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"Die Schublade hat sie über manche Phase gerettet, in die Schublade durfte kein Vorwurf und keine Rechtfertigung. Auch keine große Entschuldigung. Nur kleine Dinge. Timm ist sich sicher, dass manche Ehe gehalten hätte, wenn das Paar so eine Schublade gehabt hätte." Eine Frau geht durch ihren Tag, ein Mann reist durch Europa. Mitten im Leben, aber die wichtigsten Menschen sind nicht mehr dabei.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Schublade hat sie über manche Phase gerettet, in die Schublade durfte kein Vorwurf und keine Rechtfertigung. Auch keine große Entschuldigung. Nur kleine Dinge. Timm ist sich sicher, dass manche Ehe gehalten hätte, wenn das Paar so eine Schublade gehabt hätte.
Eine Frau geht durch ihren Tag, ein Mann reist durch Europa. Mitten im Leben, aber die wichtigsten Menschen sind nicht mehr dabei.
Martin Brendebach erlebte den Kalten Krieg am Nordrand des Westerwaldes und die roaring nineties in Berlin. Nach langen Aufenthalten in China arbeitete er als Lehrer. Heute lebt er in Potsdam und arbeitet in einem Landesministerium.
Gehen und bleiben ODER Die Schublade
Bleiben und Gehen ODER Die Gefährtin
Dazwischen
1. Oxford. Einige Tage zuvor
2. Aarhus
3. Aarhues-Bergen
4. Bergen-Honefoss
5. Turku-Moskau
Moskau
On the road
Krakau
7. Split
9. Rom
10. Barcelona
11. Paris
12. Wissen
In der Zelle klingelt der Wecker um halb sieben. Es gibt sie wieder, die kleinen schwarzen Würfel mit Batteriebetrieb, nachdem sie jahrelang zu so verschwundenen Dingen gehört hatten wie Badekappen oder Telefonbücher. Timm hatte im Sommer kurz erwogen, hinüber zu ziehen in Hannahs Zimmer, aber kurz erwogen ist fast schon zu viel gesagt. Natürlich wird es irgendwann aufhören, Hannahs Zimmer zu sein, aber noch nicht. Und sie mag ihre Zelle. Als Hannah zwölf wurde und sie getauscht haben, hat ihr das ein Stirnrunzeln eingebracht: Prinzessin bekommt das Zimmer und du ziehst in die Besenkammer? Aber für Timm hatte sich das gar nicht nach einem Weniger an Platz angefühlt, im Gegenteil: Die Zelle hat nur 8 Quadratmeter, mag sein, aber das waren seitdem ihre. A room for her own. Und dass Hannah es war, die eher mehr Platz brauchte, schien ihr logisch, sie war es schließlich, der gerade Flügel wuchsen. Und sie mochte, dass die Zelle auf die Gleise schaut, und im Sommer, eigentlich sogar von Mai bis September, um halb sieben die Sonne um die Ecke der Häuserzeile lugt und man sie sehen kann, wenn man das Fenster öffnet, so wie sie es jetzt tut. Gerade noch, es ist der 16. Sep - tember.
Die Zelle hat ein Bett, ein schmales Schränkchen für Timms Klamotten, ein Regal. Einen herrlich flauschigen Teppich über den Holzbohlen. Den hat sie sich zum Einzug in die Zelle gekauft. Einen weißen, der in den Jahren zuvor im Wohnzimmer binnen Monaten bunt getupft gewesen wäre von Schokoladen fingern, Wasserfarben, Matschfüßen und Saft. Das Bett steht direkt am Fenster, das zu jeder Jahreszeit nachts offen steht, zumindest gekippt. Schlafgäste schütteln den Kopf, wie man den Lärm aushalten könne ab 5: Die Durchsagen, die Signale der schließenden Türen, das Geratter. Timm nimmt all das nicht wahr. So wenig wie sie die Flugzeuge wahrgenommen hatte, die bis vor 10 Jah - ren noch im Anflug auf Tegel dicht über die Dächer gerauscht sind. Man gewöhnt sich. Jedenfalls an Lärm.
Die Minute, selten ist es mehr, am offenen Fenster, den Blick auf den Bahnsteig. Die Menschen sind daumengroß, einige schauen hoch, wenn das Fenster sich bewegt, reagieren auf das gespiegelte Sonnenlicht. Die Kirschbäume auf dem Mauerstreifen sind noch grün, auch wenn es nicht mehr das Grün des Juni ist. So viele verschiedene Arten von Grün. Gegenüber, jenseits des Bahndamms, liegt der Wedding, eine andere Welt. Nicht mehr ganz so scharf wie vor 18 Jahren, damals endete die Pankower Seite der Wollankstraße mit „Ollis Eck“ und begannt hinter der Unterführung wieder mit „Alibaba“, heute ist Ollis Eck eine Dönerbude und Alibaba ein veganes Café, aber es ist immer noch drüben.
