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In einer Kleinstadt im Westerwald geschieht ein Mord, und die Politische wird eingeschaltet. Kommissar Iltum ist nicht der einzige Besuch aus dem Osten. Auch die Lehrerin Mascha wird an diesem Wochenende von ihrem alten Schulfreund Jonas überrascht, der ihr auf den Zahn fühlt. Aber auch Einheimische geraten in Verdacht, vor allem die Familie des Toten, die Hofmanns, denen vor der Revolution die halbe Stadt gehört hat. Großspurig auftretende Sieger der Geschichte aus dem Osten treffen auf die Verlierer - die in der untergegangenen BRD vom großen Zaun zwischen Armen- und Reichenvierteln und dem Grauen hinter dem Südzaun profitiert haben. Nach einem Wochenende privater und polizeilicher Ermittlungen sind die Lebenslügen nicht länger haltbar. Ein Kammerspiel zwischenmenschlicher Beziehungen, in dem sich die große Politik buchstäblich spiegelt: seitenverkehrt. "Verführerisch prägnante Szenen. Je länger man in diesem Buch liest, desto größer wird beides: Der literarische Genuss und das innere Unbehagen." Stephan Thome
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2020
In einer Kleinstadt im Westerwald geschieht ein Mord, und die Politische wird eingeschaltet. Kommissar Iltum ist nicht der einzige Besuch aus dem Osten. Auch die Lehrerin Mascha wird an diesem Wochenende von ihrem alten Schulfreund Jonas überrascht, der ihr auf den Zahn fühlt. Aber auch Einheimische geraten in Verdacht, vor allem die Familie des Toten, die Hofmanns, denen vor der Revolution die halbe Stadt gehört hat. Und bald fördern die Ermittlungen, die privaten wie die polizeilichen, weit mehr zu Tage als nur den Tathergang: Wer was gewusst hat von den Zuständen in der untergegangenen BRD – und was er davon gehalten haben will. Vom Zaun, der quer auch durch dieses Städtchen gezogen war, um arm und reich zu trennen, vom Grauen hinter dem Südzaun. Deutschland ist wiedervereinigt, die Lebenserzählungen sind es nicht.
Martin Brendebach erlebte den Kalten Krieg am Nordrand des Westerwaldes und die roaring nineties in Berlin. Nach langen Aufenthalten in China arbeitete er als Lehrer. Heute lebt er in Potsdam und ist Referent für politische Bildung in einem Landesministerium.
Es gibt diesen Ort, aber nicht diese Menschen.
Nur Figuren, die sich für die Bühne das eine oder andere
biographische Accessoire geliehen haben.
Ich möchte betonen, dass die Familie Hofmann und ihre
Mitglieder in dieser Konstellation und in der jeweiligen
Charakteristik der Personen frei erfunden sind.
Und vor allem: Dass die Eltern zweier Hauptfiguren dieses
Romans nicht das Geringste mit meinen eigenen Eltern gemein
haben, die mir mit viel Liebe und Weisheit eine
glückliche Kindheit geschenkt haben.
Freitag
Jonas
Bornholm / Iltum
Tim
Mascha
Bornholm
Tim
Iltum
Samstag
Bornholm
Iltum/David
Jonas
Bornholm/Iltum
Jonas/Mascha
Bornholm
Iltum
Epilog
Nicht, was er einen Bahnhof nennen würde. Der Zug hält, dies ein Indiz. Und zweimal der Name: auf Blech gestanzt und noch einmal, in altgotischer Schrift, deren s sich wie ein f lesen, mit Farbe auf die graue Mauer des Bahnwärterhäuschens getragen: Wissen. Niemand sonst steigt aus.
Keine Bahnhofshalle, nur der Bahnsteig und ein morscher Holzunterstand. Dahinter erstreckt sich der Kadaver eines Fabrikgebäudes, mehrere hundert Meter Ruine die Schienen entlang. Glotzt aus eingeschmissenen Fenstern die gegenüberliegende Stadt an. Die Fläche, auf der früher einmal ein Bahnhofsgebäude gestanden haben mag, ist eine verwahrloste Baustelle, Schutt mit Müll vermischt. Um die absperrenden Gitter kümmert sich nur noch der Rost. Dort drüben, jenseits der Gleise, steht Mascha im offenen Schlag ihres Autos und winkt. Jonas winkt zurück, verschwindet auf der Treppe zur Unterführung. Er hat beschlossen, ihr nichts zu sagen. Hatte gedacht, das sei eine Floskel gewesen: Kann sein, wir kommen mal auf Sie zu. Der Dicke von der Politischen hatte sonst keinen Ton gesagt, das ganze Verfahren hindurch nicht, nur diesen Satz, als alles über die Bühne war – glänzend über die Bühne war. Jonas hat dem keine Bedeutung beigemessen – eine Floskel, Formsache, irgendwas muss der ja auch mal sagen, was sitzt er sonst dabei. Hat „Ja, sicher“ gesagt. Und heute sind Sie auf ihn zugekommen, frontal, noch vor dem Aufstehen.
„Tag Herr Professor. Angenehmen Flug gehabt?“
„Schön dich zu sehen, Mascha.“
„Oh, ja, ganz meinerseits. Hocherfreut. Sag mal wo haste denn ditte her. Schnell abgewöhnen! Schmeiß hinten rein. Die Leute gucken ja schon, was meinst du was das für einen Tratsch im Dorf gibt am Montag.“
„Dass ich Dich besuche?“
„Was denksten Du? Mensch, haste schon gehört, die neue Lehrerin außem Osten, die keinen Kerl hat und immer alleine in die Kneipe geht, da ist einer gekommen neulich ... Die können ja nicht wissen was für ein hochwohlgeboren anständiger Professor Du bist.“
Der Kies spritzt bei Maschas Anfahrt. „Anschnallen, die fahren hier wie gesengt.“
Die Wangenknochen hoch, die Nase etwas höckrig von einem Bruch in der Kindheit, die Lippen dünn. Widerspenstige dunkle Haare und Augen. Lachfalten daran. Ein Koboldsgesicht, ein hübsches zwar, aber die Männer haben wohl Angst, eine Koboldin zu küssen. „Ist es denn so arg, mit den Hinterwäldlern? Gar keine netten?“
„Fragt Mutti auch immer.“
„Tschuldige. Lieber ’ne historische Einführung in die Ortschaft?“
Mascha lenkt den Wagen auf die Hauptstraße. Die obersten Stockwerke der Häuser sind verschindelt, als zögen sich die Dächer einen Hut tief ins Gesicht. Über den Ladenzeilen verhängen weiße Gardinen die Fenster der Wohnungen.
Bürgersteige so schmal, dass kaum zwei Passanten aneinander vorbeikönnen, wie Bergtritte, die man in einen Felsen über einer Schlucht gehauen hat. Am Postamt prangen geschmierte Grüße, Liebesschwüre, ein Jonas unbekanntes Zeichen, und in drei wackligen dünnen Großbuchstaben
„BRD“. „Didaktik Eins: Der Schüler muss selbst darauf kommen. Fluss gesehen?
