Der wunde Himmel - Jeannette Oertel - E-Book

Der wunde Himmel E-Book

Jeannette Oertel

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Beschreibung

Eine Amour Fou zwischen der Assistentin des Botschafters der fiktiven Arabischen Republik Elydien und einem Diplomaten. Die Handlung spielt in naher Zukunft in Berlin, in Zeiten aufgeheizter Aufruhrstimmung. Die Leidenschaft der beiden wird zur Obsession. Zugleich passieren immer mehr mysteriöse Dinge in der Botschaft, die die Protagonistin auch bis in ihre Kindheit in der DDR zurückführen. Die Liebe schwankt zwischen totaler Hingabe und Verrat in einer zerfallenden politischen Umgebung, in die verschiedene Geheimdienste und die Hand der ehemaligen Stasi immer stärker mit hineinspielen. Liebesroman und Krimi in Einem, eine Geschichte mit bedrohlichem Hintergrund um eine Liebe im Botschaftsmilieu inmitten einer Zeit zunnehmender politischer Unruhen. (Die Autorin selbst hat eine Zeitlang im Diplomatischen Diensta gearbeitet)

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jeannette Oertel

Der wunde Himmel

Roman

 

konkursbuch

Verlag Claudia Gehrke

 

 

 

Zum Buch

Eine explosive Geschichte mit Erotik, Agenten, Krimielementen und Bedrohlichem aus der Vergangenheit in der DDR.

Zwischen der Assistentin des Botschafters der fiktiven Arabischen Republik Elydien und einem Diplomaten entwickelt sich eine Amour fou, in naher Zukunft in Berlin, in Zeiten aufgeheizter Aufruhrstimmung. Die Leidenschaft der beiden wird zur Obsession. Zugleich passieren immer mehr mysteriöse Dinge in der Botschaft, die die Protagonistin auch bis in ihre Kindheit in der DDR zurückführen. Die Liebe schwankt zwischen totaler Hingabe und Verrat in einer zerfallenden politischen Umgebung, in die verschiedene Geheimdienste und die Hand der ehemaligen Stasi immer stärker mit hineinspielen. Die Autorin hat selbst eine Zeitlang im Diplomatischen Dienst gearbeitet.

Zur Autorin

Jeannette Oertel ist in Halle/Saale und Ostberlin aufgewachsen. Sängerin zwischen ihrem 15. und 20. Lebensjahr. Gesangsstudium an der Musikhochschule Weimar. Danach Fremdsprachenstudium in Berlin. Tätigkeiten in internationalen Firmen in London, Brüssel, München und Berlin, wo sie auch im Diplomatischen Dienst gearbeitet hat. Veröffentlichung von Kurzgeschichten. Derzeit am Bodensee lebend. „Der wunde Himmel“ ist ihr Romandebüt.

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

Zur Autorin

Widmung

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

EPILOG

Dank

Impressum

Widmung

 

Für Mutter, Ilona

 

Der Mensch ist nur bedingt durch andere Menschen prägbar,

wenn er nicht gegen seine Natur leben will.

 

 

 

KAPITEL 1

Berlin-Tiergarten, Botschaft der Arabischen Republik Elydien

 

 

Was, wenn sie die Botschaft angreifen?«

Die Angst in Danas Stimme war nicht zu überhören. Aus ihrem Nackenknoten hatten sich einzelne Strähnen ihres schwarzen Haares gelöst. Nervös versuchte sie, sie zurückzustecken, aber ihre Finger zitterten zu sehr. Sie gab auf und schaute hilfesuchend zu dem Diplomaten Rayan Mansur, der mit uns am Fenster stand.

Er reagierte prompt. »Die Botschaft befindet sich unter völkerrechtlichem Schutz.« Seine Stimme war so besonnen wie immer. »Die Demonstranten dürfen sie nicht betreten.«

»Als ob im Zweifel jemand danach fragt«, warf ich ein.

Sicherlich nicht die Demonstranten, die vor der Botschaft tobten. Und mittendrin: wir. Seit einer Stunde hätten wir Feierabend gehabt, aber dank Sicherheitsstufe drei plus durfte niemand die Botschaft verlassen.

Rayan Mansurs Blick streifte mein Gesicht, verharrte einen Moment zu lange. »Das Gelände der Botschaft ist nicht exterritorial«, erklärte er. »Die Botschaft selbst schon. Wir sind hier sicher, Tabea.«

Sicher. Umgeben von einem Mob von Anhängern des elydischen Machthabers. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Unruhen zwischen ihnen und ihren Gegnern auch Deutschland erreichten. Und jetzt waren sie da. Vor der Botschaft. Um die Botschaft herum. Und wir waren hier drinnen.

Nervös sah ich zu den Demonstranten hinunter. Mein Blick kreuzte den eines kräftigen Mannes, der in der Masse stand. Er stieß seinen Nebenmann an und zeigte zu uns herauf. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück. Ich spürte feine Schweißtröpfchen auf meiner Oberlippe. Meine Handflächen waren nass.

»Dass der Botschafter sich seit einer Stunde nicht blicken lässt!«, machte ich mir Luft. »In so einer Situation!«

Am Griff der schwarzen Eichentür des Botschafters baumelte sein Bitte-nicht-stören-Schild. Hing es dort, wagte sich niemand zu ihm, nicht mal jetzt. Als ob der Wahnsinn da draußen nichts mit ihm zu tun hätte. Mir reichte es!

Kurz bevor ich die Eichentür erreichte, holte Mansur mich ein.

»Für den nächsten Schritt in dieser Regierungskrise braucht er die Abgeschiedenheit«, sagte er. Er sah mich an, wieder zu lange. »Bevor sich das Netz um ihn enger zusammenzieht.«

Dana erschrak über irgendetwas vor der Botschaft. Bei dem ansteigenden Lärm wollte ich lieber nicht wissen, worüber.

Im weichen Licht des Vorzimmers, weit genug vom Fenster entfernt, schlang ich die Arme um mich.

Ich sah mich um: Die grün-honigfarbene Komposition von Büromöbeln auf bunten Seidenteppichen war eine wackelige Gratwanderung zwischen Kitsch und erlesenem Geschmack. Seit sieben Wochen war dieses arabische Reich mitten in Berlin-Tiergarten mein neuer Arbeitsplatz.

Ich setzte mich auf meinen Schreibtisch, darauf standen zwei Tischwimpel der elydischen Staatsflagge.

An der Wand, links von unseren Schreibtischen, glänzte die Lifttür. Der gebürstete Edelstahl wirkte wie ein Fremdkörper in dieser orientalischen Pracht. Jedes Mal, wenn sich die Türen öffneten und Besucher für den Botschafter heraustraten, drang ein Stück der Musik zu uns. Im Aufzug spielte immer Musik: Klassik, Oldies, Filmmusik.

Rechts von mir waren zwei weitere elydische Nationalfahnen aufgebaut, daneben – hinter meinem Schreibtisch – prangte ein goldgerahmtes Porträt des elydischen Staatschefs Aladily. Sein wohlwollendes Lächeln im Schein der Standleuchte. Daneben öffnete sich der barocke Empfangssalon des Botschafters. Angesichts des Lärms, der von draußen zu uns drang, wirkte die ganze Szenerie wie eine brüchig gewordene Filmkulisse. Dana und Rayan Mansur kehrten vom Fenster zurück; im Gegenlicht sahen sie aus wie Schauspieler, die ihren Text vergessen hatten.

Plötzlich fing das blinkende Telefon meinen Blick. Ich erschrak – wie lange klingelte das schon? Hastig nahm ich den Hörer ab und hielt mir mit der anderen Hand das freie Ohr zu.

»Botschaft der Arabischen Republik Elydien in Berlin – Sekretariat des Botschafters – Tabea Blum?«

Genuschel am anderen Ende. Dann: »Deutsches Auswärtiges Amt. Sekretariat von Außenminister Ostwald. Der Außenminister möchte Ihren Botschafter sprechen.« Die latent ungeduldige Stimme klang unwirklich nahe.

Den deutschen und den elydischen Außenminister sollte ich dem Botschafter jederzeit sofort durchstellen, selbst beim heiligen Bitte-nicht-stören-Schild.

»Stellen wir beide gleichzeitig durch?«, fragte ich.

Bloß keine Sekretärin oder keinen Sekretär mit dem Botschafter verbinden – einer seiner bisher wenigen Dünkel.

»Selbstverständlich. Besten Dank«, antwortete er.

Schnell tippte ich die Tastenkombination, die den Außenminister auf direktem Weg mit dem Botschafter verband. Normalerweise. Er nahm nicht ab.

Ich drückte den Hörer Mansur in die Hand. »Er geht nicht ran, ausgerechnet bei Ostwald!«

»Das war zu befürchten«, sagte Mansur, selbst jetzt noch gut gezügelt. Seine Selbstbeherrschung begann mich zu nerven.

Ich eilte zu der schwarzen Eichentür und pochte, Türschild hin oder her. Keine Reaktion. Vorsichtig öffnete ich die Tür, erst einen Spalt, dann komplett: Das Zimmer war leer.

Ich ging durch das Botschafter-Zimmer zu seinem Bad, klopfte an, rief ihn, was ich sonst nie machen würde, öffnete auch diese Tür. Das Bad lag verlassen im Halbdunkel.

Ich schüttelte den Kopf, als Mansur mir den Telefonhörer entgegenstreckte. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten.

»Aber«, Dana sah erst mich und dann den Diplomaten alarmiert an, »er hat sein Büro doch gar nicht verlassen!« Ihre grünen Augen weiteten sich noch mehr.

Ich tippte die Ziffernkombination zum Makeln in die Telefontastatur. Ein Stein flog gegen den Fensterrahmen, ich fuhr zusammen, der Hörer fiel mir aus der Hand, ich hob ihn wieder auf, schaute Mansur in die Augen, sah Dana an, sah, dass Mansur sein Handy aus der Sakkotasche holte, während ich die Nummer des Botschafterhandys wählte, ohne hinzusehen. Es klingelte ins Leere. Ich makelte zur Nummer des Sicherheitsdienstes.

