Desert Hearts - Jane Rule - E-Book
Beschreibung

Reno, am Rande der Wüste von Nevada - die Stadt des Glücksspiels, in der Vermögen schnell gewonnen und verloren werden. Die Stadt, in der Ehen schnell geschlossen und geschieden werden. Es ist die Zeit der schnittigen Straßenkreuzer und des Rock'n'Roll. Evelyn Hall, Literaturprofessorin aus New York, kommt nach Reno, um sich nach sechzehn Jahren leidenschaftsloser Ehe scheiden zu lassen. Sie ist eine Frau, die Konventionen respektiert, dem Glücksspiel nichts abgewinnt und sich vor der Wüste fürchtet. Ann Childs hingegen liebt die Wüste und arbeitet in einem Spielcasino. Sie findet immer eine Frau fürs Bett, sucht aber eigentlich die Frau fürs Leben. Als sie Evelyn begegnet, verführt sie die spröde Lady mit atemberaubender Finesse. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine ebenso leidenschaftliche wie riskante Liebe ...

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Seitenzahl:369

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FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationalerAutorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themenrund um das lesbische Leben

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de

Jane Rule

Desert Hearts

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Kappe

K+S digital

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

1

Konventionen haben, wie Klischees, die Eigenart, ihre Zweckmäßigkeit zu überleben. Sie werden dann als Landessprachen des Lebens gerechtfertigt oder verteidigt. Für von Geburt oder Natur aus Fremde sind Konventionen Zeichen von Geläufigkeit. Das ist der Grund, warum für jede Frau die Landessprache des Lebens die Ehe ist. Und nicht aus Verachtung gibt sie sie auf, noch aus Gleichgültigkeit, sondern nur, wenn sie gezwungen wird einzugestehen, dass sie nie imstande war, sie akzentfrei zu sprechen, und dass sie fortwährend die gröbsten Verstöße gegen ihre Grammatik begangen hat. Für eine solche Frau bleibt die Ehe eine Fremdsprache, eine fremdartige Landschaft, und sie wählt, da sie nicht eingebürgert werden kann, schließlich das freiwillige Exil.

Evelyn Hall war sechzehn Jahre verheiratet gewesen, bevor sie sich eingestand, eine solche Frau zu sein. Jetzt aber, im Flugzeug, das sie von Oakland, Kalifornien, nach Reno, Nevada, brachte, fühlte sie sich merkwürdig unverändert. Zorn, Schuld, Schmerz und Resignation, die sie jetzt empfand, hatten immer in ihr gestritten. Und dieselben Kleinigkeiten, die die junge Ehefrau in der Öffentlichkeit sich hatten sicher fühlen lassen, hatte sie auch jetzt noch an sich. Es war zwar richtig, dass das »Mrs.«, welches ein Attribut gewesen war, bald nicht mehr als eine Höflichkeit sein würde, und der Ring, den sie niemals als selbstverständlich betrachtet hatte, würde auch nicht mehr selbstverständlich sein. Es war sonderbar, dass sie ihn nicht abnehmen konnte. Bevor sie das Haus verließ, hatte sie es versucht, zunächst eher beiläufig über dem Küchenausguss, dann entschlossen im Badezimmer, aber auch Wasser und Seife ließen den Ring nicht über das in sechzehn Jahren zum Hindernis verdickte Gelenk gleiten. Vermutlich musste er abgekniffen werden. Auch das »Mrs.« abzukneifen war möglich, aber ebenso wenig wie sie dann verheiratet sein würde, würde sie je wieder Junggesellin. Sie würde geschieden sein, eine Konvention, die ihr ebenso fremd sein mochte, wie die Konvention der Ehe es gewesen war.

Vom Flugzeugfenster aus blickte Evelyn hinaus auf die fremdartige Landschaft, die Berge, die sich unter ihr allmählich zum Rande der Wüste hin absenkten, die Stadt an beiden Ufern des Flusses, der in der Meilenweite brennenden Sandes verschwand. Wenn ihr die Landschaft vertraut vorkam, dann nicht, weil sie jemals dort gewesen wäre, sondern weil sie Touristikplakate und Anzeigen gesehen hatte. Mit Widerwillen hatte sie Western gelesen. Und in ihren Träumen hatte sie den eben beginnenden Landeanflug durchgemacht, taumelnde Unsicherheit erdwärts.

Im Warteraum des Flughafens zeigte der Kalender den 27. Juli, und die Zeiger der Wanduhr rückten hier auf vier zu. Obwohl die Handelskammer einige charakteristische Souvenirs und das Syndikat seine Doppelreihe von Spielautomaten aufgestellt hatten, schien die Zeit örtlicher als der Ort. Die Passagiere warteten in allmählich demütigender Hitze. Die Fliegen waren entsetzlich. Sie krabbelten über Boden und Counter. Sie ließen sich mit unparteiischer Intimität auf Haaren und Gesichtern nieder und widersetzten sich jedem Versuch, sie zu verscheuchen. Aber so schmutzig und stickig der Warteraum auch war, er bot doch Schutz vor der direkten Wüstensonne. Nur widerstrebend trat Evelyn auf den Gehweg hinaus, um ihr Gepäck in Empfang zu nehmen. Die plötzliche, brutale Hitze ließ ihr den Schweiß ausbrechen, dass ihr übel zu werden drohte. Sie wartete nicht auf den Kleinbus. Sie winkte einem Taxi – die erste von so vielen kleinen, notwendigen luxuriösen Annehmlichkeiten.

Die Adresse des Gästehauses stand in dem Brief ihres Rechtsanwalts. Er hatte es vorgeschlagen, denn es sei angenehmer und billiger als ein Hotel. Als Evelyn das Taxameter beobachtete, wünschte sie, sie hätte Mrs. Packer vorher nach dem Preis für Unterkunft und Verpflegung gefragt. Aber als Evelyn ihr geschrieben hatte, war ihr diese Frage taktlos erschienen.

Vielleicht war sie schließlich doch dabei, sich zu ändern. Sie war voller Neuanfänge. Sie hatte sich zwei Hüte gekauft und sich auch bemüht, das Rauchen aufzugeben. Und in den letzten paar Tagen hatte sie sich gleich zweimal dabei ertappt, wie sie von George als von »Mr. Hall« sprach. Schuldgefühl ist nicht nur in seinem Ursprung reaktionär, sondern auch in seinem Ausdruck. Jahrelang hatte sie es in ihrem Hause gehalten, so dumpf, unbestimmt und beständig wie die Gesellschaft einer Katze; jetzt aber, schärfer fixiert, wurde aus ihm allmählich berechtigte Empörung.

Die Plakatwände, die für Restaurants, sündhaft teure Motels und Spielcasinos warben, gingen ihr nur gelinde gegen den Strich, wahrhaft erzürnte sie jedoch die übertriebene Werbung der Juweliere den Wüstenhighway entlang. Riesige Eheringe, groß wie Hula-Hoop-Reifen, durch die der Mond mühelos seine Bahn hätte hindurchziehen können, zum Spielen, zum Durchklettern, zum Hügelabwärtsrollen. Und die Rund-um-die-Uhr-Juweliere nahmen für sich das Tür-an-Tür mit der berühmten Neonkapelle in Anspruch, die ihrerseits in riesigen Blockbuchstaben ihren Vierundzwanzig-Stunden-Service anbot, Priester, Blumen, Fotograf und Trauzeugen inklusive. Vielleicht sprangen sie auch mit Ersatzbräuten und Ersatzbräutigamen ein. Als die Plakatwände zum Stadtrand hin weniger wurden, wurden sie von den eigentlichen Gebäuden, kompakter und noch protziger als ihre Abbildungen, ersetzt. Evelyn war fast dankbar, wenn sie ab und an eine Filiale einer ihr vertrauten Supermarktkette oder den Platz eines Gebrauchtwagenhändlers sah.

