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Diese Einführung bietet Studierenden und Forschenden der Sprachwissenschaft einen innovativen Zugang zum Denken über Grammatik: Diese muss nicht als abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen isoliertes System präsentiert werden, in dem Elemente bestimmten Klassen zugeordnet werden, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. Der alternative Zugang der Instruktionsgrammatik ist neuartig und programmatisch disziplinenübergreifend: Er begreift sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zum simulativen Nach-Vollzug von Erlebnissen und von sozialen Zuschreibungen. Von diesem Grundgedanken ausgehend entwickelt die Einführung Schritt für Schritt die Leistung der Grammatik als ordnenden Steuerungsmechanismus für den Erlebnisnachvollzug und das Handeln. Sie bedient sich dabei zahlreicher lebensnaher Beispiele und bietet abschnittsweise Übungsaufgaben, Zusatzinformationen und Anregungen zum Weiterdenken.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Simon Kasper
Deutsche Grammatik instruktiv
Eine philosophisch-anthropologische Einführung
Univ.-Prof. Dr. Simon Kasper lehrt Germanistische Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
DOI: https://doi.org/10.24053/9783381108022
© 2026 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
ISSN 0941-8105
ISBN 978-3-381-10801-5 (Print)
ISBN 978-3-381-10803-9 (ePub)
Dieses Buch führt Sie in das „instruktionistische“ Projekt des Nachdenkens über Sprache ein und lädt Sie zugleich dazu ein, sich offen, kreativ, produktiv und kritisch daran zu beteiligen. Wenn Sie Lust darauf haben, würde ich mich freuen, wenn Sie mit Ihren eigenen Studien und Überlegungen in persönlichen Kontakt zu mir treten würden. Sprechen oder schreiben Sie mich an! Wir sollten über die Dinge, die uns wichtig sind, öfter miteinander diskutieren!
„Philosophisch-anthropologisch“ über die Sprache nachzudenken, wie es der Titel ankündigt, klingt unheilvoller, als es ist. Sie werden sehen, dass mit dieser Charakterisierung bestimmte Bedingungen und Annahmen gemeint sind, die es uns ermöglichen, Sprache insgesamt und Grammatik im Speziellen in einer sehr konkreten und lebensnahen Weise theoretisch zu reflektieren – hoffentlich sogar konkreter und lebensnäher, als Sie es aus anderen Sprach- und Grammatiktheorien kennen.
Die Einführung konzentriert sich auf den „angewandten“ Teil des instruktionistischen Projekts, also auf konkrete grammatische Erscheinungen in der deutschen Sprache. Die philosophische Anthropologie kommt dabei nur insoweit zum Tragen, als sie nötig ist, um grammatische Zusammenhänge im instruktionistischen Licht zu betrachten. Die weiterreichenden philosophischen und theoretischen Hintergrundannahmen sind schwerpunktmäßig in anderen Werken thematisiert, auf die an den betreffenden Stellen in dieser Einführung immer wieder verwiesen wird.
Die Kapitel des Buches bauen aufeinander auf. Wenn das Buch als Grundlage von Lehrveranstaltungen dienen soll und die 11 Kapitel die Kapazitäten sprengen, empfehle ich daher, von hinten her zu reduzieren.
Kapitel und Abschnitte enthalten Aufgaben, deren Lösungen im weiteren Verlauf des Textes hergeleitet werden, sowie einige Anregungen zum Weiterdenken und Diskutieren – gerne auch mit mir.
Um die Lektüre zu leiten und zentrale Inhalte zu markieren, enthält der Text einige Hervorhebungen. Fett hervorgehoben sind argumentativ wichtige Ausdrücke oder Passagen.
Solche Kästen enthalten überliefertes und mehr oder minder kanonisches sprachwissenschaftliches oder anderweitig disziplinäres Wissen.
Diese Kästen enthalten Erläuterungen der Zentralbegriffe speziell des instruktionistischen Ansatzes.
Hiermit sind Aufgaben und Anregungen zum Weiterdenken markiert.
Neben diesen Balken finden Sie spezielle Sprachbeispiele, an denen bestimmte theoretische Aussagen illustriert werden.
Im Zusammenhang der Entstehung des Buches danke ich Toke Hoffmeister, Katja Politt, Christoph Purschke, Jürgen Erich Schmidt und Hanni Schnell für Kritik und inhaltliche Anregungen. Greta D’Ambrosio und Jana Bartenschlager danke ich für ihren Beitrag zu den Abbildungen und zur Formatierung. Tillmann Bub vom Narr-Verlag gilt mein Dank für seine Bereitschaft, sich auf dieses Projekt eingelassen zu haben, sowie für seine freundliche Unterstützung bei seiner Realisierung. Alle Unzulänglichkeiten des Werkes gehen wie immer auf mein Konto.
keine konventionelle GrammatikGrammatikDies ist keine strukturlinguistische Beschreibung der Grammatik des Deutschen in ihren Grundzügen. Sie behandelt Grammatik nicht primär als kombinatorisches System von Elementen auf verschiedenen Beschreibungsebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Text) und beschreibt nicht primär – vom Kleinen (Morpheme) zum Großen (Sätze, Texte) fortschreitend –, wie größere Einheiten aus kleineren Einheiten zusammengesetzt werden und welche Kombinationsmöglichkeiten zwischen den Elementen bestehen. Daher enthält diese Einführung auch keinen Katalog von analytischen Verfahrensweisen, wie sich die Elemente der Systemgrammatik ermitteln lassen (distributionelle Analyse, Wortartenbestimmung, Konstituententests, syntaktische Funktionen, topologische Felder etc.). Wenn Sie eine systemlinguistische Grammatik des Deutschen und Verfahrensweisen der Systemlinguistik suchen, verweise ich Sie auf die kommentierten Literaturhinweise zur Vertiefung am Ende des Kapitels. Wenn Sie bereit sind, einen Schritt zurückzutreten, und sich fragen, was grammatische Strukturen mit Ihnen als Menschen zu tun haben, dann lesen Sie hier weiter. In diesem ersten Kapitel wird der lebenslinguistischelebenslinguistisch Zugang zur Grammatik vorgestellt.
