Der Zeiten Tanz - Natascha Skierka - E-Book

Der Zeiten Tanz E-Book

Natascha Skierka

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Beschreibung

Kann Isa Arthur noch vertrauen? Was hat er ihr noch alles verschwiegen und wieso muss sie gemeinsam mit ihm die Traumwege reaktivieren? Werden sie es schaffen oder wird ihr "Geheimnis" sie alle in Gefahr bringen? Oder lauert diese von etwas oder jemand anderen? - Für alle die es lieben in die mythologischen Tiefen des Übersinnlichen einer anderen Welt einzutauchen.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Natascha Skierka

Der Zeiten Tanz

Teil Zwei der Cosmic Union Trilogie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Zeit

Prolog

Teil Eins

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Teil Zwei

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Teil Drei

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil Vier

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Impressum neobooks

Die Zeit

Die Zeit sie jagt dahin

Doch ist dies auch ihr Sinn,

In den Spiegel zu sehen

Wenn die Jahre vergehen,

So ist es nur die Zeit

Die sagt: „Es ist so weit!“

Nur wenige hören

Den Ruf zu betören.

Diese sterbliche Zeit

Aus der Hülle befreit,

Nur noch eins zu fühlen

Die Wangen zu kühlen,

Nach dem seltenen Tanz

Mit dem goldenen Kranz

Im silbernen Gewand

Gewebt aus feinstem Sand.

Wie wunderbar ist sie

Die uns Leben verlieh,

Mit Illusion so klar

Das sie beinahe wahr,

Aber was ist schon Leben

Dass wir danach streben?!

Prolog

Die Welt verändert sich und wir verändern uns mit der Welt. Zu hochtrabend? Wohl kaum. Schließlich befinden wir uns in einer Zeit, die glaubt, schon alles gesehen zu haben. In einer Zeit des Aufbruchs und der uns alle umgebenden Forschung. Das Meer, die Sterne und vor allen Dingen uns selbst sowie unsere eigene Vergangenheit, von der wir uns erhoffen, dass sie den Schlüssel für unsere Zukunft bereithält. Einer die größer und strahlender erscheint, als die trostlose und triste Gegenwart in der wir uns gerade befinden und die uns so mit ihrer Routine droht zu ersticken, dass wir mitunter keinen anderen Ausweg finden, als entweder zu resignieren und zu lebenden Toten zu werden oder gar zu einer tickenden Zeitbombe, die alles und jeden mit sich reißt, wenn sie plötzlich und ohne Vorwarnung den Zünder zieht und explodiert.

Doch sollte es nicht gerade eben diese Gegenwart sein, in der wir uns alle wohlfühlen und von der wir uns inspirieren lassen sollten, gerne in ihr zu verweilen? Manchmal vermochte sie es nicht zu sagen, denn all diese Routine machte sie verrückt und die Arbeit die ihre Hände und ihr Geist verrichteten ermüdeten sie stets so sehr, dass sie froh darüber war, wenn sie die Dinge die sie zuhause verrichten musste, gerade eben schaffte.

Stets hatte sie das Gefühl, das irgendetwas entsetzlich schief lief und dass das Leben das sie führte, nicht ihr eigenes war, sondern das einer vollkommen anderen Person, die sie noch nicht einmal wirklich kannte. Aber wer war sie wirklich? Wer in aller Welt war sie, woran glaubte sie und was brachte sie dazu jeden Morgen aufzustehen und die Dinge zu tun, die sie verpflichtet war zu tun. Wer war sie und warum änderte sie nichts von den Dingen, von denen sie glaubte, dass sie Gift für ihre Seele waren. Wenn sie überhaupt eine hatte, dachte sie sarkastisch und öffnete die Augen, um in den kleinen Spiegel auf ihren Altar zu blicken. Auf der purpurfarbenen Decke mit dem schwarzen Pentagramm in der Mitte lagen drei Kerzen. Weiß, rot und schwarz. Die Farben der Dreifachgöttin, die nicht nur die Mondphasen symbolisierte, sondern auch die Stationen der Weiblichkeit, Mädchen, Mutter und Greisin. Diese wurden flankiert von der Großen Göttin und dem Gehörnten Gott, die für das Weibliche und Männliche Prinzip standen, ebenso wie im Yin und Yang der asiatischen Mysterien. Vor diesen und den Kerzen hatte sie ein Schachbrett platziert, das für sie das Leben selbst symbolisierte, weil ihr das Leben selbst wie ein Spiel erschien, in dem sie selbst, eine mal mehr oder weniger bedeutende Figur darstellte, die für das Spiel ausschlaggebend war oder es vielleicht gar nicht erst beeinflusste. Auf diesem lagen in einem Kreis verteilt sechs Steine, der siebte lag in der Mitte und auch wenn sie es damals als sie sie gesammelt hatte, noch nicht einmal geahnt hatte, so waren sie heute für sie ein Symbol für das Sternbild, das die Menschen auf der ganzen Welt beeinflusst hatten und es immer noch taten. Die Plejaden. Ein wenig über dem Brett lag ihre Athame in einer ledernen Scheide, die sie nur sehr selten herausnahm und wenn überhaupt benutzte. Direkt daneben auf gleicher Höhe mit dem Dolch befand sich ein kleines Kästchen, verziert mit den Mondphasen und einem Pentagramm, das sich mit dem vollen Mond vermählte und in dem sie einige ausgewählte Edelsteine aufbewahrte, die sie ab und an herausnahm, um ihre Energie zu spüren. Zwar konnte sie nicht mehr genau sagen, um welche Steine es sich genau handelte, aber irgendwie war es ihr dennoch immer gelungen den richtigen Stein zur Hand zu haben, wenn sie ihn brauchte. Und eben davor befand sich ihr kleiner ovaler Spiegel, vor dem zwei Katzen angebracht waren. Die eine schaute direkt hinein, während die andere sich scheinbar demonstrativ abwendete. Ob sie nicht sehen wollte, was sich im Spiegel befand? Oder war es ihr einfach nur egal? Rätsel über Rätsel verbunden mit noch mehr Symbolen, die ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändert oder revidiert hatten, ganz so, wie die Sieger der Geschichte es gewollt hatten, während die Verlierer hilflos dabei zusehen mussten, wie ihre Widersacher, das was ihnen heilig war, nahmen und ohne den Hauch einer Scham schändeten. Feste wurden genommen, bis zur Unkenntlichkeit verbogen, umbenannt und einer neuen Religion untergejubelt, die so mehr oder weniger unfreiwillig zur größten Patchwork-Religion avancierte, die es jemals gab und geben würde. Das Christentum. Sie blinzelte und widerstand der Versuchung ihren Zorn über die Ungerechtigkeiten, die nicht nur ihren Vorfahren anheimgefallen war, zu zügeln. Ungerechtigkeiten, die bereits damit begonnen hatten, dass Maria Magdalena, eine heidnische Priesterin der Artemis, zwar ihren Göttern abgeschworen und sich dem einen Gott zugewandt hatte, aber niemals Jüdin geworden war, bevor sie Jesus geheiratet hatte und die eigentliche Begründerin der Kirche der Heiden war und nicht Petrus und nicht Paul, die ihre Rolle entweder aus Eifersucht oder gar politischen Kalkül, vielleicht auch beidem, herausgeschrieben und verändert hatten. Konstantin, die Römer, Chlodwig und jeder unter ihnen der nach Macht strebte, hatte mehr oder weniger seine Hände im Spiel, während das Christentum seinen nicht mehr aufzuhaltenden Siegeszug um die Welt, antrat und das Heidentum immer mehr und mehr verdrängte und in sich selbst assimilierte und beinahe bis zur Unkenntlichkeit zerstörte. Zwar war das moderne Christentum heutzutage zu einer harmlosen Posse verkommen und die wirkliche Gefahr lag in anderen Dingen verborgen. Aber es machte sie immer noch zornig, wütend und traurig, dass sie in einer angeblich so modernen und offenen Gesellschaft, mehr denn je darauf achten musste, was sie wie sagte, nur um niemanden auf die Zehen zu treten.

