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Der Zauber des Anfangs - ... Und es kommt immer anders, als man denkt! Eine wahre Geschichte vom Leben und der Liebe im Alltag und dennoch keine alltägliche. Doris Strittmatter erzählt in ihrem Tagebuch die Geschichte vom Auswandern nach Brasilien, mit nur vier Koffern ... im Gepäck Sorge, Hoffnung und Zuversicht. Jeder einzelne Buchstabe ist ein Stück von ihr und man taucht tief ab in ihr Leben. Die Details und die Worte der Beschreibung offenbaren ein Stück von ihrer Seele und geben dem Leser das Gefühl hautnah dabei zu sein. Ihre Art Dinge anzugehen und zu lösen ist einzigartig. Ihr Mut und ihr Erfolg mit so wenig so viel zu erreichen ist bewundernswert. Sie nimmt das Leben als gottgegeben und findet in jeder Situation kreative Lösungsansätze. Ein absolut lesenswertes Buch, das aufrüttelt und Dinge in eine andere Perspektive rückt.
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Seitenzahl: 510
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meinen Weggefährten, Geliebten und Seelenpartner Udo. Mein Herz ist erfüllt in tiefer Liebe und Dankbarkeit dafür, dass unsere Wege sich getroffen haben und wir ein Stück unseres Weges gemeinsam zurücklegen durften! Unsere Seelen sind auf ewig miteinander verbunden!
Für meinen Sohn Christoph, der es nicht leicht mit mir hatte, aber trotzdem immer zu mir stand und steht. Ich habe dich lieb!
Als Erinnerung für mein Enkelkind Ben an die Oma Doris. Dich aufwachsen zu sehen, ist eines meiner größten Geschenke!
Für meine Schwester Bettina, mit der ich im Herzen fest verbunden bin. Ohne dich hätte ich diesen Schritt nie gewagt. War es doch die Sehnsucht nach dir, die mich getrieben und mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt hat.
Für meine Schwester Eva, die in Deutschland die Stellung gehalten hat und die ich in der Zeit der großen Entfernung so schmerzlich vermisst habe!
Für meine Familie – was wäre ich ohne euch! Ich habe euch alle lieb!
Für die Familie, die ich mir aussuchen konnte, meine Freunde Ursula und Klaus. Ihr gehört zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich möchte euch niemals missen!
Für alle meine Freunde in Brasilien, die unseren Weg dort so sehr bereichert haben und uns immer zur Seite standen, wenn wir Hilfe brauchten. Ihr werdet immer einen Platz in meinem Herzen besitzen!
Für Uta und Bernd, die so uneigennützig die Ärmel hochkrempelten und uns in unbeschreiblicher Weise unterstützt haben. Danke für eure Freundschaft!
Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man anfängt ihn zu gehen.
Paulo Coelho
Die Akteure
Wie alles begann
Die Vorbereitung
Tag „X“
Der Zauber des Anfangs
Fortschritte
Die wahren Werte
Es geht voran
Weise Worte
Tierisches …
Magisches …
Viel gelernt …
Rätsel, Aufregung und jede Menge Clowns
Gänsejagd
Der erste Schreinerauftrag
Expedition in die Berge
Möglichkeiten und Prinzipien
Wir werden Eltern
Warum immer ich …
Die Küken sind da
Viel zu tun …
Ein neuer Mitbewohner
Unsere große Familie
Drama, Plagen und Überraschungen
Magie, Gefahr und Möglichkeiten
Adam in Nöten
Ignoranz und Sturheit
Ich muss „Nein sagen“ lernen
Weihnachten im Sommer
Aufregung am Morgen
Das Schicksal schlägt zu …
Naturgewalten
Udo wird 50
Schwierige Zeiten …
Licht am Horizont
Oh, wie kalt …
Und es kommt immer anders, als man denkt
Zwischen den Welten
Nachwort
Danke …
Über die Autorin
DORIS
Zu dieser Zeit 47 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn aus erster Ehe (27 Jahre alt). Von Beruf Arzthelferin, Tischlermeisterin, staatlich geprüfte Fachwirtin in kaufmännischer Betriebsführung im Handwerk … hat vor einigen Jahren den Jagdschein gemacht und die Jagd für etwa 4 Jahre aktiv mit ihrem Deutsch-Drahthaarrüden Eddy ausgeübt.
Sie ist sehr naturverbunden und hat sich schon immer für alle handwerklichen Techniken interessiert.
Doris gibt im Jahr 2008 ihren Job im sozialen Bereich (Aus- und Weiterbildung von sozial benachteiligten Menschen) auf, um sich voll und ganz dem Fernstudium zur Heilpraktikerin und der Vorbereitung auf den Start in ein neues Leben zu widmen.
Sie steht im Mittelpunkt einer großen Familie, wohnt in einem 4-Generationen-Haus, ist stets erste Ansprechpartnerin für alle Problemlagen und leidet an einem mehr oder weniger großen „Helfer-Syndrom“.
Der Wunsch, in Brasilien ein neues Leben zu wagen, wuchs vor mehreren Jahren. Sie hat große Sehnsucht nach ihrer Schwester, die schon vor 12 Jahren den gleichen Weg gegangen ist.
Ihr Lebenstraum ist es, selbstbestimmt, so weit als möglich selbstversorgend, in der Natur und außerhalb des deutschen Systems zu leben und zu arbeiten.
UDO
Er hat Doris vor 9 Jahren kennengelernt und inzwischen sind beide glücklich verheiratet.
Von Beruf ist er Weber und zurzeit führt er ein „kleines Familienunternehmen“, sprich er ist Hausmann und die gute Seele im Haus. Aus erster Ehe hat er vier Kinder.
Udo möchte gerne an der Seite von Doris noch einmal ganz von vorne anfangen. Er sagt immer: „Da, wo Doris hingeht, ist auch mein Platz.“ Aber auch er hat sich diesen Schritt reiflich überlegt und sieht darin seine Chance auf Selbstverwirklichung, Ablegen der gesellschaftlichen Zwänge und auf ein naturnahes Leben an der Seite von Doris.
EDDY
Er ist der besagte Deutsch-Drahthaarrüde von Doris und Udo. 12 Jahre alt und muss mit, ob er will oder nicht, denn ohne Frauchen kann er nicht leben … unmöglich!
… Frauchen ohne ihn aber auch nicht…
MERLIN
Der zweite Hund von Doris und Udo.
Jack-Russell-Terrier, 8 Jahre alt und ebenfalls unverzichtbares Familienmitglied!
BETTINA
Bettina ist die Schwester von Doris und lebt seit 12 Jahren in Brasilien. Sie hatte damals ihren Rucksack gepackt und ist in eine neue, aber noch ungewisse Zukunft gestartet. Alles fügte sich und heute ist sie von Beruf Sozialtherapeutin und Dozentin in der anthroposophischen Ausbildung in Brasilien.
Sie freut sich sehr über die Wiedervereinigung mit ihrer (Seelen-)Schwester Doris.
Vor einigen Jahren … ich glaube, es war mein zweiter und Udos erster Urlaub in Brasilien bei meiner Schwester Bettina … war plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung der Wunsch in uns, ebenfalls in Brasilien leben zu wollen.
… „WOW, eigentlich bin ich ja wahnsinnig … wie war das nochmal?
Stiergeborene haben ein starkes Sicherheitsbedürfnis und sind Gewohnheitsmenschen!
Besser nicht darüber nachdenken …“
Ich weiß überhaupt nicht, woher dieser Wunsch kam, aber im Nachhinein kann ich es zumindest in etwa nachvollziehen.
Schließlich war gerade vieles anders …
Wir befanden uns auf der anderen Seite der Erdkugel. Sonne, Mond und Sterne zogen in die entgegengesetzte Richtung … was mich anfangs fast wahnsinnig machte! Auch die Natur sah völlig anders aus, die Menschen hatten eine andere Mentalität und das Wichtigste … weit weg von der gewohnten Tretmühle hatten wir auch endlich mal Zeit, um runterzukommen und nachzudenken. Man hatte, ohne es zu merken, die Perspektive gewechselt und betrachtete auch das Leben von der anderen Seite.
Mir wurde plötzlich klar, wie sehr mir meine Schwester fehlt und wie sehr das Leben in Deutschland doch von Zwängen geprägt ist. Ich merkte auch, dass mir die Herzlichkeit der Menschen hier in Brasilien in Deutschland sehr fehlt und dass es zuhause äußerst schwer bis unmöglich sein würde, meinen Lebenstraum von einem selbstbestimmten, naturnahen Leben jemals umzusetzen. Udo ging es ähnlich und man merkte an allem, was er sagte, dass er ebenso intensiv nachdachte wie ich.
Ich sprach sehr oft mit Udo über meine Gedanken. Auch er fühlte sich hier viel wohler. Und ich glaube, für ihn war der wichtigste Punkt die Chance zu bekommen, ohne die gesellschaftlichen Zwänge, die ja in Deutschland herrschen, noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Ehe wir uns versahen, stand fest, dass wir nach Brasilien umziehen würden. Von meiner Schwester verabschiedete ich mich vor dem Abflug mit den Worten:
„… bis bald auf dieser Seite der Erdkugel!“
So weit, so gut …
Wieder zuhause angekommen, fehlte uns jedoch zunächst der Mut, dieses Vorhaben wirklich umzusetzen.
