Des Teufels Werkstatt oder Paris unter der Erde - Anton Lubojatzky - E-Book

Des Teufels Werkstatt oder Paris unter der Erde E-Book

Anton Lubojatzky

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Beschreibung

Neuausgabe des Buches aus dem Jahr 1854. Aus dem Inhalt: Jacques Dubois hatte des Teufels Hand gesehen, wie sie, sich am Boden hinbewegend, ihm das Licht ausgelöscht, und diese grauenhafte Teufelserscheinung bot, wie wir schon erwähnt haben, einen fast unabreißbaren Stoff für die Pariser; man war überzeugt, dass die infernalische Herrlichkeit Beelzebubs unter Paris seine Wohnstätte genommen und alle alten Gespenster- und Teufelsgeschichten, die längst in Vergessenheit geraten waren, erhielten durch das merkwürdige und grauenhafte Ereignis, das dem ehrlichen Lichtzieher, der als ein guter Pariser Bürger bekannt war, betroffen, einen belebenden Atem und liefen nun, zu wahrhaftem Unsinn gesteigert, von Mund zu Mund. "Der Teufel hat da seine Werkstatt aufgeschlagen", hieß es und die erfinderische Phantasie der Pariser bezeichnete als vollkommen von der Wahrheit dieser Sage überzeugt, den ganzen Distrikt von der Höllenbarriere bis nach dem Palais Luxembourg als Grund und Boden, unter dem Beelzebub mit seiner höllischen Sippschaft ihr Wesen treiben sollten. Es wäre allerdings etwas dafür gewesen, wenn das, was zu jener Zeit unter diesem Stadtteil von Paris sich begab, nur einigen dieser Wahngläubigen zur Ansicht gekommen wäre.

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Des Teufels Werkstatt oder Paris unter der Erde

TitelblattDes Teufels Werkstatt oder Paris unter der ErdeLeben und Wirken des Autors Anton LubojatzkyImpressum