In Kursen zum Thema GrammatikGrammatik bekommen Studierende – also Sie – oft Antworten auf Fragen, die sie – also Sie – sich nie gestellt haben. Antworten auf nicht gestellte Fragen sind die beste Voraussetzung dafür, dass Sie sie sich nur so lange merken, bis Sie sie in der entscheidenden Prüfung endlich wieder hinauslassen können, damit Platz für Dinge frei wird, die für Sie relevant sind („Bulimielernen“). Was relevant für Sie ist, behalten Sie von selbst im Kopf. Stattdessen stellen Sie Ihre Fragen oft erst während oder nach den Grammatikkursen und sie haben dann eher diese Gestalt: „Was hat das mit mir oder meinem Leben zu tun?“ „Inwiefern betrifft mich das?“ „Kann ich das irgendwo anders als bei der Prüfung anwenden?“ „Bietet mir das tiefere Einsicht in Zusammenhänge, die intransparent für mich sind?“ „Hilft mir das, andere und mich selbst besser zu verstehen?“ „Ermöglicht mir das OrientierungOrientierung im eigenen HandelnHandeln?“
Wir müssen uns dem Thema GrammatikGrammatik aber nicht so nähern, dass es uns als lebensfernes, abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen unabhängiges System gegenübertritt, in dem Elemente – Morpheme, Wörter, Phrasen – bestimmten Klassen zugeordnet sind – Flexionsmorphem, Adverb, Verbalphrase –, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen – zum Beispiel Attribut, Subjekt – und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. (Obwohl es gute GründeGrund (Handlung) gibt, Grammatikforschung in diese Richtung zu betreiben.) Stattdessen können wir Grammatik auch genau daraufhin befragen, was Grammatik uns angeht was sie uns angeht, was sie mit uns zu tun hat. Die vorliegende Einführung soll dies im folgenden Dreischritt leisten:
Sie soll Ihnen erstens wiederholt Anlass geben, sich darüber zu wundern, was Sie sprachlich so alles tun, ohne zu wissen, wie Sie es tun und warum Sie es so tun. Falls diese Einführung tut, was sie soll, ergeben sich aus Ihrem Staunen gerade die Fragen, die die Bedeutung der GrammatikGrammatik für Sie selbst (und andere) betreffen.
Zweitens möchte diese Einführung Ihnen Antwortvorschläge unterbreiten. Diese folgen einer LeitideeLeitidee, die sich im Titel des Buches – Deutsche GrammatikGrammatik instruktiv – niedergeschlagen hat. Nicht nur soll das Buch als Einführung instruktiv für Sie sein; die Leitidee besteht vielmehr darin, sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zu betrachten. Äußerungen leiten uns demnach in ordnungsvoller Weise dazu an, ein Erlebnis simulierend nachzuvollziehen und mit dem nachvollzogenen Erlebnis etwas zu tun. Die GeordnetheitOrdnung der Anleitungen ist die Grammatik. In dieser „instruktionistischen“ Hinsicht werden wir die GeordnetheitOrdnung sprachlicher Äußerungen des Deutschen – die deutsche Grammatik – betrachten und aus ihr heraus soll die Bedeutsamkeit von Grammatik im Allgemeinen für unser Leben einsichtig werden.
Die Einführung soll dabei nicht stehenbleiben, sondern sie soll Sie außerdem drittens dazu anregen und ermutigen, den instruktiven Leitgedanken eigenständig aufzugreifen und fortzuführen, indem Sie beispielsweise weitere sprachliche Phänomene in den Blick nehmen, die hier analysierten Phänomene vertieft untersuchen oder die Analysen verbessern, die das Buch anbietet.
LeitideeLeitidee
Denken Sie jetzt nicht an einen orangefarbenen Präsidenten!
Die LeitideeLeitidee dieser Einführung ist, Äußerungen als geordnete Anleitungen („Instruktionen“) zum simulativen Nachvollzug von Erlebnissen und ihrer praktischen Verwertung zu behandeln. Haben Sie an einen orangefarbenen Präsidenten gedacht? Dann haben Sie die Leitidee performt.
Im weiteren Verlauf des Buches werden Sie Schritt für Schritt mit dieser LeitideeLeitidee und ihren Konsequenzen vertraut gemacht.
Aufgabe
Überlegen Sie, was mit dem Ausdruck „GrammatikGrammatik“ alles gemeint sein kann.
Die folgenden Ausführungen geben eine Antwort. Überlegen Sie sich gegebenenfalls eine Antwort, bevor Sie weiterlesen.
Für die meisten Menschen ist GrammatikGrammatik nichts, das geklärt oder erklärt werden muss. Als Regelwerk zum Nachschlagen oder Sprachenlernen ist sie vielmehr etwas, das selbst Klärung verschafft: Wenn jemand unkonventionell oder nach der unterstellten NormNorm Sprache „falsch“ gebraucht, kann der Blick in eine Grammatik klären, wie es „eigentlich“ geht (siehe Infokasten „Grammatik“, Bedeutung 3). In der Sprachtherapie lernt man – im gestörten Erstspracherwerb erstmals oder aber beispielsweise nach einem Schlaganfall wieder – „richtig“ zu sprechen, und was „richtig“ ist, ist durch die angenommene sprachliche Norm bestimmt (siehe Infokasten Bedeutung 1).
GrammatikGrammatik
Das strukturelle Regelsystem (bei de Saussure: „langue“), das dem kompetenten Sprecher das VerstehenVerstehen und Produzieren der jeweiligen Sprache ermöglicht. (Mit sechs Jahren beherrscht ein Kind die wesentlichen Elemente der GrammatikGrammatik.)
Die Gesamtmenge der Regeln einer natürlichen Sprache, meist beschränkt auf Morphologie und Syntax (Die deutsche GrammatikGrammatik kennt keinen Dualis.)
Die explizite Beschreibung grammatischer Regeln und Regularitäten, z. B. in einem Buch (Das musst du in der GrammatikGrammatik nachschlagen.)
