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Eine Türe, die plötzlich aus dem Nichts erscheint oder eine Reise ins Unterbewusstsein, sind nur zwei der Geschichten, die im Wechselspiel mit der reimenden Kunst, in eine magisch, alternative Welt, der Kurzgeschichtensammlung Verwobene Ornamente entführen wollen.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Natascha Skierka
Verwobene Ornamente
eine Kurzgeschichtensammlung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine Zeit wird kommen
Unterwasser Café
Mittsommernacht-Visionen
Gesponnene Leben
Schicksalsfäden
Liborius Zeit
Der Wurzeln Echo
Die Reise durch das Selbst
Grünes Feuer
Spiegeljahre
Der Unendlichkeit Tanz
Wolfsseele
Flüsternde Flammen
Geheime Türen
Des Löwen Schöne
Das Feuer Deiner Seele
Die Spindel der schlafenden Schönen
Wolkentraum
Zwei
Ungeöffnet
Tausend Träume
Der Rhythmus einer geheimen Welt
Die Steinerne Hexe
Verborgen hinter dem Eis
Labyrinth der Unendlichkeit
Die Geschichte vom kleinen Stein
Das Vorhersehungsspiel
Geh nicht fort
Ein kurzer Blick in die Welt der Cosmic Union
Ein kleiner Vorgeschmack auf den dritten Teil
Impressum neobooks
Natascha Skierka
Verwobene Ornamente
eine
Kurzgeschichtensammlung
Eine Zeit wird kommen …
… in der wir kein Traum mehr sind.
Hell und unverschwommen …
… erwachen wir nun geschwind.
Um suchend zu finden …
… was in uns liegt verborgen.
Tief unter den Rinden …
… verbirgt das Jetzt das Morgen.
In einer Zeit so stumm …
… das sie nie mehr vergangen.
Dreh an dem Rad herum …
… um Weisheit zu erlangen.
Sie rannte. Die Lichter der Straßenlaternen schaukelten im Wind hin und her, während sie mit dem dunklen Boden tanzten. Ihre Füße waren bloß und spürten, wie sich der Untergrund veränderte, vom glitzernden Asphalt, zum unebeneren Kopfsteinpflaster, welches sie immer wieder ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte. Das war im Moment jedoch unerheblich, dachte Ranva, während sie einen Blick über die Schulter warf. Hatte sie ihren Verfolger abgeschüttelt? Ranva konnte ihn nicht hören, ihr Atem war viel zu laut und der Wind, rauschte wie donnernde Wellen, über sie hinweg. Für einen Moment hielt sie inne und lauschte. Waren da Schritte? Sie schloss die Augen und hörte, das gespenstische Widerhallen blank polierter Schuhe, deren einstige Besitzerin, sich schon von vornherein zu Tode geschämt hätte, hätte sie auch nur ansatzweise geahnt, wer einmal ihr kostbares Leder, an den Füßen tragen würde. Tief Luft holend, setzte Ranva zu einem Sprint an, bog um die nächste Ecke und blieb abrupt stehen, als ein Gebäude ihr den Weg versperrte.
Ein Schild, das genau auf Augenhöhe hing, sagte ihr das hier das Unterwasser Café, zu finden war. Tatsächlich sah es beinahe so aus, als würde es genau das tun, lag es doch genau am Wasser. Wie zur Bestätigung schwappten die Wellen gegen die Mauern des Gebäudes, das sich sanft den Fluten zuneigte. Ohne zu zögern, streckte sie die Hand nach der Klinke aus, betrat es und schloss gleichzeitig ihren Verfolger aus. Wie gelähmt verharrte sie, für den Bruchteil einer Sekunde, während sich ihre Augen, an das diffus wirkende Licht gewöhnten.
Sie stand in einen langen beinahe unendlich erscheinenden Korridor. An den Wänden hingen Wandteppiche, die die unterschiedlichsten Szenen der verschiedensten Epochen darstellten. Von der Vertreibung aus dem Paradies, bis hin zu dem geheimnisvollen Lächeln, das gerade im Begriff war, auf Leinwand gebannt zu werden. Die Wand selbst schimmerte weiß zwischen den Bildern hindurch, als wolle sie nicht von ihnen ablenken. Noch während ihre Augen dabei waren, diese zu überfliegen, ging das Licht an. Reflexartig, schlossen sie sich und als sie sie zwinkernd wieder öffnete, stellte sie mit einigem Erstaunen fest, das sie sich tatsächlich unter Wasser befand. Es war kein normales Wasser, sondern eine wabbernde Masse, voller kleinerer und größerer Bläschen.
Versuchsweise hob Ranva die Hand, um mit ihr diese geleeartige Substanz, zu berühren. Es überraschte sie, das sie sich so leicht anfühlte. Aus Versehen kam sie an eines der Bläschen. Es platzte auf und kühle Luft strömte ihr entgegen. Als sonst nichts passierte, blickte sie erleichtert wieder auf. Vor den Bildern befanden sich nun Menschen und andere Gestalten, geteilt wie das rote Meer, während sie sie anstarrten. Ein wenig kamen sie ihr vor wie Geister. Oder zumindest Wesen, die aus einer anderen Welt, vielleicht aber auch aus einer ganz anderen Dimension stammten. Ein Seehund blickte Ranva unverwandt an, nickte ihr, in einer halb angedeuteten Verbeugung zu und bedeutete ihr, das Unterwasser Café, gänzlich zu betreten. Zögernd schluckte sie, unentschlossen, ob sie dieser unausgesprochenen Einladung, wirklich folgen sollte. Das ganze war ihr ein wenig suspekt und ein seltsames Gefühl beschlich sie. Just in diesen Moment, klopfte ihr Verfolger an die Türe, rief nach ihr und ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Ohne weiter zu überlegen, tat sie den ersten Schritt, während die Menge sich schützend hinter ihr schloss.
