DETERMINISMUS AUF AUGENHÖHE - Bernd Wolf - E-Book

DETERMINISMUS AUF AUGENHÖHE E-Book

Bernd Wolf

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Beschreibung

Musste wirklich alles so kommen, wie es gekommen ist, oder hätte es auch anders kommen können? Eine Frage, die nicht egal sein kann und auf die niemand auf dieser Welt eine Antwort hat. Sie bringt jedoch Konsequenzen mit sich, die es in sich haben. Da wäre zunächst die sogenannte Willensfreiheit, gefolgt von der Verantwortung und der Schuld und der Gerechtigkeit. Bedeutende Bausteine unserer Weltsicht, die sich nicht mit einem Determinismus zu vertragen scheinen, der nicht wegzudiskutieren ist. Überlegungen in diese Richtung lassen offenbar nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder wir sind zurechnungsfähig, oder wir sind es eben nicht. Ich bin nicht allein und auch nicht der Erste, der von einer Verträglichkeit unseres Willens mit dem Determinismus überzeugt ist, aber meiner Einschätzung nach sind es bisher nur Wenige, die diese Überzeugung teilen. Vielleicht kann ich mit diesem Buch etwas daran ändern. Weil es darin um Argumente und Beispiele geht, die dafür sprechen, dass der Determinismus nichts sein kann, was über uns kommen könnte. Er kann daher auch nicht zu unserem Widersacher werden und er konnte es auch noch nie, er ist vielmehr mit uns, weil wir eins mit ihm sind und auch immer eins mit ihm waren. Es geht um eine scheinbare Zwangsverkettung des Geschehens, die keine sein kann, weil auch wir Teil des Geschehens sind.

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EPUB
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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Determinismus auf Augenhöhe

Überlegungen zur Unauffindbarkeit der sogenannten Willensfreiheit

Bernd Wolf

© 2023 Bernd Wolf

Umschlagbild: syntika; iSTock Lizenz

Umschlaggestaltung: Angelika Fleckenstein; Spotsrock

Korrektorat: Angelika Fleckenstein

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

ISBN:

Softcover:

978-3-347-95849-4

Hardcover:

978-3-347-95850-0

E-Book:

978-3-347-95851-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH

Abteilung „Impressumservice“

Heinz-Beusen-Stieg 5

22926 Ahrensburg

Deutschland

Im Impressum ist bei der Angabe zum Korrektorat der Name Angelika Fleckenstein angegeben. Das ist so, wie es da steht, nicht ganz richtig. Frau Fleckenstein hat auch lektoriert, was zu lektorieren war. Hätte daher aber anstelle von Korrektorat Lektorat gestanden, wäre es auch nicht ganz richtig gewesen. Das hat sich so ergeben, weil das ursprüngliche Manuskript schon einmal von einer Schreibwerkstatt entsprechend überarbeitet wurde.

Im Zuge der „Endkorrektur“ habe ich jedoch umfangreiche Änderungen vorgenommen, habe ganze Passagen versetzt sowie Beispiele verworfen und durch neue ersetzt, das ganze Manuskript hätte noch einmal lektoriert werden müssen. Es war aber so, dass man in der Schreibwerkstatt mit der Erwartung an die Arbeit gegangen war, dass ich zwei Schritte auf sie zugehe und ich es für meinen Geschmack für geeignet hielt, mich nur einen Schritt in ihre Richtung zu bewegen. Zudem fehlte der Werkstatt auch die Zeit, um alles noch einmal zu lektorieren.

Daher war ich froh, dass sich Frau Fleckenstein der Sache angenommen hat. Sie konnte vieles so stehenlassen, aber bei Weitem nicht alles, obwohl sie es dabei belassen hat, dass ich so schreiben wollte, wie ich rede und daher nicht Gebrauch davon gemacht habe, jeden Konjunktiv im Verb unterzubringen. Ohne Frau Fleckenstein sähe dieses Buch etwas anders aus, ich möchte mich an dieser Stelle herzlich dafür bedanken.

 

Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Frau für die Geduld und die Rücksicht, die sie mir gegenüber während dieses Projekts aufgebracht hat. Wie oft musste sie mich dreimal fragen, wann wir denn nun essen wollen und wie oft ist sie mit dem Telefon auf den Flur gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht, damit ich meine Ruhe habe. In solchen Fällen hatte ich dann oft den Pavillon vor Augen, in dem Edvard Grieg die für ihn so typische und unvergleichliche Musik komponiert hat und von dem ich eine Vorstellung hatte, weil wir einmal dort gewesen sind.

Wie naiv muss ich gewesen sein, als ich noch keinen PC besessen hatte und mir von einer Bekannten so ein Gerät für ein paar Tage ausleihen wollte, um mal eben einen etwas größeren Stapel an Notizen auf die Reihe zu bringen und einzutippen. Aber mittlerweile neigt sich diese Phase dem Ende entgegen, wo vielleicht auch etwas Zeit und Muße auf mich warten, damit ich dem nachkommen kann, was ich seit einer gefühlten Ewigkeit vor mir hergeschoben habe.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort

Erster Teil – Das große Missverständnis

Farben und Ursachen

Ein Dämon für alle Fälle

Zufall oder kein Zufall?

Ein Richter namens Salomon

Wollen und Müssen

Die Wissenden sind nicht allein

Determiniert sein und subventioniert sein

Der Weg des geringsten Widerstands

Einmal hin und wieder zurück

Alles nur wahrscheinlich

Ein Besuch bei der Bestimmung

Das Bewusstsein hat das letzte Wort

Die geheimen Kammern unserer Seele

Der lange Atem der Empfindung

Eine Grenze des Vorhersagbaren

Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun

Zweiter Teil – Herr Hegel rollt die Sache von hinten auf

Arbeitgeber und Arbeitlasser

Ein Film, eine Kugel und ein bisschen Balsam fürs Gemüt

Holger als mein Alter Ego

Das Sein bestimmt das Bewusstsein?

Das Pflastersyndrom

Ein Vehikel namens Wachstum

Wettbewerbsbedingungen

Die Utopie einer Steuergerechtigkeit

Kommunismus und Nächstenliebe

Alles muss man selber machen

Hätte oder nicht hätte?

Was ist denn eine Änderung?

Etwas mehr Gerechtigkeit

Jedem das Seine

Viel Glück

Zeit und Determinismus

Welchen Weg nimmt die Bewegung?

Die zeitlose Zeit

Holger malt ein Rollback an die Wand

Nachwort

Quellenverzeichnis

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Vorwort

Quellenverzeichnis

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Wir können der Tatsache nicht ausweichen,

dass jede einzelne Handlung, die wir tun,

ihre Auswirkung auf das Ganze hat.

Albert Einstein

Vorwort

Würde ein Schiff Gegenstand meiner Überleg ungen sein, dann käme mir erst gar nicht in den Sinn, der Welt erklären zu wollen, was ein Schiff ist. Das können die Ingenieure, die dieses Schiff ersonnen haben, viel besser. Mein Interesse liegt eher bei den Zusammenhängen, die erahnen lassen, weshalb das eine nicht das sein könnte, was es ist, ohne das andere.

Mir geht es darum, dass dieses Schiff nicht viel mehr als nur ein skurriles zusammengeschweißtes Ungetüm wäre, wenn es die Meere dieser Welt nicht gäbe. Man würde sich fragen, was das eigentlich alles soll, denn es wäre ganz und gar ohne Sinn und Verstand. Dabei können wir noch froh sein, dass die Böden dieser Meere wasserdicht sind. Was, wenn dieses Lebenselixier immer tiefer sickern könnte?

So tief, bis es an die Glut der Erde reichte. Daraus hätte dann vielleicht die größte Fußbodenheizung aller Zeiten werden können. Und dort, wo etwas von dem Wasser zurück an die Erdoberfläche geschleudert worden wäre, hätte es dann aussehen müssen, wie in einer Waschküche. So einiges wäre da möglich gewesen, aber das wohl eher nicht, jedenfalls nicht in dieser Reihenfolge. Wäre die Erdkruste so durchlässig wie ein Sieb gewesen, hätten die Meere dieser Welt gar nicht erst entstehen können. Weiß der Himmel, ob es uns dann trotzdem gäbe.

Die Buddhisten sagen, dass ein Teil kein Teil sein kann, wenn das Ganze fehlt. Das würde ich auch sagen, wenn ich dieses Schiff vor Augen habe. Ein Ökonom oder ein Wirtschaftswissenschaftler würde sich wahrscheinlich kaputtlachen, wenn ihm ein autodidaktischer Einzelkämpfer wie ich erzählen würde, warum und weshalb alles so läuft oder laufen sollte.