Grammatische Theorien, die oft „Schulen“ oder Grammatikmodelle bilden wie z. B. Konstituentenstrukturgrammatik, Transformationsgrammatik, funktionale GrammatikGrammatik, Dependenzgrammatik oder Kategorialgrammatik (Das ist eine der Stärken der Dependenzgrammatik und der Kasusgrammatik.)
(Quelle: https://grammis.ids-mannheim.de/progr@mm/3123 [30.10.2024])
Jenseits dokumentierter Regelwerke und vermeintlichen Wissens darüber, was richtig und falsch ist, scheint Grammatik Grammatik buchstäblich nichtsGrammatik dagegen buchstäblich nichts zu sein. Sie ist nichts, was „da“ wäre, sondern etwas Abstraktes. Demgegenüber sind unsere Aktivitäten des Sprechens (oder Schreibens oder Gebärdens) und des VerstehensVerstehen dessen, was andere äußern, nicht abstrakt, sondern etwas sehr Konkretes. Was aber den meisten Menschen nicht so oft in den Blick gerät, weil es sich nicht in der konkreten Aktivität, sondern erst im kontrastierenden Vergleich ihrer Resultate zeigt, ist, dass wir ordnungsvoll sprechen (schreiben, gebärden) und verstehen.
Machen wir zur Verdeutlichung ein kleines ExperimentExperimentExperiment dazu. Beantworten Sie die folgende Frage bitte in einem Satz, den Sie normalerweise in einer solchen Situation sagen würden: Was passiert in der folgenden Bildergeschichte in Abbildung 1-1? Gehen Sie sicher, dass Sie sich eine Antwort überlegt haben, bevor Sie unter der Bildergeschichte weiterlesen.
Abbildung 1-1: Bildergeschichte „Buch wegnehmen“
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie sich einen Satz wie den folgenden überlegt haben: Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab. Vielleicht bezeichnen Sie die Referenten leicht anders oder verwenden weg- statt abnehmen: Eine Frau in Schwarz nimmt einer anderen Frau das Buch weg. Die globale Satzstruktur würde dabei aber gleich bleiben: mit einem Verb des Wegnehmens, der wegnehmenden Person als Subjekt, dem Weggenommenen als Akkusativobjekt und der beraubten Person als Dativobjekt. Falls der Satz, den Sie sich überlegt haben, ein ganz anderer ist, könnten wir uns wahrscheinlich einigen, dass die hier vorgeschlagenen Sätze dennoch naheliegende und gebräuchliche Antworten auf die oben gestellte Frage sind.
Wenn wir uns an der Schrift orientieren, hat der Satz Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab neun (orthographische) Wörter. Wir haben sie in genau dieser Reihenfolge geäußert. Wieso nicht in einer anderen? Möglichkeiten gäbe es rechnerisch genug: In wie viele verschiedene 9! Anordnungsmöglichkeiten Anordnungen kann man neun Wörter bringen? Genau, in 9! („neun Fakultät“). Das bedeutet 9 x 8 x 7 x 6 x 5 x 4 x 3 x 2 x 1 und ergibt 362.880. Warum haben wir nicht eine der 362.879 anderen Anordnungen geäußert? In der Logik unseres Gedankenexperiments wären andere durchaus denkbar gewesen: Ein Buch nimmt eine Frau einer anderen Frau ab. Einer anderen Frau nimmt eine Frau ein Buch ab. Und mit Sicherheit noch ein paar mehr. Übrig bleiben weit über 362.800 Anordnungen, die wir nicht äußern (mit der gleich folgenden Ausnahme) und nicht transindividuell verstehen würden, zum Beispiel Das Frau eine ab einer Buch nimmt Frau anderen.
Dieser Kontrast zwischen dem, was wir sprachlich tatsächlich ständig tun, und dem, was wir stattdessen alles nicht tun, zeigt sich erst im Vergleich der Resultate von sprachlichen Aktivitäten. Dafür müssen sie in stabiler, wahrnehmbarer Form materialisiert werden, beispielsweise in der Form von Schrift. Die dann sichtbaren Kontraste illustrieren, dass wir im Sprachgebrauch nicht einfach zufällige Geräusche und Schriftzeichen oder Gebärden hervorbringen und sie auch nicht in zufälliger Weise interpretieren. (Wir könnten das ExperimentExperiment ausweiten und auch noch die verschiedenen möglichen Flexionsformen der neun Wörter einbeziehen und fragen, warum wir diese und nicht jene Flexionsformen verwenden. Die Zahl der Möglichkeiten würde sich nochmals gewaltig vervielfachen!) Das heißt, wir können zwar irgendwie geordnet sprachlich etwas äußern und verstehen, aber weder bemerken die allermeisten von uns diese OrdnungOrdnung überhaupt noch könnten sie sie beschreiben. Vor diesem Hintergrund können wir GrammatikGrammatik deshalb als die uns in unseren sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten verborgene Ordnungverborgene Ordnung begreifen. So wird uns Grammatik zu einem Phänomen, das Fragen aufwirft.
„GrammatikGrammatik“ gemäß der instruktiven LeitideeLeitidee
GrammatikGrammatik ist die uns in unseren sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten verborgene Ordnungverborgene Ordnung. Diese OrdnungOrdnung ist sprachlichen Aktivitäten inhärent und lässt sich aufzeigen, indem man diese Aktivitäten aufzeichnet und ihre auf diese Weise entzeitlichten und verdinglichten Resultate miteinander vergleicht.
Aufgabe
Große SprachmodelleSprachmodell (sogenannte sprachgenerative künstliche Intelligenzen wie ChatGPT) verarbeiten menschliche sprachliche Eingaben und produzieren daraufhin eigene sprachliche Ausgaben. Diese Verarbeitungs- und Produktionsprozesse erfolgen ebenfalls nicht in zufälliger Weise. Handelt es sich dabei um GrammatikGrammatik? In welchem der zuvor genannten Sinne?