Titelblatt

Auf historischen Spuren mit gerik CHIRLEK

Anton Lubojatzky

Des Teufels Werkstatt oder

Paris unter der Erde

Historisch-humoristischer Roman

Original: 1854

Neuausgabe mit einer Ergänzung

zum Leben und Wirken des Autors

gerik CHIRLEK

2017

Des Teufels Werkstatt oder Paris unter der Erde

An einem schönen Herbsttag des Jahres 1617 schwärmte im Forste von St. Denis eine kleine heitere Jagdgesellschaft, lauter junge Kavaliers aus den edelsten Geschlechtern Frankreichs. Auch ein Trupp königlicher Bogenschützen war dabei tätig, indem sie langsam hinter den lustigen Jägern herzogen zum Schutze derselben, da der junge König Ludwig XIII. in der Mitte der lebensfrohen Jäger sich befand. Es galt hier nicht der großen Jagd, sondern man ließ abgerichtete Dohlen auf kleine Vögel stoßen, was dem König ungemeines Vergnügen machte und zugleich ohne sonderliche Anstrengung war. Albert de Luines, der Gesellschafter des Königs, hatte diese Art Jagd dem jungen Monarchen lieb gemacht und es gehörte nun zu dessen Hauptbeschäftigungen, in dem Paris zunächst gelegenen Forsten dieser seiner Lieblingsneigung obzuliegen. Die Regierungsgeschäfte drückten ihn nicht, denn Maria von Medicis, seine Mutter, führte, obwohl der junge König für mündig von dem Parlament erklärt und bereits mit Anna von Österreich vermählt worden war, immer noch die Regentschaft, wie sie dieselbe während seiner Minderjährigkeit geführt hatte. Es war von Seiten Marias nicht der Wunsch vorhanden, durch fortgesetztes Behalten der Regentschaft Frankreich in einen glückseligen Zustand zu heben und ihrem königlichen Sohne, der jetzt noch nicht siebzehn Jahre zählte, dereinst ein völlig geordnetes Reich zu übergeben; vielmehr war es der herrschsüchtige Sinn Marias von Medicis, sich zur Gebieterin Frankreichs und ihres Sohnes zu machen. Der Letztere selbst zeigte wenig Neigung, sich mit ernsten Geschäften zu belästigen, die Vogeljagd amüsierte ihn mehr, als alles und selbst seine junge und schöne Gemahlin vermochte es nicht, den jungen königlichen Gemahl zu fesseln. De Luines hatte sein ganzes Herz erobert und das freie lustige Durchschweifen der Forste gehörte zu dem mit jedem Morgen wiederkehrenden Tagewerk des jungen Monarchen. Natürlich begünstigte Maria von Medicis diese Neigung ihres königlichen Sohnes umso mehr, als sie dadurch vor jeder Einmischung desselben in die Regierungsgeschäfte sich gesichert wusste. Frankreichs Zustand in damaliger Zeit glich einem immerwährenden Gärungsprozess. Intrigen aller Art waren an der Tagesordnung, die Großen des Reiches jederzeit bereit, der Regierung den Kampf anzubieten, welche sich aber auch nur durch Intrigen erhalten konnte. Es war also eine Zeit für kluge erfinderische Köpfe, eine Zeit, in der der Egoismus alle Segel ausspannte, um zu irgendeinem Ziele zu gelangen. Seit Heinrichs IV. Tode dauerte bereits dieser gärende Zustand, dies immerwährende Schwanken. Heinrich hatte es verstanden, mit kräftiger Faust die Leidenschaften der Großen seines Reiches niederzuhalten und den daraus entspringenden Parteiungen einen Damm zu setzen; nach seinem Tode indes streckte die Hyder der Zwietracht, der Ehrsucht schnell das tausendköpfige Haupt empor und es hätte eines höchst entschlossenen Charakters bedurft, um mit Gewalt die Ordnung aufrecht zu erhalten. Maria von Medicis besaß durchaus nicht jenen Charakter, das Regiment der Günstlinge breitete sich an ihrem Hofe aus und vorzüglich war es der Florentiner Concini und seine Gemahlin Leonore Galligni, welche die Regentin aufs Vollkommenste beherrschten und die Ursache zu so mancher Schilderhebung der französischen Großen gegen den Hof wurden. Leonore Galligni hatte um Maria von Medicis kein anderes Verdienst, als