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Nachdem der Graf mit seinem Begleiter, Ritter Marcus von Gebesee, sich in Richtung Augsburg, von der Gleichenburg entfernte, traf dort eine Einladung ein. Es war ein Schreiben der Landgräfin Elisabeth. Sie lud Bertha von Gleichen ein, gemeinsam für die Wiederkehr der Gatten zu beten. Elisabeths Gemahl, Landgraf Ludwig von Thüringen, führte die Mitteldeutschen Ritter an. Die Begegnung der beiden Frauen widme ich ein Kapitel. Die Reise des Grafen endet dann zunächst in Tarent, dem Hauptlager des Kaiser Friedrich um ins Heilige Land zu fahren. Dort bricht eine Seuche aus, die vielen Kreuzfahrern das Leben kostet. Dennoch versucht man loszufahren, aber die Flotte muss krankheitsbedingt umkehren und in Otranto (Italien) wieder an Land gehen. Prompt folgte der Bannfluch aus Rom. In Otranto starb auch Landgraf Ludwig IV von Thüringen an der Seuche.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Marcel-Martin Kuhnt
Der Zweibeweibte Graf
Wechsungen I
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Die wichtigsten Personen
Impressum neobooks
Ein
Graf
Zwei Frauen
Marcel-martin Kuhnt
Graf Ernst von Gleichen Voigt der Stadt Erfurt
Ritter Marcus von Gebesee später Edler von Wechsungen
Bruder Ignatz Mönch und Steinmetz
Melechsala, später Mechthild Eine Tochter des Sultans el Kamil
Leyla, später Lisbeth Dienerin und Vertraute der Melechsala
Bertha von Gleichen Ehefrau des Ernst
Die Orlamünder Brüder der Bertha
Elisabeth von Thüringen Landgräfin
Ludwig von Thüringen Landgraf
Heinrich Raspe Bruder des Ludwig
Siegfried von Eppstein Erzbischof von Mainz u. Erfurt
Friedrich II. Deutscher Kaiser, König von Sizilien, König von Jerusalem
Erzbischof von Bari Vertrauter des Kaisers
Thomas von Aquin Vertrauter des Kaisers
Hermann von Salza Hochmeister des Deutschen Ordens
Mustafa und Memet Eunuchen der Melechsala
Bruder Claudius Ein Johanniter
Ein Imam Vorsteher/Vorbeter in Moschee
Ein Kadi Islamischer Richter
Herzog Jeramaine Zweikampfgegner Herzog Remont Bruder des Jeramaine Bianca Lancia Geliebte des Friedrichs
Manfred von Wangen Adliger Besitzer Burg Ried
Johanna Freundin von Manfred
Prolog
Wer kennt sie, die Sage des Graf Ernst von Gleichen, 1180 – 1246? Der Ernst, der gleich mit zwei Frauen beerdigt wurde in der Peterskirche zu Erfurt. Sein Grabmal wurde, während der französischen Besetzung, derweil die Preußen angriffen, von der Peterskirche in den Dom zu Erfurt verbracht, wo es sich noch heute befindet.
Die Sage geht dahin, dass der Ernst, verheiratet mit einer Ottilia oder Bertha, da scheiden sich die Geister, an einem Kreuzzug gegen die Sarazenen teilnahm, gefangengenommen, und durch eine Sarazenin befreit wurde., Er nahm sie mit nach Thüringen, und dort, auf der Burg Gleichen, lebte er bis zu seinem Ende, eben mit zwei Frauen.
Gewiss und belegt ist dieses. Im März 1221weilte Ernst von Gleichen in Augsburg beim Sohn des Friedrich II., dem Heinrich.
Im April des gleichen Jahres ist er in Tarent, in Italien, am Hofe Friedrich des II., angekommen. Tarent ist zugleich Hafen und Ausschiffungsort zum Kreuzzug nach Ägypten. Ob er je nach Ägypten übergesetzt ist, kann nicht belegt werden. Aber sogleich, nur ein Jahr später, im März 1222, ist eine Schenkung Friedrichs II. an Ernst von Gleichen, für die Mitwirkung am Kreuzzug, beurkundet. Bis dahin hat aber Friedrich II. keinen Fuß auf sarazenischen Boden gesetzt. War Ernst gar nicht im Heiligen Land? Im Jahre 1221war die Niederlage des Kreuzfahrerheers, mit der Räumung der Stadt Damiette, bereits besiegelt.