Da war ja auch noch unsere Familie. Diese Perspektive hatten wir bis jetzt nicht so intensiv beleuchtet. Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir alle damals gelitten hatten, als meine Schwester ihren Rucksack packte und uns eröffnete, dass sie nun nach Brasilien gehen würde, um dort zu leben und zu arbeiten.
Der Alltag packte uns wieder und wir machten weiter wie zuvor. Der Wunsch verblasste und die Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt.
Ich weiß nicht, wie es geschah oder warum …
Eines Tages … es war etwa eineinhalb Jahre vor unserem Abflug nach Brasilien … beschloss ich, meinen Arbeitsvertrag nicht mehr zu verlängern und begann zu planen. Ab diesem Moment ging alles wie von selbst. Ich hatte das Gefühl, dass ich bewegt und geführt werde. Was dann folgte, passierte einfach …
„Wie war das noch…Leben ist das, was passiert, während du am Planen bist? …“
Wir eröffneten unserer Familie in Deutschland unser Vorhaben. Dass dies nicht zu hundert Prozent positiv aufgenommen wurde, könnt ihr euch bestimmt vorstellen. Natürlich hatten alle Angst vor der Veränderung, vor den Gefühlen und Umstellungen, die diese Veränderung mit sich bringen würde. Aber sie ließen uns gewähren. Vielleicht glaubten sie zu dieser Zeit auch noch nicht richtig daran, dass wir diesen Schritt wirklich tun würden. Ich begann ein Fernstudium zur Heilpraktikerin, um mein medizinisches Wissen etwas aufzupolieren. Schließlich weiß man ja nie, was man alles so braucht und schaden würde es auf keinen Fall, sich bis zu einem gewissen Grad selbst helfen zu können, denn eine Krankenversicherung würde es dann auch nicht mehr geben.
Gleichzeitig begannen wir mit der Haushaltsauflösung. Bei der Bestandsaufnahme waren wir noch guter Dinge und ahnten nicht, wie schwer es doch sein würde, nahezu unser gesamtes bisheriges Leben aufzulösen. Wir hatten beschlossen, nur das Nötigste mitzunehmen und brauchten schließlich auch ein Startkapital.
… „Also, ich kann euch nur raten: Sammelt bloß nicht so viel Kram an wie wir. Alles, was ihr ein Jahr lang nicht angefasst habt, solltet ihr verschenken, verkaufen oder entsorgen. Und, bevor ihr euch was Neues anschafft, überlegt gut, ob es wirklich unbedingt gebraucht wird!“
Zunächst begannen wir damit, selten oder gar nicht genutzte Dinge auf Flohmärkten zu verkaufen. Es war ein gutes Gefühl, dass Geld in unsere Kasse kam und wir immer mehr Ballast abwerfen konnten. Dies ging ein Jahr lang so weiter, bis es schließlich begann, sehr ernst zu werden. Ich glaube, bis dahin war uns selbst noch nicht so ganz klar, was wir da gerade taten.
Eines Morgens fasste ich den Entschluss, mich um den Zeitpunkt zu kümmern und ging in ein Reisebüro. Dort wollte ich mich erst einmal nur informieren, was ein Flug kostete und welche Möglichkeiten es gab, wenn man Hunde mitnehmen wollte. Bis ich mich richtig versah, hatte ich einen Flug in der Tasche und damit auch den Termin für den Beginn unseres neuen Lebens … es sollte der 30. März 2010 sein.
Auf der Heimfahrt überfiel mich die Angst vor meiner eigenen Courage und ich musste mich zeitweise sehr anstrengen, nicht zu hyperventilieren … schließlich hatte ich ja auch keine Tüte dabei, in die ich atmen konnte.
Udo nahm die Nachricht mit Fassung auf. Der Gute ist meist so gefasst und nimmt die Dinge, wie sie kommen, um dann das Beste daraus zu machen … wie ich ihn manchmal darum beneide!
Die Familie war ein bisschen geschockt. Es wurde nun greifbar und sehr real. Ich merkte, dass sie unseren Entschluss nicht so ganz verstehen konnten. Sie akzeptierten jedoch diese Entscheidung und gaben uns Unterstützung, so gut sie konnten.
… „Hierfür war ich stets sehr dankbar! Ich habe euch alle sehr lieb!“
Wir intensivierten nun unsere Anstrengungen mit den Verkäufen des Hausrates, um unsere Kasse zu füllen … schließlich musste ja nun der Flug bezahlt werden. Etwa zwei Monate vor Abflug verkauften wir dann unseren geliebten Bulli-Camper. Das tat schon sehr weh, denn er war für uns wie ein Zuhause geworden. Es steckten so viele Erlebnisse und Erinnerungen darin.
„Ja, das ist der schwierige Teil! Wenn man sein Leben dermaßen umkrempelt, muss man auch vieles loslassen, was einem sehr lieb geworden ist. Dazu gehören auch Lieblingsgegenstände und Gewohnheiten. Aber es ist wichtig, denn man muss ja Platz für Neues schaffen.“
„Oh Doris, welch weise Worte … so kenn ich mich ja noch gar nicht…“
Nun will ich euch aber nicht länger mit meinem Vorwort langweilen, sondern einfach mit meinem Tagebuch beginnen.
Eines wäre noch anzumerken:
„Wer kann schon von sich sagen, dass er zweimal ausgewandert ist? Lasst euch überraschen!“
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
PS: Das Tagebuch ist aus einzelnen Berichten entstanden, die ich damals für die Familie, unsere Freunde und andere Interessierte in eine Gruppe eines sozialen Netzwerks eingestellt hatte, damit sie an unserem Abenteuer teilhaben können.
MONTAG, 25. JANUAR 2010
Es ist so viel zu tun!
Hier eine kurze Zusammenfassung der letzten Woche.
DER FLUG
Nun steht das Datum fest … 30. März 2010.
Ich habe einen Nonstopflug bei der Lufthansa von Frankfurt nach Sao Paulo gebucht. Nonstop wegen der Hunde, denn ich wollte ihnen nicht unnötig viel Stress durch Umladen verursachen. Der Flug wird sowieso schon sehr angsteinflößend für sie sein.
Ein Flug mit der „TAM“ wäre zwar günstiger gewesen, doch die konnten uns nicht fest zusichern, dass die Hunde dann trotz Buchung auch wirklich mitfliegen können … „Die spinnen wohl!“
Andere Fluggesellschaften, die nonstop nach Sao Paulo fliegen, gab es nicht. Alle weiteren Flüge gingen nach Rio de Janeiro und hatten ebenfalls mindestens einen Zwischenstopp.
Aber der LH-Flug war gar nicht so teuer wie angenommen …
„… Hm, liegt wohl an der Weltwirtschaftskrise. Da sieht man mal wieder, dass alles Negative auch immer seine positiven Seiten hat.“
DIE HUNDE
Die Voraussetzungen dafür, dass die Hunde in Brasilien einreisen dürfen, ohne dort zunächst in Quarantäne zu müssen, haben wir ebenfalls bereits recherchiert.
Mindestens 30 Tage vor Abflug muss der sogenannte Tollwut-Titer über eine Blutuntersuchung bestimmt werden. Außerdem benötigen sie eine Impfung, eine Entwurmung und es müssen Heimtierausweise besorgt werden. Einen Chip haben sie ja bereits.
Frühestens 10 Tage vor Abflug müssen wir die Hunde beim zuständigen Veterinäramt vorstellen … in unserem Fall in Fulda. Der Amtsarzt wird dort die vorgeschriebene Untersuchung vornehmen und die nötigen Papiere ausfüllen.
Anschließend, jedoch frühestens 10 Tage vor Abflug, müssen wir beim brasilianischen Generalkonsulat in Frankfurt diese Papiere legalisieren lassen und bekommen, wenn alles in Ordnung ist, die Einreisevisa für die Hunde.
Die flugtauglichen Hundeboxen sind auch bereits gekauft und jetzt trainieren wir jeden Tag, damit die Hunde sich in den Boxen sicher fühlen und es, zumindest aus diesem Grund, keine Probleme bei Flug gibt. Ich habe jedoch jetzt schon Bauchweh, wenn ich daran denke!
VERKAUF DES HAUSSTANDES
Es läuft eher schleppend.
Meine Tage sind nun geprägt von Aufräumen, Ausräumen und Sortieren … „Oh Mann, ist das ein Wahnsinn! Was sich da so alles angesammelt hat!“
Wir haben schon eine Menge Dinge in unserer Halle zusammengetragen. Wenn ich mir das so anschaue, kann ich gar nicht glauben, dass wir es schaffen werden, alles zu verkaufen.
Es nützt nix! Wir müssen noch einmal richtig kreativ werden und Gas geben, denn je mehr wir verkaufen können, desto voller wird auch unsere Startgeldkasse. Der Plan ist es, jeden Sonntag einen Hausflohmarkt zu veranstalten. Mal sehen, ob dieser Plan aufgeht und unsere Startgeldkasse sich füllt.