Dabei aber schien es umgekehrt nicht so zu sein und ein jeder schien eine Art Freifahrtschein zu haben, auf den Dingen die ihr wichtig waren herumzutrampeln, ohne das sie eine wirkliche Chance hatte auch nur einmal Luft zu holen, um sich zu erklären. Aber das wollte sie schon lange nicht mehr, dachte sie traurig und beobachtete im Spiegel, wie eine einzelne Träne sich filmreif aus ihrem Auge löste und über ihre Wange rollte. Manchmal kam es ihr wirklich so vor, als wenn alle Welt tun und lassen konnte, was sie wollte, aber sie hingegen durfte sich nicht aus dem Rahmen, den sie selbst mit geschaffen hatte, herauswagen und befreien.

Und manchmal, dachte sie, hatte sie einfach keine Kraft mehr diese Art von Doppelleben durchzuhalten, wobei sie nicht wirklich wusste, warum sie überhaupt eines führte und sich deswegen selbst alles erschwerte. War das Leben denn nicht so schon kompliziert genug? Sie schloss die Augen und sackte in sich zusammen, während sie stumm vor sich hin weinte und sich dafür verachtete, dass sie sich für etwas bedauerte, das eigentlich nicht zu bedauern war. Schließlich hatte sie diesen Weg mehr oder weniger selbst gewählt und nun musste sie wohl oder übel damit zurechtkommen, dass sie keinen mehr aus diesem Labyrinth aus Lügen heraus fand. Das, so glaubte sie, geschah ihr nur recht, ebenso wie die Tatsache das sie eine Beziehung zu einem Mann führte, der keinen blassen Schimmer davon hatte, dass sie für ihn auf etwas sehr Essenzielles verzichtete. Ihre Hand schlich sich auf ihren Bauch, als wollte sie das was sich darunter befand schützen. Noch hatte sie die Wahl, dachte sie. Noch konnte sie das Leben, das sich unter ihren Herzen befand, vor dieser verlogenen Welt da draußen schützen, indem sie es gar nicht erst dazu kommen ließ, dass es das Licht derselben erblickte. Ihr Blick hob sich und glitt vorbei an ihrem eigenen Bildnis einer verzweifelten Fratze und blieb an den Kerzen und dem Gott und der Göttin hängen. Sie hatte sich immer so sehr gewünscht, endlich Mutter zu werden und damit auf die nächste Ebene der Weiblichkeit erhoben zu werden. Aber nun, da die Erfüllung dieses Wunsches so nahe war und in so greifbare Nähe gerückt war, fühlte sie sich nicht in der Lage dazu, ihr Schicksal anzunehmen.

Aber hatte die Seele dieses Kindes sich ihr nicht in ihren Träumen und Visionen angekündigt, ebenso wie die der beiden die nach diesem noch folgen sollten? Sie wusste es nicht mehr zu sagen. Wusste nicht mehr, was zu den Gefilden des Traumes und der Wirklichkeit gehörte. Oder war es etwa diese, die der eigentliche Traum war. Wenn ja, dann musste der Traum, in dem sie sich befand, ebenso ein Albtraum sein wie die Realität selbst. Zitternd starrte sie auf die rote Kerze, die als Symbol für die Mutter stand und ihre Augen schlossen sich, während ihr Mund sich so fest zusammenpresste, dass sie beinahe schon glaubte, sie müsse sich vor lauter Weinen übergeben.

Sie fühlte sich so verlassen, obwohl sie doch alles zu haben schien, was sich ein Mensch nur wünschen konnte. Eine Arbeit, einen Mann, der sie liebte, ein Kind das darauf wartete geboren zu werden und unter ihrer schützenden Hand auf ein Leben vorbereitet zu werden, das niemals das sein würde, was es zu sein vorgab. Wollte sie wirklich das ihr Kind in solch eine Welt hinein geboren wurde? Wollte sie ihrer Tochter wirklich das antun, was ihr angetan wurde? Ein Leben erstickt in Selbstzweifel zu führen, mit der Masse zu verschmelzen und nicht wagen selbst zu denken, für seine Ansichten einzutreten nur, weil irgendwelche Menschen meinten, dass das woran man glaubte und dass was man dadurch war, falsch war.

Wer aber hatte eigentlich das Recht für sich gepachtet, dies zu tun. Wer glaubte wirklich besser zu sein, als ein anderer und diesen dadurch herabzusetzen. Niemand, dachte sie. Niemand war besser oder schlechter, und wenn sie das im 21. Jahrhundert nicht verstanden hatten, dann waren sie nicht so modern und offen, wie sie es gerne von sich selbst glaubten. Wer waren sie schon anderes als bloße Menschen, die immer noch der Willkür von Mutter Natur unterlagen. Einer Willkür, die keine zu sein brauchte, wenn sie sich auf das besinnen würden, was ihnen ihre innere Stimme sagte.

Sie hielt inne und ihre Hand verkrampfte sich im Stoff ihrer Bluse, während sie tief Luft holte, weil ihre eigene ihr mit deutlicher Macht sagte, dass sie sich nicht von ihrer eigenen Furcht übermannen lassen durfte. Denn hatte sie sich denn nicht gefreut, als sie das Ergebnis des Tests gesehen hatte. Waren denn nicht Schauer des Glücks über sie hinweg gerollt, wie die Wellen des Meeres und hatten sie fortgespült, während sie sich seit langen zum ersten Mal wieder glücklich und zufrieden gefühlt hatte.

Abrupt hielt sie inne und holte kurz entschlossen ihre Schmuckschatulle, kramte ein wenig darin und befreite eine kurze silberne Venezianerkette aus dieser, an der ein silberner Rabe baumelte, der eine wichtige Verbindung zu all den Dingen darstellte, die ihr wichtig waren und der perfekt ihr keltisches und nordisches Erbe verband.

Das kühle Silber erwärmte sich schnell, nachdem sie die Kette um ihren Hals gelegt hatte. Mit einer Hand umschloss sie den Anhänger, als wollte sie sich noch einmal vergewissern, dass er wirklich dort war und strich, beinahe schon liebkosend über den Raben, während sie sich wieder bückte, die Schatulle mit der anderen Hand verschloss und wieder an ihren gewohnten Platz stellte. Noch heute, nahm sie sich vor, würde das Versteckspiel ein Ende haben und seine Reaktion würde ihre Entscheidung beeinflussen, ob ihr Kind mit oder ohne ihn aufwachsen würde. Tief Luft holend schloss sie die Augen und ließ sie langsam wieder entweichen, bevor sie den kleinen Raum sorgfältig absperrte, nachdem sie das Licht gelöscht hatte.

Teil Eins

Die Entscheidung

Kapitel 1

Ende Mai 2012 …

Mit Tränen in den Augen blickte sie in den Badezimmerspiegel, als würde sie sich heute zum ersten Mal sehen. Die Augen schließend wandte sie sich ab und setzte sich auf den Toilettendeckel. Tief Luft holend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen und versuchte beides, nicht an das Gespräch mit ihm zu denken und die Fischfrikadellen unten zu lassen. Das wenigste, was sie jetzt gebrauchen konnte, war es sich zu übergeben, dachte sie und versuchte gegen die aufkommende Übelkeit anzukämpfen.

Einige Augenblicke und ein tropfnasses Gesicht später stand sie über das Waschbecken gebeugt. Nach dem Handtuch tastend versuchte sie wieder zu Atmen zu kommen, während es leise an der Türe klopfte. „Geht es dir gut,“ drang eine besorgt klingende Stimme an ihr Ohr und gegen ihren Willen drang ein freudloses Lachen über ihre Lippen. Ob es ihr gut ging, hallte es in ihren Kopf wieder. Wie konnte er nur den Nerv besitzen, sie das zu fragen? „Lass mich in Ruhe,“ knurrte sie ins Handtuch, das leicht nach Lavendel roch. Sie warf es beinahe schon unachtsam zur Seite, während seine Stimme immer wieder und wieder ein und denselben Satz von sich gab. „Ich bin Arthur Grimaldo.“ Grimaldo, dachte sie. Grimaldo und nicht Berger. Sie setzte sich wieder auf den Toilettendeckel und starrte auf die vor ihr stehende Badewanne, während der Rest seiner Worte, immer noch keinen wirklichen Sinn ergaben und von denen sie annahm, dass sie ohnehin nur eine faule Ausrede gewesen waren.

