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Versuchungen, imaginäre Ungeheuer, Heilige in der Thebaid, Konfrontation zwischen Mensch und Dämon, imaginäres Alexandria, lateinamerikanischer literarischer Barock
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meinen Bruder Enrique Für Dieter Wyss, in memoriam
(Der Erzähler) malt die Gedanken, entdeckt die Phantasien, antwortet auf die verschwiegenen, klärt die Zweifel, löst die Streitfragen; schließlich stellt er die Atome der seltsamsten Begierde dar.
Don Quijote
Wozu das Glück - da auf dieser Welt mich alles verfolgt, einschließlich der Phantasiewesen!
Zadig, Voltaire
Non est diabolus – sagte ich - sed est, denn Satan existiert in den Nächten, in der menschlichen Finsternis, in den gewöhnlichen Herzen, die das Verbrechen lieben: O du, hast du etwa nicht mein Ebenbild in den trockenen Augen der Menschheit gefunden, in den schwindelerregenden Abgründen zwischen den Pupillen? Non est diabolus, sagt der Tor in seinem Herzen. Aber ich wohne in dir: Du brauchst nur zu denken, daß es nichts Grauenvolleres gibt als dich selbst, damit ich existiere. Der Mensch selbst rettet oder verdammt sich. Dies ist Adramelechs geheimnisvolle Säure in seinem Herzen. Allein und mit mir. Dies nenne ich den wundersamen Krieg.
Der wundersame Krieg
Kapitel I
In dem Adramelechs Chroniken beginnen
Kapitel II
Wie der Silberbecher in die Hände eines grausamen Herrn fiel
Kapitel III
In dem die Chronik vom Alten und der Barkasse erzählt wird
Kapitel IV
Über die Oase des Feuers
Kapitel V
In dem vom Turnier Adramelechs mit einem bewundernswerten Gegner berichtet wird
Kapitel VI
Über den Turm von Babel
Kapitel VII
Über Hinnom, das Tal der aufgestauten Klagen
Kapitel VIII
Vom unglücklichen Schreiber, dem Satrapen und dem chaldäischen Magier
Kapitel IX
In dem das Buch Belials mit der Frage »Wohin bist du gegangen, Adramelech?« fortgesetzt wird
Kapitel X
Über die Komödianten
Kapitel XI
Vom Labyrinth oder Tor der Welt
Kapitel XII
Über die erste Begebenheit in Alexandria
Kapitel XIII
Wie der Heilige und der Dämon die Bücher von Alexandria brennen sahen
Kapitel XIV
Von Euglossa mit den feuchten Lippen und dem Kleinhändler
Kapitel XV
Wie der Heilige in den Großen Basar eindrang und mit Sosibios sprach
Kapitel XVI
Die erste Begegnung mit Rhadamanthys
Kapitel XVII
Vom geflügelten Einhorn
Kapitel XVIII
Von der Herberge und dem, was dort zu geschehen anhob
Kapitel XIX
Über die Hure von Babylon
Kapitel XX
Von den glücklichen Komödianten und was sie darstellten
Kapitel XXI
Vom goldenen Esel und den folgenden Spielen
Kapitel XXII
Über die Zeremonie der köstlichen Speisen
Kapitel XXIII
In dem Heliodor die drei wundersamen Zwerge vorstellt
Kapitel XXIV
Vom jugendlichen Geizigen
Kapitel XXV
Von den drei rätselhaften Frauen
Kapitel XXVI
Wie Satanael niemals rastet
Kapitel XXVII
Das Gefängnis der Rhetoriker
Kapitel XXVIII
Über die sieben Gewölbe
Kapitel XXIX
Über die Sippe derer, die nicht sterben, und ihre vielen Mörder
Kapitel XXX
Mit einigen weiteren Erzählungen über die Verbrecher
Kapitel XXXI
Oder über die zwei Sirenen, die versuchten, den Heiligen zu besiegen
Kapitel XXXII
Über den unglücklichen Galeerensträfling
Kapitel XXXIII
Über das Gesetz des Behemot
Kapitel XXXIV
Über die Alraunen
Kapitel XXXV
Über das Umherirren auf den Scheidewegen
Kapitel XXXVI
Von dem, der Gott so sehr liebt, daß er die Menschen nicht lieben kann
Kapitel XXXVII
Hic habitat felicitas oder was im Hurenhaus des Sosibios geschah
Kapitel XXXVIII
Über die Elenden und das Toben der Herren
Kapitel XXXIX
Von der dritten Begegnung mit Heliodor
Kapitel XL
Die Stadt des Lichtes
Kapitel XLI
Darüber, wie der Mensch die Zeit der Versuchungen wiederherstellen wollte
Kapitel XLII
Vom Ritter Luzifer, Ruhm und Ursprung der fahrenden Ritter
Kapitel XLIII
Über den Ruchlosen der gewohnten Wege
Kapitel XLIV
Über das goldene Zeitalter
Kapitel XLV
In dem der Heilige den Dämon fragt: »Denkst du nicht auch daran, dich zu befreien, o Abigor, der Krieger?«
Kapitel XLVI
In dem erzählt wird, was dem Wächter der Festung zustieß
Kapitel XLVII
Über den ersten Tag der tausend Jahre
Kapitel XLVIII
Vom heiligen König, Semiramis und dem Leviathan
Kapitel XLIX
Über das Opfer der Semiramis
Kapitel L
Wie Adramelech über die Chronik des Erfinders der Ungeheuer berichtete
Kapitel LI
Über das Ende der Chronik oder von der Schlange, die ihren Schwanz frißt
In dem Adramelechs Chroniken beginnen
Die Tiere stammten aus seiner Bezauberung, sie verwebten sich ihm auf der knarrenden Pritsche mit seinen Träumen. Beim Aufwachen erriet der Mann, dass jemand keuchend die Höhle betrat und so zum ihm sprach:
-Ich komme, dir die Zukunft anzukündigen.
Es war Belial, der Dämon, mit einer Rolle Manuskripte in der Hand.
-Ich bin Belial, Adramelech, Beelzebub, Luzifer; ich bin der höllische Krieger Abigor. Ich spreche zu dir. Ich werde dir sogleich die Geschichte deiner Abenteuer vorlesen. Höre.
Der Heilige begann aufzuwachen. Er zerdrückte Insekten und mit Schlafmüll in den Augen erlitt er einen Schrecken: er verbrannte sich am Feuer des gerade Angekommenen; aber es war der Sonnenocker auf seinem Gesicht, das Licht, das durch die Felsspalen hereinkam, das ihn vollends weckte.
-Wer bist du?
-Ich bin es. Ich habe es dir gesagt. Ich werde dir sagen, was in den Büchern des Dämons steht. Dann werde ich fortgehen.