Ich bin nun doch sehr froh, dass wir den Bulli und einige andere Dinge so gut verkaufen konnten.
Auch habe ich begonnen, alles Wichtige in Papierform einzuscannen und auf einer externen Festplatte zu speichern, da wir als Gepäck nur jeweils zweimal 23 kg mitnehmen können. Das heißt, dass Bücher bzw. Ordner, CDs, Bilderalben usw. nicht mitkönnen.
Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass wir vorab wohl ein Überseepaket abschicken müssen. Ich suche gerade nach einer günstigen Möglichkeit im Internet.
VERSICHERUNGEN UND VERTRÄGE
Die müssen natürlich alle gekündigt werden, was ich bereits vollständig erledigen konnte.
Wie es mit der Rentenversicherung laufen wird, haben wir bei einem Beratungstermin klären können. Bei Eintritt ins Rentenalter 2027 bzw. 2029 können wir dann unsere Rente bei der Deutschen Botschaft in Brasilien beantragen. Mal sehen, ob dies dann wirklich so problemlos funktionieren wird … aber das ist ja auch noch lange hin …
GESUNDHEITSCHECK
Da wir in Brasilien keine Krankenversicherung mehr haben werden, ist es wohl besser sich, noch einmal richtig durchchecken zu lassen. Also habe ich Arzttermine gemacht.
Ich glaube, das war es jetzt erst einmal und ich bin gespannt, was sonst noch so ansteht und ob noch Sachen dazu kommen, an die ich noch nicht gedacht habe.
Eigentlich sind wir recht froh, dass im Moment so viel zu tun ist. So kommt man nicht zum Nachdenken. Die Gefühle spielen sowieso schon Achterbahn! Es ist ein aufregendes Wechselbad zwischen großer Freude, panischer Angst, trügerischer Ruhe zwischendurch und der Gewissheit, dass man bestimmt ganz viele Menschen unendlich viel vermissen wird. Außerdem fühle ich da noch die Angst, dass wir es nicht schaffen, noch alles, was nötig ist, bis zum Abflug zu erledigen.
Manchmal stelle ich mir schon die Frage, ob dies wirklich die richtige Entscheidung war. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
Und so heißt es für uns nun, Ohren anlegen und durchstarten.
„Am Ende wird bestimmt alles gut … ganz bestimmt!“
Zumindest schaffe ich es inzwischen, mir regelmäßig etwas Zeit für die Verbesserung meiner Portugiesisch-Kenntnisse zu nehmen. Einiges kann ich schon, aber es hört sich noch total komisch an. Ich bin gespannt, wie die Brasilianer auf meine Aussprache reagieren werden.
Aber nun stürze ich mich erstmal wieder in die Arbeit und helfe Udo.
DONNERSTAG, 4. FEBRUAR 2010
Momentan passiert außer … Verkaufen, Aufräumen, ausräumen, mit den Hunden üben, in der Box zu bleiben, von Arzt zu Arzt rennen, die Liste mit wichtigen Erledigungen vervollständigen, das Überseepaket zusammenstellen … „Ach, bis jetzt habe ich auch immer noch keine günstige Versandmöglichkeit gefunden“, wichtige Telefonate erledigen, so viel Zeit wie möglich mit der Familie verbringen, Sprache üben und überlegen, was essentiell notwendig ist, mitzunehmen … nicht viel.
Dazu kommen dann noch die alltäglichen Aufgaben. Langsam verliere ich den Überblick und muss mir schon alles aufschreiben. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit einfach davonrennt und muss des Öfteren eine Panikattacke unterdrücken.
Unser E-Ticket ist nun da und somit konnte ich endlich eine Sache mal endgültig abhaken … „Das tut gut, sag ich euch!“
Das Thema Tierarzt ist nun auch schon zum Teil abgehakt. Die Punkte Blutuntersuchung, Impfungen und Heimtierausweise besorgen sind nun erledigt. Fehlen nur noch der Amtstierarzt und das Visum für die Hunde.
Der Winter verabschiedet sich gerade mit Macht von uns. Wir hatten schon lange nicht mehr so viel Schnee und ich habe auf jeden Fall ein paar Fotos gemacht, denn Schnee werden wir wohl so schnell nicht mehr sehen. Außerdem habe ich die freie Zeit genutzt, noch einmal so oft wie möglich ausgedehnte Spaziergänge mit meinem Sohn und den Hunden in der schönen Schneelandschaft zu machen. … es gibt doch noch so viel, worüber wir reden müssen!
Ich möchte mir diese gemeinsame Zeit ganz fest im Herzen bewahren, da ich nicht weiß, wann wir wieder zusammenkommen werden. Dies kann sehr lange dauern und gehört zu den Dingen, die mir das Herz zerreißen und die Luft zum Atmen nehmen, wenn ich nur daran denke.
So viel für heute. Es wird wohl wieder ein paar Tage dauern, bis ich wieder einen Tagebucheintrag machen kann. Aber die Arbeiten und Erlebnisse hier sind ja auch nicht so interessant zu lesen.
DONNERSTAG, 18. FEBRUAR 2010
NOCH 40 TAGE BIS ZUM START!
Im Moment wächst der Stress, und die Zeit fehlt, viel über alles nachzudenken. … eigentlich auch gut so!
In den letzten zwei Tagen habe ich im Internet Sachen zum Verkauf eingestellt. Dies ist für mich ziemlich stressig, denn ich arbeite nicht so gerne mit diesem Medium, aber im Moment muss es sein!
Einige Arztbesuche konnten wir jetzt auch als erledigt abhaken, unter anderem auch der so sehr „geliebte“ Zahnarztbesuch. Doch, so schlimm war er gar nicht!
Gestern ereilte mich eine frohe Nachricht aus Brasilien.
Wir haben endlich ein Häuschen! Meine Schwester hatte sich darum gekümmert und nun eine feste Zusage für die Anmietung bekommen. Jetzt wissen wir also, wo wir schlafen können und wo wir hingehören.
Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrem Haus … „absolut geil“ ... hat einen Garten und sogar einen Holzofen. Mein Traum ist es, im Garten biodynamischen Anbau zu machen. Mal sehen, ob ich das realisieren kann. Im Moment fehlt mir noch die Zeit, mich damit zu beschäftigen. Aber zuerst muss ja in jedem Fall das Unkraut entfernt und der Boden vorbereitet werden. Da dies die Arbeit von Udo sein wird, werde ich genügend Zeit finden, mich da hineinzudenken.
… „Hey Udo, das kannst du schon mal auf deiner Liste notieren …“
Dann müssen auch Möbel gebaut werden. In der Nachbarschaft ist wohl eine Schreinerei und ich hoffe, dass ich die Maschinen dort benutzen darf. Wenn nicht, wird es auch so gehen. Das nötigste Werkzeug werde ich mitnehmen bzw. dort kaufen. Vielleicht wäre es ja auch gut, ohne Maschinen zu arbeiten …
Ich möchte auch gleich anfangen, Sauerteigbrot zu backen. Wie schön, dass der Ofen schon vorhanden ist! Zum einen würde es mir fehlen, ordentliches Brot zu essen und zum anderen hoffe ich, dass sich auch gleich Abnehmer finden werden. Dort gibt es ja nur so eine Art Toastbrot, welches bestimmt keinen großen Sättigungsgehalt hat.
Wenn dann mal alles gestartet, der Garten vorbereitet und das Haus eingerichtet ist, möchte ich zunächst anfangen, Lederschuhe herzustellen. Vor Jahren hatte ich mir mal ein Buch mit Anleitungen dafür gekauft … ihr wisst schon, die geschnürten Mittelalterschuhe …
… „Ahhh, meine Ideen quellen gerade über … wie die Realität dann wohl aussehen wird?“
Ich sammle schon länger Ideen, die man ohne viel Aufwand und Kosten umsetzen kann. Wir wollen ja schließlich gleich ein wenig Geld dazu verdienen und uns nicht auf unserem Startkapital, was übrigens gar nicht so üppig ist, ausruhen. Bis jetzt haben wir 10.000 Euro zusammen, wovon wir aber auch schon den Flug bezahlen mussten. Wir werden sehen, was das Leben an uns heranträgt.
Viele Pläne wollen wir nicht machen, denn …
„Bekanntlich kommt es immer anders, als man denkt!“
Es gibt so viele Möglichkeiten und das Leben ist dazu auch sehr kreativ. Man muss nur stets sein Bestes geben und nach allen Seiten offen sein. Dann regelt sich meist alles wie von selbst.
Übrigens sind wir auch schon auf unser erstes großes Fest eingeladen. Meine Schwester wird Mitte April 40!
… „ÄTSCH Schwesterherz! Dann gehst du auch auf die 50 zu, so wie ich!“
Ihr bester Freund Claudio wird Anfang April 50 und sie wollen gemeinsam feiern. Darauf freu´ ich mich jetzt schon riesig!
Bevor ich es vergesse. Das mit den Hunden und den Boxen funktioniert inzwischen sehr gut und meine Bauchschmerzen lassen so langsam etwas nach.