Sie fühlte sich wie ein kleines unwichtiges Fragment im Gebilde der Zeit, das nicht mehr wusste, wer es eigentlich war. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und fröstelnd umarmte sie sich selbst. Sie durfte jetzt bloß nicht zulassen, dass ihre Gedanken in unendlich viele, abstruse Richtungen glitten und sie sich noch mehr dadurch verrückt machte, als sie sich momentan ohnehin schon fühlte. Erneut klopfte es und sie starrte vollkommen entgeistert auf die verschlossene Türe, während sie sich ihre Tränen wegwischte. „Was willst du,“ fauchte sie. „Bitte lass mich rein, Isa,“ bat er und versuchte die Klinke herunterzudrücken. Sie sollte ihn reinlassen? Wie konnte er, es überhaupt wagen, sie darum zu bitten? „Verschwinde“, teilte sie ihm unmissverständlich mit. „Ich muss mal“, meinte er gleichzeitig. Viel zu abrupt stand sie auf und hielt sich krampfhaft am Waschbecken fest als leichter Schwindel sie erfasste. „Wenn das ein Trick ist“, murmelte sie und brachte sich einigermaßen wieder unter Kontrolle, „dann dürfen deine Kronjuwelen sich in die ewigen Jagdgründe verabschieden.“ Sie öffnete die Türe und er rannte sie beinahe um, als er im Badezimmer verschwand. Sie hörte es plätschern, spülen und rauschen, während Isa versuchte, ihr Gleichgewicht und ihre Würde wiederzuerlangen. Schneller als ihr lieb war, öffnete sich die Türe und er stand zwischen ihr und dieser, während er sie mit dunkel wirkenden Augen besorgt musterte. „Bitte gib mir eine Chance dir alles zu erklären“, bat er und er streckte seine Hand nach ihr aus. Sie wich vor ihm zurück und funkelte ihn wütend an. „Wage es ja nicht, mich jemals wieder zu berühren, Arthur Grimaldo. Oder wer auch immer du wirklich bist“, fügte sie hinzu und er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Er senkte den Blick, und als er sie wieder ansah, lag neben der Besorgnis noch ein anderer Ausdruck in seinen Augen, den sie außerstande war zu deuten. „Ich weiß du bist wütend,“ versuchte er anzusetzen, doch sie unterbrach ihn. „Ich bin nicht wütend“, fuhr sie ihn an und versuchte an ihn vorbeizukommen. Er hielt sie an den Schultern fest und zwang sie ihn anzusehen. „Isa, bitte!“ „Fass mich nicht an“, schrie sie und erneute Tränen bahnten sich ihre Wangen hinunter, während Isa versuchte, sich von ihm zu befreien. Aber sein Griff war fest und ihre momentane Schwäche, lähmte sie. „Verschwinde aus meinen Leben,“ zischte sie. „Warum?“ Er sah sie vollkommen ruhig an und sie konnte nicht fassen, wie scheinbar emotionslos er war. Dabei hatte er sie vergangene Nacht noch ... nein, unterbrach sie sich selbst, sie wollte jetzt nicht daran denken, was die Hände mit denen er sie gerade gefangen hielt, angestellt hatten, um sie auf den Olymp der Befriedigung zu schicken. Ihr Körper reagierte unmissverständlich auf ihn und betrog sie und ihren festen Entschluss sich nicht von ihm einlullen zu lassen. Sie schüttelte mit dem Kopf, als wollte sie sich dadurch selbst wieder ernüchtern und blickte ihn mit heiß loderndem Feuer in den Augen an. „Weil ich dich hasse“, erwiderte sie und abermals zuckte er zusammen. Er sah sie an und sein Blick durchdrang sie bis aufs Mark, während sein Gesicht sich dem ihren näherte. Sie glaubte bereits er wolle sie küssen, aber als er es nicht tat, hatte sie alle Hände damit zu tun, ihre Enttäuschung darüber, vor sich selbst zu verbergen. Stattdessen spürte sie seinen warmen Atem auf ihren Lippen, die vor unerfüllter Erwartung prickelten. Sie hielt den Atem an und mit einem Mal kam es ihr so vor, als wollte er sie hypnotisieren. Seine Augen schienen sie immer tiefer und tiefer hinabzuziehen, dass sie beinahe nicht mitbekommen hätte, was er sagte, als seine Stimme sie aus ihrer Trance riss. „Und ich“, meinte er leise, „liebe dich mit jeder Faser meines Seins.“ Er hauchte ihr den mehr oder weniger ersehnten Kuss auf die Lippen und ließ sie ohne Vorwarnung wieder los.

***

Er wusste er ging ein Risiko ein, dachte er, als er sie dabei beobachtete, wie sie völlig kopflos vor ihm floh, die Türe ihres gemeinsamen Schlafzimmers hinter sich zuschlagend, das es beinahe dieselbe aus den Angeln hob. Aber wofür wenn nicht für die Liebe lohnte es sich dann, ein Risiko einzugehen, dessen Ausmaße man nicht vorhersagen konnte. Selbst er nicht, fügte er hinzu und ein bedauerndes Lächeln huschte über sein Gesicht, während hinter der Schlafzimmertüre nun ein heftiges Gewitter losbrach und er beinahe schon glaubte, sie wollte es in ihrer rasenden Wut auseinandernehmen. Nicht dass es ihn in geringster Weise überrascht hätte, dass seine sonst so ruhige Freundin, wie ein Tornado der Stärke Sieben wütete. Es klapperte und schepperte und plötzlich öffnete sich die Türe. Seine Habseligkeiten samt Bettzeug landeten auf dem Boden und sie erschien wie ein Racheengel im Türrahmen. Mit verschränkten Armen und geröteten Gesicht sah sie ihn an, während Entschlossenheit sich in ihren Augen widerspiegelte. „Du kannst heute Nacht auf dem Sofa schlafen und morgen will ich dich nicht mehr hier sehen“, teilte sie ihm mit, machte auf dem Absatz kehrt und knallte die Türe erneut hinter sich zu. Er blickte auf seine Sachen und ein Lächeln erhellte unwillkürlich sein Gesicht als die ersten Töne eines mittelalterlichen Liedes mit eindeutig rockigen Elementen, an seine Ohren drang. Er wusste, dass sie ihn liebte, auch wenn sie das offensichtlich nicht wollte, weil sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund glaubte, das sein Geständnis, gleich auch ihre Gefühle verändert hatten. Sein Lächeln verschwand und während er seine Sachen aufklaubte, um sie nach und nach ins Wohnzimmer zu bringen, hoffte er das diese fixe Idee sich nicht in ihr manifestierte, bevor er die Gelegenheit dazu bekam, ihr zu zeigen, wer er wirklich war.