-Luzifer? Immer erscheinst du, wenn ich ruhe.
-Ich verkünde dir, o Unvernünftiger, daß du eines Tages die Frucht der Erfinder der Ungeheuer ernten wirst.
So sprach Beelzebub zu dem Anachoreten und ging fort, nicht ohne vorher ein Buch zu zerreißen, dessen Seiten zerstreut zu Boden fielen.
Unzählige Monde flogen über die Thebais, indem der Mann in Spiegelungen tauchte, unternahm er erstaunliche Reisen, strich um die Häuser der Händler herum und nahm die schöne Semiramis in seinem Kummergedächtnis gefangen. So schöpfte er den Verdacht, daß Satanael nach jenem Tag, da er zuletzt zu ihm gesprochen hatte, niemals wiederkehren würde.
Aber am Samstag, beim dritten Krähen des Hahnes, das in seine Grotte gedrungen war, hörte er eine Stimme:
-Weh dir, Heiliger, juble, klage, denn bald wirst du dich mit mir unter wilden Tieren befinden.
Und der Anachoret antwortete:
-Wieder da, Luzifer? Ich wähnte dich zur Linken Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, scheinbar rebellisch und scheinbar bußfertig. Heute sage ich dir: Bleib, wenn es dein Schicksal ist, aber rufe nicht die Welt an, erwähne weder die Komödianten, noch Sosibios, noch die Hure Euglossa.
Belial antwortete:
-Die Einsamkeit verstört, heiliger Freund. Aber ich bin nicht zurückgekommen, um von dir zu sprechen, sondern um dir den Erfinder der Ungeheuer anzukündigen.
Der Krieg brach in diesem Augenblick aus und wälzte sich wieder mit seinen großen rätsellosen Augen über die Welt.
-Was sagst du, Abigor der Heere?
-Ich lade dich ein, eine Reise anzutreten, o Heiliger, Alexandria erwartet uns.
-Vade retro.
-Ich sage nichts mehr -antwortete der Dämon und schlüpfte in eine Felsspalte, um auf jungfräuliche Papyri zu schreiben, bis er sich in den Schatten auflöste.
In jener Nach beschloß der Heilige zwischen Träumen, ein Heer monströser Paladine zu schaffen, um den Dämon zu besiegen. Die kreisförmige Zeit des Kummers hatte ihre Grenzen erreicht. Abigor, Belial, Astaroth, Luzifer, Abaddon, Adramelech, der Schändliche mit den vielen Namen, der laszive Asmodeus würde nie wieder seine Gedanken veruntreuen. Da griff er seinem Schicksal vor, das geflügelte Roß zähmend, kämpfte er mit eingelegter Lanze wie die Ritter zusammen mit seinen Phantasiengebilden, Cherubim und Wunderwerken, die unter seinem Befehl die Welt reinigen würden. Er ahnte die geflammten Wappenschilde, hörte die Trompeten der Mitleidlosigkeit. Sehr bald würde er als Anführer des Guten im Krieg gegen das Böse obsiegen.
Der Morgenstern verblich über der Wüste.
Adramelech sagte:
-Gehen wir, heiliger Freund. In Alexandria mahlen die Mühlen. Alexandria platzt. Alexandria seufzt für die Verbrecher. Alexandria bietet dir seine Mädchen an: Fühlst du nicht das heiße, süße, süße Fleisch? Gehen wir, Heiliger, gehen wir. Die Stunde ist gekommen.
Und der Anachoret erwiderte:
-Berausche dich, Luzifer, geh in die Hurenhäuser, fröne deiner Leidenschaft mit den Kurtisanen, spuck, wenn du willst, in die Tabernakel, bete die Throne an und lauf, wohin es dir gefällt, aber überlasse mich meinen Gedanken. Ich habe es satt, ich habe Adieu geagt , der Atem der Menschen widert mich an.
So sprach der Heilige, schwieg einen Augenblick, warf Astaroth eine Handvoll Sand in die Augen und fuhr fort:
-Erinnere dich, o Schändlicher, an den Alten von der Barkasse: Die Unsterblichen vergehen, wenn sie sich Menschen anschließen. Ich werde nicht mit dir gehen, entferne dich!
-Wir werden Semiramis suchen.
-Was sagst du, o Schlange? Semiramis ruht im Sand. Vergiß sie.
-Du hast geschlafen, heiliger Freund. Semiramis erwartet dich in Alexandria. Ihr Tod war ein Traum von Träumen.
Sich jäh auf richtend, rief der Anachoret freudig erregt:
-Wenn du Krieg willst, wirst du ihn bekommen, Abigor. Bereite das Feuer vor, hetze die Reiter des Bösen auf!
-Ermüde dich nicht - erwiderte Belial - , schone dich, denn du bist zum Wunder verdammt worden.
Wie der Silberbecher in die Hände eines grausamen Herrn fiel
Wir wanderten, Meilen verschlingend, ohne etwas zu sagen - wie wir es immer tun sollten -, bis wir, als sich der dritte Tag neigte, einen silberfarbenen Hügel erstiegen.
Wir durchquerten die Thebais. Die Grotte blieb fast vergessen zurück. Die alexandrinische Welt erwartete uns. Mir, dem Dämon, war es gelungen, den Anachoreten dadurch zu überreden, daß ich seine kriegerischen Phantasien herausforderte. Das Folgende wird zu lesen sein in den Akten Abigors, im Buch Belials und in den Chroniken Luzifers. Und so ist es auch in den Gedächniswindungen des menschlichen Geschlechts aufgezeichnet. Adramelech, der allwissende, gibt davon Zeugnis, wenn er schreibt.
Auf dem Hügel wuchsen Palmen und entsprangen winzige Quellen. Dort lebte in Felsspalten ein Eremit, der die Fremden einlud, frische Datteln zu essen und Wasser zu trinken.
Ein wenig später, ais der Anachoret in der Brise der Abenddämmerung ruhte, wunderte er sich, als er den Eremiten singen hörte , während er zärtlich den Silberbecher polierte, mit dem er Wasser geschöpft hatte. Er sah ihn näherkommen und hörte ihn sprechen und ihm weise Worte sagen. Er erfreute sich am Gespräch und stimmte mit seinem Gastgeber darin überein, daß sich das Ende der Welt näherte und daß Behemot in diesem Heiligen Krieg des Guten gegen das Böse geschlagen würde. Niemand würde das Jahrtausend überleben außer einigen Erlösern und den Wüstenheiligen, die auf eitlen Ruhm verzichtet hatten und auf die glückseligen Abscheulichkeiten der Welt.
Im warmen Sand hockend, stimmte Luzifer zu.