„Der Schüler ist müde und mag nicht selbst darauf kommen. Erzähl’s mir einfach.“
„Na gut. Fluss, Furt, Handel. Die etwas großmäulig als Fußgängerzone bezeichnete Gasse hier“ – Mascha weist in das unmittelbar vom Postamt rechts abfallende Sträßchen – „war der Anfang, führt runter zum Fluss an die Furt, wo heute die Autobrücke drüber geht. Und hier“ - Mascha biegt in die steil vom Hügel herabfallende Straße ein – „ging’s in die Hügel in das erste mittelalterliche Städtchen dieser trostlosen Gegend, ins schöne Hachenburg. Wirklich ein Juwel, im Vergleich, mit Altbau und so.“
„Ist hier wohl viel im Krieg zerstört worden?“
„Genau, und zwar wegen der verrotteten Fabrik, die du schon bestaunt hast.“
„Waffenschmiede?“
„Stahl. Hat Hoesch gehört. Muss richtig geblüht haben, das Kaff, so Anfang des Jahrhunderts, und nach dem Krieg haben sie’s dann nochmal hochgepäppelt, auch das Werk, aber dann – wir kommen auf ihr Terrain, Herr Professor – war ja Schicht im Schacht.“
„Ich dachte erst, du verulkst mich, dass auch hier ... “
„Siehst Du gleich. Oder besser: Du siehst es nicht. Moment: Gleich hinter dieser Kurve: Hier. Die Hachenburgerstraße war Draußen. Oder Drinnen, ist ja ganz wie man will.“
Es ist wirklich nicht viel zu sehen. Eigentlich nichts. Eine unmerkliche Stelle. Nicht vergleichbar dem breiten Streifen Ödland, der Bonn-Tannenbusch noch immer deutlich von der Stadt abgrenzt und den ehemaligen Verlauf des Zauns anzeigt. Der Weg, in den sie einbiegen, ist ebenso gut geteert wie die steile Straße, die weiter in den Hügel steigt. „Gut, dass Du’s sagst, ich hätte es nicht unbedingt gemerkt.“ Mascha lässt den Wagen langsam an den Häusern vorbeirollen. Die Schäbigkeit der Fassaden bleibt sich gleich, das Graubraun, der einfallslose Bau aus zweieinhalb Geschossen auf quadratischem Grund, abgeschlossen mit schwach geschrägten Dächern, die gleichen Eingänge, Fenster, Gartenstücke an jedem Haus, als rollte ein gigantisches Fließband am Wagenfenster vorbei. Die Vorgärten verwildert, der Putz kleinflächig an manchen Ecken abgebröckelt, aber insgesamt scheinen die Häuser intakt. Nur ein offenbar aufgegebenes passieren sie auf ihrer langsamen Fahrt; seine rissige Außenmauer, übrigstehende Glasscherben in den Fensterrahmen und Farblosigkeit lassen es einem uralten Gesicht gleichen. Sie biegen in eine andere Straße ein und fahren jetzt wieder abwärts ins Tal. „Meine Güte, das ist ja ein riesiges Areal.“
„Das zieht sich noch runter bis zu den Gleisen und von hier noch ein ganzes Stück unten am Hügel entlang. Oben wohnten dann die richtig feinen Herrschaften, wie die Ritter auf der Burg. Angeblich gab es sogar Pläne, den Zaun zu erweitern, eine der letzten Stadtratssitzungen soll sich noch damit befasst haben, ist das nicht irre?“
Mascha parkt und reißt heftig an der Handbremse. „Endstation. Wenn Du meinen Brief nicht zwischen deinen Institutsschreiben verbummelt hast, weißt du ja, was dich erwartet. Der Herr hat ja nicht geantwortet, wer weiß, ob er überhaupt Zeit hatte für weltliche Post.“
„Soll ich auf Knien bis in den zweiten Stock rutschen, in dem du in kärglicher Stube mit muffigem Mobiliar – nein wie war das? In muffigem Mobiliar dein nicht minder muffiges ... “
„Immerhin gelesen.“
Mascha wirft die Wagentür zu und stapft mit ihrem Marschierschritt auf ein hüfthohes Gartentürchen zu. Jonas versucht zunächst, die Tür der Beifahrerseite sachte zuzudrücken. Als das nicht gelingt, tut er es Mascha gleich, nimmt seine Tasche auf und nähert sich dem Haus langsam, es musternd wie einen Gegner. Er sucht nach einer Vorstellung zum Vergleich, aber schon seit er Maschas Brief gelesen hat, sind ihm diese Vorstellungen geschwunden. Was sie berichtet hat von Kärglichkeit ohne Dramatik hatte sich bereits mit dem Bild verkantet, das Jonas seit Jahren vertraut war, die geschmuggelten Aufnahmen der Straßenschlachten in Hamburg, vor der apokalyptischen Kulisse verfallender Hochhaussiedlungen, die Berichte von Bekannten, die zu Besuchen in West-Berlin gewesen waren und, durch Bestechung oder Geschick, einen Weg in den Berliner Zaun gefunden haben, den „deutschen“ im Wedding oder sogar in den „türkischen“ in Neukölln. Nichts davon hier. Das Haus ist heruntergekommen, das ist alles. Wie alle Häuser der Siedlung: verwitterter Anstrich, graubraun, düster. Zwei Etagen über dem Erdgeschoß, eine kleine Wiese, deren Gras hoch steht, ein verkrautetes Beet zur Straße hin, an dem vorbei man auf gegeneinander verschobenen Steinplatten geht, die wie Eisschollen zu driften scheinen. Mascha nestelt mit dem Schlüssel am Türschloss herum. Sie wartet in der Tür, bis Jonas sie erreicht. „Sind wohl reich an inwendigen Figuren, wa Herr Professor?“ Die Diele grau-weiß gefließt, an den Knaufen und Haken des Garderobenständers hängen Jacken und Mäntel übereinander. Mascha stapft schon die Treppe hinauf, und Jonas ist im Begriff, ihr zu folgen, als die Tür zur Erdgeschoßwohnung sich öffnet und ein rundes Schildkrötengesicht mit stumpfer Nase, kleinen Augen und runder Stirn frei gibt, eine ganze Schildkröte ist es, unter dem runden Rücken lugt ein misstrauisch-grießgrämiger Kopf voller Falten hervor, der Mund blafft wie lippenlos: “Wat sacht man, wenn man reinkommt, hä? Wat sacht man, hä?“ „Einen wunderschönen guten Tag, Herr Bruchertseifer.“ Mascha streckt den Kopf über den Treppenknick und winkt, um den Alten auf sich aufmerksam zu machen. Der hält den starren Reptilblick aber weiter auf Jonas geheftet. „Wat sacht man, hä? Wenn man reinkommt.“ „Guten Tag, Herr Bruchertseifer.“ „Onn wie schreibst Do Dich dann, hä?“ „Der Herr heißt Schneider, Professor Schneider, ein alter Freund von mir, schon seit der Schulzeit, und für das Wochenende zu Besuch. Gehen Sie noch spazieren?“ Der Alte hat Maschas Frage nicht gehört. Er schreit in die Wohnung hinein: „Wo es dann min Mötzen?“ Mascha gibt Jonas einen Wink mit den Augen. „Viel Spaß beim Spaziergang, tschüss!“ Jonas will dem Alten noch zunicken, aber der steht schon mit dem Rücken zu ihm im Türrahmen und krakeelt: „Isch wulln raus, wo es dann min Mötzen, Chefin!“ Die Treppe endet unmittelbar an einer weiteren Tür, die Mascha mit viel Mühe aufsperrt. „Ist neu eingesetzt, aber irgendwie ... “ sie drückt die Tür mit einem kurz angesetzten Stoß der Schulter auf.