Er richtete sich das Sofa als Schlafstätte ein und holte sein Handy aus der Hosentasche, nachdem er ans Fenster gegangen war. Die umherziehenden Wolken beobachtend scrollte er in seiner Kontaktliste, markierte eine Nummer, drückte auf den Hörer und hielt sich das Handy ans Ohr, während die Musik immer noch aus dem Schlafzimmer schallte. Isa war mittlerweile dazu übergegangen, lauthals mitzusingen und ihre ganze Wut, in ihre Stimme zu legen. Er empfand sie immer noch als schön, obwohl oder gerade, weil sie, ihre ungefilterten Emotionen hineinlegte. Hätte sie auch nur im Geringsten geahnt, wie sehr ihn ihr Verhalten gefiel und gleichzeitig erregte, wäre die Musik verstummt und sie hätte das Haus und ihn fluchtartig verlassen. „Hallo“, unterbrach eine Stimme am anderen Ende der Leitung seine Gedankengänge und holte ihn in die Realität zurück. Wobei fraglich blieb, was Realität eigentlich war. „Bist du das, Arthur?“, verlangte die Stimme ungehalten und ein wenig ärgerlich zu wissen und er holte tief Luft. „Es ist auch schön dich zu hören“, sagte er und sah vor seinem geistigen Auge, wie Marlena die Augen verdrehte und sich eine Strähne ihres schwarzen Ponys aus den Augen blies, während der Rest ihres kurzen Haares das Kinn asymmetrisch umspielte. „Weswegen rufst du an?“ „Nun“, erwiderte er und spürte die Neugier seiner Schwester durch die nicht vorhandene Leitung des Telefons. „Du darfst dich bald damit beschäftigen, Isa darauf vorzubereiten, eine höhere Ebene des Seins zu betreten. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht Arthur Berger, sondern Arthur Grimaldo heiße.“ Am anderen Ende herrschte ungläubige Stille, und als seine Schwester sich endlich räusperte, spiegelte sich ihr Unglauben in ihrer Stimme wider. „Hast du ihr auch von den anderen Dingen erzählt?“ Diesmal war er es der schwieg und Marlena zog ihre eigenen Schlüsse. „Und warum soll ich mich dann schon jetzt damit beschäftigen, wenn du ihr noch nicht einmal den ganzen reinen Wein eingeschenkt hast.“ „Weil ich sie mitbringen werde, sobald sie sich ein wenig beruhigt hat“, erwiderte er und sie lachte. „Was ist daran so komisch“, wollte er leicht gekränkt wissen. „Erstens,“ zählte sie auf, „die Musik ist nicht zu überhören, ebenso wenig wie ihre Gefühle, die verborgen in ihrer Stimme schwingen und die sie zu deinem großen Glück unterdrückt und zweitens ...“ „Was meinst du damit,“ unterbrach er sie. „Sie hat mich ausquartiert und ich muss auf dem Sofa schlafen.“ Seine Schwester lachte herzhaft und murmelte irgendetwas von Sexentzug, während seine Geduld nun doch langsam ein Ende fand. „Und zweitens,“ drängte er sie weiter zu sprechen. Marlena holte tief Luft und gab ein resigniertes Seufzen von sich. „Zweitens“, meinte sie schließlich, „hast du aus den gleichen Gründen immenses Glück.“ „Inwiefern?“ „Stell dich bitte nicht dümmer als du bist, Bruderherz. Du weißt genau, was ich meine. Melissa liebt dich sonst würde sie nicht so verletzt und verworren reagieren.“ Er gab ein zustimmendes Geräusch von sich und holte tief Luft. „Was ist?“ bohrte seine Schwester, als er nicht gleich etwas sagte. „Ich glaube sie reagiert wohl eher so, weil mein Geheimnis bei Weitem größer ist, als ihres. Und ja ich weiß,“ meinte er schnell fortfahrend, bevor Marlena ihn unterbrechen konnte, „das mein Geheimnis mich aus ihrer Sicht zu einem pathetischen Idioten machen und ich froh sein kann, dass ich mit meinen Kronjuwelen weiterhin an eine mögliche Familienplanung denken kann.“ „Das kannst du laut sagen,“ lachte Marlena und holte tief Luft. „An ihrer Stelle hätte ich dich sofort aus meinen Leben verbannt.“ „Ist das der Grund, warum du Guillaume keine Chance gibst“, wollte er wissen und hätte sich am liebsten dafür auf die Zunge gebissen. „Entschuldige“, murmelte er, „ich weiß das Ganze geht mich nichts an.“ Schweigen antwortete ihm und er fuhr sich durch sein dichtes schwarzes Haar. Heute war wohl einfach nicht sein Tag, dachte er. „Bist du noch dran?“, unterbrach er die Gedanken seiner Schwester. „Ja“, murmelte sie, „und ja es geht dich nichts an.“ Arthur blickte zum Fenster hinaus und kam zu dem Schluss, dass es das Beste war, wenn er so schnell wie möglich mit Isa zu Marlena reiste, bevor er sich noch mehr in die Nesseln setzte und am Ende beide verlor. „Es tut mir wirklich Leid“, versicherte er ihr. „Schon gut“, unterbrach sie ihn, „ich erwarte euch beide dann.“ Ohne ein weiteres Wort legte sie auf und er ließ sein Handy wieder in der Hosentasche verschwinden, bevor er sich wie ein Jäger an die Schlafzimmertüre heranpirschte. Seine Hand ballte sich zur Faust, um anzuklopfen, während mittlerweile die Aufforderung zum Kuss an seine Ohren drang. Er ließ die Hand wieder sinken, um sie stattdessen auf die Klinke zu legen. Als er sie hinunterdrückte, musste er feststellen, dass sie die Türe verschlossen hatte. Aber das stellte das geringste Problem für ihn dar, dachte er und einige Augenblicke später, öffnete die Türe sich ohne Weiteres und er hielt erstaunt inne. Isa hatte bereits ihre Sachen gepackt und schien ihn gar nicht zu bemerken, während sie ein Kleidungsstück nach dem anderen von einem sehr wirr aussehenden Haufen nahm, es faltete und in den bereitliegenden Koffer verschwinden ließ. Mittlerweile sang die Mittelalter-Band von einem Pärchen und einem Troll und Isa klappte den Deckel schließend, den Koffer zu. „Wie ich sehe, hast du bereits gepackt“, stellte er fest und erschrocken fuhr sie zusammen. „Wie kommst du hier rein?“, fragte sie, ließ ihm aber keine Zeit zu antworten. „Mach, das du hier raus kommst!“ Ohne Vorwarnung griff sie nach der Nachttischlampe und warf sie zielgerichtet auf seinen Kopf. Er schaffte es gerade noch sich zu bücken, während die Lampe über ihm zerbarst und in Abertausend kleine Stücke zerbrach, die auf ihn herab regneten und sich ihren Weg durch seine Kleidung suchten. Er richtete sich wieder auf und sah sie vollkommen ruhig an, während er sie musterte. „Das war nicht nett“, meinte er und blickte auf die Scherben. „Ich habe diese Lampe wirklich gemocht. Insbesondere wenn sie das Feuer deiner Leidenschaft noch mehr zum Strahlen gebracht hat, als es ohnehin bereits schon loderte. So wie jetzt,“ fügte er hinzu und sie sah ihn vollkommen entgeistert an, während sie bereits nach der Vase griff, die er ihr ganz zu Beginn ihrer Beziehung, auf einen Mittelaltermarkt gekauft hatte, weil er bemerkt hatte, dass sie ihr sofort ins Auge gestochen war. „Tu das nicht“, meinte er und sie hielt für einen kurzen Moment inne. „Warum sollte ich?“ „Deswegen“, erklärte er und die bereits fliegende Vase blieb in der Luft stehen. „Was?!“ Ihre Augen zogen sich ungläubig zusammen und sie schüttelte mit dem Kopf, während Melissa gleichzeitig versuchte nach hinten auszuweichen, dort aber gegen die Wand prallte, wobei ihr endgültig der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht wich. Sie starrte auf die Vase, und als auch noch die vielen Puzzleteilchen der Lampe sich erhoben und in einen wirbelnden Tanz wieder vereinten, um sich direkt neben die Vase zu gesellen, hob sie abwehrend ihre Hand. Verständnislos sah sie ihn darüber hinweg an, während ein Zittern ihren Körper ergriff, der ihn bis ins Mark erschütterte. Er spürte ihre Furcht, konnte sie riechen und beinahe sogar auf den Papillen seiner Zunge schmecken. Aber das war alles andere, was er wollte, dachte er, und als er einen Schritt auf sie zu machte, schrak sie zusammen. „Nein,“ durchschnitt ihre Stimme die Stille, „bleib, wo du bist.“ „Isa“, begann er und holte tief Luft. „Isa, lass mich bitte erklären.“ „Was“, wollte sie wissen und blickte wieder auf die beiden schwebenden Objekte. „Was willst du mir erklären.“ Sie sah ihn wieder an. „Dass ich für dich bloß ein schöner Zeitvertreib gewesen bin, während du dich über mich amüsiert hast, weil ich so unglaublich blind gewesen bin?!“ „Nein,“ versuchte er erneut das Wort an sich reißen und machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Stopp!“, schrie sie und Angst stand in ihren Augen. Angst und Wut. „Ich habe gesagt du sollst bleiben, wo du bist.“ „Schon gut, schon gut“, sagte er und hob die Hände, wie um ihr zu versichern, dass er ungefährlich war. Er konnte sehen, wie ihr Verstand wieder einsetzte und wie tausend Fragen und mehr durch ihre Gedanken jagten. Sie runzelte mit der Stirn, setzte zum Sprechen an, schloss jedoch wieder den Mund, als hätte sie es sich wieder anders überlegt, um ihn jedoch gleich darauf wieder zu öffnen. Diese Parodie verlieh ihr das Aussehen eines nach Luft schnappenden Fisches und er hatte trotz allem sichtlich Mühe, nicht über diesen Vergleich zu lächeln. Endlich sah sie ihn wieder an und der Ausdruck in ihren Augen, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren, denn sie blickte ihn an wie einen Fremden. „Wer bist du?“, flüsterte sie denn auch schließlich. „Wer bist du wirklich?“ Vorsichtig hob er seine Hand und holte tief Luft, bevor er sagte: „Komm mit mir und ich werde es dir zeigen.“ Unsicher blickte sie von seinen Augen, auf seine Hand und wieder zurück. Doch sie schien durch ihn hindurchzublicken und ein weiterer Schauer lief ihm über den Rücken. Arthur spürte, dass sie in diesen Moment eine alles verändernde Entscheidung traf und das ihre Ablehnung, das Ende all dessen bedeutete, was er sich zusammen mit ihr erhofft hatte. „Ja“, sagte sie endlich und ihre Stimme holte ihn wieder zurück in die Wirklichkeit. „Ich werde mit dir kommen. Unter einer Bedingung,“ fügte sie hinzu und sah ihn herausfordernd an. „Alles, was du willst,“ nickte er und sie holte tief Luft. „Du wirst deine Magie nicht gegen mich verwenden, damit ich tue, was du willst. Ich bin keine Marionette,“ fügte sie hinzu und sah ihn mit funkelnden Augen an. „Ich schwöre dir das ich niemals versuchen würde dich zu verletzen“, beteuerte er. „Das will ich hoffen und nun sag mir, wohin du mich bringen willst und was du mir zu zeigen gedenkst.“ „Ich fürchte das kann ich dir nicht sagen.“ „Ich fürchte dann kann ich auch nicht mitkommen.“ Sie maßen sich mit Blicken und er senkte seufzend den Blick. Er wusste, was er ihr gerade erst versprochen hatte, aber er konnte einfach kein Risiko eingehen. „Zu Marlena“, wisperte er kaum hörbar und sie beugte sich angestrengt lauschend vor. „Wohin?“, fragte sie, und als er sie wieder anblickte, sank sie wie von einer Kugel getroffen, bewusstlos zu Boden. Vorsichtig näherte er sich ihr und kniete sich neben ihren schlafenden Körper. „Vergib mir“, flüsterte er und strich ihr in einer liebkosenden Geste über das lange dunkle honigfarbene Haar, während er die Augen schloss und das Haus seiner Schwester visualisierte, das inmitten eines Lavendelfeldes in der Bretagne stand.