»Nein, Seine Exzellenz hat die Botschaft nicht verlassen«, bestätigte der Wachmann.

Ich tippte die Ziffernkombination und hatte den deutschen Außenminister am Apparat.

»Tabea Blum, Sekretärin des elydischen Botschafters, guten Tag, Herr Dr. Ostwald. Es tut mir leid, der Botschafter ist nirgends erreichbar.«

»Frau Blum?« Seine gefasste Stimme kannte ich bisher nur aus den Medien. »Es brennt. Treiben Sie ihn auf! Ich brauche ihn. Sonst kann ich nicht handeln, wie es im Interesse seines Landes wäre. Ich verlasse mich auf Sie.«

»Selbstverständlich, Herr Dr. Ostwald.« Ich sah den untersetzten, im Fernsehen immer entspannt wirkenden Weißhaarigen mit dem Silberblick vor mir. In meinem Bauch kribbelte es. »Ich suche ihn umgehend und richte ihm aus, dass Sie angerufen haben.«

»In Ordnung. Nennen Sie ihm als Stichwort: Die entführten Studenten. Danke.«

Die Verbindung war getrennt.

Erwartungsvoll betrachtete Dana mich, während Mansur hinter ihrem Schreibtisch am anderen Ende des Zimmers mit seinem Handy ein Gespräch auf Arabisch beendete.

»Ich habe Sicherheitstrupps angefordert«, erklärte er, als er zu uns zurückkehrte. Er war für die innere Sicherheit zuständig, wofür ich dankbar war.

Ich stellte den Telefonklingelton auf höchste Lautstärke und eilte zum Lift, dessen Türen sich mir schon öffneten.

»Dana, behalt das Telefon im Auge!«

Sie nickte. »Pass auf dich auf.«

»Klar«, erwiderte ich beherzt, doch mir war bang vor dem Lärm draußen. Die Aufzugtüren schlossen sich zwischen uns.

Ich drückte den Knopf in den dritten Stock, wo die meisten der Diplomaten arbeiteten. Aus dem Lautsprecher spielten Klavier und Saxofon federleichte, muntere Töne wie in einer Hotellobby – eine so zufriedene Melodie, dass man sie normalerweise kaum wahrnehmen würde. Ich presste meine Fingernägel in meine Handballen.

Endlich die dritte Etage. Sie lag in wie erstarrtem Dunkel, unterbrochen nur vom sanften Schein kleiner Wandleuchten.

Draußen wurden die Rufe drohender, jemand kreischte, ich zuckte zusammen.

Meine Absätze klackerten auf den Rauten und Sternen des dunklen Parketts, das Stakkato hallte von den kahlen Wänden wider. Es roch nach heimlich gerauchten Zigaretten und nach Moschus. Am Ende des Ganges hörte ich ein Murmeln. Erleichtert atmete ich aus. Vielleicht war der Botschafter dort? Ich folgte dem Murmeln bis ins hinterste Büro. Es gehörte Dr. Elin Turk. Elin Turk war Ärztin, sie koordinierte die medizinischen Untersuchungen des Botschafters. Sie schien beim Botschafter besonderes Vertrauen zu genießen, weshalb sie sich auch um Bewerbungssachen und Menschenrechtsangelegenheiten kümmerte. Das Murmeln verstummte. Ich stürmte ins Zimmer. Die erschrocken aussehende Frau und der bleistiftdünne Jan von Kessel saßen vor einem geschlossenen iPad. Von Kessels knochige Hand lag darauf, als hätte er es gerade erst zugeklappt.

»Haben Sie den Botschafter gesehen?«, fragte ich.

Beide schüttelten den Kopf.

»Das wäre auch das erste Mal, dass der hier wäre«, frotzelte von Kessel. »Er bestellt doch alle hoch zu sich.«

»Wenigstens einem von uns ist noch nach Scherzen zumute«, konterte ich und drehte mich auf dem Absatz um. Die Tür ließ ich offen.

Während ich an den übrigen, leer stehenden Zimmern entlang zurückhastete, wurden die Rufe vor der Botschaft wütender, auch englische waren jetzt darunter: »Wir zünden eure Botschaft an!«

Ein Schauder überlief meinen Körper. Ich erstarrte.

»Bitte verteilen Sie sich!«, befahl eine Männerstimme vor der Botschaft über ein Megafon der tobenden Menge.

War das schon einer von Mansurs Sicherheitstrupps?

Ich lief weiter, den verlassenen Gang weiter zum Aufzug.

Verteilen Sie sich! Das hatte ich schon mal gehört.

Bürger, hatte es damals geheißen, Bürger, verteilen Sie sich! Zwei Stasibeamte hatten das durch ein Fenster ihrer Zentrale in Berlin-Lichtenberg über ein ebensolches Megafon gerufen. Es war ein Montagabend im September 1989, ich war zwölf und der vor dem Lichtenberger Rathaus losziehenden Menschenmenge mit einer Mischung aus Neugier und Ungläubigkeit gefolgt. »Wir sind das Volk«, hatten sie immerzu gerufen. Was hatte ich mitten unter ihnen getan? Ich? Deren Vater Offizier im Verteidigungsministerium der DDR war ...

Immer mehr Mitschüler und sogar Lehrer hatten mich damals angesehen, als wäre das dasselbe gewesen, wie bei der Stasi zu sein.

Nach einem zehnminütigen Marsch zur Ruschestraße hatten die Demonstranten den Plattenbau der Stasi-Zentrale umzingelt, ich war mitgelaufen, unruhig, der Sog, der von dieser Menschenmenge ausgegangen war, war stärker gewesen. Die Rufe waren verstummt mit jedem der unzähligen brennenden Teelichter, die sie vor dem Gebäude aufgestellt hatten, und mit jedem war es stiller geworden. Das hatte mir Angst gemacht, und doch hatte es so viel Kraft besessen.

Ich schüttelte die Erinnerung ab.

Als ich den Aufzug betrat, hüpfte und trillerte die Klaviermusik darin wie zur Eröffnung eines Tanztees.

Vierter Stock.

Nach wenigen Schritten stand ich vor von Kessels Büro. Sein dunkles Sakko hing über der Stuhllehne, irgendwie schien es, als würde es mich belauern. Das Zimmer wirkte, ohne dass ich hätte sagen können, wieso, verkleidet wie der ganze von Kessel. Als würde es ein Geheimnis bergen und alles tun, es zu vertuschen.

»Bitte verteilen Sie sich!« Erneut das Megafon.

Ratlos eilte ich vorbei an Mansurs Büro, in dem lautlos der Fernseher lief. Ich lief weiter, an den Büros jener Kollegen vorbei, die das Glück hatten, heute pünktlich Feierabend gemacht zu haben. Bevor die Demo ausgebrochen war.

Die anderen Abteilungen betrat der Botschafter nie, dort zu suchen wäre Zeitverschwendung. Er konnte nur noch im Geheimtrakt sein. Aber wieso hatte er mir das nicht gesagt?

Am Ende des Ganges nahm ich die Treppe ins Kellergeschoss. Jetzt bloß keine Fahrstuhlmusik!

 

Im Kellergeschoss war der Lärm vor der Botschaft gedämpfter. Ein Geruch nach altem Staub und frischem Rauch sponn mich ein wie eine freundliche Spinne. Ich lief an dunklen Holzschränken vorbei, die der Wohnung meiner Urgroßeltern hätten entsprungen sein können: Wahllos nebeneinandergestellte Wandschränke aus der Zeit um die Jahrhundertwende auf abgewetzten Teppichen. Aus einer plötzlichen Laune heraus wollte ich einen der Schränke öffnen. Abgeschlossen. Ich versuchte es am Nebenschrank. Dasselbe. Auch an den anderen Schränken fehlten die Schlüssel.

Ich hielt inne. Meine Finger strichen über rissig gewordene Blumen-Intarsien. Was wohl darin war?

Während ich an den Schränken entlangging, verklang der Lärm der Demonstranten hinter mir wie der Abspann eines Filmes.

Dann, am Ende der Treppe, hörte ich ein Kreischen, das abrupt wieder abbrach. War das auf der Straße oder in der Botschaft?

Die Stille, die nach dem Kreischen eintrat, war absolut.

Stille, als hätte jemand den Ton ausgestellt.

Mir wurde kalt vom Nacken bis zur Stirn, mir war, als tanzten unter meiner Kopfhaut winzige Nadeln. Ich griff mir an die Schläfen, versuchte, ruhig zu atmen. Ein und aus. Ein und aus.

Sprengten sie die Demo mit Gewalt?

Was passierte da draußen?

Mansur hat alles im Griff.

Ich wiederholte den Satz wie ein Mantra und lief bis zum Ende der Treppe, durch die feuerfeste Tür im Keller, folgte dem Gang, nach links, unter dem Gebäude entlang, bog ab, bog ab, und kam schließlich vor einer weißen Kunststoffwand zum Stehen.

Ich gab den Code ein: Kazan*Kathedral*2024.

Was sich wohl hinter diesem Codenamen verbarg?

Die Wand glitt einen mannsbreiten Spalt auf, ich schlüpfte hindurch, sie schloss sich leise hinter mir. Doch der Bewegungsmelder reagierte nicht. Es blieb dunkel. Im Geheimtrakt war es so still, als hätte die Welt hinter der Kunststoffwand aufgehört zu existieren. Ich tastete mich zum Geländer vor und nahm vorsichtig die Stufen. Fünf bis zum Geheimzimmer des Botschafters. Ich klopfte. Stille.

»Your Excellency?«

An das diplomatische Protokoll, das diese ungelenke Ansprache gebietet, hatte ich mich immer noch nicht gewöhnt. Jetzt hielt ich mich an diesen Worten fest.