Die niedrigen Decken. Sie drohen einem auf den Kopf zu sinken. Mit einem braunen Kunststoff gelegter Fußboden, der nach altem Essen riecht und an einigen Stellen Wellen wirft. Verdunkelt das Zimmer. Wände sind mit steifem Blumenmuster in Ocker und Beige tapeziert. Mascha fängt Jonas’ Blick ab. „Den Flur vergisst Du bitte sofort wieder. Und Herrn Bruchertseifer auch. Kannst Du Dir vorstellen, das war mein erster Westler.“ „Und dann warst Du erleichtert, als Du gemerkt hast, dass die nicht alle so sind?“ „Ja. Nein, ich bin böse, der ist verkalkt, dafür kann er ja nichts.“
„Wird er versorgt?“ „Er hat noch seine Frau. Ich glaub, ich bleib lieber doch allein. Schlossführung? Also hier ist der Gästeflügel.“ Mascha stößt eine Tür auf und weist in eine Kammer, in der sich eine Liege und ein schmaler Schreibtisch um den Platz streiten. In einem klapprigen Küchenregal an der Längsseite stehen Bücher und Stapel von lose gehäuften Blättern und Zetteln. „Hier wirst Du residieren.
Jetzt gibt’s Tee, und danach bekommst Du eine Stillarbeit.
Ich muss noch was vorbereiten für meinen Kurs morgen und kann das nicht einfach liegen lassen nur weil der Herr Professor unangekündigt zu Besuch kommt.“ Jonas folgt ihr über den wellenschlagenden Flur in die Küche. Auch hier herrscht kalter Geruch von Plastikflächen, deren Schmutzigweiß die Klappen der Hängeschränke überzieht. Grau gesprenkeltes Linoleum quietscht unter den Sohlen. Mascha hat die Gardinen abgenommen, deren Vergangenheit noch an einer Schattierung an den Wänden abzulesen ist. „Wenn du das Fenster mal putzen würdest, gäbe das einen phantastischen Blick.“
„Tja, junger Mann, dann mal die Ärmel hochgekrempelt. Zu den Bruchertseiferts kommt jeden Morgen ein hübscher 19-Jähriger, der im Haushalt hilft. So was hätte ich auch gern.“ „Jetzt sag nicht, du fängst an, dich für deine Primaner zu interessieren.“
„Man muss sehen, wo man bleibt. Nun guck nicht so altväterlich, war ein Witz, soll ich bei Ironie jetzt immer ein Auge zukneifen?“
„Bin aus der Übung. Bei mir im Institut macht keiner Witze.“ „Siehst ein bisschen müde aus.“
„Früh raus, heute und sonst auch, und die Arbeit ist irgendwie anders als ich mir das vorgestellt hatte. Ich komm mir vor, als würde ich den ganzen Tag bloß Formulare ausfüllen und in Couverts stecken, und am nächsten Tag sind die gleichen Formulare wieder da.“
„Klingt wie Knast.“
„Ist es auch. Anträge, Gutachten, Sitzungsprotokolle, Studienordnungskommission ... Ich dachte ich werde Wissenschaftler, aber Wissen schaffe ich exakt seit dem Tag meiner Einstellung überhaupt nicht mehr. Und die Formulare: Neulich war der Boiler in unserer Teeküche kaputt, da kommt die Sekretärin mit einem Stapel Formulare, Antrag auf Reparatur, Schadensmeldung, das hätte sie hier immer so gemacht.“
„Und du hast den ganzen Kram ausfüllen müssen.“
„Blödsinn, ich hab den Boiler repariert. Kein Wunder, dass die kaputtgegangen sind.“
„Und sonst?“
„Wie: und sonst?“
„Privat alles klar?“
„Mareike grüßt dich“
„Glaub ich nicht.“
„Ist doch auch egal.“
„Sei nicht gleich sauer. Hab immer gesagt: Wenn ein Freund heiratet, ist das wie ein Parteibeschluss: Vorher wird’s intern heftig diskutiert, nachher – gilt’s halt und man steht dahinter.“
„Und selbst?“
„Was?“
„Privat? Hast nur von der Schule geschrieben.“
„Tja, ist wohl mein Horizont. Nein, ist niemand dabei, der einzige Typ, der gut aussieht, ist der Religionslehrer, und der ist katholischer Priester.“
„Ging’s nicht auch mal um Charakter und so?“
„Ja, aber wenn’s einen schon ekelt – außerdem ist der ganze
Haufen sowieso verheiratet, unglücklich verheiratet allerdings, in ein paar Jahren kann man dann die ersten Scheidungsleichen fleddern. Besten Dank.“
„Und sonst gibt’s hier wohl nur Bauern.“
„So ungefähr. Arzt, Apotheker, Lehrer, ist ganz wie früher, sonst hat hier keiner studiert.“
„Und der Pfarrer, aber der kommt ja hier nicht in Betracht.“
„Wie gesagt: hübscher Bursche, gut gebaut und alles. So ’ne Verschwendung.“
„Und was macht der bitte in der Schule?“
„Unterrichten, Religion.“
„Schon klar, aber was soll das, die können ja von mir aus in ihrer Kirche machen, was sie wollen ... “
„Hat man eben beibehalten. Ob du’s glaubst oder nicht, hier in so ’nem Dorf, da gibt es ’ne Menge Leute, denen der alte Kram noch wichtig ist, und die will man nicht verprellen, also lässt man die Kirche im Dorf, wie es so schön heißt.“
„Gut, Pfarrer fällt auch weg.“
„Allerdings gibt es da noch einen, aber –“
„Was aber?“
„Den findest du furchtbar.“
„Wieso, kenn ich den?“
„Nee, aber ich kenn dich, und den wirst du furchtbar finden.“
„Vielleicht werd’ ich ja altersmilde. Lern ich ihn denn kennen?“
„Kann schon sein. Wir sind vage verabredet heut Abend.“
„Aha.“
„Sag nicht aha.“
„Ist doch gut, so meine ich es ja nicht, nur: was ist eine vage Verabredung?“
„Er hat gesagt, er geht meistens nach der Vorstellung ins
„Chagall“, das ist die einzige so halbwegs erträgliche Kneipe im Dorf. Gehen auch meine Schüler hin.“
„Nach der Vorstellung? Ist er Clown oder sowas?“
„Filmvorführer im Kino.“
„Aha.“
„Sag ich doch.“
„Was denn, aha heißt: interessant, ist doch ein ganz interessanter Beruf, Filmvorführer, Kultur gewissermaßen.“
„Ja, ich glaube, er kann lesen.“
„Nun gib mir doch mal ’ne Chance, ihm ’ne Chance zu geben, was ist denn nun so schlimm an ihm, dass ich ihn nicht mag.“
„Wirst du ja vielleicht bald sehen. Wär’ jedenfalls prima, wenn wir da heute hingehen würden. Außerdem hätte ich dich sowieso hingeschleppt, wie gesagt, gibt eh keine Alternative.“
„Verfüge über mich.“
„Braver Junge. Verfüge dich mal in dein Zimmer, oder bleib hier oder geh spazieren oder sonst was, ich muss das jetzt für morgen fertig machen. Abendbrot um sieben.“