-Wahrlich, ich sage euch - sagte schließlich der Eremit -, nur wenige Männer und Frauen werden in ihrem Fleisch den fremdartigen Boden des Paradieses berühren.
In jener Nacht schlief der Eremit stehend eine Stunde, wie er es zu tun pflegte, und der Heilige dachte seine Gedanken immer wieder, bis er im ausschweifenden Morast der Träumer versank.
Als die Wanderer erwachten, dankten sie für die Gastfreundlichkeit, befeuchteten sich die Lippen an der Quelle und setzten ihren steinigen Weg fort. Sie waren zwei Meilen gegangen, als Adramelech stehenblieb, seinen Leibrock öffnete und den Silberbecher fallen ließ, der bis zu den Füßen des Heiligen rollte.
-Heb ihn auf - befahl der Dämon-. Er wird dir in Alexandria nützlich sein.
Entmutigt durch diese Überraschung, antwortete der Anachoret:
-Was hast du getan, Beelzebub? Hast du diesem gastfreundlichen Mann den Becher gestohlen? Los, erkläre dich, Bestie!
-So ist es, heiliger Freund -entgegnete er-. Der Becher wird dir nützen, weil du in die Welt zurückkehrst. Jener Mann auf dem silberfarbenen Hügel hat Wasser, Datteln, nächtliche Stimmen und eine Höhle. Was braucht er mehr, um zu überleben?
-Du planst etwas, Beelzebub, du Ränkeschmied, du verbirgst viel -erwiderte der Heilige.
Luzifer schwieg.
Wir setzten dann unseren Marsch fort, drei weitere Tagesreisen lang, ohne zu ermüden, bis wir am Ende des dritten Tages zur Kreuzung der Fünf Straßen kamen.
Es herrschte auf den Fünf Straßen ein Wächter mit seinen Soldaten, ein Herr mit langem Bart, einem Blick ohne Geheimnis, traurig und mächtig, der von den Karawanen Maut forderte, in seiner uneinnehmbaren Festung große Schätze anhäufte und seine Frauen in die alexandrinischen Bordelle schickte.
Der Dämon wollte dort übernachten, denn er war völlig entkräftet, und klopfte an das Tor.
Der Wächter antwortete:
-Mein Herr verweigert euch die Gasfreundschaft, Fremde. Geht fort! Wagt ihr es zurückzukommen, bade ich euch das Gesicht mit kochendem Öl!
Und er schloß das Tor.
Der Dämon schlug vor, am Fuß des Turmes zu schlafen.
-Ich komme vor Schlaf um, heiliger Freund -sagte er-, und da es keinen Paladin gibt, den die Müdigkeit nicht ermattete, sind mir Steine und Stroh gleich.
Als der Tag anbrach, klopfte der Anachoret wieder an das Tor.
Sobald der Wächter mit einem Kessel Öl erschien und bevor er seiner Wut Ausdruck verleihen konnte, reichte ihm der Heilige den Silberbecher und sagte zu ihm:
-Überreiche deinem großmächtigen Herrn diesen Becher zum Zeichen der Dankbarkeit und überbringe ihm die frohe Botschaft, daß die Mauer seines Turmes uns den Rücken gestützt und uns vor dem Nachtwind geschützt hat.
Kaum hatte der Wächter den Becher mit einem habgierigen Ruck ergriffen, schlug er dem Heiligen das Tor vor der Nase zu. Da hörte man in den Tiefen der Festung ein merkwürdiges Echo erklingen, das aber zu jenem Zeitpunkt alle vergaßen.
-Ich verstehe nicht, mein Heiliger -sagte Luzifer, als sie bereits eine weite Strecke gegangen waren-, ich sage dir und ich sage mir, daß ich kein Licht in deinem Halbdunkel sehe: Jener Herr war geizig mit seinem Stroh, nicht gastfreundlich: Warum hast du ihm den Silberbecher geschenkt?
-Bist du ein Hohlkopf, Luzifer? -erwiderte der andere- . Höre mich an und schweige dann still: Du hast den Becher einem unvergleichlichen Eremiten gestohlen, der uns die Ehre der Gastfreundschaft erwiesen hatte. Nun gut, du wolltest etwas anstellen, und es ist dir nicht gelungen: Der Eremit war schon beinahe in den Abgründen deines Reiches verloren: Das Silber zog ihn zu den weltlichen Verlockungen: Hast du nicht gesehen, mit welchem Eifer er das Metall blank rieb? Indem du ihn bestohlen hast, hast du ihn vom schmutzigen irdischen Genuß befreit. Höre die Melodien des Himmels, neun Engel proben Gesänge, um ihn zu empfangen.
-Ich aber sage dir, Heiliger, daß du dich vorbereitest, denn du wirst hierselbst Wunder sehen.
-Verschlucke deine Wut, Beelzebub -fuhr der Heilige fort-. Warum hast du mir den Becher gegeben? Er war eine Geheimwaffe: Du hattest vor, mich mit seinem Glanz zu verderben, aber es war vergebens. Ich bin unbesiegbar. Ich habe den Becher dem Herrn der Festung geschenkt, um seinen Untergang zu beschleunigen. Und ich schenke dir, was du schon besitzt: seine unreine Seele. Wenn das Jüngste Gericht kommt, das Gericht über Übeltäter, Huren und Doktoren des Fleisches, wird dieser Herr nicht zu sein Entlastung argumentieren können, daß sich der Heilige, der ich bin, dank dem Turm seines Hauses vor den Winde schützen konnte. Das ist die Bilanz, Luzifer: Du hast den Eremiten befreit, und ich habe mich vor dem wollüstigen Glanz bewahrt. Ich habe die Schlacht gegen dich gewonnen. Aber komm näher, weine nicht, mein Ritter, feiere meinen Sieg!
-Ich Elender -rief der Dämon aus-, meine Kollegen haben mir schon gesagt: Spuck nie gegen den Wind, Satanael.
In jener Nacht schrieb ich zum ersten Mal mit zitternden Händen.
In dem die Chronik vom Alten und der Barkasse erzählt wird
Der Heilige und der Dämon setzten ihren Marsch fort, bis sie die Reste einer Barkasse auf der Düne erkannten. An ihrem Fuß war ein Mann. Als er bemerkte, daß sich zwei Fremde furchtlos näherten, brach der uralte, weißhäutige Mann in Gelächter aus und sagte:
-Meine Söhne, die ihr den Sand durchschifft, antwortet mir: Bringt ihr eine Münze im Munde mit? Wisset: Ohne Geld könnt ihr euch nicht in die Barkasse der Toten einschiffen. Sprecht Pilger! Oder seid ihr stumme Engel? Bringt ihr eine Botschaft auf meinen Namen?
-Was ist dir widerfahren, Alter? -fragte der Heilige.