dass sie deren Milchschwester und später deren Kammerfrau gewesen; Concini, Leonorens Gemahl, besaß, außer einer schönen Gestalt, noch jene zum höchsten Grad ausgebildete Ränkekunst, die dem Italiener als eine eigentümliche Begabung angehört. Mit diesem Talent hatte er sich bereits zum Marschall von Frankreich emporgeschwungen und der Hass der Großen und vorzüglich des Pariser Volkes, welches dem übermütigen Ausländer bei mehr als einer Gelegenheit seine Gesinnung unverhohlen zu erkennen gegeben hatte, war ihm für diese Auszeichnung zu Teil geworden. Concini, der Florentiner von der dunkelsten Herkunft, war Marquis von Ancre geworden und unter diesem Namen kennt ihn die Geschichte. Ihm gegenüber standen die Prinzen von Geblüte Condé und Gaston, der letztere der Bruder des Königs, welcher indes, obwohl feindselig gegen die Italiener gestimmt, doch diese Feindseligkeit so viel als möglich zu verbergen wusste, da sie seine eigenen Pläne der Ehrsticht zerstört haben würde, indem Concini zu mächtig war, um einen so jungen Gegner, wenngleich dieser der Sohn seiner königlichen Gebieterin war, gegen sich aufkommen zu lassen. Die Anhänger des Prinzen von Condé, Cäsar, Herzog von Vendóme und Alexander, Großprior von Frankreich, die Herzöge von Revers, Mayenne, Longueville, Luxembourg, Guise, Tremouille, waren geschworene Feinde des Marschalls von Ancre. Dann gab es noch eine zweite Partei, die diesen Italiener wie den Tod hasste und das waren die Hugenotten, die Protestanten von Frankreich, an deren Spitze die Prinzen Rohan und Soubise standen, Männer, die sich die allgemeine Achtung des Volkes errungen hatten. Die dritte Partei bestand nur aus einer einzigen Person, indes war sie die wichtigste – der junge König selbst hasste den Marschall von Ancre. Der Letztere, von dem natürlichen Instinkt geleitet, seinen mächtigsten Feind zu umgarnen, unfähig zu machen, ihm schaden zu können, war auf den Gedanken gekommen, ihm in der Person Albert de Luines, des Sohnes eines verarmten und unbekannten Kriegsmannes, einen Gefährten zu geben, der gewandt und doch nicht zu großen Plänen erzogen, es verstehe, den jungen König zu zerstreuen. Dem Marschall erschien Albert de Luines als eine Kreatur, die sich zu allem brauchen lässt, vorzüglich da derselbe keine Erziehung genossen, welche ihn zu ehrsüchtigen Antrieben hätte berechtigen können. In der Tat bewies sich auch des Marschalls Spekulation als ein solches Intriganten würdiges Kalkül. Albert de Luines gewann sehr schnell des jungen Königs Gunst, indem er ihm zu der kleinen Vogeljagd wohl abgerichtete Dohlen schenkte und Maria von Medicis nebst dem Marschall von Ancre waren mit dem Resultat, das des Letzteren Spekulation bewirkt hatte, indem der junge König nun ein leidenschaftlicher Vogeljäger ward, vollkommen zufrieden. Aber das Nachspiel dieser unwürdigen Intrige stellte ein ganz anderes Resultat heraus, welches weder Maria von Medicis, noch der Marschall ahnten. Albert de Luines begriff nur bald seine Stellung als Günstling des jungen Monarchen und wenn auch kein Kopf von hoher Bildung und großem Verstand, so war er ein Charakter von ungemessener Ehrsucht. Sein Beschützer, der Marschall, der ihn als Werkzeug betrachtete, das sich glücklich schätzte, ein gutes sorgenfreies Leben führen zu können, ward sein Muster in der Ränkekunst und des Schülers Gewandtheit erwies sich bald zum Verderben des Meisters, der sich im Zenit der Erfüllung aller seiner Wünsche glaubte. Wir brechen hier mit der Andeutung aller dieser inneren politischen Verhältnisse Frankreichs ab, die wir als zum Verständnis des historischen Grund und Bodens unserer Geschichtserzählung für nötig erachteten und wenden uns zu den einzelnen Ereignissen derselben.