Aber jetzt werde ich mich erst mal wieder meiner Lieblingsbeschäftigung … „Verkauf des Hausstandes“… widmen. Es wird immer noch nicht merklich weniger. Außerdem habe ich so viele Sachen im Kopf, dass ich mich überhaupt nicht aufs Schreiben konzentrieren kann.
MITTWOCH, 3. MÄRZ 2010
NOCH 27 TAGE …
„Was wollte ich heute eigentlich alles erzählen …?“
Es passiert sehr viel, aber alles dreht sich immer um das Gleiche.
Vorbereitungen, Vorbereitungen und nochmal Vorbereitungen … wie schon beschrieben.
Ich lerne mich gerade selbst neu kennen und wusste gar nicht, was alles so in mir steckt. Auch Udo wächst über sich hinaus und das ist wirklich schön mit anzusehen!
„Da fällt mir ein, da gibt es doch was Neues …“
Meine Schwester hat auf Anregung ihrer Freunde in Brasilien … die fiebern ja auch schon alle mit … in mir die Idee für eine mögliche Aufgabe gesät, in der ein sehr großes Potenzial für alle Beteiligten stecken könnte.
Da man die Saat bekanntlich erst mal keimen und wachsen lassen muss, möchte ich heute noch nichts darüber verraten. Nur so viel … es hat etwas mit Kultur zu tun und diese Aufgabe zu erfüllen, würde mir sicher riesig viel Spaß machen.
„… Mal sehen, was das Leben dazu sagt…“
Unsere Wohnung leert sich nun doch langsam.
Jetzt schlafen wir schon mit den Matratzen auf dem Boden, da wir unser Bett inzwischen verkaufen konnten.
Bald werden wir… hoffe ich zumindest … im Wohnzimmer nur noch eine Festzeltgarnitur als Sitzgelegenheit stehen haben. Der große Kühlschrank ist auch verkauft und für den Übergang nutzen wir gerade leihweise einen sehr viel kleineren. Aber das ist auch o.k.
Alle anderen Sachen hatten wir ja in der Halle aufgebaut. Einige Flohmärkte sind gelaufen, aber die Halle ist immer noch sehr voll.
Jetzt hatten wir die Idee, unser Flohmarktkonzept zu ändern. Die künftigen Flohmärkte werden nach dem Motto: Jeder zahlt, was es ihm wert ist, veranstaltet. Ich hoffe, dass dann immer noch einigermaßen akzeptable Preise dabei herauskommen. Vorrangig ist jedoch, dass die Halle sich weiter leert.
Wir sind sehr gespannt!
„Also Leute, wer Lust hat und in der Nähe ist, kann gerne vorbeikommen … jeden Sonntag ab 10.00 Uhr und nach Vereinbarung … Wir würden uns sehr freuen!“
Die restlichen Sachen werden wir wohl verschenken. Es gibt bestimmt genug Menschen, die davon noch etwas gebrauchen können. Wegwerfen wäre die letzte und schlechteste Möglichkeit. Aber jetzt muss ich erst einmal wieder weitermachen …
MITTWOCH, 17. MÄRZ …
WIR SCHREIBEN DAS JAHR 2010 …
„So, nun liegen wir in den letzten Zügen … nee, so ein Quatsch!“
Manchmal kommt der Irrwitz so langsam zum Vorschein.
Die Psyche ist schon faszinierend! Wenn der Kopf nicht mehr mitkommt, dann macht sie einfach total widersinnige Dinge mit einem.
Die Ereignisse überschlagen sich nun und die Zeit rennt uns davon. Nicht mal mehr zwei Wochen, bis es losgeht, und ich fühle mich völlig zeitlos und in Watte gepackt. Manchmal habe ich das Gefühl, als wenn ich mich selbst beobachten würde …
„??? … Alles gut, Doris …???“
Eigentlich hatte ich ja immer die Hoffnung, noch alles in Ruhe erledigen zu können. Irgendwie klappt das aber nicht so ganz. Deshalb haben wir gestern einen Schnitt gemacht und beschlossen, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie laufen. Halten können wir es sowieso nicht mehr.
Jetzt freuen wir uns einfach auf unser neues Leben, und geben unser Bestes … aber ohne uns zu überschlagen. Wobei ich feststellen muss … Udo schafft es viel besser als ich, die Ruhe zu bewahren.
Das ist wirklich eine einzigartige Lebenserfahrung für uns!
Ich für meinen Teil werde alles geben, um möglichst viel über meine Mitmenschen und mich selbst daraus zu lernen.
Mit unseren Vorbereitungen liegen wir ganz gut in der Zeit. Es gibt nur noch wenige, im Moment nicht lösbare Dinge zu erledigen. Ich vertraue nun fest darauf, dass zur richtigen Zeit das Richtige passieren wird! Bis jetzt hat das ganz gut geklappt. Wenn man Dinge nicht in der Hand hat, sollte man sie fließen lassen und vertrauen.
„Wow … da sind ja schon die ersten Erkenntnisse …“
Ich habe gestern angefangen, den Hunden 3-mal täglich Rescue-Tropfen von Dr. Bach zu geben. Hoffentlich macht sie das ruhiger auf dem Flug und sie geraten dann nicht in Panik. Beruhigungs- bzw. Schlafmittel sind wegen der Gefahr eines Kreislaufkollapses zu gefährlich.
Im Netz findet man ja so allerhand Ratschläge betreffend Flug und Hunde. Nach unzähligen Recherchen und auf Anraten unseres Tierarztes haben wir uns dafür entschieden, es mit Bachblüten zu versuchen. Hoffentlich hilft es den beiden! Also, wenn man mich in eine enge Kiste sperren würde, die dann in einen Raum mit fremden Geräuschen und Gerüchen verfrachtet wird, getrennt von meinem vertrauten Menschenrudel und ohne zu wissen, was gerade mit mir passiert … ich würde mit Sicherheit durchdrehen und vor lauter Angst sterben!
„Oh, ich fühle mich echt schlecht deswegen!“
Themawechsel … besser ist das!
Unser letzter Flohmarkt ist ganz gut gelaufen. Leider sind immer noch so viele Sachen da.
„Also, falls mal jemand von euch auswandern möchte, fangt auf jeden Fall früher an den Hausstand aufzulösen! Ein Jahr ist zu kurz!“
Ansonsten gibt es nichts Neues. Ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.
„Bis bald … eure Doris, die zwischen den Welten schwebt!“
FREITAG, 26. MÄRZ 2010
NOCH 4 TAGE!
Wir haben unsere liebe Mühe, die „To-Do-Liste“ abzuarbeiten. Immerhin ist nun für die Hunde alles in trockenen Tüchern. Beim Amtstierarzt waren wir und der hat sie für flugtauglich erklärt. Mit den nötigen Papieren sind wir dann nach Frankfurt zum Brasilianischen Konsulat gefahren und haben die Visa ausstellen lassen. Das war unerwartet problemlos.
Die wichtigsten Dinge sind nun alle erledigt. Aber ich hatte gehofft, dass wir noch die Zeit finden, uns auch von unseren Freunden in Ruhe zu verabschieden.
„Die es betrifft … bitte nicht böse sein! Wir werden uns dann auf der anderen Seite wiedersehen, wenn ihr uns besuchen kommt!“
Dann wollten wir uns nochmal richtig viel Zeit für die Familie nehmen und die letzten Tage hier in Deutschland genießen.
Leider schaffen wir das gar nicht mehr!
Wir sind immer noch am Sortieren, Aufräumen, Verschenken, Wegwerfen … Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schwer es ist festzulegen, welche Dinge so wichtig sind, dass man sie unbedingt mitnehmen muss und welche man voraussichtlich nicht brauchen wird. Udo hat diese Entscheidung weitgehend mir überlassen, weil er viel weniger braucht als ich … seine Sachen würden wahrscheinlich ins Handgepäck passen. Vier Koffer sind schnell voll und ohne System kommt man da nicht vorwärts. Doch welches System ist das beste? Ich kann es euch nicht wirklich sagen …
Dieses Problem mit einer Liste in den Griff zu kriegen, war absolut unmöglich. Nachdem ich nun schon wochenlang an dieser Liste arbeite und eigentlich nicht zum Ende komme, habe ich es schließlich aufgegeben und bin zur Praxis übergegangen.
Zunächst habe ich einen Raum völlig geleert und die vier Koffer mit allen Sachen auf der Liste in diesen Raum verfrachtet. Da war schon gleich abzusehen, dass dies nichts wird!
Nun hieß es nochmal überlegen und aussortieren … immer noch zu viel! Wieder überlegen und aussortieren und dann probepacken … fertig! „Nee, denkste …“
Dann fallen einem plötzlich noch Dinge ein, die man bis jetzt nicht beachtet hatte. Also heißt es wieder überlegen, umpacken und aussortieren.
Ich will euch jetzt nicht weiter damit langweilen. Es ist eine der größten Herausforderungen, die ich bis jetzt hatte.
Das geht nun schon einige Tage wie beschrieben und ich hoffe, dass ich noch vor dem Abflug damit fertig werde, ohne unnötige Dinge auf Kosten von wichtigen Dingen mitzunehmen.
