffen zum Opfer fielen, war etwa genauso hoch wie die Gesamtzahl der britischen, belgischen und niederländischen Zivilisten und Soldaten, die im Krieg starben.8

Wiederum waren die Verluste um so schwerer, je weiter man nach Osten kam. Griechenland zählte rund 410000 Kriegstote, eine Zahl, die nicht deutlich höher scheint als die anderer bereits erwähnter Länder – bis man sich vor Augen hält, dass dieses Land vor dem Krieg nur rund 7Millionen Einwohner hatte. Der Krieg tötete also 6Prozent der Griechen.9 Auch in Ungarn entsprach die Zahl von 450000 Kriegstoten fast 5Prozent der Bevölkerung.10 In Jugoslawien wurden etwas mehr als eine Millionen Menschen getötet, das heißt 6,3Prozent der Bevölkerung.11 In Estland, Lettland und Litauen lag der Blutzoll vermutlich zwischen 8 und 9Prozent.12 Als Nation erlitt Polen den verhältnismäßig höchsten Verlust an Einwohnern: Mehr als 6Millionen Polen wurden getötet, das war mehr als ein Sechstel der Einwohner.13

In absoluten Zahlen verlor die Sowjetunion am meisten Menschen, nämlich rund 27Millionen.14 Hinter dieser unvorstellbaren Opferzahl verbergen sich einmal mehr gewaltige regionale Unterschiede. Beispielsweise gibt es keine verlässlichen Zahlen für Weißrussland und die Ukraine, die zu jener Zeit international nicht als eigene Länder betrachtet wurden. Die Zahl der ukrainischen Kriegstoten wird zumeist auf 7 bis 8Millionen geschätzt. Wenn diese Schätzung richtig ist, überlebte jeder fünfte Ukrainer den Krieg nicht.15 Die weißrussische Opferzahl gilt als die höchste überhaupt: In diesem Land wurde ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht.16

Genau wie damals kann man auch heute unmöglich nachvollziehen, was solche Statistiken in der Praxis bedeuteten. Jeder Versuch, diese Zahlen zum Leben zu erwecken, ist zum Scheitern verurteilt. Man könnte es folgendermaßen versuchen: Diese Opferzahlen bedeuten, dass während sechs langen Jahren alle fünf Sekunden ein Mensch getötet wurde. Aber es ist unmöglich, sich vorzustellen, was das bedeutet. Selbst jene, die den Krieg erlebten, Zeugen von Massakern wurden, mit Leichen übersäte Felder oder mit Körpern gefüllte Massengräber sahen, können das wahre Ausmaß der Massentötung, die in Europa stattfand, nicht begreifen.

Die vielleicht einzige Möglichkeit, sich einem Verständnis des Geschehenen anzunähern, besteht darin, den Versuch aufzugeben, sich Europa als einen von Toten bewohnten Ort vorzustellen, und es stattdessen als ein weites Land zu betrachten, in dem man überall Abwesenheit spürt. Fast jeder Mensch, der den Krieg überlebte, hatte Freunde oder Verwandte verloren. Ganze Dörfer und Ortschaften, ja sogar ganze Städte waren ausradiert worden – und mit ihnen war ihre Bevölkerung verschwunden. Weite Gebiete Europas, die vor dem Krieg die Heimat blühender Gemeinschaften voller Leben gewesen waren, waren nun fast menschenleer. Nicht die Gegenwart des Todes prägte die Atmosphäre im Nachkriegseuropa, sondern die Abwesenheit jener, die einst die Wohnzimmer, Läden, Straßen und Märkte des Kontinents bevölkert hatten.

Aus der Ferne des 21.Jahrhunderts neigen wir dazu, das Kriegsende als Zeit des Jubels zu betrachten. Wir kennen die Bilder der heimkehrenden Matrosen, die auf dem New Yorker Times Square junge Frauen küssen, und der lächelnden Soldaten aus verschiedenen Ländern, die mit eingehakten Armen auf den Champs-Elysées stehen. Das Ende des Kriegs wurde durchaus gefeiert, aber im Allgemeinen war Europa ein Ort der Trauer. Die Menschen litten individuell und als Gemeinschaften unter dem Gefühl des Verlusts. So wie von den Städten und Ortschaften des Kontinents nur Ruinenlandschaften übrig geblieben waren, klafften in Familien und Gemeinden Löcher.