Die ersten Schritte, es tut nichts wirklich weh, aber man merkt, dass man Füße hat. Gibt sich dann. Der Flur ist schmal und wirkt dadurch geradezu lang, dabei besteht er zu mindest rechts mehr aus Türen als aus Wand. Zelle, Küche, Bad. Und gegenüber das Zimmer. Hannahs Zimmer. All die Jahre war es eng. Und nun fühlt es sich für Timm manchmal an, als tappe sie durch die einsamen Flure und Hallen eines Schlosses. Die Küche war ihr Wohnzimmer, sogar mit Sofa, dafür ist der Tisch klein, es ist der mit der Schublade, den Timm aus ihrer Rekruten woh nung mitgenommen hat. Der stand da, übriggelassen von der Vor mie terin, einsam wie ein ausgesetztes Tier. Vielleicht, weil auf seiner Platte jede Wasserwaage verrückt gespielt hätte, aber Timm und Hannah störte das nicht. Der Tisch hatte Ge schichte und er hatte ein Geheimnis, das Hannah faszinierte, sobald sie es entdeckte: Eben diese Schublade. Gedacht sicher für Besteck, barg sie immer wieder Neues, man konnte nie wissen, was dieses Mal darin liegen würde, ein neuer Nuckel, ein bunter Stoff würfel mit Klappen und Ringen, eine Reiswaffel. Später manchmal ein Haarband oder Kau gummis. Es war eines der einschneidendsten Erlebnisse für Timm, als sie eines Tages ein mit Wachsmalstiften gemaltes Bild darin fand, mit einem Haus und zwei Menschen, einer groß und einer klein. Es war nochmal ein Moment wie das erste Wort. Seitdem sprechen sie miteinander auch durch die Schublade. Und in die Schublade legt man nur gute Dinge und gute Worte, das ist – keine Regel, sie haben nie über die Schublade gesprochen, als wäre damit das Geheimnis zerstört –, es ist mehr als eine Regel. Es ist ein Gesetz. Die Schublade hat sie über manche Phase gerettet, in die Schub lade durfte kein Vor wurf und keine Rechtfertigung. Auch keine große Entschuldigung. Nur kleine Dinge. Timm ist sich sicher, dass manche Ehe gehalten hätte, wenn das Paar so eine Schublade gehabt hätte.
Seit Timm aus dem gemeinsamen Zimmer in die Zelle gezogen ist, war die Küche ihr Treffpunkt. Seit Hannah in die Oberstufe ging, wollte sie morgens auch einen Kaffee. Statussymbol. Timm nimmt die zerbeulte Blechkiste vom Bord, bedrohlich leicht. Aber für einen Bodrum reicht es noch. Müsli gibt es erst nach dem Workout, aber ohne einen ersten Schuss Koffein geht nichts bei ihr. Hannah musste man nie wecken, aber ansprechbar war sie morgens trotzdem in den letzten Jahren kaum noch. Aber auch ein stummer Teenager unter earpods ist ein Mensch im Raum. Der Geräusche macht, manchmal war dann doch auch mal ein Satz darunter. Timm konnte damit leben, zumal es abends anders war. Da kam Hannah zwar auch oft schalldicht in die Küche und fing an überlaut mit den Töpfen zu klappern, aber meistens nahm sie dann noch einen oder manchmal sogar beide heraus: „Ich muss dir was erzählen“, und dann ihren Ärger über einen Vollhorst von Lehrer loswurde, der zu Shari gesagt hatte Wie ist das denn bei euch? So was von Othering … oder ihre Begeis - terung über die muscle gun, die jetzt viele in der Trainingsgruppe haben, gaaanz ungefährlich und supergut für die Muskelrelaxion … Dann war es, also ob ein Schmetterling um einen flattert, der sich ab und zu auf einen Finger setzt. In manchem bestärkten sie einander (rassistische Vollhorste), in anderen war man verschiedener Meinung (muscleguns), natürlich ging es oft um Feminis - mus und Sexismus, und da hatte Timm manches aus ihrem Job beizusteuern, und Hannah war zwar sehr früh schon sehr meinungsstark (Du musst später irgendwas machen, bei dem man Leute totquatschen muss), konnte aber auch zuhören. Bis diesen Sommer hat Timm ihr workout in der Zelle gemacht und geduscht, bevor um 7 Uhr Hannah die Wohnung für sich vereinnahmte und hysterisch werden konnte, wenn sie eine Minute vor der Badtür warten musste. Jetzt geht Timm mit dem Kaffee und dem Handy in das Zimmer, Hannahs Zimmer.