Das Taxi bog von der Hauptstraße ab in eine unansehnliche Gegend mit kleineren öffentlichen Gebäuden, die die wenigen älteren Privathäuser nun im Schatten stehen ließen und deren handgemachte Schilder Musikunterricht, Schneiderarbeiten und Tee anboten. Dazwischen eine verlassene Schule, ein hohes Gebäude mit schmalen Fenstern, der Schulhof öde, hart gebrannte Erde. Über die Dächer des nächsten Wohnblocks ragte die Spitze eines Kirchturms wie ein umgedrehtes Ausrufungszeichen. Es war Sonntag.

Als das Taxi an die Bordsteinkante fuhr und hielt, sah Evelyn auf ein großes, vom Straßenrand zurückversetztes Haus, das mit seinen Fensterläden recht albern wirkte. Sie ließ sich ihr Zögern nicht anmerken, stieg aus dem Taxi, bezahlte den Fahrer, nahm ihre Koffer und ging schnell auf das Haus zu.

Frances Packer öffnete die Haustür. Sie war eine kleine rundliche Frau in den Fünfzigern, mit mütterlichem Gesicht, die Eigentümerin. Sie begrüßte Evelyn mit Namen und rief dann ihren Sohn Walter. Er kam aus dem Wohnzimmer in die Diele, ein hochgewachsener Junge mit markanten Schultern und weichem Gesicht, der, die Sonntagscomics noch in der Hand, in das Sonnenlicht blinzelte. Er erinnerte Evelyn an die vielen namenlosen jungen Leute, die sich im Hintergrund ihres Hörsaals irgendwie bequem in den beengenden Sitzbänken rekelten, Tag für Tag und Jahr für Jahr, sich wiederholend und ausbreitend wie Immergrün.

»Zeigst du bitte Mrs. Hall ihr Zimmer, mein Lieber?« Dann wandte sie sich freundlich an Evelyn: »Abendessen gibt’s um fünf.«

»Das ist gut. Dann habe ich gerade noch Zeit, mich frischzumachen.«

Der Flur oben roch leicht nach Weihrauch, aber es war kühl. Das Zimmer, in das Walter Evelyn führte, war groß und laubgesprenkelt. Das Doppelbett war modernisiert worden, das Holzteil des Kopfendes war entfernt und durch das des Fußendes ersetzt worden, so dass das Bett behaglich und weniger bedeutungsschwanger seinen Platz einnahm, nicht länger Schauplatz der Zeugung, sondern jetzt einfach ein Ort zum Ausruhen. Den Raum beherrschte der alte Schreibschrank in der Ecke. Kein Sozialpsychologe hätte einen geeigneteren Wohnraum entwerfen können.

»Das Badezimmer ist gleich nebenan. Da müssten auch saubere Handtücher im Wandschrank sein«, sagte Walter, als er einen Koffer auf das Gepäckbord am Fußende des Bettes, den anderen quer über die Armlehnen eines Sessels legte. »Rauchen Sie nicht im Bett. Eine Feuerleiter gibt es nicht. Tun Sie abgeschnittene Zehennägel in den Aschenbecher. Und halten Sie keine Haustiere. Essenszeiten und andere Regeln der Hausordnung stehen in dem gedruckten Faltblatt in der Gideon-Bibel neben dem Bett. Noch Fragen?«

Evelyn lächelte ihn belustigt an, dankbar für seinen Unsinn, ohne jedoch eine passende Antwort parat zu haben. Außerhalb des Hörsaals war sie Heranwachsenden gegenüber nie schlagfertig gewesen.

»Aber ich habe eine Frage«, fuhr er fort. »Wir hatten eine Diskussion. Ich habe meiner Mutter gesagt, sie soll Dr. Hall zu Ihnen sagen. Das ist doch Ihr richtiger Titel?«

»Das spielt keine Rolle«, gab Evelyn zurück. Sie war eine der wenigen Frauen, die sie kannte, die das »Mrs.« dem »Dr.« vorzogen, vielleicht weil ihre Ehe schwieriger zu erreichen und zu erhalten gewesen war als ihr Doktortitel. Außerdem war George in diesem Punkt sehr empfindlich gewesen. Walter hatte natürlich recht. Dr. war jetzt ihr einziger »richtiger« Titel. Aber es schien eine zu einfache Lösung, oder eine zu ironische.

»Wenn Sie um ungefähr Viertel vor runterkommen – Sie hätten dann noch fünfzehn Minuten –, gibt’s im Wohnzimmer einen Sherry.«

»Wunderbar. Danke.«

Als Walter die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm Evelyn ihren Hut ab und öffnete einen Koffer, um ihre Kosmetiktasche herauszunehmen. In dem großen, sauberen altmodischen Badezimmer entdeckte sie die Quelle des Weihrauchgeruchs. Ein Lufterfrischer oder ein Tannenduftspray hätten sie deprimiert, aber Weihrauch, das war ihre Großtante Ida, keusch und kämpferisch, die in einem Haus ähnlich diesem gelebt hatte – mit nichts als ihrer königlichen Jungfräulichkeit war sie des hausherrlichen Schlafgemachs Herrin geworden, würdig des unveränderten Schauplatzes ihrer Empfängnis. Ihr Badezimmer, genau wie dieses, hatte Evelyn als Kind fasziniert, aber sie hatte niemals den Weihrauch benutzen dürfen. Wie Schnupftabak, wie Wein, wie Parfüm, war er den Erwachsenen vorbehalten. Obwohl Evelyn nicht die Absicht hatte, die Luft mit mehr als dem Geruch ihrer Seife zu belasten, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, eines der dünnen Stäbchen anzuzünden und in den Halter zu stecken – eine Kerze der Erinnerung an Ida, deren körperliche Gegenwart sie beschwor. Aber der in dem geschlossenen Raum sich verdichtende Duft reizte ihre Kehle. Sie musste das Stäbchen löschen. »Ach, Ida«, sagte sie weich, »es ist wahr, was du immer gesagt hast: Wir sind eine schwächere Generation.« Als Evelyn die Badewanne betrachtete, lang, tief, klauenfüßig, wurde ihr bewusst, wie gern sie gebadet hätte, aber es blieb keine Zeit mehr. Nach dem Abendessen würde sie Muße haben.

Als sie, zwar noch nicht ganz erfrischt, aber etwas abgekühlt und gesäubert, die Treppe hinunterging, klangen vergnügte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Es mochte schließlich doch eine angenehme Bleibe sein. Dass sie sich hier amüsieren könnte, wäre ihr vorher nicht im Traum eingefallen, und so pietätlos sie es auch fand, sie tadelte sich nicht.