DAS VERSCHWINDEN DER JUDEN Manche Abwesenheit machte sich besonders deutlich bemerkbar. Die größte Lücke hatten die Juden hinterlassen, vor allem in Osteuropa. In einem Interview für das Oral-History-Projekt des Imperial War Museums in London hat Edith Baneth, eine jüdische Überlebende aus der Tschechoslowakei, beschrieben, wie diese Abwesenheit auf persönlicher Ebene noch heute zu spüren ist:

Wenn wir an die Familien denken, die wir alle verloren haben, ist das nie wieder gutzumachen. Sie können nicht ersetzt werden – die zweite und die dritte Generation spüren das noch. Bei Hochzeiten und Bar-Mizwa-Feiern kommen bei anderen Familien vielleicht 50 oder 60Verwandte. Als mein Sohn seine Bar-Mizwa und seine Hochzeit feierte, kam kein einziger Angehöriger – so spüren die zweite und dritte Generation den Holocaust. Es fehlt ihnen die Familie. Mein Sohn kennt kein Familienleben, er weiß nicht, wie es ist, Onkel, Tanten, Großmütter, Großväter zu haben. Da ist nur dieses Loch.17

Während die meisten Menschen im Jahr 1945 die Angehörigen und Freunde zählten, die sie im Krieg verloren hatten, zählten die jüdischen Überlebenden jene, die übrig geblieben waren. Manchmal gab es niemanden mehr. Im Gedenkbuch für die Juden Berlins werden die Todestage ganzer Großfamilien nebeneinander aufgelistet, von Kleinkindern bis zu ihren Urgroßeltern. Die Abrahams füllen sechs, die Hirschs elf, die Levys zwölf und die Wolffs dreizehn Seiten.18 Ähnliche Bücher könnte man für jede der jüdischen Gemeinden anlegen, die einst überall in Europa existierten. Victor Breitburg zum Beispiel verlor im Jahr 1944 seine gesamte Familie in Polen. »Ich überlebte als einziges von 54Familienmitgliedern. Ich ging zurück nach Łódź, um nach Angehörigen zu suchen. Es gab keine mehr.«19

Werden alle Verluste zusammengerechnet, so verschluckte das »Loch«, von dem Edith Baneth spricht, nicht nur ganze Familien, sondern ganze Gemeinden. In Polen und der Ukraine gab es Dutzende große Städte, in denen die Juden bis zum Krieg einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung stellten. Zum Beispiel hatte das in der Zwischenkriegszeit polnische Wilno, das heute als Vilnius (Wilna) wieder die Hauptstadt Litauens ist, vor dem Krieg eine jüdische Bevölkerung von 60000 bis 70000 Menschen. Mitte 1945 waren nur noch etwa 10Prozent von ihnen am Leben.20 Die Juden stellten auch etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus – 393905 Menschen –, aber als die Rote Armee im Januar 1945 die Weichsel überschritt, fand sie nur noch 200 jüdische Überlebende in der Stadt. Auch nachdem bis Ende 1945 kleine Gruppen von Überlebenden heimgekehrt waren, waren es nicht mehr als 5000 Warschauer Juden.21

Den jüdischen Gemeinden auf dem Land erging es nicht besser. In der weitläufigen ländlichen Umgebung von Minsk schmolz der jüdische Bevölkerungsanteil im Krieg von etwa 13 auf 0,6Prozent zusammen.22 Im rückständigen ländlichen Wolhynien töteten die Deutschen und die mit ihnen verbündeten örtlichen Milizen 98,5Prozent der jüdischen Bewohner.23 Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg mindestens 5750000 Juden getötet; dies war der schlimmste systematische Völkermord in der Menschheitsgeschichte.24

Einmal mehr sagen uns die Statistiken wenig, bis wir beginnen, darüber nachzudenken, was diese Verluste tatsächlich für die Menschen bedeuteten. Alicia Adams, eine Überlebende aus dem polnischen Drohobycz, beschreibt ihre Erlebnisse mit schockierend klaren Worten:

Nicht nur meine Eltern, Onkel, Tanten und mein Bruder, sondern alle meine Kindheitsfreunde und sämtliche Menschen, die ich als Kind kannte – die ganze Bevölkerung von Drohobycz, etwa 30000 Menschen, wurde ausgelöscht. Sie wurden alle erschossen. Es wurden nicht nur meine engsten Angehörigen getötet, ich sah alle Einwohner sterben. Ich sah jeden Tag, wie jemand getötet wurde – das gehörte zu meiner Kindheit.25

Für jene, die fliehen konnten oder in einem Versteck überlebten, war die Rückkehr in die leeren und verlassenen jüdischen Viertel Osteuropas eine niederschmetternde Erfahrung. Der berühmte sowjetische Schriftsteller Wassili Grossman war in der Ukraine aufgewachsen, lebte zur Zeit der deutschen Invasion jedoch in Moskau. Als er Ende 1943 als Kriegsberichterstatter in seine Heimat zurückkehrte, musste er feststellen, dass all seine Verwandten und Freunde ermordet worden waren. Er war einer der ersten, die beschrieben, was bald als Holocaust bekannt wurde:

Es gibt keine Juden in der Ukraine. Nirgendwo. Nicht in Poltawa, Charkiw, Krementschuk, Borispol, Jagotin – in keiner der Städte, in keiner von hunderten Ortschaften oder tausenden Dörfern wird man die schwarzen, mit Tränen gefüllten Augen kleiner Mädchen sehen. Man wird keine gequälte Stimme einer alten Frau hören. Man wird kein düsteres Gesicht eines hungrigen Babys sehen. Es herrscht Schweigen. Alles ist still. Ein ganzes Volk ist brutal ermordet worden.26

Mit der Auslöschung eines ganzen Volks in weiten Teilen Europas ging auch eine einzigartige Kultur verloren, die im Lauf von Jahrhunderten gewachsen war.

Ausgelöscht wurde eine große, uralte Berufserfahrung, die in tausenden Handwerkerfamilien von einer Generation an die andere weitergegeben worden war, und ausgelöscht wurden Angehörige der Intelligenz. Ausgelöscht wurden alltägliche Traditionen, die von den Großvätern an die Enkel weitergeben worden waren, ausgelöscht wurden Erinnerungen, Trauergesänge, Volksdichtung, Freude und Bitternis des Lebens. Es wurden Heime und Friedhöfe zerstört. Dies war der Tod einer Nation, die hunderte Jahre Seite an Seite mit den Ukrainern gelebt hatte…27

Die Juden waren eine der wenigen Gruppen, die annähernd verstanden, was für ein gewaltiges Unheil im Zweiten Weltkrieg über Europa hereinbrach. Sie wurden ausgesondert und zusammengetrieben, was ihnen die Augen für das ungeheure Ausmaß des Schreckens öffnete. Sie sahen, dass die Massentötungen nicht auf einzelne Orte beschränkt waren, sondern überall auf dem Kontinent stattfanden. Selbst den Kindern war das klar. Die elfjährige Ukrainerin Celina Lieberman zum Beispiel versuchte, an ihrer jüdischen Identität festzuhalten, obwohl sie im Jahr 1942 in die Obhut eines christlichen Paars gegeben worden war. Jede Nacht bat sie Gott um Verzeihung dafür, dass sie ihre neuen Eltern in die Kirche begleitete, denn sie war fest davon überzeugt, die letzte überlebende Jüdin zu sein.28