Das Zimmer ist nicht leer. Sie hat kaum etwas mitgenommen. Das breite Bett gleich neben der Tür, ihr Sommerbett, im Winter lag sie immer auf dem „Canapee“ eine Matratze auf Paletten, direkt an der Heizung. Rechts ein viertüriger Schrank, hoch bis an die Decke. Als Raumteiler ein niedriges Regal, auf dem das Keyboard steht. Manchmal schlägt Timm eine Note darauf an. Hannah hat es mit 14 bekommen und es sich mit einer App beigebracht, ohne Noten – die Töne fliegen als bunte Balken auf die Tasten zu, die man dann drücken muss, wie in einem Compu - terspiel. Timm hätte nie gedacht, dass man so Klavier lernen kann. Aber es klang schön, wenn Hannah spielte. While my guitar gently weeps und fly me to the moon. Manchmal saß Timm abends auf eine halbe Stunde bei ihr und sang mit. Der selbst gebaute Schreibtisch, ringsherum Lichterketten, Fotos, Comic-Skizzen, reminder. Opossum-Bilder, ihr Fun-Tier. Alles noch da, außer Hannah. An diesen Schreibtisch setzt sich Timm jetzt manchmal, oft nur um zu lesen und eine Tasse Tee zu trinken. Das Licht der Ketten ist schön, warm. Sie hat einen Brief begonnen, aber noch nicht abgeschickt. Sie whattsappen weiter, aber das reicht natürlich nicht. Viele Leute haben wieder begonnen, Briefe zu schreiben seit dem crack. Aber man muss es erst wieder üben. Ob Hannah ihr zurückschreiben wird? Wird neu für sie sein. Aber ist nicht gerade so ziemlich alles neu für sie? Kommt darauf nicht mehr an. Die Lichterkette mit dem bernsteinfarbenen Steinen hat sie ihr mal zum Nikolaus geschenkt, als sie gerade ihr eigenes Zimmer bekommen hatte. Advent, Weihnachten. Sie haben es offen gelassen. War für Hannah natürlich mitten im Sommer einfach kein TOP, zumal sich alles in ihr aufs Weggehen konzentrierte und nichts übrig war an Gedanken und Ge fühlen, das mit Wiederkommen zu tun hätte. Plus – gemeine Asymme - trie der Liebe – ist der Trennungsschmerz, das Gefühl der Bilanz aus Gewinn und Verlust, bei diesem Ab schied sehr ungleich verteilt. Aus Sicht des Kindes geht ja auch nichts verloren – die Mutter bleibt ja da. Ist nicht weg, nur Hannah ist woanders. Wo ich bin, ist hier. Das gute Recht der Jugend. „Sie ist ja nicht tot.“ Nein, und das Zimmer kein Museum. Timm trinkt nicht nur Tee am Schreibtisch, sie macht auch ihr Workout darin. Hannah hatte die Klimmzug stange. Sie hatten eine Wette laufen, schriftlich fixiert als sie etwa 12 war und im Judo durchstartete. Wer mehr Klimmzüge schafft, wenn Hannah 18 ist. Hannah musste für Glas kochen.
Timm stellt die Playlist an und beginnt mit Armkreisen. Auch wenn sie mehr Klimmzüge geschafft hat als Hannah – eine Disziplin, die eher die Drahtige als die Muskulöse bevorteilt –, neidet sie ihrer Tochter die Muckis. Für Hannah gab es mit 14 kaum ein anderes Thema, das sie geradezu sportwissenschaftlich verfolgte. Konnte Vorträge halten über Ernährungsphysiologie und nach welchem Impulstraining man wie viele Stunden aktive Erholung braucht, damit die Muskeln wachsen können, trank Proteinpulver in Soja milch und wog ihre Mahlzeiten ab, vor allem die Hülsen gerichte, seit sie Veganerin war. Timm hatte diese Fixierung auf den Körper zwiegespalten verfolgt und entsprechend kommentiert. Zwar war Hannah zugleich zu woke, um in eine patriarchalische Falle zu tappen, es ging ihr nicht darum, ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu verbessern; zumal damals wie heute – zumindest für Timm – unklar war, in welche Rich - tung es diesbezüglich überhaupt gehen würde. Sie bildete ihren Körper für sich, sich wohl darin zu fühlen. Und das tat sie, sichtlich. Genoss ihre Kraft. Und das Gewinnen, das daraus folgte. Timm gab die Devise aus: Solange es in der Schule läuft, ist diese klare Priorisierung – Training vor Hausaufgaben – O.K., und es lief bei Hannah. Die Disziplin, die sie sich für die Gestaltung ihres Körpers und die Judotitel auferlegte, dehnte sich auf ihr restliches Leben aus, sie konnte vor einer Klausur auch drei Abende noch nach dem Training bis elf, zwölf, pauken. Timm sah ihr Mädchen sich verändern, mit der weiblichen Entwicklung einher ging auch eine, wie man sie eher bei Jungs erwartet hätte, deutlich definierte Arme und Schultern, und eine Figur, die alles in allem im V blieb. Das hätte Timm auch gerne gemacht, als sie vierzehn war, aber es sich nicht getraut. Oder sogar: Nicht gewusst, dass sie es gerne gemacht hätte, ihren eigenen Wunsch gar nicht gekannt, weil seine Erfüllung so undenkbar war, 1986. Aerobic, schön und gut, für einen knackigen Po und schlanke Beine. Aber ein breites Kreuz? Ober schenkel, mit denen man 80 Kilo-Langhanteln aus den Knien hochstemmen kann?