Es könnte aber auch sein, dass ihr Lachen etwas verhaltener ausfällt, denn wer sonst, wenn nicht sie, wüsste nicht ganz genau, dass sich so gut wie alles auf alles auswirkt?

Auch die Experten des Steuerwesens könnten sich darüber lustig machen, dass ich ihnen etwas zu erzählen habe. Aber angesichts der Diskrepanzen, die sich zwischen dem auftun, was einmal ihre Absicht gewesen sein muss und dem, was dann daraus geworden ist, weiß ich jedenfalls schon längst nicht mehr, ob ich darüber lachen oder weinen soll.

Bei den Juristen ist es indessen so, dass dort schon seit einiger Zeit etwas weniger gelacht wird. Das liegt daran, dass sich nichts auf dieser Welt von allein bewegt und alles eine Ursache hat. Aber da gibt es etwas, was sie interessieren könnte. Es hängt damit zusammen, dass alles zusammenhängt. Und wenn sie es nicht schon längst wissen, dann könnten sie sogar auch noch Interesse daran haben, was ich mir im Zusammenhang mit der Versuchung überlegt habe.

Wenn ich heute dort bin, wo ich bin, dann hat das auch viel damit zu tun, dass ich eines Tages nicht mehr verstanden habe, was anscheinend alle anderen längst verstanden hatten. Dabei habe ich mich nur gefragt, wieso eigentlich Altruisten etwas anderes sein sollten als Egoisten, wenn doch auch sie nur genau das bevorzugen, was ihnen am besten gefällt.

Eine Frage, die es in sich hatte, sie macht uns die Verantwortung streitig, um sie dem Schoß eines imaginären Geworden-Seins zu überlassen und sie kann daher auch der Keim dafür sein, dass der Determinismus früher oder später, wie eine dunkle Wolke daherkommen kann. Man wird ihn so schnell nicht wieder los, wenn er einmal da ist, aber ich denke, dass ich ihm etwas entgegenzusetzen hatte. Er ist jetzt zwar nicht weg, aber er ist auch nicht mehr so richtig da. Er ist jetzt überall und nirgends. Aber es hat etwas gedauert, bis es so weit war und es war nur möglich, weil es mir ums Ganze ging.

Im Inhaltsverzeichnis sind keine Kapitel aufgeführt, ich wollte vermeiden, dass damit die Erwartung einer fundierten Beurteilung oder einer wissenschaftlichen Abhandlung geweckt wird. Und wenn ich dennoch hier und da einen Text überschrieben habe, dann sind das nur Streiflichter, die mir dabei geholfen haben, die Übersicht nicht zu verlieren.

Mein Respekt vor dieser Thematik verbietet es mir, irgendetwas erklären zu wollen, ich wollte aber in den Raum stellen, was ich mir überlegt habe und wenn ich damit erreichen sollte, dass jemand eigene Vorstellungen dazu entwickelt und die Sache weiterdenkt, dann kann das nur gut sein. Falls von dem Wort denn ein belehrender Unterton ausgehen sollte, dann lag das nicht in meiner Absicht. Ich habe es nur benutzt, um nicht zu oft einen Halbsatz mit dem Wort und zu beginnen.

Bei Licht betrachtet war es auch eine Suche nach mir selbst. Dabei wurde mir zunehmend bewusst, dass ich der Frage, wer oder was ich bin, nicht einmal vom Ansatz her nachkommen kann, wenn ich nicht in Erfahrung bringe, was da draußen möglich ist und was nicht. Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn ich dabei auf größere Geister hätte zurückgreifen können, aber ich musste bald feststellen, dass die Experten auf diesem Gebiet nicht einhelliger Meinung waren und ich nach etwas suchte, was jeder für sich allein herauszufinden hat. Und das in einer Angelegenheit, die das Zeug hatte, mein ganzes Selbstvertrauen zu zerlegen.

Wahrscheinlich ist das dann auch der Grund dafür gewesen, dass ich es schließlich gewagt habe, an einem ganz großen Rad zu drehen. Dabei ging es mir im Wesentlichen um Philosophisches und natürlich auch um Gott und die Welt. Manchmal kam es mir dann so vor, als hätte sich dieses Rad tatsächlich bewegt, aber inzwischen weiß ich es etwas besser.

Das, was sich bewegt hat, ist nicht das Rad gewesen. Bewegt habe ich mich nur selbst. Aber auch diese Veränderung bewegte sich im Rahmen meiner Überzeugung, nach der sich nichts von allein bewegen kann. Und wenn diese Überzeugung auf den Determinismus hinausläuft, dann ist das mehr eine Konsequenz als ein Wunsch.

Ich habe dann aber feststellen müssen, dass die Liste der Philosophen und der Hirnforscher, die mit einer determinismusverträglichen Willensfreiheit nichts am Hut haben, ziemlich lang ist. Ulrich Steinvorth, Professor für Philosophie, ist einer von ihnen. Obwohl er an einer Stelle auch mit dem Gedanken spielt, dass unsere Handlungen letztendlich durch uns selbst determiniert sein könnten. Er hat damit etwas zum Ausdruck gebracht, was ich nur unterstreichen kann.

Eine auf physikalischen Grundlagen beruhende Willensfreiheit muss auch schon beim sogenannten dialektischen Materialismus eine Rolle gespielt haben. Ein gewisser Engels hat dazu gesagt, dass die Freiheit nicht in einer geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze sowie der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.

Peter Bieri, ebenfalls Professor für Philosophie, hat diesem Standpunkt neuen Aufwind verliehen. Er beschreibt die Auseinandersetzung mit dem Determinismus in einem Prolog als Irrgarten. Es war keine Überraschung für mich, aber es könnte eine Erklärung dafür sein, dass ein Gespräch zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Philosophen Julian Nida-Rümelin ein Streitgespräch gewesen ist.

Es zeigt, dass die Bedeutung großer Teile unseres Vokabulars erst einmal ins Schlingern geraten muss, sobald unsere Überlegungen den Determinismus mit einbeziehen. Aber es waren Ungereimtheiten, die mir bekannt vorkamen und sie haben mich bewogen, auch etwas dazu zu sagen. Den Hinweis auf dieses Gespräch habe ich erst am Ende meiner Überlegungen angeführt. Er hätte auch gleich am Anfang stehen können, denn ich habe keinen roten Faden für eine Reihenfolge gefunden, weil es so war, dass alles immer wieder zu demselben Kern führte.

Der Begriff einer Reihenfolge gehört ohnehin zum Sortiment von Worten, das im Hinblick auf den Determinismus eigentlich in Anführungszeichen gesetzt gehört, weil es entweder den Determinismus geben kann oder eben eine Reihenfolge. Eine Reihenfolge könnte es aber nur dann geben, wenn sie auch geändert werden könnte. Ignorieren wollte ich dieses Wort aber trotzdem nicht, ich benötige es noch, es ist eine Stufe auf dem Gerüst meiner Vorstellungswelt und es wird es auch immer bleiben müssen.

Es waren dann drei Perspektiven, auf die ich mich zu besinnen hatte, um wieder auf die Beine stellen zu können, was unter den Bedingungen einer falsch verstandenen Zwangsläufigkeit alles auf dem Kopf gestanden hatte.

Ich habe es dann vorgezogen, eine Perspektive eine Kategorie zu nennen, weil ich den Eindruck hatte, dass diese Perspektiven im Laufe der Zeit zu Welten geworden waren. Und die Tatsache, nach der alles so ist, wie es ist, gefällt mir in der dritten Kategorie immer noch am besten.

Die erste Kategorie steht für die Welt, die schon immer da war und die uns allen geläufig ist. Hier ist es keine Frage, ob es Egoisten oder Altruisten gibt oder nicht gibt, hier wird ein Punkt hinter dem gemacht, was so ist, wie es ist. Und sie haben recht damit und das ironischerweise auch dann, wenn sie manchmal gar nicht genau wissen, warum sie eigentlich recht damit haben.

In der zweiten Kategorie ist nichts mehr von einer solchen Unbekümmertheit zu spüren. Hier wird alles kritisch durchleuchtet und ganz genau unter die Lupe genommen. Selbstverständlich hat man sich auch schon mit der Frage auseinandergesetzt, die sich daraus ergibt, dass nichts ohne Ursache sein kann. Aber die Konsequenzen, die sie daraus zogen, sind nicht alle gleich. Ein Großteil dieser Leute hält daran fest, dass wir in der Lage sind, unabhängig von vorausgegangenen Ursachen etwas bewirken zu können. Für sich genommen wäre das schon ein etwas sonderbares und kaum nachvollziehbares Kunststück, aber sie bauen darauf, dass es dafür irgendwann noch eine Erklärung geben wird. Und wer ohne diese Hoffnung ist, findet sich bei den Fatalisten wieder. Bei ihnen ist jeder Gedanke daran verloren gegangen, dass überhaupt etwas frei entschieden werden könnte. So kann es für sie weder Verantwortung noch Schuld geben, weil das, was sie entscheiden, nicht auf sie, sondern auf Ursachen zurückgeführt werden kann. Das sind die wesentlichsten Optionen der zweiten Kategorie, wobei die eine ebenso unbefriedigend ist, wie die andere.