»Wir haben also Familienzuwachs?« Es war die Stimme einer Frau, jung, spöttisch, amüsiert. »Diesem Hause geboren wie jede von ihnen, erwachsen und weiblich, entsprungen aus unseres All-Vaters gemartertem Haupt. Und sie sieht aus wie ich.«

Es waren nur zwei Personen im Raum, Walter, der Mühe hatte, aus einem tiefen Sessel hochzukommen, und die junge Frau, deren Stimme Evelyn gehört hatte. Sie stand vor dem Erkerfenster in einem Käfig aus Sonnenlicht. Evelyn lächelte betont belustigt und nicht gekränkt, denn die Frau war so jung wie ihre Studentinnen und Studenten, aber als sie sich ihr verlegen und mit sich entschuldigender Geste zuwandte, war Evelyn verblüfft.

»Dr. Hall, das ist Ann Childs«, stellte Walter vor. »Wie wär’s mit einem Sherry? Möchten Sie eine Zigarette?«

»Danke«, sagte Evelyn. »Hallo, Ann.«

»Hallo.« Ann starrte sie an.

»Da gibt’s einen Vers von Cummings«, sagte Evelyn. »›Hallo, das sagt ein Spiegel …‹«

»Wir sehen uns wirklich ähnlich«, sagte Ann. »Frances hatte recht. Oder etwa nicht?«

»Ja, sehr. Verblüffend.«

»Glauben Sie, wir sind verwandt?«, fragte Ann.

»Möglich«, antwortete Evelyn, aber sie glaubte es nicht. Das war keine Familienähnlichkeit, wie etwa ein schiefer Eckzahn oder die überrascht hochgezogene linke Augenbraue, die Geschwister von einem gemeinsamen Großelternteil ererbt haben. Es war eher ein Eindruck, der, wenn analysiert, jeder festen Grundlage entbehrte. Anns Gesicht war für Evelyn Erinnerung, nicht Ähnlichkeit. »Aber wahrscheinlich nicht.«

»Nein«, sagte Ann, deren eigene Sicherheit schwand. »Walter sagt, dass Sie in Kalifornien unterrichten?«

»Stimmt.«

»Welches Fach?«

»Englisch.«

Walter reichte Evelyn ein Glas Sherry. Als sie sich setzte, setzte er sich auch, aber auf einen Stuhl, der ihn am Rande der Konversation halten würde. Ann blieb stehen. Vielleicht war es die Anspannung, zu ihr aufzuschauen, vielleicht war es der Sherry: Evelyn verspürte eine ganz und gar nicht unangenehme Benommenheit im Kopf. Sie hatte Schwierigkeiten, den Fragen Anns zu folgen und sie zu beantworten. Und da sie eher hinsah als hinhörte, dachte sie, wie ungewöhnlich doch die Kleidung der jungen Frau sei. An diesem heißen Spätnachmittag trug sie robuste schwarze wollene Hosen, schwarze Stiefel und ein leuchtend blaugrünes langärmeliges Hemd. Evelyn war noch nicht im richtigen Westen gewesen, aber sie nahm an, dass eine solche Kluft Rodeos vorbehalten sei.

»Meinen Sie nicht auch?«, schloss Ann eine Frage, die irgendetwas mit Symbolismus und Yeats zu tun hatte.

»Entschuldigung, ich habe gerade Ihr Hemd bewundert.«

Ann schaute an sich herunter. »Das ist eine Uniform. Ich arbeite in FRANK’S CLUB – Nachtschicht.«

»In dem FRANK’S CLUB?«

»Richtig.«

»Was tun Sie da?«

»Ich bin Wechselmädchen.« Als Evelyn sie verwirrt anblickte, erklärte Ann: »Ich wechsle den Kunden an den Spielautomaten ihre Geldscheine in Münzen.«

»Ach ja?« Evelyn konnte ihre Überraschung und ihre Belustigung nicht verbergen. »Wie sind Sie an den Job gekommen?«

»Ich bin da schon vier Jahre«, antwortete Ann. »Ich lebe hier.«

»Sie könnte als Spielhalterin arbeiten«, sagte Walter, »aber sie will nicht, die dumme Nuss. Nur dabei können Frauen das große Geld verdienen.«

Evelyn sah ihre unwillkürlichen Vermutungen in Anns Augen aufblühen und verwelken wie umgepflanzte blühende Tulpen. Wenn Ann nicht hier war, um sich scheiden zu lassen, wenn sie in Reno lebte, warum war sie dann in diesem Haus? War sie verwandt mit den Packers?

»Da kommt Virginia«, sagte Walter und erhob sich von seinem Stuhl. »Dr. Hall, das ist Mrs. Ritchie.«

Virginia Ritchie war eine schmale, hübsche junge Frau. Sie blieb auch nach der Vorstellung noch an der Tür stehen und blickte nervös von Evelyn zu Ann und zurück. Offensichtlich bemerkte auch sie die verblüffende Ähnlichkeit zwischen den beiden, aber sie konnte sich nicht dazu äußern. Sie umklammerte Hut und Handschuhe, als verlöre sie ohne sie das Gleichgewicht, und erwartete von irgendjemandem eine Erklärung.

»Trinken Sie einen Sherry mit uns«, schlug Ann vor.

»Oh, danke, aber …«

»Kommen Sie schon!«, ermutigte Walter sie, fast barsch in seiner Unbeholfenheit.

»Frances sagt, das Abendessen ist fertig.«

»Kommt herüber«, rief Frances aus dem Esszimmer. »Wenn wir nicht gleich essen, kommt Ann zu spät zur Arbeit und Virginia zu spät in die Kirche.«

»Zur Abendandacht?«, fragte Ann, als sie ins Esszimmer hinübergingen.

»Ich dachte eigentlich«, antwortete Virginia. »Dr. Hall, vielleicht hätten Sie auch …?«

»Danke«, sagte Evelyn schnell. »Ich denke, heute Abend nicht. Ich hatte noch keine Gelegenheit auszupacken.«

»Nein, nein, natürlich …«

»Mrs. Hall, möchten Sie hier Platz nehmen?« Frances deutete auf den Platz rechts von Walter. Ann saß links von ihm, neben ihr Virginia Ritchie.

»Fang schon an mit dem Tranchieren, mein Lieber. Ich hole nur noch das Gemüse und die Soße.«

Walter konnte nicht gut tranchieren. Er war ungeschickt dabei und unabsichtlich brutal.

»Walter, Schätzchen, es ist schon tot«, sagte Ann gequält, als sie ihn sich abmühen sah. »Entspann dich.«

Walter seufzte, starrte einen Augenblick auf die Lammkeule und machte dann weiter. Da er nun wirklich gereizt war, traute er sich anscheinend nicht, etwas zu entgegnen. Evelyn lächelte. Sie mochte ihn, und sie mochte Ann zusammen mit ihm. Sie waren wie Bruder und Schwester in einem sentimentalen Stück, grob und einander offenkundig zugetan.

»Wie lange werden Sie bleiben, Dr. Hall?«, fragte Virginia Ritchie unvermittelt.

»Nun …«, Evelyn zögerte, »… sechs Wochen, nehme ich an.«

»Oh.« Virginia zerrte nervös mit beiden Händen an ihrer Serviette. In der Stille konnte Evelyn Frances’ Löffel hören, der auf der Suche nach Fremdkörpern in der Soße durch die Pfanne schabte. »Es tut mir leid.«

»Was denn?«, fragte Walter in einem Anfall von Verärgerung, aber Virginia hatte angefangen zu weinen.