Folgende (sehr verkürzte) Hintergrundinformationen sind für Ihre Überlegungen vielleicht hilfreich: Der Funktionsweise großer Sprachmodelle liegen riesige Mengen von „Trainingsdaten“ zugrunde. Dabei fungieren die „Trainingstexte“ nicht als Datenbank von Informationen! Sondern die Sprachmodelle extrahieren aus diesen „Trainingstexten“ mittels gigantischer Rechenpower lediglich die Wahrscheinlichkeiten, mit denen bestimmte Symbolketten (Buchstabenfolgen, Lücken, Interpunktion) aufeinander folgen. In der Modellarchitektur von beispielsweise ChatGPT sind auf diesen Mechanismus noch menschliche Bewertungen der Ausgaben des Sprachmodells aufgepfropft, die das Modell als „Lern“mechanismus nochmals auf seine eigenen Ausgaben angewendet hat. Auf diese Weise entsteht nochmals eine größere Ähnlichkeit der Ausgaben zu menschlichen sprachlichen Formgebungen.
Eine Antwort findet sich am Ende des Kapitels.
Betrachten wir unser obiges ExperimentExperiment noch einmal aus anderer Perspektive. Eine geeignete Verbalisierung dessen, was in der Bildergeschichte passiert, war Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab. Angenommen, es handelte sich um eine wirkliche Szene, könnten Sie einen solchen Satz beispielsweise äußern, wenn Sie einer Freundin, die die Szene selbst nicht sieht, beschreiben möchten, was Sie wahrnehmen. Er wäre dazu geeignet, dass Ihre Freundin sich nun in etwa das vorstellt, was Sie gerade erlebt haben. Sie würde sich zwar nicht exakt dasselbe vorstellen, aber hinsichtlich der wesentlichen Eckpunkte würden sich Ihre Erfahrungen decken, nämlich dahingehend, in welcher Beziehung welche zwei Frauen und das Buch zueinander stehen. Und wir fragen erneut, was hieran (er)klärungsbedürftig ist. Wenn die Kommunikation mit Ihrer Freundin gelingt, was gibt es da zu erklären?
Die Antwort auf die erklären, wie … und warum … Frage Ihrer Freundin „Wie erfahre ich, was du gerade wahrnimmst?“ können Sie beantworten mit „Indem ich sage, Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch weg.“ In der Ausgangssituation weiß Ihre Freundin nicht, was Sie wahrnehmen, in der ZielsituationZiel (Handlung) weiß sie es. Sie haben ein praktisches Problem gelöst, indem Sie die Ausgangs- in die Zielsituation überführt haben. Sie wissen, wie Sie das hinkriegen: Sie können zum einen die Zielsituation durch eigenes Tun – die Äußerung selbst – einfach eintreten lassen, vielleicht können Sie das Wie sogar erläutern: „Indem ich eine grammatisch so und so strukturierte Äußerung tätige.“ Aber können Sie auch erklären, warum Ihre Äußerung (gegebenenfalls mit der Erläuterung der grammatischen Struktur) diese Wirkung hat? Das fällt Ihnen wahrscheinlich schwerer.
Der Grund dafür ist, dass Warum-Fragen dieser Art sich auf sehr viel Verschiedenes beziehen können – tatsächlich auf alles, was die gelungeneGelingen (Handlung) und erfolgreicheErfolg (Handlung) Herstellung der Zielsituation bedingt, in der Ihre Freundin sich nun im Wesentlichen das vorstellt, was Sie wahrgenommen haben. Mögliche Antworten auf die Warum-Frage – also Erklärungen – wären damit zum Beispiel die folgenden:
„Weil ich hingesehen habe (und du nicht).“
„Weil ich gelernt habe, welche sprachlichen Ausdrücke in welcher Kombination und mit welcher Satzmelodie ich verwenden muss, um in einem solchen KontextKontext ein solches Ereignis zu versprachlichen.“
„Weil du gelernt hast, wie du mit dem von mir Geäußerten umgehen musst.“
„Weil wir die gleiche Sprache sprechen.“
„Weil ich ein Exemplar der Spezies Homo sapiens sapiens bin, der mit der Anlage zur sprachlichen Kommunikation ausgestattet ist. (Okay, du auch.)“
„Weil mich (und dich) heute Morgen kein LKW beim Abbiegen überfahren hat.“
„Weil es die Gravitation gibt.“
Natürlich ist keine dieser Äußerungen eine befriedigende, und auch alle gemeinsam bilden keine hinreichende Antwort auf die Frage, warum sich die ZielsituationZiel (Handlung) einstellt. Ohne Eingrenzung des WarumsEingrenzung des Warums würde eine vollständige Erklärung dessen, was dafür sorgt, dass Ihre Äußerung nicht scheitert, auf eine völlig illusorische Komplettbeschreibung des bekannten Universums hinauslaufen, von der Quantenstruktur des LKW-Reifens, unter den Sie nicht geraten sind, bis zu Ihrer Erfahrung mit Ereignissen des Wegnehmens und Ihrem Wissen darüber, wann man spricht und wann man schweigt. Das ist wesentlich auch deshalb illusorisch, weil die gleiche Sache – dass Sie Ihre Freundin sprachlich erfolgreichErfolg (Handlung) über Ihr Erlebnis unterrichten – beispielsweise sowohl mit neurowissenschaftlichen als auch mit handlungsbezogenen Konzepten beschrieben werden kann. Solche Erklärungen repräsentieren verschiedene Hinsichten auf das gleiche Phänomen und machen Gebrauch von verschiedenen Konzepten. Die Erklärungen aus dem einen Bereich können dabei nicht einfach und verlustfrei mithilfe der Konzepte des anderen Bereichs reformuliert werden.
Wir erwarten von Erklärungen, dass sie uns eine Sache in der Hinsicht erklären, in der wir an ihr interessiert sind. Wir müssen also die Hinsicht des WarumsHinsicht des Warums in Warum gelingt es Ihnen, dass Ihre Freundin sich nun vorstellt, was nur Sie zuvor wahrgenommen haben? festlegen. In welchem Sinn „sehen“ wir in dieser Einführung auf das „hin“, was wir sprachlich hinkriegen? Was setzen wir gemeinsam als Basis voraus? Worin besteht unser InteresseInteresse? In welchem „Auflösungsgrad“ ist es zu beschreiben? Zur Klärung machen wir ein weiteres kleines ExperimentExperiment.