Doch selbst inmitten all dieser Verzweiflung gab es Funken der Hoffnung. Celina Lieberman war nicht die letzte überlebende Jüdin. Als der Krieg endete, kamen aus den unglaublichsten Verstecken Juden hervor. Tausende hatten in den Wäldern und Sümpfen Litauens, Polens und Weißrusslands überlebt. Tausende andere hatten den Krieg in Kellern und Dachgeschossen hilfsbereiter Nichtjuden überstanden. Selbst im zerstörten Warschau tauchten aus den Ruinen kleine Gruppen von Juden auf, die nun wie der biblische Noah am Ufer einer anderen Welt landeten, nachdem sie die Sintflut des Holocaust in Abwasserkanälen, Tunneln und selbstgebauten Bunkern überlebt hatten – auf ihren persönlichen Archen. Das vielleicht größte Wunder war, dass sogar Juden lebend aus den europäischen Konzentrationslagern kamen – obwohl diese Menschen selbst das nicht immer als Wunder empfanden. Obwohl das NS-Regime alles getan hatte, um sie durch Hunger und Zwangsarbeit zu töten, wurden rund 300000 jüdische KZ-Insassen im Jahr 1945 von den alliierten Truppen befreit. Alles in allem entgingen rund 1,6Millionen europäische Juden dem Tod.29

Einige wenige Staaten trotzten dem Druck Hitler-Deutschlands und verhielten sich anständig gegenüber ihren jüdischen Bürgern. Dänemark zum Beispiel erließ keine antijüdischen Gesetze, enteignete seine jüdischen Bürger nicht und entfernte Juden nicht aus der öffentlichen Verwaltung. Als sich in der Bevölkerung herumsprach, dass die SS vorhatte, die 7200 dänischen Juden zu deportieren, taten sich die Menschen zusammen und organisierten die heimliche Evakuierung fast der gesamten jüdischen Gemeinde nach Schweden.30 Auch die Italiener widersetzten sich den Versuchen zur Deportation der Juden, und zwar nicht nur in Italien selbst, sondern auch in den Kolonien des Landes.31 Als die SS die Deportation der 49000 bulgarischen Juden verlangte, leisteten der König, das Parlament, die Kirche, die Intellektuellen und die Bauernschaft Widerstand. Es gab sogar Berichte darüber, dass sich bulgarische Bauern auf die Eisenbahngleise legten, um den Abtransport der Juden in Zügen zu verhindern. Die Folge war, dass Bulgarien das einzige europäische Land war, dessen jüdische Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg sogar wuchs.32

Schließlich gibt es einige verblüffende Beispiele für Personen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um jüdische Mitmenschen zu retten. Einige dieser Personen, darunter der deutsche Industrielle Oskar Schindler, sind der breiten Öffentlichkeit bekannt, aber der israelische Staat hat sich seit 1953 bei mehr als 21700 weiteren Menschen dafür bedankt, dass sie Juden retteten.33 Einige dieser Personen gewährten Juden Schutz, obwohl sie selbst tief verwurzelte Vorurteile gegen diese Glaubensgemeinschaft hegten. Zum Beispiel gestand ein niederländischer Geistlicher seine tiefempfundene Abneigung gegen die Juden, die er für »unerträglich« hielt. Er war der Meinung, sie seien »ganz anders als wir, eine andere Art von Menschen, was typisch für eine andere Rasse ist«. Dennoch verhalf er Juden zur Flucht und riskierte damit, verhaftet und selbst in ein Konzentrationslager geschickt zu werden. Ungewöhnliche Beispiele wie diese gaben während und nach dem Krieg nicht nur den Juden, sondern allen Menschen in Europa Hoffnung.34

WEITERE HOLOCAUSTS Die Vernichtung der Juden war der auffälligste Genozid, der den ganzen Kontinent erfasste, aber es gab weitere verheerende Ausrottungskampagnen, denen ganze Volksgruppen zum Opfer fielen. In Kroatien ermordete das Ustascha-Regime im Bemühen um eine ethnische Säuberung des Landes 592000 Serben, Muslime und Juden.35 In Wolhynien töteten ukrainische Nationalisten nach der Ausrottung der Juden zehntausende Polen. Die Bulgaren verübten in den von ihnen eroberten Gebieten nördlich der Ägäis Massaker an den griechischen Einwohnern, und dasselbe taten die Ungarn den Serben in der Woiwodina im Norden Jugoslawiens an.

