Der Wille zur Gesellschaft - Barbara Sutter - E-Book

Der Wille zur Gesellschaft E-Book

Barbara Sutter

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Beschreibung

Die Rückkehr des Bürgers ist vielfach beschworen worden – in der politischen Theorie wie in der politischen Praxis gleichermaßen. In den Massenmedien hatte er seinen großen Auftritt als Mut- und Wutbürger; im Kontext Bürgerschaftlichen Engagements hingegen kommt er unscheinbarer in der Gestalt eines aktiven, (selbst-)verantwortlichen und leistungsbereiten Individuums daher, das zugleich gemeinwohlorientiert motiviert und an sich interessiert ist. Vor diesem Hintergrund untersucht Barbara Sutter, wie unter dem Signum Bürgerschaftlichen Engagements das Soziale Gegenstand von Politisierung, Ökonomisierung und Moralisierung wird und sich damit tiefgreifend ändert: Nicht mehr bloße Mitgliedschaft qua Bürgerrechte gilt als sein Fundament, sondern die Bereitschaft zu seiner Mitgestaltung qua Engagement wird zum zentralen Konstituens. Mithilfe diskursanalytischer Detailstudien zeigt sie, wie sich im Rahmen eines 'neuen Gesellschaftsvertrags' ein Wille zur Gesellschaft als Grundlage von Gesellschaftlichkeit plausibel macht, der die Idee des Sozialen, wie sie ehedem für den Aufstieg der Soziologie als neuer wissenschaftlicher Disziplin entscheidend gewesen ist, konterkariert. Dass das für das Fach nicht ohne Folgen bleiben kann, bietet Anlass für weiterführende Überlegungen hinsichtlich einer Wissenschaftssoziologie der Soziologie.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vorbemerkung

Die diesem Text zugrundeliegende Arbeit lag der Universität Basel als Dissertation vor und ist im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts Kontrolle und Verantwortung. Untersuchungen zur Natur und Kultur des Wollens entstanden, das von der VW-Stiftung im Förderprogramm „Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“ finanziert wurde. Eine weitere Phase der Fertigstellung des Manuskripts wurde durch die Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel unterstützt. Beiden Stiftungen bin ich zu Dank verpflichtet.

Ganz besonders möchte ich Sabine Maasen danken, die diese Arbeit betreut hat – als eine Art Sparringspartnerin mit stets offenem Visier hat sie mich dabei immer wieder herausgefordert, ermuntert und ermutigt.

Darüber hinaus konnte ich als Teil des Programms Wissenschaftsforschung der Universität Basel von einer Arbeitsgruppe profitieren, in der es sich trotz oder gerade wegen doch oftmals ganz unterschiedlicher Interessen und Hintergründe produktiv diskutieren ließ. Ich danke allen, die auf Präsentationen dieser Arbeit mit Kommentaren und Kritik reagiert haben. Auch wenn ich oft dachte, sie würden mich um Jahre zurückwerfen, war meistens das Gegenteil der Fall.

Insbesondere danke ich Mario Kaiser und Martin Reinhart, die es mir über fachliche Kommentare hinaus mit viel Support vor Ort und Zuspruch allerorten oftmals erleichtert haben, vieles unter einen Hut zu bringen, sowie auf der Seite meiner Familie Kita Pauli-Neureiter, Helmut und Lara Neureiter für ihr besonderes Engagement bei der Betreuung meiner Tochter. Alles andere verdanke ich meinen Eltern Anja Sutter-Pauli und Robert Sutter; ihnen ist diese Arbeit gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

1 „Kehrt zurück, Bürger!“ – Engagement als Topos mit Konjunkturen

1.1 Die Rückkehr des Bürgers als politisches Ziel

1.2 Zwei Perspektivierungen: Konzeptionen des Sozialen als Semantik und Regierungsform

1.2.1 Die Sinnförmigkeit von Handeln: Die Frage der Semantik

1.2.2 Das Soziale als Selbstbeschreibung der Gesellschaft

1.2.3 Die Machtförmigkeit von Handeln auf Handeln: die Perspektive der Regierung

1.2.4 Das Soziale als gouvernementale Erfindung

1.3 Das Soziale und die Soziologie: Die Arena bürgerlicher Gesellschaft

1.4 Bürgerschaftliches Engagement: neosoziales Element neoliberaler Politik?

1.5 Die Förderung Bürgerschaftlichen Engagements als Gegenstand und Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen: zum Stand der Forschung

1.6 Die analytische Strategie der Teilstudien

2 Die Politisierung des Sozialen: Enquete-Kommission „Bürgerschaftliches Engagement: Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft“

2.1 Enquete-Kommissionen als Form der Politikberatung

2.2 Die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“

2.2.1 Die politische Förderung Bürgerschaftlichen Engagements im inter-/nationalen Kontext

2.2.2 Freiwilligkeit, Gemeinwohlorientierung, Unentgeltlichkeit: Kriterien Bürgerschaftlichen Engagements

2.3 Der Eigen- im Gemeinsinn, der Gemein- im Eigensinn: Bürgerschaftliches Engagement zwischen traditionellem Ehrenamt und (post-)modernem Selbstmanagement-Prinzipen

2.3.1 Von pflicht- zu selbstbezogenen Motiven

2.3.2 Das Ehrenamt als Kontrastfolie

2.3.3 Bürgerschaftliches Engagement und Selbstmanagement: eine Wahlverwandtschaft?

2.4 Der requalifizierte Bürger und seine Gesellschaft

2.4.1 Vom Bürgerstatus zur Bürgerkompetenz

2.4.2 Bürgergesellschaft: die Gesellschaft Bürgerschaftlichen Engagements

2.4.3 Der ermöglichende Staat und sein Neo-Paternalismus

2.5 Bürgerschaftliches Engagement als „‚Arbeit‘ in und an der Gesellschaft“

Bridge: Der Neue Gesellschaftsvertrag und Bürgerschaftliches Engagement als ‚Arbeit am Selbst‘