Kapitel 2

Kaum hatte Marlena aufgelegt, war sie nach oben geeilt, um zwei ihrer vielen Gästezimmer vorzubereiten. Wie sie ihren Bruder kannte, würde er binnen kürzester Zeit hier auftauchen. Blieb nur die Frage, ob Melissa freiwillig mitkam oder er sie herschleifte, dachte sie, während sie seine unangemessene Frage bewusst beiseiteschob. In jedem Fall aber wusste sie, dass Melissa definitiv nicht in einem Raum mit ihm schlafen würde.

Sie hatte gerade Isas Bett fertig bezogen und wollte sich um Arthurs Zimmer kümmern, als sie seine Anwesenheit spürte. Seufzend holte sie tief Luft und machte sich auf den Weg nach unten. Das war ja schneller als gedacht, fuhr es ihr durch den Kopf und somit durfte er sich sein Bett nun selbst beziehen. Als sie ihren Bruder, samt Melissa auf den Händen tragend, erblickte, warf sie ihm einen missbilligenden Blick zu. „Sag nichts“, warnte sie ihn und deutete nach oben, “bring sie ins blaue Zimmer und dann erklärst du mir in aller Ruhe, was passiert ist.“

Arthur, der wusste, wozu seine Schwester in der Lage sein konnte, hielt nun wohlweislich den Mund und steuerte, mit seiner wertvollen Fracht nach oben, während sie in die Küche ging.

Sie brauchte jetzt erst einmal einen starken Kaffee, um einen kühlen Kopf bewahren zu können. Schließlich würde es niemanden von ihnen etwas bringen, wenn sie sich zu sehr in die Probleme ihres Bruders einmischte. Selbst dann wenn er Isa seine wahre Identität und damit gleichzeitig auch die der ganzen Familie preisgegeben hatte.

Sie setzte sich an den Küchentisch, blickte zum Fenster hinaus, welches halb geöffnet, das Aroma der sie umgebenden Lavendelfelder, hinein ließ.

Sie schloss die Augen und öffnete sie erst wieder als Arthurs Schritte sich der Küche näherten. Fragend blickte sie ihn an, während er sich ebenfalls eine Tasse Kaffee eingoss. „Willst du mir zeigen, was geschehen ist?“ Arthur setzte sich ihr gegenüber, trank einen Schluck und ergriff ihre Hände. Sofort strömten Bilder über sie hinweg, wie ihr Bruder und Isa sehr spät zu Mittag gegessen hatten. „Was ist“, wollte er wissen und Isa sah ihn wie ein gehetztes Tier an, bevor sie sich endlich räusperte. Isa hatte seine Hand ergriffen und warf ihm einen undurchdringlichen Blick zu. „Ich bin nicht die, für die du mich hältst“, begann sie. „Oh“, unterbrach er sie, „ich weiß schon lange das du Heidin bist.“ Fassungslos und erstaunt blickte Isa ihn an, während er spürte, wie sie sich versteifte. „Seit wann“, wollte sie wissen und fügte hinzu: „und sag jetzt bloß nicht, das sei nicht wichtig.“ „Seit Anfang an“, erwiderte er nach einer unendlich langen Sekunde. Isa wurde ziemlich blass und schien nicht zu hören, was er gesagt hatte. Den Kopf schüttelnd sah sie ihn an. „Was hast du gesagt?“ „Nur“, erwiderte er, „das ich ebenfalls nicht der bin, für den du mich hältst.“ „Ach,“ brach es aus ihr heraus, „und wer bist du dann?“ „Ich bin Arthur Grimaldo und meine Familie gehört zu den Hütern der alten Magie.“ Ohne ein weiteres Wort stand Isa auf und eilte aus dem Raum. Flatternd öffnete Marlena ihre Augen, als das Bild von ihm und Isa in ihrem Foyer auftauchte. „Was für eine Bredouille“, murmelte sie und Arthur nickte zustimmend. „Das kannst du laut sagen.“ „Wir sollten die Familie informieren, dass sie endlich weiß, wer wir sind.“ Arthur holte tief Luft und nickte. „Dann lass es uns hinter uns bringen.“ Gegen ihren Willen musste sie lachen. „Zumindest,“ versuchte sie ihn aufzumuntern, „werden sie dich nicht mit dem Inventar bewerfen.“ Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu und lachend erhob sie sich, um nach unten in ihre „Kommandobrücke“ zu verschwinden. Dafür ging sie zum Schrank hinüber, dessen Intarsien eine Jagdszene nachstellten, die verdächtig an die Wilde Jagd erinnerte, wenn man ein wenig genauer hinblickte. Marlena berührte die Hörner von einem der vielen Hirsche, drückte sie in den Schrank hinein und die Wand daneben öffnete sich.