Die Wohnung ist nun schon ziemlich leer. Wir hatten unendlich viele Termine für uns und für die Hunde wahrzunehmen, hatten unendlich viel zu organisieren und abzuwickeln und kamen in den letzten Wochen so gut wie gar nicht mehr zur Ruhe. Ich möchte jetzt einfach nur noch alles hinter mich bringen und denke, Udo geht es genauso.
Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt und meine Gefühle unterliegen überhaupt nicht mehr meiner Kontrolle. Ich weiß nicht, ob ich lachen, weinen, schreien oder sonst was machen soll …“ „Fühlt es sich so an, wenn man am Überschnappen ist?“ Ich habe das Bedürfnis, völlig verrückte Dinge zu tun. Gut nur, dass der letzte Funken von Vernunft in mir immer wieder sagt: „Denk nicht nach … mach weiter … das wird schon …“
„Dieser Zeitpunkt wäre zum Überschnappen auch absolut schlecht gewählt, oder?!“
Da muss ich nun wieder an den Abschied denken und das Gedankenkarussell beginnt sich neu zu drehen. Ich bekomme die Gedanken gerade noch so in den Griff.
Fest steht: Es wird bestimmt ein sehr schwerer Abschied sein! Die Familie und die Freunde werden uns schmerzlich fehlen. Aber dafür werden sich in Brasilien bestimmt sehr viele neue Türen öffnen und wir werden neue Freunde finden.
„… die natürlich niemals ein Ersatz für euch alle sein könnten! Mein Herz ist groß genug!“
Dort sind auf jeden Fall alle schon sehr gespannt auf uns. Ich hatte in letzter Zeit ja auch öfters mit meiner Schwester über Skype geredet ... dieses Mal ein Hoch auf die Technik! Sie sagt, dass ihre Freunde mit uns fiebern und schon jetzt an unserem Leben teilhaben … „schön, nicht?!“
Auf jeden Fall wird die erste Zeit eine schwere Zeit werden. Das ist ja schon mal klar! Doch wir sind gerüstet, denn wir haben uns innerlich darauf eingestellt und natürlich vertrauen wir auch sehr darauf, dass alles so kommt, wie es sein soll.
„… und da gibt es ja auch noch den Zauber des Anfangs … der wird sehr hilfreich sein!“
Ist schon ein komisches Gefühl, wenn ich daran denke, dass ich bald für eine sehr lange Zeit, vielleicht sogar für immer, hier weggehen werde. Ich bin nur sehr froh, dass ich diesen Schritt gemeinsam mit Udo, meinem geliebten Gefährten und Vertrauten, machen kann!
Über die Konsequenzen unserer Entscheidung, die vielleicht auf uns zukommen könnten, möchte ich jetzt gerade lieber nicht nachdenken. Wir gehen einfach mal davon aus, dass alles gut wird und dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.
… zurück zum berühmten roten Faden …
Dies hier ist der Platz, an dem ich groß geworden bin, wo ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, wo all die Menschen leben, die zu meinem bisherigen Leben gehört haben, die ich so sehr vermissen werde. Der Platz, wo alles so vertraut ist. Und nicht zuletzt, wo jeder versteht, was ich sage. Das nächste Mal, wenn ich hierherkomme, wird es zu Besuch sein … wird es wirklich so sein?
Ich weiß schon jetzt, dass mein Herz in Zukunft für immer geteilt sein wird.
Je nachdem, wo ich mich befinde, werde ich immer das andere vermissen.
Doch wir sind auch voller Elan und Hoffnungen.
Es ist die bisher größte Chance in unserem Leben. Die müssen wir einfach ergreifen und etwas daraus machen!
„Also … auf in ein neues Leben!“
Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird und hoffen ganz fest, dass das Gute überwiegen wird!
… so, genug Sentimentalität jetzt! Am Dienstag werde ich den letzten Eintrag hier in Deutschland machen und dann wird es ernst!
Dienstag, 30. März 2010
ES IST SOWEIT!
„Zunächst mal, danke an alle für die lieben Wünsche!“
Wir sind total berührt und finden gerade keine Worte, denn Verabschieden ist nicht unbedingt unsere größte Stärke!
Gleich geht es los …
„Neues Leben … neues Glück! … Oder wie sagt man so schön?!“
Gestern hatte unsere Familie noch eine Überraschungsparty für uns vorbereitet. Es waren alle da und wir konnten für eine längere Zeit das letzte Mal zusammensitzen. Sie haben ein großes Banner mit all ihren Wünschen im Raum aufgehängt. Die Vorbereitung lief so heimlich, dass wir überhaupt nichts mitbekommen haben. Es war eine wirkliche Überraschung! Diesen Abend haben wir sehr genossen und für eine kurze Zeit sogar die Realität verdrängt.
Wir werden heute in einen Flieger steigen und in eine zwar spannende, aber ungewisse Zukunft starten … ohne die geliebten Menschen, ohne die gewohnte Umgebung, zunächst ohne eine Sprache, die alle verstehen …
Meine Gefühle sind jetzt überhaupt nicht mehr zu beschreiben. Mein Körper tut, was er will. Meine Füße laufen von allein und ich muss einfach nur noch folgen. Aber das ist gut so, denn sonst würde ich mich bestimmt verlaufen. Unzählige Gedanken überschlagen sich gerade in meinem Kopf. Meine Mimik habe ich auch nicht mehr im Griff …
„Ganz ruhig Doris! Es wird alles klappen!“
Unser neues Heim ist schon zum Einzug bereit. Den Abschied und den Flug werden wir jetzt auch noch überstehen!
Die letzten Tage waren so hektisch, dass mein Kopf gar nicht mehr mitgekommen ist. Ich habe einfach nur noch funktioniert und kann euch gar nicht mehr genau sagen, was ich so alles gemacht habe.
Die Familie wird uns zum Flughafen begleiten und wir müssen jetzt los.
Also dann …
„Wir sind nun auf dem Weg zur anderen Seite der Erdkugel!“
Ich melde mich von dort, sobald ich kann. Passt mir gut auf meine alte Heimat und auf euch auf!
„Bis bald …“
Dienstag, 6. April 2010
Wir sind im neuen Leben angekommen!
Die gesamte Reise dauerte 30 Stunden. Man hatte das Gefühl, dass sie gar nicht enden wollte, und wir waren total geschlaucht, als wir endlich in unserem neuen Zuhause ankamen.
30 Stunden ohne Schlaf und da war dann noch der plötzliche Temperaturwechsel. Kaum einen Fuß aus dem Flughafen gesetzt, umschlang uns die Hitze gleich mit ihren feucht-warmen Armen. Außerdem gab es da noch die unzähligen neuen Eindrücke, die auf uns einstürmten wie Torpedos, und nicht zu vergessen, die total außer Kontrolle geratene Gefühlswelt.
Mein Gefühlsleben während der Reise ist unbeschreiblich. Ich glaube, dafür gibt es nicht mal Worte.
Doch alles langsam und der Reihe nach …
Abschied:
Der Abschied von der Familie war sehr, sehr schwer!
Es ging plötzlich alles so schnell, dass, ehe ich mich versah, wir im Flieger Richtung Süden saßen.
Ich vergesse nie das Bild, als wir durch das Gate gingen und alle auf der anderen Seite uns so lange nachsahen, bis wir um eine Ecke verschwunden waren … auch ich drehte mich unzählige Male um.
Dieses Bild hat sich fest eingebrannt und mir blutet das Herz, wenn ich daran denke. Die Ungewissheit, was da so kommen mag, und die Gewissheit, dass wir uns bestimmt sehr lange nicht mehr sehen werden, waren schon irgendwie unerträglich erdrückend.
Ich vermisse alle jetzt schon so sehr, dass es weh tut! Den ganzen Flug über hat mich dies beschäftigt und mir kamen mehr als einmal die Tränen. Udo ging es bestimmt ähnlich. Er hat seine Gefühlsregungen aber nicht so offen gezeigt, saß nur ruhig neben mir und hielt meine Hand … „Leider kann man nicht alles auf einmal haben! … Na ja, aber schön wäre es schon …“
Wie gut, dass meine Schwester hier ist! Das tröstet schon ein bisschen.
Der Flug:
Zwölf Stunden in einem engen Sitz eingepfercht, ohne viel Bewegung. Gedanken, die wie die Geier in unseren Köpfen kreisten und nur darauf warteten, dass wir schwach wurden. Auch die Taktik sich vorzustellen, dass man nur in den Urlaub fliegt, half nichts und so gab ich sie schnell auf. Welche Taktik Udo hatte, weiß ich leider nicht. Ich merkte jedoch, dass wir uns wie zwei Ertrinkende aneinander festhielten.
Das Essen war auch nicht besonders gut.
Es lag so schwer im Magen … ich verstehe nicht, dass die Fluggesellschaften das nie in den Griff bekommen! Bis jetzt hatte ich bei jedem Flug, egal, bei welcher Fluggesellschaft, Probleme damit ...