Friedrich wollte 1227 endlich ins gelobte Land ziehen, doch er wurde krank. In seinem Heer wüteten die schlimmsten Seuchen. Durch sie kam auch der Landgraf von Thüringen, Ludwig IV., Gemahl der heiligen Elisabeth, ums Leben. War die Schenkung 1222 verbunden mit der Teilnahme, die bis dato nicht stattgefunden hatte? Erst 1228 begann der Kreuzzug, war sogar erfolgreich und ging, ohne größeres Blutvergießen, zu Ende. In Verhandlungen mit Sultan al Kamil, hat Friedrich die Städte Jerusalem, Bethlehem und Nazareth für die Christenheit zurückerhalten. Nur die al-Aqsa-Moschee blieb den Sarazenen.
Am 10. Juni 1229 landete Friedrich wieder in Italien, in Brindisi.
Das sind die Fakten. Aber wer will immer nur Fakten? Eine schöne Geschichte wie es hätte sein können, hat auch ihren Reiz.
Wie immer, habe ich mich natürlich irgendwie an die Fakten gehalten, diese genommen, tüchtig durchgeschüttelt, ausgeschüttet und zu folgender frei erfundener Geschichte wieder zusammengefügt. Handlungen und Personen ähneln den tatsächlichen Begebenheiten. Namensgleichheiten sind rein zufällig, und gelten nicht den tatsächlich lebenden Personen.
Die Geschichte
Bruder Ignaz fuhr noch einmal mit der Hand über die Gesichter auf der Grabplatte, die nun endgültig fertig war. Seine Gehilfen hatten schon das Weite gesucht, Feierabend.
„Habe ich sie gut getroffen?“, fragte er mich. Ich, Marcus von Gebesee, Freiherr von Wechsungen, war hierher nach Erfurt gekommen, um Abschied zu nehmen, von meinem Freund Ernst von Gleichen. Nicht minder hatte mich die Nachricht vom Tod der beiden Frauen des Ernsts getroffen. Ja, der Ernst hatte zwei Frauen! Die eine, Mechthild, einst führte sie den Namen Prinzessin Melechsala, war wie eine Schwester zu mir. Die andere, Bertha von Orlamünde, war die Güte in Person. Beide hatte ich sehr gut gekannt, da Ernst von Gleichen zunächst mein Herr, später gar mein Freund wurde.
So antwortete ich „Sehr gut habt Ihr Berthas Lächeln in Stein gehauen. Der Blick, genauso war sie, weitsichtig, alles zum Wohl ihrer Lieben, sich selbst hintenanstellend. Die Bibel vor der Brust zeigt auf das Trefflichste ihre Frömmigkeit. Ist das Elisabeths Geschenk?“
„Geschenk? Davon weiß ich nichts! Wie findet Ihr Melechsala?“
Da fiel mir die Antwort schwer: „Eine Prinzessin mit Krone, das ist recht. Aber Ihr habt sie wohl zu Thüringisch gekleidet. Wer soll da in ein paar Jahren ihre Herkunft erkennen? Wenn ich aber so nachdenke, dann war sie wohl deutscher als wir beide!“
Bruder Ignaz sah mich an und lachte. Dann fragte er weiter: „Den Grafen habe ich so gestaltet, dass niemand erkennen mag, was er denkt! Seht Ihr das auch so?“
„Ich sehe da ein wenig Stolz! Welcher Mann kann schon sagen, dass zwei Weibsbilder ihn, ohne jegliche Eifersucht, liebten?“
„Herr Marcus von Gebesee“, sprach mich Ignatz nun an, „könnt Ihr mir nicht die ganze Geschichte der Drei erzählen? Wie kam dieser sonderbare Bund zustande? Ihr seid wohl der Einzige, der sie kennt. Ich besorge auch noch einen ganzen Eimer Bier, dass Euch der Mund nicht trocken wird!“
Genauso schnell wie er entschwunden, kam Bruder Ignaz auch zurück, mit dem versprochenen Bier.