Der frische Herbsttag mit seiner herrlichen Sonnenbeleuchtung gab dem Forst von St. Denis jenen wunderbaren Charakter, der selbst auf die dumpfesten Gemüter einen wohltuenden Eindruck nicht verfehlt, indem er Freude und Bewusstsein des Glückes in denselben anregt. Die mächtigen Kronen der stolzen Eichenstämme glänzten smaragdähnlich im Sonnengolde und alle Abstufungen dieser glänzenden Beleuchtung zitterten in dem schon vom herbstlichen Farbenspiel heimgesuchten Laub bis herunter an den Fuß der alten Bäume, wo tiefer Schatten den lichten Sonnenstrahl verschlang. Auf einem der freien Plätze im Forst war ein Pavillon aufgeschlagen, wo der junge König einen Imbiss zu nehmen pflegte – die Bogenschützen unter ihrem Hauptmann Vitry umstellten diesen Platz und nach einigen Stunden der Jagdlust entfaltete sich auf demselben ein reges lustiges Treiben. Man speiste und trank und war guter Dinge. Der junge König sagte zu de Luines: „Du hast heute einen Unglückstag, Albert, ich glaube, du hast nicht drei ganze Stück zusammengebracht.“ –

„Nicht zwei, Majestät, nicht zwei, denn der zweite Vogel ist ins Gestrüpp gefallen, in das kein Hund hineinkonnte, weil es so dicht wie ein Binsenwald steht“, antwortete de Luines.

Der König lachte und rieb sich vergnügt die Hände. „Ja, de Luines, das Glück ist, wie man sagt, eine Dame, also launenhaft. Was lachst du, Jerome?“, wendete er sich schnell zu einem der Kavaliere seiner Umgebung, der den Becher in der einen Hand, die andere vor den Mund hielt, als müsse er ein losplatzendes Gelächter mit Gewalt unterdrücken.

„Sire, es kitzelte mich in der Kehle“, entschuldigte sich Jerome.

Ludwig sah ihn ernsthaft an. „Du lügst, Jerome, von dir hätte ich das nicht erwartet.“

„Sire, es schmeichelt mir, im Geruche der Aufrichtigkeit zu stehen, es ist das Einzige und Beste, auf was ich stolz sein kann, denn mein Herr Vater hat mir gerade so viel hinterlassen, um bei einer möglichen Vermählung meiner Person mit irgendeiner unbekannten Prinzess aus dem Morgenland derselben meine Schwertscheide als Nadelbüchse anbieten zu können“, antwortete Jerome.