Tragischerweise steht hier inzwischen auch schon eine ganze Anzahl von Juristen verunsichert vor der Tür, und es sieht so aus, als könnten sie dieser Problematik so lange auf den Grund gehen, wie sie wollen und dabei nichts anderes finden als Ursachen. Die Sache könnte noch zu einem richtigen Drama werden, da sie sich auf einen Pfad begeben, auf dem ihnen die Schuld nun tatsächlich umso mehr zwischen den Fingern zerrinnen muss, desto genauer sie hinsehen.

In der dritten Kategorie ist es zu einer Maxime geworden, in den Dingen das zu sehen, was sie trotzdem noch sind, wenn sie nicht sein können, wofür sie gehalten wurden. Hier wird nichts vermisst, was von allein geschehen soll, weil es einen Weg gibt, auf dem die Verantwortung wieder dort einkehren kann, wo sie hingehört und der freie Wille nicht mehr davon abhängig ist, auf Wunder warten zu müssen.

Es ist beileibe nicht so, dass alles gleich ist, weil alles gleichermaßen auf Ursachen beruht. Wäre das Geschehen ein Fluss, dann gäbe es das alles Nivellierende nur an der Quelle, weil an der Mündung unsere Empfindungen warten. Und mit ihnen ist dann nichts mehr gleich. Wenn aber gesagt wird, dass Empfindungen nichts weiter als nur Empfindungen sind, dann wird das der Sache nicht gerecht. Empfindungen können auch zu Hebeln unserer Entscheidungen werden, sie sind etwas Reales, weil es so ist, dass sich etwas bewegen muss, wenn etwas bewirkt werden soll. Sie gehören zu dem Konzert, das alles ausmacht und das unentwegt von der Bewegung am Laufen gehalten wird.

Eine nahezu unüberwindbare Hürde schien darin zu liegen, dass nicht nur das Verhalten der Zurechnungsfähigen, sondern auch das der Unzurechnungsfähigen auf Ursachen beruht und dass das eine auf keinen Fall zu entschuldigen sein musste und das andere unbedingt. Es war eine Hürde, die unübersehbar war, und sie war bezeichnend für die ganze Thematik. Aber es gab dann doch einen Weg. Trotzdem habe ich mich immer wieder gefragt, ob es denn auch meine Entscheidung sein kann, wenn ich denke, dass ich etwas zu entscheiden habe. Und ich habe eine Antwort darauf gefunden, mit der es mir besser geht als mit dieser Frage.

Ich kann nicht sagen, ob sie richtig ist, sie ist jedoch sehr wahrscheinlich. Aber sie hat auch ihren Preis. Er ergibt sich unter anderem daraus, dass wir Alternativen mit anderen Augen zu sehen haben, weil sie nur etwas sein können, was es aller Wahrscheinlichkeit auch nur geben kann.

Es gibt einen Dämon, der hinter dieser Annahme lauert, ich habe mich öfter mit ihm unterhalten, obwohl er ein raffinierter Geselle war. Er führt sich andauernd so auf, als hätte er die Glaskugel erfunden. Als Information getarnt hat er seinen Keim in meine Überzeugungen gelegt, bis der groß genug war, um an mir zu nagen. Es bedurfte der Hilfe eines Freundes, um ihn wieder loszuwerden, denn ich habe mich oft gefragt, was er wohl zu allem gesagt hätte.

Einfach fragen konnte ich ihn nicht mehr, weil er nicht mehr unter uns ist. Es sind nur noch Erinnerungen, die mich mit ihm verbinden. Wir waren damals mit unseren Überlegungen gerade bis in die zweite Kategorie vorgedrungen, aber das ist lange her. So hätte ich die Unterhaltung mit ihm vielleicht auch eine fiktive nennen können, aber das Alter Ego trifft es etwas besser, weil es doch am Ende immer wieder nur ich selbst bin, egal, ob ich mich mit dem Dämon unterhalte, oder auch mit ihm.

Von Hegel stammt der Satz: „Das Seiende hat sein im Nichtsein seines Gegensatzes.“ Darum geht es im zweiten Teil dieses Buches. Es ist jedoch kein zweites Thema, denn auch dieser Teil hat immer noch viel mit dem Determinismus zu tun. Genaugenommen hat er noch viel mehr als nur viel mit dem Determinismus zu tun und das liegt daran, dass auch der Satz weg ist, wenn es nirgendwo auf der Welt einen Gegensatz gibt. Mir ist zwar nicht bekannt, ob das schon einmal in diesem Zusammenhang gesehen wurde, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich da erst kommen muss, um die Sache auch einmal aus diesem Aspekt heraus zu sehen.

Die Konsequenzen eines Seins, welches nicht ohne seinen Gegensatz sein kann, waren aber auch ohne den Hintergrund des Determinismus von einer Bedeutung, die ich so nicht erwartet hatte. Und sie wurden umso deutlicher, je länger ich darüber nachdachte. Sie spannten einen weiten Bogen der Vertrautheit, die mir das Gefühl vermittelte, niemals großartig vom Thema abgekommen zu sein.

Der Gedanke, dass es mehr Kraft erfordert, sich einmal unten, statt oben zu befinden, kann so neu nicht sein. Aber vielleicht kann es hilfreich sein, wenn ich davon erzähle, dass es auch möglich ist, aus dieser Kraft den Mut zu schöpfen, den das Leben manchmal verlangt. Es ist nicht allein nur eine theoretische Erfahrung, ich habe sie selbst durchlebt.

Im Zusammenhang mit der Gerechtigkeit ist es mir dann auch noch um eine Steuergerechtigkeit gegangen, die diese Bezeichnung vielleicht eher verdient hätte. Leider ist es so, dass es sich hierbei nur um ein Gedankenspiel handelt. Aber es war trotzdem eine erfreuliche Erfahrung für mich, weil ich den Brüdern der Steueroptimierung damit immerhin gedanklich ein für alle Mal den Hahn zudrehen konnte. Der Tag, an dem diese Überlegung in irgendeiner Form Einzug in die Realität halten könnte, dürfte allerdings in weiter Ferne liegen. Denn sie erscheint mir zwar manchmal sehr plausibel und dann auch wieder nur überaus utopisch.

Lässt man die Geschichte vor dem Hintergrund des Determinismus Revue passieren, dann kann das angesichts der drei Worte Jedem–das–Seine sehr grausam werden. Als könnten sie zur Rechtfertigung für alles stehen, was geschehen ist. Ich wollte dem nicht ausweichen, es wäre keine Lösung gewesen, diese unselige Unterstellung auf eine solche Weise zu überwinden. Daher habe ich versucht, diese Ungeheuerlichkeit so abzuwickeln, wie etwas abgewickelt gehört, wenn eine Rechnung nicht aufgeht. Auf keinen Fall wollte ich den Eindruck vermitteln, dass das Geschehen alternativlos sein könnte. Es wäre der falsche Ansatz, denn er suggeriert vollendete Tatsachen. Aber Entscheidungen fallen nicht vom Himmel, sie werden erst dazu, indem sie durch uns gefällt werden.

Ein nicht ganz unwesentlicher Faktor setzt sich dabei aus dem zusammen, was wir wollen. Es hat Priorität vor der Zwangsläufigkeit, dass das immer nur auf das hinauslaufen kann, was am Ende überwiegt. Und weil das Geschehen es nun einmal an sich hat, dass noch nichts geschehen ist, ehe es geschehen ist, können Entscheidungen auch keine Entscheidungen sein, so lange nichts entschieden ist.

Eigentlich ein ganz simpler Gedanke. Trotzdem ist es so, dass das Thema der Willensfreiheit immer noch ein Thema ist, bei dem wir uns etwas vormachen, wenn wir nicht gewillt sind, an Wunder zu glauben, aber trotzdem andauernd so tun, als müsste es welche geben. Dabei muss es schon zu der Zeit von Aristoteles eine ausgemachte Sache gewesen sein, dass nichts aus dem Nichts entstehen kann.1

Es ist also schon etwas länger her, dass der Mensch darin ein Problem ausmacht. Aber als Lösung ist ihm bisher kaum etwas anderes eingefallen, als seine Zurechnungsfähigkeit zur Disposition zu stellen.