Als Frances mit der Soße kam, stand Virginia vom Tisch auf, verließ den Raum und schluchzte Stufe für Stufe die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Frances blickte Walter an.

»Es war kein tiefer Schnitt«, verteidigte er sich. »Sie blutet fast überhaupt nicht.«

»Walter, du bist alt genug, um freundlich zu sein«, sagte Frances. »Mach mir einen Teller fertig. Ich bringe Virginia ihr Essen nach oben.« Sie wandte sich an Evelyn. »Gewöhnlich ist sie nicht so. Sonntage machen sie fertig.«

Als Frances den Raum verließ, begann Walter das Fleisch vorzulegen.

»Hat sie meinetwegen die Fassung verloren?«, fragte Evelyn. Sicher hatte sie damit nicht ganz unrecht.

»Alles regt sie auf«, antwortete Walter resigniert. »Wenn ich vergesse, an der Seite der Kloschüssel runterzupinkeln, weint sie sich in Schlaf.«

»Und Walter ist offensichtlich empfindlich, was seine Männlichkeit anbelangt. Sie sehen also, wie gespannt und psychologisch kompliziert die ganze Situation ist«, sagte Ann.

»Zwei Teller Brechbohnen für dich, Ann Childs, und kein Nachtisch.«

»Vorsicht«, sagte Ann. »Du hast heute Abend ein Rendezvous.«

»Erpresserische Kapitalistin! Eines schönen nahen Tages werde ich dein Auto nicht mehr brauchen. Wäre ich nicht ein armer junger Mann, der sich abstrampelt, um sich sein Studium zu verdienen …«

»Du brichst mir das Herz«, greinte Ann.

»Das hoffe ich.«

Ihre Hänseleien waren routiniert genug, um geistlos zu sein, und sie setzten sie jetzt mit müder Nervosität ein, um die Peinlichkeit zu überspielen, die Virginias Abgang verursacht hatte. Evelyn saß dabei und lächelte und wünschte, ihr würde auch etwas einfallen. Sie fühlte sich seltsam bloßgestellt und zugleich nicht dazugehörig.

»Ich hoffe, ihr habt nicht auf mich gewartet«, sagte Frances, als sie eilig wieder hereinkam. »Haben Sie schon von der Soße genommen, Mrs. Hall?«

»Ja, danke.«

Das Telefon klingelte.

»Ich gehe ran«, sagte Walter, als Frances von ihrem Stuhl aufsprang. »Setz dich hin und iss dein Abendessen.«

»Ich habe das Gefühl, wir sollten sonntags gar nicht mehr zu essen versuchen«, sagte Frances. »Walter sagt, ich sei eine zwanghafte Esserin, aber wenn ich vorschlage …«

»Es ist ein Ferngespräch für Virginia. Soll ich sie rufen?« Walter sah von der Diele ins Esszimmer.

»Gut, ja, ich denke schon. Sag ihr Bescheid. Aber schrei nicht. Geh rauf. Dieses Telefon muss aus der Diele verschwinden. Ich wünschte, ich wüsste, wohin damit.«

»Wie wär’s mit dem Badezimmer«, schlug Ann vor.

»Das habe ich tatsächlich schon überlegt, aber da ist doch irgendwas mit Stromkabeln in der Nähe von Wasser und so. Darf ich Ihnen noch Fleisch geben, Mrs. Hall? Ann? Nein, du willst nicht. Wenn jeder so wenig äße wie Ann, könnten wir ganz China miternähren.«

»Das ist genau meine Theorie«, antwortete Ann.

»Ann hat einen wahren Robin-Hood-Komplex«, sagte Frances munter. »Der ist wesentlich unkomplizierter und wesentlich subversiver als Kommunismus. »Korrumpiere die Reichen und füttere die Armen! Das ist es doch, Ann?«

»Frances mag das Glücksspiel nicht«, sagte Ann.

»Du ebenso wenig«, behauptete Frances.

Diese Diskussion war, wie Anns und Walters Hänselei, ein vertrauter Schlagabtausch, nicht wirklich bösartig, aber Evelyn verursachte sie dennoch Unbehagen. Zwischen Ann und Frances herrschte wirkliche Spannung.

Walter kehrte zum Tisch zurück und stand betrübt vor den kalten Resten seines Abendessens. Draußen in der Diele erklang Virginias verweinte hohe Stimme: »Mami liebt dich, mein Liebling. Jetzt sind es nur noch drei Wochen. Und sei ein guter Junge. Mami liebt dich sehr.«

»Um Gottes willen, Mutter, rede über irgendetwas, bitte!«

Und Frances redete. Sie sprach über Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Episkopalkirche, das Adoptionsgesetz, die Überschwemmung Renos. Die Verbindung zwischen dem einen Gegenstand und dem anderen war zwar oberflächlich, aber gekonnt hergestellt. Wenn Frances ihre Themen auch ausschweifend abhandelte, so war sie doch nicht ohne Gesprächsdisziplin. Ann steuerte gelegentlich eine Frage oder einen Kommentar bei, während Walter seine kalten Kartoffeln kaute. Evelyn saß schweigend da, gefangen zwischen den konkurrierenden Stimmen, gereizt und sonderbar beschämt. Als Virginia sich schließlich verabschiedete und die Treppe hinaufeilte, hörte auch Frances auf zu reden und stand auf, um das Geschirr auf einen Teewagen zu räumen, den sie dann in die Küche schob.

»Danke«, sagte Walter. Er fingerte mit der linken Hand in seiner Hemdtasche und zog eine Packung Zigaretten heraus. »Möchten Sie?«

»Nein, danke.« Evelyns Kopf schmerzte. Was sie gegessen hatte, stieg ihr sauer in die Kehle. Sie sehnte sich danach, die Mahlzeit endlich hinter sich zu haben.

»Wie spät ist es?«, fragte Ann.

»Sechs. Du hast noch gut zwanzig Minuten. Entspann dich.«

»Lässt du den Wagen auf dem Parkplatz?«

»Oh, wahrscheinlich komme ich dich abholen.« Walter erhob sich, um die letzte Vorlegeplatte wegzubringen.

»Um wie viel Uhr haben Sie Feierabend?«, fragte Evelyn und setzte diese angestrengte Frage gegen den freimütigen Blick voller Mitleid, den Ann auf sie richtete, sobald sie allein im Zimmer waren.

»Um drei, halb vier. Heute um drei Uhr. Sonntags dauert es eher länger.«

»Sie müssen den ganzen Tag schlafen.«

»O nein, ich bin immer gegen elf Uhr auf. Und an diesen heißen Tagen eher früher. Ist ja nicht Sinn eines Nachtjobs, den Tag zu verschlafen.«

»Vermutlich nicht«, sagte Evelyn. Ihr fiel nichts ein, was nicht persönlich gewesen wäre, und da ihr selbst persönliche Fragen missfielen, würde sie auch keine stellen. »Vermutlich nicht.«

»Gewöhnlich ist es nicht so schlimm wie heute«, sagte Ann. »Es tut mir leid … all der Unsinn, den ich geredet habe.«

»Bitte …«, setzte Evelyn an, war aber beunruhigt durch die Dringlichkeit in ihrer Stimme. Was war los mit ihr?