Ich klopfte erneut, fester diesmal. Keine Antwort.

Wo, verdammt noch mal, steckte der Botschafter? Wo? Ich schrie vor Verzweiflung, schlug gegen die Tür. Mein Herz raste.

Ratlos tastete ich mich zurück zum Geländer, die Treppen nach oben.

Der Bildschirm, auf den ich den Code eintippen musste, reagierte nicht.

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff. Erst der Bewegungsmelder, jetzt das Display! ... Der Geheimtrakt hatte einen eigenen Stromkreis, und der war ... ausgefallen! Oder hatte etwa ...

Übelkeit fiel mich an wie ein wildes Tier. Ich spürte den schnellen, lauten Schlag meines Herzens in den Ohren.

Hatte etwa jemand den Stromkreis unterbrochen?

Ich musste hier raus! Hart schlug ich gegen die Tür, rief, trommelte. Tränen schossen mir in die Augen.

Wer außer Mansur und Dana konnte wissen, dass ich hier war?

Die Stille kroch an mir hoch, umhüllte mich, verbarg mich. Sie verriet mich nicht, verriet mir aber genauso wenig, was da draußen geschah oder in der Botschaft. Sie tröstete und ermunterte mich nicht. Im Gegenteil.

Ich glitt auf den Boden und kauerte mich gegen die kalte Wand. Normalerweise hasste ich die vielen Überwachungskameras, mit denen die Botschaft gepflastert war. Sie gaben mir das Gefühl, gläsern zu sein. Jetzt, hier, sehnte ich sie herbei. Aber es gab keine Kameras hier. Denn diesen Ort gab es nicht. Der Trakt war geheim, so geheim, dass nur der Botschafter und Rayan Mansur ihn kannten. Und ich natürlich.

 

 

KAPITEL 2

Sechs Wochen zuvor

 

 

Schneegestöber wehte mich über die Marshall-Brücke, dem schlanken Bau mit den blauen Marmorfliesen entgegen. Die eingearbeiteten Elemente elydischer Geschichte wirkten monumental. Das Gebäude besaß nur ein großes Fenster zur Straße, ein winziges auf der linken Seite und ein weiteres, noch kleineres, direkt darunter. Als wären die Menschen darin eingekerkert.

Ich gähnte. Alle Knochen taten mir weh, und meine Augen brannten. Letzte Nacht hatte ich noch weniger geschlafen als in den Nächten zuvor.

Ab heute war ich die Sekretärin des Botschafters der Arabischen Republik Elydien. Wie sehr hatte ich in den Diplomatischen Dienst gewollt. Das Tor dazu hatte sich mir unverhofft über die ZEIT aufgetan, dabei gingen Jobs wie dieser sonst nur unter der Hand weg.

Doch seit meinem Vorstellungsgespräch Mitte Dezember hatte ich Albträume. Auch heute war ich daraus noch nicht wirklich erwacht.

Das Schneegestöber trieb mich in die größte Fremde, die ich je empfunden hatte.

Unter einer rotblinkenden Kamera schüttelte ich mir den Schnee von Schultern, Ärmeln und Stiefeln. Dann klingelte ich an dem massiven Eisentor. Kurz darauf öffnete es sich. Der Wachmann blickte finster. Er winkte mich durch ein weiteres Tor mit Metalldetektoren. Er kontrollierte meine zum Platzen gefüllte Tasche, als befänden wir uns am Flughafen.

»Sorry«, murmelte er. »Vorschrift. Morgen braucht es das nicht mehr. Willkommen in der Botschaft von Elydien, Mrs.Blum.« Sein Englisch klang wie falsch komponiert. »Ich sage oben Bescheid, dass Sie eingetroffen sind.« An der Wand hinter ihm flackerten mindestens dreißig Monitore. Offenbar zeigten sie die verschiedensten Winkel und Gänge der Botschaft. Auf manchen lief gerade ein Mensch durchs Bild. Unglaublich, dachte ich. So viele Kameras?

 

Im Foyer setzte ich mich in den lilafarbigen der fünf Ledersessel. Die anderen Sessel waren crémefarben, schwarz, weiß und gold. Die Farben ihrer Nationalfahne. Durch das Glas seiner Kabine belauerte der Wachmann mich.

Mein Herz ging immer schneller.

War es wirklich richtig, nach Berlin zurückgekehrt zu sein?

Als suchte ich nach einer Antwort, sah ich mich um. Von einem wandgroßen Bild neben mir blickte der elydische Staatschef Aladily auf mich herab. Zynisch und gütig. Hinter mir schwang sich ein goldenes Geländer zur Balustrade einer Empore hinauf. Die Balustrade war aus hellem Marmor. Wie der Eingang zu einem Festsaal, dachte ich. Darüber erhoben sich, das wusste ich, fünf Etagen. Neben der politischen Abteilung, für die ich arbeiten würde, gab es noch die Handelsabteilung, die Kulturabteilung und das Konsulat für Visa-Angelegenheiten.

»Guten Morgen, Frau Blum«, trällerte es plötzlich. Mit einem Ruck wandte ich mich um. Die Aufzugtüren hatten sich lautlos geöffnet. Eine grazile Frau in schwarzem Hosenanzug kam frischen Schrittes auf mich zu.

Ich stand auf.

»Ich bin Dana Dahl.« Sie reichte mir die Hand. Ihr dunkles Haar war zu einem Nackenknoten gesteckt. »Ich bin die Kultursekretärin des Botschafters.« Ihre grünen Augen funkelten in derselben Farbe wie der Stein ihres Ohrclips. Die Glitzersteinchen daran perlten in ihre Halsbeuge herab. »Mein Auto ist im Schnee steckengeblieben. Mensch, das war knapp heute!« Sie schimpfte und lachte zugleich.

Ich lächelte. Ich war angetan von ihrer Art, eine wildfremde Kollegin zu begrüßen.

»Ich bin Tabea Blum. Die Berliner Winter habe ich in München echt vermisst«, stieg ich auf ihren Ton ein, um das Flattern in mir zu beruhigen. Vergeblich.

Sie grinste und neigte den Kopf zurück. »München? Aber Sie sind doch nicht von dort?« Dana Dahls Wesen nahm das ganze Foyer ein.

»Nein. Ich bin Berlinerin. Aber ich habe zehn Jahre dort gelebt.«

Die Finger ihrer freien Hand spielten mit der Chipkarte. Ihre Fingernägel waren violett. »Und wann sind Sie wieder in Berlin angekommen?« Dana Dahls Stimme mit dem slawischen Akzent hallte um uns herum, sie erwärmte das Foyer und machte etwas in mir weiter. Weiter und leichter. Erst jetzt ließen unsere Hände einander los.

»In der Silvesternacht.« Ich lächelte breiter. »Mit meiner Maine-Coon-Katze und Goldregen über der Spree.«

Sie zuckte zusammen, als erinnerte sie sich an etwas. »Eine Maine-Coon! Die sind doch so anhänglich.« Der Stein an ihrem Ohr funkelte. »Und ja: feiern können sie in dieser Stadt.« Ganz kurz fühlte es sich an, als ob wir an der Bar eines Clubs stehen würden – nicht im Foyer der elydischen Botschaft.

Aus irgendeinem Grund wandte sie sich zu dem Wachmann um, und etwas an ihr erlosch. Der Wachmann beobachtete uns mit unbewegter Miene. »Gehen wir«, sagten sie und ich gleichzeitig. »Der Botschafter wartet ja schon seit Wochen auf Sie«, verkündete Dana Dahl. Ich schnappte meine Tasche. Auf dem roten Leder befand sich noch Schnee, Schnee, der auf dem hellen Marmorboden schmolz. »Die sieht schwer aus«, sagte Dana, dann flirrte sie wieder. Ihr Halstuch löste sich. Sie fing es auf. Steine wie der an ihrem Ohr umschmiegten ihren Hals. Ein fingerbreites Band. Wir gingen zum Lift.

»Die sieht so schwer aus, weil da Wörterbücher drin sind«, erklärte ich. Sie verstand sofort und kicherte. Plötzlich kam ich mir ein wenig altmodisch vor. »Die sind ziemlich speziell: Diplomatenenglisch und Russisch-Deutsch politisch. Findet man kaum im Internet.« Das Licht der Wandspots schien mit jedem unserer Schritte heller zu scheinen.

»Russisch?« Vor dem Lift blieben wir stehen. Dana Dahl zog die Brauen hoch und drückte den Fahrstuhlknopf. Dann verschränkte sie die Arme. »Da bekomme ich Heimatgefühle«, sagte sie.

»Sind Sie von dort?«

»Nein, nein.« Sie sah zu Boden.

»Und woher kommen Sie?« Die Frau machte mich wirklich neugierig.

Ihr Griff schloss sich fester um die Chipkarte, dann sah sie wieder zu mir. »Ich bin in Rumänien geboren. In Bukarest. Und in der halben Welt aufgewachsen. Ich bin ein Diplomatenkind.« Sie nickte zu der Empore über uns. »Ein Wanderkind.« Ihr Lachen riss mich mit.

Wir schlüpften in den Fahrstuhl. Noch einmal sah ich ins Foyer. Aladily auf dem Bild gegenüber sah plötzlich amüsiert aus. Als hätte jemand das Bild vertauscht! Und auf der Empore schien sich irgendwas zu regen, jedenfalls wirkte auch hier das Licht heller als vorhin.

Im Aufzug sang die Jazzpianistin Diana Krall Glad Rag Doll.

»Nett, was?«, frotzelte Dana Dahl. »Ich bin seit Dezember hier und frage mich immer noch: Wer sucht diese Musik aus? Was glauben Sie, was Sie hier alles noch hören werden!« Wieder lachte sie.

»Hätte ich hier nicht erwartet«, gab ich zu. »Keinen Jazz. Nach meinem Vorstellungsgespräch lief hier arabische Musik.«

Ebenso wenig habe ich hier jemanden wie Sie erwartet, dachte ich amüsiert.