Erster Teil – Das große Missverständnis

Der Weg, auf dem mir klar wurde, dass wir nicht determiniert sein können, weil es ein Irrtum ist, anzunehmen, es könnte uns geben und dann auch noch den Determinismus.

Mehr als ein Kompromiss kann es nicht werden. Da kann ich die Sache drehen und wenden, wie ich will. Weil alles immer noch zwei Seiten hat. Einerseits ist da noch so viel, was ich zu lesen habe und andererseits gibt es auch so manches, was ich sagen möchte. Würde ich jedoch erst alles lesen, bevor ich etwas sage, hätte ich nie etwas zu sagen. Aber zunächst musste ich mir erst einmal selbst Klarheit verschaffen.

Es begann mit Widersprüchen, die sich in der Welt meiner Vorstellungen aufgetan hatten und alles auf den Kopf zu stellen drohten. Und ich hatte das Gefühl, dass diese Widersprüche immer stärker wurden, denn da war so manches durcheinandergeraten. Das Einzige, worauf noch Verlass zu sein schien, lag in einer Abkehr von allem, was mir einmal sehr vertraut gewesen war. Zu allem Überfluss kam mir diese Überlegung um einiges wahrscheinlicher vor als alles, was ich zuvor einmal angenommen hatte. Es war nicht gerade behaglich, es war mehr eine Konfrontation, die sich gegen den gesamten Rest der Welt auflehnte.

Ich trug diesen störrischen Gedanken eine ganze Zeit lang als unerledigt vor mir her, und die Aussicht darauf, dass ich etwas zu lösen hatte, was ich gar nicht beurteilen konnte, war nicht gerade hilfreich. Mittlerweile bin jedoch auch ich zu der Einsicht gelangt, dass es nicht verkehrt sein kann, wenn hinter jeder Beurteilung immer noch ein kleines Fragezeichen bleibt. Aber eine Überzeugung sollte trotzdem eine Überzeugung sein, auch dann, wenn es am Ende an letzter Gewissheit fehlen muss.

Wir sind zur Wahl gegangen, obwohl doch alles dafürspricht, dass wir gar keine Wahl hatten. Aber es ist so gewesen, dass sich unsere Vernunft nicht davon abbringen ließ. Zumal kein Weg daran vorbeiging, dass das Ergebnis der Wahl anders ausgesehen hätte, wenn wir nicht zur Wahl gegangen wären. Und weil die Vernunft auch allen Leuten, die sich nicht das Geringste aus der Vorstellung machen, nach der wir aufgrund einer unausweichlichen Logik noch niemals wirklich eine Wahl gehabt haben, auch nichts anderes sagt, könnte mit dieser kurzen Geschichte vielleicht schon gesagt sein, was zur Frage der Willensfreiheit überhaupt zu sagen wäre. In gewisser Hinsicht könnte es ja wirklich nicht auszuschließen sein, dass wir gar keine Wahl hatten. Aber eben nur in gewisser Hinsicht. Wenn auch alles, was irgendwie nachvollziehbar erscheint, erst einmal für ein solches Ausgeliefertsein unserer Willensfreiheit sprechen sollte. Es gibt jedoch aus gutem Grund – und allen Fatalisten zwischen Casablanca und Karatschi zum Trotz – nichts daran zu rütteln, dass wir uns in jedem Fall zur Wahl begeben sollten, um uns einzumischen.

Der Widerspruch, der darin zu liegen scheint, hat allerdings das Zeug, den Verstand zum Rotieren zu bringen. Vorausgesetzt, man hat den Nerv dazu entwickelt, diesen Stachel auch zu spüren. Wir haben jedoch gelernt, mit diesem Widerspruch zu leben. Es war mit keiner großen Mühe verbunden, diese Problematik mit einer Mixtur aus Spekulation und Hoffnung an die Seite zu stellen. Irgendwann wird es schon neue Erkenntnisse geben, die geeignet sind, diesen Widerspruch in Luft aufzulösen. So in etwa wird es kommen. Es kann gar nicht anders sein, denn alles andere ergäbe keinen Sinn.

Aber da ist vielleicht doch noch etwas, was irgendwie auch sein könnte und dass das, was wie ein Widerspruch erscheint, gar keiner ist. Die Aussicht darauf, dass bei dieser so vertrackt und aussichtslos erscheinenden Lage von fragwürdigen Voraussetzungen ausgegangen wurde, ist jedenfalls gar nicht so schlecht.2

Es gibt plausible Überlegungen dafür, dass jede noch so weit hergeholte Schicksalsergebenheit, nach der wir irgendwelchen vorbestimmten Gegebenheiten ausgeliefert wären, ein Irrtum ist. Schon seit geraumer Zeit sehe ich keinen ersichtlichen Grund mehr für diese Befürchtung und trotzdem schleicht sich manchmal noch so ein Gefühl ein, das mir sagt, dass am Ende alles nur auf eine Art Patt hinauslaufen wird. Es ist bisweilen ebenso hartnäckig, wie die Zuversicht, nach der wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen können.

Manchmal fangen Dinge an, störrisch zu werden. In solchen Fällen kann es hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, dass es wohl noch mehr als nur eine Wahrheit geben wird. Dass das nicht ganz von der Hand zu weisen ist, kann daran festgemacht werden, dass die Dinge, die aus unserer Sicht einmal der Wahrheit entsprachen, einer neuen Wahrheit weichen mussten, nachdem sich ein anderer Horizont für uns eröffnet hat. Nicht zuletzt aus diesem Grund heißt es dann auch, dass es eine relative und eine absolute Wahrheit geben muss.

Im Buddhismus wird zwischen dem Samsara und dem Nirwana unterschieden, und Leibnitz hat in diesen unterschiedlichen Wahrheiten eine der Vernunft und eine der Tatsachen ausgemacht. Das lässt nur den Schluss zu, dass auch die Vernunft nur relativ sein kann. Die Wahrheit, die uns zur Verfügung steht, kann demzufolge immer nur eine sein, die aus unserer Erkenntnis kommt. Aber die kann morgen schon wieder etwas anders aussehen als sie heute ist. Und manchmal ist sie auch schon anders, wenn wir nur die Perspektive wechseln.

Aber das hat auch etwas Gutes, weil damit die Voraussetzung verbunden ist, dass sich Wahrheiten entwickeln können. Denn die Überlegung, dass es möglicherweise gar keine Egoisten gibt, kann beispielsweise nur dann erfolgen, wenn zuvor auch schon einmal davon ausgegangen wurde, dass es Egoisten gibt. Es muss erst einmal die Überzeugung her, dass es so ist, bevor darüber nachgedacht werden kann, ob es vielleicht nicht auch noch anders sein kann.

Entscheidungen bringen es mit sich, dass sie auf das hinauslaufen, was am Ende ausschlaggebend ist und die Vorgänge, um die es da geht, können nur in Abhängigkeit der jeweiligen Umstände stattfinden. Das mag etwas banal klingen, man könnte glattweg auf die Idee kommen, dass Entscheidungen ihrem Wesen nach immer unbeirrbar dem Weg des geringsten Widerstands folgen. Aber obwohl es nur so sein kann, dass immer genau das herauskommt, was den Umständen entsprechend bevorzugt wurde, bleiben Entscheidungen doch immer etwas sehr Individuelles.

So gesehen erscheint es dann auch in einem etwas anderen Licht, wenn sich jemand aus scheinbar ganz alltäglichen Gründen abrackert oder etwa eine waghalsige Bergtour unternimmt. Wenn man erst einmal mit der Vorstellung geliebäugelt hat, aufgrund einer überragenden Leistung besser dazustehen, dann muss sich das Ausbleiben dieses Erfolges noch unangenehmer anfühlen als jede noch so große Plagerei. Selbst dann, wenn sich jemand für andere aufopfert, ändert das nichts daran, dass es auch für diese Entscheidungen Beweggründe gegeben haben muss, die am Ende überwogen haben. Und es sieht danach aus, als ginge es dabei um ein unerschütterliches Prinzip, nach dem das immer so sein muss.

Ich stelle mir eine Situation vor, in der jemand behauptet, dass er sein Geld nicht hergeben wollte, sondern deshalb hergeben musste, weil ihm ein Räuber eine Smith & Wesson unter die Nase gehalten hat.

In einem gewissen Sinn könnte man jedoch sagen, dass es der Überfallene vorgezogen hat, das Geld herzugeben, es also wollte und nicht musste. Denn er hätte ja auch wollen können, den Räuber heldenhaft zu überwältigen, weil er es im Kino so gesehen hat. Und solange ein Spielraum für Entscheidungen bleibt, solange sollte auch die Frage erlaubt sein, wo das Wollen aufhört und wo das Müssen beginnt.