„In welchem Flügel befindet sich mein Zimmer denn?“
„Bitte zu folgen. Hier. Hatte keine Zeit aufzuräumen, da hättest du ’ne Woche früher anrufen müssen.“
„Geschenkt. Um sieben. Bin auch leise.“
„Brauchste nicht. Ich bin dann jetzt drüben ja?“
„In Ordnung.“
„Tut mir leid, das muss einfach fertig...“
„Ist wirklich in Ordnung, Mascha, ich hab’ auch was dabei.“
„Schön. Dass du da bist und so. Also bis gleich.“
Maschas Zimmer, unverkennbar. Der riesige Spiegel mit Goldrand steht auf dem Boden, an die Wand gelehnt. Sie ist nicht eitel, es ist der Spiegel ihrer Großmutter, den sie mitschleppt, in jede noch so kleine Bude. Selbst im Wohnheim im Friedrichshain, darauf angesprochen, ob dafür wirklich Platz sei: aber sicher, der Spiegel mache das Zimmer doch größer. Ihr Cello. Sie hat geschrieben, dass sie wieder häufiger spielt. Wenn sie es tut, sieht sie noch koboldiger aus, klein hinter dem Instrument, die Augen tief, die Finger der Linken stark auf den Saiten. Cellistenhände, erklärte sie einmal, werden einander immer unähnlicher. Aber sie sei ja keine Cellistin. Bei anderen hätte er den Verdacht, das Cello, der Notenständer, der Stapel Partituren, wie das alles wie eben noch benutzt, wie noch warm von ihren Händen hier aufgebaut steht, das sei inszeniert, oder zumindest bewusst stehen gelassen. Sie hat im ersten Semester damit angefangen, und als Jonas sie verspotten zu müssen glaubte, was das solle, dieses bürgerliche Instrument, ihn nur kurz und scharf angeblickt, seitlich, mit einem Auge, die Braue gezackt. Bald mochte er es, wenn sie spielte. Saß mit einem Buch auf dem Lehnstuhl – auch den hat sie mitgenommen, weinrot bepolstert mit hölzernen Füßen und Armlehnen – und las ein Buch. Sie sagte dann: Wie gut, dass du so unmusikalisch bist. Jonas stellt die Tasche ab, setzt sich auf das vertraute Möbel, tätschelt die Armlehnen. An den Wänden ein Stich und ein Druck: ein aus wirren Strichen und Kurven zusammengesetzter Kater, den man erst auf den zweiten Blick als solchen erkennt, und eine Ansicht des Berliner Doms. Beides von Freunden, die sie mal hatte. Oder Verehrern zumindest. Ungenauer Status, ihre Spezialität. Manchen mag seine Nähe zu Mascha irritiert haben, aber das war leicht auszuräumen und kann nicht der Grund sein. Da war nichts, von ihrer Seite, und von seiner zumindest nicht viel. Und das eine Mal, als Jonas mehr als Trost wegen einer Verflossenen bei ihr suchte, waren seine Andeutungen schnell abgeblockt („Was soll denn ditte jetzt?“) und der Normalbetrieb ihrer Freundschaft wiederhergestellt. Was ihn sogar aufatmen ließ.
Der Schreibtisch ist unbenutzbar, Papier ohne erkennbare Ordnung auf ihn getürmt. Mascha hat zwei Bücher und eine Kladde mit an den Küchentisch genommen, er hört sie durch die Türen vor sich hin murmeln und brummen. Eigenheiten. Chaotisch war sie schon immer, die Geräusche beim Arbeiten sind eine neue Marotte. Klar woher’s kommt, wenn du im Büro oder zu Hause mit anderen bist, gewöhnt man sich derlei gar nicht erst an. Kerze in der Weinflasche, allerlei nutzlos-netter Krimskrams in den Regalen und auf den Fensterbrettern: eine hölzerne Giraffe schaut aus dem Fenster, ein Harlekin schwebt an einer Feder von der Decke, die Schlenkerpuppe Burratino sitzt oben auf dem Regal. Dennoch wirkt das Zimmer wenig eingerichtet, in einer Ecke stehen noch Umzugskartons, Mascha, das ewige Provisorium. Natürlich wird auch dies wieder nur Station sein. Und sein erster Besuch vielleicht schon der letzte. Morgen muss er „Meldung machen“. Aber trotz dieses Begriffs – der Dicke von der Politischen hatte eigentlich gar nichts Militärisches, man hätte sich so einen ganz anders vorgestellt, kühler, sachlicher. Er hätte Akten erwartet, Codes vielleicht, mit Ziffern und Nummern bezeichnete Vorgänge: Meldungen, Observationen. Fakten. Statt dessen diese merkwürdige Type, irgendwie nicht ganz ernst zu nehmen, wirkte wie eine Karikatur von etwas, aber eher eines amerikanischen FBI-Mannes, lax ohne Großzügigkeit, schnoddrig, ungenau. Und doch, das beunruhigt Jonas, kam ihm zu keinem Zeitpunkt des Gesprächs ein Gefühl der Überlegenheit über diesen Mann. Er hofft, ihn täuschen zu können, hat seine Beziehung zu Mascha entsprechend heruntergespielt, um glaubhafter zu sein, wenn er berichten – „Meldung machen“ wird. Man habe sich lange nicht gesehen (stimmt sogar), habe nicht einmal mehr Briefe gewechselt seit Maschas Weggang (stimmt gewissermaßen – er hat nicht zurückgeschrieben), insgesamt sei das Verhältnis abgekühlt, nicht zuletzt seit er verheiratet sei (stimmt teilweise; die beiden können sich nicht ausstehen). Der Fette hat ein Gesicht aufgesetzt, als wolle er eine Zote erzählen. „Ob se nun noch dicke sind mit ihr oder nicht, rauskriegen werden se ja wohl was.“ Was er denn nun eigentlich rauskriegen solle? „Na wenn ich das schon wüsste, würd ich ja keinen hinschicken müssen, nicht wahr Herr Professor?“ Aber der Verdacht, es müsse doch eine Richtung ... : „Worum geht es? Sie müssen mir schon sagen ... “
„Müssen? Ich muss gar nichts. Sie müssen, Herr Professor. Aber wenn’s Ihnen dabei hilft: Konterrevolution, darum geht es. Nun gucken se nich so betroffen.“
„Kann nicht sein. Das glaub ich nicht.“
„Ach wissen se, wenn wir uns immer drauf verlassen würden, was dieser oder jener so glaubt ... wir beobachten. Komische Leute, komische Meinungen, komische Aktivitäten neuerdings bei der guten alten Genossin.“
„Kann nicht sein, hören Sie, ich kenne Mascha Kallinowski seit ... immer im Schulsowjet, und nicht nur pro forma ... ich sag Ihnen, keine Schule Berlins, vielleicht der ganzen Republik hat wohl jemals davor und danach so viele Schuhe für Angola gesammelt wie die Lotte-Pulewka, als Mascha dort ... “