Was sollte ich machen, also sagte ich zu ihm: „Ich werde die Geschichte dir erzählen, so als hätte ich alles selbst erlebt. Als Erzähler gewiss, denn einiges wurde mir zugetragen und etliches kann ich mir zusammenreimen. Wenn ich mich recht entsinne, an Franz den Leibdiener, er hat immer alles erfahren. Er lauschte wohl an jeder Wand. Er war es, der mir Folgendes berichtete.
Es war im Jahre des Herrn 1227, der Februar war beendet, da hatte der Graf Ernst von Gleichen, Vogt zu Erfurt, den Diener Franz etwas gefragt.
Besucher
„Wo ist Bertha?“, fragte Graf Ernst seinen Leibdiener Franz, der gerade mit der neuen Wärmepfanne hereingekommen war.
„Gewiss ist Eure Gemahlin in ihrer Kemenate. Heute erwartet sie ihren Bruder. Die Orlamünder liegen doch wieder im Streit mit dem Landgrafen!“
Der Landgraf will auch immer mehr, als ihm zusteht, dachte Ernst. Sein Herr, der Erzbischof zu Mainz und Erfurt, Siegfried II. von Eppstein, hatte erst vor Kurzem gewarnt, dass es schwierig werden könnte, da eine Verstärkung des Kreuzfahrerheeres unaufschiebbar sei. Rom habe mit Kaiser Friedrich keine Geduld mehr. So würden auch die Landeskinder wohl oder übel bald losziehen müssen.
Als sich Ernst vorstellte, dass die Orlamünder sich dem Landgrafen unterstellen sollten, um mit Kaiser Friedrich in das Heilige Land zu ziehen, konnte er ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Die Verwandtschaft konnte man sich eben nicht aussuchen. Aber mit Bertha war alles abgemacht, von den Schreibern bereits auf Pergament gebracht und Siegfried vorgelegt worden. Ernst wusste genau, dass die Schreiben bald eintreffen würden. Bis dahin musste alles geregelt sein. So ein Kreuzzug war nicht ohne. Manche der Ritter waren reich beladen aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, andere gar nicht. Wenn wenigstens das Schicksal derjenigen geklärt war, so hatten die Hinterbliebenen immerhin Gewissheit. In vielen Fällen aber war nicht bekannt, ob die Ritter gefangen, tot, oder vielleicht in die Sklaverei verschleppt worden waren? Sein Freund, Ritter Holt von Thalleben, hatte berichtet, dass es auch Christen gäbe, denen das Geld ausgegangen sei und die im fremden Land ihr Dasein fristeten, bis sie endlich, nach Jahren, wieder heimgelangen könnten. Manche der Heimkehrer seien dann Zuhause wohl nicht sehr gelitten, da alles neu geregelt wurde! Die Edle von Kirchheim wurde mit ihrem Buhlen enthauptet, da sie einen Meuchler gedungen hatte, um den heimgekehrten Gatten loszuwerden. Volle fünfzehn Jahre hatte der Ärmste gebraucht, um in die Heimat zurückzukehren. Dank seines kampferprobten Knappen, konnten sie die Mörder niederwerfen, und diese verrieten ihre Auftraggeber.
Zusammen mit seinem Freund, Holt von Thalleben, hatte Ernst den Plan gefasst, den Bruder seiner Frau, Otto, zu seinem Vertreter zu machen. Der würde aufpassen, dass seine Schwester, die Bertha, keusch bliebe und selbst wäre Otto nicht erbberechtigt. ‚Als Onkel wird er schwören, meinem Sohn zum rechtmäßigen Erbe zu verhelfen‘, dachte Ernst, als seine Gemahlin Bertha eintrat.