-Kommt ihr, mich zu befreien, Pilger?
-Fliehen wir von hier, Heiliger -rief der Dämon-, hör ihn nicht an.
-Laß mich, Satan -antwortete dieser-, ich möchte hören, was er sagt.
-Du kennst seine Geschichte schon, Heiliger, du hast sie geträumt, du hast sie gehört, die Chronisten wiederholen sie.
Und der Alte sprach so:
-Eines Tages wurde mir befohlen, das Reich der Unsterblichen zu verlassen, zur Welt hinabzusteigen und die Arche mit allen lebenden Arten zu füllen, denn es stand geschrieben, daß es auf die Erde regnen und der Unflat durch die Sintflut weggewaschen würde. Es wurde mir befohlen, die Gerechten zu retten. Aber die Pflanzen verwelkten, die Tiere starben vor Durst und die Sintflut kam nie. Dann wurde mir befohlen, mich zu den stygischen Gefilden zu begeben, denn statt die Gerechten zu retten, sollte ich die Unredlichen in das unterirdische Reich transportieren. Und so suchte ich die stygischen Gefilde, ohne sie finden zu können. Endlich führte mich ein gedächtnisloser Krieger, der nur die Schrecken der Sirenen heraufbeschwor, zu den Gewässern des Pluto. Den Befehlen gehorchend, verbrachte ich unnennbare Zeit damit, Seelen in meiner Barke zu transportieren, bis mich ein anderer Abenteurer zur Verschwörung inspirierte. An jenem Tag begann ich, diese Reiche zu entvölkern, und, indem ich zum Komplizen der Flüchtlinge wurde, lernte ich zum ersten Mal das Glück kennen. Jemand verriet mich, es wurden Foltern erfunden, um mich zu bestrafen, und ich wurde in der Wüste ausgesetzt, wo ich, ohne zu blinzeln, unter den Stürmen verdorre und dabei die Ankunft von Boten ahne, die nicht kommen.
Mit glasigen Augen beendete der Alte seine Rede und fragte:
-Wollt ihr mir helfen, Pilger? Ihr seid Engel, nicht wahr? Gebt mir Wasser!
-Ich bin noch kein Engel-, antwortete der Heilige-, aber die Unschuld meines Herzens hat mich zu dir geführt.
Luzifer stand abseits.
Der Alte fragte:
-Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, diese Melancholie der Wüste zu brechen?
-Siehst du meinen Begleiter? -sagte der Heilige zu ihm-. Nun gut, er wird dich ablösen!
Luzifer hatte begonnen, im Sand zu versinken und sich aufzulösen, aber der Heilige ertappte ihn auf der Flucht, packte ihn an den Haaren und verurteilte ihn unter Fußtritten, sich auf den Stein zu setzen, auf dem der Alte an der Dämmerungsseite der Barkasse gesessen hatte.
-Gehen wir! -rief der Heilige und machte sich, den Fährmann umarmend, auf den Weg. Dieser erkannte unverhofft ein vergessenes Glücksgefühl zum zweiten Male wieder, während Behemot durch seine Klagen den Glanz des Nachmittags verblassen ließ.
-Dank, Pilger -hörte der Heilige stammeln-. Wer bist du? Nie habe ich jemanden kennen gelernt, der so großmütig war.
-Ich bin, der ich bin, während ich den Krieg gegen den Dämon führe und die tausendjährige Stadt herabkommt.
Beelzebub lächelte in seinem Rücken, bei der Barkasse.
Da sagte der Alte:
-Wie schmerzt es mich, daß die Sintflut ihr Ziel nicht erreicht hat. Aber manchmal träume ich und liefere mich der Zukunft aus; die Wasser steigen herab, die lodernden Wasser waschen das Gesicht, waschen das Leben mit Feuer und die verfehlte Pilgerfahrt der Schöpfung beginnt von neuem.
Der Alte warf einen Blick auf die Barkasse, deren Skelett die Konturen der Wüste durchbrach.
-Mein Bruder -entgegnete der Heilige-, Gottes Absichten sind unerforschlich, aber ich weiß genau, daß die Sintflut kurz vor der Gründung der tausendjährigen Stadt hereinbrechen wird.
Die Nacht kam mit ihrer Frische, und der Alte und der Anachoret, die schon ein langes Stück Weges zurückgelegt hatten, legten sich bei einem Felsen zur Ruhe nieder, wobei jeder von ihnen an das Rad der Fortuna dachte.
In der Nacht erwachte der Heilige, von wiederholten unruhigen Träumen erschreckt, öffnete die Augen und sah, daß er schlafend einen Körper mit wundervoller Haut umarmte, auf den der metallische Glanz des Firmaments herabregnete. »Semiramis«, rief er aus und, ohne zu denken, schüttelte er das freudenspendende Fleisch ab und lief wie die wilden Tiere, eine Schweißspur hinterlassend, bis er einen anderen Zufluchtsort fand, wo er sich, im Essig seines Gedächtnisses plätschernd, zur Ruhe legte.
-Wach auf, heiliger Freund, die Sonne ist schon aufgegangen -sagte Luzifer-, wir haben noch viele Tagesmärsche vor uns, ermuntere dich, Alexandria ist ungeduldig.
-Was hast du mit dem Fährmann gemacht? -fragte der Heilige, der dann verzückt murmelte-: Diese Nacht habe ich von Semiramis geträumt.
-Wovon sprichst du, Heiliger? -entgegnete der Dämon-, Semiramis war hier, sie hat die Nacht mit dir verbracht: Es war kein Traum.
-Du willst mich wieder täuschen, Betrüger! -schrie der Heilige-. Wie hast du dich vom Fluch der Barkasse befreit?
-Was bildest du dir ein, Heiliger? -erwiderte Luzifer-. Ich bin derjenige, der die Unsterblichen bestraft! Der Fährmann ist auf mein Geheiß hier. Außerdem ist er nicht alt: Er ist jung, groß, herrlich, die Winde bewegen seine Chlamys, ach Heiliger, bewundere an ihm die Haltung eines Ritters, der ins Turnier zieht.
-Spiel nur mit dem Feuer, du Aas -sagte der Heilige-, aber hüte deine freche Zunge: Semiramis ist nicht gekommen, vergiß sie, und brechen wir jetzt auf, mein Sklave: Die Welt erwartet mich.
-Du handelst gut, Heiliger, und denkst gut, während ich schreibe.