„Rührend. Aber nicht neu. Steht schon alles hier drin. Und wenn wir schon von Jugend reden: Auch die Sache mit Hindustan. “
„Ist doch lange her, und wenn Sie alle diese Akten haben, dann wissen Sie doch ... gut, sie sagt was sie denkt, ist das ein Fehler?“
„Wenn es das richtige ist ... nein.“
„Was heißt schon das Richtige, sie ... “
„Jetzt keine Dialektik oder sowas. Die Äußerungen sind dokumentiert. Gewisse Kontakte auch. Was wir von Ihnen wollen, sind weitere Details. Über die weiteren Planungen, Sie verstehen.“
Ein Irrsinn. Aber so wird es gewesen sein: Mascha ist hier angeeckt mit ihrer allzugroßen Offenheit, worum auch immer es ging, wahrscheinlich um was völlig Banales, irgendwer fühlt sich auf den Schlips getreten, weil ihm ihre Pädagogik nicht passt, und dann ist schnell irgendein Wort im Munde umgedreht. Zugegeben, es muss mehr als einmal passiert sein, und bei mehr als nur einem. Sonst würde sich ein Kommissar der Politischen nicht für Vorgänge in einem Kaff wie diesem interessieren – also mehrere, gut, auch das nimmt nicht wunder. Wenn Mascha, dann richtig. Wollte bestimmt die ganze Schule umkrempeln. Und die Lehrpläne gleich mit. Und was sowieso niemandem passt: Mascha arbeitet freiwillig mehr, diese Studiengruppe, die sie nachmittags zusätzlich anbietet, laut dem fetten Kommissar „eine konterrevolutionäre Zelle“, was werden sie da schon groß besprechen, sie und ihre vier, fünf Jungs und Mädels, aber darum geht es doch gar nicht, sondern um die „Normübererfüllung.“ Da tanzt eine mit Extraschichten aus der Reihe, und erhöht den Druck auf die Kollegen, gewollt oder nicht, so was verzeiht kein Kollektiv. Und Mascha ist taub für solche Erwägungen, versteht die Leute einfach nicht.
Jonas’ Aufgabe ist nicht neu: zwischen Mascha und der Welt zu vermitteln. Er allein weiß, wo ihr Bremspedal sich befindet. Neu ist das wirklich nicht, aber der Einsatz scheint höher. Hatten wir schon, eben: „Die Sache mit Hindustan“. Sie hätte es beinahe fertig gebracht, von der Uni zu fliegen, weil sie im Studentensowjet partout eine öffentliche Diskussion über den Einmarsch der SU durchpauken wollte. Und sie wäre geflogen, hätte Jonas nicht den Vermittlungsvorschlag ersonnen und allen Seiten akzeptabel gemacht: kritische interne Aussprache über Möglichkeiten und Grenzen militärischer Unterstützung sozialistischer Gruppierungen im Ausland. Mascha war ihm eine Woche lang deswegen böse. Damals hat er seinen Stolz als Kompensation des unverdient ausgebliebenen Dankes genossen. Es wird diesmal ähnlich sein.
Sie brummt und zischt nebenan bei den Korrekturen, murmelt „Idiot“ und „So ein Quatsch“. Sie ist auch als Lehrerin sicher sehr direkt. Vielleicht war es keine gute Idee von ihr, herzukommen; zu all den Missverständnissen, die ihr ohnedies mit einer Naturnotwendigkeit zuwachsen wie anderen Menschen die Haare, kommt nun auch noch dieses fremde Land. Menschen, die sowieso ständig wegen irgendetwas beleidigt sind. Egal, wird sich einrenken lassen, was soll schon Schlimmes vorgefallen sein. Sie wird schließlich keinen umgebracht haben.
Hannes bleibt davon unberührt. Wird sich aufklären, wie damals – domols, sagt Hannes – als „dem Beckersch Gerd seine Frau totgeschlagen war“. Noch zu Westzeiten, natürlich, aber der gleiche Ablauf: „Da waren auch schon die Großmaxe aus Köln im Anmarsch“, aber die Sache war noch am selben Abend klar gewesen: Der Beckersch Gerd hatte seine Frau erschlagen, „weil sie mit nem andern gebumst hat“. Wird jetzt auch so was sein, oder einem war sonst was zu viel geworden, der hat ein großes Maul gehabt, der Franz Hofmann, nicht nur beim Singen, wen wundert’s also. Hannes hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, aber für den Franz Hofmann war eh alles zu spät. Der Körper noch warm, aber nix mehr drin an Leben. Hannes sagt niemandem Details, außerdienstlich versteht sich, hat es auch seiner Frau nicht gesagt, wie er den Franz Hofmann vorfand. Man sieht schon mal ein schlimmes Unfallopfer in 34 Dienstjahren, eins das wirklich übel aussieht, als sich der Bus in Brückhöfe überschlagen hatte etwa siebenundsechzig, aber dies hier – keine Details. Hannes knöpft die Jacke zu, er muss hoch zum Alten. Hat sich so ergeben, ihn den Alten zu nennen, obwohl eigentlich er, Hannes, ein paar Jährchen mehr hat. Aber oben ist eben der Alte, das war Kramer gewesen, als er anfing, und dann Schmidt, ein neuer Alter, und nun eben dieser Bornholm. Sagt dem Jungen, er soll sich die Berichte ansehen, wie man so was schreibt. Die Rekruten können immer weniger von der Schule her. Das Linoleum schlägt sanfte Wellen, wär auch mal fällig, überhaupt das ganze Inventar, fünfundsiebzig war zuletzt die große Renovierung, lauter Brauntöne. Das war, als Schmidt hier anfing, kam überhaupt ein neuer Stil mit Schmidt, der brüllte einen nicht gleich an, wenn man zu spät kam, sondern fragte, ob irgendwas sei, mit den Kindern oder so. Dass sie ausgerechnet Schmidt rausgeschmissen haben, hat Hannes misstrauisch gemacht. Er war ja für die neue Ordnung, eben weil sie Ordnung war und vorher in der BRD jeder meinte, er kann machen was er will. Aber Schmidt rausschmeißen? Guter Mann war das, hatte seinen Laden im Griff, und mit den Sesselpupsern vom Rathaus und von der Volksbank nicht viel am Hut gehabt. Natürlich gab es da Beziehungen, Verpflichtungen, wie denken die sich das? Und dann kam Bornholm. Eisgrau. Sagt bitte und danke bei jeder Mappe, aber du merkst, das ist für den wie Tasten drücken.