Auf ihren Weg bemerkte sie einen Menschen, der einen Elefantenkopf auf seinen Schultern trug und ihr freundlich zunickte. Ganesha, fuhr es ihr durch den Kopf. War das nicht eine Gottheit in Indien, die Glück bringen sollte? Aber noch, bevor sie sich selbst eine Antwort geben konnte, wiesen drei Frauen sie in die Richtung einer Bühne. Sie waren dick eingemummelt und hatten ein nordisches Aussehen. Zwei Raben flatterten umher und hinter den Frauen, zwinkerte ihr ein bärtiger Mann zu, bei dem sie direkt an Odin denken musste. Etwas aber machte sie stutzig und sie blieb abrupt stehen, um ihn ein wenig näher zu betrachten, während Hugin und Munin, munter ihre Runden weiter flogen.Dieser Odin hier, hatte zwei gesunde Augen, die zugleich weise aber auch kampflustig aufblitzten, als er sich an der Stirn berührte, wo sich das dritte Auge verbarg. Dort befand sich eine kleine wulstige Narbe, die weiß hervor stach und eine deutliche Sprache sprach. Ranva blickte zu den Frauen, die demnach die Weberinnen der Zeit waren und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisierten. Normalerweise saßen sie an ihren Brunnen, am Weltenbaum Yggdrasil, wo sie das Schicksal eines jedes einzelnen Individuums spannen. Ihre Namen waren Urd, Verdandi und Skuld. Aber noch, bevor sie weiter über diese Versammlung nachdenken konnte, drängten die Nornen sie dazu weiter zu gehen, bis sie unmittelbar vor der Bühne stand.
Diese ragte halb in den Raum hinein und um ihre Rundungen waren kleine Tische und Stühle drapiert. Sämtliche Anwesende außer Ranva, setzten sich wie auf ein geheimes Stichwort hin an selbige. Es wurde wieder dunkel und die Bühne wurde in ein sanftes Licht getaucht, während der labradoritblaue Vorhang sich wie die Wellen, der großen tiefen Ozeane bewegten und ihr Herz sich dazu entschloss, ihr Blut schneller durch ihre Adern zu pumpen und ihren Puls zum rasen zu bringen. Hinter dem Vorhang bewegte sich etwas und ihre Handflächen wurden feucht, während heiß-kalte Schauer sich den Rest ihres Körpers bemächtigten. Was in aller Welt passierte hier? Erneut raschelte es hinter dem Vorhang und Ranva hielt den Atem an, als sich ein kleiner Spalt öffnete und immer weiter vergrößerte.
Gleißendes Licht stahl sich durch die Öffnung, bevor eine große, in einen dunklen Umhang gehüllte, Gestalt erschien. Unwillkürlich hörte ihr Herz, für den Bruchteil einer langen Sekunde auf zu schlagen und sie spürte, eine mächtige Energiewelle auf sich zu rasen. Sie berührte ihre Seele, verankerte sich in ihr, kehrte zu ihrem Besitzer zurück und ihr Herz schlug weiter. Perplex starrte sie die Gestalt an, deren Gesicht von einer Kapuze verborgen wurde. Ranva kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, etwas darunter zu erkennen. Aber außer den Andeutungen eines Gesichts, das im Schatten verborgen war, konnte sie nichts erkennen. Die Person stellte sich vor eine Art Thron, den sie zuvor nicht bemerkt hatte und dessen Sitzplatz in einer perfekten Symbiose aus Silber, Gold und Kupfer schimmerte. Über und über war er mit den verschiedensten Edelsteinen besetzt. Zudem befanden sich an seinen Seiten Einlegearbeiten, die verschiedene Runen, keltische Knoten und Schriftzeichen, aber vor allen Dingen eine Vielzahl an Fischen, zeigten. Diese leuchteten so pulsierend, das man beinahe schon annehmen konnte, sie wären tatsächlich lebendig.
Ranva spürte seine, es oder auch ihre Augen auf sich ruhen. Ein erneuter Schauer lief ihr über den Rücken und sie schüttelte sich. Was wollte man hier von ihr? Weswegen war sie ausgerechnet hier, auf ihrer Flucht vor ihrem Verfolger gelandet? Sie blickte die verhüllte Gestalt an, holte tief Luft und ließ sie langsam, wieder aus ihren Lungen entweichen. Wieso in aller Welt, sagte niemand auch nur ein Wort? War überhaupt noch jemand anwesend, außer ihr und diesem unbekannten Etwas? Sie drehte sich halb um. Die Augen der anderen musterten sie aufmerksam und eine Frau, deren Kleidung mit keltischen Symbolen verziert war, hielt eine Art Lampe in die Höhe. In ihrem Innern tanzte eine flackernde Flamme, so hell und gebieterisch, wie nur das Feuer es konnte. Sie wusste, dass sie die Hüterin dieser heiligen Flamme war und das ihr Name Brighid war. Warum sonst hätte sie sie mit sich herumgetragen? Ranva blickte ihr in die Augen, und als Brighid ihr die Lampe hinhielt, schüttelte sie den Kopf. Brighid zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder. Langsam drehte sie sich wieder um, und fragte sich warum ausgerechnet sie, die Verantwortung für diese heilige Flamme übernehmen sollte.