»Fahren Sie Auto?«, fragte Ann schnell. »Weil ich den Wagen tagsüber wirklich nicht oft brauche. Walter fährt damit zur Arbeit. Wann immer Sie wollen, könnten Sie ihn dort absetzen und den Wagen dann haben.«

»Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber ich …«

»Lehnen Sie nicht ab. Sie werden einiges zu erledigen haben.«

»Ich habe eine Menge Arbeit mit«, antwortete Evelyn, die ihre Stimme jetzt ganz unter Kontrolle hatte und mit ihren Augen Ann bewusst und stumm an die fünfzehn Jahre erinnerte, die sie trennten.

»Tut mir wiederum leid«, sagte Ann, die sich gelöst lächelnd über sich selbst mokierte. »Das ist nur Spielplatztaktik: Wenn du mir nicht böse bist, lass ich dich mit meinem Auto spielen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen jemand lange böse sein kann«, sagte Evelyn, deren Stimme zwar noch erwachsen klang, aber liebevoll, als spräche sie zu einem Kind.

Frances kam mit einem Obstkuchen herein. Walter folgte mit dem Kaffee. »Du hast noch eine Menge Zeit«, sagte Frances, »du musst einfach ein Stück von diesem Kuchen essen.«

»Habe ich auch vor.«

»Sie will nie Nachtisch«, sagte Frances zu Evelyn. »Wollte sie noch nie, nicht einmal als Kind.«

Walter karikierte den Ausdruck mütterlicher Fürsorglichkeit. Ann senkte in spröder Abwehr den Blick. Frances, die nichts bemerkte, zerteilte großzügig und aufs Geratewohl den Kuchen, und sie aßen.

Nachdem Walter und Ann das Haus eilig verlassen hatte, schlug Frances eine friedliche Tasse Kaffee im Wohnzimmer vor. Evelyn sprach fast sofort die Frage der Kosten an.

»Ich nehme fünfundsechzig Dollar die Woche.«

»Gut«, sagte Evelyn ein wenig zu schnell. Sie hatte sich im Grunde zwar nicht auf einen bestimmten Betrag festgelegt, aber da sie ihre einzigen Erfahrungen mit Preisen für Unterkunft und Verpflegung im Studentenwohnheim in Berkeley gemacht hatte, war sie doch bestürzt.

»Soll ich im Voraus bezahlen?«

»Immer pro Woche. Und sollten Ihre Pläne sich ändern, geben Sie mir eine Woche vorher Bescheid.«

»Ich bin sicher, dass ich mich hier wohlfühlen werde«, sagte Evelyn.

»Das freut mich. Aber manchmal … na ja … Leute ändern ihre Meinung.«

»Ja?«, sagte Evelyn. »Nun ja, möglicherweise.«

»Ja.«

Das Schweigen lud Evelyn ein, etwas über sich, ihre Situation und ihre Absichten zu erzählen.

»Lassen Sie mich mein Scheckheft holen«, sagte sie abrupt.

»Das ist nicht nötig. Morgen ist früh genug.«

»Ich will Sie dann nicht länger aufhalten, Mrs. Packer.« Evelyn stand auf.

»Nennen Sie mich doch Frances … Natürlich, Sie wollen auspacken. Machen Sie nur. Wenn Sie irgendetwas brauchen, lassen Sie es mich wissen. Gewöhnlich mache ich gegen zehn Uhr Tee. Kommen Sie herunter, wenn Ihnen danach ist. Oder auch früher. Ich habe immer gern Gesellschaft, also denken Sie niemals, Sie müssten allein sein.«

Allein sein müssen, dachte Evelyn, als sie die Schlafzimmertür hinter sich zumachte. Hätte sie gewusst, wie viel sie würde bezahlen müssen – das kam auf fast vierhundert Dollar hinaus – für sechs Wochen hätte sie auch in ein Hotel gehen können. Drei Mahlzeiten am Tag von der Art, wie sie sie gerade überlebt hatte, würden sie in den Wahnsinn treiben. Diese Hysterie, diese Peinlichkeit, diese Neugier, diese Zudringlichkeit waren nicht zu ertragen. Als sie auf ihre noch unausgepackten Koffer blickte, überlegte sie einen Augenblick, dass sie nicht bleiben müsse – dass sie sie einfach wieder zumachen, ein Taxi rufen und verschwinden könne. Aber den Gedanken an Flucht blockte ihr Verstand ab.

»Ich kann nicht vorm Davonlaufen davonlaufen.«

Eigentlich war alles in Ordnung. Es war nur Virginia Ritchie, Karikatur einer Frau, der Unrecht getan worden war, die die anderen sich benehmen ließ, wie sie sich benahmen. Sie würde in drei Wochen gehen, vielleicht früher. Evelyn fragte sich, warum ihr nie in den Sinn gekommen war, dass eine Frau, einmal in Reno, ihre Meinung ändern könnte. Reue, ja, Entsetzen sogar; aber wie beim Sprung in den Tod kein Zurück mehr? Aber das war ja lächerlich. Evelyn selbst hatte gewartet, bis sie keine Wahl mehr hatte, aber vielleicht handelten andere Leute impulsiv. Schließlich war Virginia Ritchie nicht viel älter als Ann Childs.

»Ja, gut. Ich geb’s zu«, antwortete Evelyn leise einem Gedanken, den sie sich eigentlich zu versagen hatte.

Ann war beinahe jung genug, um ihre Tochter zu sein. Aber nur Eltern durften für ihr eigenes Abbild Zärtlichkeit empfinden. Für eine kinderlose Frau war eine solche Zärtlichkeit bestenfalls narzisstisch. Und Evelyn hatte die weit weniger schmeichelhaften Namen für die Liebe gelernt, die eine kinderlose Frau für alles Mögliche empfinden kann: ihren Hund, ihre Bücher, ihre Studenten … ja, sogar für ihren Mann. Sie fürchtete sich nicht vor den Begriffen selbst, aber sie fürchtete sich vor der Wahrheit, die in ihnen liegen könnte. Diese Ähnlichkeit, das wusste sie, war kein Streich, den ihr Bedürfnis ihr spielte; ebenso wenig war sie ein Wunder. Ann Childs war ein Zufall; das war alles. Ein Unfall, ein illegitimes Kind, »erwachsen und weiblich, entsprungen aus unseres All-Vaters gemartertem Haupt«. Evelyn lächelte.

»Und ich werde Zärtlichkeit für sie empfinden, wenn ich es möchte.«

Als sie durch den Raum ging, um die Schubladen der Kommode aufzuziehen, bemerkte sie anstelle der Gideon-Bibel, die Walter ihr versprochen hatte, eine kleine Schale mit frischen Früchten auf ihrem Nachttisch. Frances Packer war wirklich eine nette Frau. Sie hatte nicht neugierig sein wollen. Sie hatte Evelyn nur die Möglichkeit geboten, Mitgefühl zu finden. Und wenn viele ihrer Gäste wie Virginia Ritchie gewesen waren, dann ging Frances mit ihrer Freundlichkeit bewusst das Risiko einer Heiligen ein.

»Ich muss ihr sagen, dass sie mich Evelyn nennen soll«, beschloss sie, als sie Nachthemden in die zweite Schublade legte, und zu ignorieren versuchte, dass sie Vertraulichkeiten dieser Art geschmacklos fand.