»Und da sind wir schon!« Ihre Stimme klang aufgeregt und stolz. Die Aufzugtüren öffneten sich, und wir standen in dem Büro, das wir uns teilen würden. Elin Turk hatte es mir nach meinem Vorstellungsgespräch gezeigt.

Aus goldenen Stehlampen schien weiches Licht. Aladily auf dem Wandbild hinter meinem Schreibtisch lächelte wie gerade im Foyer. Meine Kopfhaut spannte. Die antiken Schreibtische und Wandschränke. Die mit grünem Samt bezogenen Schreibtischstühle. Die Blütenintarsien im Marmorboden. Ein Duft nach Zedernholz lag im Raum. Woher kam der? Dieser Raum wirkte überhaupt nicht wie ein Büro. Er erinnerte mich an orientalische Märchenfilme, die ich als Kind oft mit Vater angesehen hatte. Hier war Berlin weit weg. Die Malerei der Hamsa an der Wand hinter den Druckern, halb Palmenkrone, halb Hand – das arabische Symbol des Schutzes gegen Böses. Es erinnerte mich an meine letzte Reise mit Alex. In den Libanon. Als Mutter …

Nein! Jetzt nicht an Mutter denken. Nicht jetzt.

Ich musste zum Botschafter.

»Wollen wir uns nicht duzen? Passt doch viel besser zu uns.«

Das war vom Protokoll her viel zu früh. Ich musste schmunzeln. »Wieso nicht?«, erwiderte ich.

 

Den Weg zum Büro des Botschafters säumten elydische Standfahnen – ein goldener, darunter ein roter, darunter ein gelber Streifen. Ein schwarzer Stern in der Mitte des roten. Goldene Fransen darum. Würde und Feuer, dachte ich.

Ich pochte mit eiskalten Fingerknöcheln gegen die Tür aus schwarzer Eiche.

»Come in.« Der gelassene Bariton des Botschafters. Ich drückte die Klinke herunter.

Sehr aufrecht saß er am Ende des Raumes an seinem ausladenden Schreibtisch und lächelte.

Von wegen Raum! Sein Büro war ein Saal.

»Guten Morgen, Mrs.Blum.«

»Your Excellency.«

Es hatte etwas Feierliches, wie ich in dem orangefarbenen Licht auf den schlanken Fünfzigjährigen zuging. Ein wehmütiger Klang von Streichinstrumenten wogte durch den Raum. Ich erkannte Pachelbels Canon. Als würde gerade mein Schicksal eingeläutet, dachte ich bei dem drängenden Bass, der die Violinen begleitete. Wieso auch immer – es fühlte sich genauso an. Die Musik war eine Ode an die Verlorenheit, ein die Welt versöhnendes, eindringliches Geigenspiel, mitten ins Mark, Töne, zu denen man weinen wollte und feiern und jauchzen und sich gleichzeitig vor Trauer betrinken. Der weiche rotgoldene Teppich, über den ich ging – die antike Sitzgruppe rechts von mir –, die antiken Bücherschränke. Sogar eine Bar besaß der Botschafter. Wie bei meinem Vorstellungsgespräch belustigte sie mich, so widersprüchlich einladend, wie sie mir an diesem Ort erschien. Dahinter Kübel voller Amaryllis und Drachenbäume. Schon damals hatte ich gestaunt beim Anblick dieses orientalischen Gemachs. Hatte ich das Wort Gemach überhaupt schon mal gebraucht?

Aber das Bild neben ihm!

Das hing damals noch nicht dort.

Eigenartige Wesen waren darauf. Eins – halb Pferd, halb Mensch – schrie etwas, es schrie mitten in die Antike dieses Raumes. Ich ging weiter. Die Absätze meiner Stiefel bohrten sich in den flauschigen Teppich, es fühlte sich an, als würde ich jemanden verletzen. Ich löste den Blick von dem Bild und sah zum Botschafter. Der griff hinter sich und drehte die Musik in der Anlage aus Elfenbein hinter sich aus.

Dann wandte er sich mir wieder zu.

Sein bronzefarbener Teint. Sein glänzender Schädel. Seine erhabene Erscheinung in schwarzem Anzug, lichthellem Hemd und blauer Krawatte. Berater des elydischen Außenministers. Ständiger Vertreter der Vereinten Nationen. Ehemaliger Botschafter in Santiago de Chile, Zürich und Moskau.

Dass er unbedingt mich gewollt hatte! Wie oft Elin Turk deshalb bei mir angerufen hatte.

»Ich will nachher zum Botschafter gehen und sagen: Tabea Blum hat zugesagt!« Die ansonsten so forsche Elin Turk hatte den Satz wie eine Bitte ausgesprochen.

Und dann: »Der Job ist eine große Chance, Frau Blum: Das zu bewältigen, was Sie nach dem so erfolgreichen Vorstellungsgespräch in Berlin so verstört hat.«

Ich hatte ihr anvertraut, dass ich mich Stunden nach meinem Vorstellungsgespräch an Mutters früherem, heimlichem Versteck wiedergefunden hatte – einer Scheune am Seddinsee. Ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Der Ort war nur mit dreimal Umsteigen in den entlegensten Gegenden in Berlin-Köpenick zu erreichen. Was war an jenem Tag geschehen?

Ich hatte selbst das Dr. Turk erzählt. Wenn ich das Jobangebot schon so plötzlich ablehnte, wollte ich wenigstens ehrlich sein.

Wenig später hatte ich wieder zugesagt. Wohlgemerkt, nachdem der Botschafter ungefragt sogar mein Gehalt erhöht hatte – und das, obwohl sie mir beim Vorstellungsgespräch genug angeboten hatten.

Wieso das alles?

Bloß wegen meiner zehn Jahre bei Brenners, einer der größten US-Anwaltsfirmen?

Ich stand direkt vor dem Botschafter. Hinter seinem Schreibtisch lächelte er mich noch immer an. Das Eis um mich brach. Das Licht seiner Tischleuchte formte feinste Gespinste.

»Wie schön, dass Sie unser Angebot angenommen haben«, sagte er. »Nehmen Sie doch bitte Platz.«

Mühsam unterdrückte ich ein Gähnen. Gleich würde ich die Weichen für meine berufliche Zukunft stellen. Und das bei dem Schlafentzug, der mich allmählich aushöhlte. Ich riss mich zusammen, doch fühlte mich nur noch mehr wie in einem Körperpanzer. Schließlich setzte ich mich ihm gegenüber in einen Sessel aus messingfarbigem Samt.

Auf dem Sideboard hinter ihm bemerkte ich ein gerahmtes Foto. War das seine Frau? Und seine vielleicht fünfzehnjährige Tochter? Sie lachten, standen Arm in Arm in einem Regenwald. Vielleicht auf Sumatra? Da war ich vor wenigen Jahren gewesen, mit Alex.

»Wie geht es Ihnen, Mrs. Blum?«

»Bestens«, versuchte ich die Anspannung in mir wegzulügen.

Er musterte mich durch die hauchzarte Brille. Ganz kurz wurde die Brille sichtbar und schien wieder zu verschwinden.

»Sie sehen anders aus als beim Vorstellungsgespräch«, stellte er mit einer Mischung aus Neugier und leichter Missbilligung fest.

Nun, wo das Eis gebrochen war, hielt ich mich an zwei Schollen fest. Er hatte recht.

Ich trug mein Haar offen und blonder. Die schlaflosen Nächte schimmerten durch mein heute stärker aufgetragenes Make-up. Doch das wahre Anders musste mein figurbetontes Kostüm mit dem breiten Ledergürtel sein. Unter seinen Blicken fühlte es sich eine Größe zu eng an. Ich nahm mir vor, meine Kleidung ab morgen sorgsamer auszuwählen, und holte Luft, falls ich gleich von einer meiner Eisschollen abrutschen würde.

Das warme Licht tauchte den Botschafter und alles, was ihn umgab, in Milde. Er winkte ab. »Ist ja auch egal«, sagte er. »Was hat Sie denn so lange zögern lassen, diese Stelle anzunehmen?«

Ich kämpfte darum, nicht an meinen Eisschollen abzurutschen. »Meine Mutter hat in Berlin gelebt«, machte ich reinen Tisch. »Sie ist vor drei Jahren gestorben. Nach dem Vorstellungsgespräch, ich war direkt vom Flughafen zu Ihnen gekommen, hat Berlin mich sehr mitgenommen. Ich war seit ihrem Tod nicht mehr hier gewesen und war mir nicht sicher, ob ich hierher zurückkehren sollte.«

»Das tut mir sehr leid«, sagte er warm. »Doch gewiss haben Sie eine weise Entscheidung getroffen. Lassen Sie sich Zeit, hier anzukommen. Für welche Gegend in Berlin haben Sie sich denn entschieden?«

»Kreuzberg. Am Wasser. Ich lebe am liebsten am Puls. Die Wohnung habe ich an Weihnachten ungesehen gemietet.« Ich lachte und kam endlich an. Zumindest in diesem Zimmer. Der Botschafter räusperte sich. Seine Haltung wurde noch aufrechter, den Blick hielt er unverwandt auf mich gerichtet.

»Das meiste erläutere ich Ihnen, wenn die Situation akut wird. Doch das vorab: Die Botschaft besteht aus diesem Gebäude und meiner Residenz in Westend. Dort halte ich die geheimen Empfänge ab. Also jene Empfänge, die nicht Dana Dahl, sondern Sie organisieren werden. Die offiziellen Empfänge finden hier, im Festsaal über der Lobby, statt.«

Er stützte seine Ellbogen auf den Schreibtisch und verschränkte die Finger unter dem Kinn.