Beantworten Sie bitte auch die folgende Frage in einem Satz, den SieExperiment normalerweise in einer solchen Situation sagen würden: Was passiert in der folgenden Bildergeschichte in Abbildung 1-2? Gehen Sie sicher, dass Sie sich eine Antwort überlegt haben, bevor Sie unter der Bildergeschichte weiterlesen.
Abbildung 1-2: Bildergeschichte Mann–Banane
Antworten könnten sein Einem Mann wird die Banane weggenommen, möglicherweise auch – je nachdem, woher Sie im deutschen Sprachraum stammen – Ein Mann bekommt oder kriegt die Banane weggenommen. Ein Satz wie Jemand nimmt einem Mann die Banane weg ist ebenfalls denkbar. Auch wenn Sie leicht verschiedene Wörter verwenden, ist die Wahrscheinlichkeit dennoch hoch, dass Sie einen PassivsatzPassiv mit einem Verb des Wegnehmens verwenden.
Wenn wir nun die bevorzugten Verbalisierungen der beiden Ereignisse grammatisch vergleichen, fällt auf, worin sie sich unterscheiden (Tabelle 1-1).
Szenario
Frau–Buch
(Abbildung 1-1)
Mann–Banane (Abbildung 1-2)
Sachverhaltstyp
Jemand nimmt jemandem etwas weg.
bevorzugte Verbalisierung
Eine Frau nimmt der anderen Frau das Buch weg.
Ein Mann bekommt die Banane weggenommen.
GrammatikGrammatik der Äußerung
DiatheseDiathese
AktivAktiv
PassivPassiv
Subjekt (Wer?)
Nehmerin
(Eine Frau)
Beraubter
(Ein Mann)
Akk.-Objekt (Wen?)
Genommenes
(ein Buch / eine Banane)
Dat.-Objekt (Wem?)
Beraubte
(einer anderen Frau)
nicht ausgedrückt
Nehmer/in
(ø)
Wahrnehmungsbedingungen
Nehmerin identifizierbar
Nehmer/in nicht identifizierbar
Tabelle 1-1: SachverhaltstypenSachverhaltstyp, bevorzugte Verbalisierungen und GrammatikGrammatik im Vergleich
Es handelt sich in beiden Szenarien – dem mit den Frauen und dem Buch und dem mit dem Mann und der Banane – um den gleichen Sachverhaltstyp – jemand nimmt jemand anderem etwas weg. Dennoch unterscheiden sich die bevorzugten Verbalisierungen. Die Unterschiede lassen sich grammatisch beschreiben: Im Szenario mit den Frauen und dem Buch bevorzugen wir einen Aktivsatz und in dem Szenario mit dem Mann und der Banane einen PassivsatzPassiv. Dies geht damit einher, dass die beteiligten Rollen mit unterschiedlichen syntaktischen Funktionen bis hin zu gar nicht versprachlicht werden. Wir können erklären, wie Sie Ihrer Freundin den SachverhaltSachverhalt vermitteln, nämlich indem Sie die jeweilige bevorzugte Äußerung mit der jeweiligen grammatischen Struktur realisieren.
Aber warum haben Sie es gerade so getan, mit diesen Äußerungen? Die zahllosen Möglichkeiten, worauf sich dieses Warum beziehen kann, lassen sich einschränken, indem wir uns zunächst einmal auf das konkret Vorfindliche in den beiden Szenarien und dabei auf deren Unterschiede konzentrieren. In diesem Fall stoßen wir unter anderem auf die Wahrnehmung und AuffassungWahrnehmungsbedingungen und AuffassungsweisenWahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen: Im Bananenszenario ist die wegnehmende Person für uns nicht identifizierbar, im Buchszenario dagegen schon! Könnte es sein, dass wir deshalb grammatisch unterschiedliche Äußerungen bevorzugen, weil sich trotz gleicher SachverhaltstypenSachverhaltstyp die Bedingungen unterscheiden, unter denen wir die Sachverhalte jeweils wahrgenommen oder aufgefasst haben?
Die hier verteidigte Antwort ist: ja! Die Art und Weise, wie wir unsere Äußerungen organisieren, hängt in nicht zufälliger Weise – also mittels einer „verborgenen Ordnungverborgene Ordnung“ – damit zusammen, wie wir Sachverhalte wahrnehmen oder auffassen. Kürzer ausgedrückt: Es gibt systematische Korrespondenzen zwischen Sachverhaltswahrnehmungen und -auffassungen einerseits und grammatischen Strukturen andererseits.
Wenn wir in Situationen sprachlicher FormgebungFormgebung („Sprachproduktion“) zwei der drei Parameter (1) Sachverhalt, (2) Wahrnehmungsbedingungen oder Auffassungsweisen und (3) Äußerung(sstruktur) kennen, dann können wir aufgrund der überzufälligen Korrespondenzen zwischen ihnen einen educated guesseseducated guess in Bezug auf den unbekannten dritten anstellen.
„Hat das mit mir oder meinem Leben zu tun?“ „Inwiefern betrifft mich das?“ „Kann ich das irgendwo anders als bei der Prüfung anwenden?“ „Bietet mir das tiefere Einsicht in Zusammenhänge, die intransparent für mich sind?“ „Hilft mir das, andere und mich selbst besser zu verstehen?“ „Ermöglicht mir das OrientierungOrientierung im eigenen HandelnHandeln?“
Auch hier ist die Antwort: ja! Unsere menschlichen sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten sind unauflöslich mit der Art und Weise unseresIn-der-Welt-SeinIn-der-Welt-SeinIn-der-Welt-Seins verschränktIn-der-Welt-Sein. Unsere Erfahrungen in Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit sind zum einen Gegenstand unserer sprachlichen Aktivitäten – wir kommunizieren sprachlich über sie –, zum anderen konstituiert unsere Wirklichkeitserfahrung aber auch die verborgene Ordnungverborgene Ordnung in unseren sprachlichen Aktivitäten mit: Wir sind es, die in Auseinandersetzung mit unserer UmweltUmwelt und MitweltMitwelt (= andere Menschen) die verborgene OrdnungOrdnung in unseren sprachlichen Aktivitäten erst hervorbringen (auch wenn wir das weder bemerken noch beabsichtigenAbsicht).