„Was schaust du so betrübt? Die ersten Frühlingsboten sind zu sehen. Schau! Die Weidenkätzchen schieben schon!“, sagte sie und stellte, mit einem Lächeln, die Vase mit den Zweigen in die Ecke der Kemenate. Unter ihrer dunklen Kappe quollen die strohblonden Haare hervor. Sie hatte strahlend blaue Augen und pralle rote Lippen, die sich zu einem Lächeln geöffnet hatten. Ihren üppigen Busen verbarg sie unter einem dicken Wollumhang. Dieser wurde von einem breiten Gürtel gehalten, den eine silberne Schnalle zierte.
Als sich Bertha wieder aufrichtete, konnte Ernst gut erkennen, dass sie ein prächtiges Weib war, mit allem ausgestattet, was ein Weibsbild haben musste. Gott hatte es mit ihr gut gemeint!
„Am liebsten würde ich jetzt …“, begann Ernst und versuchte, Franz mit einem Blick aus dem Zimmer zu vertreiben.
Dieser aber stellte sich dumm. Oder war er blind? Bertha fühlte sofort den Begehr ihres Gatten. „Ach, mein Lieber, sogleich wird mein Bruder erscheinen. Die Zugbrücke hat er soeben passiert, habe ich gesehen.“
„Franz, geh ihn begrüßen. Er möge warten. Ich habe mit meiner Gemahlin noch etwas zu besprechen.“
„Sehr wohl, Herr!“, antwortete Franz. Er öffnete die Tür, drehte sich aber noch einmal um, da er fragen wollte, wie lange die Unterredung wohl dauern würde. In diesem Augenblick fiel ein Gürtel mit Schnalle klirrend zu Boden. Damit waren alle Fragen erledigt. Kreuzfahrer müssen, wenn sie Pech haben, viele Jahre keusch leben, dachte sich Franz und war froh, nicht mitziehen zu müssen.
Otto von Orlamünde ließ sich Zeit. Er besichtigte die Burg Gleichen. Die große Vorburg mit Zugbrücke, einen mächtigen Wehrturm sowie ein gut zu verteidigendes Torhaus, konnte er sehen. Er kam gradewegs vom Mainzer Erzbischof, der ihn mächtig gerupft hatte. Da er Ernst vertreten würde, somit nicht am Kreuzzug teilnahm, musste er zahlen! Mehr noch, als die Kreuzfahrersteuer und die Ablösungszahlung für seinen Bruder Albrecht, schmerzte ihn, dass er seiner Schwester nur gleichgestellt wurde, nicht über sie gebieten konnte. Das war viel schlimmer. Ein Orlamünder unter dem Befehl des Landgrafen, das war unmöglich. So zahlten sie lieber. Ernst von Gleichen zählte ja zur Familie. Seit der Heirat seiner Schwester mit dem Ernst, hatten sich die Beziehungen zum Erzbischof verbessert. Der war im Reich aufgestiegen, da er es gewesen war, der Friedrich II. im Jahr 1220 gekrönt hatte.
„Mein lieber Herr Bruder! Oh, ich dachte Albrecht würde kommen,“ sagte Bertha ganz freundlich zu Otto von Orlamünde. „Es freut mich außerordentlich, Euch wieder gesund hier zu sehen.“ Eine angedeutete Umarmung folgte.
„Wir haben uns geeinigt, dass der Albrecht in Orlamünde verbleibt, während ich hierherkommen werde. Erzbischof Siegfried von Eppstein hat es so beschlossen und wir folgen seinem weisen Rat.“ Zu Ernst von Gleichen, der soeben auch erschienen war, sagte Otto weiter: „Der Erzbischof wünscht, dass Ihr euch dem Zug des Landgrafen Ludwig mit anschließt. Er meinte, dass alle Thüringer Ritter sich unter dem Banner des Ludwig versammeln sollten, um sich dann im kaiserlichen Heer einzureihen. Alle Händel werden vergessen und dem heiligen Ziel untergeordnet, dass Jerusalem wieder der Christenheit gehört! Hier die Dokumente, die mir Seine Hoheit, der Erzbischof, mitgegeben hat.“ Damit überreichte er Ernst etliche Dokumente, die von einem Schreiber hereingebracht worden waren. Weiter sprach er auffallend freundlich: „Liebe Bertha, dass dein Gatte auch wohlbehalten wieder hier eintrifft, haben wir, Albrecht und ich, ein Geschenk für euch beide.“ Otto sah in die erstaunten Gesichter der Beiden und fuhr fort: „Schweren Herzens trennen wir uns vom Ritter Marcus. Auch er selbst will Euch begleiten. Die Ausstattung haben wir übernommen, dass er keinerlei Last, sondern nur Zugewinn für euch ist!“
„Der Marcus, der fast alle Turniere letztes Jahr gewonnen hat?“, fragte Bertha.