Udo konnte gar nichts essen und ich aß wohl aus Kummer. Für mich ist es etwas Vertrauliches und Tröstendes.
Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Schlafen war nicht möglich, Lesen auch nicht. Ich saß zwar am Fenster, aber draußen war es ja dunkel.
Außerdem musste ich auch immer wieder an die Hunde denken, die irgendwo im Flieger völlig allein auf sich gestellt waren, ohne zu verstehen, was da vor sich geht …würden sie einen seelischen Schaden davontragen? … Ich hatte schon ein sehr schlechtes Gewissen, dass ich ihnen dies antun musste! Doch irgendwann war auch der Flug geschafft.
Die Ankunft:
Was für eine Beschleunigung … von null auf hundert innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Zunächst hatten wir echt Stress, denn wir mussten uns nun ziemlich schnell in einem völlig fremden Umfeld zurechtfinden. Fragen über Fragen … wo sind unsere Koffer … wo kriegen wir die Hunde … wird es ihnen gut gehen …? Und es gab niemanden, den man fragen konnte. Auch die Hinweisschilder waren nicht sehr eindeutig.
Irgendwann fanden wir dann das für unseren Flieger zuständige Kofferband. Unsere Koffer kamen auch relativ schnell über das Band … alle vier! Da waren wir schon mal richtig froh, dass keiner unterwegs zu einem anderen Ort auf diesem Planeten war.
Ganz am Schluss kamen endlich auch die Hundeboxen mit den Hunden, ebenfalls über das Kofferband! Es hat mich fast zerrissen, als ich gesehen habe, wie gestresst, verängstigt und überhitzt beide waren!
Das war ein Wiedersehen! Als sie realisierten, dass ihr Rudel wieder da war, begannen sie so sehr mit den Schwänzen … was sag ich da, mit dem ganzen Hinterteil … zu wackeln, dass wir uns beeilen mussten, die Boxen vom Band zu nehmen. Die wären sonst heruntergefallen. Leider konnten wir sie nicht gleich aus den Boxen befreien.
Wir packten also alles auf zwei Kofferwagen und dann ging es ab zur Zollkontrolle. Ich betete, dass ich alle nötigen Papiere zusammen habe und es keine Probleme geben würde. Wir hatten unsere liebe Mühe, die Koffer und die Hundeboxen auf den zwei Gepäckwagen zu verstauen, doch beim Zoll angekommen musste alles wieder abgeladen und auf das Durchleuchtungsband gehievt werden … „Nein, die Hundeboxen natürlich nicht!“
Während die Koffer und das Handgepäck durchleuchtet wurden, kontrollierte ein Beamter die Hundeboxen und die Papiere. Es war wohl alles in Ordnung. Am Ende half er uns noch, alle Sachen wieder auf den Wagen zu verstauen und hob den Daumen. Das heißt hier so viel wie alles o.k. Mir fiel ein ganzes Felsmassiv vom Herzen …
Draußen, vor dem Gebäude, sind wir dann erstmal gegen eine Wand aus feuchter Hitze gelaufen. Es fühlte sich an, als wären wir in einer Dampfsauna gelandet.
„Wie gut, dass wir hier im Winter angekommen sind!“
Meine Schwester war noch nicht da und so hatten wir Zeit, einen kurzen Spaziergang mit den Hunden zu machen. Zuerst ging Udo mit Merlin und dann ich mit Eddy … einer musste ja auf das ganze Gepäck aufpassen und schauen, dass wir meine Schwester nicht verpassen.
Die Hunde waren unbeschreiblich froh, uns wieder zu haben und aus den Boxen zu dürfen! Wir konnten sie auch nicht mehr dazu bewegen, noch einmal dort hineinzugehen.
Das Wiedersehen mit meiner Schwester:
Wir mussten nicht lange auf Bettina warten. Das war eine Wiedersehensfreude! Wir sprangen uns regelrecht an und ich hielt sie fest in meinen Armen. Am liebsten hätte ich sie nie mehr losgelassen. Zum einen hatten wir uns so lange schon nicht mehr gesehen und sie fehlte mir unendlich viel. Zum anderen war sie eine greifbare Person unserer Familie und mein Heimweh … „Ja, ihr lest richtig! Ich hatte schon Heimweh“ … besserte sich schlagartig ein wenig. Jetzt würden wir uns wieder so gut wie jeden Tag sehen und darauf freute ich mich sehr!
Die Heimfahrt und letzte Etappe:
Es war noch ein langer Weg bis in unser neues Zuhause. Bettina hatte dafür einen Fahrer mit einem Kleinbus organisiert. In einen PKW hätte ganz sicher nicht alles hineingepasst.
Jetzt lagen noch etwa sechseinhalb Stunden Autofahrt vor uns. Von Sao Paulo über die Autobahn in Richtung Rio de Janeiro. Diese war zwar sehr voll, doch es lief relativ gut! Die Zeit verging schnell, denn wir hatten uns ja so viel zu erzählen. Auch die Hunde nahmen die lange Autofahrt sehr gelassen hin … sie waren ja wieder bei ihrem Rudel.
Und Udo …
Udo war sehr ruhig und schaute aus dem Fenster … was hätte ich dafür gegeben, seine Gedanken lesen zu können …
Kurz hinter Sao Paulo machten wir gleich noch einmal einen Zwischenstopp für einen kleinen Hundespaziergang. Den Rest der Strecke fuhren wir ohne Unterbrechung.
Es waren sehr viele neue Eindrücke. Eine völlig andere Landschaft, andere Gerüche. Dazu die Wärme und das Gewusel von Autos, LKWs, Bussen, manchmal auch Fußgängern, Eselkarren, Fahrradfahrern und und und …
Aber auch diese lange Fahrt ging vorbei.
Ankunft in unserem neuen Zuhause:
Unser neues Haus liegt mitten auf einer Weide und es führt vom Hauptweg nur ein ca. 200 m langer Lehmweg, der übrigens in Deutschland den Namen Feldweg nicht verdienen würde, dorthin. Da es zwei Wochen geregnet hatte, war dieser völlig aufgeweicht, matschig und voller tiefer Pfützen und Löcher. Der Bus konnte diesen Weg nicht bewältigen.
Also hieß es jetzt erstmal Koffer schleppen und schwitzen!
„… Zehn Jahre später und ich hätte mit diesem Umzug echte körperliche Probleme bekommen!“
Nur unsere Hunde waren sehr froh über die unerwartete Bewegung. Wir mussten einige Male gehen, bis wir alles im Haus hatten und sahen nachher entsprechend aus.
Unser Haus:
Unser Haus ist alt und mit deutschen Häusern nicht zu vergleichen. Für uns ist es jedoch wirklich schön und eben „Unser Haus“… natürlich erst einmal nur gemietet. Es liegt – total idyllisch – mitten auf einer Fazenda. Natur pur, obwohl ganz in der Nähe die Autobahn Sao Paulo – Rio de Janeiro vorbeiführt.
Es gibt drei Zimmer, zwei Küchen … davon eine im Außenbereich … ein winziges Bad und keine Fenster mit Scheiben, sondern nur Holzfensterläden. Auch die Küche dürft Ihr euch jetzt nicht wie hier in Deutschland vorstellen. Holzdecken gibt es nur im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und in dem dritten Zimmer. In der Küche kann man von unten die Ziegel sehen und im Bad hat der Vormieter eine Plane als Decke gespannt. Da, wo das Dach aufliegt, kann man durch die Sparren ins Freie sehen.
„Wie, ihr findet das schlimm? Nein, ist es nicht! Es ist ein Dach über dem Kopf und wir können ja so nach und nach was daran ändern.“
Das dazugehörige Grundstück ist ziemlich groß und mit Stacheldraht eingezäunt, damit die Kühe und Pferde … die laufen hier alle frei herum … nicht den Garten abgrasen können. Der Zaun ist an vielen Stellen kaputt und muss so schnell wie möglich erst einmal repariert werden.
„… Hast du gehört, Udo … das wird bestimmt deine Aufgabe sein …“
Möbel haben wir noch keine, aber immerhin zwei Matratzen zum Schlafen. Diese hatte meine Schwester schon vorher besorgt, ebenso zwei Decken und zwei Kissen. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich darauf freute, endlich mal wieder auf einer Matratze zu liegen und ein bisschen schlafen zu können.
Und aufs Duschen freute ich mich auch! Fürs Bad hatte Bettina schon einen neuen Duschkopf besorgt. Die sind hier etwas anders als in Deutschland. Sie werden am Strom angeschlossen und im Kopf befindet sich eine Heizung, die das Wasser beim Durchfließen erhitzt.
„Ja, ihr hört richtig … Wasser und Strom ... mit Kabeln ohne richtige Isolation … total haarsträubend!“
Jetzt hätte ich es fast noch vergessen. Einen Stuhl haben wir auch schon. Den hatte der Vormieter hier stehen lassen. Wir werden also zunächst ein bisschen improvisieren müssen. Da kommt mir gerade in den Sinn …
„… Vielleicht sollten wir einen Sitzplan erstellen, Udo … hihi …“
Das waren jetzt echt deutsche Gedanken und ich wische sie schnell weg! Na ja, vielleicht kam da auch gerade der Wahnwitz ein bisschen durch.