Zehn Raupen, mit den Händen nah an die Füße, dann mit den Händen vom Körper weg gehen bis man im Liegestütz ist, drei Liegestütze, wieder zurück, hoch strecken, runter, nächste. Los Timm, noch eine! Mach schon. Der Sport hatte ihr an Ihrer Rekrutenzeit gefallen, aber das vielleicht noch mehr: Dass man sie Timm nannte. Wurde in den 90ern dann als entwürdigend verboten, man hatte die Grünschnäbel mit Herr und Frau Anwärter anzubrüllen. Aber für sie war es eine – Befreiung wäre zu viel gesagt, eher wie eine bequeme Jacke, wie maßgeschneidert, so sehr passend, dass man nicht mal daran gedacht hätte, sie zu suchen, und die man dann einfach so geschenkt bekam, von jemanden, der einem noch nicht einmal sonderlich nahestand. Rumpfbeugen gerade und links rechts, für den Rücken den Bauchflieger, Bizeps mit den Hanteln, für den Trizeps Hochdrücken am Stuhl, jeden Tag das gleich Programm, egal wie sehr Hannah über so viel Planlosigkeit den Kopf schütteln mochte (Mus keln müssen wachsen nach dem Impuls, jeden Tag eine andere Muskelgruppe!).
Musikalisch ist Timm beim Training nichts peinlich, sie hört sogar Eye oft he tiger. (Als sie Hannah von einem Interview mit Sylves - ter Stallone erzählte, in dem er sagte, seine Töchter würden nicht einmal mehr Sting und Phil Collins kennen, fragte Hannah: Wer ist Sylvester Stallone?) Nicht dass ihr Musikgeschmack völlig konträr wäre. Mit dem Judoteam hören sie im Mannschafts bus Bohemian Rhapsody und Ärzte. Manchmal klang ein vertrauter Sound aus ihrem Zimmern, „A perfect day“ zum Beispiel, und gefragt, woher sie das hat: Schulterzucken. Wenn Timm mit Ge - genwarts kompe tenz prahlen wollte (das ist von Dua Lipa, oder?): Schul terzucken, Hannah war das egal. Bloß Sänger, nichts, was die Identität bildet. Als Si neaed O Connor starb und bei Timm das ganze Wochenende abwechselnd nothing compares to You und Dont cry for me Argentina lief, rief Hannah irgendwann in die Küche. Andere Platte, Mama! Aber sie ließ sich erklären, wer das gewesen ist und wie wichtig diese Musik und dieser Typ Frau mal für Timm gewesen war.
Zum Abschluss die Klimmzüge. 10 haben gereicht, um gegen Hannah zu gewinnen, kommt sie jetzt, zwei Monate später aber schon nicht mehr ran. Geht immer verflucht schnell. Reicht mal ein Infekt und ein paar Tage Pause, oder man war mal faul. Beim Sport liebt Timm Zahlen. Wahrheit ist auf dem Platz. Hic Rhodus hic salta. Die Weisheiten ihres Vaters, von denen sie schon seit Jahren die Anführungs stri che genommen hat. Genauso ist es. Sie mag das Messbare bei jeder Art von Leistung, auch weil sonst die Großspurigen immer im Vorteil sind, und die Drückeberger. Die Uhr lügt nicht, wenn sie die 10 Kilometer mal nicht unter 50 schafft, und wenn es zwei Mal hintereinander passiert, hilft auch kein „war ein schlechter Tag“. Dann muss man da wieder ran, jede zweite Woche einen Lauf über 15 km einstreuen und die andere Woche einen kürzeren, 4 oder 5 mit schnelleren Kilometern deutlich unter 5, bis sie wieder ihren Gold standrad schafft. Hat sie keinem gesagt, aber vor genau einem Jahr hat sie es sich geschworen: Nie mehr Minuten für die 10 Km brauchen als du Jahre alt bist. Nie!
Arme ausschütteln, dehnen. Timm drückt dazu den Arm gegen den Türrahmen, dreht sich in der Hüfte. 15 Sekunden, ins Zimmer blicken. Es ist wirklich fast alles noch da. Ein paar Fotos fehlen an den Schranktüren, aber das von Timm mit Hannah in der Babytrage ist noch da. Die Medaillen hängen weiter über dem Bett, die Skizzen und To-Do-Listen über dem Schreibtisch. Hannah hat sie nicht gefragt, was Timm mit dem Zimmer machen will, und Timm hat Hannah nicht darauf angesprochen. Das Zimmer sieht nach Wieder kommen aus. Oder nach: Hier war nichts so wichtig, dass man es auf die andere Seite der Welt mitnehmen musste. Such es dir aus. Vielleicht hat sie einfach den ganzen Kram dagelassen. Bis Weihnachten will Timm es so lassen. Sie haben auch nicht über Weihnachten geredet. Dass Timm sie gerne besuchen würde, müsste Hannah klar sein, wenn sie darüber nachdenken würde. Was sie nicht unbedingt tut. Jedenfalls jetzt noch nicht. Das Geld hat Timm zurückgelegt, so viel, dass es sogar für ein superteures Spontanticket am 23.12. reichen würde. Und eine Urlaubsvertretung organisiert, für drei Wochen. Aber sie hat sich fest vorgenommen, dass sie nicht fragen wird. Was soll Hannah denn sagen? Das wäre Nötigung. Vielleicht sowieso die falsche Idee. Warum geht ein Mensch denn genau an das andere Ende der Welt für ein Jahr? (Oder länger?)