Sie blickte auf. Die Gestalt hatte sich mittlerweile auf den Thron gesetzt und beobachtete sie noch immer.
„Wer bist du?“, platzte es endlich aus ihr heraus. Amüsiertes Gelächter drang unter der Kapuze hervor.
„Du wirst wissen, wer ich bin“, erwiderte eine unverkennbar männliche Stimme. Sie hörte sich an wie purer heller Samt, während sie, ebenso ungehindert wie zuvor die Energiewelle, ihren Weg in ihre Seele fand und sie ins Schwanken brachte. Ranva runzelte mit der Stirn, während sie sichtlich Mühe hatte sich wieder zu fangen.
„Was soll das heißen?“, verlangte sie zu wissen und versuchte erneut unter die Kapuze zu lugen.
„Du wirst es wissen,“ wiederholte er, hob die Hände und schlug die Kapuze, in einer eleganten Bewegung zurück. Ein Laut der Überraschung entschlüpfte ihren Lippen. Anstatt eines kompletten Gesichts blickten sie nur zwei himmelblaue leicht silbern schimmernde Augen an, die so unergründlich wie das Meer waren.
„Wer bist du?“, fragte sie erneut und fühlte sich wie paralysiert. Er stand wieder auf und kam auf sie zu. Sie zuckte zurück, blieb aber dennoch stehen, während er ihr seine Hände hinhielt. Ohne zu zögern, hob sie die ihren und ließ zu das er sie umschloss. Sie waren warm und die Energie ihrer beiden Seelen, schwappte mit einer Macht zwischen ihnen hin und her, die Ebbe und Flut nicht im geringsten nachstand. Tränen traten ihr in die Augen und eine Erinnerung rollte über sie hinweg, die nicht aus diesen Leben stammte.
Sie sah eine sechsköpfige Familie, Mitte des 16. Jahrhunderts, durch die klirrende Kälte des Winters stapfen, angetan mit wärmender Kleidung, die ihre Leiber vor dieser schützen sollte. Aber nichts konnte sie wärmen und das ungeborene Leben, das unter der Kleidung der Frau verborgen war, würde in einer kalten Welt, bestehend aus Schnee und Eis das Licht der Welt erblicken. Die Eltern wandten sich einander zu und Ranva war nicht wirklich überrascht als sie bemerkte das die Augen der Frau Ranvas eigene grün-blaue Farbe und der Mann die Augenfarbe des Unbekannten hatte. Ein heftiger Schneesturm zwang die Familie Unterschlupf in einer Höhle zu finden, die sie am nächsten Morgen wieder verließen, nur um wenige hundert Meter in eine Spalte einzubrechen, aus der sie nicht mehr herauskamen.
Die Verzweiflung war groß und hilflos mussten die Eltern mit ansehen, wie ein Kind nach dem anderen erfror. Und inmitten dieses Chaos wurde ihre Tochter geboren, die mit ihrem kräftigen Geschrei, dem unentrinnbaren trotzen wollte. Die beiden wechselten einen Blick, der Ranva das Blut in den Adern gefrieren ließ, aber als sie nicht taten, was sie befürchtete, spürte sie keinerlei Erleichterung in sich. Noch in der Nacht starb der Mann und ließ Mutter und Kind alleine zurück. Diese stimmte einen Totengesang an, während sie versuchte ihre Kinder und ihren Mann, in eine Position zu bringen, das sie alle nebeneinanderliegen konnten, sofern sie nicht bereits festgefroren waren. Als sie ihre Aufgabe einigermaßen bewerkstelligt hatte, legte sie sich neben ihren Mann, ihre namenlose Tochter zwischen ihnen.
Sie blickte ihren Mann an, hob eine Hand an seine Wange und sah in seine noch immer geöffneten blauen Augen. „Ich binde meine Seele an deine, mein Geliebter“, wisperte sie. „Leben für Leben für Leben, bis ans Ende aller Tage.“ Ein letztes Mal hauchte sie einen Kuss auf seine Lippen, während Tränen auf ihren Wangen gefroren und sie ihren Kopf auf seine Schulter bettete, während sie darauf wartete, das die eisige Kälte ihr Werk vollendete.
Seine Stimme riss sie wieder zurück an die Oberfläche ihres Seins und sie blickte ihn mit anderen Augen an.
„Wer bist du?“, fragte sie erneut, obwohl die Antwort bereits in ihr schlummerte.