Man lachte. Jerome galt in der Umgebung des Königs als eine Person, die die Bevorrechtung hat, Possen treiben zu dürfen, ohne dass man sie dafür zur Verantwortung zieht, er war der einzige Sohn eines armen französischen Ritters, aus dem Loiredistrikt und von einem unverwüstlichen Humor, der einen bedeutenden Vorzug vor den anderen Spaßmachern hatte, indem Jerome zugleich durch seine Körperkraft und Tapferkeit demselben einen Freipass verschaffte, welcher selten angetastet wurde. Jerome hatte etwas Vierkantiges in seiner Gestalt, was dem letzteren den Ausdruck physischer Kraft verlieh, sein breites ehrliches Gesicht war jederzeit mit einem Gelächter begabt; vorzüglich, wenn ein guter und voller Becher ihm winkte, taten sich die Pforten seines Humors auf und der König pflegte oft zu sagen: „Jerome, ich werde dir einen Weinberg schenken müssen“, worauf Jerome jedes Mal antwortete: „Sire, nur einen recht großen, einen ungeheuer großen und womöglich statt jeder einzelnen Traube ein Fass guten Ausbruchs am Stocke, ich werde dem Geschenk Ew. Majestät Ehre machen.“

Jerome stand außer der Berechtigung, zuweilen in seinem Humor derbe empfindliche Wahrheiten mischen zu dürfen, noch in dem vorteilhaften Ruf eines ehrlichen, durchaus nicht ränkesüchtigen Charakters, der es verschmähte, durch niedrige Schmeichlerkünste seine Armut zu verbessern und lieber, gleich den Vögeln unter dem Himmel, die nicht säen und doch ernten, unbekümmert ums tägliche Brot der Zukunft entgegensah.

„Warum hast du gelacht, Jerome?“, wiederholte der König.

„Sire“, sagte Jerome, „das Unglück de Luinecs, nicht einmal zwei Vögel gefangen zu haben, macht mir Spaß, weil es ganz mein Schicksal ist und wieder entgegengesetzt dem des Marschalls von Ancre, der immer das Vergnügen genießt, drei Vögel zu fangen, wenn ein anderer es nicht einmal zu einem halben gebracht hat.“

Der König schien verdüstert, seine Gesellschafter beobachteten Schweigen, nur der junge Baron von Estangues antwortete Jerome: „Der Marschall fängt keine Vögel.“

„Nein, Vögel nicht, aber Menschen, ehrliche, rechtschaffene Leute, deren Stammbaum tausendmal besser ist, als der des Marquis von Ancre, welcher weiter nichts für sich hat, als sein gekauftes Marquisat.“

„Still davon“, rief de Luines, „der König liebt dergleichen Unterhaltungen nicht.“

„O, lass ihn reden“, sagte Ludwig, „ich weiß eigentlich noch nicht, wovon er spricht. Wovon redest du? Jerome!“

Jerome schien diese Frage des jungen Monarchen erwartet zu haben, er hob den Becher, schwenkte ihn gegen den König und rief laut, dass es alle hörten:

„Sire, Gott schenke Ihnen immer einen glücklichen Vogelfang und gute Dohlen, die wacker auf Grünspechte stoßen. Langes Leben, Sire!“ Mit einem Zuge leerte Jerome den Becher und kippte ihn dann auf den Daumnagel um, „Sire, das ist eine wackere Nagelprobe, kein Tröpflein rinnt heraus, der beste Zecher in ganz Frankreich macht’s nicht besser; aber Sire, so wie ich gewöhnt bin vom Hause aus, rein auszutrinken, so bin ich auch gewöhnt rein einzuschenken, das heißt, das, was ich auf dem Herzen habe, herunter zu sagen. Wir haben jetzt eine Pause und wenn Sie erlauben, Sire, so möchte ich ein Märlein zum Besten geben, das hinlänglich pikant ist, um Aufmerksamkeit zu verdienen. Ich bitte um Ihre Erlaubnis.“