Im Bad sieht man es am meisten, dass hier nur noch eine wohnt. Auf der schmalen Keramikstufe, die die gesamte Wand entlangläuft, steht nur noch Timms „Waterlily“ und der lady shave. Hannahs Schminkphase hatte zwar nur sehr kurz gewährt, aber dennoch war ihre Kosmetikpalette ausdifferenzierter geblieben als Timms – und musste auch immer in ihrer gesamten Breite sicht- und verfügbar sein, und wozu auch wegräumen, wenn man es eh jeden Tag braucht und dort so viel Platz ist. Gutes Argument, zumal sie früh den Deal hatten, das Bad samstags abwechselnd zu putzen und Hannah so ihren Beitrag leistete, zumindest hin und wieder die Tuben und Cremedosen und Deos zu sortieren und ihre Spuren auf den Fliesen zu verwischen. Das Bad wieder für sich alleine zu haben, hat unbestreitbar sein Gutes, zumal Hannah sich dort sehr lang aufhalten konnte, immer in Begleitung ihres Tablets und stoischem „Gleich“ auch auf dringlicheres Klopfen. Aber es ist auch dieselbe Badewanne, in der sie miteinander geplanscht haben und in der die drei Bären in ihrem Boot schwammen, blau, rot und grün, die das Wasser herausdrückte und nach denen kleine Finger griffen und sie immer wieder zeigten, noch bevor Hannah dazu „Duck mal“ sagen konnte. Die bunten Plastik kleber mit Meerjungfrauen und Krebsen hafteten noch lange an den Kacheln, bis Hannah merk te, dass das gar nicht geht (obwohl sie selbst eine Mer maid pha se hatte und jeden Nachmittag in Waco verbrachte, sie drängelte sogar auf eine Monoflosse, aber schlagartig wurde ihr klar, dass das ganze Meerjungfrau-Konzept eine böse Männer phantasie war, sie hatte „Undine geht“ in der Schule gelesen).
Die Stühle am Küchentisch bleiben beide leer. Das ist an sich nicht dramatisch, Timm hat sich schon immer auf das Sofa gesetzt mit Ihrer Müslischale, wenn sie morgens alleine war, also schon seit Jahren am Wochenende so gut wie immer. Hannahs Platz war der in der Ecke, schon immer, aus dem einfachen Grund, dass man sich dann nicht die Zehen an dem blöden Stokke-Hochstuhl stoßen konnte, der zwar super solide und unumfallbar war, das aber auf Kosten extralanger Streben, die weit nach hinten und damit in den Raum hineinragten. Nachteil dieser Sitzkonstellation war zunächst die Nähe zur Wand, die für verschmierte Finger gut zu erreichen war, aber nach ein paar sinnlosen Streitereien hatte Timm begriffen, dass das zum neuen Lebensabschnitt ihrer Tochter gehörte, dass sie nun eben alleine sitzen konnte und ihren Radius damit erweiterte, und sie legte Stifte neben den Platz, erst die dicken Malmäuse, die man in die Faust nehmen und irgendwo gegendrücken kann, später die feineren Wachsmaler und als Hannah in die Schule kam Buntstifte. Einmal im Jahr fotografierte Timm die Wand neben Han nahs Platz, ein Gewimmel aus Fingerab drücken, Kreisen und Zacken, später von Figuren und Tieren, und übermalte sie weiß. Bis zur großen Krise, an dessen Ende Timm aus dem Zimmer in die Zelle umzog. Hannah hatte eines Tages die Stifte verschwinden lassen und nie wieder an die Wand gemalt. Letzte Male. Timm hat das letzte Foto gemacht – mittlerweile dominierten Comicartige Figuren – und die Wand weiß gestrichen. Hannah hat das nicht kommentiert. Nicht an alle letzte Male erinnert man sich so klar. Weil man nicht weiß, dass sie letzte Male sind. Wann hat Hannah das letzte Mal einen Mittagsschlaf auf Timms Bauch gemacht? Wann war sie das letzte Mal auf ihren Schultern? Wann hat sie das letzte Mal bei ihr geweint? Nur wann Timm sie das letzte Mal gestillt hat, das weiß sie noch ganz genau. Und dass sie froh war, es sich hinter sich zu haben, definitiv. Schon. Aber. Zumal für Timm bei jedem letzten Mal klar gewesen war, dass es nicht nur das letzte Mal mit Hannah war. Das eine Kind war für sie ein Wunder, und ein Wunder, dass es ging, mit dem Vollzeitjob und ohne hilfreiche Großeltern – und ein Wunder soll man nicht überstrapazieren. Timm wusste das. Sie würde all das genau einmal erleben.