Die Konfrontation mit unserer Um- und MitweltMitwelt (und uns selbst) – man könnte auch sagen, die humanökologischenHumanökologie Beziehungen – sind wiederum geprägt von unserer LeiblichkeitLeiblichkeit und KultürlichkeitLeib und KultürlichkeitKultur. Die Beschaffenheit unserer KörperKörper, in denen und mit denen wir uns mit unserer Wirklichkeit auseinandersetzen, sowie unsere kulturellKultur vermittelten Deutungs- und Handlungsweisen bedingen das, was ich als zweiten Parameter abkürzend „Wahrnehmungsbedingungen und AuffassungsweisenWahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen“ (in Bezug auf Sachverhalte) genannt habe. Wir nehmen Wirklichkeitsphänomene auch deshalb genau so wahr und fassen sie genau so auf, wie wir es tun, weil wir genau diese Körper haben und in genau dieser oder jener Kultur leben. Sie bestimmen mit, was für uns bedeutsam ist, und was für uns bedeutsam ist, schlägt sich in unseren sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten nieder: Wieso haben Sie in den ExperimentenExperiment nicht beispielsweise geantwortet, Etwas bewegt sich oder Haare ändern ihre Lage im Raum oder Vieles oder Nichts? Wieso haben Sie nicht gar nicht reagiert oder eine teilchenphysikalische Beschreibung der Krafteinwirkung auf die Banane gegeben? Woher kommt überhaupt Ihr Wissen darüber, was in diesen Szenen etwas ist und nicht etwa nichts, was darin ein GanzesTeil/Ganzes-Beziehung, was Vieles und was nur Teil von etwas anderem ist?
HumanökologieHumanökologie (breite Definition)
Die natürlichen und kultürlichen Wechselbeziehungen des Menschen mit seiner unbelebten und belebten UmweltUmwelt.
Lehre von 1.
Grammatik Muss man Grammatik erklären? Muss man Grammatik also erklären? Man muss nicht. Solange wir mit unseren Äußerungen unsere individuellen und kooperativen (!) ZieleZiel (Handlung) erreichen, besteht im Grunde keine Notwendigkeit dazu. Aber wir alle machen die Erfahrung von Missverständnissen, davon, nicht gut genug verstanden zu haben; damit, dass wir uns selbst missverständlich ausdrücken oder etwas anders verstehen, als unser Gegenüber es gemeint hat; damit, dass wir versuchen, auf Basis von jemandes Äußerungen zu erschließen, was die Person erlebt hat, wie sie Sachverhalte aufgefasst und bewertet hat, und wir fragen uns, wie zuverlässig unsere Schlussfolgerungen sind.
Dies sind Fragen, auf die die in diesem Buch präsentierte Instruktionsgrammatik Antworten sucht, und deshalb versteht sie sich als ein Projekt menschlicher SelbstaufklärungSelbstaufklärung. Ihre Erklärungen sollen dazu dienen aufzuklären, wie Wahrnehmungsbedingungen und AuffassungsweisenWahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen von SachverhaltenSachverhalt, Zuschreibungensoziale Attribution von Urheberschaft und ähnliche Faktoren in Zusammenhang mit der verborgenen OrdnungOrdnung unserer sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten stehen. Auf diese Weise enthüllt sie etwas von dieser verborgenen Ordnung.
Mit dem programmatischen Einbezug von SachverhaltenSachverhalt sowie Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen in die Betrachtung sprachlicher Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten geht sie auch über die meisten Grammatiktheorien hinaus (siehe Infokasten „GrammatikGrammatik“, Bedeutung 4). Damit kann sie im besten Falle – und ganz praktisch – HandlungsorientierungOrientierungOrientierung für die eigene, individuelle und für die kollektive sprachliche PerformanzPerformanz leisten. Performanz meint dabei sprachliche Formgebungs-, VerstehensVerstehen- und praktische „Verwertungs“aktivitäten in konkreten lebensweltlichen Situationen.
Aufgaben
Diskutieren Sie die Aufgabe zu Abschnitt 1.3 noch einmal: Große SprachmodelleSprachmodell (sogenannte sprachgenerative künstliche Intelligenzen wie ChatGPT) verarbeiten menschliche sprachliche Eingaben und produzieren daraufhin eigene sprachliche Ausgaben. Diese Verarbeitungs- und Produktionsprozesse erfolgen ebenfalls nicht in zufälliger Weise. Handelt es sich dabei um Grammatik? In welchem der zuvor genannten Sinne?
Ändert sich vor dem Hintergrund des in Abschnitten 1.4 und 1.5 Gesagten etwas an Ihren Antworten?
Eine Antwort findet sich am Ende des Kapitels.
In der Szene mit der Banane tendieren wir dazu, ein PassivPassiv zu verwenden. Dies hat möglicherweise etwas mit Wahrnehmungs- und AuffassungsweisenWahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen in Bezug auf Sachverhalte zu tun. In diesem Fall nehmen wir anders als beim Aktivsatz die wegnehmende Person nicht wahr. Diskutieren Sie, was allgemein eine Funktion von Passivsätzen sein könnte. Beziehen Sie das folgende Beispiel mit in Ihre Erörterungen ein:
Eine CEO einer großen Firma kommentiert einen Umsatzeinbruch im letzten Quartal und äußert in diesem KontextKontext den Satz:
Fehler wurden gemacht.
Eine kurze Antwort findet sich am Ende dieses Kapitels.
Unsere Erklärung, warum es Ihnen in den beiden ExperimentenExperiment oben gelingt, dass Ihre Freundin im Wesentlichen weiß, was Sie wahrgenommen haben, bestand darin, dass wir zwei besondere Sachverhalte – die beiden Szenarien in den ExperimentenExperiment oben – in allgemeine Zusammenhänge einordnen: die überzufälligen Korrespondenzen zwischen SachverhaltenSachverhalt, ihren Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen sowie Äußerung(sstruktur)en. Aus dem Bekanntsein des (spezifischen) Sachverhalts und den (spezifischen) bevorzugten Äußerungen in unseren Beispielen konnten wir mithilfe der (allgemeinen) überzufälligen Korrespondenzen unterschiedliche Wahrnehmungsbedingungen oder Auffassungsweisen in unseren Beispielszenarien erschließen. Zudem haben wir das Eintreten der bevorzugten Äußerungen auf das Vorliegen bestimmter SachverhaltstypenSachverhaltstyp in Verbindung mit bestimmten Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen zurückgeführt. Ersteres entspricht der fünften, Letzteres der vierten Erläuterung des Erklärungsbegriffs von Oswald SchwemmerSchwemmer, Oswald (siehe Infokasten „Erklärung“).