Wenn ich aber mit dieser Überlegung an die speziellen Seiten der Egoisten und der Altruisten herangehe, dann kann das dazu führen, dass sich die Gegensätze dieser beiden Charakterzüge aufzulösen beginnen. Dabei gehe ich davon aus, dass sich Entscheidungen von Egoisten in erster Linie auf das beziehen, was sie persönlich bevorzugen und nicht auf etwas, was anderen unter dem Aspekt eines verantwortungsvollen Verhaltens in den Sinn kommen könnte.

Falls nun umgekehrt erwartet werden sollte, dass sich das bei Altruisten gegenteilig verhält, weil sie ja auch so etwas wie das Gegenteil sind, wäre das sicherlich ein Trugschluss. Denn auch Altruisten richten ihre Entscheidung danach aus, was ihnen beliebt. Sie müssen sich hinsichtlich ihrer ehrbaren Selbstlosigkeit nicht für etwas entscheiden, sie wollen sich für etwas entscheiden. Es ist nur so, dass das, was ihrer speziellen Neigung entspricht, anderen eher entgegenkommt als alles, was Egoisten dazu einfällt. Das ändert aber nichts daran, dass das, was sie bevorzugen, ihrer Veranlagung entspricht.

Da spielen Motive eine Rolle, die ihrer Erwartungshaltung entsprechen und ihre Entscheidungen steuern. Die Motivationen der Egoisten und der Altruisten sind in dieser Hinsicht nicht zu unterscheiden. Es geht immer nur darum, was der eine oder andere am Ende will. Man könnte also ohne Übertreibung sagen, dass sie alle machen, was sie wollen.

Verhaltensbiologen haben herausgefunden, dass Schimpansen von ihrer Gruppe gemieden werden, wenn sie versuchen, ihre Artgenossen bei der Teilung der Nahrung zu übervorteilen. Das könnte dazu geführt haben, dass sie sich mehrheitlich lieber kooperativ verhalten. Es sieht auch ganz danach aus, als wäre es egoistisch, sich altruistisch zu verhalten. Da aber auch wir nur etwas weiterentwickelte Schimpansen sind, machen wir es genauso. Wir können keinen Gefallen daran finden, als unsympathische Egoisten dazustehen und geben uns daher lieber sozialverträglich.

Jeder Anlauf, diese Sache anders zu sehen, würde an der unüberwindbaren Tatsache scheitern, nach der sich das, was wir unter Wahrnehmung verstehen, zwischen unseren Entscheidungsapparat und unsere Außenwelt gestellt hat. Unter dieser Bedingung scheint die Frage, ob es möglich ist, außer an sich selbst auch noch an andere zu denken, gegenstandslos zu sein. Und wenn es dann heißt, dass Altruisten selbstlos sind, dann ist das schon fast zum Lachen, weil gar kein größeres Selbst vorstellbar ist, als das Innerste unserer eigenen Wahrnehmung. Wenn unser Selbst nur nach dem bedient wird, was es ausmacht, wenn daraus die Motivation unserer Handlungen erfolgt, dann wäre der Unterschied zwischen den Wesenszügen dieser beiden Charaktere nicht mehr zu erkennen, zumindest nicht an der Quelle ihrer Entstehung.

Bei den Auswirkungen dessen, was von diesen Charakteren veranstaltet wird, sieht die Sache etwas anders aus. Inwiefern diese Auswirkungen dann zu einem Feedback für ihre Handlungen werden können, lasse ich deshalb hier einmal dahingestellt sein, weil dergleichen auch wieder auf dem Resonanzboden der Motivation landen würde. Auf jeden Fall haben diese Auswirkungen Einflüsse auf das soziale Umfeld zur Folge, die sehr unterschiedlich sein können.

Für das Zustandekommen ihrer Motive dürfte es jedoch zweitrangig sein, an welchem Ufer die Auswirkungen stranden, weil vor jedem Strand erst einmal die Klippen der Wahrnehmung liegen. Während in der unbestechlichen Welt der Physik eine Kette immer noch an der schwächsten Stelle reißt, sollte man sich nicht wundern, wenn der Weg des geringsten Widerstands in unseren Köpfen naturgemäß auf den Umweg unserer Überzeugung führt. Es kann sich unter dem Strich aber nicht anders verhalten, wie es mitunter bei einigen Flüssen an der Westküste Irlands zu beobachten ist, denn auch dort fließt nichts bergauf. Und wenn es manchmal doch danach aussieht, dann ist es nur der Sturm gewesen, der mehr Gewicht hatte als das Wasser, das ihm weichen musste.

Ein Umweg anderer Art könnte dann gegeben sein, wenn ich nach einer ausgedehnten Wanderung den Wunsch verspüre, den kürzesten Weg zu meiner Unterkunft zu nehmen. Weil es schon ziemlich spät geworden ist und weil ich vielleicht auch müde vom Wandern bin, wäre mir dann daran gelegen, keine Umwege mehr in Kauf zu nehmen. Meine Entscheidung wird jedoch nicht notwendigerweise auf den nach Metern bemessenen kürzesten Weg fallen, sondern nur auf den vermeintlich kürzesten Weg, also denjenigen, den ich dann für den kürzesten Weg halten werde.

Ein Gedanke, der unterstreichen könnte, dass manchmal etwas als Umweg angesehen wird, was in einem komplexeren Sinn und unter den gegebenen Umständen eigentlich gar kein Umweg gewesen ist.

Farben und Ursachen

Ich habe noch gut in Erinnerung, wie wir schon in jungen Jahren darüber philosophierten, dass im Grunde eigentlich alles nur auf Wahrnehmung beruhen kann. Im Zusammenhang mit dem Phänomen der Farbenblindheit hatten wir uns eine Geschichte ausgedacht, die gut geeignet war, um den Mädchen imponieren zu können. Selbstverständlich hätten wir damit auch die Jungs in unserer Klasse beeindrucken können, aber unsere Prioritäten lagen damals so, dass wir daran nicht in dem Maß interessiert waren.

Nachdem wir davon ausgehen konnten, dass sich bis dahin kaum jemand mit den Auswirkungen der Farbenblindheit beschäftigt hatte, war es kein allzu großes Kunststück, mit unserer Geschichte Verwirrung anzurichten. Wir hatten, was wir zu dieser Beeinträchtigung hervorbringen wollten, nur so zu formulieren, dass damit gar nichts anderes gemeint sein konnte als eine Verwechslung von Farben.

Das genügte im Grunde schon, um den Weg in die Sackgasse ebnen zu können, die wir im Auge hatten. Es ist zwar so, dass es auf der Netzhaut unterschiedliche Pigmenttypen gibt, die Rückschlüsse darauf zulassen, welche Farben empfangen werden können, wir hatten die Aufmerksamkeit jedoch auf den Teil der Wahrnehmung gelenkt, der sich erst auf dem Weg in unser Bewusstsein abspielt.

Dabei geht es um den sogenannten visuellen Cortex, bei dem theoretisch so manches individuell unterschiedlich laufen könnte, ohne dass es weiter auffällt. Ein Umstand, der als Qualia-Problem bezeichnet wird. Niemand könnte vor dem Hintergrund dieser Phase der Empfindung mit Gewissheit sagen, ob er die Farbe Rot als Grün wahrnimmt. Falls wirklich jemand die Farbe Rot als Grün wahrnehmen sollte, könnte daraus immer wieder nur der Schluss gezogen werden, dass es sich bei dieser Farbe um Rot handelt, weil jeder Vergleich fehlen würde. Das liegt daran, dass ihm alle seine Mitmenschen bestätigen würden, dass das, was er da sieht, etwas Rotes ist, und er hätte keinen Grund, daran zu zweifeln, obwohl er es als Grün wahrnimmt.

Falls es sich der Einfachheit halber auch noch so verhalten würde, dass er umgekehrt auch die Farbe Grün als Rot wahrnimmt, dann wird von der Sache her schon einmal nachvollziehbar, dass er auch vor einer Ampel damit keine Probleme hätte. Aber selbst dann, wenn er alles, was irgendwie nach Farbe aussieht, durcheinanderbringen würde, dürfte es keine Probleme geben. Nicht, wenn es bei seinen Verwechslungen konstant bei dem bliebe, was bisher schon immer verwechselt wurde. Und genau das ist der springende Punkt, Farbenblindheit beruht im Wesentlichen darauf, dass Unterschiede von Farbtönen verwischt werden und nicht darauf, dass sie verwechselt werden. Es handelt sich dabei mehr um ein eingeschränktes Farbenunterscheidungsvermögen, welches noch durch Helligkeitsunterschiede erschwert wird.