„Du wirst wissen, wer ich bin“, erwiderte er mit seiner sanften warmen Stimme und fügte hinzu: „Wenn wir uns wieder begegnen.“ Sein Gesicht näherte sich ihr und eine Strähne, seines von der Sonne geküssten, hellen Honighaars streifte ihre Stirn, bevor er sie sanft mit seinen nicht sichtbaren Lippen, auf die Stirn küsste. Zeitgleich bebte die Erde unter ihr, und noch während Ranva versuchte, sich an seinen Umhang festzuhalten, fiel sie nach hinten, während ihr Körper versuchte sich ruckartig aufzubäumen...krallten sich ihre Hände, im Stoff ihrer Bettdecke fest.
Verwirrt blickte sie sich um, eine Hand auf ihr heftig pochendes Herz, die andere auf ihre Stirn legend. Sie prickelte immer noch von der Berührung seiner Lippen, auch wenn das eigentlich unmöglich war, da es doch offensichtlich ein Traum gewesen war. Schemenhaft blickten ihr die Umrisse der Möbel in der Dunkelheit entgegen, während ihr Verstand ihr sagte, dass das alles nur ein Traum war und nicht wahrhaben wollte, das es vielleicht Realität werden konnte. Ihre Seele hingegen, hatte nicht den geringsten Zweifel daran, das es kein Traum war und das sie sich eines Tages wieder begegnen würden. Sie wusste es, ebenso wie sie wusste, dass die Erde sich um die Sonne drehte, in einem Universum, das ständig sang. Sie blickte zum Fenster hinaus, wo die Sterne in funkelnden Tanz, die Nacht erhellten.
„Wann“, flüsterte sie zu ihnen, als würden sie die Antwort kennen, während sie ihren Kopf auf das Kissen bettete. „Wann“, wiederholte sie wispernd und Tränen sickerten ins Kissen, „wann werden wir uns wieder begegnen?“ Ranva glaubte sein volles warmes Lachen zu hören, weil sie so ungeduldig war, aber es verstummte in einem Echo und allmählich driftete sie einen diesmal traumlosen Schlaf entgegen.
Gedanken sind wie Frequenzen. Schallwellen, die durch Raum und Zeit schwirren, wie die Musik aus einem Radio. Manchmal klassisch und erhaben wie Wagners Nibelungenepos auf der Suche nach dem verborgenen Schatz in all seiner Dramatik und manchmal, manchmal gleicht es dem quietschend krachenden Donnergewitter einer Death Metal Band, die ihrer ganzen Wut und Leidenschaft Ausdruck verleiht, um all die rohen gewaltigen Energien in verwirrend geordnete Töne zu verwandeln, die der ein oder andere als bloße Beleidigung gegenüber der Musik empfand. Aber all diese Töne waren vorhanden und alle hatten ihre Daseinsberechtigung, egal wer, was auch immer, sagen mochte.
Seufzend blickte Sonia in den Himmel. Der aquamarinfarbene Abendhimmel wurde von rubinroten Streifen durchzogen und die laue Luft wirbelte ihr Haar durcheinander, während Tränen über ihre Wangen liefen. Tränen puren Glücks und purer Verzückung, die ihr Herz schneller zum schlagen brachten und ihre Seele zum Glitzern, während sie sich lebendiger denn je fühlte. Beinahe wie ein Schmetterling der sich gerade erst aus seinem Kokon befreit hat, bereit für den Sommer seines Lebens.Blieb nur die Frage, ob es ein schöner Sommer mit strahlend schönem Wetter oder ein verregneter mit kalten Temperaturen und gebieterisch machtvollen Gewittern werden würde. Nicht dass sie etwas gegen Gewitter hatte. Oh nein, ganz gewiss nicht, fühlte sie sich doch immer ganz lebendig, wenn die Urgewalt von Mutter Erde allen zeigte, wer hier wirklich die Hosen anhatte und wer nicht, während die Zeit ihren gewohnten Gang ging und sich scheinbar nichts veränderte, obwohl sich doch alles veränderte, im Wimpernschlag eines einzigen Augenblickes.
Der kälter werdende Wind kroch unter ihre Kleider und ließ sie nach frischer belebender Luft riechen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und sie umarmte sich selbst, während sie an den Moment dachte, der ihr Leben in einen dieser Wimpernschläge verändert und ihr Leben auf einen ganz anderen, völlig neuen Kurs gebracht hatte. Ein Kurs, den sie ohne Maurice Dubois niemals eingeschlagen hätte.
Ohne ihn wäre sie niemals so mutig, so stark oder so kreativ gewesen.Mit ihm war sie es und mit jedem Augenblick, den sie beide miteinander verbrachten, spürte sie das es die absolut richtige Entscheidung gewesen war, ihn in ihr Leben zu lassen. Und das nun seit unglaublich vielen Momenten, das sie es beinahe schon nicht mehr zählen konnte, so unbedeutend bedeutend war die Zeit. Wie ein Stein der ins Wasser geworfen seine Wellen zog und seitdem alles und jeden beeinflusste, der ein Teil dieser Wellen wurde, sobald sie ihn erreichten. Egal wie klein oder unbedeutend bedeutend sie einen auf dem ersten Blick auch erscheinen mochten, irgendwann entwickelten sie sich irgendwo und irgendwie zu etwas wunderschönen.