»Sie wissen, dass ich meiner Regierung über Deutschland berichte. Dabei vertrete ich die Interessen aller Elydier. Wir erschaffen uns dafür ein sehr feines Nachrichtennetzwerk, Mrs.Blum. Ihr Job unterliegt dabei der höchsten Schweigepflicht.« Er löste seine Hände voneinander und stand mit einem Ruck auf. Er fixierte mich mit einem Blick wie ein Skalpell. »Ich hoffe, Schweigen fällt Ihnen leicht?«

Ich umklammerte meine Eisschollen.

»Sagen wir: Ich habe früh eine der hintergründigsten Schulen des Schweigens absolviert.«

»Durch Ihren Vater? Er war in der DDR ja eine Legende.«

Was? Was sagte er da?

Ich täuschte ein Lächeln vor, doch ich konnte nicht verhindern, dass ich rot wurde.

Natürlich hatte er Erkundungen zu meiner Herkunft eingezogen. Da machte ich mir nichts vor. Nicht im diplomatischen Dienst.

Etwas zog meinen Blick wieder zu den Menschtieren hinter ihm. Das Licht aus den Bilderleuchten flimmerte, es sah aus, als würden die Wesen sich bewegen. Sich bewegen und schreien – eins halb Katze, ein anderes halb …

Ich sah wieder zu ihm. »In einer Kindheit wie auf einem Tretminenfeld lernt man zu schweigen.« Das sollte deutlich genug sein. Mehr wollte ich nicht preisgeben. Noch nicht.

Die Röte wich nur langsam aus meinem Gesicht.

Er sah aus, als fühlte er, was ich fühlte.

»Verstehe.« Seine sonore Stimme legte sich um mich. »Aber es ist doch auch so: Je mehr Gefahren wir durchstehen, desto sicherer wird unser Instinkt für ungeahnte Möglichkeiten.«

»Durchaus«, entgegnete ich. »Oder man zerbricht daran.«

Wie Mutter, dachte ich.

Mein Privatleben hatte er beim Vorstellungsgespräch nicht berührt. Vielleicht, weil der elydische Militärattaché und Elin Turk dabei gewesen waren.

Er setzte sich wieder. Ohne den Blick von mir zu wenden. Seine Schreibtischunterlage erinnerte mich an Onyx. Mitten darauf legte er seine Handflächen aneinander. Ich bewunderte seine Manschettenknöpfe aus Platin. Den Siegelring mit der sicher handgestochenen Sonnengravur. Etwas sehr Stilles schirmte sein Reich von der Welt außerhalb dieses Zimmers ab.

»Lassen Sie niemanden in der Botschaft zu nahe an sich heran. Das könnte Ihre Arbeit behindern. So sehr manche hier Sie dazu verleiten könnten. Und was das Personal angeht: Lassen Sie Anweisungen nie wie Fragen klingen!«

Das klang herablassend. Ich nickte trotzdem. Ich würde das auf meine Weise regeln.

Ich war erleichtert, dass er nicht weiter von Vater sprach.

»Ich erwarte Ihre Anwesenheit auf allen Empfängen. Das Personal soll Sie bei der Vorbereitung unterstützen. Die elydischen Minister statten Berlin regelmäßig Besuche ab. Wir haben viele hochrangige Gäste – den deutschen Bundespräsidenten und Bundestagsabgeordnete. Manchmal werden Sie vor laufenden Kameras dolmetschen müssen. Kriegen Sie das hin?«

Mir wurde feierlich zumute und auch ein wenig bang, doch das würde sich wieder legen. Schließlich hatte ich mir seit Monaten einen solchen Job gewünscht. »Natürlich, Your Excellency.«

»Sie wissen, dass ich erst seit Dezember hier bin. Viele Leute verlangen am Telefon nach mir. Nicht selten berufen sie sich auf einen exzellenten Kontakt zu meinem Vorgänger. Das ist oft ein Trick! Und selbst, wenn es stimmt, ist das noch lange kein Ticket zu mir. Holen Sie immer erst Informationen über die Anrufer ein. So viele, wie Sie bekommen. Ich entscheide dann, wer mir wichtig ist. Jederzeit durchstellen hingegen werden Sie mir sämtliche Minister, Staatschefs und Botschafter dieser Länder hier.«

Er reichte mir eine überschaubare Liste. Ich überflog sie. In den meisten Staaten war ich bereits gewesen.

»Natürlich«, sagte ich, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Alles in mir feierte. Ich würde es schaffen! Trotz der Albträume.

Ich schlug die Beine über und zog meinen Rocksaum Richtung Knie. Zeit für meine wichtigste Frage. »In der Stellenausschreibung stand Voraussetzung: Verhandlungssicheres Englisch. Wieso nicht Arabisch?«

Behutsam strich er sich übers Kinn.

»Englisch ist hier die gängige Diplomatensprache. Damit werden Sie voll und ganz zu tun haben. Zumal ich kein Deutsch spreche und Sie mir viel werden übersetzen müssen.«

Meiner Frage wich er so deutlich aus, dass ich sicher war: Da steckte was dahinter.

Er beugte sich zu mir. »Die politische Situation in Elydien könnte bald umschlagen. Durch die Medien sickert nichts durch, dafür sorgen wir, und noch schaffen wir das ohne Mühe. Diktatur und Diplomatie sind zwei Spieler, die vierhändig am selben Klavier spielen. Aus unterschiedlichen Stücken. Ich mache Harmonien daraus, und Sie werden mir dabei helfen, Mrs. Blum. Dabei interessiert mich nicht, was Sie tun. Mich interessieren die Resultate. Zu Kontakten mit der Presse und dazu, was Sie beim Dolmetschen weglassen werden, erkläre ich Ihnen mehr, wenn es so weit ist.«

Seine Anweisung war wie ein Schuss aus einer Waffe, die haarscharf an mir vorbeizielte.

»Doch Vorsicht: Sie könnten die kulturellen Unterschiede zu den Amerikanern, für die Sie zuvor gearbeitet haben, drastisch spüren. Die erste Zeit wird eine gewaltige Herausforderung für Sie. Aber«, sein Lächeln von vorhin blitzte wieder auf, »Wale, die man fängt, kann man sich zum Freund machen.«

Wale, die man fängt, kann man sich zum Freund machen? Der Botschafter hatte eher was von einem Hai.

»Was andere Menschen verunsichert, macht mich erst neugierig«, parierte ich. »Das ging mir immer schon so. Trotz oder gerade wegen des Tretminenfelds.« Auch ich lächelte.

Er schaute listig, und dann schenkte er mir zum ersten Mal ein offenes Lachen, was mich für ihn einnahm.

»Mrs. Blum, gehen Sie bitte noch heute zu Rayan Mansur. M a n s u r.« Er buchstabierte den Namen wie einen Geheimcode. »Er hat einige technische Informationen für Sie.«

 

»Tabea!« Dana starrte mich an. »Du warst aber lange bei ihm. Wie ist es gelaufen?«

»Intensiv. Er ist ...«

Ich war unsicher, wie viel ich ihr von dem Gespräch erzählen durfte, also brach ich ab.

Was wusste der Botschafter von Vater?

Ich hatte gehofft, dass seine Vergangenheit nie wieder eine Rolle in meinem Leben spielen würde.

»So viel Zeit nimmt er sich doch sonst für niemanden.« Mit abgebrochenen Sätzen musste man Dana offensichtlich nicht kommen.

Das Telefon. Dankbar für die Unterbrechung hob ich ab und meldete mich, als würde ich schon Jahre hier arbeiten. Das Sekretariat des Bundestagsabgeordneten Crailhaim! Der gerissenste Politiker in der großen Koalition. In meinen Händen prickelte es.

Während ich telefonierte, kam ein großer, dunkelhaariger Mann aus dem Fahrstuhl. Sein magnolienweißes Hemd brachte seinen zart sonnengebräunten Teint zum Leuchten. Dana und er küssten sich auf die Wangen. Dann wandte er sich mir zu, und die Zeit dehnte sich. Er erschien mir vertraut und fremd zugleich. Er stieß mich ab und zog mich an. Seine Schönheit besaß etwas Zerstörerisches. Er ist viel zu schön, dachte ich, wie in zu harten Farben gemalt. Ohne den Blick von ihm zu lassen, kritzelte ich die Agenda für das erwünschte Meeting von Crailhaim mit dem Botschafter auf meinen Block. Der Mann sagte etwas zu Dana, dann sah er mich wieder an, mit unruhigem Blick. Als ich endlich Abschiedsfloskeln mit Crailhaims Sekretärin austauschte, schlossen sich die Lifttüren hinter ihm.

 

 

KAPITEL 3

 

Rayan Mansur kam uns auf dem Gang entgegen. Er trug jetzt ein dunkles Sakko, das ihm etwas Feierliches verlieh. Er sah mich an, als erwachte er.

Seine Gesichtszüge besaßen etwas Klassisches. Seine schwarzen Augen und das tiefe Blau seines Sakkos brachten die Nacht in ihm zum Ausdruck. Dieser Mann schillerte tragisch schön. Zu schön, dachte ich wieder. Mich interessierten Ecken. Kanten. Und Tiefe, die perfekte Schönheit oft ausschloss.

Er wandte sich Dana zu und streckte ihr seine Hände entgegen. Sie ergriff sie, beide lachten.

Dann flog sein Blick wieder zu mir.

»Rayan, das ist Tabea Blum.« Dana ließ seine Hand los. »Die neue Assistentin des Botschafters. Tabea – Rayan Mansur. Er ist für die innere Sicherheit zuständig und für noch viel mehr – Sachen, die du garantiert nicht im Intranet findest.« Ihre Stimme hüpfte durch den Flur. Um uns war es so still, als würde die gesamte vierte Etage schlafen. »Aber das erzählt er dir besser selbst, was, Rayan?«

Er grinste, hob den Daumen und zwinkerte ihr zu.

»Herzlich willkommen, Mrs. Blum. Es freut mich sehr.«

Der Sicherheitschef sprach leise.