Ein Tisch wäre jetzt fast schon Luxus, aber den werde ich dann so schnell wie möglich bauen … „sem problema!“
Einen alten Gasherd hatte der Vormieter auch noch hiergelassen.
Er sieht wirklich schon schlimm aus. In Deutschland würde den wohl niemand mehr in Betrieb nehmen. Er ist verbeult und verrostet, aber er funktioniert noch und so müssen wir nicht nur auf dem Holzfeuer kochen. Eine Gasflasche hatte Bettina auch schon besorgt und somit haben wir bereits eine funktionsfähige Küche. Die Spüle befindet sich im Außenbereich.
„Passt! Ist doch schon ziemlich gut eingerichtet … alles da, was man unbedingt braucht!“
Wir haben beschlossen, zunächst nur Geld für das Notwendigste auszugeben und ansonsten unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Dafür nehmen wir einfach, was wir finden und machen das Beste daraus … „back to the roots“ eben!
Neue Freunde:
Die Menschen hier sind fantastisch! Völlig offen und unvoreingenommen! Sie haben uns sofort in ihre Gemeinschaft aufgenommen und wir bekommen Hilfe von allen Seiten. Dies schätzen wir sehr!
Die Sprache:
Das mit der Sprache klappt besser als angenommen. Ich verstehe schon sehr viel, nicht zuletzt, weil die Menschen hier eine sehr lebhafte Körpersprache haben. Jetzt habe ich Hoffnung, dass ich mich bald selbst mit ein paar Brocken Brasil-Portugiesisch verständigen kann.
Doch momentan ist mein Gehirn völlig durcheinander. Mir fehlen ganz oft die deutschen Worte. Das liegt wohl daran, dass wir uns dreisprachig verständigen … Deutsch, Englisch und Portugiesisch … Babylon lässt grüßen … Ich hoffe, das sortiert sich bald wieder!
„Der Einkaufsmarathon“:
„Sehr aufregend!“
Marathon deshalb, weil ich mit meiner Schwester ganze drei Tage lang nur das Nötigste an Hausrat und Lebensmitteln besorgt habe. Udo ist zuhause geblieben und hat in dieser Zeit so manches Nützliche gebaut und sich um die Hunde gekümmert.
Lebensmitteleinkauf ohne Kühlschrank ist eine ziemliche Herausforderung. Man muss echt überlegen, was man alles kaufen kann und seinen Essensplan total umkrempeln. Aber das schaffen wir, und wir werden bestimmt nicht verhungern! Sobald es möglich ist, wollen wir uns einen gebrauchten Kühlschrank anschaffen. Second-Hand-Shops findet man hier für alle Bereiche. Ein neuer wird nicht zu finanzieren sein. Die sind echt sündhaft teuer!
Nochmal zurück zu unseren Einkäufen …
Großeinkäufe sind hier nicht so einfach wie in Deutschland. Da wir kein Auto haben, sind wir auf den Bus angewiesen und müssen alles ziemlich weit tragen. Das ist sehr anstrengend! Man ist mit unzähligen Tüten bepackt und es wird jedes Mal wieder zum Abenteuer, damit in den Bus zu gelangen und beim Aussteigen nichts zu vergessen. Schön ist, wenn man einen Sitzplatz bekommt … was bei den vielen Leuten nicht oft vorkommt. Hier haben nur wenige Menschen ein eigenes Fahrzeug und so sind die Busse ständig sehr voll.
Ich habe beschlossen, dass ich mir so schnell wie möglich ein Fahrrad zulegen werde, damit ich wieder etwas unabhängiger bin. Das würde vieles vereinfachen.
Die Wege hier sind sehr weit. Der nächste Lebensmittelladen ist zwar im gleichen Ort, aber zu Fuß etwa eine dreiviertel Stunde entfernt. Mit viel Gepäck kann man das bei der Hitze kaum bewältigen. Dazu geht es auch noch über Berg und Tal.
In der ca. 13 km entfernten Stadt brodelt das südamerikanische Leben.
Menschen, Menschen, Menschen … Farben, Farben, Farben … „Ist schon sehr faszinierend, wie lebendig hier alles ist!“ Man kann es absolut nicht mit Deutschland vergleichen und nur schwer in Worte fassen. Selbst mit Bildern könnte man dieses Lebensgefühl nicht vermitteln.
Begegnungen:
Gestern habe ich an der Singstunde teilgenommen, die meine Schwester einmal pro Woche kostenfrei für interessierte Freunde gibt.
Einer der Teilnehmer ist Fernando.
Fernando ist Argentinier und Musiker. Wenn er singt, schmilzt man langsam dahin, so schön ist seine Stimme. Er spielt auch einige Instrumente, unter anderem Geige. Eine eigene Wohnung oder viel Besitz hat er nicht. Er wohnt bei Freunden und ist mal hier, mal dort … ein richtiger Freigeist also.
Am Donnerstag wird er mit anderen Musikern in einem Lokal im Ort auftreten und wir werden mit unserer Gesangsgruppe auch einen Auftritt haben. Wir singen ein kurzfristig einstudiertes afrikanisches Lied … verrückt!
Schon ist es wieder in meinem Kopf:
… „ Djembé, Djembé Maria, Djembé, Djembé maja, Djembé, Djembé Maria, Djembé …“
Okay, zurück zu den Begegnungen … ist langweilig für euch ohne Ton!
Gestern Abend war ich dann mit meiner Schwester bei der Trommelstunde … „Wahnsinn!“
Andere Freunde von ihr … ein weiterer Fernando und seine Frau Angelika … sind Instrumentenbauer. Sie bauen in der Hauptsache alle möglichen Arten von Trommeln. Einmal pro Woche geben sie Trommelstunden, um sich so etwas hinzuzuverdienen.
Es gibt hier unzählige Rhythmen und ich hatte richtig viel Spaß. Fernando sieht in mir eine Begabung … was mich selbst sehr wundert … und ich werde nun regelmäßig mitgehen.
Ihn hatte ich ja schon einmal an unserem ersten Tag getroffen. Er kam bei meiner Schwester vorbei, um uns willkommen zu heißen. Das war ein seltsames Erlebnis.
Er gab uns die Hand, schaute einige Minuten wortlos zu, wechselte ein paar Worte mit meiner Schwester, nickte und ging wieder. War wohl seine Art festzustellen, ob wir zu ihnen passen. Laut meiner Schwester haben wir die Prüfung wohl bestanden.
Mal sehen, was noch so alles passiert. Nun stürze ich mich erst einmal wieder in die Arbeit. Es gibt so viel zu tun …
Ich glaube, das war es jetzt auch fürs Erste in groben Zügen. Das Wichtigste müsste ich euch nun mitgeteilt haben. Falls ich etwas vergessen habe, trage ich es auf jeden Fall noch nach. Versprochen!
Mittwoch, 7. April 2010
… und weiter geht´s!
Gestern hatten wir den ganzen Tag heftigen Regen und starken Wind.
In Rio … etwa 160 km entfernt … mussten alle Schulen schließen und alle Leute wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Es hat dort 14 Stunden am Stück geschüttet, wie als wenn man den Wasserhahn aufdreht. Dadurch gab es wieder viele Erdrutsche und die Straßen verwandelten sich in reißende Flüsse.
Bei uns war es nicht ganz so schlimm, doch ich muss zugeben, ein bisschen Pech hatten wir auch. Die brauchten wohl das ganze Wasser für den Regen hier!
… „Hey, wir brauchen aber auch Wasser!“
Ab mittags hatten wir kein Wasser mehr in der Wasserleitung und unser Vorratsbehälter war schnell leer.
Kein Wasser zu haben, und nicht zu wissen, wann es wieder welches gibt, ist eine ganz neue Erfahrung! In Deutschland hat man alles als so selbstverständlich hingenommen. Es geht schon bei der Körperpflege los, dann übers Kochen, das Wäschewaschen, die Klospülung, bis hin zum Trinken … was bei der Hitze ja absolut überlebensnotwendig ist.
Da es ohne Auto eine Knochenarbeit ist, Getränke einzukaufen, haben wir uns einen Wasserfilter angeschafft. Dieser macht das Leitungswasser trinkbar.
Ihr müsst euch das vorstellen wie einen großen Ton-Topf, der aus zwei Teilen besteht. Man schüttet das Wasser in den oberen Behälter und dieses sickert dann durch den Ton-Boden in den darunter befindlichen Behälter. Aus diesem Behälter wird das Trinkwasser über einen Hahn entnommen. Da wir nicht ausschließlich Wasser trinken wollen, machen wir uns mit den Zitronen unseres Limo-Baumes im Garten noch Limonade.