Der junge Monarch schien etwas verlegen, indes er gab die Bewilligung,

Jerome wendete sich darauf zum Weinmeister und ihm seinen Becher hinhaltend, sagte er mit dem lustigsten Tone: „Komm her, du allerliebste Kopie des Fassreiters (Bacchus auf dem Weinfass reitend) und gieße mir so viel Tropfen hinein, während ich der Majestät den tollen Schwank erzähle, dass der Becher gehäuft voll wird, ich weiß, dass man dem königlichen Trunk eine Ehre antun muss und bin ganz der Mann dazu, um einige Maß von diesem Mäßling noch ohne Beschwerde zu mir zu nehmen.“ Darauf wendete er sich zum König, verneigte sich und hob an:

„Sire, die Loire macht ihre Haken gerade wie ein Hase, der vor sich eine Ebene und hinter sich einen Kläffer steht. Gerade an so einem Haken steht das alte Schloss Horsville und dreitausend Schritte etwa davon entfernt steht wieder so ein altertümliches Gebäude, das gegen das erstere ungefähr wie ein Schwalbennest gegen einen Kirchenbau aussieht. Ich habe die Ehre der Sprössling dieses Schwalbennestes zu sein, dem die dortigen Umwohner den bewunderungswürdigen Namen „Himmelspforte“ gegeben haben. Warum? Ist mir nie klargeworden, auch mein ehrenwerter Vater Philipp von Bauderille wusste nicht, woher sein Besitztum so genannt wurde, und wir nahmen zur Ehre unserer Väter an, dass einer derselben das seltene Glück genossen haben müsse, direkt aus unserem Schwalbennest gegen Himmel gefahren zu sein. Die Herren von Bauderille waren Vasallen der Besitzer von Horsville, der Grafen von Latour du Branould, welche im Laufe der Zeit, um in Gegenwart dieser toten Vögel, des Zeichens unserer Jagdpartie“, – er deutete dabei auf einen Haufen kleiner, toter Waldvögel, die man in der Nähe des offenen Pavillons aufgeschichtet hatte, – „mit einer verblümten Redensart zu sprechen, so viele Federn verloren hatten, dass ihnen weiter nichts als Schloss Horsville übrig geblieben war, wo sie zurückgezogen von der großen Welt lebten. Als Kind schon war ich heimisch auf Schloss Horsville, der alte Graf Leon hatte mich gern und sein Sohn, der sich damals schon verheiratet hatte, sah es mit günstigen Augen, dass ich täglich herüberkam, um mit seinen beiden Kindern zu spielen. Das ist eine einfache Geschichte, Sire, aber ich verspreche Ihnen, dass es besser kommt, haben Sie nur eine kleine Geduld. Emilian und Hermance, die Kinder des jungen Grafen Raoul, hingen mit Leib und Seel’ an mir und, Sire, ich gestehe Ihnen, dass die kleine Hermance ein ganz allerliebstes Kind war.“ Alle lachten, Jerome war in einiges Feuer gekommen und es hörte sich gerade an, als ob er jetzt noch verliebt in die kleine Hermance sei, indes er war zu gutmütig, um ein Gelächter auf seine Kosten und wo es noch dazu eine so zarte Sache betraf, übel zu nehmen, er lachte mit und sagte zu dem jungen Monarchen: „Ja, Sire, diese kleine Hermance sitzt mir noch im Herzen, das ist gewiss etwas Pikantes.“ „Gewiss, Jerome“, bestätigte der König heiter, „ich glaubte, du liebtest nur den Wein.“ „Ich liebe alles, was mich liebt; aber weiter mit Ihrer Erlaubnis. Der alte Graf Leon so wie seine ganze Familie waren Hugenotten und …“ „Schweig, Jerome!“, rief der König, „ich liebe die Hugenotten nicht, es sind treue und ehrlose Franzosen.“ Jerome war weniger bestürzt durch diesen königlichen Ausdruck des Widerwillens, als unangenehm davon berührt, die Unruhe der Kavaliere bewies, wie sehr sie in Verlegenheit kamen, dass Jerome unvorsichtiger Weise eine Seite berührt habe, welche den König in eine üble Stimmung bringen konnte; indes Jerome, der ein kurzes Schweigen beobachtete, sagte bald darauf: „Sire, dann darf in Ihrem Reich auch niemand vom Tage sprechen oder guten Morgen sagen, denn es wäre möglich, dass der andere fragen könnte, wie habt Ihr geschlafen in der vergangenen Nacht? Es ist eine Erzählung, Sire, die Sie bewilligt hatten, und nicht meine Schuld, dass die Latour du Branould gerade Hugenotten sind. Darf ich weitererzählen?“ Ludwig warf gleichgültig das Haupt auf und Jerome redete also fort: „Nun, wir wurden mit jedem Tage größer, ich meine, die Grafenkinder und ich. Mein alter Vater starb, das Schwalbennest war so verschuldet, dass mir auch nicht ein Frank in der Tasche blieb und wäre nicht Graf Raoul gewesen, würde es misslich mit dem Sohne eines armen Ritters ausgesehen haben; er empfahl mich dem Herzog von Bouillon und endlich brachte mich das Glück in Ihre Nähe, Sire. Wie sich alles so sonderbar macht, traf’s auch hier ein, Graf Raoul war nach Paris gekommen als Deputierter beim Parlamente und wurde hier als Freund des Prinzen Condé verhaftet um eines Streites willen, den er bei dem Feste, welches dem Gesandten Jacobs I. gegeben wurde, mit dem Marschall von Ancre angefangen. Jetzt sitzt der arme Graf in der Bastille und wenn es dem Marschall nachgeht, dürfte er auch zwischen diesen Mauern sein Grab finden. Wenn nun …“ Hauptmann Vitry trat, Jeromes Erzählung unterbrechend, an den jungen Monarchen mit der Meldung heran, dass die Königin Regentin in Begleitung der Königin Gemahlin und des Marschalls Ancre den Weg durch den Forst gerade hierher geritten käme.