„Ja, genau der. Er wird rechtzeitig eintreffen, um euch den Treueschwur zu leisten. Da er weder Weib noch Kinder hat, brauchte es keine Überzeugung! Ganz freudig nahm er unser Ansinnen sofort an“, sagte Otto.
„Da bin ich aber froh. Der Marcus streckt mit einem Schlag bestimmt hundert Sarazenen nieder, mein lieber Ernst. Da bin ich sicher, dass du wohlbehalten wieder heimkehrst!“, freute sich Bertha und fiel ihrem Gatten um den Hals!
Dem war das ein wenig peinlich und so bat er den Gast nach nebenan. „Machen wir zunächst mal eine Besichtigung. Der Franz hier, der kennt sich mit allem aus. Wenn geboten, dann fragt ihn, lieber Schwager!“
Der Schwager sagte: „Nicht nötig, Euer Hauptmann hat mir das Wichtigste gezeigt. Ich muss jetzt noch gen Erfurt aufbrechen. Der Erzbischof erwartet mich. Also, sobald der Schnee weg ist, ich denke so zu Märzen herum, wird es wohl losgehen! Lieber Schwager, ich wünsche viel Glück, reiche Beute und Gottes Segen!“
Otto ließ sich sogar hinreißen, Ernst und seine Schwester zu umarmen. Seine Reisekalesche fuhr vor und er entfernte sich Richtung Erfurt.
Lange blickten sie dem Wagen nach. Der Schnee war nur noch sporadisch über die Landschaft verteilt. Hier und da schauten die ersten Schneeglöckchen hervor. Nur die Gipfel der meisten Berge trugen noch eine weiße Knappe. Der Bach im Tal hatte sich schon seines Eispanzers entledigt. So manches Bäuerlein prüfte, ob man schon mit der Bestellung beginnen könne. Der Winter hatte schon zu lange gedauert. Februar rum, Winter ade!
Abschied
Als eines Morgens Ritter Holt von Thalleben und Ritter Marcus von Gebesee auf der Burg Gleichen eintrafen, wusste auch der letzte Bedienstete, dass der Herr in die Fremde ziehen würde, auf einen vom Papst befohlenen Kreuzzug.
Bertha hatte angewiesen, alle Fahnen aufzuziehen, die nur zu finden waren. Auch ihren Kindern hatte sie versucht, beizubringen, dass heute ein Freudentag war! Da der Bub, als auch das Mädchen, noch zu klein waren, um zu verstehen, was es hieß, Abschied zu nehmen, tollten sie lustig herum. Da wollte Bertha keine Tränen vergießen, hatte sie sich fest vorgenommen. Aber ihre Gedanken rasten in die Zukunft! Was würde werden? Stand ihr Bruder zu seinem Wort? Hielt der Erzbischof seine schützende Hand über sie wie versprochen? Wie lange musste sie Ernst entbehren? Wie viele Tage, wie viele Nächte ohne ihn? Es war nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber die Jahre hatten doch aus ihnen ein Paar gemacht. Jetzt erst merkte sie, dass da eine Angst in ihr hochkroch, Angst um Ernst! Angst um den Mann, der toben konnte, manchmal ungerecht war, der oft nicht zuhörte, ihre Bitten häufig als Weibergewäsch abtat. Der Mann aber auch, der zu ihr stand, wenn es sein musste, auf den sie sich verlassen konnte, der Vater ihrer Kinder, der zärtlichste Liebhaber der Welt, wie sie fand. Noch nie waren sie länger getrennt gewesen. Die Macht des Erzbischofs war so groß, dass niemand es wagte, seine rechte Hand, so nannte der Herr Erzbischof Ernst von Gleichen manchmal, anzugreifen. Ihre Brüder, Otto und Albrecht, lagen andauernd mit irgendwem in Fehde! Die Orlamünder waren halt ein Kriegervolk. Sie, die Bertha, war da wohl etwas aus der Art geschlagen.