Sie schloss die Augen und Bilder tauchten vor ihren inneren Augen auf. Bilder von längst vergangenen oder noch zu kommenden Ereignissen. Bilder die, wenn sie zu einem Film gehören würden, von surreal klingender Jahrmarktsmusik begleitet und in Slow Motion ablaufen würden.
Schwärze umgab sie. Blubbernd und warm wie eine im Kessel kochende Flüssigkeit, die sie jedoch nicht verletzte, sondern schützend, wie die Haut eines Eies unter der Schale bewachte. Sonia fuhr mit der Hand durch die Flüssigkeit, die wie ein durchsichtig, milchiger Stein schimmerte und einen von der Sonne geküssten Himbeerstrauch ähnelte.
Plötzlich blendete sie das Licht einer Lampe und ein paar grau-blauer Augen strahlten sie über einen faltig weißen Mundschutz an, als sie sie in dieser schönen und verrückten Welt willkommen hießen, bevor sie aus ihrem Blickfeld verschwanden und zwei behandschuhte Hände, ihren zitternden kleinen Körper auf den Bauch ihrer Mutter legten, deren aquamarinfarbene Augen sie voller Liebe anstrahlten, während die Energie zwischen ihnen pulsierte, die durch die Nabelschnur zu ihr hinüber schwappte, wie die Wellen des Meeres, das sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, bevor eine silbern glänzende Schere, die Schnur, aber nicht die unsichtbare Verbindung, zu ihrer Mutter trennte.
Freudiges Kinderlachen drang an ihre Ohren. Sonia drehte sich um, um zu sehen, woher es kam. Aber sie konnte niemanden entdecken, bis auf sich selbst, als sie in den großen Schlafzimmerspiegel ihrer Mutter blickte. Sie trug ein dunkles pinkfarbenes Kleid mit schwarzen Fransen am Saum und durch den Lichtstrahl der Sonne, welcher durch das geschlossene Fenster ins Zimmer fiel, tanzten freudige Staubteilchen, während sie sich, behangen mit selbst gemachten bunten Perlenketten, lachend und tanzend durch das Schlafzimmer ihrer Eltern bewegte.
Das schrille Geräusch einer Pausenglocke riss sie aus ihren Gedanken und sie blickte gedankenverloren auf ihre Hände hinunter. Ein kleiner geflochtener Kranz aus Zweigen befand sich darin und mit leichtem Bedauern, legte sie ihn auf die Fensterbank, um den Ruf der Glocke zurück ins Klassenzimmer zu folgen, wo sie all das Wissen der Welt versuchte in ihren Kopf zu bekommen. Eine Angelegenheit, die sich mal mehr oder weniger schwierig gestaltete und sich ihr ganzes Schulleben wie ein roter Faden durchzog. In der Zwischenzeit erwachte ihr Interesse an den verschiedensten Dingen, dem anderen Geschlecht und den Mysterien des Lebens, während sie versuchte heraus zu finden, wohin der Kurs ihres Lebens sie wohl brachte. Sie beendete die Schule, driftete mal hierhin und mal dorthin, während die Jahre ins Land zogen, ihre Freundinnen heirateten, Kinder bekamen und sie sich damit abfand, das sie niemals ihre andere Hälfte finden würde.
Bis Maurice Dubois plötzlich durch eine weit offene Tür in ihr Leben trat und ihr Herz für den Bruchteil einer Sekunde aussetzte, bevor es weiter schlug und einen neuen Abschnitt in ihren Leben einläutete.
Ein Abschnitt, der durch viele Verabredungen und hartnäckigem Werben seinerseits auf fruchtbaren Boden traf, nachdem sie lange und gründlich ihre Gefühle geprüft hatte, bevor sie beide voller Liebe und Leidenschaft zusammenkamen. Ihre Körper verbanden sich einem verworren wonnigen Tanz, während die hypnotisierende Macht ihrer beider Augen, sie wie die Wogen und Wellen des rauschenden Meeres der Liebe miteinander verbanden.Einer Liebe, die ihnen eines Tages Kinder bescheren würde, denen sie dabei halfen, den Tanz des Lebens zu erlernen, während sie eigene Erfahrungen sammelten und die als Eltern feststellten, das die Zeit plötzlich Beine bekam und die Kinder es nicht erwarten konnten, endlich erwachsen zu werden. Ihre Eltern löschten das Licht ihrer Lebenskerzen, nachdem ihre Kinder selbst die Liebe fanden und eigene Kinder in die Welt gesetzt hatten, während sie sich vitaler denn je fühlte und nicht glauben konnte, das diese Reise eines Tages ein Ende haben würde. Ihre Gedanken wurden melancholischer und es zerriss ihr beinahe das Herz, während die Tage dahineilten, als hätten sie keine Zeit und jeder Moment mit ihren Lieben kostbarer wurde, als alles Gold und Silber dieser Welt. Maurice und sie liebten sich bis zu ihrer letzten Stunde und sein Verlust riss ihr beinahe die Seele aus dem Leib und machte sie halb wahnsinnig. Ohne ihn war alles nur halb so schön und selbst der sonnigste Tag war von einer Tristesse erfüllt, die seine Schönheit zerstörte.