Hannes verschnauft nach der Treppe; auch dafür hat der Eisgraue kein Verständnis, wenn man mal außer Atem kommt, der ist drahtig wie ein Wiesel, raucht nicht (riecht man jedenfalls nie an ihm, nur sein herbes Rasierwasser, trinkt nicht (so heißt es), aber er soll ’ne hübsche Frau haben. Kriegt man natürlich nie zu sehen; Schmidt fand das gut, wenn zu den Dienstfeiern „auch die Damen zugegen“ waren, „wenn wir Ihnen Ihre Männer schon so oft am Wochenende wegnehmen, sollen Sie doch einmal im Jahr auch mit uns feiern“ ... so in dem Stil, das war Schmidt. Konnte auch mal brüllen, klar. Muss ein Chef manchmal. Aber meistens hatte er dann auch allen Grund, und man wusste, woran man war mit ihm. Bornholm ist jetzt fast zwei Jahre hier, und er hat noch nie gebrüllt. Unheimlich. Hannes klopft und drückt fast zugleich die Klinke. Bornholm steht am Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wendet sich um. Als müsste er den Besucher erst einordnen: Ah, Herr Heiner, ja. Er wirkt beinahe müßig, wie er da am Fenster steht und sich erst besinnen muss, was er eigentlich von Hannes Heiner wollte; man hätte ihn emsig und noch konzentrierter als sonst erwartet, in dieser Situation, mit dem ersten Mord im Städtchen seit fast zwanzig Jahren, aber er scheint versonnen, und Hannes macht einen Schritt in das Zimmer, als müsse er Eis prüfen.
„Ah, Herr Heiner. Sie haben es ja gehört, heute Nachmittag kommt also Kommissar Iltum zu unserer Unterstützung, 15:36, holen Sie ihn bitte ab, er wird ortsfremd sein.“
„Mach ich.“
„Wir fangen natürlich trotzdem schon mal an. Haben Sie die Unterlagen mitgebracht?“
„Oh, ich hatte grade ... ich hol’s sofort.“
„Besten Dank.“
Bornholm bezieht wieder Position am Fenster. Mäßiger Vormittagsverkehr auf der Hauptstraße, die das Städtchen entlang der Sieg von einem Ende zum anderen durchzieht, und die doch nur eine normalbreite zweispurige Teerstraße ist, mit Parktaschen zu beiden Seiten und Seitenstraßen, steil in den Hügel steigend die einen, abfallend zum Fluss die anderen. Ein Spielbrett mit wenigen Feldern.
Iltum, denkt Bornholm. Bei der Politischen. Verrückt, und doch passt es. Er war der Unpolitischste gewesen. Und nun bei der Politischen. Ein Spieler, auch wenn er sich selbst so wohl nicht gesehen hat, denn er nahm sich ernst. In den Polizeidienst passte er jedenfalls nicht, zu viel Vorschrift, Iltum war einer, der Platz brauchte oder ihn zumindest beanspruchte. Bornholm war fremd gewesen in Berlin wie viele seines Jahrgangs, manch einer kam von noch weiter her, aus dem Erzgebirge, aus dem Eichsfeld. Aber Iltum schien allen noch viel fremder, obwohl er aus Pankow stammte. So fremd, dass Bornholm ihn nie als Kollegen empfunden hatte, aber gerade deswegen natürlich auch nie als Konkurrenten. Iltum gehörte nicht zu ihnen, aber wohin sonst? Er brachte Bornholm Go bei, das kannte kein Mensch sonst. Es war das Einzige, was sie verband, Bornholm hätte sich damals kaum mit ihm eingelassen, nicht aus Widerwillen oder Antipathie, einfach, weil er nicht zu ihnen gehörte. Go war eine Enttäuschung, ein schrecklich unübersichtliches Spiel. Zu viele Felder. Man konnte die Steine irgendwo hinsetzen, so schien es. Bornholm hatte gehofft, Iltum könne es erklären. Aber der setzte auch nur die Steine irgendwie. Am Ende gewann mal der eine, mal der andere, aber man wusste nie, warum eigentlich.
Und nun weiß er nicht einmal, welche Steine Iltum hat und wie viele. Sicher hat er jede Menge Berichte, Konsumkarteien, Profile. Vielleicht haben sie oben auf der Schule einen Spitzel, bestimmt sogar, vielleicht zwei, und sicher noch einen der vier Ärzte im Ort. Iltum hat einen Riesenvorsprung. Nicht aufzuholen, jeder Versuch dazu albern. Wenn sich wirklich was erzählt wird, das nicht in dieser Mappe steht, wenn es was zu wissen gibt, dann weiß Iltum das. Gerade das weiß Iltum. Oder vielleicht doch nicht? Iltum arbeitet schlampig, wenn er sich nicht geändert hat. Schläft lang, verlegt Unterlagen, damals zumindest, gut, der Mensch ändert sich in zwanzig Jahren, aber nicht sehr. Eigentlich gar nicht. Der kriegt hier nichts raus. Er wird sich versteigen, das Naheliegende nicht sehen. Und dann – was sind Spitzel schon wert? Die wissen, was er hören will. Die keine Informationen liefern, sondern Gerüchte, Gewäsch, weitergeplapperte Bosheiten, aus denen man erst mühsam das herauszuarbeiten hätte, was echte Information ist. Und das ist nicht Iltums Sache. Vielleicht ist in Wahrheit er näher dran, nicht selbst, nicht direkt, versteht sich, gegen Fremde ist dieses Städtchen, sind alle Städtchen, eine Wand, trotz allem Hader ein undurchdringliches Wir. Aber er hat seine Zugänge, der Schachklub, immerhin, und nicht zuletzt seine Leute. Es klopft, Hannes Heiner stampft herein. „Die Mappen, Herr Bornholm.“
„Danke. Auf den Schreibtisch bitte. Kannten Sie eigentlich diesen Hofmann?“
„Nä, isch hann dänn nit jekannt, vum sähn bloss.“
„Bitte?“
„Vom Sehen habe ich den bloß gekannt.“
„Aha. Ich habe auch gar nicht gemeint, ob Sie ihn persönlich gekannt haben, ich wollte eher wissen, ob Ihnen etwas über ihn bekannt war, ich meine, war er eine bekannte Person, erzählte man sich was von ihm, mit wem hat er so zu tun gehabt, Sie verstehen?“
„Ja also, jesunge hädder.“
„Bitte?“
„Ja, er sang, dat war dat Auffallende an ihm, ich mein, worauf ja womöglich zu achten is, is ja dat Auffallende, woll?
„Zweifellos.“
„Ja, und er sang, der Hofmann, hat auch mal ne Platte aufgenommen, wohl vom eigenem Geld, so hieß et wenigstens.