Ernst von Gleichen schwang sich auf sein Pferd. Heute kein Abschied mit Tränen, dass hatten sie sich gegenseitig geschworen, in der Nacht, die zunächst kein Ende nehmen wollte. Erst das Morgengrauen hatte beide getrennt. Alle winkten fröhlich, als ob es zur Wallfahrt nach dem Peterskloster gehen sollte. Aber dem war nicht so, dass war im Innersten allen bewusst. Zahlreiche Männer ließen heute ihre Kinder und Weiber zurück und niemand konnte voraussagen, ob es gut ausgehen würde. ‚Es muss aber gut ausgehen. Wir kämpfen doch für Gott, gegen die Ungläubigen, die eingefallen waren in Jerusalem!‘, dachte Ernst.
Nur ich, der Marcus, sah damals fröhlich aus, als wohl der Einzige, dem die Tragweite nicht bewusst war.
Ich fragte: „Na, Herr Graf, wollen wir? Die Sarazenen warten, dass wir ihnen gründlich das Fell gerben!“
Ohne den Blick zu wenden, gab Ernst das Zeichen und der Zug setzte sich in Bewegung. Zunächst ging es Richtung Augsburg. Dort wollten sich die Thüringer vereinen und unter dem Banner des Landgrafen Ludwig IV. zum Kaiser streben, der sich in Italien aufhielt, in der Stadt Tarent.
Der Zug hatte schon die Fahne des Kreuzes gehisst, so dass sie ohne Beschwerden in Augsburg, beim Sohn des Kaisers, Heinrich, eintrafen.
Ein festlicher Gottesdienst wurde im hohen Dom zu Augsburg gefeiert. Natürlich ließ sich Heinrich nicht lumpen und verköstigte die Kreuzfahrer ordentlich. Dem Ludwig soll er sogar ein mit Edelsteinen besetztes Kreuz gespendet haben, wegen seinem Seelenheil. Ludwig versprach, das Kreuz zur Grabeskirche zu bringen und vom dortigen Bischof segnen zu lassen. So sicher waren sie damals ihrer Sache. Als nach zwei Tagen die Führer zum Aufbruch mahnten, wollten viele weiter rasten, so gemütlich war es hier! Erst als Heinrich die Versorgung einstellte, zogen wir weiter. So erreichten wir, Ende April 1227, die Stadt Tarent. Oh weh, wie sah es denn dort aus! Jeder Haufen versorgte sich selbst. Zelte standen hier und da, überall stank es fürchterlich. Die meisten erleichterten sich, wo es grade ging.
Noch schlimmer wurde es, als Regen einsetzte.
„Hier fehlt die ordnende Hand!“, bemerkte Ludwig und wollte sich zunächst zum Kaiser begeben.
Eine Einladung
Der Sommer kam ins Land und eine Einladung auf den Tisch. Landgräfin Elisabeth hatte sie an Bertha von Gleichen geschickt. Zusammen für ihre Männer beten, so etwas konnte sie nicht ablehnen. Also wurde gepackt und sich auf den Weg gemacht. Ihr Bruder, Otto von Orlamünde, war recht froh, dass sie verreiste. So konnte er schalten und walten wie er wollte. Da die Wege von einem Sommerregen aufgeweicht waren, benötigte die Reisegesellschaft
bis zur Wartburg zwei Tage.
Elisabeth empfing die Angereisten sogleich. Zugegen waren ihre Hofdamen, Isentrud von Hörselgau und Gunda. Die liebe Gunda, so wurde sie nur genannt.