Allmählich spürte Sonia ihr Alter, obwohl ihr Körper vollkommen gesund war, während ihre Seele sich nach Maurice sehnte. Sie spürte seine Präsenz, und während die Jahre vergingen und ihre Enkel ihr Leben in die Hand nahmen, um ihren eigenen Kurs einzuschlagen, trommelte sie alle noch einmal zusammen, zu einem großen Mittsommerfest, das Maurice geliebt hätte. Musik spielte und die Violinen und Leiern schienen ihre sehnsüchtige Melancholie ausdrücken zu wollen, während ihre große Familie sich prächtig amüsierte. Sie aßen, tranken, tanzten und lachten, während sie sie still lächelnd beobachtete und sich klammheimlich zu Maurices wartender Seele stahl. Ihr Wiedersehen war ein Feuerwerk der Emotionen, bei dem sie fiel und fiel und fiel, bis sie sich wieder dort befand, wo ihre Reise begonnen hatte. Langsam und flatternd öffneten sich ihre Augen, während der Wind, kühle Frische in ihr Gesicht wehte, während ihr Haar ihr die Sicht nahm. Sie hob die Hand und schob es hinters Ohr, während sie seine Schritte im Gras hinter ihr hörte. Seine Arme legten sich um sie und seine Hitze wärmte sie, während die Nachwehen ihrer Vision immer noch in ihr nachhallten. Ihre Hände umschlossen seine Arme und klammerten sich beinahe an ihm fest, während sie sich fragte, welche der Dinge die sie für ihre Zukunft gesehen hatte, wirklich eintreffen würden. Sie schüttelte leicht ihren Kopf und sagte sich das es unwichtig sei, solange sie nur mit Maurice zusammen war und sie gemeinsam ihren Weg beschritten. Seite an Seite, als gleichberechtigte Partner, die alles teilten, was nicht niet- und nagelfest war. Endlich drehte sie sich zu ihm um und sah ihm lange in seine dunklen blauen Augen, die mitunter braun wirkten, je nach Lichteinfall und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen.
„Ich liebe dich, Maurice“, flüsterte sie und seine Lippen verzogen sich zu einem freudigen Lächeln.
„Ich liebe dich mehr“, erwiderte er und sie runzelte, wie immer mit der Stirn, bevor sie seufzend mit dem Kopf schüttelte und diesen an seine Schulter legte.
„Ich liebe dich“, wisperte sie kaum hörbar und holte tief Luft, während sie froh darüber war, das ihr ganzes Leben noch vor ihnen lag, darauf wartend von ihnen beiden gestaltet zu werden. Die Nacht gewann endgültig über den Tag und die Sterne wachten funkelnd und zwinkernd über sie beide und ihre unendlich große und unendlich tiefe Liebe.
Gesponnen die Fäden so fein
In Farben so schillernd und rein,
Verweben sie sich in der Zeit
Die Dein Leben zu geben bereit.
Sehe dort hinten aufbewahrt
Das Wissen das wird offenbart,
Wenn Vergangenes den Weg weist
Und in Deine Gegenwart reist.
Hier stehst Du nun, um zu sehen
Wie Du wirst nach vorne gehen,
Um die Zukunft zu gestalten
Und Dein Leben zu verwalten.
Das was kommt, ist nicht ungewiss
Beachte den Weg und sei gewiss,
Das Dein Fluss Dich durchs Leben führt
Wenn ihre Magie Dich berührt.
Gesponnen die Fäden so fein
Sie werden einmal zu Ende sein,
Und von einem Schnitt wird getrennt
Was die Seele als Leben kennt.
Umher wandernd hielt sie inne. Diese Straßen kamen ihr bekannt vor und die Häuser schienen mit ihr zu sprechen. Emma konnte nicht sagen was hier passierte, aber sie spürte das etwas sie, wie Motten das Licht, anzog. Vor allen Dingen dieses Haus ihr schräg gegenüber. Ein Fachwerkhaus von 1711, ziemlich klein und bei dem ihr der Begriff „Hexenhäuschen“ in den Sinn kam, obwohl sie zu denjenigen gehörte, die das Wort Hexe nicht unbedingt als Beleidigung auffasste, wusste sie doch das es sich bei ihnen um weise Frauen handelte, die ihr Wissen mehr und mehr vertieften, um im Einklang mit Mutter Erde und sich selbst zu sein. Seufzend senkte sie den Blick und versuchte den Ruf des Hauses zu ignorieren.
Aber es war nicht leicht, die wellenartigen Bewegungen, die durch die unsichtbare Luft zu ihr herüber schwangen, zu ignorieren. Es war beinahe unmöglich, und noch ehe sie sich versah, stand sie vor der Türe und befand sich gerade dabei den Knopf der Klingel zu betätigen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, während sie die Treppe hinunter blickte und sich fragte, wie in aller Welt sie diese überwunden hatte. Überwunden, dachte sie und schüttelte den Kopf, wieso kam ihr ausgerechnet dieses Wort in den Sinn? Aber noch, bevor sie sich weiter in diesen Gedanken vertiefen konnte, der sie wahrscheinlich nur davon hatte abhalten sollen wieder zu flüchten, wurde die Türe geöffnet. Eine blonde Frau, mit strahlenden blauen Augen, blickte in die ihren und Emma fragte sich, ob sie einander wohl aus einem ihrer früheren Leben kannten.