Über die Oase des Feuers
Wir wanderten viele Meilen weit über verfluchtes Gelände; wir zerschnitten uns die Füße an scharfkantigen Felsen. Dann verblutete die Gegend in Fumarolen, zwischen denen kalzinierte Ungeheuer lagen. Das Firmament besudelte sich mit schwarzem, traurigem Blei. Wir versanken bis zu den Rippen im Schlamm, atmeten salzige Wirbelwinde ein. Am Nachmittag hörte man ferne wollüstige Stimmen, Gesänge von Tod und Liebe. Es war ein Zug von Männern und Frauen, die Blumekränze tragend herankamen. Die Umhänge vibrierten mit blauem Funkeln wie Kriegsstandarten. Der Zug schwebte, die Gespenster verscheuchend, über die Steine und verlor sich in der Ferne. Niemand beachtete die Eindringlinge, bis sie uns hinter den Zelebranten des Zuges durch felsige Schluchten hinabsteigen sahen.
-Heiliger Freund -sagte ich-, wir sind von unserem Weg abgekommen, und nun sind wir zur Oase des Feuers gekommen, zum Meer ohne Wasser. Bei abnehmendem Mond legt sich der Wind, brüllt ein unterirdisches Tier und und durch die Felsspalten kommen hundert dunkle Käfer heraus, um die Prozession des Herrn der Oase anzukünden. Dieser defiliert mit seinen Bacchanten und legt Girlanden an einem Grab nieder. Dann feiert er im Palmenwald ein nächtliches Fest.
So sprach Adramelech und preßte die Lippen zusammen. Die Stunden vergingen und, als der Tag zu Ende ging und die Dämmerung auf die Welt herabsank, stieg der Zug herauf, und der Herr der Oase des Feuers rief uns mit stürmischer Stimme zu:
-Kommt herbei, Fremdlinge, erfreut euch an unserer Feier.
Der Dämon erzitterte, der Heilige beschwor den Frieden der Thebais herauf, beide wollten wir sagen, daß die Glückseligkeit in jener Gegend nicht zu Hause war, aber wir schwiegen und fühlten uns zum Wald ziehen, hinter den durch purpurfarbenen Glanz verletzten Zelebranten, wobei wir betrachteten, wie sich die Burschen und Mädchen ihre Kleidung abrissen und die Bronze ihres Körpers der Nacht aussetzten.
-Feiern wir die Zeremonie des Lebens -verkündete der Herr von einem majestätischen Stein aus.
Die Blicke wandten sich jenem Stein zu. Der Herr streckte sich wie das Lamm aus und verließ diese Welt. Als das Opfer beendet war, warfen sich sechs vollkommen reine Jungfrauen über den Körper und liebten ihn auf seltsame Weise, indem sie ihm ihr Leben schenkten, bis sie erschöpft waren und ebenfalls starben. Dann ertönten Stimmen, Seufzer, Gebrüll. Die Männer verstummten. Die Jungfrauen brachen, sich die Haare raufend, im Chor in Wehklagen aus: über den Opferstein kroch ein Drache.
-Gehen wir, Satan -sagte der Heilige-, verlassen wir dieses wasserlose Meer der Strafen. Irgendeine Rechtfertigung trägt die Bestie in sich, und bei meiner Treu sage ich dir, daß ich wohl meine Kraft mit ihrer messen könnte, aber was gewönne ich durch meinen Sieg? Es ist notwendig, daß die Vernichter existieren...!
Der Heilige erwartete keine Antwort und floh eilig vor jenen Stimmen, die ins Stocken gerieten.
Der Dämon folgte ihm, und beide liefen eine weitere Meile. Später verlangsamten wir unseren Schritt wie die Ochsen.
In dem vom Turnier Adramelechs mit einem bewundernswerten Gegner berichtet wird
Trompeten und Klepsiamben erklangen. Die Himmel taten sich auf, und der Schimmer malte einen Fleck in den Abgrund dessen, was besteht. Felsen stürzten herab, es regnete Sand und das Feuer, das seit dem ersten Morgen brannte, entfachte sich von neuem. Der Heilige dachte: »Es ist eine Strafe«, und, dies denkend, warf er sich in Kreuzform auf den Sand, um die Geißelung des Firmaments zu empfangen. Aber er feierte nicht das Ende, sondern hörte umherschweifende Akkorde und schnelle Rhythmen bis zum Höhepunkt einer schmerzhaften Pauke.
Dann trat wieder Stille ein und der sanfteste Wind umfächelte seine Stirne. Die Töne der Laute glänzten wie die Morgendämmerung, und der allerheiligste Heilige sah einen Mann fortgehen, der zärtlich die Saiten streichelte.
-Weh mir, er hat mich besiegt, der Unwürdige -rief Luzifer aus, er hat mich besiegt! Ich bedarf deines Trostes, mein Heiliger -rief er wieder, in dicke Tränen gebadet-. Ich glaubte, er wäre naiv und hätte keine Stimme, und er hat mich geschlagen.
-Wovon sprichst du? -fragte ihn der Heilige-. Erkläre dich, Luzifer. Wohin bist du gegangen?
-Ich habe die Nacht bei einem Gesangsturnier verbracht. Und ich habe verloren. Der Troubadour war geschickter, süßer, unschuldiger, mein Heiliger. Ich habe in meinem Herzen nicht die Kraft gefunden, seinen Melopöen etwas entgegenzusetzen, noch dem zärtlichen Streichen seiner durchsichtigen Finger über die Saiten. Sieh, wie er fortgeht, o Niederträchtiger, o heimlicher Inspirator der Nachtigallen. Ich Ärmster: es werden tausend Jahre vergehen, bevor ich ihn wieder mit mehr Brio und neuen Gesängen herausfordern kann.
-Masochist! Ich hätte dir eine schmachvollere Niederlage bereitet. Adramelech: Du hättest keinen Fremden gebraucht- rief der Heilige voller Haß auf den Troubadour, der dank weltlicher Gesänge den Dämon auf tausend Jahre hinaus vertrieben hatte.
-Ich wollte ihn mit der Stimme zu verführen -sagte Luzifer-; ich habe ihm Freude, Jugend, grenzenlose Manneskraft versprochen, ich habe ihm die düstere Liebe der Liebhaber verkündet, aber ich habe nichts erreicht. Weh mir, weh, weh, ich bin gerade zum zweiten Mal gefallen!
So sprach Adramelech, sich die Tränen trocknend, während er den siegreichen Troubadour betrachtete, der sich mit der Fülle der Wüste krönte.
Die Chronisten sagen, die Verfasser dieser Chronik sagen, daß der Heilige damals den traurigsten Tag seines Lebens erlebte, denn es gelang ihm, undeutlich zu sehen, daß im Kampf gegen das Böse flinke Finger und eine liebliche Stimme unendlich wirkungsvollere Waffen sind als die Heiligkeit. Dies sah er so und schloß die Augen.