3 Die Ökonomisierung des Sozialen: Corporate Citizenship

3.1 Von einer kulturellen Selbstverständlichkeit zu einem wirtschaftlichem Erfordernis

3.2 Corporate Citizenship und politische Deregulierung: die Entdeckung eines neuen politischen Akteurs

3.2.1 Das Unternehmen als politischer Akteur

3.2.2 Der Staat als Unternehmen

3.3 Corporate Citizenship und unternehmerischer Erfolg: die Entdeckung eines neuen Kapitals

3.3.1 Ressourcentransfer als Transformationsarbeit

3.3.2 Soziales Kapital als normative Kategorie

3.4 Gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens als gesellschaftliche Verantwortung seiner Mitarbeiter

3.4.1 Sich ein Beispiel nehmen: ‚

best practice

‘ und der ‚Nachholbedarf deutscher Unternehmen‘

3.4.2 Unternehmenskultur, Unternehmensethik und soziales Kapital

3.5 Soziales Kapital als analytische Kategorie

3.6 Der Bürger vor dem ökonomischen Tribunal

Bridge: Der Neue Gesellschaftsvertrag und das Know How von Unternehmensbürgern

4 Die Moralisierung des Sozialen : Bürgerberatungsliteratur

4.1 Die Autoren und ihre Motivationen

4.2 Die Diagnose eines Werteverfalls

4.2.1 Die Sorge um den Standort

4.2.2 Die Sorge um das Individuum

4.3 Der Bürger als ein Fall für Beratung

4.3.1 Die Forderung einer gemeinsamen Wertebasis …

4.3.2 … und deren Operationalisierung mithilfe von Tugenden

4.4 Tugend und Freiheit

4.5 Die Herstellung von Sozialität als Willensakt: die Adressierung des Lesers im Modus der Beratung

Bridge: Der Neue Gesellschaftsvertrag und das Beratungswissen für Bürger

5 Soziologie und das Dual von Selbst- und Sozialveränderung

5.1 Staatsformation und die Anfänge der Sozialwissenschaften

5.2 Soziologie – Staat – Selbst

5.3 Selbstveränderung und Sozialveränderung durch Selbsthilfe

5.4 Globalisierung, Soziales Kapital und Governance: der Neue Gesellschaftsvertrag und sein Kontext

5.5 Gute Gesellschaft als Gesellschaft guter Bürger

5.6 Transformation des Sozialen − Transformation der Gesellschaft?

6 Das wollende Selbst und sein Wille zur Gesellschaft

Literatur

1 „Kehrt zurück, Bürger!“ – Engagement als Topos mit Konjunkturen

Am 26. September 2005 um 20.13 h zeigten nahezu alle Kanäle des deutschen Fernsehens dieselben Bilder: Prominente und namenlose Personen, die im Wechsel und mit Blick in die Kamera ein „Manifest für Deutschland“ deklamierten: Von einem Taifune auslösenden Schmetterling war die Rede, von einem zum Sturm werdenden Lufthauch, von Fahnenschwenken im Stadion – davon, dass „aus deiner Flagge viele werden und aus deiner Stimme ein ganzer Chor“ – mit dem Fazit:

„Egal, wo du arbeitest.

Egal, welche Position du hast.

Du hältst den Laden zusammen.

Du bist der Laden.

Du bist Deutschland.“

„Du bist Deutschland“ – in den darauf folgenden Monaten gab es wenige Möglichkeiten, diesen Slogan zu ignorieren. Bereits das road-blocking durch den zeitgleich auf verschiedenen Sendern ausgestrahlten Spot erreichte etwa 17 Millionen Zuschauer. Es bildete den Auftakt einer Kampagne, die bis zu diesem Zeitpunkt beispiellos gewesen ist: Lanciert im Rahmen der Initiative Partner für Innovation, einem Aktionsbündnis der Bundesregierung und Managern großer Unternehmen und Forschungseinrichtungen, und koordiniert durch das Medien-Unternehmen Bertelsmann nutzte sie neben dem Fernsehen auch großformatige Anzeigen. In nahezu allen überregionalen Printmedien und von Plakatwänden in der ganzen Republik verbreitete sich mit dem sogenannten Manifest eine deutliche Botschaft: Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und Flexibilität braucht das Land – und zwar von jedem, ohne Ausnahme. Besonders schonungslos zeigten dies die Plakatmotive: Photos wie das einer alten Bäuerin auf einem Kohlfeld unter dem Schriftzug „Du bist Ludwig Erhard“, eines Fötus im Mutterleib mit der Textzeile „Du bist Max Schmeling“ – das eigene Wirtschaftswunder erarbeiten, sich bis zum Weltruhm durchboxen, das kann jeder, wenn er nur will! Und: Er sollte es tun – nicht nur zu seinem eigenen Wohl, auch zum Wohl Deutschlands. Keiner, so das Mantra, trägt nur Verantwortung für sich; jeder, Greis oder Säugling, Häuslebauer („Du bist Walter Gropius“) oder Hobby-Musiker („Du bist Ludwig van Beethoven“) trägt auch Verantwortung für Deutschland (Sutter 2011, 308). Dar aus wurde im Umkehrschluss schnell ein zentrales Postulat: Nur indem die Einzelnen Verantwortung für sich übernehmen, würden sie sich verantwortungsvoll für ihr Land zeigen.

In gewisser Weise wurde mit „Du bist Deutschland“ etwas praktisch, was vor allem der neokonservative Historiker Paul Nolte unter dem Stichwort eines „Patriotismus der Zukunftsgestaltung“ forderte (2003). „[O]hne Bewusstsein einer gemeinschaftlichen Aufgabe für die Zukunft, an der jeder mitzuarbeiten aufgefordert ist“, so seine Überzeugung, ist der Ausweg aus der „tiefen politischen und gesellschaftlichen Krise, in der Deutschland gegenwärtig steckt“, nicht zu schaffen (ebd.). Das zugehörige, von Richard Rorty begründete Programm lässt sich als „Zukunftsgestaltung durch Selbstverbesserung“ auf den Punkt bringen – „selfhelp-Slogans, bisher für selbstverbesserungswillige Individuen bestimmt, sollen nun auch fürs Volk gelten“ (Müller 2004), so die Einschätzung von Kommentatoren zu einem solchen Patriotismus (Sutter 2011, 308).

Auch die genannte Kampagne verbindet die individuelle Bereitschaft zur Selbstoptimierung mit einer Art Vaterlandsliebe: Diese ist durch persönliche Leistungsbereitschaft, Eigeninitiative und Selbstverantwortung unter Beweis zu stellen. Gleichzeitig versteht sich der Slogan „Du bist Deutschland“ als „Formel für einen unbeschwerten Patriotismus, auf den viele Menschen gewartet haben“1. Alles andere als selbstverständlich, bedarf er offensichtlich einer gehörigen Konstruktionsleistung, die u. a. von Veröffentlichungen wie Wir Deutschen. Warum die Anderen uns gern haben können (Matussek 2006) oder Das Beste an Deutschland. 250 Gründe, unser Land heute zu lieben (Langenscheidt 2006) unterstützt wird. Florian Langenscheidt, der Ururenkel des Verlagsgründers Gustav Langenscheidt, ist etwa auch im Fernsehspot von „Du bist Deutschland“ als sogenannter testimonial zu sehen. Als einer von vielen prominenten Fürsprechern beschreibt er in einem Interview seine Liebe zu Deutschland und sein Rezept für dessen Zukunft wie folgt:

„Deutschland hat so unglaubliche Menschen, so unglaubliche Produkte, so unglaubliche Traditionen, Gebäude, Landschaften, es ist so beliebt in der Welt, nur wir selbst glauben nicht so recht an uns, wir zweifeln ständig an uns, und so eine Kampagne könnte helfen, dass wir wieder ein richtig gutes Gefühl von uns bekommen und das lieben, was wir sind und was wir wollen und was wir sein werden.“