Das Gesicht Ludwigs wies eben keinen Ausdruck von freudiger Überraschung, indes er erhob sich, um den Ankommenden entgegen zu treten. Jerome war sehr ärgerlich über diese Störung. „Verwünscht, ich war so schön im Zuge, nur noch zehn Minuten und Graf Raoul wäre aus dem steinernen Heftpflaster, der Bastille, erlöst gewesen; aber nur Geduld, es wird sich wieder ein günstiger Augenblick finden, und dann fang ich meinen Vogel.“

Der König war mit seinen Kavalieren vor den Pavillon getreten, er schaute schweigend und missmutig den Weg entlang. De Luines, der sich von seiner Seite entfernt hatte, trat an Jerome heran, zupfte ihn am Ärmel. „Nun was soll’s?“, wendete sich dieser zur Seite. „Das frage ich dich“, entgegnete jener, „bist du von Sinnen, dass du gegen den Marschall sprichst, willst du dich mit Gewalt ins Unglück stürzen? Merke es dir, der Marschall ist unantastbar.“ „O ja, bis ihn einer greift“, antwortete Jerome ärgerlich, „es wäre mir lieb, wenn ich der Eine wäre, ich täte gewiss keine Fehlgriffe, so lieb hab’ ich ihn. –“ De Luines ließ eine Pause folgen, in welcher er dem ehrlichen Jerome scharf ins Gesicht sah, „du willst mich wohl abmalen lassen?“, fragte Jerome. – „Nein ich möchte wissen, ob man dir trauen dürfte?“ – „Oho, das klingt seltsam!“, sagte der Vorige, „aber mit deiner Ehrlichkeit nehm’ ich’s noch auf, de Luines.“ – „Es ist jetzt nicht am Orte, über wichtige Dinge uns zu besprechen, aber heute Nachmittag findest du mich im Glaskorridor, ja.“ – De Luines entfernte sich und Jerome sagte zu sich: „Wenn ich nur wüsste, ob dieser de Luines nicht ein Fuchs ist? – Unterdessen war die Kavalkade, welche der junge Monarch ziemlich missmutig erwartete, nähergekommen. Maria von Medicis, die Königin Regentin, liebte den Glanz und wenn sie den Palast verließ, so geschah es stets mit einem pomphaften Aufzuge. Voran ritt eine Schar starkbetresster Diener auf herrlichen Rossen, an ihrer Spitze zogen sechs Trompeter, die, so wie sie in die Nähe des königlichen Pavillons kamen, eine Fanfare bliesen, dass es im Walde widerhallte, als wären es Hunderte von Trompeten. Der Dienerschar folgte der Oberstallmeister der Königin Regentin, wieder begleitet von sechs Unterstallmeistern; in einiger Entfernung erschien nun die Königin Regentin selbst, an ihrer Seite der Marschall von Ancre, genau in derselben Linie mit diesen beiden, die Breite des Weges gestattete es zufällig, ritt die junge Gemahlin des Königs, Anna von Österreich, an ihrer Seite der Herzog von Epernon. Maria von Medicis trug ein grünes, mit Gold reichgesticktes Reitkostüm, welche Farbenwahl zu dem Atlasschimmel, den sie ritt, außerordentlich wohl ließ. Die junge Königin dagegen hatte ein schwarzes Samtkorsett und einen bläulich weißen seidenen Reitrock, welcher gegen das glänzende Schwarz des stolzen andalusischen Rappens, der mit ihr, der leichten Bürde, lustig daher tanzte, einen überraschenden, aber angenehmen Anblick gewährte. Die Jugend dieser schönen Frau lieh ihr die natürliche Grazie, welche selbst von rohen Gemütern zuweilen empfunden wird und selbst der Rappe schien davon angesteckt zu sein, seine Bewegungen waren zierlich und stolz, der schlank gegliederte zarte Bau des herrlichen Tieres, nicht angestrengt unter der leichten Last seiner Reiterin, trat bei jeder Bewegung vorteilhaft ins Auge. Ein langes Gefolge von Damen und Hofherren bewegte sich hinter den beiden Königinnen her und wurde wieder durch eine Schar bewaffneter Diener, die in einiger Entfernung nachritten, gedeckt. Man hätte meinen sollen, der Forst von St. Denis wimmle von Räubern, so stark war die gewaffnete Bedeckung. In der Tat waren damals die Landstraßen Frankreichs, vorzüglich in der Nähe großer Städte, nicht gerade die sichersten. Die Königin Regentin parkte ihren Atlasschimmel vor dem königlichen Sohne und redete ihn mit den Worten an: „Sire, wir werden Euch nicht lange beschwerlich fallen in Eurem Jagdvergnügen, der Forst von St. Denis ist so schön, dass wir uns nicht die Freude versagen konnten, Euch zu überraschen. Wart Ihr glücklich an diesem Morgen auf der Jagd?“ – „Es geht an, Madame“, antwortete der junge Monarch gleichgültig – „de Luines hatte aber viel Missgeschick, nicht zwei Vögel hat er erbeutet.“ – Die Königin Regentin lächelte, indem ein Seitenblick ihres Auges ans den Marschall von Ancre streifte. – „Ei, und de Luines, sagt man, ist sonst ein guter Jäger! Der Unfall wird ihn schmerzen, es ist eine Ehre, in Gesellschaft sich einen glücklichen Jäger nennen zu können. Aber Sire, seht Ihr nicht, Eure schöne Gemahlin hat uns die Ehre ihrer Begleitung erzeigt.“ Der junge Monarch nahm seinen Hut ab und machte Anna von Österreich eine tiefe Verbeugung. „Mein Herr Gemahl scheint nicht sehr von unserer Anwesenheit erbaut“, sagte sie scherzend. – „Sie irren, Madame“, entgegnete der König mit einem etwas spöttischen Lächeln – „ich habe nur das Unglück, dass mich plötzliche Überraschungen beengen, aber gewiss, Madame, das macht die Freude, Sie so unverhofft zu sehen.