In weiten Teilen Europas wurden unerwünschte ethnische Gruppen einfach aus ihren Heimatstädten und Dörfern vertrieben. Das geschah zu Kriegsbeginn überall in Zentral- und Osteuropa, als sich die alten Mächte die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete wieder einverleibten. Aber kein Exodus einer ethnischen Gruppe war so dramatisch wie jener von mehreren Millionen Deutschen, die im Jahr 1945 vor der anrückenden Roten Armee aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern flüchteten und leere Landstriche und Geisterstädte zurückließen. Als diese Teile Ostdeutschlands nach dem Krieg an Polen fielen, beschrieben die eintreffenden Polen eine unheimliche Abwesenheit von Leben in den vollkommen normalen Straßen. In manchen Häusern stand noch das Essen auf den Tischen, das die Bewohner bei ihrer überhasteten Flucht zurückgelassen hatten. »Alles war leer«, erinnert sich Zbigniew Ogrodzinski, einer der ersten Beamten der neuen polnischen Verwaltung, die im Frühjahr 1945 in der deutschen Stadt Stettin eingesetzt wurde. »Man ging in Häuser hinein, und alles war da – die Bücher in den Regalen, die Möbel, alles. Aber es waren keine Deutschen mehr da.«36

In einigen ländlichen Gebieten Ostdeutschlands schien das Leben vollkommen abwesend. Im Sommer 1945 beschrieb ein britischer Major, wie er auf dem Weg zu einem Treffen mit einem russischen Offizier, mit dem er über den Austausch von Gütern verhandeln sollte, durch Mecklenburg reiste:

Die Straße verlief auf den ersten Kilometern durch den Wald bei Raben Steinfeld und anschließend durch gutes Ackerland, bis wir in Crivitz eintrafen. Diese Reise war gespenstisch. Die einzigen Menschen, die wir sahen, waren Rotarmisten und Wachposten. Die Höfe waren verlassen, die Ställe standen leer, es gab keine Rinder oder Pferde, kein Geflügel. Es war ein totes Land. Ich kann mich nicht erinnern, auf der 18Kilometer langen Reise nach Crivitz irgendetwas Lebendes gesehen zu haben (mit Ausnahme von einigen sowjetischen Soldaten). Ich hörte keinen Vogel zwitschern und sah keine Wildtiere.37

Im Zeitraum von nur sechs Jahren hatte sich die demographische Gestalt Europas unwiederbringlich verändert. Die Bevölkerungsdichte Polens sank um 27Prozent, und einige Gebiete im Osten des Landes waren fast unbewohnt.38Früher ethnisch gemischte Länder waren so umfassend »gesäubert« worden, dass sie tatsächlich nur noch eine einzige ethnische Gruppe beherbergten.39 Zur Abwesenheit der Menschen kamen die Abwesenheit von Gemeinschaft und die Abwesenheit von Vielfalt: Weite Teile Europas waren vollkommen homogen geworden. Und diese Homogenisierung sollte sich in den ersten Monaten nach dem Krieg noch beschleunigen.

Nach Massakern, denen ganze Gemeinden zum Opfer fielen, blieben Landschaften zurück, die in den Augen Fremder gespenstisch wirkten, aber noch verstörender war diese Welt für die Wenigen, die inmitten dieser Leere zurückblieben. Die Überlebenden des Massakers in Oradour-sur-Glane im Limousin zum Beispiel wurden nie wirklich mit dem fertig, was ihnen damals widerfuhr: Im Sommer 1944 trieben SS-Einheiten zur Vergeltung für den wachsenden französischen Widerstand in der Region sämtliche männlichen Einwohner der Ortschaft zusammen und erschossen sie. Die Frauen und Kinder sperrten sie in die Kirche ein, die anschließend angezündet wurde. Nach dem Krieg beschlossen die Behörden, den Ort nicht wieder aufzubauen, sondern in der Nähe eine neue Siedlung zu errichten: Oradour sollte im selben Zustand wie am Tag des Massakers erhalten bleiben. Es ist heute eine Gedenkstätte – und eine Geisterstadt.40