Erklärung
„In umgangssprachlicher Verwendung bedeutet E[rklärung] etwa
(1) (zumeist mit besonderen Geltungsansprüchen versehene […]) Mitteilung über das Bestehen eines (besonders bedeutsamen) Sachverhaltes,
(2) Erläuterung des Gebrauchs eines Ausdrucks oder des Sinns eines Textes,
(3) Deutung der AbsichtenAbsicht eines Handelnden,
(4) Rückführung des Eintretens eines Ereignisses auf seine GründeGrund (Handlung) oder UrsachenUrsache,
(5) Einordnung eines (individuell dargestellten) besonderen Sachverhaltes in allgemeine (z. B. durch Gesetze dargestellte) Zusammenhänge.
Eine spezifische […] pragmatische Gemeinsamkeit besteht darin, daß E[rklärung]en (verschiedenartige) Darstellungen von SachverhaltenSachverhalt sind, die eine als erforderlich angesehene (und daher zumeist auch eingeforderte) Orientierungsgrundlage bzw. -hilfe für […] HandlungenHandeln eines bestimmten Typs [angeben] […]. Je nachdem, worin man das Erfordernis und die Möglichkeiten solcher Orientierungen sieht, wird man ein entsprechendes Konzept für die Begründung und Darstellung der Struktur von E[rklärung]en entwickeln. Eine Eingrenzung dieser Aufgabe ist damit gegeben, daß Mitteilungen und […] Erläuterungen im allgemeinen nicht als wissenschaftliche E[rklärung]en diskutiert werden.“
(Quelle: Schwemmer [2024: 381])
Mit Erklärungen in diesem Sinne werden wir es in dieser Einführung zu tun haben. Hinzukommen werden immer wieder Erklärungen in der dritten Bedeutung nach SchwemmerSchwemmer, Oswald, nämlich als Deutung sprachlicher Handlungsabsichten. Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, dass in den Korrespondenzen zwischen SachverhaltenSachverhalt, Wahrnehmungsbedingungen und Äußerung(sstruktur)en, die wir in den beiden kleinen ExperimentenExperiment gefunden haben, gar keine handelnden Menschen als Faktor vorkamen. Aber erstens ist schon die AbsichtAbsicht, Ihre Freundin darüber zu unterrichten, was Sie gerade wahrnehmen, genau das: eine Absicht, die Ihren Erwägungen unterliegt. Und zweitens entzieht sich die Strukturierung unserer Äußerungen sowie ihre InterpretationInterpretation zwar teilweise, aber eben nicht völlig unserem kontrollierten Einfluss und damit wiederum unseren AbsichtenAbsicht. Dies ist auch der Grund dafür, warum wir es bei den Korrespondenzen mit Tendenzen und nicht mit Kausalgesetzen zu tun haben.
Natürlich müssen wir bei allen dreien von Schwemmers Erklärungstypen ([3], [4] und [5]) immer sehr viel von dem als gegeben voraussetzen, was unsere Äußerungen abseits der Zusammenhänge, die uns speziell interessieren, nicht scheitern lässt – erinnern Sie sich an die Komplettbeschreibung des Universums. Das liegt am praxisorientierte Erklärungen praxisorientierten Wesen wissenschaftlicher Erklärungen: Sie schaffen OrientierungOrientierung für das HandelnHandeln (siehe Infokasten „Erklärungen“). Welche Zusammenhänge wir im Erklären dabei als gegeben hinnehmen und welche wir problematisieren, folgt deshalb ebenfalls praxisorientierten Erwägungen; es hängt in unserem Fall davon ab, wo wir Klärungs- und Orientierungsbedarf im Sprachgebrauch in Bezug auf die GrammatikGrammatik sehen und wo wir uns bereits orientiert sehen.
Unser kleines ExperimentExperiment oben sollte andeuten, dass unsere sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten unauflöslich mit der Art und Weise unseres In-der-Welt-SeinsIn-der-Welt-Sein verschränkt sind, sprich: mit der Art und Weise, wie wir Geschehen in der Welt wahrnehmen, erleben und auffassen und wie wir selbst in ihr tätig sind. Und die Art und Weise, wie wir das tun, hängt wiederum damit zusammen, wie wir körperlich und geistig konstituiert sind, sprich: mit unserer NaturNatur und KulturKultur. Dies anzudeuten war nötig, um die philosophisch-anthropologische Grundausrichtung dieser Einführung zu verdeutlichen.
LeitideeLeitidee
Sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen zum simulierten Erleben (im Sinne eines Nach-Vollzugs) und praktischen VerwertenVerwerten des Nachvollzogenen behandeln.
Gegenstand der TheorieGegenstand der Theorie
Nicht zufällige Zusammenhänge zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-SeinsIn-der-Welt-Sein einerseits und der verborgenen OrdnungOrdnung sprachlicher Formgebungs- und Verstehensprozesse andererseits am Beispiel der deutschen Sprache aufdecken.
ZielsetzungZiel (Handlung) der TheorieZielsetzung der Theorie
Die Theorie der Instruktionsgrammatik ist ein Projekt der Selbstaufklärung des „sprachigen“ Menschen in der Gesamtheit seiner um- und mitweltlichen Bezüge (breiter Begriff der Humanökologie). Mittelbar folgt sie dem InteresseInteresse, jeweils sich selbst und andere besser zu verstehen und das bessere VerstehenVerstehen lehrbar zu machen, um lebensweltliche Praxis zu orientieren und zu stützen.