“ – „Nun, Sire, wir sind zu leichtgläubig, um dass wir an Ihrer Freude zweifeln könnten“, erwiderte die junge Königin immer im scherzenden Tone – „aber wir wissen auch, dass es nicht klug und wohlgetan ist, eine solche Überraschungsfreude von langer Dauer sein zu lassen. Mit Ihrer Erlaubnis, Sire, entfernen wir uns wieder.“ – „Ich bewundere Ihre Einsicht, Madame, und hege eine zu große Hochachtung für Sie, um je Ihre Wünsche zu beschränken“, antwortete Ludwig, abermals mit einer tiefen Verbeugung seinen Hut ziehend. Die Königin Mutter lächelte kaum merklich, die Kälte, welche zwischen diesem jungen königlichen Ehepaar herrschte, war für ihre Pläne nur vom größten Vorteil, denn sie hatte ganz richtig erkannt, dass Anna von Österreich nicht nur den spanischen Stolz, sondern auch die Energie, die Tatkraft des spanischen Nationalcharakters besitze und diese Eigenschaften durch ein zärtliches Einverständnis; mit ihrem königlichen Gemahl und unterstützt von der schönen Erscheinung Annas und durch ein kluges Benehmen von deren Seite, diesen, der bisher noch keine Lust, sich der Regierungsgeschäfte anzunehmen, bewiesen hatte, bald anderen Sinnes machen würde. Diese Gleichgültigkeit des königlichen Sohnes gegen seine schöne junge Gemahlin machte also der Königin Regentin eher Vergnügen als Schmerz, da sie ihr wie ein Bürge für eine auf lange Zeit hinaus sich erstreckende, von ihr geführte Regentschaft erschien. Indem sie noch einige Worte mit dem König wechselte, hatte der Marschall von Ancre, der etwas seitwärts geritten war, den Gesellschafter des Monarchen, den jungen de Luines, zu sich gewinkt und sich zu diesem herabbeugend, fragte er leise: „Ist vielleicht etwas über die Regentin oder auch über mich in der Nähe des Königs gesprochen worden?“ – „Ich habe Ihnen eine Mitteilung in dieser Beziehung zu machen“, flüsterte de Luines zurück. – „Wirklich?“, fragte der Marschall unangenehm berührt, – „heute Abend, de Luines, erwarte ich Sie.“ – „Pünktlich wie immer, Herr Marschall“, antwortete de Luines, die Rechte aufs Herz legend und sich verneigend. Die Regentin gab das Zeichen zum Aufbruch, die Kavalkade sprengte in kurzem Galopp und unter dem Schmettern der Trompeten an dem König und seinen Gesellschaftern vorüber und verschwand bald ans den Augen der Nachschauenden, da der Weg in einer Entfernung von kaum dreihundert Schritten eine große Krümmung machte und folglich die glänzende Gesellschaft von den alle Aussicht hindernden Bäumen verdeckt wurde. König Ludwig begab sich in den Pavillon, unmutig über diese Störung – sein leicht gereiztes Gemüt empfand zu sehr die Abhängigkeit, in welcher ihn die Königin Mutter durch die Ratschläge des Marschalls von Ancre zu halten suchte, sein Stolz empörte sich dagegen, aber bis jetzt war die Tatkraft noch nicht in ihm angeregt worden und so empfand er nur Verdruss, wenn er an seine, eines Königs unwürdige Stellung erinnert wurde. Eben deswegen herrschte auch eine solche Kälte zwischen dem jungen königlichen Ehepaar; Ludwig betrachtete seine schöne junge Gemahlin als eine Wahl seiner Mutter und nicht als die seinige, zudem fühlte er auch, dass Anna von Österreich in geistiger Beziehung ihm überlegen sei und diese Überzeugung, welche ihn verletzte, entfernte ihn von jeder vertraulichen Annäherung an dieselbe, er fürchtete von ihr beherrscht zu werden. Überhaupt war eine gewisse Kälte des Gemüts ein Grundzug seines Wesens, ihm mangelte der kräftige, schnell zur Tat entschlossene Charakter seines Vaters Heinrich IV. – Jerome hatte auch einen üblen Eindruck empfangen. Es war ihm nicht entgangen, dass de Luines heimlich mit dem Marschall gesprochen hatte und auf der weiten Erde gab es für Jerome von Bauderille keinen Menschen, den er so gründlich gehasst hätte, als gerade diesen Italiener. Der Hass Jeromes gegen den Marschall war nur der starke Ausdruck der ungeheuchelten Abneigung, welche redliche Menschen gegen diejenigen empfinden, welche der Ehrlichkeit ohne Scheu und Scham Hohn sprechen. „Ich werde mich sehr zusammennehmen müssen“, sagte Jerome zu sich – „dieser de Luines scheint mir ein hinterlistiger Spieler zu sein; aber, Teufels Brustbein! Wenn er mich in eine Schlinge verwickeln will, brech’ ich ihm’s Genick, so wahr ich eines armen Ritters Sohn bin.“ Mit diesem Entschluss, der ihm zugleich die angenehme Aussicht auf eine Rauferei verschaffte, ging Jerome in den Pavillon zurück, um noch vor dem Wiederbeginn der Jagd einen Becher Wein zu sich zu nehmen, – diese Beschäftigung war für ihn eine sehr angenehme.

Eine Viertelstunde später stießen die Dohlen wieder auf die kleinen Waldvögel, wodurch der Missmut des jungen Monarchen bald zerstreut wurde.