Über den Turm von Babel
Adramelech sagte:
-Man hat mir gesagt, o Heiliger, Beelzebubs Trost, daß der Troubadour die Laute zum ersten Mal im Zentrum von Babel schlug, der düsteren Heimstatt des Unverständnisses.
-Ich glaube dir nicht, Luzifer, aber sprich, sprich mir von deinem Besieger, erfinde!
Und Adramelech berichtete, was er berichten gehört hatte:
-Die Erde kannte nur eine Sprache, als die Menschen begannen, den Turm von Babel zu bauen, um sich von den Ihrigen zu entfernen und zum Firmament hinaufzusteigen, und es geschah, daß sie sich im Anfang noch mit den gleichen durchsichtigen Wörtern verständigten, und die Sprecher stimmten in der Bedeutung von Stein, Meißel, Mörtel, Fels, Baum, Strick und Peitsche überein; und es begannen diejenigen, die damals schon Sklaven waren, Dächer abzustützen und Mauern zu errichten und Ziegel in der Sonne zu brennen, und ihre Arbeit war, Lehm zu kneten und Felsen zu zerschneiden, und die Demiurgen lernten, Säulen aufzustellen, Gerüste abzubauen, Kiefern zu fällen und die Ritzen mit Blut zu tränken. Im Morgengrauen und in der Mittagshitze und in der Abenddämmerung verbreiteten die Aufseher Haß, sie peitschten, tadelten mit ihren militärischen Rufen, und der Turm wuchs über den Trompetenschall hinaus; und auf den höchsten Höhen sahen die Menschen aus dem Fenster, um den Horizont zu beobachten, und sie sahen den Flug der Vögel in den Tiefen verschwinden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden in Babel Könige jedes Stockwerks geboren, Könige jedes Bogens, Könige jedes dreifachen Labyrinths; der Turm wuchs bis in verschwommene Fernen und durchbohrte Sternbilder; die irdischen Nahrungsmittel brauchten Jahre, um von einem Reich ins andere zu gelangen. Der Stolz reifte. Die Menschen, die den Turm von Babel errichtet hatten, um in höhere Regionen aufzusteigen, glaubten, stark zu sein, glaubten, würdig zu sein, glaubten, dem Allerhöchsten gleich zu sein.
„Aber da verwirrte ihnen der Zorn des Allerhöchsten das Wort. Babel sprach nicht mehr eine einzige Sprache noch ertönten im Turm die gleichen Worte, und die Menschen erfanden zum letzten Mal auf der Welt die unendliche Neuigkeit jedes Wortes, das nie wiederholt werden sollte, und die großen Baumeister gerieten in Verwirrung und erlitten die Müdigkeit ihres Fleisches und ihr Geist erlag der unaufhörlichen Anstrengung jenes Geschlechts, dessen Zukunft durch die Unmöglichkeit gekennzeichnet war, sich zu verständigen, und durch das immerwährende Erfinden von schicksallosen Worten.
„Aber da griff der Troubadour in die Saiten und sang, und jeder in der Menge zu Babel hörte die gleiche Weise und berauschte sich. Die Menschen verwirrt, ermüdet, blutend, ohne sich etwas mitzuteilen, beklagten das Verbrechen ihrer unwiederholbaren Sprachen, sprachen miteinander, ohne einander zu verstehen, aber ich, der Allwissende, sage, daß sie dasselbe sagten und daß sie das Unverständliche über das einzige weltumfassend Eine sagten, das in die Labyrinthe von Babel eindrang; und sie sagten, daß der Gesang für die Gemeinschaft sei, und sie sagten, daß der Troubadour zu ihnen allen und zu jedem einzelnen das Gleiche vom Gleichen spreche, und sie sagten, daß dieses Verbrechen die glückliche Unwissenheit zerrütte und in Widerspruch zum Prinzip der Vermehrung der Sprachen und der unendlichen Bedeutungen stehe, und sie sagten, daß dieser Verschwörer das Land verlassen müsse.
„Das Geschlecht von Babel verstieß den Niederträchtigen, und niemals wieder erklang eine andere Saite in dem Turm.
„Der Troubadour ergriff die Laute und verließ das Vaterland. Seitdem irrt er umher und besiegt mich alle tausend Jahre.
So sprach Adramelech.
Über Hinnom, das Tal der aufgestauten Klagen
Wir brachen auf, der eine verbittert, der andere ruhmlos, über das Mißgeschick nachdenkend. Wir gingen viele Meilen weit, bis wir in das Kerkertal von Hinnom gelangten, zu dem alle Wege des Reiches führen.
Wir erkannten es an den in der Zeit aufgestauten Klagen. Der Heilige trat auf blutende Disteln und erinnerte sich, daß er die Nomaden von einem Land der Tränen hatte sprechen hören, wo die Leiden keine Grenze kannten. Adramelech erzitterte, als er nächtliche Gerüchte ins Gedächtnis rief, nach denen in Hinnom das höllische Feuer brannte. Und die beiden Reisenden hörten das heilige Wehklagen der Kinder Molochs, die Hamilkars Priester, schon beinahe ausgestorben und lasterhaft in ihrem gespenstischem Glanz, fortfuhren zu köpfen. Die römischen Hauptleute verführten die Kurtisanen während ihrer Gastmähler, indem sie ihnen von diesem Tal erzählten. Zwischen nervösem Lachen und Grauen pflegten sie zu beschreiben, was sie gesehen hatten, und sie sagten, sie hätten Korrale gesehen, wo Hydren, Reptilien und Ungeheuer aus Persien gezüchtet wurden. Aber sie erblaßten sehr bald, und die Kurtisanen schwiegen, während sie sich das Fleisch mit wollüstigem Schaudern drückten.
Adramelech und der Heilige marschierten zwischen schlammigen Löchern und überquerten Schluchten. Zu ihren Füßen barst die Leere über rotbraunen Strömen. Bei den Palisaden stellten sie sich vor, wie die Hydren erwachten und auf Menschen traten, die in der Sonne im Sand eingegraben und mit langen Ketten an Felsen geschmiedet waren. Als wir vorübergingen, seufzten Körper an den Kreuzen, sehr traurige Körper, noch sterbend, aber leblos, mit schlafenden Raben auf den Schultern. Sooft ein vergifteter Vogel herabfiel, zitterte die Luft, dröhnte die Erde wie bei Erdbeben. Der Heilige und der Dämon streiften das Böse, das bösartige Paradies, die imperiale Müllhalde der Gegeißelten. Raubtiere aufscheuchend, betraten sie das Tal. Und dann gingen sie über goldene Kiesel, die nach Scheiße stanken, bis uns ein Schrei den Weg versperrte:
-Wer ihr auch immer seid, kommt mir zu Hilfe!