Die Frage, ob sie hier wohnen bleiben sollte, stellte sich nicht. Altverträge sind das neue Eigentum hat sie neulich gelesen, für sie stimmt das allemal. Das Haus ist heruntergekommen, an den Fassaden wie im Treppenhaus, die Klingel geht eher sporadisch, vor den Mülltonnen ist ein Loch im Pflaster und die Haustür schließt oft nicht – aber Timm und den anderen im Haus ist es recht, dass der Besitzer sein Häuschen zu vergessen zu haben scheint, das alles nicht mitbekommt, aber eben auch nicht, dass die Mieten in Berlin seit zwanzig Jahren in die Höhe schießen und viele Familien in die Verzweiflung treiben. Timms Miete ist in diesen zwanzig Jahren nicht mal an die Inflation angepasst worden, sie wohnen vergessen wie in einem Dornröschen schloss, und so ranken sich auch die wilden Pflanzen um den Zaun und das Törchen, das vom Hinterausgang durch den winzigen Garten zum ehemaligen Mauerstreifen führt.
Seit zwanzig Jahren derselbe Bahnhof. Vielleicht wäre es mal Zeit. Macht es Sinn, in einem Märchenschloss zu bleiben ohne Prinzessin? Es muss ja nicht gleich Australien sein, aber Fried - richshain? Oder Hamburg? Aber wenn die Prinzessin zurückkehrt in ihr Reich, dann sicher hierher, in dieses Schloss. Es ist noch zu früh. Aber vielleicht sollte der Zug mal woanders hinfahren. Nochmal die Richtung wechseln, das hat er schon mal getan. Von hier ist Timm sieben Jahre lang stadtauswärts gefahren, Richtung Hennigsdorf, zu ihrer Wache. Ihre Wache. Und dann seit sieben Jahren in die andere Richtung, die sie auch jetzt nimmt, zwischen den Häuserzeilen hindurch wie zwischen Ufern, gerade um die Schönhauser Alle, wenn die Strecke ganz tief verläuft, noch unter dem Niveau der Parterre, fühlt es sich an wie die Fahrt mit einem Boot durch einen Canyon, die Stadt wird dichter, bis sie am Alexanderplatz zu etwas wird, das wirklich keiner haben will, sie hasst diesen Weg vom S-Bahnhof durch die Betonwüste, eine einengende Weite, die nicht besser wird, wenn im Rhythmus des Jahres die Buden für Weihnachtsmärkte, afrikanische Volkstümelei, Oktoberfest und so weiter ihr billig, billig über den Platz rufen. Schon für diesen tristen Arbeitsweg würde sich ein Wechsel lohnen. Hätte sich ein Wechsel gelohnt. Denn der Gedanke war, wie immer bei Timm, nicht abstrakt gewesen. Mag sein, die Phase in der Hannah sich befand, hatte etwas Ansteckendes: Die Unbestimmtheit der nahen Zukunft, die auch ein Abgrund war an Möglichkeiten. Durfte man nicht zu lange hineinschauen. Hannah hatte sich dann konsequent für alles entschieden: Gleich studieren UND Weltreise. Weiter machen UND was ganz anderes. Und Timm das Ergebnis eines Abends mitgeteilt, wofür sie nur ein earpod herausnehmen musste: Ich fange im September in Canberra an. Chemie. Timm war in die Überlegungen nicht eingebunden gewesen, wenn sie das Ge - spräch darauf brachte, sprach Hannah zu ihr wie die Erwachsene zum besorgten Kind: Alles gut, Mama, ich mach das schon. Darauf war nichts zu sagen. Und auch nichts zu Canberra, außer die Frage nach der Finanzierung. „Stipendium“. Sie hatte diesen Plan monatelang betrieben, fast ein Jahr. Und Timm kein Wort davon gesagt. Anträge geschrieben, Auswahlgespräche gehabt. Und Timm nichts davon gesagt. Aber das war wohl Teil des Programms. Wie dass sie ab sechzehn selber ihre Wäsche wusch und aufhängte, genauso kommentarlos. Teil des Programms „brauch dich dafür nicht“. War das nicht Ziel der ganzen Erzieherei? Schon. Und Timm fand keinen Grund für ihr Gefühl, keinen, den sie Hannah gegenüber hätte mit der üblichen Erwachse nenrationalität hätte vertreten können, warum es falsch war, dass Hannah sie in ihre Zukunft so gar nicht einbezog. Das Problem war, dass Hannah recht hatte: Sie brauchte Timm ab jetzt nicht mehr. Für nichts. Und nicht erst ab jetzt, das kam hinzu. Mit einem Mal wurde Timm klar, dass Hannah sie schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr brauchte. Jetzt war es amtlich. Sie würde weggehen wie ein Bärenjunges, das alleine klarkommt. Als Hannah in der Grund schule war, haben sie oft abends zusammen eine Tierdoku gesehen, aber die über die Bären nur einmal, das hielt Hannah nicht aus. Dass die Bären - mutter ihre Jungen vertreibt, wenn sie herangewachsen sind, und dann einfach neue bekommt. „Ich bleib immer bei dir, stimmts?“ Und dann musste Timm sie mit der Geschichte von ihrem Onkel trösten, der sein ganzes Leben mit seiner Mutter zusammengelebt hatte, weil er die Bäckerei von seinen Eltern übernommen hatte und mit seiner Familie dort in dem großen Haus wohnen blieb, und die Eltern zogen in eine eigene Etage und sie lebten all die Jahre zusammen, bis zuletzt. Und wenn du möchtest, machen wir das auch so.