Wir haben diesen scheinbaren Widerspruch dann immer eine Zeit lang so stehenlassen, als wäre er nicht zu lösen, bevor wir den Mädchen dann galant aus der Sackgasse halfen, in die wir sie zuvor in voller Absicht hineingeführt hatten.

Die auf der Wahrnehmung beruhende Motivation hatte schon genügt, eine moralische Integrität der Altruisten gegenüber den Egoisten ins Wanken zu bringen. Da hatte sich eine ganz spezielle Sicht auf die eigentlichen Beweggründe für mich aufgetan, und ich war eine Zeit lang überzeugt davon, dass es das nun auch gewesen ist.

Irgendwann dämmerte mir dann aber, dass hinter den Gründen, die als Erklärung für das Verhalten dieser beiden Wesensarten herangezogen werden könnten, noch etwas anderes mitspielen musste. Es lag noch eine Ebene unterhalb der Wahrnehmung, die nur ein Zipfel dessen war, was da noch kommen sollte. Und dann war es nicht mehr zu übersehen. Unmissverständlich hatte es den Platz der Beweggründe eingenommen. Es war etwas, was nur einmal hervorgeholt werden konnte, weil es immer da ist, wenn es erst einmal da ist. Es waren die Ursachen.

Sie schienen um einiges vehementer und unerbittlicher zu sein, als es die auf einer Wahrnehmung beruhende Motivation jemals hätte sein können. Bis mir klar wurde, dass es bei den Ursachen um eine flächendeckende Angelegenheit gehen musste. Es ging jedoch nicht um eine Ebene, die neu dazugekommen war. Die Ursachen reichten zurück und überzogen alles, was sich irgendwie bewegte. Sie waren überall und sie waren auch schon immer da. Auf dieser Grundlage war nichts mehr von dem geblieben, was den charakterlichen Unterschied von Egoisten und Altruisten noch hätte ausmachen können.

Die Verantwortung lag ganz offensichtlich allein bei den Ursachen. Das war nicht gerade ermutigend, es war eine Überlegung, die kompromisslos zu sein schien, obwohl auch immer noch etwas ganz Normales und vollkommen Selbstverständliches von den Ursachen ausging, weil eine Welt ohne sie kaum vorstellbar ist.

Ohne die Bereitschaft an Wunder zu glauben, gab es keinen ersichtlichen Weg, der an dieser Überlegung vorbeiführen konnte und trotzdem war es möglich, die Sache relativ erfolgreich zu verdrängen oder zu ignorieren, um eine althergebrachte Vorstellung aufrechtzuerhalten, die bequem war, solange sie uns härtere Konsequenzen vom Hals halten konnte. Denn das, was uns bewegt, darf auf keinen Fall auf Ursachen zurückzuführen sein, sondern ganz allein nur auf uns.

Aber es wird sich noch herausstellen, dass es einer Glanzleistung ersten Ranges gleichkommt, jemandem im Rahmen der Verantwortung gerade dann ein bestimmtes Verhalten zuzuschreiben, wenn Ursachen dafür ausgeschlossen werden können. Es ist ein unhaltbarer und sehr eigenartiger Standpunkt. Er ist am Ende dermaßen paradox, dass man glauben könnte, sich verhört zu haben.

Ursachen sind etwas sehr Widerspenstiges. Sie lassen sich so schnell nicht wegdiskutieren, wenn sie erst einmal ins Bewusstsein gerückt sind. Vorläufig sieht es jedoch noch danach aus, als würden ihre Spuren im Gedankenmodell unserer Vernunft etwas tiefer ausfallen, als es sein muss. Weil das, was da zunehmend in den Fokus der Überzeugungen rückt, mit der Befürchtung einhergeht, dass auch der Egoismus nur ein Zweig einer Verantwortung sein kann, die auf dem Ast der Unzurechnungsfähigkeit gewachsen ist.

Und selbst die Wahrnehmung, die mir einmal Grundlage für Motivation und Beweggründe war, entpuppte sich als Spiel von Ursachen, das den Namen Determinismus trägt. Ein Wort, das wie ein Orakel daherkam. Und weil es dieses Wort gibt, sollte eigentlich davon ausgegangen werden dürfen, dass es sich dabei noch um etwas anderes als nur um Kausalität handeln muss. Ich habe mir allerdings nach einigem Hin und Her selbst eine Linie ziehen müssen, um das eine noch vom anderen unterscheiden zu können. Das Prinzip der Kausalität beruht für mich darauf, dass jeder Prozess und jedes Ding auf mechanisch-materialistische Ursachen zurückzuführen sein muss. Demnach läuft Kausalität im weitesten Sinne darauf hinaus, überschaubar und auch planbar zu sein.

Wenn Kausalität aber auch bedeuten soll, dass es keine ursachenlosen bzw. akausalen Prozesse im Hinblick auf subjektive oder objektive Vorgänge in der Natur und der Gesellschaft sowie dem Denken geben kann, dann fängt die Sache an, metaphysisch zu werden. Eine solche Kausalität wäre für meine Begriffe allumfassend und deshalb auch nicht mehr vom Determinismus zu unterscheiden.

Aber wie dem auch sei. Dieses Thema sollte so oder so eine Erfahrung für mich werden, die ich so schnell nicht wieder hinter mir lassen würde. Das Wort Determinismus hatte für mich im Gegensatz zu einem mit einer diffusen Ergebenheit beladenen Schicksal einen eher wissenschaftlichen Anstrich. Man hat sich nur die Worte Einsteins zu vergegenwärtigen, der einmal gesagt hat, dass Gott nicht würfelt.

Eine Aussage, mit der für mich allerdings Konsequenzen einhergingen, die sich gewaschen hatten. Denn ich konnte mir überlegen, was ich wollte, es gab nichts mehr, was sich losgelöst von einer Ursache-Wirkungs-Kette hätte behaupten können. Ich habe auch daran gedacht, dass es bei jeder Geschichte an letzter Gewissheit fehlen muss, aber es half nichts, es war so, als hätte jemand ein großes Netz über uns geworfen, in das wir schon seit Ewigkeiten hoffnungslos verstrickt sind.

Und es ging dabei nicht nur um Egoisten, die mit dieser Überlegung nicht mehr auszumachen waren. Es war vielmehr eine Flut unübersehbaren Ausmaßes, die alles mit sich riss, was sich ihr entgegenstellte. Ein nicht unerheblicher Teil meiner Überzeugungen wurde auf diese Weise in einen Strudel gezogen, der die Welt um mich herum in ein Karussell zu verwandeln drohte, denn was einmal an oberster Stelle gestanden hat, geriet nach unten und das Untere wurde nach oben gespült, bis alles eins war. Es war dann auch der Grund dafür, dass ich schon seit einiger Zeit so manchen mir lieb gewordenen Begriff mit Anführungszeichen versehen habe, um auf diese Weise zu bewahren, was es allem Anschein nach eigentlich gar nicht geben dürfte.

Aber irgendwann hat dieser Strudel dann auch mich erfasst. Und er war schneller als ich schwimmen konnte. Ich hatte meine Mühe, etwas mir Vertrautes in Sicherheit zu bringen, um einen Halt zu finden. So war ich zunehmend der Überzeugung, dass es vieles um mich herum eigentlich gar nicht geben konnte. Immerhin vermochte ich aber noch auf die Reihe zu bringen, dass es das Wort eigentlich eigentlich auch nicht geben dürfte.

In einer Welt, die ohne Alternative ist, sind Denkansätze, in denen ein „Eigentlich“ oder ein „Hätte oder Wäre“ oder auch ein „Wenn“ enthalten sind, nur noch vorstellbar, wenn dafür ein völlig anderes Verständnis aufgebracht wird.

Das Ganze hatte etwas von einem Pragmatismus, der zu einem Ungetüm mit einem Auge mutiert war und der alles aus dem Weg räumte, was nicht zu ihm passte. Aber es gab auch immer wieder Phasen, in denen sich die Flut wieder zurückgezogen hatte. Dummerweise waren dann aber auch die Anführungszeichen wieder weg, die Flut hatte sie mit sich genommen, um sie in unerreichbaren Tiefen zu versenken. So kam ich nicht umhin, diese Zeichen jedes Mal wieder von Neuem zu setzen, denn sie waren für mich inzwischen unverzichtbar.