„Komm rein“, sagte sie ohne Umschweife und ging voran. Emma folgte ihr in das wirklich kleine Häuschen mit seinen winzigen Zimmern, die wohl eher für größere Puppen gemacht waren, denn für wirkliche Menschen. „Setz' dich“, sagte die Frau und deutete auf die Eckbank in der langen Küche, dem größten Raum des Hauses. Langsam setzte sie sich und beobachte, die noch Namenlose Frau wie sie Kaffee aufsetzte und eine Schale mit Keksen und anderen Süßkram, zusammen mit drei Tassen aus dem Schrank holte und auf dem Tisch verteilte. Emma sah sie an und die Frau lächelte, während es erneut an der Türe klingelte. Das Geräusch durchdrang sie und brachte für einen Moment ihr Herz zum stehen, bevor es im gewohnten Rhythmus weiterschlug, als wäre nichts geschehen.
Ihr Blick schweifte durch die Küche, während erneute Kälte ihren Körper durchdrang, und blieb an den gehäkelten Topflappen hängen, die direkt neben dem Eingang hingen, durch den sie vor wenigen Augenblicken selbst erst gekommen war. Sie waren in der Form eines Puppenkleides, in den weiß-blauen Farben der nordischen Göttin Frigga gehalten und die Stimme ihres Blutes, erkannte den Faden, der sie scheinbar untrennbar mit ihren Vormüttern verband. Lachen drang aus dem kleinen Flur und die immer noch Namenlose Frau kam mit einer Älteren zurück. Ihre Blicke kreuzten sich und Emma hielt inne, während ihr Körper darauf begehrte aufzustehen und von hier zu fliehen. Sie aber blieb sitzen und ließ den Blick nicht von der Älteren, während diese auf sie zu kam und sich ihr gegenüber setzte.
„Ich bin Ansu,“ lächelnd berührte sie ihre Hand und Wärme durchströmte sie in kleinen Wellen. „Es freut mich dich endlich kennenzulernen, Emma.“ Emma stockte der Atem und sie blinzelte ein wenig perplex. Woher kannte diese Frau ihren Namen und wer war sie wirklich. Hatte sie vielleicht jemand verfolgt oder gar ausspioniert? Was passierte hier wirklich? Ansu lachte, während die Jüngere ihnen Kaffee einschenkte und sich zu ihnen gesellte, einen Keks aus der Schale nehmend.
„Wir sind wie du,“ erklärte sie und Emma runzelte mit der Stirn. „Aber die Welt dort draußen ist bei Weitem noch nicht wirklich bereit dafür uns wieder völlig zu integrieren.“ Emma blickte sie verwundert an und ihre Augen wanderten zwischen den beiden Frauen hin und her.
„In Ordnung“, flüsterte sie und ließ ihre Atemluft langsam wieder aus ihrem Körper entweichen, als wollte sie sich für etwas oder gegen jemanden wappnen. „Ich möchte, nein, ich will wissen, was hier gespielt wird und weswegen ich hier bin.“ Sie fixierte die beiden und die beiden blickten einander verschwörerisch an, während Ansu lachte.
„Wir wissen alle nicht, weswegen wir hier sind“, meinte sie und Emma rollte unwillkürlich mit den Augen. „Aber du bist jetzt hier um uns zuzuhören und um danach zu entscheiden, welchen Weg du gehen wirst.“ Noch bevor Emma etwas sagen konnte, ließ Ansu ein weißes Blatt Papier auf dem Tisch erscheinen und einen Stift in ihrer Hand. Spitzbübisch lächelte die Frau sie an und begann das Blatt in drei gleiche Teile aufzuteilen, um in jedem das Portrait einer Frau hinein zu zeichnen. Als sie dies vollbracht hatte, drehte sie ihr Kunstwerk zu Emma herum und sie zuckte zusammen. Da war sie zu sehen, als junges Mädchen, als Frau und als Alte.
„Warum zeichnest du mich so?“, verlangte sie zu wissen und Ansu seufzte.
„Weil du ebenso wie jede Frau die Aspekte dieser Form der Weiblichkeit in dir trägst", erwiderte sie und blickte sie leicht tadelnd an, als hätte sie das wissen müssen.
Natürlich wusste sie das, aber dennoch wollte sie wissen, warum.
„Blicke auf dass Papier“, wies Ansu sie an und ihr Blick schweifte zu der Namenlosen Blonden hinüber, die ihr aufmunternd zunickte. Emma folgte Ansus Bitte und eine Art Minitornado fegte plötzlich über dass Blatt hinweg und ließ die Bilder lebendig werden. Sie fragte sich nicht länger, was hier vor sich ging und erfolglos wehrte sie sich dagegen, dass ihre Seele, in dass Blatt hineingesogen wurde.
„Hallo“, begrüßte das Mädchen sie und drehte sich lachend und singend im Kreis, während es mit einem langen, schillernd bunten Regenbogenband tanzte. „Ich halte den Faden der Zukunft in meinen Händen.“
„Willkommen“, schloss die Frau sich an und berührte den breiten Gürtel, der um ihre Taille geschlungen war und ebenfalls bunt schillerte. „Ich stehe zwischen dem, was war und was sein wird.“
„Sei gegrüßt“, gackerte die Alte, während ihr Kleid wie eine knallbunte Leuchtreklame im Wind wehte und gänzlich aus Fäden bestand. „Ich sehe das, was war, und halte den Faden des Schicksals in meinen Händen.“
„Was wollt ihr von mir?“ Emma betrachtete die drei und fand es immer noch unheimlich das sie ihr so glichen, obwohl sie wusste, das es nur Äußerlichkeiten waren, die sie im Augenblick mit den Weberinnen der Zeit verband. Die Nornen betrachteten sie mit „ihren“ Augen und durchbohrten sie beinahe.