Bertha spürte damals sofort, dass eine nicht zu fassende Aura die Elisabeth umgab. Mit der Herzlichkeit einer Schwester begrüßte Elisabeth „Ihre liebe Freundin“. So nannte sie Bertha während des gesamten Aufenthaltes. Man hatte sich schon flüchtig gesehen, da Elisabeth ihren Gatten des Öfteren bei Reisen begleitete. Stehts war die Landgräfin entsprechend ihres Standes gekleidet gewesen.
In diesem Fall aber war Bertha ein wenig erschrocken. Kein Schmuck trug die Edle, nur in eine schwarze Kutte war sie gewandet. Einzig ein scheinbar silbernes Kreuz um den Hals, stach vom Schwarz ab. Auch ihre Hofdamen waren in ganz einfachen Gewändern gekleidet.
Bertha hatte erwartet, dass man zunächst etwas zur Stärkung reichen würde. Aber damit hatte sie weit gefehlt. Zunächst ging es sogleich in die Kapelle. Etliche Vaterunser später trat auch ein Mönch hinzu und stellte sich vor: „Ich bin der Beichtvater der Hoheit, Konrad von Marburg.“
So legten alle die Beichte ab, um dann endlich in ein Speisezimmer geführt zu werden. Der guten Sitten gehorchend, wollte Bertha warten, bis die Hausherrin mit dem Mahl beginnen würde.
Aber die Gunda sprach für ihre Herrin: „Langt nur tüchtig zu. Meine Herrin pflegt im Augenblick zu fasten, um Gott gnädig zu stimmen, dass ihr Gatte wohlbehalten heimkehrt!“
Da verging Bertha augenblicklich der Appetit. Zunächst deutete sie die Worte als Angriff, da ihr ein solcher Gedanke nie gekommen wäre. Ihr Arm, den sie schon zum bereitgestellten Krug ausgestreckt hatte, zog sie schnell zurück. Elisabeth bemerkte dies und sprach nun selbst. „Ich werde mein Fasten ein wenig brechen, um meiner lieben Freundin, die gewiss beschwerlich hierhergereist ist, meiner Freundlichkeit zu versichern.“
Sie hob den Pokal, der vor ihr stand, und aß einen Bissen Brot. So konnte auch Bertha ihren Hunger und Durst ein wenig stillen. Sie sah wie Elisabeth es verstand, aus einem Bissen Brot, eine Mahlzeit zu zelebrieren, so dass die Gäste ihren Heißhunger stillen konnten. Natürlich war Bertha nicht allein gereist. Ritter Ralf, als männlicher Schutz, sowie Base Herta von Wildburg, als Begleitung, saßen mit am Tisch. Während Ralf, als starker Recke ordentlich hinlangte, verstand die Base die Zeichen und hielt sich zurück. Gleich nach dem Mahl, strebte die Elisabeth der Kapelle wieder zu. Vorher hatte sie noch den Hofdamen Anweisung gegeben, die Gäste zu ihren Gemächern zu führen. Man sähe sich morgen, nach dem Frühgebet. Bertha fand, dass es im Kloster gewiss nicht anders zugehe.
Erst als am nächsten Morgen die Landgräfin mit ihren Kindern zum Frühstück erschien, merkte man, dass es doch keinem Kloster gleich war. Da bereute Bertha, ihre Kinder zu Hause gelassen zu haben. Das Argument ihres Bruders: „Wenn dem Erben etwas passiert …“, konnte sie nicht entkräften und hatte sich daher gefügt. Den Kindern der hohen Frau wurde erst erlaubt, sich zu entfernen, als endlich auch Ritter Ralf gesättigt war. Sie selbst trank nur ein wenig Wasser. Dieses zögerte sie so geschickt hinaus, bis Ralf sein Mahl beendete.
Als alle aufgestanden waren, kam Elisabeth auf Bertha zu und fragte: „Wollt Ihr mich begleiten? Ich möchte einen kleinen Spaziergang machen.“