Die Zukunft Deutschlands hängt, so könnte man meinen, ausschließlich von der Einstellung und dem Gefühl jedes Einzelnen ab. Es ist die Unmittelbarkeit des „Du“, das dabei den Adressatenkreis zugleich universalisiert und individualisiert. Die direkte Ansprache wird zum Vehikel, durch das „Du bist Deutschland“ das Schicksal vieler zuvor bereits bestehender Initiativen erspart werden sollte: Wir für Deutschland, Initiative für Deutschland, Bürgerkonvent, Konvent für Deutschland – immer wieder haben Akteure aus Wirtschaft und Politik versucht, durch Reformbewegungen „das Land nach vorne zu bringen“, letztlich jedoch „wenn überhaupt – im Verborgenen“ gewirkt (Mihm 2005). Jetzt jedoch wird es zum erklärten Ziel, jeden Einzelnen zu erreichen, für Gesprächsstoff zu sorgen und so alle dazu zu bringen, Position zu beziehen – in welcher Form auch immer; dazu einer der Verantwortlichen:

„Durch die direkte Ansprache, indem ein Finger aus dem Fernseher herauszeigt, ist man zum Reagieren geradezu gezwungen. […] Mit der direkten und persönlichen Ansprache wollten wir vermeiden, daß die Deutschen wieder im Dichten und Denken verharren. Wir wollten die Leute packen. Damit jeder tut, was er kann.“ (Voss 2005)

Dass sie dichten und denken können, das haben die Deutschen offenbar zur Genüge gezeigt, jetzt soll es um etwas anderes gehen: anpacken und mitmachen. Erst in der Gemeinschaft derer, die tun möchten, was sie können, scheint dann aus der Unmittelbarkeit des Du eine Emotionalität des Wir zu entstehen – in der Kampagne selbst schon angelegt, verfängt diese sowohl in der Rezeption als auch in der Debatte von „Du bist Deutschland“. Bei aller Kritik, welche die Mehrzahl der journalistischen Beiträge äußert, ist eines fast unumstritten: dass sie den Menschen ‚aus der Seele spricht‘. In Internetforen äußern sich User froh und erleichtert über diesen Vorstoß, sie erkennen sich in der Einschätzung der Lage und dem Aufruf zur Aktivität. Anderslautende Stimmen werden stets auf die gleiche Art behandelt, nämlich indem sie auf die individuelle Verweigerung von Leistungsbereitschaft, von Eigeninitiative und Selbstverantwortung zurückgeführt werden (Sutter 2011, 309). Damit werden sie gerade als Beleg für die Notwendigkeit einer Bewegung gedeutet, die auf ein Umdenken zielt, denn „die Leute, die hier anfangen zu lästern, sind genau die ewigen unzufriedenen Menschen, weshalb diese Kampagne gestartet werden musste!“2 Überfällig also, lange ersehnt wirkt diese Initiative, deren Diskussion wiederum ebenso begrüßt wird, klingt sie doch, „als würden sich in einer ganz großen familie endlich wieder alle miteinander unterhalten. bravo, deutschland!“3

Deutschland als große Familie, die Krise als Nebenprodukt notorischer Unzufriedenheit – sicherlich alles ganz im Sinne der Macher, die mit dem Claim „Du bist Deutschland“ das „kleine Du und das große Deutschland“ zusammenbringen wollten (Voss 2005). Ob diese kleinen Dus von Hartz IV, persönlichen Problemen oder Krankheiten geplagt werden, interessiert dabei wenig, ist es doch die prinzipielle Selbstverbesserungsmöglichkeit, aus der heraus die ganz konkrete Gestaltbarkeit der Verhältnisse behauptet wird. Dass der Aufruf als solcher angesichts etwaiger Hindernisse zynisch sein könnte, wird verneint: „Zynischer aber wäre doch die Haltung, den Menschen nicht alle Entwicklungsmöglichkeiten zuzutrauen! Man kann etwas tun, oder man tut es nicht.“ (Voss 2005)

Gesellschaftliche Veränderung zum ersehnten Besseren, daran lassen Äußerungen wie diese wenig Zweifel, ist eine Sache individueller Bereitschaft zur Veränderung persönlicher Einstellungen und Handlungen. Ein solcher Fokus leugnet zwar andere Möglichkeiten gesellschaftlicher Gestaltbarkeit nicht explizit, blendet sie aber konsequent aus: Allein das alltägliche Verhalten wird zum Schlüssel, der den Weg aus der vielbeschworenen Misere eröffnet − wie alltäglich die Handlungen sind, die das „Wunder von Deutschland“ ermöglichen sollen, zeigt ein trivialer Vergleich: „Das ist wie bei uns in der Firma: Manche Leute räumen ihr Geschirr in die Spülmaschine, andere lassen’s und sagen sich: ‚Was soll’s!‘ Wäre doch schön, wenn alle in Deutschland ihr Geschirr wegräumen würden.“ (ebd.)

Dass es wohl ganz so einfach doch nicht ist, zeigt die Tatsache, dass der Deutsche Bundestag zur Frage nach der Zukunft des Gemeinwesens bereits 1999 eine Enquete-Kommission4 eingesetzt hat − zu diesem Instrument parlamentarischer Politikberatung greift der Bundestag immer dann, wenn Fragen vorliegen, die eingehende Beratung über einen längeren Zeitraum und mit externem Sachverstand erfordern. Vierundzwanzig Mal hat er dies bisher getan, und zwar zumeist in Fragen von Technik- oder Gesundheitspolitik, Umweltschutz oder Nachhaltigkeit und immer mit dem Auftrag, Handlungsempfehlungen im Umgang mit Problemen zu generieren, die sich der Politik stellen. Im Fall der Enquete-Kommission, die 2000 ihre Arbeit aufnahm, war das Problem jedoch ein anderes: Nichts weniger als der Entwurf einer neuen Verantwortungsteilung von Staat und Gesellschaft stand auf der Tagesordnung. Angesichts einer Überforderung staatlicher Politik bei gleichzeitig notorischer Erwartungshaltung oder aber mehr oder weniger artikulierter Mitgestaltungsansprüche der Bürger schien Deutschland einer Art Zerreißprobe nicht mehr allzu fern; zumindest insinuierte dies die Frage, die sich die Kommission auf die Fahnen schrieb: „Was sorgt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem demokratischen Gemeinwesen am Ausgang dieses und zu Beginn des neuen Jahrhunderts?“ (Deutscher Bundestag 1999b, 7183) Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Bürgerschaftliches Engagement. In der Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements, so auch der Name der Kommission, liegt die Zukunft Deutschlands, das wurde in all ihren Publikationen immer wieder behauptet.

Die Enquete-Kommission lieferte auf der Grundlage dieser Überzeugung den Entwurf einer politischen Agenda, auf der die Verbesserung von Rahmenbedingungen für Bürgerschaftliches Engagement und die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen stehen. Infolge der Enquete-Kommission, so Thomas Olk, etablierte sich Engagementpolitik als eigenständiges Politikfeld (Olk et al., 2010). Deshalb begreift die vorliegende Arbeit die Einsetzung dieser Enquete-Kommission als diskursives Ereignis, das für Deutschland die ‚Rückkehr des Bürgers‘ weithin sichtbar markiert: Bereits 1994 haben Will Kymlicka und Wayne Norman The Return of the Citizen in der politischen Philosophie ebenso wie in der politischen Praxis beobachtet und kommentiert; die Enquete-Kommission vereint beide Bereiche durch ihre besondere Form als Instrument der Politikberatung (vgl. 2.1.) und wird hier deshalb zum Ausgangspunkt der Untersuchung.