Die Fahrt zum Alexanderplatz dauert 15 Minuten, zu ihrer Wa - che waren es 13 gewesen. Als sie Abschnittsleiterin wurde, war Hannah 4. Die brutalste Zeit ihres Lebens. Die Arbeit war nie zu Ende, alle Akten und Vorgänge landeten zuletzt auf ihrem Tisch, dazu Personalgespräche, und wehe sie vergaß den Geburtstag der Sekretärin … und egal was war, egal welcher Oberfuzzi aus dem LKA angerufen hatte und um sofortigen … ganz egal, um 16 Uhr machte die Kita zu. Natürlich war sie immer die letzte. Natürlich manchmal auch um 16.02, aber auch wenn sie es im Dauerlauf um 15.59 schaffte, war ihr der tadelnde Blick der Erzieherin sicher: Schon wieder die letzte. Das arme Kind. Das natürlich auch manchmal sagte: Mama, warum bin ich immer das letzte Kind? Und Timm erklärte ihr es. Immer wieder. Nahm sich die Stunden bis 20 Uhr komplett für sie, und setzte sich dann mit einer vollen Kaffeekanne an den Küchen tisch, den Stapel Mappen und den Dienstrechner vor sich, mit dem man sich damals noch, lange vor dem crack, per VPN in die eigene Umgebung einloggen und weiterarbeiten konnte. Immer bis 12, manchmal länger. Berichte der Kollegen Korrektur lesen, Pro to - kolle überprüfen, Mails von Bürgern zu so ziemlich allem, Mails vom LKA zu Datenabfragen, Mails von Schulen zu Schul weg - plänen, Mails von der Unfallkasse … Und dann die nächste Auf - gabe: Schnell runterfahren, den Computer und sich selbst, um rasch einschlafen und noch die Stunden zwischen 1 und 7 maximal effizient nutzen zu können, mit Schlaf. Möglichst ohne Alkohol, das würde zwar helfen, sich am nächsten Tag aber rächen. Alleinerziehen mit Vollzeitjob war Hochleistungssport, der keinen Fehler verzieh. Am Ende des ersten Jahres hatte sie silbrige Fäden im Haar, die wegzufärben sie keine Zeit hatte. Und dann waren da diese 13 Minuten. Wenn sie Hannah bei den Kiezkäfern abgegeben hatte, sauste sie zur Wollank straße, es war wichtig, dass sie noch drei Minuten hatte, um sich bei Thilo noch einen Kaffee und ein Schoko brötchen zu holen, bevor sie in die Bahn stieg. Und dann tat sie 13 Minuten lang – nichts. Sie trank ihren Kaffee, aß ihr Schokobrötchen, sah aus dem Fenster – stadtauswärts war die Bahn morgens immer fast leer, man hatte Platz – und tat nichts. Es waren die ersten Jahre des Smartpho - nes, sie hatte auch schnell eines, sie hätte in diesen 13 Minuten viel regeln können, dienstliche An rufe oder die Mail an die Kin - derärztin wegen des Vorsorge termins, oder die neuen Turn - schuhe in der 31 bestellen, die Hannah dringend brauchte, oder … aber Timm hielt sich eisern daran, und im Rückblick kann sie nicht ausschließen, dass diese 13 Minuten sie vor dem Zusam - men bruch bewahrt haben.
Auch als es ein paar Jahre später entspannter wurde, behielt sie es bei. Als das erste Schuljahr überstanden war, Hannah in die zweite Klasse kam und sogar vom Hort allein nach Hause gehen konnte, wenn es sein musste. Sie war jetzt oft nachmittags bei Freundinnen oder beim Judo – damals fing es an, zwei Mal die Woche, und sie verpasste es nie. Timm spürte, wie sie ihr Leben zurückbekam, in kleinen Häppchen, noch nicht die Abende, von den Nächten ganz zu schweigen, aber es gab die anfangs geradezu verblüffenden Momente am Nachmittag, wenn Hannah in der Sporthalle war und sie eine Besorgung gemacht hatte und sie sicher auch noch schnell nach Hause gekonnt hätte, um eine halbe Stunde Mails abzuarbeiten, aber sie merkte, dass das eigentlich nur eine Routine war, sie konnte sich jetzt auch die halbe Stunde einfach in dieses Café hier setzen und die Sonne genießen und faul sein. Das war und blieb selten, aber ein Fenster, durch das Timm sich selbst in einer entspannteren Zukunft sehen konnte. Das Jahr für Jahr weiter sich öffnete. Bis, es war kurz vor Hannahs elftem Geburtstag, ein Anruf des ehemaligen Abschnittsleiters kam, der ans LKA gewechselt war.