„Schön. Und, war er beliebt?“
„Der Hofmann? Den konnten die Leute nicht leiden.“
„Was hat das mit dem Singen zu tun?“
„Die Leute haben sich halt lustig gemacht, weil, wenn irgendswo ne Feier war, da hat er immer gesungen, einmal sogar bei ner Beerdigung, dat war peinlich, aber et war nicht schlimm, so will ich mal sagen.“
„Sie meinen, es war nicht so schlimm, daß man ihn dafür hätte umbringen mögen?“
„Nä nä, ich mein nur, dat hab ich nicht sagen wollen, aber, ich mein auch nicht, dat man ihn deswegen, deswegen ... “
„Egal. Aber trotzdem. Merkwürdig, nicht?“
„Komisch is dat schon mit dem Singen, aber ...?“
„Das meine ich nicht. Der Tatort. Sie waren ja dort, was ist das Erste, das Ihnen aufgefallen ist?“
„Na, wat wohl? Dat er tot war, der Hofmann.“
„Sicher. Gut. Er war tot. Was weiter? Das Auffallende, wie
Sie eben selbst sagten, was war das Auffallende? Außer, dass er tot war.“
„Dat Auffallende, dat Auffallende, na, dat war dat Blut, überall, die ganze Küche voll, als hätten se ein Schwein drin abgestochen, so viel.“
„Ja, die Küche voll. Die Küche, ist das nicht merkwürdig?“
„Nä, wieso dat dann?“
„Wenn es ein Einbrecher war, den Hofmann überrascht hatte, warum hat er ihn dann in der Küche gestellt? Nicht im Wohnzimmer?“
„Dat kann der Einbrecher ja nicht wissen, woll? Der geht da rein, und dann sucht der rum ... “
„Schon möglich. Aber eine Küche erkennt man doch wohl auch im Dunkeln rasch. Und geht zum nächsten Zimmer. Was ist Ihnen noch aufgefallen?“
„Na wat soll mir schon groß aufgefallen sein, ich hab mir dann alles angesehen, die andern Zimmer, nä, da war nixen Auffallendes ... “
„Genau. Das ist es. Alles in bester Ordnung, nichts aufgebrochen, nichts durchwühlt. Und noch was: In der Küche, was war da noch, außer dem vielen Blut?“
„Na, wat war da, nixen war da, wat soll denn ... “
„Eben. Nicht mal ein Stuhl umgeworfen. Kein zerschlagenes Geschirr. Kein Kampf.“
„Ja wenn dat eben alles schnell gegangen is, da hat der Hofmann sich nicht wehren gekonnt.“
„Unwahrscheinlich. Was mag der gewogen haben? 90 Kilo, mindestens. Kräftiger Kerl.
Wahrscheinlicher ist: Hofmann hat seinem Mörder nicht dafür gehalten. Ihm den Rücken zugewendet. Ihn wahrscheinlich selbst reingelassen.“
„An der Tür ist nix gewesen, dat es möglich, dat er den gekannt hat, aber ich frag mich ... “
„Was?“
„Wenn die sich gekannt haben, dann hatten die wat gegeneinander, woll?“
„Wenn ich mir den Franz Hofmann heute Morgen so ansehe, hat Ihre Vermutung einiges für sich, Herr Heiner.“
„Aber dat einer dann gleich ... dat einzige Mal, dat hier einer einen totgeschlagen hat, dat is bald zwanzig Jahre her, dem Beckersch Gerd die Frau, die hat mit nem andern ... die hat wat gehabt mit nem andern Kerl, um Karneval rum, und da hat der Beckersch Gerd se totgeschlagen, dat sah ähnlich aus, so wie heute beim Hofmann.“
„Nicht auszuschließen, dass es sich ähnlich verhält. In jedem Fall sieht es doch ganz nach etwas Privatem aus. Und nun schickt man uns die Politische.“
„Ja, dat hat mich auch gewundert.“
„Was wissen Sie noch über Hofmann, sein Umfeld? Frauengeschichten? Rivalen? Schuldner? Alte Konflikte? Familiäres? Jemand, der Wut auf ihn hatte?“
„Na wat man so weiß, im Ort, woll?“
„Und das wäre?“
„Wat die Hofmanns sind, dat wissen Sie aber?“
„Hofmann, Hofmann – die Bäckerei am Fluss?“
„Dat is nicht nur die Bäckerei, da kommen die her, dat schon, der Vater hat die Bäckerei aufgemacht, aber Hofmann – ja, haben Sie da echt noch nixen von gehört?“
„Ich sagte doch: Nein.“
„Also wenn wir hier im Ort früher, also inner BRD noch, woll? wenn wir da gesagt haben: „Der Hofmann“, dann is dat der Bruder vom Franz Hofmann gewesen, immer, dat war „Der Hofmann“, und die andern, da haste halt jesagt: der Hofmanns Franz, zum Beispiel.“
„Gut. Und wer war das nun, „Der Hofmann“?“
„Ja, so schnell kann dat gehen, dat war der reichste Mann hier, weit und breit.“
„Ach, ich verstehe. Der Kapitalist. Der enteignet wurde, die Villa auf dem Hügel.“
„Jou. Dat is der Hofmann gewesen. Dat war en Nummer.“
„Wie ist das zu verstehen?“
„Dat war schon, wie soll ich dat sagen, dat war natürlich nicht alles richtig, wat der gemacht hat, aber trotzdem, der hat dat ja nicht geerbt oder so, der is hier in die Schule gegangen wie wir auch all, und hat die Brötchen ausgefahren mit dem Fahrrad vorher, und wir andern, wir sind halt hiergeblieben und haben gelernt, woll? aber der Hofmann, der hat wat in der Birne gehabt, und dann is der auf den Löh gegangen ... “
„Wohin?“
„Auf den Löh, dat is der Hügel über die Sieg rüber, dat es dat Gymnasium, da sagen wir hier „auf den Löh“ zu, und da hat er die Schule gemacht mit den Söhnen vom Doktor Sieglund, und vom Apotheker und so, woll? Und hat dann später en Firma gehabt, da hat er Sachen gekauft und verkauft bis nach Rio da unten und überall in die Welt, und dat muss man sagen, egal wat jetzt is: Der is tüchtig gewesen, der hat immer geschafft, und hat seine Leute gut bezahlt.“
„Gut. Der Bruder also. Was weiter? Frauen?“
„So gut hab ich den nicht gekannt, den Hofmanns Franz, nur wat man so hört, dem es die Frau weggelaufen, is aber schon an die zehn Jahre her, aber dat is en Hallodri, deshalb wat ich sage: Dat is gut möglich, dat er mit einer ge ... , dat er mit einer wat hatte, und da war der Kerl dazu eifersüchtig, dat kann gut sein ... “
„Wissen Sie denn da Konkretes oder sind das nur Gerüchte?“
„Na wat heißt Gerüchte, dat weiß hier jeder, aber er hat es mir natürlich nicht selber gesagt, wenn Sie dat meinen.“
„Hm. Es ist jetzt – Acht Dreiundvierzig. Knapp sieben Stunden. Herr Heiner, Sie versuchen jetzt bis, sagen wir, 14 Uhr möglichst viel über Hofmanns Lebensumstände herauszubekommen. Telefonieren Sie ein wenig herum, suchen Sie Leute auf, von denen Sie glauben, dass sie weiterhelfen können. Wir treffen uns um 14 Uhr hier.“
„Aber ... ich kann dat schon machen, aber ... dat es doch eigentlich gar nicht, also nicht dat Sie dat falsch verstehen, aber dat es doch gar nixen für uns, woll? Dat machen doch die in Köln.“