1.1 Die Rückkehr des Bürgers als politisches Ziel

Gemeinwohlorientiert, freiwillig und nicht unmittelbar auf materiellen Gewinn zielend, so die Definition von Bürgerschaftlichem Engagement, wie sie die Enquete-Kommission Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements zum Fundament ihrer Bemühungen machte (Enquete-Kommission/Deutscher Bundestag 2002, 7). Verschiedene Formen solchen Engagements wurden unter die Lupe genommen, demographische Angaben über bereits Engagierte und Ergebnisse der sogenannten Motivforschung zusammengetragen sowie politikwissenschaftliche Expertisen in Auftrag gegeben − dies alles geschah unter der Maßgabe, dass die Förderung von Bürgerschaftlichem Engagement der entscheidende Schritt Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft (Deutscher Bundestag/Deutscher Bundestag 2002) sei.

Auch wenn freiwilliges, gemeinwohlorientiertes und unentgeltliches Engagement kein neues Phänomen ist, so rückt es seit einigen Jahren unter veränderten Vorzeichen verstärkt ins öffentliche Interesse: „Mutbürger“ werden gesucht und „Bürger-Meister“ gekürt. Dass sich unterdessen die Figur des „Wutbürgers“ zu einiger Popularität aufgeschwungen hat − 2010 wurde er gar „Wort des Jahres“ – wirkt in diesem Kontext eher wie eine Art Störfall. Als Beginn der Karriere des Begriffs gilt ein Essay des SPIEGEL-Journalisten Dirk Kurbjuweit (2010), das im Zusammenhang mit Themen wie der Debatte um Stuttgart 21 und den Thesen Thilo Sarrazins Protestwillen und -form bürgerlicher Milieus diskutierte. Dabei verweist der Begriff auf ein inhaltlich disparates, formal aber ähnliches Verhalten gegenüber politischen Entscheidungen und parteipolitischen Diskussionen, das nicht als Bürgerschaftliches Engagement gilt – darauf wird am Ende der Arbeit zurückzukommen sein.

Was das Bürgerschaftliche Engagement betrifft, so zielt eine ganze Reihe von Initiativen darauf, es als die zeitgemäßere Form des altbekannten Ehrenamts zu etablieren. Das Image des Vereinsmeiers auf der einen und des Selbstlosen auf der anderen Seite sind dabei keine Hilfe – die „Neue Deutsche Welle“ (Huber 2002) macht zwar keinen Halt davor, auch sie zu umspülen, doch weder langfristiges noch milieugebundenes, weder selbstloses noch vereinsbürokratisch überformtes Engagement ist das, was fortan als „Bürgerschaftliches Engagement“ eine ansehnliche Karriere in Funk und Fernsehen, Politik und Politikwissenschaft machen sollte. Und doch erfasst diese Welle auch jene, die mit großer Selbstverständlichkeit jede Woche im Kirchenchor singen, eine Fußball-Mannschaft trainieren oder der lokalen Freiwilligen Feuerwehr angehören – dies alles nämlich tun sie fortan nicht länger in erster Linie als beseelte Musikbegeisterte, eingefleischte Sport-Freaks oder gesellige Floriansjünger, sondern als Bürger, die bei ihrem Engagement das Wohl des Gemeinwesens im Blick behalten. Doch nicht nur das: Stets sollen sie auch im Sinn haben, was am treffendsten als ‚wohlverstandenes Eigeninteresse‘ beschrieben werden kann. So kommt etwa das Vergnügen nicht zu kurz, denn, so die Botschaft, Engagement macht Spaß, ist kein Verzicht, sondern eine Bereicherung für alle – für die Individuen und ihr Gemeinwesen gleichermaßen.

„Soziale Verantwortung muss selbstverständlicher Teil unseres Denkens und Handelns sein“5 – spätestens wenn auf der Homepage der Deutschen Bank die Stimme des Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann diesen Satz proklamiert und neben aktuellem Zinssatz p. a. die Zahl der ehrenamtlich aktiven Mitarbeiter ausgewiesen ist, wird klar: Auch für Unternehmen ist Engagement zentraler Faktor und nicht nur am Gemeinwohl orientiertes Privatvergnügen. So wird etwa corporate volunteering, die betriebliche Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements von Angestellten, zum „win-win Szenario für die Gesellschaft, die Mitarbeiter und die Bank“. Auf Seiten der Arbeitnehmer soll es Horizonterweiterung und Motivationssteigerung leisten, das Unternehmen seinerseits mit dem „gesellschaftlichen Umfeld“ vernetzen, „Vertrauen und Reputation“ stärken (ebd.). Neben dem Individuum und der Gesellschaft profitieren offenbar auch Unternehmen von individuellem freiwilligem Engagement. Und dies bildet nur einen Teil dessen, was in seiner Gesamtheit unter dem Etikett „Corporate Citizenship“ firmiert: Mithilfe weiterer Maßnahmen wie corporate giving durch Spenden oder Stiftungen und social sponsoring gemeinnütziger Institutionen präsentiert sich jedes Unternehmen in der Liga der sogenannten global player als „Unternehmensbürger“, als eine Organisation mit der Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Diese Verantwortungsbereitschaft ist es, die zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil in der Konkurrenz um Kunden, qualifizierte Mitarbeiter und Geschäftspartner werden soll.

Der Imagegewinn qua übernommener und vor allem kommunizierter Verantwortung in der Gesellschaft kann bares Geld wert sein, und dazu bekennen sich die Unternehmen offen. Der Slogan „Tue Gutes und rede darüber!“ pointiert, dass die Förderung des Schönen, Wahren, Guten im Stillen, wie es für das unternehmerische Mäzenatentum typisch ist, mit unternehmerischem Bürgerschaftlichem Engagement wenig bis nichts zu tun hat. Öffentlichkeitswirksam und damit vermarktbar präsentieren die Unternehmen ihren Beitrag in corporate citizenship reports, auf ihren Homepages und auch als „offizielle Partner“ von standortorientierten Imagekampagnen wie z. B. Deutschland – Land der Ideen.