Als Evelyn ihre Habseligkeiten untergebracht hatte, war es erst halb acht. Sie war es nicht gewöhnt, so früh zu Abend zu essen. Alle Abende würden lang sein. Das war auch gut so. Sie hatte sich vorgenommen, in diesen sechs Wochen eine Menge Arbeit zu erledigen. Schon vermisste sie ihre Bücher. Sie hatte in ihrem Gepäck nur für drei oder vier Platz gehabt. Hätte sie den Wagen genommen, hätte sie jetzt alles da, was sie brauchte. George würde ihn gar nicht benutzen, aber sie hatte nichts vorschlagen wollen, was ihn noch weiter verunsichern oder erzürnen würde. Es gab Bibliotheken. Vielleicht würde sie am nächsten Tag eine aufsuchen, wenn sie beim Anwalt gewesen war. Oder am Dienstag. Dann hätte sie am Dienstag etwas Konkretes zu tun.

Evelyn setzte sich an den Schreibtisch und machte sich eine Liste der Leute, denen sie schreiben müsste. Evelyns Korrespondenz war seit dem Tod ihrer Schwester zwei Jahre zuvor auf ein Nichts zusammengeschrumpft – Weihnachtskarten an ein halbes Dutzend alter Freundinnen und Freunde, mehr nicht. Von denen war Carol die Einzige, der sie wirklich schreiben wollte, aber den anderen musste sie auch ein paar Zeilen zukommen lassen. Es würde kaum möglich sein, mit der Nachricht von ihrer Scheidung hinter dem Berg zu halten, um sie dann an die Weihnachtsgrüße anzuhängen. Irgendjemand sollte einen Formbrief entwerfen oder wenigstens zivilisierte Vorschläge für eine Scheidungsanzeige machen. »Mr. und Mrs. George Hall haben das Vergnügen …« Oder »Mrs. Evelyn Hall« – das war jetzt die korrekte Form, oder nicht? – aber nicht »hat das Vergnügen«. Bedauerte sie es? »… bedauert die Scheidung von ihrem Ehemann George«? »Schämt sich«? »Lässt unglücklich zu«? Bei einseitiger Scheidung könnte der nicht einverstandene Partner die Formel »Weigert sich zuzulassen … benutzen. Evelyn legte die Hände auf die Augen, weigerte sich, die unvermittelten Tränen zuzulassen.

Sie wollte eine Zigarette. Sie hatte keine. Wunderbar. Sie würde gehen und sich welche kaufen müssen. Es war erst acht Uhr, noch früh genug, um die nähere Umgebung zu erkunden.

Draußen auf der Straße wandte Evelyn sich – es war ein schöner Abend, und die Straßen, durch die sie gekommen war, waren unerfreulich gewesen – nach Osten, um tiefer in das einzudringen, was eine Wohngegend sein musste. Es gelang ihr zunächst, langsam zu gehen, während sie die Namen der Bäume und Blumen nannte, den feinen Sprühregen der Rasensprenger gegen Gesicht und Arme wehen spürte, überall ein schwingendes Pulsieren von Tönen, wie Abendgrillen. Früher als ihr recht war, fand sie einen Laden, aber da sie fürchtete, er könnte am Sonntagabend nicht mehr lange geöffnet haben, trat sie ein. Eine schweigsame, müde Frau bediente sie unverzüglich, und Evelyn kaufte mehrere Packungen Zigaretten und eine Flasche Sherry. Als sie wieder auf die Straße trat, wollte sie noch nicht umkehren. Hinter der nächsten Kreuzung wurde die Straße, die sie gekommen war, enger und stieg steil an, so dass ihr der Ausblick versperrt war. Neugierig ging sie weiter. Oben auf dem kleinen Hügel blieb sie, seltsam atemlos, stehen. Die Straße verzweigte sich jenseits der Hauptstraße hin zu drei kurzen Reihen fahler Backsteinbungalows, kein Baum mehr. Am Ende war die Wüste, unvermittelt eben, leblose Meilenweite, bis sie sich anhob und in die Berge überging. Eine unsinnige Angst, Evelyn so wesensfremd wie ein Hitzeblitz am Sommerhimmel, durchfuhr ihren Körper. Einen Augenblick lang konnte sie sich nicht rühren. Dann drehte sie sich, das Verlangen zu laufen unterdrückend, langsam um und ging zum Haus zurück.

Frances Packer war in der Diele, doch Evelyn schlug die Tasse Tee, die sie ihr anbot, aus.

»Möchten Sie nicht die Zeitung mit nach oben nehmen?«, schlug Frances vor. »Wir sind damit durch.«

»Danke, aber …«

»Nehmen Sie sie doch.«

Es war zu geringfügig, um abzulehnen; also trug Evelyn die unerwünschte Zeitung die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie riskierte einen Blick auf den Reisewecker neben ihrem Bett, nahm ihn auf und hielt ihn ans Ohr. Sie hatte nicht vergessen, ihn aufzuziehen. Er tickte mit präziser Regelmäßigkeit an ihrem Ohr. Wie war das möglich, dass sie nur zwanzig Minuten fortgewesen war? Unwirsch stellte sie den Wecker wieder hin und begann sich auszuziehen.

Gebadet und bettfertig stand Evelyn am Fenster und sah durch den dichtbelaubten Baum hinaus in den Himmel, der noch transparent war vom letzten anhaltenden Abendlicht. In Sicherheit nun, den Tag wie eine Tür sorgfältig hinter sich abgeschlossen, konnte Evelyn über sich selbst lächeln. Sie konnte sich an keine Nacht der letzten Jahre erinnern, in der sie vor Mitternacht im Bett gewesen wäre. Jetzt war es noch nicht einmal neun Uhr, und sie wehrte sich gegen den Schlaf wie ein Kind im Sommer, das nicht einschlafen will, bevor es dunkel ist. Warum? Es war ihr gutes Recht, müde zu sein. Es war ein langer Tag gewesen, dieser letzte Tag der langen sechzehn Jahre, die sie hierher gebracht hatten. Sicher konnte sie jetzt schlafen. Daran war nichts Unrechtes.

2

Ann überließ Walter den Wagen und ging den Weg hinauf zum Angestellteneingang. Innen stand die schale Hitze des Tages, es stank nach Messingaschenbechern, nach Schweiß und Schuhen. Aber die Angestellten der Nachtschicht, die sich um das Schwarze Brett drängten, vor der Stechuhr Schlange standen oder in den brüchigen Ledersesseln saßen, waren nach dem Tagschlaf ausgeruht, frisch rasiert oder geschminkt, in sauberen Hemden, gebügelten Hosen und auf Hochglanz gewichsten Stiefeln. Lärmendes Stimmengewirr, Geschichten aus der vergangenen Nacht, weil Samstag gewesen war; Erleichterung wegen der kommenden Nacht, weil Sonntag war. Gemeinsam entspannten sie sich, die Wechselmädchen, die Auszahler, die Kassiererinnen, die Spielhalter und die Abteilungsleiter.

»Wir sind wieder im Corral, Schätzchen!«, rief Silver Kay vom Cola-Automaten quer durch den Raum.