Er fungierte als ranghöchster Diplomat hier, so viel hatte das Intranet mir immerhin verraten. Ihm unterstanden die ausländischen Mitarbeiter. Auch Bewerber kamen nicht an ihm vorbei. Wieso lernte ich ihn dann erst jetzt kennen?

Seine Augen. Als würde man sich auf einem Meeresboden verlieren.

Welches Meer grenzte noch mal an Elydien – seine Heimat, die zu achtzig Prozent aus Wüste bestand?

Durch so viele arabische Länder waren Alex und ich gezogen. Elydien hatten wir, wieso auch immer, ausgelassen. Wir würden es auch nicht nachholen. Vor einem Jahr hatten wir uns getrennt, und das war auch gut so.

Als hätten wir alle Zeit der Welt, schlenderten wir gemeinsam zu Mansurs Büro. Dana erzählte eine witzige Episode ihrer Silvesterfeier im Verteidigungsministerium. Mansur lachte wie ein Junge. Ich hörte nur halb hin, doch ich erfuhr, dass Danas Mann dort arbeitete.

Eindringlich unterstrich Dana ihre Erzählung mit den Händen. Abwechselnd schaute sie zu ihm und zu mir. Sie könnte Künstlerin sein, dachte ich.

Mansurs Lachen verlor seine Jungenhaftigkeit, als er mir erneut in die Augen sah. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.

»Hier sind wir, Tabea.« Dana zeigte sich mir so zugetan, wie ich es mir an meinem ersten Arbeitstag nicht mehr hätte wünschen können. Und doch entspannte ich mich nicht. Nicht in der Gegenwart dieses Mannes.

Wieder fiel mein Blick in das Meer in seinen Augen.

Ich würde mich nicht darin verlieren. Dafür war meine Position als enge Vertraute des Botschafters zu frisch und zu wertvoll. Außerdem befand ich mich am Anfang eines völlig neuen Lebens. In das erst mal Ruhe einkehren sollte.

»Ich lasse euch dann mal allein.« Dana ließ uns stehen und ging zurück zum Aufzug. Auf einmal fehlte sie mir schmerzlich.

 

Die Heizung in seinem Büro verströmte Wärme, und es roch nach Rauch. Sonst störte mich Zigarettenrauch. Hier sog ich den Geruch ein wie etwas Angenehmes.

»Setzen Sie sich doch.« Er lächelte, als spielte irgendwo hinter uns eine traurige Sinfonie.

Hinter ihm lief ein Fernseher: Al-Dschasira zeigte eine Menge Männer in Dishdashas – weißen, bodenlangen Hemdkleidern. Kittel, wie jene Männer sie trugen, unter denen ich in Muscat, im Oman, an der Uferpromenade gesessen hatte. Es war meine erste Arabien-Reise gewesen, der Abend meiner Ankunft. Der Himmel war flamingorot gewesen. Ich hatte auf Alex gewartet, hatte mich wie verloren und doch getragen gefühlt von der Besonnenheit, die diese Männer ausstrahlten, während sie sich leise unterhielten. Ich war eingetaucht in den Duftrausch aus Aprikose, Vanille und Minze, der ihren Shishas entströmt war. Befremdet und verlegen hatten sie bisweilen zu mir herübergesehen und dann wieder jeden Blickkontakt vermieden, oder ich hatte ihn vermieden. Und dann hatte sich Alex’ Hand auf meine Schulter gelegt, so sanft, dass ich nicht mal erschrocken war. »Rauchen wir Shisha, Tabea?«, hatte er gefragt, lauter, als es diesem Ort guttat.

Hier, im Fernseher, diskutierten die Männer zornig miteinander und gestikulierten wild. Eine Sekunde lang starrte ich hin, dann nahm ich auf der schwarzen Ledercouch direkt gegenüber dem Fernseher Platz.

Das Büro des Diplomaten erinnerte mich in seiner Kargheit an eine Kaserne. Als einziger Schmuck prangte die silbern gerahmte elydische Staatsfahne neben der Tür.

Dann bannte das Foto auf dem Couchtisch meinen Blick. Den Fotorahmen zierten filigrane Amethyste. Auf dem Foto lehnte, an ihn geschmiegt, eine junge Frau. Sie lachte. Ihre Augen flackerten provozierend. Siegessicher. Ihr Haar wallte über ihre Schultern, goldene Strähnen vermischten sich mit kupferfarbenen. In ihren Armen hielten sie drei Jungs, ich schätzte sie auf vier, sechs und acht Jahre.

Ich sah wieder zu Mansur. Der setzte sich in einen der beiden Sessel mir gegenüber und griff nach dem Zigarettenetui neben dem Foto. »Möchten Sie auch eine?«

»Nein, danke. Ich rauche nicht.«

Er legte das Etui wieder zurück. Er ließ mich nicht aus den Augen. Der Tumult im Fernseher schien ihn nicht im Geringsten zu interessieren.

»Der Botschafter hat sehr von Ihnen geschwärmt.« In seinen Blick mischte sich etwas Wehmütiges. »Sie hatten den anderen Bewerbern viel voraus. Zehn Jahre Chefsekretärin bei Brenners: Berlin – London – Brüssel – München. Dazu ist Ihre Schönheit außerordentlich.«

Wie bitte?

Im Fernsehen ging einer der Männer mit Fäusten auf einen anderen los. Gebrüll brach aus. Jetzt wandte auch Mansur sich dem Bildschirm zu. »Entschuldigung. Den habe ich vergessen.« Er griff zur Fernbedienung auf dem Couchtisch. Ruhe kehrte ein.

Elin Turk huschte ins Zimmer. »Ah, Frau Dr. Turk!«, begrüßte er sie. »Sie kennen sich ja schon. Dr. Turk hat ihr Büro im dritten Stock und koordiniert die medizinischen Untersuchungen des Botschafters, aber das wissen Sie vermutlich bereits. Sie ist mit dem Haus verwachsen.« Er lächelte. »Sie hat schon für unsere letzten fünf Botschafter gearbeitet.«

Die Ärztin und ich musterten uns. Ihr rotes Haar war hochgesteckt. Sie trug einen braunen Pullover über einer an den Hüften etwas knappen, hellen Hose. Ihre Lippen waren rotbraun bemalt. Ihre stark getuschten Wimpern fingen meinen Blick ein.

»Willkommen, Frau Blum! Wie schön, dass Sie doch noch zu uns gefunden haben.« Ihr fast akzentfreies Deutsch. »Das wird spannend hier für Sie. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.«

Na, das war mal eine spritzige Begrüßung!

»Danke, Frau Dr. Turk. Ich freue mich schon darauf.«

Sie lächelte. Etwas Freches loderte in ihren Augen. Aber auch Bewunderung.

»Gemeinsam werden wir es schaffen.« Ihr Lachen klang hochmütig, was mich kurz irritierte.

Der Diplomat beugte sich zu mir. »Mit Dr. Turk sollte man sich gutstellen. Sie ist die, die unsere Mitarbeiter heuert und feuert.«

Amüsiert schüttelte Dr. Turk den Kopf.

»Ein Scherz«, schob er nach. »Könnten Sie uns bitte Ihren Personalausweis und Reisepass überlassen?«, fragte Mansur dann. »Für das Außenministerium in Elydien.«

»Selbstverständlich. Dr. Turk hatte mich schon vorgewarnt, dass Sie sie haben wollen würden.«

Kurz sah er aus, als hätte sie ihn dabei übergangen. Er beobachtete, wie ich in meiner Handtasche wühlte. Wo war der blöde Reisepass?

Da lag er! Ganz unten.

Ich reichte ihm meine Papiere. Er blätterte meinen Reisepass durch und reichte dann beide Dokumente an Elin Turk weiter.

»Wir behalten beides bis Montag«, erklärte Mansur. »Ich werde dann Ihre Sicherheitsüberprüfung einleiten.«

Ich nickte, als machten mir ihre sonderbaren Vorschriften nichts aus.

»Die Überwachung ganz am Anfang ist Bedingung für den Job«, hatte Elin Turk mir erklärt. »Sie dauert sechs bis acht Wochen.« Ich hatte beschlossen, nicht darüber nachzudenken.

»Danke, Elin«, sagte er.

Ohne mich noch einmal anzusehen, verschwand Frau Dr. Turk. Sie zog die Tür sehr leise hinter sich zu.

 

In der folgenden Viertelstunde erklärte mir Mansur die Botschaftshierarchie. Immer wieder machte er Pausen, als wartete er auf etwas. Er war näher gerückt, in den Ledersessel rechts neben dem Couchtisch.

Alles in mir warnte mich vor ihm.

»Es wird Zeit brauchen, aber ich wünsche mir, dass Sie sich hier bald wie in einer großen Familie fühlen.«

Das Wort Familie traf mit meiner Ur-Sehnsucht zusammen. Seit Mutters Tod existierte dieses Riesenloch in mir.

»Wir verbringen hier schließlich sehr viel Zeit miteinander.« Er zog eine Visitenkarte aus seiner Sakkotasche und reichte sie mir. »Sollte Sie mal was bedrücken – wenn Sie mit dem Botschafter ein Problem haben oder anderweitig Rat brauchen –, rufen Sie mich einfach an. Jederzeit.«

Ich hob eine Braue. Sollte ich mit dem Botschafter ein Problem haben, würde ich es mit ihm selbst klären.

»Manche hier rufen mich mitten in der Nacht an. Auch das ist kein Problem.« Er bemühte sich, mich in sein Vertrauen zu ziehen, ich aber wollte nicht von dort weg, wo ich war.