„Sie haben recht. Es interessiert mich halt. Natürlich dürfen wir uns da nicht einmischen.“
„Also dann soll ich ...?“
„Fragen Sie doch mal umher, das schadet doch nicht.“
„Ich hab aber dat Protokoll noch fertig zu machen, und die Pläne für nächste Woche ... “
„Das kann der Junge mal übernehmen, so lernt man’s am besten. Praxis. Wir sehen uns um Zwei.“
Bornholm wieder am Fenster. Die Schule drüben auf dem Hügel beginnt den matten Schiefer ihrer Fassade durch die kahler werdenden Baumkronen zu schieben. Sie schreiben heute irgendwas, Mathematik? Mit der Tochter war der Umzug unproblematisch gewesen. Fand sie spannend. Aber die Frau: Meinst du etwa, die warten da auf dich, dass du den Sozialismus aufbaust. Ja, hat Bornholm gesagt, das glaube er. Und dass er ihre Sprüche nicht mehr hören wolle. Dass sie schließlich nicht irgendwo nach Afrika geschickt werden sollten. Dass es mittelmäßige Typen geben mag, die den Westen nutzen für die eigene Karriere, aber doch nicht alle so ... Und sie: Mag sein, Hartmut, bestimmt sogar, aber nun schau doch mal, wer da hingeht. Das sind doch alles solche, oder etwa nicht. – Woher willst du denn das wissen, vielleicht gehen ja gerade die anderen, die was aufbauen wollen, verdammt, was ist so falsch daran? Nichts, hat sie gesagt, aber die falschen werden’s machen, und dann kommt nichts Rechtes bei rum. Ewige Diskussionen. Man hätte nein sagen können, das taten schließlich viele. Private Gründe, Kind noch in der Schule, Frau dagegen, wurde ja alles akzeptiert. Zumal: sie recht gehabt hatte (und eigentlich wusste Bornholm das, noch während er stritt), gerade weil es viele nicht machen wollten, gab es genug, die sich darum rissen, weil hier eine Abkürzung lockte, die schnelle Auszeichnung. Und Iltum ist auch so einer. Genau so einer. Bornholm ist nicht eitel, eigentlich. Dass viele an ihm vorbeigezogen sind, berührt ihn nicht. Man brauchte Leute für den Aufbau, da kann man sich nicht die Rosinen rauspicken. Natürlich ist die Kriminalabteilung spektakulärer. Aber was er hier tut, das ist die Basis, Bornholm vergleicht sich gern mit dem Allgemeinmediziner, mit dem Landarzt. Klar, der Herzchirurg hat mehr Prestige. Und er braucht den spektakulären Fall nicht, ist wohl auch gar nicht seine Stärke. Er ist der Mann, der die ersten Fakten klärt, ordnet, und damit sind die meisten Fälle ja auch schon gelöst, soll sich ein anderer die Meriten verdienen, zwei und zwei noch zusammengezählt zu haben. Eigentlich. Aber Bornholm beobachtet sich selbst so unbestechlich und kühl wie alle anderen: Was in ihm gärt, ist Neid, sinnlos, sich da was vorzumachen. Er sieht sich dabei zu, wie er das Gefühl zu rationalisieren sucht: Iltum sei inkompetent, es müsse aber etwas geschehen, und wenn die Kriminalabteilung nun mal niemanden schickt ... aber er sieht sich dabei zu und belächelt sich zugleich: sieh mal an, wie schlau von dir, alter Junge, gleich ein paar Ausreden parat, aber mich täuschst du nicht, du gönnst es ihm einfach nicht. Ihm nicht.
Zwischen dem katholischen Krankenhaus und der Kulturhalle hindurch zielt sein Blick auf einen winzigen Abschnitt des Bahndamms, dem westlich der Stadt gelegenen, von wo die Züge aus Köln kommen, stündlich, um sechs nach halb.
*
Hauptmann Iltum hat schlechte Laune. Aber mal ehrlich, wer hätte hier keine schlechte Laune, 100 Kilometer ab im Busch, drei Tage lang, mindestens. Köln ist schon schlimm, aber da gibt es wenigstens Brückenköpfe fortschrittlicher Kultur. Dies aber ist jenseits des Limes; Westerwald.
„Kommen Sie mal her!“
„Sie wünschen?“
Und diese Freundlichkeit, die ihnen mitten aus der Brieftasche kommt, kriegt man nicht mehr raus, bis in ihr Lächeln angestellte Menschen, zwei Jahre und es ist ihnen nicht auszutreiben gewesen, da scharwenzelt der Kellner nach zwei Jahren immer noch mit der gleichen angestellten Scheißfreundlichkeit an meinen Tisch mit „Sie wünschen“, dabei weiß ich doch, was der denkt, und er weiß, dass ich weiß ...
„Also jetzt hören Sie mal gut zu. Ihr Grinsen können Sie mal als erstes abdrehen, denn Trinkgeld gibt’s eh nicht und den Firlefanz mit Sternchen, Empfehlung und beehren sie uns bald wieder zum Glück auch nicht mehr. Na sehen Sie, schon besser, und zweitens ist das hier ja wohl ’ne Frechheit, dieses „Continental Breakfest“ und dieser „Frühstückssaal“, wollt ihr mir womöglich nachher noch den Arsch abwischen kommen oder was macht ihr sonst noch mit den erlauchten Gästen?“
„Aber Herr Iltum ... “
„Hauptmann Iltum, ja? So, und jetzt will ich den
Betriebsleiter sprechen, aber zack zack.“
„Der Herr Direktor ist aber glaube ich gerade ... “
„Dann holen sie ihn gefälligst, muss man euch denn alles bis ins letzte erklären?“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
Sollen sie ruhig glotzen, irgendwann müssen sie’s schließlich lernen. Besser als die Kollegen mit der Verständnistour, da ist mancher schon zu lange hier, verbuscht. Aber mich kriegt ihr damit nicht. Von wegen abholen wo sie sind muss man die Leute, Liebe Kollegen, soll ich ihnen mal die Witze erzählen, die wir in unserem Haus darüber in der Kantine reißen? Mag in Köln klappen mit der Konsenskacke, aber hier draußen ist verflucht nochmal ein anderes Land, ein fremdes, ich fahre es ab, Dierdorf, Hachenburg, überall gewesen und mich rumgeärgert, weil die ihre Leute decken, verdammt, ist so, glauben die ich erfinde das? Jetzt Wissen, ich kenn die Bande. Und dann der Schwachsinn von wegen: Wir haben immer schon von einer gerechteren Welt geträumt, die armen Kinder hinterm Südzaun haben uns immer so leidgetan, und die Kinder im Arbeitslosenbezirk ... und immer feste 90 Prozent für die Kapitalisten gestimmt.
„Herr Kommissar? Der Herr Direktor Alersch.“
„Es freut mich außerordentlich, Sie bei uns ... “
„Brigadenleiter Alersch! Schluss mit den Faxen! Haben Sie auch gespendet, ja? Jedes Jahr zu Weihnachten den mildtätigen Anflug gekriegt und 500 Mark an die Pfaffen überwiesen, feuchten Auges vor Rührung über die eigene Großmut?“
„Herr Kommissar, ich verstehe nicht ganz ... “