Engagement lohnt sich, ist die Botschaft, die den Einzelnen erreichen will. Grund genug, aktiv zu werden – so sollte man meinen. Der Aufwand jedoch, der betrieben wird, um die Menschen bürgerschaftlich zu aktivieren, ist erheblich, und immer ist es die Freiwilligkeit des Engagements, die im Vordergrund steht. Gleichwohl verzichtet die Diskussion über Bürgerschaftliches Engagement nicht auf ein Moment der Verpflichtung. Akzeptabel wird es, indem es wiederum als ‚freiwillige Selbstverpflichtung‘ daherkommt. „Verpflichtungen zum Engagement“ werden, so etwa Herfried Münkler, notwendig, soll die sogenannte „Verschlankung des Staates […] nicht mit einer dramatischen Reduzierung sozialer Sicherheiten einhergehen“ (Münkler 2002, 34). In diesem Kontext gerinnt die Idee einer „freiwilligen Selbstverpflichtung“ zur Chiffre für eine „innere Haltung der Bürgerinnen und Bürger, für die Gemeinschaft aus einer freiwillig übernommenen Verantwortung etwas zu tun“ – eine Haltung, die mit dem Begriff ‚Bürgertugend‘ in Verbindung gebracht wird, jedoch mit dem Begriff der freiwilligen Selbstverpflichtung „in ein modernes Staats- und Gesellschaftsverständnis“ übersetzt werde (Deutscher Bundestag 2002, 77). „Bürgertugend“ ist offensichtlich nicht dazu geeignet, eine solche Haltung als zeitgemäß darzustellen – die Rede von Tugend jedoch hat, obschon lange antiquiert, gar diskreditiert seit einigen Jahren ihren Weg in die Sachbuch-Bestsellerli12sten gefunden hat.

„Tugenden sind modern“, so eröffnete Ulrich Wickert 1995 Das Buch der Tugenden, das Große Texte der Menschheit – für uns heute ausgewählt vereint. Es folgte eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, die in ein ähnliches Horn stießen: Reflexionen über Themen wie Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz und Disziplin eroberten stetig die Bestsellerlisten. Was mit wenigen ‚Zeitgeistbüchern‘ begann, wurde schnell zum eigenen Genre, das Gegenwartsdiagnosen mit Handlungsanleitungen verbindet und den Einzelnen mit Rat zur Seite steht, wenn es um ihre Sehnsucht nach verbindlichen Werten geht. Tugendhaftigkeit, so die Botschaft dieser Texte, kann zur individuellen Richtschnur werden, wenn Orientierung fehlt. Tugendhaftigkeit, so das Versprechen, kann den Weg zu einem selbstbestimmten Leben in einem lebenswerten Gemeinwesen weisen. Dass eine solche Orientierungslosigkeit zunehmend virulent wird, mag daran liegen, dass es lange Zeit der Glaube gewesen ist, der eine solche Orientierung geboten hat. Richtig ist aber auch, dass die Autoren des Genres weite Teile ihrer Texte darauf verwenden, eine solche Orientierungslosigkeit zuallererst zu konstatieren.

Den Werten einen Wert geben, Werte neu entdecken, Werte als Wegweiser – Veröffentlichungen zur Werte- und Tugend-Thematik haben auf dem Buchmarkt unübersehbar Konjunktur. Im Feuilleton wurde dies mit einer Debatte um eine neue Bürgerlichkeit kommentiert. So weist etwa die taz Feine Unterschiede mit einer Reihe von Studien zum Bürgerlichen, Neo-, Alt- oder Anti-, zwischen Aufbruchstimmung und Restekel aus. Von Freude an Stuckdecken, Lust aufs Heiraten und Renaissance von Etikette ist die Rede, aber auch von der „Harmonisierung von Wollen und Sollen“ im 18. und 19. Jahrhundert, mit der Bürgerlichkeit zu einer höchst praktischen „Benutzeroberfläche“ wurde (Nassehi 2006b). Die Engführung von Lifestyle und Lebensführung zeigt: Was von Kymlicka und Norman, wie schon erwähnt, als Rückkehr des Bürgers (1994) bezeichnet worden ist, ist im deutschen Kontext auch als Rückkehr der Bürgerlichkeit (Camann 2005) zu beschreiben.

Wer vom Bürger spricht, mag den citoyen oder bourgeois meinen. Die rezente Karriere des Begriffs liegt jedoch auch in seiner Doppeldeutigkeit und dessen gewissermaßen restaurativem Moment: Sie verweist „auf jenen Zustand der Einheit von citoyen und bourgeois, in dem das Bürgerliche eine Vorstellung von Verantwortlichkeit bezeichnete, die sich auf die Sphäre des Wirtschaftlichen in ebensolcher Weise bezieht wie auf die des Politischen“ (Münkler 1994, 7). Der Diskurs des Bürgerschaftlichen Engagements adressiert beide: sowohl den citoyen, das gemeinwohlorientiert agierende politische Subjekt, als auch den bourgeois als eigeninteressiert kalkulierendes Wirtschaftssubjekt, und rekonstelliert damit schon begrifflich das Verhältnis von Gemeinwohl und Selbstinteresse auf fundamentale Weise.

Die Förderung und Forderung Bürgerschaftlichen Engagements profitiert dabei von einer Problematisierung der gegenwärtigen Situation, die neben der Rolle des Individuums den bisherigen Aufgabenbereich des Staates sowie das Verhältnis von Staat und Bürgern zur Disposition stellt. Denn offenbar vermag es Bürgerschaftliches Engagement, alle diese Aspekte zu bedienen, und zwar indem es die Suche nach einer neuen „Politik des Sozialen“ (Enquete-Kommission/Deutscher Bundestag 2002, 96) anleitet. Mit einer solchen Suche ist eine neue Konzeption des Sozialen impliziert, das zugleich Gegenstand und Grundlage einer solchen Politik wird. Im Zentrum steht dabei die Verbindung von Gemeinwohl und Selbstinteresse: Bürgerschaftliches Engagement wird als zugleich politische Lösung in und individueller Weg aus einer durch und durch als krisenhaft gezeichneten Situation inauguriert. Und dies geschieht offensichtlich erfolgreich: Die Omnipräsenz des Topos „Bürgerschaftliches Engagement“ (wenngleich auch nicht seines Begriffs) stößt kaum auf Verwunderung: Ob Fernseh-Galas für das Ehrenamt, der Einzug der Kategorie „Soziales Engagement“ in das CV von Stellenbewerbern, die Präsenz von Freiwilligenbörsen oder die Publikation von Leitfäden für Engagement-Bereite – vor wenigen Jahren noch unbekannt, scheint Bürgerschaftliches Engagement heute allgegenwärtig.

Doch was sind die Prämissen dieser Selbstverständlichkeit, was die Effekte der da raus abgeleiteten Forderungen? Wie wird die Anrufung des Einzelnen als eines freiwillig leistungsbereiten Gesellschaftsmitglieds akzeptabel? Und: Wie plausibilisiert sich die zentrale Stellung, die dem Bürgerschaftlichen Engagement für das Soziale und die Zukunft des Gemeinwesens gleichermaßen zugeschrieben wird?

Bei der ‚Forderung von Freiwilligkeit‘ geht es − so die These dieser Arbeit − um nichts weniger als eine grundlegende Revision des Sozialen: Es existiert nicht einfach, sondern wird zum Resultat individueller Bereitschaft, sozial zu handeln – so wird es untrennbar vom gemeinwohlorientierten, freiwilligen und unentgeltlichen Engagement der Einzelnen konzeptioniert.