Und damit fuhr sie ab jenem Sommer jeden Tag in die andere Richtung, aber sie behielt ihr Ritual der 13 Minuten bei, auch wenn es jetzt sogar 15 waren, und obwohl sie jetzt sogar ein Diensthandy hatte und in 15 Minuten schon viel hätte erledigen können, obwohl es wieder der komplette Wahnsinn des Neu - anfangs und der gestiegenen Verantwortung war, der sie fast genauso überrollte wie vor sieben Jahren – sie konnte sich die 15 Minuten trotzdem besser leisten als früher, weil Hannah jetzt sowieso jeden Tag gleich nach der Schule in der Judohalle verschwand und abends keine Zeit zum Spielen hatte, weil sie noch Haus aufgaben machen musste. Timm musste es recht sein, schon gleich nach dem Abendbrot an den Rechner zu können, wenn Hannah sich mit ihrem Englischbuch oder dem Gewi-Projekt über den Assuan-Staudamm wenigstens zu ihr an den Küchentisch gesetzt hätte, aber sie zog sich an den großen Schreibtisch in – damals noch – ihrem gemeinsamen Zimmer zurück und bestand darauf, dass jede ihren eigenen Arbeitsplatz hatte.
Sie spielten nur noch selten zusammen, am liebsten Pharao Code, ein anstrengendes Rechenspiel, bei dem man auf Tempo gegeneinander aus drei vielseitigen Würfeln mit allen Grund - rechenarten inklusive Quadrat und Wurzel Zahlen berechnen musste. Eigentlich kein Spiel, sondern ein Wett kampf, bei dem Timm ungefähr um diese Zeit herum keine echte Chance mehr gegen Hannah hatte, allenfalls Sonntag morgens, wenn sie ausgeschlafen war und Hannah nicht. Timm mochte es nicht besonders, aber sie wusste, dass es das letzte war, dass sie auf lange, lange Zeit miteinander spielen würden. (Vielleicht wieder „Tempo tempo kleine Fische“ gemeinsam mit noch jemanden, den es später geben würde? Oder sowas wie Halma mit Timm im Altersheim?)
Eine der wenigen Neuerungen, seit Hannah fort ist, ist die frühe Bahn. Timm nimmt jetzt den 7.33, mit dem ist sie kurz vor 8 am Schreibtisch, eine halbe Stunde früher als sonst, als sie noch die Küche und das Bad instandgesetzt hat, nachdem Hannah wie auf der Flucht das Haus verlassen hatte. Die halbe Stunde macht viel aus, sie hat ein bisschen Zeit, die Sekretärinnen zu groomen, bevor der Tag seine Fahrt aufnimmt, weil aus dem Leitungsbüro die Aufträge runtergetropft kommen und die ersten Presseanfragen zu dieser oder jener Ermittlung da sind oder einfach die ersten Termine anstehen, Referatsleiterrunde, Rücksprache mit dem Präventionsteam, die Schalte mit den Kollegen aus Polen … Und sie hat selbst etwas mehr Zeit, genau diese Morgenlage zu checken, seit sie niemanden mehr um 16.00 vor den Kiezkäfern retten muss und erst recht, seit sie zu Hause eher stört als mit einem Willkommensschrei empfangen wird, bleibt sie so lange im Büro, dass sie den Rechner abends nicht immer unbedingt nochmal anwerfen muss. Dann findet sich morgens um 8 noch Zeug vom frühen Abend, das man schon mal wegschaufeln kann. Der frühe Zug bringt also viel, ganz abgesehen davon, dass der 7.33. deutlich leerer ist als der 8.03, in diese Richtung fahren die Büroleute und die Dienstleister. Mal sehen, wie es im November wird, aber jetzt, Mitte September, ist der Tag um diese Zeit bereits hell, die Sonne steht über den Häusern und scheint ihr ins Gesicht. Außerdem fahren mit diesem Zug die Schülerinnen. Die meisten schauen konzentriert in ihre Hefte, murmeln leise Vokabeln vor sich hin oder die Bestandteile des Auges vielleicht, Kopfhörer haben sie fast alle dabei auf, auch wenn sie durch Hannah weiß, dass die meisten gar keine Musik hören beim Lernen, sondern „weißes oder braunes Rauschen“. Viele lesen aber auch, New adult ist schon wieder out, die Bücher sind nicht mehr Schmuckstücke in verschnörkelten Einbänden, sondern der neue Trend ist unifarben, demonstrative Schlichtheit, besonders beliebt sind Buchreihen, deren Einzelbände nur in Nuancen einer Farbe voneinander abweichen. Ästhetik ist noch immer mindestens so wichtig wie der Inhalt – aber auch der ist, laut Hannah „nicht mehr nur so’n Schmachtzeugs“ – aber es soll nicht mehr so auffallen. Was damit zusammenhängen dürfte, dass das Lesen als solches bei der Jugend Main stream geworden ist und per se kein Alleinstellungs merk mal. So wie sie wieder alle mit Bargeld zahlen. Auch damit hatte Hannah schon vor dem Crack angefangen: „Das fühlt sich cool an, so richtige Scheine, und außerdem kannst du bundling machen.“