Er schien meinen Widerstand zu spüren und wechselte das Thema. »Innerhalb der Botschaft gelten unterschiedliche Sicherheitsstufen. Das Herzstück sind Sie, Dana Dahl und der Botschafter. Hier sprechen wir von Sicherheitsstufe zwei. Alles andere, auch die Außenbereiche, sind Sicherheitsstufe eins.« Er griff in sein Sakko und holte eine Plastikkarte mit Hologramm hervor, eine, wie Dana sie in der Hand gehalten hatte. »Die Eins und Zwei sind vom Lift aus frei zugänglich. In die Archive im Keller und die Besprechungsräume kommen Sie nur mit dieser Karte. Dann gibt es noch den Geheimtrakt. Der hat Sicherheitsstufe drei. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen!«

Sein Telefon klingelte. »Excuse me, Mrs. Blum.«

Ich stand auf. Ging zum Fenster, einem der wenigen in der Botschaft. Hinter mir telefonierte er auf Arabisch. Ich sah den Schneeflocken zu. Unentschlossen trieben sie umher. Wie Sehnsüchte, kurz bevor wir sie uns eingestehen.

Abrupt verstummte seine Stimme.

Er stellte sich neben mich und sah mich an, als suchte er etwas in mir, etwas, das ihn nichts anging. Dann legte er seine Hand auf meinen Unterarm. Wieso tat ich, als störte es mich nicht, ja, als fiele es mir nicht einmal auf?

 

Der Keller hatte nichts von einem Keller – eher von einer Filmkulisse, aufgebaut am falschen Ort.

Antike Vertikos und Schränke aus Nussbaum. Die Lampen dazwischen ähnelten Scheinwerfern, sie spendeten ein unwirkliches grünliches Licht. Durch dieses Licht rieselte feiner Staub. Ein Geruch lag in der Luft, wie er entsteht, wenn auf einer Bühne Nebel erzeugt wird. Ein Geruch nach Plastik und süßem Rauch.

»Sind da drin Akten?« Ungläubig wies ich auf ein Sideboard aus den Jahrhundertwende-Möbeln.

»Größtenteils.«

Ich mochte nostalgische Möbel. Ich ging zu einem der Schränke und berührte das splitterige Holz.

»Die haben keine Schlüssel«, fiel mir auf. »Zumindest der hier nicht. Sind die …« Ich schaute mich um. Soweit ich erkennen konnte, steckte an keinem der Schränke und Vertikos ein Schlüssel. »Sind die alle abgeschlossen?«

»Ja. Darin befindet sich ziemlicher politischer Zündstoff. Lageplan und Inhaltsverzeichnis für all diese Möbel können Sie auf einem Sonder-Server im Intranet einsehen. Ich werde es für Sie freischalten und Ihnen auch die Schlüssel für die Schränke geben – nach Ihrer Sicherheitsüberprüfung.«

Ich nickte, wunderte mich noch immer, doch ich lächelte.

»Na dann!«

Wir gingen weiter. Hinter einer feuerfesten Tür bogen wir ab.

»Wofür sind Sie eigentlich noch zuständig?«, fragte ich beiläufig.

»Israel. Palästina. Wir wollen verhindern, dass unsere Botschaft nach Jerusalem zieht. Jerusalem ist völkerrechtswidrig annektiert. Die meisten Länder scheinen das so zu sehen, weshalb ihre Botschaften sich in Tel Aviv befinden, also im jüdischen Kernland.«

Er dachte wie ich, das überraschte mich. Unter Alex’ Freunden war meine Einstellung nie geteilt worden. Ich aber hatte die gespaltene Realität in Israel und Palästina hautnah erfahren.

Wir folgten einem langen Gang. »Und wir haben die Situation in Gaza und Hebron im Auge. Ich arbeite daran, dass der Westen in Bezug auf die Menschenrechtsverstöße dort noch zielgerichteter mit uns zusammenarbeitet. Das erfordert enormes Fingerspitzengefühl.«

»Das glaube ich.«

Sein Blick fixierte mich. Er blieb stehen.

Ich ebenfalls.

»Haben Sie die Pulverfass-Situation in Jerusalem selbst erlebt? Sie sind ja viel gereist, habe ich gehört.«

»Das stimmt.« Ich lächelte ihn offen an. »Und in Jerusalem habe ich so manches erlebt, wovon die Presse leider kaum berichtet.«

Ich ging weiter. Er auch.

Der Gang endete vor einer weißen Kunststoffwand.

»Na dann!«, wiederholte er meine Worte von vorhin und schmunzelte. Auch ich musste schmunzeln.

»Hier beginnt der Geheimtrakt.« Er wies auf den Bildschirm in der Tür. »Niemand außer uns und dem Botschafter kennt diesen Ort.« Er sagte es, als würde ich die engste Vertraute eines Staatsoberhaupts oder Königs. »Der Türcode lautet: Kazan*Cathedral*2024.« Er tippte ihn ein. Dann schaute er mir in die Augen, als ob zwischen uns ein Spiel eröffnet würde.

Die Tür hinter der Kunststoffwand erinnerte mich an die des Botschafterbüros. Rayan Mansur öffnete die Tür, und wir traten ein.

Aber das durfte doch nicht wahr sein!

Nicht nur die Tür, der gesamte Raum war eine Miniaturausgabe des Botschafterbüros. Selbst die Musikanlage aus Elfenbein und die Bar besaßen hier ihre kleineren Doubles. Allerdings waren auf dem Bild an der Wand keine Menschtiere, sondern drei Balletttänzerinnen abgebildet. Sie lehnten ihre Köpfe aneinander. In ihren Blicken schwammen Tränen, die sich nicht aus den Augen wagten.

»Wahnsinn«, rutschte es mir heraus, was ihn zum Schmunzeln brachte. »Eine Parallelwelt – nur ein wenig trauriger.« Ich wies auf das Bild.

Er betrachtete es wie zum ersten Mal. Wieso kam er mir einen winzigen Augenblick lang so vertraut vor? Als hätten wir gerade ein Stück Zukunft miteinander erlebt und es zu früh wieder verlassen und vergessen.

Er sah mich an, als hätte er gerade dasselbe empfunden. »Dieses Zimmer«, sagte er dann, »ist für Krisensituationen oder Angriffe auf die Botschaft errichtet worden.« Er hielt inne. »Niemand in der Botschaft darf von diesem Ort erfahren.«

»Darauf können Sie sich verlassen.«

Wir sahen einander an, als vertrauten wir uns.

Auf der zweiten Etage war es dunkel und still, als wäre es Nacht. »Das ist die Abteilung für Visa-Angelegenheiten«, erklärte Mansur. »Der Raum für Besucher ist hier.« Er schob mich in ein Zimmer, das silberfarben möbliert war. Von überallher schimmerte gedämpftes Licht wie aus vielen Kerzen. Vergebens suchte ich seine Quellen. Gegenüber der Eingangstür hing das Foto eines stolzen Aladily. »Hier schläft heute alles. Da aber nicht.« Er wies zum Nebenzimmer. »Dort arbeiten die Mitarbeiter hinter den Kulissen, unermüdlich.« Gelbes Licht waberte aus der offenstehenden Tür. Wir betraten den Raum. Ich musste schlucken. Diese Kluft zu dem verschwenderischen Reichtum der übrigen Botschaft. Drei ältere Elydier saßen auf Plastikstühlen vor einem Sprelacart-Tisch, wie ich sie noch aus der DDR kannte. Zwischen Bergen von Papier und Unmengen von Reisepässen ragten Tischwimpel der elydischen Nationalfahne hervor. Hinter und neben den Männern standen zerkratzte Plastikschränke. Über einer ebensolchen Kommode hing ein goldgerahmtes Aladily-Porträt. Der Staatschef sah hier besonders stolz auf uns alle herab. Das Bild war halb so groß wie die von offenbar tausenden gerauchten Zigaretten vergilbte Wand, tausende Zigaretten, die ich noch zu riechen glaubte. Anders als in Mansurs Büro war mir der Geruch hier unerträglich.

Die Männer begrüßten uns herzlich. »Das ist Tabea Blum – die neue Assistentin des Botschafters.« Er nannte mir ihre blumigen Namen, an diesem grauen Ort klangen sie wie aus einem Märchen. Wir gaben uns die Hände. Sie trugen allesamt Brillen mit angebrochenem Plastikrand. Einer hatte seine Brille mit einem grünen Gummiband hinter dem Ohr festgezurrt. Die gütigen Augen dieser Männer. Sie hatten sofort meine volle Sympathie.

Mansur nahm sich Zeit für sie. Sie unterhielten sich auf lebhaftem Arabisch. Es war mir ein Rätsel, dass Arabisch hier keine Pflichtsprache war.

Immer wieder lachte der Sicherheitschef warm. Hier kämpfte er nicht um Vertraulichkeit – er ließ sie einfach entstehen. Auch die Männer lachten, dabei entblößten sie braune Zähne und Zahnlücken. Etwas Kaltes durchfuhr mich. Trauer. War die Armut in ihrer Heimat noch viel bitterer, als ich gehört hatte? War dies das geheim gehaltene zweite Gesicht ihres Landes?

Ich gab mir einen Ruck und errang meine Fassung zurück, hoffentlich, noch ehe jemand bemerkte, dass ich sie kurz verloren hatte.

 

Inzwischen befanden wir uns wieder auf der vierten Etage.

Die Stimmung zwischen uns war und blieb sonderbar. Immer wieder sah der Diplomat mir in die Augen. Und immer wieder wanderte sein Blick zu meiner Taille und zu meinen hochhackigen Stiefeln. Etwas in mir mochte diese Blicke, und doch hielt ich sie nicht aus. Sie passten nicht hierher.

»Und jetzt«, sagte er, »jetzt stelle ich Ihnen einen ganz besonderen Mitarbeiter vor. Er ist soeben aus dem Urlaub zurückgekehrt.«

Übertrieben feierlich öffnete er eine Flügeltür. Hinter einem überbordenden Schreibtisch stand ein schmächtiger, blasser Mann. Sein Haar glänzte blau-schwarz, er trug es pomadisiert.