»Gott sei Dank nicht bei den Dollarautomaten«, sagte Ann, als sie sich zu Silver gesellte und einen Schluck von der Cola trank, die Silver ihr anbot.

»Für dich alles gut und schön. Du bist wieder auf der Rampe. Ich bin, verdammt, wieder unten.«

»Das magst du doch«, sagte Ann.

»Ich mag das. Ich mag das. Du bist nie unten.«

»Ich bin nicht groß genug«, sagte Ann.

»Das wäre kein Problem. Du bist bemerkenswert genug, Darling.«

»Danke«, sagte Ann und sah zu Silver auf, die in ihren hochhackigen Stiefeln über eins achtzig maß, fast ohne Hüften und mit unverschämtem Busen, ihr gebleichtes Haar fast so weiß wie der Zehn-Gallonen-Hut, der wie ein aufgehender Mond über ihren Schultern schwebte, »aber ich spiele nicht in deiner Liga.«

»Warum meldest du dich nicht an?«, schlug Silver vor. »Heute Nacht zu ermäßigten Preisen.«

»Tatsächlich?«

»Hm-hm.«

»Joe ist nicht da?«

»Und ich habe eine Flasche Scotch deiner Lieblingsmarke«, sagte Silver lächelnd.

»Vielleicht bin ich zu müde«, sagte Ann, aber sie spürte Silvers Augen von ihrem Hals bis zu ihren Schenkeln wandern – eine aufreizende und erlösende Verlockung. »Ich habe letzte Nacht wenig geschlafen.«

»Schlaf mit mir.«

»Gehst du runter in den Umkleideraum?«

»War ich schon.«

»Ich seh dich dann später«, sagte Ann.

Im Kellergeschoss traf sie Janet Hearle, die schon an dem offenen Spind stand, den sie gemeinsam benutzten.

»Ich war gerade oben im Lager und habe dir einen besseren Schurz mitgebracht«, sagte Janet. »Hier.«

»Danke. Wie ist die Lage?«

»Wir haben einen Termin für die Operation bekommen. Morgen in einer Woche.«

»Das sind gute Nachrichten«, erwiderte Ann. »Hast du dir schon freigenommen?«

»Meinst du, ich sollte fragen, Ann? Die könnten doch glatt sagen, ich bräuchte gar nicht wiederzukommen.«

»Aber du musst bei dem Baby sein«, protestierte Ann. »Frag Bill. Der wird das verstehen. Er setzt sich für dich ein.«

»Ich bin letzte Woche zweimal zu spät gekommen.«

»Dann bist du eben zu spät gekommen.«

»Ich kann es mir nicht leisten, den Job zu verlieren, Ann. Ich brauche das Geld. Und Ken kann sich freinehmen. Er hat das schon mit seinem Chef geregelt. Er kann zehn Tage freinehmen.«

»Zehn Tage sind doch nicht genug, oder?«

»Nein, aber dann wissen wir Bescheid. Wenn er dann noch lebt, wird er weiterleben.«

»Er wird leben«, sagte Ann.

»Dein Namensschild sitzt schief.« Janet löste das Plastikkärtchen: FRANK’S CLUB STELLT VOR (Bild eines Planwagens) ANN. Sie steckte es ordentlich über Anns linker Hemdtasche fest. »So.«

»Du siehst Bill doch heute Nacht. Fragen kostet nichts.«

Janet nickte unentschlossen. Sie schloss den Schrank ab. »Na, dann wollen wir mal.«

Ann hätte selbst mit Bill gesprochen, wenn es einfach nur die Beurlaubung gewesen wäre, die Janet schwanken ließ, aber zehn Tage nicht zu arbeiten, das bedeutete einen Verlust von rund hundert Dollar. Sie und Ken hatten die Operation vom letzten Jahr noch nicht abbezahlt. Sie kauften das Leben ihres Kindes auf Raten und hatten nicht einmal dreißig Tage Garantie. Ja, Frances hatte recht. Ann mochte das Glücksspiel nicht, aber die Leute, die ihm in FRANK’S CLUB frönten, waren wenigstens harmlos, auch wenn sie mehr verloren, als sie sich leisten konnten. Und schließlich kannten sie hier ihre Chancen. Große Schilder in den Waschräumen verkündeten: »Vergiss nicht: Wenn du lange genug spielst, verlierst du.« Und auf Handzetteln, die den Kunden gegeben wurden, wurden sorgfältig die Nachteile des jeweiligen Spiels erklärt. Natürlich war das alles PR, mit deren Hilfe das Establishment so tat, als sei dies nicht der TEMPEL DES MAMMONS in der Stadt von Dis. Trotzdem war es ehrliche Werbung. Keine Universität veröffentlichte die Chancen gegen das Lernen, kein Krankenhaus die Chancen gegen das Überleben, keine Kirche die Chancen gegen die Errettung der Seelen. Hier wenigstens wurden die Leute nicht für dumm verkauft. Man ließ sie wissen, dass niemand intelligent genug oder stark genug oder begnadet genug sei, um errettet zu werden. Dennoch spielten sie.

Als Ann und Janet den letzten Treppenabsatz erreichten, war ihnen der Weg von einer kleinen Gruppe von Angestellten versperrt, die beobachteten, wie Silver eine neue junge Frau einwies.

»Hör zu, Kindchen, in den Stockwerken ist es höllisch. Kannst alle fragen. Stimmt’s etwa nicht?« Mehrere nickten amüsiert. »Da wird’s zum Beispiel so voll, dass eine Frau, die ohnmächtig wurde, mit der Rolltreppe zwei Stockwerke runterfahren musste, ehe sie einen Platz zum Umkippen fand. Ich verkohle dich nicht! Verkohle ich sie etwa?« Die anderen schüttelten den Kopf. »Eines Samstagnachts halfen uns einige äußerst kooperative Gäste, zehn Betrunkene rauszuschleppen. Wir haben erst eine Stunde später bemerkt, dass diese zehn Betrunkenen Spielautomaten waren, gekleidet in Hut und Mantel. Trickreich, was? Aber worauf du wirklich scharf aufpassen musst, das sind die Taschendiebe. Und weißt du, wie du gehen musst, um Taschendiebe abzuschrecken?«

Die Neue schüttelte den Kopf. Sie sah Silver an und versuchte, ihre Ängstlichkeit hinter gelinder Skepsis zu verbergen.

»Du hakst deine Daumen so ein, siehst du?« Silver machte es vor, die Daumen in den Hosentaschen, die Hände auf den Hüftknochen. »Und setz die Ellenbogen ein, um sie zu verscheuchen.« Sie ging ein paar Schritte. »Nun du. Versuch’s.« Die junge Frau zögerte. »Na los! Du musst es lernen.«

»Sie hat recht«, sagte Ann. »Niemand könnte es dir besser beibringen. Silver war Taschendiebin, bevor sie herkam.«

»Nur als Hobby«, übertönte Silver das Gelächter, »nur als Hobby.«

»Und sie ist stolz auf ihren Amateurstatus, denn nächstes Jahr geht sie zu den Olympischen Winterspielen.«

»Ann?«

Ann drehte sich um und sah Bill hinter sich stehen. »Ja, Bill.«

»Ich möchte, dass du die Neue heute Nacht mitnimmst.«

»Das habe ich gern!«, sagte Silver. »Hier stehe ich und biete freiwillig meine langjährige Erfahrung … aber du bist in guten Händen, Herzchen. Ann wird sich gut um dich kümmern.«

»Das ist Joyce, Ann«, sagte Bill. »Ihre Sachen hat sie alle. Ihre Karte ist abgestempelt. Ann zeigt dir genau, was du zu tun hast, Joyce. Und ich komme später vorbei, um zu sehen, wie’s dir geht.«

Joyce, vorerst gerettet aus der alles überragenden Burleske Silvers, wandte sich dankbar und erleichtert der schutzbietenden männlichen Stattlichkeit Bills zu. Und da sie offensichtlich nicht wollte, dass er sie verließ, begleitete er Ann und Joyce den Flur entlang.