Ein Flur wurde sichtbar sowie eine geschwungene Treppe, die nach unten führte. Gemälde hingen an der Wand, allesamt originalgetreue Kopien, der wohl berühmtesten Maler der Menschheitsgeschichte, die eine Verbeugung an diese sowie dem Autor war, der sie wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gebracht hatte. Schließlich trugen seine Bücher dazu bei, dass die Menschen sich wieder erinnerten und die notwendigen Fragen stellten, die ihnen dann keine Ruhe mehr ließen, bis sie sich auf die Suche nach den Antworten gemacht hatten. Antworten, die nicht mehr allzu lange darauf warteten, das sie ans Tageslicht, beziehungsweise in das Bewusstsein der Menschen, zurückkehren würden. Schließlich handelte es sich dabei um Dinge, die die Menschen tief in ihren Inneren schon längst kannten, die aber bloß eine lange Zeit verschüttet waren, in den tiefsten Gefilden des eigenen Unterbewusstseins, welches immer mehr vom Bewusstsein und den aufgezwungenen Denkmustern der verschiedensten Zeitepochen unterjocht und verschüttet war. Sie blickte hinauf in Richtung des Zimmers, wo Melissa friedlich schlief und wusste, dass auch sie zu diesem Schluss gekommen war. Bloß war sie immer noch irgendwie ein Opfer dieser Denkmuster und glaubte trotz all ihres inneren Wissens, das alles was diese veränderte, Teil irgendeiner Gehirnwäsche waren. Selbst dann, wenn sie selbst es war, die sie veränderte.

Sie holte tief Luft und eilte ins Untergeschoss hinunter, um ihren Bruder Timon, sowie Onkel Ludwig, Tante Solange und dessen Sohn und ihren Cousin Valentin zu kontaktieren. Dieser würde wahrscheinlich mal wieder nur mit seinem Astralkörper erscheinen, weil es in Australien gerade mitten in der Nacht war. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht und sie betrat den Konferenzraum, der eine seltsam anmutende Mischung aus der Brücke eines Raumschiffes, einer mittelalterlichen Königshalle und Stonehenge war. Sie setzte sich an den runden Tisch, während alte und neue Symbole um sie herum schwebten, wie in einer ständigen Erinnerung an all das wofür die Menschen und das Universum standen, bevor sie die Augen schloss und ihre Familie einberief.

***

Was für einen seltsamen Traum sie hatte, fuhr es ihr durch den Kopf, während sie durch Marlenas Haus, indem sie bisher erst zweimal gewesen war, schwebte. Es erschien ihr irgendwie größer, als sie es in Erinnerung hatte. Aber selbst wenn schon, dachte sie, dass hier war schließlich ihr Traum und in diesem konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Sie schwebte die Treppe hinunter, blickte in das ein oder andere Zimmer und kam schließlich in die Küche. Das halb offene Fenster gab den Blick auf scheinbar endlose Lavendelfelder frei, während zwei halb leere noch dampfende Tassen Kaffee auf dem mit einer lavendelfarbenen Tischdecke versehenen Küchentisch standen. Mit der Stirn runzelnd schwebte sie auf den Tisch zu und ihr Blick blieb an der weit geöffneten Wand, neben dem kunstvoll verzierten Schrank hängen. Neugierig wandte sie sich dorthin. Eine Treppe führte hinunter, und obwohl sie mehr als ein wenig überrascht war, erinnerte sie sich daran, dass das hier ein Traum war. Ihr Traum, um genauer zu sein und warum sollten sich dann keine Treppen hinter irgendwelchen Wänden befinden. Im Traum wurde schließlich sämtliche Logik aufgehoben und es konnte alles oder auch nichts passieren. Blieb nur die Frage, was sie unten vorfinden würde, fuhr es ihr durch den Kopf, bevor sie die Treppe nach unten glitt.

***

Pentagramme schwebten direkt neben Kreuzen, keltischen Knoten, nordischen Runen und ägyptischen Hieroglyphen sowie einigen anderen Symbolen, die gleichzeitig für bestimmte Teile der Welt standen, während sie diese symbolisierten. Zumindest glaubten die Menschen das, weil sie es glauben wollten und weil sie einfach nicht anders konnten, als alles in eine Schublade zu stecken, anstatt den universellen Charakter all dessen zu erkennen, was sie so unverkennbar umgab. Er holte tief Luft und sah seinen Bruder Timon, seinen Cousin Valentin sowie Onkel Ludwig und Tante Solange an, die ihn alle mit den unterschiedlichsten Gesichtsausdrücken musterten. „Also“, meinte Timon und die Augen seines jüngeren Bruders sprühten vor Belustigung, „warum hat uns der große König Artus an die Tafelrunde rufen lassen.“ „Sehr witzig“, murmelte Arthur und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, bevor er die Bombe platzen ließ. „Isa weiß wer ich und wir alle sind“, teilte er ihnen ohne weitere Umschweife mit. „Und wie hat sie darauf reagiert?“, wollte Solange als Erste von ihnen wissen. Tief Luft holend zeigte er ihnen ebenso wie seiner Schwester zuvor, was geschehen war. Ludwig warf seinen Neffen einen leicht mitleidigen Blick zu, bevor er mit einer Stimme, die sich immer ein wenig wie das Knurren eines Hundes anhörte sagte: „Was für eine Bredouille.“ „Wenn sie sich erst einmal beruhigt hat, wird sie schon verstehen, warum ich ihr nicht von mir und uns sagen konnte.“ Sein Onkel lachte und Valentin warf ihm einen skeptisch amüsierten Blick zu. „Dann wünsche ich dir viel Glück dabei“, meinte er und über seiner Handfläche erschien das Hologramm seiner ersten großen Liebe Eva Poiret. „Du kannst die beiden nicht miteinander vergleichen“, wandte Arthur ein und Evas Hologramm verpuffte ebenso schnell, wie es gekommen war. „Da stimme ich dir zu,“ nickte Valentin, „aber sollte sie es nicht verstehen, so wie du hoffst und sich dazu entschließen dir den Laufpass zu geben, müssen wir ihre Erinnerung an die vergangenen Jahre löschen und du wirst sie nie wieder sehen können.“ Ein Stich fuhr Arthur durchs Herz und sosehr er auch Mitgefühl für Valentin empfand, hoffte er dennoch, dass Isa keine zweite Eva Poiret war, die ihr Geheimnis beinahe der ganzen Welt mitgeteilt hätte, um Profit daraus zu schlagen. „Ich weiß, dass Isa es verstehen wird“, versicherte er ihnen allen und blickte Valentin durchdringend an, „ebenso wie ich weiß, dass irgendwo deine andere Hälfte auf dich wartet.“ Valentin senkte für einen Moment den Blick, bevor er ihn wieder ansah. „Da bist du optimistischer als ich,“ gab er zu und sein Astralkörper flackerte und kehrte seinen inneren Aufruhr dadurch nach außen. „Dennoch wünsche ich dir das du recht behältst und sie wirklich so verständnisvoll ist, wie du glaubst, dass sie ist. Denn im Moment sieht sie alles andere als das aus.“ Arthur wechselte einen verständnislosen Blick mit ihm und das leise Stimmengewirr seiner Familie, glich einem entfernten Donner, dass sich immer näher an ihn heranpirschte. Ebenso wie der Astralkörper seiner schlafenden Partnerin, deren Erscheinung ihn für den Bruchteil einer Sekunde, aus der Fassung brachte. Seine Familie verstummte und einzig, das leise amüsierte Lachen seiner Schwester erfüllte den Raum, während sich Isas Aufmerksamkeit einzig und alleine auf ihn richtete. „Ich verlange eine Erklärung“, forderte sie. „Na dann leg mal los“, hörte er Marlena flüstern und er warf ihr einen leicht indignierten Blick zu, während Isa ihn mit vor Feuer sprühenden Augen anblickte. „Ich höre“, meinte sie bloß, verschränkte die Arme ineinander und Arthur setzte sich endlich, bevor er die Augen schloss und ihr auf gleicher Ebene mit seinem Astralkörper begegnete. „Wir sind keine Newager“, begann er und deutete mit seinen Händen, auf seine Familie, die sie nur mit einem kurzen Blick bedachte, bevor sie ihn wieder ansah. „Sondern?“ „Sondern“, fuhr er fort, „wir bewahren das Wissen lange verloren gegangener Zivilisationen, Götter, Göttinnen und sammeln alles, was einen Hinweis auf die wirkliche Geschichte der Welt wiedergibt.“ Wenig imponiert sah sie ihn an und wippte tonlos und immer noch sehr wütend mit einem Fuß, auf dem Boden. „Und warum ist das Ganze ein ach so großes Geheimnis?“ Ihre Stimme hatte einen leicht sarkastischen Unterton angenommen. „Weil dieses Wissen“, erklärte er ruhiger als er sich fühlte, „das Gesicht der Welt nicht nur für immer verändern könnte, sondern auch das Leben wie die Menschheit es jetzt kennt.“ „Und was soll daran so schlecht sein“, wollte sie wissen, während ein kalter Schauer ihm über dem Rücken lief und er Valentins Blick in selbigen spürte. „An sich nichts,“ gab er zu und hörte, wie seine Familie hinter ihm die Luft anhielt, „aber der Großteil der Menschheit würde nichts von dem glauben und nichts würde sich wirklich verändern.“ „So etwas wie den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht“, murmelte sie und näherte sich ihm. „Ich hoffe für dich, dass dein reales Ebenbild in der Wirklichkeit, eine bessere Erklärung für all das hat, als dieses Traumbild von dir.“ Geschockt blickte er sie an und für einen Moment verschlug es ihm die Sprache. Sie denkt sie träumt, dachte er und fuhr ohne zu überlegen mit der Hand nach ihr aus. Plötzlich wurde er von der sie umgebenden und wie Schlangen zischenden, Energie ergriffen. Nein, dachte er, die Energie griff nach ihnen beiden, während Funken knisternd sprühten und ihre Astralkörper ohne Vorwarnung gleichzeitig überall und nirgends hingezogen wurden bevor sie sich in einem Raum, einer Kammer gleich, wiederfanden, wo sie nicht mehr zu existieren schienen und stillstanden, während unter ihnen die Ströme der Zeit, wie Flüsse vor sich hin plätscherten, stetig vor sich hin fließend. Mit nur einem Ziel vor Augen: diese Kammer, wo sich alle wie im Tanz vereinten, um niemals wieder zu vergehen.