»Das ist Jan von Kessel. Er ist verantwortlich für interkulturelle Beziehungen und arbeitet schon über dreißig Jahre für uns. Davor hat er lange im Ministerium der Staatssicherheit der DDR gearbeitet. Bis zum Mauerfall. Er spricht auch hervorragend arabisch.« Rayan Mansur sprach Ministerium für Staatssicherheit aus wie eine Auszeichnung. Wie eine falsch übersetzte Vokabel. Wie sollte ich in so einer Situation reagieren?

Jan von Kessel sah aus wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto. Um ihn herum standen Schränke wie die im Keller. Es fühlte sich an, als hätte sich mit der Flügeltür ein verblichenes Zeitalter geöffnet.

»Jan, das ist Tabea Blum. Die neue Assistentin des Botschafters.«

Von Kessel betrachtete mich mit einem fernen Lächeln, so fern, dass ich es mir ebenso gut einbilden konnte. Sein Gesicht schien alterslos. Er erinnerte mich an Varietés mit verbotenen Balletten, an die Metropol-Vokalisten 1939 oder – ein modernerer Vergleich fiel mir nicht ein – an Max Raabe. Für einen Augenblick hörte ich das Knistern eines Grammofons.

Nur das Deckenlicht passte nicht hierher. Es schien blauweiß und war viel zu grell.

Wie hielt der Mann es den ganzen Tag in diesem Licht aus?

Jan von Kessel kam um den Schreibtisch herum auf uns zu. »Es freut mich außerordentlich, Mrs. Blum.« Seine Stimme klang dünn. Seine weiche Hand lag kalt in meiner. Sein Eau de Toilette roch nach Zedern, kurz bevor sich Raureif auf sie legte.

»Mich auch, Mr. von Kessel.« Seine Hand glitt aus meiner wie ein knochenloses Tier. Ich zuckte zurück.

»Mr. von Kessel ist oft für die DDR nach Elydien gereist.« Rayan Mansur klang stolz.

Etwas hilflos sah ich mich um. Auch hier steckte an keinem Schrank ein Schlüssel. Auf von Kessels Schreibtisch lag eine schwarze Akte mit einem rechteckigen Aufkleber. Er bestand aus zwei breiten Streifen: einem roten und darunter einem goldenen.

In ihrer Mitte glaubte ich die Sichel der DDR-Fahne wiederzuerkennen – im Ährenkranz wie im Original. Nur der Hammer fehlte.

Daneben stand eine Thermoskanne, wie meine Oma Anna sie besessen hatte.

Etwas an diesem Stillleben bereitete mir Gänsehaut.

Ich sah wieder zu Mansur. Wieder dieser Blick. Zu tief, zu intim – und auf eine Weise, die ich normalerweise mochte. Jetzt, hier, an ihm und vor den Augen dieses von Kessel lähmte sie mich. Schnell suchte ich dessen Blick. Der grinste. Meine Hand presste sich um die Chipkarte, bis sie knackte.

Mit weichen Knien folgte ich Mansur zum Aufzug. Etwas in mir war wie weggesackt. Ein Stasi-Funktionär! Hier.

»Danas Eltern haben in Rumänien das Ceaușescu-Regime hautnah erlebt.« Er klang, als gelte dieser Ära sein besonderes Interesse. »Mit Ihnen, Mrs. Blum, sind wir nun noch eine mehr aus dem ehemaligen Ostblock. Wir wissen halt, woher wir unsere besten Mitarbeiter holen.«

Was sollte das? Was wollte er? Wollte er meine Meinung hören? Zum Ostblock? Zum Sozialismus? Meine Einstellung zur DDR?

Erst jetzt schaute ich ihn wieder an. So gerne ich darüber reden würde – ganz sicher nicht mit ihm, der mich durch seine Funktion in der Hand hatte und meine politische Meinung gegen mich verwenden könnte.

Im Aufzug sang Papageno aus Mozarts Zauberflöte.

De-er Vogelfä-än-ge-er bin ich ja,

stets lustig heißa hopsassa!

Ich Vo-o-ge-el-fä-än-ge-er bin bekannt

bei alt und jung im ganzen Land!

Der lauernde Sicherheitschef und Mozarts liebeskranker Vogelmensch. Die Mischung brachte mich zum Lachen. Am liebsten wollte ich lachen, bis ich den Stasi-Funktionär von mir abgeschüttelt hätte. Mansur betrachtete mich, ohne in mein Lachen einzustimmen.

Druhum kann ich froh und lustig sein,

denn alle Vögel werden mein!,

trällerte Papageno.

 

 

KAPITEL 4

 

Kälte umklammerte meinen Körper. Ich schreckte hoch. Es war finster, ich kauerte auf einem eiskalten Boden. Wo war ich?

Ich wollte mich aufsetzen, doch ich konnte meine Beine nicht bewegen, sie fühlten sich an wie wildfremde, leblose Wesen. Hilfe! Was ist bloß …?

Eingeschlafen! Meine Beine müssen eingeschlafen sein, beruhigte ich mich. Nur eingeschlafen. Mit einem Seufzen streifte ich mir die Pumps ab und massierte beide Füße, bis es mich wie ein Stromschlag durchfuhr: Ich befand mich im Geheimtrakt. Immer noch!

Wie lange schon?

Wie lange noch?

Meine Finger bohrten sich in meine Füße, es hätte wehtun müssen, doch ich spürte nichts. Ich unterdrückte mein Atmen und sah mich um. Immer noch stockdunkel. Aber war da nicht ... Geigen! Ja! Von irgendwoher erklangen Geigen … und Schritte, Schritte ...

Wer kam da? Mansur? Der Botschafter? Oder etwa … Was, wenn die Demonstranten doch noch in die Botschaft gestürmt waren?

Die Streichermelodie wehte immer näher.

Dann, plötzlich: Licht. So grell, dass ich meine Füße losließ und die Hände vor die Augen riss.

»Mrs. Blum? Thanks heaven!« Rayan Mansurs Stimme hallte von den Wänden wider. Ich blinzelte durch meine Finger. Er eilte zu mir. »Alles in Ordnung?« Wie besorgt er klang, die Augen aufgerissen. Ich nahm die Finger vom Gesicht. Meine Augen schmerzten. Er kniete sich neben mich. Das Geigenspiel wurde eindringlicher.

Es ging von Mansur aus. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff – die Musik musste sein Handyklingelton sein. Das Handy in seiner Sakkotasche spielte Geige.

»Ja. Ich bin okay. Ich ...« Mein Mund war trocken. Ich gewöhnte mich allmählich an die Helligkeit, und je klarer ich ihn ansah, desto mehr verloren seine Augen den Ausdruck von Furcht, als würde er aus einem Albtraum erwachen. Sie wurden weich.

Er war mir nahe. Viel zu nahe. Er durfte mich nicht berühren, nicht meine Brust, nicht ... wie der Brenners-Anwalt! ... Meine Systeme schalteten auf Flucht, ich musste fort von ihm, raus aus dieser Situation, aber ich spürte meine Beine immer noch nicht, verdammt!

Aber er tut es doch gar nicht.

Ich zwang die Furcht nieder und begann erneut, betont gelassen, meine Füße zu massieren. »Was ist mit dem Strom passiert? Und warum sind Sie nicht schon eher gekommen?« Ich konnte den vorwurfsvollen Ton in meiner Stimme nicht verbergen.

Die Geigen verklangen.

»Der Strom hier unten war ausgefallen.« Seine Stimme bebte leicht. »Ich kam beim besten Willen nicht hierher, es tut mir wirklich sehr leid.« Wie steif sein Oxford-Englisch klang, selbst jetzt.

»Nur ein Stromausfall? Gott sei Dank! Ich hatte schon Angst, sie hätten die Botschaft angegriffen.«

Die Geigenklänge setzten wieder ein. In meinen Füßen begann es zu kribbeln.

»Ich verstehe Sie. Stunden hier allein im Finstern. Das muss furchtbar gewesen sein. Und doch: Malen Sie sich nie das Schlimmste aus. Das allermeiste wendet sich nämlich zum Guten.« Er sprach, als würde er mich kennen. Mich und Situationen dieser Art. Aber war ich wirklich so? Überängstlich?

Überrascht sah ich ihn an.

»Sie müssen total durchgefroren sein.« Ohne meine Antwort abzuwarten, zog er sein Sakko aus und legte es mir behutsam um die Schultern.

»Danke.« Ich klang verlegen. »Aber immerhin«, ich zwang mich zu einem scherzhaften Ton, »habe ich mal wieder schlafen können. Nur aufstehen kann ich immer noch nicht.« Mein Lachen klang zu fröhlich. Es steckte ihn nicht an. Sein Blick glitt über mich, am Handgelenk stockte er. »Bluten Sie da?« Sanft berührte er mein Handgelenk. Ebenso sanft entzog ich es ihm. Immer wieder spielten die Geigen dieselbe schwermütige Melodie.

»Nein, nein, ich habe nur zu heftig gegen die Tür geschlagen. Wie spät ist es?«

Er sah auf seine Uhr. »Zehn vor elf.« Er stand auf, holte sein Handy aus der Tasche, wischte darüber. Abrupt endete das Violinspiel.

Dann tippte er auf dem Display herum und wandte sich wieder zu mir. »Sie tragen wohl nie eine Uhr?«

»Nein. Sie stören mich.« Redeten wir gerade ernsthaft über Uhren? Nach all dem, was in den letzten Stunden ... »Was ist in den letzten Stunden eigentlich passiert?«

Mansur betrachtete mich. Meine Füße in der hellen Strumpfhose. Unter einer Laufmasche schimmerte mein roter Zehennagellack. Wie dünn meine Haut mir plötzlich erschien.

Ich spürte Wärme zwischen meinen Schenkeln. Ein Ziehen in meiner Brust breitete sich bis in meinen Bauch aus, bis zwischen meine Beine. Ich presste meine Schenkel zusammen.

Er sah mir in die Augen.