»Du darfst dich von Silver nicht verschrecken lassen«, sagte er. »Es ist nicht schwer. Ann wird’s dir zeigen …«

Als er Anns Namen aussprach, hatte er nicht vorgehabt, seine Gefühle, wie schon so oft, öffentlich kundzutun, aber er konnte nicht anders. Ann wich ein wenig aus, um außer Reichweite seiner Zärtlichkeit zu sein, die ihr jetzt, da sie sie nicht mehr ertragen konnte, unter die Haut ging wie Schmerz oder gar wie Angst.

Als sie zur Tür kamen, blieb Bill stehen und drehte sich zu Ann um. »Ich habe mein Hauptbuch vergessen«, sagte er. »Bis später.«

»Ist er verheiratet?«, fragte Joyce.

»Nein«, erwiderte Ann.

Sie stemmte sich gegen die Tür, stieß vor in die kalte klimatisierte Luft, in das Scheppern und Schleifen der Spielautomaten, die durch Lautsprecher verstärkten Stimmen der Spielhalter, die gedämpften Menschenmassen. Sie nahm Joyce beim Arm und führte sie durch den Irrgarten von Automaten und Spieltischen zur Rolltreppe, auf der sie, neben einem halben Dutzend anderer Leute, zum ersten Stock hinauffuhren. Dort war es nicht so voll, aber der Krach war maßlos.

»Hast du schon irgendetwas davon gelesen?«, fragte Ann und deutete mit dem Kopf auf die fotokopierten Blätter und das Buch in Joyces Hand. »Ich meine nicht Wie man Freunde und Einfluss auf Menschen gewinnt. Das einzig Wichtige an diesem Buch ist, dass der alte Hiram O. Dicks meint, er sehe aus wie Dale Carnegie. Also, wenn du ihm mal zufällig über den Weg läufst – in Wirklichkeit sieht er aus wie einer der Hausmeister –, dann sag ihm, wie gern du sein Buch gelesen hast und wie sehr es dir bei deiner Arbeit geholfen hat. Aber das andere Zeug ist wichtig.«

»Ich hatte noch keine Zeit«, gestand Joyce. »Ich habe gerade mit diesem angefangen.«

Ann sah auf den ersten Absatz:

Hallo! Willkommen in FRANK’S CLUB. Vielleicht fühlst Du Dich gerade jetzt ein bisschen unwohl, wenn Du Dich umsiehst und begreifst, dass Du Mitglied der berühmten Familie von FRANK’S CLUB bist. Ja, Du bist ein Greenhorn im Corral, und Du weißt nicht GENAU, was man von Dir erwartet. Nur nicht nervös werden. Locker bleiben. Alle um Dich herum sind Mitglieder Deiner Familie, bereit, Dich einzuarbeiten. Und jeder von ihnen war selbst mal ein Greenhorn. Denk daran, sie alle haben ihren ersten Tag durchgemacht …

»Na ja«, sagte Ann, »wenn du mit dem Mist durch bist – in dem da stehen Dinge, die du wissen musst. Nun geh rauf in den nächsten Stock. Trink eine Tasse Kaffee. Und lies etwas von dem Zeug. Komm in einer halben Stunde wieder runter. Ich bin gleich da drüben. Dann checke ich dich ein.«

»Wo?«

»Gleich da drüben, bei den Wagen. Wenn du dich verläufst, kannst du jeden nach dem Corral fragen.«

Am Kassenschalter bat Ann um den Schlüssel für ihr Schließfach im ersten Stock, wo sie ihre Handtasche wegschließen konnte. Als der Schlüssel an ihrem Hemd genau unter ihrem Namensschild befestigt war, der grüne Wechselschurz hoch um ihren Brustkorb geschnallt und der Münzspender an seinem Platz eingehakt war, ging Ann zurück zum Kassenschalter, um ihr Geld zu holen. Janet war schon da.

»Fünfhundert heute Nacht«, sagte die Kassiererin und schob jeder den vorbereiteten Stapel, den Auszahlungsbeleg und eine Gratispackung Zigaretten zu. »Wie geht’s dem Kleinen?«

»In einer Woche kommt er ins Krankenhaus«, sagte Janet, die das Geld sorgfältig zählte, bevor sie den Schurz damit belud.

»San Francisco?«

»Ja.«

»Na, dort ist er bestens aufgehoben. Ich habe gehört, du hattest letzte Nacht mit meiner Mutter zu kämpfen, Ann?«

»Stimmt«, sagte Ann. »Ich hätte nicht gedacht, dass sie es von sich aus erzählen würde.«

»Sie fand es lustig. Sie sagt immer: ›Wenn ich getankt habe, bleibe ich in Anns Nähe. Sie bringt Pech wie die Hölle, aber sie hält mich aus allem Ärger raus!‹«

Ann lächelte. Sie hatte ihr Geld gezählt und unterschrieb ihren Auszahlungsbeleg. »In ungefähr einer halben Stunde bin ich wieder da, um eine Neue einzuchecken. Okay?«

»Klar.«

Silver trat an den Kassenschalter, als Ann und Janet gerade losgehen wollten.

»Na, du wirst die Zeit heute Nacht ja angenehm verbringen«, sagte sie zu Ann.

»Ich brauche die Neue nicht. Ich wünschte, Bill hätte sie dir gegeben.«

»Aber sie braucht dich, Darling. Entspann dich und genieße sie.« Silver griff nach dem Schlüssel, den die Kassiererin ihr hinhielt. »Wehe, du gibst mir das unterste Fach, dann …« Ann zog Janet außer Hörweite dessen, was sich zu einer von Silvers plastischen Verwünschungen auswachsen würde.

»Also echt«, sagte Janet, »es wundert mich nicht, dass sie sie von den Spieltischen abgezogen haben. Sie gehört gefeuert.«

»O nein. Silver ist in Ordnung.«

»Sie ist vulgär.«

»Sicher.«

»Ann, warum lässt du es zu, dass sie immer diese Bemerkungen macht?«

»Was für Bemerkungen?«

»Sie hat’s immer mit dir … macht Andeutungen.«

»Das hier ist kein kirchliches Nähkränzchen, Janet. Es ist ein Spielcasino.«

»Schon, aber es gibt auch ein paar anständige Leute hier. Dich zum Beispiel.«

»Weil ich ein begrenztes Analvokabular habe? Scheiße«, sagte Ann sanft und grinste. »Ich mag Silver.«

Janet lächelte widerwillig und schüttelte den Kopf. »In Ordnung. Ich bin eben prüde. Ich weiß. Ich mag sie nicht. Ich mag sie überhaupt nicht.«