Freiwilligkeit, Unentgeltlichkeit und Gemeinwohlorientierung – sobald eine individuelle Handlung diesen Kriterien genügt, wird sie per definitionem zu Bürgerschaftlichem Engagement (Enquete-Kommission/Deutscher Bundestag 2002, 57 ff.). Der Begriff des Bürgerschaftlichen Engagements ist so zunächst eine Möglichkeit, Handlungen zu bezeichnen und von anders gearteten zu unterscheiden. Konzeptionen von Staat und Gesellschaft sowie deren Verhältnis, die ebenso mit Bürgerschaftlichem Engagement als politischer Forderung verbunden sind, beruhen auf einer solchen Zuordnung individueller Handlungen; sie sind der Angriffspunkt aller Maßnahmen zur Förderung und Forderung Bürgerschaftlichen Engagements. Insofern der Diskurs zum Bürgerschaftlichen Engagement also immer das individuelle Handeln adressiert, operiert diese Arbeit mit zwei Theoremen, in deren Zentrum Handlungen stehen – sie sind die Grundlage spezifischer Perspektivierungen auf das Bürgerschaftliche Engagement und liefern zugleich Konzeptionen des Sozialen, die für die Analyse der rezenten Transformation entscheidend sind (1.2). Dies verweist auf die Rolle der Soziologie bei der Konstitution des Sozialen als historisch kontingenter Problematisierungsform (1.3). Ein zentrales Thema ist, wie sie sich zur aktuellen Diskussion um den sogenannten Neoliberalismus verhält (1.4), in welchem Zusammenhang dies zur aktuellen Forschungsliteratur zum Bürgerschaftlichen Engagement steht (1.5) und welche Konsequenzen dies für die analytischen Strategien der vorliegenden Arbeit hat (1.6).

1.2 Zwei Perspektivierungen: Konzeptionen des Sozialen als Semantik und Regierungsform

Der Diskurs des Bürgerschaftlichen Engagements konstituiert das Soziale in direkter Abhängigkeit zur Bereitschaft der Einzelnen, sozial zu handeln. Gleichwohl orientiert sich die vorliegende Arbeit nicht an Handlungstheorien, sondern bedient sich zweier Theoreme, die sie zum einen der Systemtheorie, zum anderen dem als ‚poststrukturalistisch‘ bezeichneten Denken entlehnt. Insofern Handlungen immer mit Sinn verbunden sind, ist dies zunächst im Anschluss an Niklas Luhmann die Frage nach verfügbaren Sinnangeboten für Handlungen in Form von Semantik. Insofern die Förderung und Forderung Bürgerschaftlichen Engagements auf die Förderung und Forderung der Bereitschaft zu bestimmten Handlungen zielt, bietet sich sodann die Perspektive des gouvernement nach Michel Foucault als „Handeln auf Handeln“ an. Da beide Ansätze ihre Perspektivierungen auf Handlungen als Ausgangspunkt einer Konzeption des Sozialen nutzen, eignen sie sich, um die Untersuchung von Transformationsprozessen anzuleiten, in deren Zentrum individuelle Handlungen stehen. Klar zu stellen ist jedoch, dass die vorliegende Arbeit beide Ansätze eben in der weit gefassten Form einer Perspektivierung nutzt; auf ihre Rolle in Hinblick auf die analytischen Strategien der Detailstudien wird in Abschnitt 1.5. einzugehen sein.

1.2.1 Die Sinnförmigkeit von Handeln: Die Frage der Semantik

Handeln – damit wird seit Max Weber „menschliches Verhalten“ dann bezeichnet, „wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden“ (Weber 1921, 1). Auch Niklas Luhmann bekräftigt, dass menschliches Handeln „sinnförmig abläuft und sich selbst nur sinnförmig zugänglich ist“ (Luhmann 1993, 17 f.). Im Diskurs zum Bürgerschaftlichen Engagement ist „Sinn“ am augenfälligsten in der Form einer Art „Lebenssinn“ Bezugspunkt: Die Diagnose einer individuellen Verunsicherung durch eine prinzipielle Orientierungslosigkeit bietet die Grundlage für die Verheißung Bürgerschaftlichen Engagements, eine als sinnvoll zu erlebende Tätigkeit zu ermöglichen. Welche Typen von Sinn dabei und darüber hinaus zur Verfügung stehen, wie daran gearbeitet wird, Sinn verfügbar und damit Handlungen für Kommunikationen anschlussfähig zu machen, ist ein erster Ausgangspunkt der Untersuchung. Wann immer nämlich „unspezifizierter Sinn passiert, setzen Bemühungen ein, Anomie zu beseitigen und ordentlichen Sinn, regulär verwendbaren Sinn, typifizierten Sinn zu ermitteln“ (Luhmann 1993, 18).

Typifiziert wird Sinn, indem er „je nach Bedarf zeitlich, sachlich und sozial generalisiert“ wird (ebd.). Die dabei vorgenommene Selektion erfolgt dabei, so Luhmann, anhand zweier Anhaltspunkte: dem vorhandenen Repertoire an Typen und der Stabilisierbarkeit in Hinblick auf Muster, die bereits bekannt und vertraut sind (Luhmann 1993, 19) – im Falle des Bürgerschaftlichen Engagements sind solche Muster verschiedene Konzepte wie etwa Ehrenamt und Zivilgesellschaft, aber auch Bürgerlichkeit. Ein erster Schritt wird demnach sein, Muster zu identifizieren, an die der Diskurs des Bürgerschaftlichen Engagements anknüpft; zu leisten ist zunächst eine Kontextualisierung im Sinne einer Inventur der verfügbaren Konzepte, auf die mit der Rede vom Bürgerschaftlichen Engagement zugegriffen werden kann.

1.2.2 Das Soziale als Selbstbeschreibung der Gesellschaft

Ein solches Tableau ist in seiner Funktion für die Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu betrachten und damit in der Gesamtheit der für eine Versorgung mit Sinnangeboten nutzbaren „Formen einer Gesellschaft“ zu verorten, die deren „semantischen Apparat“ oder in anderen Worten: „ihren Vorrat an bereitgehaltenen Sinnverarbeitungsregeln“ bildet. Während Sinn permanent in Ereignissen des Erlebens und Handelns aktualisiert wird, bezeichnet Semantik „einen höherstufig generalisierten, relativ situationsunabhängig verfügbaren Sinn“ (Luhmann 1993, 19). Wenn sie als „ernste, bewahrenswerte Kommunikation“ vertextet wird, lässt sich von gepflegter Semantik sprechen, die ebenso „nur im Erleben und Handeln real“ ist, „das sie aktualisiert“ (ebd.).