Die Schreie fielen wie Hagelkörner herab. Der Heilige erhob die Augen und entdeckte zur Linken einen Felsen, der im Begriff war auseinanderzubrechen. Der Mann, der gerufen hatte, litt an Krämpfen. Er hing an den Handgelenken gefesselt, nackt, ohne Hoden, kalfatert mit Teer, während die Raben in Spiralen über seinem Kopf kreisten.
Luzifer hörte die Stimme, blieb stehen, schaute lustlos auf und wurde durch die Macht einer unerforschlichen Bezauberung gelähmt; aber er erholte sich, lief hin, kletterte hinauf, zermalmte Fasern und befreite den Unglücklichen.
Am Boden angelangt, legte sich der Mann wortlos hin, um auszuruhen. Er hatte keine Kraft, aufzustehen oder zu danken. Den Rest des Tages und die Nacht hindurch ließen wir ihn schlafen, und der Heilige wachte bei ihm, während er desen Mißgeschick zu enträtseln versuchte.
Die folgende Zeit war unruhig, lang, unterbrochen. Die Ungeheuer stöhnten. Purpurne Tränen rannen über Pechwangen. In der Nacht kamen Diebe, die zwischen den Leichen wühlten und erschrocken davonliefen, ais der Heilige schnaubte. Die Schakale durchstreiften das Tal. Eine Streife Soldaten zog in der Ferne vorbei, zwischen den Korralen, um sich in der Grube der Wehklagen obszönen Spielen hinzugeben. Adramelech sagte, daß man dort das Unerklärliche tat, man hörte, was man nicht erlauschen sollte, und man erfand, was man noch nicht erfunden hatte, bis Schatten, flügelschlagend wie Vampire, umherliefen. Dann brach das kerkerartige Schweigen von Hinnom aus, das Schweigen, das nächtliches Hexentreiben begleitet. Ein leeres Getöse durchdrang den Anachoreten. Die Welt war nichts, eine unbestimmte Traurigkeit ohne Gegenstand. Da erkannte er Semiramis, die den blassen Atem der Engel verströmte und die Glückseligkeit, die nur den Sterblichen erlaubt ist. Der Mann wies die Jungfrau ab und suchte sich für den Rest der Nacht einen anderen Ort, wo er sich dem Grauen seiner Gedanken auslieferte.
Vom unglücklichen Schreiber, dem Satrapen und dem chaldäischen Magier
Der Mann vom Felsen sagte, indem er sich nach langem Schlaf aufrichtete:
-Ich danke euch für eure Güte, Pilger. Ihr habt mir das Leben gerettet. Aber hütet euch: es gibt Soldaten in Hinnom, sie könnten euch kreuzigen.
Der Heilige antwortete.
-Ich bin unverwundbar. Aber sei unbesorgt und sag mir, guter Mann: wer hat dich an den Felsen gebunden?
-Höre meine Geschichte -sagte er-. Ich war Schreiber des letzten Satrapen von Persien. Dieser war ein Herrscher ohne Zukunft. Er litt an Albträumen. Er glaubte, daß das Ende der Welt nahe war, denn er hatte geträumt, daß sein Reich anderen Zeiten angehörte. Eines Tages erschien am Hof ein hochbetagter Greis, um den die Dinge leuchteten. Der weiße Bart reichte ihm bis zur Brust und war in zwei Strähnen geteilt. Auf dem Kopf trug er einen scharlachroten Turban, er hatte eine feine Nase, funkelnde Augen und war mit prächtigen blauen Gewändern bekleidet, die mit den Sternbildern geschmückt waren. Er schob fremde Ausdrücke in seine Reden ein und stützte sich immer auf einen Stock. Durch seine Ankunft setzte er das Land in Erstaunen. Es war ein chaldäischer Magier. Zuerst lebte er allein, umgeben von Plunder und Kristallen. Später, als es ihm gelang, unverhofften Einfluß auf meinen Herrn auszuüben, zog er in den Palast. Von diesem Augenblick an entschied der Satrap nichts, lachte nicht, sprach nicht Recht, noch sprach er zu seinen Magnaten, verurteilte nicht zum Tode, noch wählte er seine Konkubinen aus, ohne ihn zu Rate zu ziehen: er fragte ihn alles, er sagte ihm alles. Der Chaldäer seinerseits lehrte meinen Herrn, was er über die Sterne und über die Geister zu wissen vorgab: er erzählte ihm seltsame Geschichten; er erklärte ihm die Medizin; er schnitt ihm den Bart, und im Schatten der Macht ruhend, machte er sich die höfischen Vergnügungen zu eigen. So war es lange Monate, bis eines unvorhergesehenen Morgens die Stimmung umschlug, er erschöpfte sich in unsagbarer Melancholie, erbleichte wie die Sterne und zerbrach den Stock. Die Reitknechte fanden ihn in der Futterkammer des Stalles bei der Gerste. „Was ist dir zugestoßen?“, fragte ihn mein Herr. Und der Astrologe antwortete stotternd: „Erlauchter Wohltäter, mehr ais meine eigenen Schmerzen quält es mich, dir meine Niedergeschlagenheit zu erklären. Ich habe die Sterne befragt, ich habe die Konjunktionen mit dem Astrolabium gemessen, ich habe das Gleichgewicht deiner Säfte auskultiert und ahne, weh dir, geliebter Satrap, daß dein Leben kurz und traurig sein wird und du in vollkommener Einsamkeit sterben wirst. Das Sternenorakel verkündet deine Zukunft: du wirst sechs Monate leben und zu leben begehren; und dann wirst du sechs Monate leben und zu sterben begehren, bis du endlich eines schrecklichen Todes sterben wirst. Soviel ist mir kundgetan worden.“ So sprach der Astrologe. Nachdem der Satrap die Weissagungen gehört hatte, schenkte er ihnen Glauben und grämte sich sehr. Er begann abzumagern. Er vergaß die politischen Angelegenheiten. Seine Güter verkamen. Die Seinigen, seine Frauen, die Kinder, die Soldaten, die Botschafter aus anderen Königreichen fühlten, daß er dahinsiechte, ohne daß sie etwas verstanden, denn niemand hatte die Weissagungen gehört.«
-Der Chaldäer war weder Magier noch Astrologe -rief der Heilige, die Erzählung unterbrechend-, er war der Würgengel, die Geißel der Tyrannen!