Ohne eigenes Dazutun wurden sie vorangezogen. Die Ströme um sie herum flossen immer schneller, und kurz bevor sie in den tosenden Strudel hineingezogen wurden, kamen sie erneut zum stehen. All dies faszinierte ihn, aber so sehr er sich auch vom Strudel angezogen fühlte, zwang er sich dazu zu Isa hinüberzublicken. Furcht und Faszination lagen in ihren Augen und noch, bevor er wusste, was geschah, löste sich ihre Hand von ihm. Sie wurde direkt in die Mitte der Quelle gezogen, wo die Ströme sogleich Besitz von ihrem Körper ergriffen und sich in schillernd weiße Schlangen verwandelten.

Er war fasziniert von ihrem Anblick, während sie sie binnen Sekunden wie eine Mumie einwickelten und sich mit ihrer eigenen inneren Schlange verbanden, die sich um ihr Rückgrat wand, wie um den Äskulapstab. Sie hielt still und hob nur ein wenig den Kopf um ihn anzublicken. Ihre Augen leuchteten und strahlten von innen heraus, wie tausend Sonnen und Millionen von Sternen. Sie schloss sie und Arthur ließ sie nicht aus den Augen, während sie sich mit den Zeiten verband und die Schlangen sich immer mehr um ihren Körper wickelten. Isa hob die Arme leicht an, während die kosmischen Schlangen immer höher und höher glitten. Mittlerweile hielt er den Atem an, während Isa wirkte als wäre sie in eine tiefe Trance gefallen. Die Schlangen erreichten ihren Kopf und verbanden sich mit ihren Haar, während sie nur noch ihr Gesicht freiließen. Sie war ein schöner strahlender Anblick, dachte er. Wie eine Göttin aus längst vergangenen Tagen oder sogar wie die Frau die mit der Sonne bekleidet war.

Leise drang eine Melodie an seine Ohren, aber er konnte nicht genau lokalisieren, wo sie herkam, denn sie schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Gleichzeitig wurde die Kammer von ineinander wirbelnden Regenbögen erfasst, die um sie beide herum tanzten, als befänden sie sich in einer großen unendlichen Seifenblase. Er hörte sie nach Luft schnappen, beinahe so als könnte sie nicht glauben, was sie da gerade sah und hörte und am eigenen Leib, an der eigenen Seele, erlebte. Arthur blickte sie wieder an und ihr Gesicht war eingetaucht in reinste Verzückung. Er widerstand dem Drang sie zu berühren, während Tränen über ihre Wangen liefen und sich ihre Augen wieder öffneten. Sie waren so voller Lebendigkeit, Freude und Liebe, dass ihm beinahe das Herz vor derselben überlief.

Isa gab einen ekstatischen Laut von sich und sein Körper wurde von Schauern ergriffen, als wollte er ihr antworten. Ihr Kopf bewegte sich in seine Richtung und ihre Lippen bewegten sich flüsternd. Zunächst hatte er Schwierigkeiten sie zu verstehen, aber als er endlich verstand, was sie sagte, blieb ihm beinahe das Herz stehen. „Arthur“, flüsterte sie. „Arthur, die Zeit ist gekommen, um die Zeit zu verwandeln und die Träume wieder zu vereinen.“ Ohne Vorwarnung lösten sich die Schlangen wieder von Isas Körper und kehrten zurück zur Quelle der Zeit, während Isa langsam wieder zu Bewusstsein kam.

Sie schwankte und noch bevor sie zu Boden sank, ergriff er sie. Ihre Haut war noch warm und feucht von der Berührung der kosmischen Schlangen, während ihre Augen fiebrig glänzten. Dankbar sah sie ihn an und lächelte, während sein Herz sich zusammenzog. Er wusste sie hielt das alles nur für einen Traum. Aber was war schon Traum und was war schon Wirklichkeit? Isa hörte ebenso den Ruf der Sterne, von denen sie alle abstammten, wie er es tat. Aber war sie auch bereit dazu ihm wieder zu vertrauen und zusammen mit ihm dieses Rätsel zu lösen. Denn eines wusste er mit absoluter Sicherheit, egal was auch immer sich dahinter verbarg, ohne den jeweils anderen, würden sie es nicht lösen können. Nicht weil er ein Mann und sie eine Frau war, dass vielleicht auch, aber vor allen Dingen, weil ihre Liebe ein wenig wie die indische Göttin Kali war. Erschaffend und zerstörend zugleich. Isa blickte ihn an und ihre Augen schienen in sämtlichen Farben zu schillern und ihn gefangen zu nehmen. Seine Hand hob sich und legte sich auf ihre Wange. Isa schmiegte sich hinein und schloss die Augen, während sein Gesicht sich ihrem näherte und er ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte, während sich seine Augen, wie ein Vorhang schlossen. Ein kalter Hauch wirbelte um sie beide herum und er spürte, wie sie sich wieder von ihm zurückzog, als wenn ihr Verstand über ihr Herz hinweg rollte und es zum Verstummen brachte.

Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, befanden sie sich beide wieder in dem Raum unter dem Haus seiner Schwester in der Bretagne. Seine Familie sah ihn erleichtert an und Isa ließ seine Hand los und schüttelte den Kopf. „Das ist der seltsamste Traum, den ich jemals hatte“, murmelte sie und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum, um in ihren Körper zurückzukehren. Seufzend hielt er einen Moment inne, während er ihr nachsah, bevor er schließlich ebenfalls in seinen Körper zurückkehrte, um seiner Familie von dem gerade erlebten zu berichten.

Kapitel 3

Die weiche Decke schmiegte sich um ihren Körper, und während immer noch die letzten Bilder ihres Traumes an der Oberfläche ihres Bewusstseins blubberten, grub sie sich tiefer in die Wärme der Decke ein und seufzte wohlig. Vergessen war die Szene, wo Arthur, sowohl Lampe als auch Vase wie von Zauberhand, vor ihren Augen wieder zusammengefügt hatte. Stattdessen versuchte sie den Traum, den sie gerade hatte, mit aller Macht festzuhalten und ihn nicht wieder loszulassen. Sie war in Marlenas Haus gewesen und hatte Arthur in einem verborgenen Keller gefunden, bevor sie zusammen mit ihm an einen wundervollen Ort teleportiert wurde, an dem weise Schlangen ihr unendliches Wissen mit ihr geteilt hatten. Sie wusste nicht, warum aber sie fühlte sich wie eine Novizin, die darauf wartete, zur Priesterin geweiht zu werden. Aber je weiter sie wieder zurück an die Oberfläche ihres Bewusstseins zurückkehrte und die Wirklichkeit den Traum immer mehr und mehr verdrängte, desto mehr ergriff ein Gefühl der Traurigkeit sie und sie hielt demonstrativ ihre Augen geschlossen. Sie wollte diese Wirklichkeit nicht, stattdessen wäre sie viel lieber an den Ort in ihren Traum zurückgekehrt. Auf seltsame Art und Weise hatte sie sich dort nicht nur sicher und geborgen sondern vor allen Dingen frei und zufrieden gefühlt. Tränen schlüpften unter ihren geschlossenen Lidern hervor und sie wischte sie unwirsch weg, während sie sie immer noch fest geschlossen hielt. Sie wollte, sie konnte, sie nicht öffnen. Selbst als das Geräusch einer sich öffnenden Türe die Stille unterbrach und sie erschreckte, öffnete sie sie nicht. Schritte näherten sich ihrem Bett, welches dem Druck eines Körpers nachgab, der sich neben sie setzte. Auch ohne die Augen zu öffnen, wusste sie, wer es war und sie wollte Arthurs Gesicht nicht sehen. Melissa gab sich verdammt viel Mühe sich nicht selbst zu verraten, indem sie sich von ihm entfernte. Aber die Mühe hätte sie sich auch sparen können, dachte sie, während Arthur sanft über ihr Haar strich und ihr verräterischer Körper sich ihm entgegen drängen wollte. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Stirn und die Bewegung seines Körpers, die er machen musste, damit er sich zu ihr hinunter beugen konnte, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Dieselbe Art von Kuss, den er ihr im Traum gegeben hatte, dachte sie und trotz aller Bemühungen, runzelte sie unbewusst mit der Stirn. Sein Gesicht wanderte weiter und sein Atem folgte ihm auf ihrer Haut. An ihrem Ohr verharrte sein Mund, und nachdem er auch noch ihr Ohrläppchen geküsst hatte, drang seine flüsternde Stimme amüsiert an ihre Ohren. „Ich weiß, dass du wach bist, Isa.“ Ohne Vorwarnung flogen ihre Augen auf und sie drehte ihr Gesicht zu ihm herum, damit sie ihm in die Augen blicken konnte. Noch während sie sich fragte, ob das alles doch kein Traum gewesen war, schüttelte er bereits den Kopf und lächelte sie an. „Nein“, erwiderte er, als hätte sie ihre Bedenken laut geäußert, „es war kein Traum.“ Lächelnd strich er ihr eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. „Weder die Kommandobrücke noch das was wir beide erlebt haben. Isa, was hast du gesehen und warum ist die Zeit gekommen, um die Zeit zu verwandeln und die Träume wieder zu vereinen?“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, während sie sich aufsetzte, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. „Wer bist du wirklich“, wollte sie leise wissen und hielt den Atem an. „Arthur Grimaldo“, erwiderte er erneut. „Der Mann der dich mehr, als alles andere auf dieser Welt, liebt.“ Seine Augen fixierten sie und sie schüttelte traurig mit dem Kopf. Scheinbar war sie immer noch im Traum gefangen, dachte sie, während er lächelnd ihre Wange berührte und sie dem Drang widerstand, sich in seine Hand zu schmiegen. Dieselben Worte geisterten durch ihre Gedanken, doch laut sprach sie sie nicht aus. Sie konnte es nicht. Irgendetwas hielt sie davon ab, es zu tun und der Moment verstrich ungenutzt. Tränen brannten hinter ihren Augen und als sie sie wieder öffnete, hätte sie sie am liebsten sofort wieder geschlossen. Der Drang in seine Arme zu sinken und ihn zu lieben, ergriff sie mit solch ungezügelter Macht, dass sie diese nur schwer wieder unter Kontrolle bringen konnte. Aber sie schaffte es und ihr Verstand kämpfte sich an vorderste Front und klärte ihren Blick wieder.

„Wenn das kein Traum war“, meinte sie und die Kälte in ihrer Stimme ließ sie beide zusammenzucken. „Dann solltest du mir endlich reinen Wein einschenken und das, was du mir bisher verschwiegen hast, erzählen.“ „Ich denke nicht, dass das nötig ist, da ...“, meinte er doch der bestimmte Ausdruck in ihren Augen, brachte ihn zum Schweigen. „Ich will es wissen“, teilte sie ihm mit und das Lächeln in seinen Augen, drohte ihre Seele auseinanderzureißen. Er holte tief Luft und lehnte sich wieder ein wenig zurück. „Willst du das wirklich?“, wollte er wissen und sie nickte bestimmt. „Ja“, flüsterte sie, „das will ich.“ Seltsamerweise kam sie sich vor wie bei einer Trauung, die keine war und als seine noch freie Hand eine der ihren ergriff, verstärkte sich dieses Gefühl von Sekunde zu Sekunde. „Schließe deine Augen“, flüsterte er und sie sah ihn fragend an. „Warum?“ „Damit ich dir zeigen kann, wer ich wirklich bin“, erwiderte er und schloss demonstrativ seine Augen. Jetzt oder nie, dachte sie, ebenfalls die Augen schließend.

Eine lange Weile geschah nichts, außer das sie tiefe Schwärze sah, an dessen Rändern sich eine tiefrote beinahe schon blutende Farbe befand, die mehr und mehr eine seltsame Ähnlichkeit mit einem Regenbogen aufwies. Abrupt lichtete sich das Dunkel und sie wurde hinabgerissen, zurück in der Zeit, bis sie zwei Menschen sah, die sie bisher nur von Bildern kannte, weil seine Eltern bereits gestorben waren, als sie ihn kennenlernte. Beide hatten einen Herzinfarkt erlitten und bei beiden hatte er vergeblich versucht, sie wieder ins Leben zurückzuholen. Arthur hatte ihr erzählt, dass beide Lehrer gewesen waren und sich in dieser Funktion kennen und lieben gelernt hatten. Beinahe so wie sie, dachte sie plötzlich, auch wenn die Berufe andere waren, während sie fasziniert beobachtete wie die beiden gerade dabei waren den Mann zu zeugen, der ihr viele Jahre später erst über den Weg laufen sollte, um ihre Welt in den Grundfesten zu erschüttern. Eine Art Zeitraffer ermächtigte sich der Bilder und die ekstatischen Schreie seiner Eltern verhallten in der Zeit, während andere Schreie sie ablösten. Schreie von Mutter und Sohn, während er zur Welt kam und von der Hebamme auf den wartenden Bauch der Mutter gelegt wurde, während zeitgleich in der amerikanischen Stadt Memphis in Tennessee, die Verlobte des King of Rock'n'Roll, diesen tot im Badezimmer vorfand.