„Dich daran erinnern, wer du wirklich bist“, erwiderte die Ältere.
„Damit du es nicht wieder vergisst“, fuhr die Mittlere fort.
„Denn das ist es, was du sein wirst,“ lächelte die Jüngere und reichte ihr den Faden. Funken sprühten auf ihre Haut und prickelten wie feine Nadelstiche.
„Es liegt an dir diesem Weg zu folgen und uns dabei zu helfen wieder einen festen Platz in der Welt einzunehmen. Du weißt, man hat ihn uns beinahe geraubt und dieser ignorante Mann, hat uns verbrämt, damit wir in seine Weltanschauung hineinpassen.“ Emma runzelte mit der Stirn. „Er hätte es beinahe geschafft, etwas zu zerstören das im kollektiven Gedächtnis der gesamten Menschheit schlummert und das in immer mehr Menschen erwacht und sich seinen Weg zurück in das Leben dieser erkämpft."
„Du bist so ein Mensch“, fügte die Mittlere hinzu und die Jüngere und die Älteren nickten zustimmend. „Aber es liegt an dir, ob du den Ruf deiner Seele folgst oder ob du, ein Leben führen willst, das dem der anderen gleicht und zumeist im Stillstand verfahren ist.“
„Du spürst, dass du anders bist“, sagte die Ältere. „Du weißt, dass du immer anders sein wirst“, fügte die Jüngere hinzu.
Mit Tränen in den Augen blickte Emma auf und ein Schauer durchlief ihren Körper, während ihre Hand sich auf ihre Brust legte, unter der ihr Herz wie wild galoppierte, in dem vergeblichen Versuch es zu beruhigen, während es ihr vorkam, als würde man ihr sämtliches Blut aus dem Körper stehlen wollen.
„Ein langer Weg wartet auf dich“, informierte die Jüngere sie schonungslos.
„Aber du bist schon einen langen Weg gegangen“, nickte die Ältere und die Mittlere ergriff ihrer beider Hände.
„Bist du bereit ihn fortzuführen? Bist du bereit das, was du bist und vor allen Dingen wer du bist in die Welt hinein zu tragen. Ohne Furcht mutig voranschreitend um dein inneres Leuchten erneut zu entfachen?“
Emma blickte ihr in die Augen, einem kompletten Ebenbild ihrer eigenen, und noch bevor sie etwas erwidern konnte, wirbelte erneut Luft auf und katapultierte ihre Seele zurück in ihren wartenden Körper. Sie spürte die Tränen über ihre Wangen rollen, während sie Ansu und die Namenlose Frau ansah und stumm nickend ihre Hände ergriffen.
„Ich bin bereit“, flüsterte sie und Emma blickte die beiden Frauen entschlossen an, „ich bin bereit den Weg zu gehen, den meine Seele mir befiehlt zu gehen."
"Du hast eine gute Wahl getroffen," nickten beide und ein verschwörerisches Glitzern flackerte in den Augen der beiden Frauen auf. Emma entzog den beiden ihre Hände und warf den beiden während sie aufstand einen bedauernden Blick zu.
"Ja," stimmte sie lächelnd zu, "das habe ich, aber meine Wahl ist nicht auf euch gefallen." Erstaunt hielten die beiden inne, während irgendwo im Haus eine Uhr begann zwölf zu schlagen und Emma hob ihre linke Hand an ihr Dekolleté, wo ein strahlend silbernes Kreuz, aus unzählig feinen Fäden gesponnen, wie ein einzigartiges verwobenes Ornament, auf ihrer Haut ruhte.
"Wir haben dich dein Leben lang begleitet", protestierte die Namenlose Frau und Emma blickte sie mit einem bedauernden Schulterzucken an.
"Ich weiß", erwiderte sie, "aber da gibt es jemand Größeren und weitaus Mächtigeren als ihr, der dies auch getan hat."
"Wie kannst du uns das antun", wollte Ansu wissen und ihre Augen wurden beinahe schon schwarz, während Emma weiterhin ihr Kreuz, an dessen Rückseite im Übrigen einige geschwärzte Fische verteilt waren, deren leichte Vertiefung sie nun spüren konnte, während Ansu sie empört anblickte. "Wie kannst du nur", wiederholte sie, "dem eifersüchtigsten aller Götter den Vortritt geben."
"Oh," schüttelte Emma mit dem Kopf, "wenn er wirklich eifersüchtig wäre, hätte er uns Menschen nicht den freien Willen gegeben und würde uns die freie Wahl lassen, den Weg zu gehen, den wir gehen wollen. Ganz egal ob dieser gut oder schlecht für uns ist."
"Aber wir haben gespürt, wie du dich für uns entscheiden wolltest," versuchte die Namenlose Frau sie zu umgarnen.