Ähnlich brutale Massaker fanden in ungezählten Gemeinden in ganz Europa statt. Das vielleicht ruchloseste Massaker überhaupt war das im tschechischen Lidice, wo die gesamte männliche Bevölkerung erschossen wurde, um den Mord an Reinhard Heydrich, dem stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, zu rächen. Die Kinder wurden ins Konzentrationslager Kulmhof gebracht und vergast, die Frauen als Zwangsarbeiterinnen nach Ravensbrück verschleppt. Der Ort wurde niedergebrannt und eingeebnet; anschließend wurde der Schutt abtransportiert, damit die Vegetation die Reste der Gebäude überwuchern konnte. Mit diesem Massaker sollte nicht nur die Bevölkerung für den Widerstand gegen die deutschen Besatzer bestraft werden: Die Gemeinde sollte vollkommen ausgelöscht werden, so als hätte es sie nie gegeben. Das NS-Regime benutzte die systematische Zerstörung der Ortschaft anschließend als Warnung für jeden Ort, der den Widerstand unterstützte.41

Die psychologische Wirkung einer solchen Vernichtung von Gemeinschaften darf nicht unterschätzt werden. Nach der Befreiung der Konzentrationslager im Jahr 1945 kehrten die überlebenden Bewohnerinnen von Lidice in ihren Heimatort zurück. Sie erfuhren erst, was mit ihrer Gemeinde geschehen war, als sie an der Grenze tschechischen Soldaten begegneten. Eine der Frauen, Miloslava Kalibová, beschrieb später ihre Reaktion:

Die Soldaten standen mit gesenkten Köpfen da, viele hatten Tränen in den Augen. Wir sagten »Oh nein! Sagt uns nicht, dass es noch schlimmer kommt…« Einer der Soldaten sagte mir, dass drei Jahre früher alle Männer erschossen worden waren… Sie hatten kleine Jungen getötet. Sie hatten alle Männer einfach so getötet… Das Schlimmste war, dass sie die Kinder vergast hatten. Es war ein unerträglicher Schock.42

Als sie ihren Heimatort erreichte, fand sie »nur eine leere Ebene« vor. Das Dorf existierte nur noch in ihrer Erinnerung und in der Erinnerung der anderen Überlebenden.43

Solche Erfahrungen waren auf lokaler Ebene ebenso verheerend wie der Holocaust. Die Zerstörung von Kleinstädten und Dörfern war nicht nur für die überlebenden Einwohner dieser Orte, sondern für das ganze Umland und in letzter Konsequenz für den ganzen Kontinent ein Aderlass, denn er wurde, um es mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen, einer »Fracht an Erinnerungen« beraubt.44 Das Leben von Lidice und tausender anderer Dörfer wurde wie ein Lichtschalter abgedreht.

WITWEN UND WAISEN Die Massentötungen rissen nicht nur klaffende »Löcher« in das Geflecht der europäischen Gesellschaft. Es gab auch noch andere, unterschwellige Formen der demographischen Abwesenheit: Es war, als hätte man einen einzelnen Faden aus einem Teppich gezogen. Besonders auffällig und fast überall spürbar war die Abwesenheit der Männer. Am Tag der deutschen Kapitulation aufgenommene Fotos aus der britischen Provinz zeigen Straßen, auf denen Frauen und Kinder das Kriegsende feiern: Sieht man von alten Männern oder einzelnen Soldaten im Fronturlaub ab, so findet man auf diesen Aufnahmen praktisch keine Männer. Die Fotos zeigen lächelnde Menschen, die wissen, dass die Abwesenheit ihrer Männer nicht von Dauer sein wird. In anderen Teilen Europas gab es diese Gewissheit nicht. Die meisten deutschen Soldaten und jene der Achsenmächte wurden bei Kriegsende interniert, und viele von ihnen sollten erst Jahre später heimkehren. Ein britischer Major schrieb nach dem Krieg: »Wir reisten tausende Kilometer durch Deutschland, und nichts fiel uns mehr auf als das völlige Fehlen von Männern im Alter zwischen 17 und 40Jahren. Es war ein Land von Frauen, Kindern und alten Männern.«45

In vielen anderen Teilen Europas waren ganze Generationen junger Frauen zur Ehelosigkeit verurteilt, weil die meisten jungen Männer tot waren. In der Sowjetunion zum Beispiel überstieg die Zahl der Frauen jene der Männer bei Kriegsende um 13Millionen. Besonders schwer wog der Verlust der Männer auf dem Land, wo 80