Auch Selbstbeobachtungen können immer nur ereignishaft und situationsgebunden sein – ihr vertextetes Kondensat wiederum sind Selbstbeschreibungen, durch die die Kommunikation über Gesellschaft möglich wird.6 Das Verhältnis von Gesellschaftsstruktur und Semantik ist dabei nicht mit einem „Modell einer ‚linearen Nachträglichkeit‘“ zu begreifen oder generell „über einen stets bestehenden Anpassungsdruck der Semantik an die Sozialstruktur“ zu beschreiben (Stäheli 1998, 19).7 Vielmehr steht die Semantik in einem iterativen, ko-konstitutiven Verhältnis zur Gesellschaftsstruktur: Während auf der einen Seite „Ideengut im Verhältnis zur Gesellschaft, die es benutzt, nicht beliebig variieren kann“, die Beliebigkeit der Semantik durch die Gesellschaftsstruktur beschränkt ist (Luhmann 1993, 17), können sogenannte Übergangssemantiken gesellschaftsstrukturelle Veränderungen vorantreiben (Luhmann 1993, 83 f.). Als Übergangssemantiken sind insbesondere solche „Formeln“ geeignet, „die stark positiv besetzt und in der Bevölkerung verankert sind, deren Allgemeinheit aber erhebliche Abweichungen von den bislang damit bezeichneten Wertideen und Praktiken abdecken kann und/oder deren hybrider Charakter flexible Rekombinationen der Wertbestandteile erlaubt“ (Leisering 2004, 50).

In einer solchen Perspektive stellt sich die Frage, ob Bürgerschaftliches Engagement als eine solche Übergangssemantik fungiert und in welchen Zusammenhang es mit gesellschaftsstrukturellen Veränderungen gebracht werden kann. In Hinblick auf ein zu bestimmendes ‚Soziales‘ jedoch ist Gesellschaft zunächst als Ausdruck einer Semantik zu begreifen, die gesellschaftliche Selbstbeschreibungen auf eine spezifische Weise ermöglicht, nämlich dergestalt, dass sie „das Beschriebene als Raum der kollektiven Gestaltbarkeit behandeln“ (Nassehi 2006, 34).

Die konstitutive Rolle von Semantiken für Strukturen steht im Fokus der zweiten für diese Arbeit entscheidenden Perspektive. Als Ausgangspunkt dient wiederum der Bezug zu Handlungen, mit dem auch hier eine Konzeption des Sozialen verbunden ist, aus der Konsequenzen für eine Untersuchung einer Transformation des Sozialen durch Bürgerschaftliches Engagement gezogen werden können.

1.2.3 Die Machtförmigkeit von Handeln auf Handeln: die Perspektive der Regierung

Stand bisher die Sinnförmigkeit von Handeln im Vordergrund, verweist das Paradox einer Forderung von Freiwilligkeit auf die Machtförmigkeit des Diskurses des Bürgerschaftlichen Engagements, wie sie in der Perspektive des Regierens im Anschluss an Michel Foucault sicht- und analysierbar wird. Denn: Gouvernement „heißt in diesem Sinn, das Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren“ (Foucault 1994, 255) – und dies bei Anerkennung, gar Nutzung ihrer Freiheit (vgl. Rose 1999).

Damit setzt Foucault einen besonderen Akzent: Er zeigt an, dass Macht nicht als Substanz konzeptioniert ist, die als solche lokalisierbar und akkumulierbar wäre. Dass sich Macht im Wesentlichen im Staatsapparat verorten ließe, dass Macht und politische Strukturen gleichzusetzen seien – dies sind Annahmen, die, so Foucault, einer Analyse von Machtverhältnissen nicht angemessen sind,8 denn „es gibt Macht nur als von ‚einen‘ auf die ‚anderen‘ ausgeübte“. Sie existiert lediglich in „in actu“. Auch wenn sie sich auf permanente Strukturen stützen kann, um sich in ein „zerstreutes Möglichkeitsfeld einzuschreiben“ (Foucault 1994b, 254), wirken diese eben nie „erschöpfend oder zwingend“ (Foucault 1994a, 91). Stets sind es ‚freie‘ Subjekte, auf die Macht wirkt. Sie operiert auf einem Feld von Möglichkeiten, das die Handlungsfähigkeit des Einzelnen nicht nur erhält, sondern produktiv nutzt.9

Die oben benannte Paradoxie einer Forderung von Freiwilligkeit stellt sich in einer solchen Perspektive als „Führung der Führungen“ (Foucault 1994, 255) dar, als eine spezifische Form der Verbindung von Fremd- und Selbstführung. Solche Verbindungen sind nicht zu trennen von den politischen Rationalitäten, die sie motivieren und akzeptabel machen – dies macht Foucault mit dem Begriff der Gouvernementalität fassbar.10 „Rational“ meint hier die „Übereinstimmung von Regeln, Verfahren, Denkformen etc. mit einer Gesamtheit von Bedingungen, unter denen es zu einem gegebenen Zeitpunkt möglich ist, bestimmte Probleme zu behandeln“; dementsprechend geht es um „historische Praktiken, in deren Kontext Wahrnehmungs- und Beurteilungsstrategien generiert werden“ (Lemke 1997, 146).

Die Attraktivität des Konzepts in Hinblick auf die Untersuchung gegenwärtiger politischer Entwicklungen liegt vor allem im Umgang mit Eingriffen und Rückzügen des Staates als politischem Akteur. Da mit der Perspektive der Gouvernementalität die Verbindung abstrakter politischer Rationalität und Mikrotechniken des Alltags greifbar wird, empfiehlt sie sich besonders als Instrument zur Analyse nicht-staatlicher Steuerungs- und Regulationsweisen und entziffert den Abbau staatlicher Interventionsformen als „Restrukturierung der Regierungstechniken“ (Lemke 2000, 31). Insofern sich der Diskurs zum „Bürgerschaftlichen Engagement“ aus dem Repertoire einer Kritik an Staatsinterventionismus bedient, gleichzeitig jedoch durch staatliche Initiativen gefördert wird, leistet die vorliegende Arbeit im Rückgriff auf die sogenannten Gouvernementalitätsstudien einen Beitrag zur Analyse einer solchen Restrukturierung, und zwar unter der Maßgabe ihres Verhältnisses zur Konzeption des Sozialen.