Lange Rede, kurzer Sinn …
In diesem Behälter ist … Gott sei Dank! … noch etwas Wasser. Wir werden also erst einmal nicht verdursten! … sofern das Wasser bald wieder kommt …
Hier im Haus geht es voran. Wir nähern uns inzwischen schon wieder echtem Luxus. Heute bekommen wir einen Tisch von der Behinderteneinrichtung geliehen, in der meine Schwester arbeitet. Also hätten wir dann schon zwei Möbelstücke. „Wahnsinn, oder?!“
Für mich ist diese Erfahrung eine sehr gute, denn man lernt alles, was man bis jetzt immer ohne Frage hatte, wieder besser zu würdigen. Ich freue mich schon über einen alten, geliehenen Tisch! Das hätte ich mir vor zwei Wochen nicht vorstellen können.
Wir sind nun erst kurze Zeit hier, aber schon jetzt davon überzeugt, dass Europa ein überzivilisierter Kontinent ist. Und doch fühlen wir uns hier viel wohler. Es sind wohl doch die anderen Werte, die für uns Menschen zählen …
Die Menschen sind hier so locker drauf und nehmen alles mit einer totalen Gelassenheit hin. Das ist gut, denn alles Schlimme oder Unangenehme geht ja bekanntlich vorüber und: Nach einem Regen folgt auch wieder Sonnenschein!
Ich hatte immer Angst, dass ich das jährliche Festival am Herzberg (Europas größtes Hippie-Festival, das in der Nähe unseres alten Wohnortes stattfindet) sehr vermissen würde.
„Nee, werde ich nicht … hier ist ja das ganze Jahr Herzberg!“
So, nun muss ich mal wieder an die Arbeit.
Ich melde mich bald wieder mit neuen Erfahrungen.
P.S.: Das Wasser ist wieder zurück. Die Leitung hatte ein Loch und der Vermieter hat sie gleich repariert.
Unser neues Zuhause …
Meine Schwester ist noch unsicher, ob es uns gefällt. In Ihrem Blick lie gen 100 Fragen und die Angst, dass wir nicht zufrieden sein könnten …
Natürlich gefällt es uns!
Aber am meisten freuen wir uns gerade auf unser Bett!
Ganz wichtig! Die Bank vor dem Haus
Sonntag, 11. April 2010
Hier geht es langsam, aber stetig voran.
Das Haus haben wir jetzt so weit eingerichtet, dass wir bequem darin wohnen können. Alles ist sehr einfach in der Ausführung, denn wir haben nur Materialien verwendet, die vorhanden waren. Der Vormieter hatte einigen Müll hinterlassen. Daraus haben wir alle Materialien, die noch zu gebrauchen waren, recycelt und brauchbare Dinge daraus gebaut. Es ist inzwischen richtig gemütlich geworden und wir fühlen uns sehr wohl und heimisch!
Auch die Giftspinnen sind nun fürs erste verbannt … „Das hoffe ich auf jeden Fall nach meinem Spinnenerlebnis letzte Woche!“
Im Badezimmer befand sich eine handtellergroße, giftige Erdspinne.
Diese sind sehr wehrhaft. Sie laufen nicht etwa weg wie unsere deutschen Spinnen. Wenn sie sich bedroht fühlen, gehen sie auf einen zu, stellen sich auf und fauchen … „Tarantula lässt grüßen und ich bin echt froh, dass ich wenigstens durch meine Größe noch überlegen bin!“
Außerdem sind sie wahnsinnig schnell. Mich schüttelt es jetzt noch bei dem Gedanken! Will man sie aus dem Haus haben, gibt es nur einen Weg. Man muss sie töten.
Während ich noch total paralysiert war, hatte meine spinnenerfahrene Schwester schnell reagiert und sie erledigt … „Danke, liebes Schwesterherz!“
In den ersten Tagen unseres neuen Lebens hatte ich schon einmal so ein gruseliges Spinnenerlebnis. Ich war bei meiner Schwester im Haus, weil ich eine Verabredung über Skype mit meinem Sohn hatte … bei uns gab es mal wieder kein Netz. Bettinas Haus liegt auf einer Kuppe und der Empfang ist dort etwas besser. Sie war schon bei Udo, weil wir anschließend zusammen kochen wollten.
Während des Telefonierens hatte es angefangen zu regnen und ich wollte eigentlich nicht mit meinen Chinelos – sprich Flip-Flops – durch das hohe, nasse Gras laufen.
Also dachte ich mir … dann zieh ich mal die Gummistiefel von Bettina an … Die standen so schön einladend vor der Haustür.
Gesagt, getan, doch kurz bevor ich mit meinen nackten Füßen in die Stiefel treten wollte, fiel mir die Warnung von Bettina ein. Sie hatte mir in den ersten Tagen erklärt, dass man Stiefel und Schuhe, die vor dem Haus stehen, immer zuerst ausschütteln muss. „GANZ WICHTIG!!!“ … hatte sie gesagt. Oft haben es sich dort die riesigen Erdspinnen gemütlich gemacht.
„Nein, Käsefüße helfen da nicht, falls ihr diesen Gedanken gerade hattet.“
In letzter Sekunde schüttelte ich die Stiefel kopfüber aus. Was passierte?
Na, ihr könnt es euch vielleicht bereits denken.
Aus dem einen Stiefel fiel eine etwa handtellergroße Erdspinne und suchte gleich die nächste Deckung auf. Sie hatte sich wahrscheinlich genauso erschreckt wie ich, denn normalerweise flüchten die ja nicht unbedingt, wie ich schon erklärt hatte.
Es dauerte einen ganzen Moment, bis ich mich von dem Schreck erholt hatte. Zur Sicherheit schüttelte ich die Stiefel dann noch einmal ganz heftig aus, bevor ich sie anzog. Ein komisches Gefühl hatte ich trotzdem dabei … Da wir wahrscheinlich noch öfter mit solchen Erlebnissen konfrontiert werden, muss ich wohl mit ihnen Frieden schließen.
Hier gehört die Natur hauptsächlich den Tieren.
Wir haben aber auch sehr nette Haustiere.
Die Geckos …
Sie wohnen hier praktisch in jedem Haus und laufen die Wände hoch und runter. Da sie gute Insekten- und Spinnenfresser sind, finde ich es sehr schön, sie in meiner Nähe zu haben. Es beruhigt mich. Obwohl … manchmal fallen sie auch von der Decke und es kann durchaus passieren, dass mal einer auf einem landet. Das ist dann nicht unbedingt so schön, denn man erschreckt sich fürchterlich.
Unsere Hunde schauen ihnen gerne zu und warten nur darauf, dass sie von der Decke fallen. Fressen mögen sie sie aber nicht und das ist auch gut so, denn sie würden ihnen nicht bekommen.
Da ihr mit Sicherheit schon so oft von den besagten Kakerlaken in den wärmeren Ländern gehört habt, wollt ihr jetzt bestimmt wissen, ob die auch bei uns so reichhaltig vorkommen.
Also … Kakerlaken hatten wir bis jetzt nur zwei Stück im Haus. Seit die Lebensmittel alle in Dosen verpackt sind, habe ich keine mehr gesichtet.
Aber die sind hier echt riesig … etwa so vier bis fünf cm lang … und es sind richtige Schattenwesen. Man sieht etwas huschen, aber so richtig bekommt man sie nie zu sehen.
Nun aber erst einmal zu unseren nächsten Projekten …
Die nächsten Projekte, die jetzt anstehen, sind der Garten und ein Zaun für die Hunde. Der Zaun ist sehr wichtig, damit die beiden endlich von der langen Leine kommen und ihre Freiheit wiedergewinnen!
Die einheimischen Hunde laufen alle rund um die Uhr frei herum. Mit unseren können wir das leider nicht machen, denn wir haben Jagdhunde, vor denen kein Huhn, keine Gans, kein Pferd und keine Kuh sicher wären, da diese ja auch alle frei laufen.
Der Garten eilt nun auch etwas, denn momentan ist die beste Zeit zum Pflanzen. Udo ist schon dran, das abgehackte, vorher mannshohe Gestrüpp, zu verbrennen. Danach muss die Erde gelockert und aufbereitet werden. Alles ist so festgebacken, dass Hacken, ohne vorher gut gewässert zu haben, eine schier unlösbare Aufgabe ist ... kein Wunder nach eineinhalb Jahren im Dornröschenschlaf.
Da hier alles doppelt so schnell wächst wie in Deutschland, hoffe ich doch, bald im Garten einkaufen gehen zu können. Das wäre eine echte Erleichterung! Alles, was wir zuhause haben, brauchen wir nicht zu schleppen und vor allem weiß man dann auch, was man auf dem Teller hat. Hier wird der Verbraucherschutz sehr vernachlässigt und man muss echt vorsichtig sein.
Nun aber zu meinem kleinen Abenteuer … dem Fahrradkauf …
Vorgestern konnte ich endlich das herbeigesehnte Fahrrad kaufen und bin sehr froh, dass wir dadurch nun wieder mehr Freiheit gewonnen haben. Es ist nur ein einfaches rotes Fahrrad ohne Gangschaltung, doch für uns ist es genauso viel wert wie für manch andere vielleicht ein Porsche.
Das war jedoch eine Aktion unter Einsatz meines Lebens!
„Okay, Schwesterherz! Für dich scheint das jetzt übertrieben. Ich jedoch muss mich erst noch an sowas gewöhnen. Bin ich doch im sicheren Deutschland aufgewachsen …“