Der Schreiber erzitterte wegen eines ungeheuren Schnaubens, das durch die Korrale kroch, aber er fuhr zu sprechen fort:
-Die unheilvollen Weissagungen warfen ihn nieder: sie fürchtend, neigte der Satrap dazu, sie zu bewahrheiten. Sein geschwächter Geist begann zu sterben. Angesichts der Lügen beschloß ich, dem Verführer die Stirn zu bieten, bevor das Reich zusammenbrechen würde. Ich ging auf folgende Weise vor: Zuerst ließ ich ausrufen, mir seien die Ursachen des Übels enthüllt worden, ich versammelte die Familie und den Hof bei dem Kranken, rief den Astrologen und fragte ihn: „Kannst du, Chaldäer, das Schicksal der Menschen vorhersagen?“ Worauf er mir antwortete: „Ja, mit Sicherheit.“ Wieder befragte ich ihn: „Wird der Satrap sterben?“ „Ja“, erwiderte er, „er wird bald sterben.“ „Und du“, fragte ich schließlich den Magier, „wann wirst du sterben“, sagte ich zu ihm, „denn du wirst auf der Stelle sterben“, und durchbohrte ihn dortselbst mit dem Dolch vor dem Kranken, dem Hof und der Familie. Alle verstanden: Die Zauberkünste waren trügerisch; wenn jener rätselhafte Komödiant seinen eigenen Tod nicht vorhergesagt hatte, konnte er das Schicksal anderer noch viel weniger voraussehen.
-Du hast ihn in die Falle gelockt -rief der Heilige-, du hast ihn betrogen. Ich werde dir beweisen, warum. Wenn der Magier, deinen Hinterhalt vorausahnend, gesagt hätte: „Ich kenne meine Zukunft: Du wirst mich gleich mit dem Dolch töten“, hätte er dich lächerlich gemacht: entweder hättest du ihn getötet und ihm recht gegeben, der Satrap hätte die Weissagungen, die ihn in Melancholie versenkt hatten, bestätigt gefunden, und deine Ränke wären deshalb nichts wert gewesen; oder du hättest ihm das Leben geschenkt, und der Magier -sicher ein guter Rhetoriker- hätte den Eindruck erweckt, daß du dich absichtlich geirrt hättest, um ihm vor dem anklagenden Auge des Hofes eine Falle zu stellen.
-Ich habe ihn nicht betrogen -sagte der Schreiber-: der Verführer hat sich mit seinen Weissagungen selbst verführt. Er erlitt ein böses Schicksal. Und schlimmer noch war mein Geschick: der Satrap verurteilte mich zum Tode. Ich habe ihn gerettet, habe ihm Gesundheit geschenkt, habe ihn den Prophezeiungen entrissen, und da überhäuft er mich mit Schmach und verkündet im Königreich, daß ich die schlichten Mörder höher schätze als die Weisen mit Hintergedanken.
-Ich habe es dir gerade erklärt -sagte der Heilige-. Vermenge nicht Handlungen und Argumente. Indem du den Dolch zücktest und dem Magier versichertest, daß du ihn töten konntest, demonstriertest du ihm die Falschheit seiner Vorhersagen ohne Nachteil für dich; und durch die Vernichtung des anderen wäre der Herr gesund geworden.
-Weh mir -rief jener aus, ohne zu antworten-, um einen Mann zu retten, der die Rettung nicht verdiente, peitschten sie mich aus, warfen mich den Geiern vor und verleumden mich heute im Vaterland.
-Uns erwartet eine lange Reise -rief der Dämon, der sich wegbegeben hatte.
Und der Schreiber des Satrapen erstaunte, als er ihn hörte und sah, und fragte den Heiligen:
-Und der, wer ist das?
-Er begleitet mich -antwortete der Heilige-, er geht an meiner Seite, schreibt, versteckt sich manchmal, kehrt aber immer zurück. Kennst du etwa den diabolus absconditus nicht? Er ist in jedem von uns. In deinem Vaterland nennt ihr ihn Ariman.
-Was sagst du? -fragte der Schreiber entsetzt.
-Ich spreche dir von Behemot, Adramelech, dem Dämon...
-Baal Zebuth, Satanael, Samael, Fürst dieser Welt? -kreischte dieser atemlos-. Weh mir, der Verfluchte! Ich gehe, ich renne, ich verliere den Verstand, ich verfalle in Wahnsinn. Ich habe schon zu viele Qualen erlitten, weil ich einen Mächtigen gerettet habe.
So sprach er, stieß einen rätselhaften Schrei aus und lief den Ungeheuern nach.
Und Adramelech sagte:
-Das Unglück, das Grauen und der Wahnsinn: Ich bin am Ende. Wenn der Mensch sich in mir sieht und sieht, was er ist, hat er keinen anderen Ausweg als das Delirium. Ich packe ihn an den Haaren und springe ins Leere... Aber gehen wir, heiliger Freund, es wird spät.
In dem das Buch Belials mit der Frage »Wohin bist du gegangen, Adramelech?« fortgesetzt wird
-Wohin bist du gegangen, Adramelech? Du hast mir allein die Pestilenz von Hinnom überlassen. Aber was sage ich? Antworte nicht, Verfluchter, ich weiß, was du getan hast, denn nichts Deiniges ist mir fremd: Ich bemerke alles, was du unternimmst, was sich auf dich bezieht, was sich auf mich bezieht: den Wurm, der ausgebrütet wird. So bin ich, Adramelech, ich bin der Mensch. Und tu ja nichts, du Schwein, du entkommst mir nicht, ich habe Augen, die das Deinige sehen. Wisse ein für allemal: Was jeder andere zögern würde zu erzählen, weiß ich im voraus: Ich bin vor dem Wort da.
-Bist du es, der da spricht, Heiliger? Oder spricht irgendein Schreiber für dich?
-Schweig, Verfluchter!
-Nun denn -sprach der Dämon-, in Albion lebte ein Händler, der denen ähnelte, die eines nicht fernen Tages die klerikalen Chronisten beschreiben werden, und ich prophezeie dir, daß niemals ein Elender leben wird, der mit ihm verglichen werden kann. Er war kleinlich, strafte erbarmungslos, versteckte die Sesterzen und die Zuneigung besser als jeder Wucherer, er haßte die ganze Welt. Es kam aber der Tag, an dem er, wissend, daß er durch eine plötzliche Erkrankung zum Tode verurteilt war, die Ratschläge ignorierte, die ihm die Seinigen und die Magnaten gaben, und an diesem ungewöhnlichen Tag, den ihm das Schicksal aufgespart hatte, damit er bereue, rief er einen Freund und hieß ihn an seiner Seite Platz nehmen. Er sagte ihm, was er ihm zu sagen hatte, und ließ ihn schwören, daß er in der Stunde seines Todes, und wenn sie ihn begraben würden, in seiner Gruft die Münzen, die er ihm bezeichnen werde, hinterlegen werde. Er weissagte ihm, daß er seinem Fluch nur entgehen würde, wenn er den Auftrag ausführte und auf diese Weise dafür sorgte, daß die Glücksgü