1.2.4 Das Soziale als gouvernementale Erfindung

In der Perspektive des Regierens ist das Soziale eine Art der Problematisierung eines Phänomens, das im Zuge der Industrialisierung virulent wurde und für das dem bis dato herrschenden liberalen Denken eine Beschreibungs- und Lösungsebene fehlte: Der Pauperismus war weder rechtlich noch ökonomisch zu behandeln, sondern es stellte sich vielmehr die Soziale Frage – sie war im Rahmen des liberalen Modells nicht zu beantworten. Setzt das liberale Paradigma des freien Marktes freie Individuen voraus, stellt die bürgerliche Gesellschaft zunächst nicht mehr als die „Summe ihrer Teile“ dar (Lemke 1997, 196) – eine freie Assoziation freier Individuen. Maßstab und Grenze des liberalen Staats und des Rechts als seines Instruments ist die Koexistenz der Freiheiten. Nur eine Pflicht gilt dabei als rechtlich sanktionierbar – die, dem anderen keinen Schaden zuzufügen (Ewald 1993, 68), was auf den Begriff der Verantwortlichkeit deutet. In dieser Logik bewegt sich auch der liberale Umgang mit Reichtum und Armut. Sie werden allein auf die (Nicht-)Leistung des Einzelnen zurückgeführt. Arme haben somit keinen Rechtsanspruch auf Unterstützung, diese wird in den Bereich des Moralischen verwiesen. Mit der Trennlinie von Recht und Moral, bei der es sich um „Argumente der reinen Vernunft, um den Ausdruck „liberale[r] Vernunft“ handele (Ewald 1993, 69), wird dem Gesetz die Aufgabe zugewiesen, „die Grenze der wechselseitig bestehenden Rechte zu konstatieren“ und eben nicht, „das Glück der Menschen direkt herbeizuführen“. Die Logik kontraktuellen Rechts, die den Austausch von Äquivalenten voraussetzt, stellt jede Forderung ohne Gegenleistung außerhalb des Rechts, und rechtliche Gleichheit und ökonomische Ungleichheit können so nebeneinander existieren – bis zu dem Zeitpunkt, zu dem es unmöglich wird, Armut auf einen individuellen ‚falschen Gebrauch‘ der rechtlich garantierten Freiheit zurückzuführen und den Kausalzusammenhang von Reichtum und Armut zu leugnen (Lemke 1997, 205).

Nicht das eigene Verschulden konnte länger als Grund für individuelle Lebenslagen gelten, sondern das Leben in Gesellschaft brachte bisher unbekannte Gefahren mit sich, für die Behandlungsmöglichkeiten fehlten. Gefunden wurden diese mit der „Erfindung des Solidaritätsbegriffs“ und dessen Anwendung, des Sozialrechts (Donzelot 1994, 109 ff.), das die Auflösung dieser Widersprüche ermöglichte: Das Soziale tritt als neues, als in dieser Situation notwendiges Element auf, das im Kontext der Sozialen Frage zu einer spezifischen Organisationsform von Gesellschaft wird (Lemke 1997, 196 ff.). Damit wird die „Gesellschaft in ihren Verpflichtungen … zum Bezugspunkt einer neuen, sozialen Logik“ (Lessenich 2003a, 84) – in dieser Logik werden Risiken ‚sozialisiert‘, das Individuum wird zum ‚Opfer‘ von Bedrohungen, für das es keine Verantwortung übernehmen und für die es daher nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Es wird deshalb zum Empfänger von Leistungen, auf die es Ansprüche qua seiner Mitgliedschaft in einer Gesellschaft hat, die Gefahren produziert. Als Antwort auf die weder ökonomische noch politische, sondern eben Soziale Frage gehorcht das Soziale dabei genau so wenig der Dichotomie ökonomisch/politisch, wie es den im Denken des Liberalismus unterschiedenen privaten und öffentlichen Sphären unterzuordnen ist, „weil es im Gegenteil eine neue Mischbildung von Öffentlichem und Privatem einführen wird und selber eine Aufteilung, eine eigentümliche Verbindung von Eingriffen und Rückzügen des Staates, seiner Belastungen und Entlastungen produziert“ (Deleuze 1980, 245).

So stellte das Soziale eine „neue Landschaft“ (ebd., 244) dar, die von einer neuen Wissensform kartographiert wird: Die Soziologie, wie sie Comte für seine physique sociale einführte, konstituiert das Soziale als neues Feld, dem nach dem Vorbild der Naturwissenschaften beobachtbare Gesetzmäßigkeiten ‚unterstellt‘ werden. Die Frage nach den Entstehungsbedingungen der Soziologie mag man mit der Enttraditionalisierung gesellschaftlicher Strukturen und der Entstehung neuer Formen der Produktion, der Regierung und des Wissens beantworten – Antworten dieser Art zeigen vor allem, so Armin Nassehi, dass „das Aufkommen der Soziologie selbst als ein Symptom gewertet werden [muss], das nur mit soziologischen Mitteln zu verstehen ist“ (Nassehi 2006, 27). Das Soziale und die Soziologie sind voneinander untrennbar − dies soll im folgenden Abschnitt in Hinblick auf Transformationen des Sozialen problematisiert werden.

1.3 Das Soziale und die Soziologie: Die Arena bürgerlicher Gesellschaft

Die Soziologie, so Nassehi, reagiert auf ein Problem, das ohne sie nicht denkbar ist. Aufgrund der „Geschlossenheit ihres Verweisungszusammenhangs“, der „Selbstreferenz ihrer Bezüge“ und der „Entelechie ihrer Anschlusswahrscheinlichkeit“ (ebd.) ist zu fragen:

„Auf welches selbst erzeugte Problem reagiert die Soziologie als Reflexionstheorie, und warum sieht es gar nicht wie ein selbst erzeugtes Problem aus, sondern wie ein – ja was für eines, eines der Welt? eines der Zeit? eines des historischen Schicksals? eines der Vernunft oder der Moral? Alles richtig! Aber vor allem gilt: eines der Gesellschaft.“ (Nassehi 2006, 27)

Die Frage nach dem Sozialen und seiner Konstitution stellt sich erst mit der modernen Idee der Selbstbestimmung des Individuums und der Gestaltbarkeit der Gesellschaft Erst nach der Überwindung von „der Gesellschaft äußerliche[n] oder aber in ihr absolut und als zentral (voraus)gesetzte[n] Positionen göttlicher bzw. weltlicher Herrschaft“ kann diese Idee aufkommen; erst dann „kann die Frage, wie Gesellschaft geordnet sein soll, wie gesellschaftliche Ordnung zuallererst zustande kommt und wie sie auf Dauer gewahrt werden kann […] als in der Gesellschaft und aus ihr selbst heraus immer wieder neu zu klärendes Rätsel und zu lösendes Problem“ (Lessenich 2009, 28) begriffen werden.

Die Soziologie als die Wissen(schaft)sform, die sich diesem Rätsel stellt und gleichzeitig seine Form(ul)ierung leistet, macht eine zweifache Entdeckung: „das handelnde Individuum und das Individuum als Produkt seiner Verhältnisse“ (Nassehi 2006, 16). Ist dessen Handeln „seinem von dem Handelnden oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen […] und daran in seinem Ablauf orientiert“, wird es als soziales Handeln bezeichnet (Weber 1921, 1). Das Soziale ist so nicht, zumindest nicht in erster Linie, das Gute, sondern es zeigt sich zunächst darin, dass Handlungsmaximen und -motive am (tatsächlichen oder erwartbaren) Handeln anderer orientiert sind. Gleichwohl, so betont Nassehi, „wird das Soziale dann doch zu einer vorsichtigen Chiffre des Guten, sagen wir besser: des Angemessenen“ (2006, 31). Das Konzept des Bürgerschaftlichen Engagements liefert mit dem Kriterium der Gemeinwohlorientierung einen Maßstab für individuelle Handlungen, der die Beurteilung der Angemessenheit individueller Handlungen anhand ihrer sozialitätsstiftenden Orientierung erlaubt.