Auch die Begriffe Sieger und Verlierer hatte ich in Anführungszeichen gesetzt, um sie vor der Walze alles nivellierender Ursachen in Sicherheit zu bringen, obwohl ich noch keine Vorstellung davon hatte, wie das genau hätte aussehen können. Denn Unterscheidungen dieser Art konnten nach meiner neu gewonnenen Erkenntnis nur noch auf einen ausgemachten Humbug hinauslaufen. Und dann bin ich in diesem Zusammenhang auch noch über das gestolpert, was Handicaps bewirken sollen.

Sie wurden an den Start gebracht, um ungleiche Bedingungen bei sportlichen Wettkämpfen auszugleichen. Es geht darum, ganz offensichtliche Unterschiede zu berücksichtigen, damit alles einen fairen Anstrich erhält. So kann es nur konsequent sein, beispielsweise Boxer in unterschiedliche Gewichtsklassen aufzuteilen. Auch die Regelung, nach der Geschlechter getrennt voneinander anzutreten haben, kann nur auf diese Zielsetzung zurückgeführt werden. Ganz vernünftige Bedingungen also, an denen es doch eigentlich nichts auszusetzen gibt.

Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich, was ich davon halten sollte. Weil es doch neben ganz offensichtlichen Ungleichheiten auch immer noch ein ganzes Bündel von weniger offensichtlichen Ungleichheiten gibt. Und sie waren nur deshalb weniger offensichtlich, weil wir nicht in der Lage sind, sie zu erkennen. Wären wir dazu in der Lage, könnten wir ihre Auswirkungen fehlerfrei berücksichtigen.

Dann aber müsste es so sein, dass es keine Sieger und keine Verlierer mehr gäbe, weil es nun einmal so ist, dass sich Ungleiches aufhebt, wenn man es aufhebt. Und wenn es dennoch Sieger und Verlierer gäbe, dann doch nur deshalb, weil zuvor einzelne Faktoren nicht genau beurteilt und berücksichtigt werden konnten.

So gesehen kann jeder sportliche Wettkampf und jede Olympiade nichts weiter als ein großangelegtes Handicap-Ermittlungsverfahren sein. Denn was wäre darüber hinaus schon bemerkenswert daran, dass das eine mehr ist als das andere? Oder dass mehr rauskommen muss, wenn mehr drinnen gewesen ist? Die Sache lässt mich an eine Sportreportage im Rundfunk denken. Irgendjemand hat da gerade wieder gewonnen. Ja, so eine Überraschung, denke ich. Wer hätte das gedacht? Damit konnte ja niemand rechnen. Der Moderator kriegt sich ja gar nicht wieder ein.

Ich hätte es ihm vorhersagen können. Aber die Frage, was Leistung unter diesem Aspekt noch sein könnte, wird sich nicht allein auf körperliche Fähigkeiten beziehen. Auch intellektuelle Unterschiede gleichen sich aus, wenn man sie ausgleicht. Damit wäre dann klar, dass es auch kein Besser und kein Schlechter geben kann, es kann immer nur ein Mehr oder ein Weniger geben. Das Wichtigste, was dieser Planet jetzt allerdings noch braucht, sind Autorennen.

Während richtige Affen sich vergleichsweise nur mit ihren Händen auf die eigene Brust klopfen, ergreifen diese Gestalten in ihrer Siegeslaune überdimensionale Sektpullen, um sie in Hüfthöhe so lange zu schütteln, bis der Schaum kommt. Und ich möchte gar nicht wissen, was Sigmund Freud dazu zu sagen gehabt hätte. Wenn aber Verständnis eine Sache sein soll, die vom Verstand ausgeht, dann könnte es auch sein, dass ich an dieser Stelle notorisch unterversorgt bin.

Am verhängnisvollsten an der ganzen Geschichte ist jedoch der Umstand, dass die Schuld nicht mehr das sein konnte, was sie zuvor einmal gewesen ist. Eine von alten Denkmustern geprägte Vernunft hat sich durch das Hervortreten von Ursachen drangsalieren lassen, um nun keinen anderen Weg mehr zu sehen, als der Schuld ihren Boden zu entziehen. Es ist ein Desaster für die Justiz, das seinesgleichen sucht. Denn was konnte sie noch sein, ohne die Schuld?

Und es war nicht nur die Schuld allein, die unter diesen Voraussetzungen ihre Schuldigkeit getan hat. Mit der Schuld geriet auch die Verantwortung in diese Lage, denn sie ist die Mutter der Schuld. Als den Juristen die Schuld zwischen den Fingern zerrann, haben sie zugesehen, wie eine Ohnmacht an ihre Stelle trat, die zu allem Überfluss auch noch ständig von der Hirnforschung mit neuer Nahrung versorgt zu werden schien, denn jeder Zusammenhang, der sich auf diesem Gebiet ergab, deutete auf nichts anderes hin als auf Ursachen.

Aus dieser hoffnungslos scheinenden Situation heraus erklärt sich dann auch die sonderbare Erwartung, nach der alles Mögliche Entscheidungen oder Handlungen verursacht haben könnte, nur keine Ursache.

Was also einen Täter zu einer Tat bewogen haben könnte, dürfte nicht auf Ursachen zurückzuführen sein, sondern auf mysteriöse Impulse, die er gleichsam als Schöpfer erst einmal selbst vom Himmel geholt haben müsste. Denn nur dann wäre er nach althergebrachter Vorstellung auch wirklich dafür verantwortlich. Es müsste etwas sein, was frei von jeder Beeinflussung zustande gekommen ist, etwas absolut Freies also und so unabhängig wie das Nichts. Aber ganz so unabhängig und frei nun auch wieder nicht, denn es sollte trotzdem noch auf einem Grund bauen und zielgerichtet und irgendwie mit Sinn und Verstand erfüllt gewesen sein. Etwas sehr Sonderbares eben. Aber so wie es aussieht, ist für das Zustandekommen eines Ereignisses über Ursachen hinaus bis auf Weiteres nichts anderes vorstellbar als Ursachen.

Im Grunde hätte ich mir spätestens an dieser Stelle sagen sollen, dass es vernünftig wäre, dem Pfad des geringsten Widerstands zu folgen, indem ich erst einmal auf das höre, was diejenigen von dieser Problematik halten, die sicherlich eine ganze Menge mehr davon verstehen. Ich habe es versucht. Aber ich musste bald feststellen, dass das nicht so ohne Weiteres zu machen war, weil die Experten zu diesem vertrackten Thema keine einhellige Meinung vertreten. Es ist so, dass das, was man gern hätte, nicht sein kann und das, was sein kann, nicht so gern hätte. Daher blieb mir gar nichts anderes übrig, als mir selbst ein Bild davon zu machen.

Eine Entscheidung, die mir vorkam, als wäre ich von allen guten Geistern verlassen, weil mit dieser Situation die Vermutung einherging, dass die Worte, nach denen mir gar nichts anderes übrig blieb, nur eine andere Formulierung dafür waren, dass ich gar keine andere Wahl hatte.

Es war ein Gefühl, als wäre ich in einer gottverlassenen Schleife gelandet, in der nur noch die Hoffnung besteht, dass es eventuell doch irgendwelche Lücken in der Zwangsverkettung der Ereignisse geben könnte. Schließlich ging es darum, zu retten, was zu retten ist.

Damit dem Willen eine Basis bleibt, auf der er in einer Weise schalten und walten kann, die unberechenbar ist. Aber nichts davon konnte mich überzeugen, es war sehr sonderbar und es erschien mir auch nicht logisch genug, noch länger einen Gedanken an diese Hoffnung zu verschwenden. Eine Lücke ist eine Lücke und wenn sie etwas bewirken soll, dann kann es keine Lücke sein.

Ein Dämon für alle Fälle

Der französische Physiker, Mathematiker und Astronom Pierre-Simon Laplace hat einen nach ihm benannten Dämon ersonnen, für den Fall, dass der Determinismus am Ende doch in jeder Beziehung den Ton angeben sollte. Ausgestattet mit einem übermenschlichen Superhirn besteht seine unermessliche Fähigkeit darin, den Lauf des Geschehens bis ins kleinste Detail vorauszuberechnen, und es scheint wie geschaffen dafür zu sein, uns mit einer gnadenlosen Kompromisslosigkeit zu konfrontieren, die in allem, was uns noch bevorsteht, auf uns lauern soll.

Ich werde diesen Dämon Lappskaus nennen, Lappskaus mit zwei P, das kann ich mir besser merken. Unser Verstand sagt uns, dass alles, was sich bewegt, nur deshalb bewegen konnte, weil es dafür auch Ursachen gab. Etwas anderes ist undenkbar. Es ist eine Schlussfolgerung, die keinerlei Spielraum für unsere Handlungsfreiheit zuzulassen scheint. Denn was sollte der Wille noch in Bewegung setzen können, wenn alles schon in Bewegung ist?

Das kann dann nur bedeuten, dass auch die etwas edleren Seiten unseres Tuns nicht mehr das sein können, was wir immer dachten. Sie waren vielleicht ein Halt für uns, aber es ist alles nur Illusion gewesen. Das Gute und das Böse ist aus dem gleichen Holz geschnitzt, es wäre ein Fehler, wenn wir die Sache noch länger in altvertrauter Weise bewerteten, die Gegensätze, die es einmal galt zu unterscheiden, sind aufgehoben. Ein dumpfes Einerlei grauer Urzeit droht sich über unseren Verstand zu legen und unsere Vorstellungen zu ersticken, die uns einst befähigten, auseinanderzuhalten, was nicht zu vergleichen war.

Wir können die Namen wieder vergessen, die wir einst ersonnen hatten, um zu umreißen, worum es ging. Auch die Vorstellung eines freien Willens steht damit auf dem Spiel. Daher könnte es langsam kritisch werden, weil auch die Unterschiede dahin wären, die es zwischen der Zurechnungsfähigkeit und der Unzurechnungsfähigkeit einmal gegeben hat. Und das alles nur, weil ich versucht habe, mir die Konsequenzen einer verhältnismäßig harmlos erscheinenden Überzeugung vorzustellen, nach der es nichts geben dürfte, was ohne Ursache ist.

Mehr oder weniger unbewusst hatte ich mich schon seit Längerem auf dieses Spiel eingelassen und es war keine Ausnahme mehr, dass ich mir meine Anführungszeichen dachte, wenn ich mich mit Leuten unterhielt, die etwas weniger verrückte Überlegungen anstellten als ich.

Eines schönen morgens war ich dann aber überzeugt davon, dass mir das allein nicht mehr weiterhelfen würde. Ich hatte Begriffe wie Egoisten und Schuld und Verantwortung insgeheim in Anführungszeichen gesetzt und so in gewisser Weise aufgehoben, weil sie unterschiedslos auf Ursachen beruhten. Aber ganz so konnte ich das nicht stehenlassen. Es gab nach wie vor immer noch etwas von dem, was die Dinge ausmachte.

So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es für mich fortan zwei unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Welt geben müsse, denn ich hatte nicht vor, eine von beiden über Bord zu werfen. Da gab es zunächst einmal die Welt, die mir vertraut war, weil ich in ihr aufgewachsen bin. Die Schuld ist dort immer Schuld geblieben und Egoisten waren nichts anderes als Egoisten; und wenn jemand etwas von einem Zufall erzählte, dann wusste jeder, was gemeint war.

Ich habe diese Welt die erste Kategorie genannt, weil mein Verstand dort laufen gelernt hat. Und nun ist da auch noch diese neue Perspektive. Sie bringt alles durcheinander, aber sie ist nicht zu unterschätzen. Hier gehört alles hin, was ich einmal mit Anführungszeichen versehen hatte, weil nichts ohne Ursache sein kann.

Es ist meine zweite Kategorie, erfunden habe ich sie jedoch nicht, es gibt inzwischen eine Menge Leute, die alles aus dieser Perspektive sehen und sie haben längst über die Konsequenzen nachgedacht, die daraus folgen, dass sich nichts von allein bewegt. Ihnen ist auch bewusst, dass einem nicht unerheblichen Teil unseres Vokabulars nicht mehr die Bedeutung zukommen kann, die es einmal hatte, weil die Voraussetzungen dafür ein Irrtum waren. Das sind keine guten Aussichten, sie fanden allerdings kaum Beachtung, weil immer noch darauf gesetzt wird, dass sich da noch ein Ausweg ergeben muss.

So konnte man alles stehenlassen, wie es ist. Schließlich ist ja auch davon auszugehen, dass es dunkle Materie gibt. Sie ist zwar nirgends zu greifen, aber sie ist ableitbar von Himmelsbewegungen die atypisch sind und auf eine vorhandene Gravitation schließen lassen. Das haben sie fein hinbekommen, in der zweiten Kategorie, wenn sie aufgrund dessen die Frage in den Raum stellen, warum es also nicht auch so etwas wie einen dunklen Initiator geben sollte. Aber nicht jeder, der nicht mehr an den Ursachen vorbeikommt, macht es sich so einfach. Es gibt auch eine Reihe von Leuten, die derartige Überlegungen als allzu illusorisch abtun und sich stattdessen lieber an etwas halten, was eher nachvollziehbar ist.

In der ersten Kategorie hat man nie ein größeres Thema daraus gemacht, dass aller Wahrscheinlichkeit nach alles auf Ursachen zurückzuführen ist. Die Auffassung, nach der so manches, was wir uns immer vorgestellt hatten, ins Wanken geraten muss, weil es Ursachen gibt, wurde in der zweiten Kategorie geboren. Das Dumme daran ist nur, dass es auch keine Ursachen gibt. Was ist denn eine Ursache?

So, wie es aussieht, ist sie nur eine Art psychologische Prothese für unser beschränktes Auffassungsvermögen. Denn wenn alles eine Ursache hat, dann wird es eng für die Ursachen. Weil dann nichts mehr eine Ursache hat. Wir haben die Ursachen nur erfunden. Sie sind unverzichtbar für unsere Geschichten, weil sie uns einen Anfang bieten. Ohne einen Anfang wären sie weder zu erzählen noch zu verstehen. Aber einen Anfang kann es auch nicht geben, weil vor jedem Anfang noch ein anderer liegt.

Eine Ursache ist in etwa das, was eine Quelle ist. Sie beschreibt nur den Punkt, an dem etwas an die Oberfläche kommt. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass dort etwas entstehen könnte. Sie grenzt nur den Bereich ein, an dem etwas Verborgenes in unser Bewusstsein tritt.

Für den Fall, dass wir aufgrund dessen die Ursachen noch einmal etwas überschwänglich geringschätzen sollten, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn wir uns stattdessen an die vermeintlichen Ursachen hielten. Denn sie erfüllen den Zweck, Meilensteine auf der Bühne unserer Vorstellungen zu sein. Unter diesem Aspekt sind auch kausale Geschichten leichter zu verdauen als jeder Versuch, die Dinge unter dem Vorzeichen des Determinismus verstehen zu wollen.

Ohne Zuhilfenahme solcher Manöver liefen unsere Gedanken Gefahr, sich in der Unendlichkeit des Geschehens zu verlieren. Es kommt daher wie eine Salamitaktik der Vernunft, mit der sich ein bewährter Bereich der Überschaubarkeit vor uns ausbreiten lässt, und es sind keine schlechten Voraussetzungen dafür, maßgebliche Zusammenhänge unseres Lebens nachvollziehbar und verständlich zu machen. Zudem sind sie auch bestens geeignet, Funktionen auf Blaupausen zu planen, die in einer beabsichtigten Wirkungskette alle möglichen Prozesse zum Laufen bringen, ohne die wir unseren Alltag nicht mehr meistern könnten.

So ist es möglich, dass es dann an irgendeiner Stelle auch einmal einen Punkt geben kann und keine Fragen mehr. Aber Ursachen im eigentlichen Sinn können nichts auf dieser Welt in die Wege leiten, weil es sie nur in unserer Vorstellung geben kann.

Auch das, was unter einem Verursacherprinzip einmal verstanden werden konnte, muss zur Farce werden, wenn die Ursachen erst einmal abhandengekommen sind. Obwohl so mancher Landwirt in der norddeutschen Tiefebene grünen Spargel mit dem Versprechen zum Verkauf anbietet, dass er direkt vom Erzeuger kommt. Da müssen sie aber wirklich einen guten Draht zum Allmächtigen haben. Denn kein Mensch ist in der Lage, etwas zu erzeugen. Und wenn sie auch noch so überzeugt davon sein sollten, sie erzeugen nichts, sie wandeln immer nur um.

Auf der Suche nach einer Ursache, die diesen Namen wirklich verdient, ist man bekanntermaßen auf dem Feld der Astrophysik auf ein Ereignis gestoßen, das vielleicht wirklich einmal am Anfang aller Dinge gestanden haben könnte. Aber eben nur vielleicht.

In der zweiten Kategorie hat die Überlegung, dass es im Grunde gar keine Ursachen geben kann, keine Aufregung hervorgerufen. Es läuft unter dem Strich auf dasselbe hinaus, ob das Geschehen nun von einzelnen Ursachen geleitet wird oder von einer Ursache-Wirkung-Kette, haben sie gesagt. Und für den Fall, dass da noch ein dunkler Initiator im Spiel sein sollte, wäre diese Frage ohnehin belanglos.