MethodeMethode
Das Vorgehen besteht darin, Studien, Ergebnisse und Theorien wissenschaftlicher Disziplinen, die Aspekte menschlicher UmweltUmwelt- und Mitweltbeziehungen thematisieren, unter dem Dach einer methodisch-pragmatischen WissenschaftstheorieWissenschaftstheorie zu deuten und zur Theoriebildung heranzuziehen. Dies sind vor allem die Sprachwissenschaft, Sprachphilosophie, (Wissens-)Soziologie, Allgemeine und Angewandte PsychologiePsychologie, (KulturKultur-, Technik-, und Geist-)Philosophie sowie die (LeibLeib-)PhänomenologiePhänomenologie. In der Gesamtschau ist das Vorhaben ein philosophisch-anthropologischesphilosophische Anthropologie. Dem soll der Untertitel des Buches Rechnung tragen.
Theoretisches Regulativtheoretisches Regulativ
Sprachliche Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten und -fähigkeiten werden so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des ZeichengebrauchsEigenlogik des Zeichengebrauchs heraus verstanden. Auf bloß sprachabhängige Evidenz wird dabei verzichtet. Nichtsprachliche Eigenschaften und Fähigkeiten sowie nichtsprachlicher Zeichengebrauch müssen entweder durch andere Wissenschaftsdisziplinen an nichtsprachlichen Gegenständen gesichert sein. Oder man kann die Annahme nichtsprachlicher Eigenschaften auch dadurch begründen, dass ihre Leugnung zu einem sogenannten performativen Widerspruch führt. Diesen begeht man, indem man etwas behauptet, das mit dem Akt des Behauptens logisch-pragmatisch unverträglich ist. Er ist beispielsweise gegeben, wenn jemand sagt, Ich kann nicht sprechen.
Theoretisches Regulativtheoretisches Regulativ
GrammatikGrammatik, also die implizite OrdnungOrdnung in unseren sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten, soll so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des ZeichengebrauchsEigenlogik des Zeichengebrauchs heraus erklärt werden. Erkenntnisse, die sich lediglich durch Sprachbeobachtungen rechtfertigen lassen, reichen als erklärende Konzepte nicht aus.
Isoliert, wie sie dastehen, werfen die LeitideeLeitidee und die wissenschaftstheoretischen Positionierungen sicherlich zahlreiche Fragen auf. Im Verlauf der folgenden Kapitel soll die Leitidee lebenswelt- und praxisnah breit ausgefaltet werden. Einige Aspekte der wissenschaftstheoretischen Positionierung werden sich dabei implizit im Vorgehen aufhellen, eine vertiefende Behandlung bleibt aber stärker theoretisch ausgerichteten Arbeiten vorbehalten. Diesbezüglich sei auf die Literaturhinweise zur Vertiefung verwiesen.
Wenn Sie strukturlinguistische Beschreibungen der deutschen GrammatikGrammatik suchen, werden Sie fündig bei Dürscheid (2012), Eisenberg/Fuhrhop (2020), Eisenberg/Schoneich (2020), Eroms (2000), Pittner/Berman (2021), Schäfer (2018), Welke (2019), Wöllstein/Dudenredaktion (2022), Zifonun et al. (1997).
Es gibt strukturlinguistische Behandlungen von GrammatikGrammatik auch im Videoformat. Ich verweise auf Kasper (25.03.2021).
„Lebenslinguistik“ ist als Konzept eine Schöpfung von Christoph PurschkePurschke, Christoph und unsere individuelle und gemeinsame Arbeit orientiert sich daran. Arbeiten, die der lebenslinguistischenlebenslinguistisch Maxime zwar nicht explizit, aber performativ folgen, liegen exemplarisch vor in Kasper/Purschke (2021), Kasper/Purschke (2023 [erfordert Vorkenntnisse in der Forschung zur sog. ArgumentrealisierungArgumentrealisierung und jüngeren sprachgebrauchsbasierten Modellen]), Purschke (2020 [im soziolinguistischem Zusammenhang]) und Hoffmeister (2024) [im kognitiv-variationslinguistischen Zusammenhang]).
Im Infokasten zu „Grammatik“ ist von Ferdinand de Saussures „langue“-Begriff die Rede. Dies rekurriert auf Saussure, de (1931), ein Grundlagenwerk der modernen Sprachwissenschaft.
Die in diesem Abschnitt angesprochenen Unterscheidungen betreffen „Wissen, wieWissen, wie“ gegenüber „Wissen, dassWissen, dass“, „implizites“ gegenüber „explizitem“ Wissen, „prozedurales“ gegenüber „deklarativem“ Wissen, „Wissen“ gegenüber „KönnenKönnenWissen, wie“. Klassische Arbeiten dazu, ergänzt um eine zusätzliche von Christoph Purschke und mir, sind Anderson (1976), Kasper/Purschke (2021), Polanyi (2016), Ryle (1945/1946).
Zur Funktionsweise großer SprachmodelleSprachmodell kursieren viele schlechte Texte, Podcasts und Videos voller Irrtümer und unsachgemäßen Metaphern. Kompetente Hintergrundinformationen bietet Wolfram (2023).
Die hier skizzierte Perspektive ist kurz bzw. lang ausgeführt in Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorgestellten Ansatzes]).
Die Rolle der menschlichen UmweltUmwelt- und Mitweltbeziehungen sind in Bezug auf GrammatikGrammatik am intensivsten adressiert in Kasper (2020b), Kasper (2021a), Kasper/Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischenHumanökologie Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]), Kasper/Purschke (2023 [Vorkenntnisse in der Forschung zur sog. ArgumentrealisierungArgumentrealisierung und jüngeren sprachgebrauchsbasierten Modellen ist von Vorteil]).
Eine zugängliche Einführung in die LeibphänomenologieLeibphänomenologie, die den konstitutiven Charakter unserer LeiblichkeitLeib für unsere Erfahrung herausarbeitet, ist Waldenfels (2000 [zugängliche Einführung ins Thema, kritisch gegenüber der kognitiven PsychologiePsychologie und analytischen Philosophie des Geistes]).
Stärker aus der anglo-amerikanischen Tradition der analytischen Philosophie und der Neuro- und KognitionswissenschaftenNeuro- und Kognitionswissenschaften stammen die Ansätze zum sog. „EmbodimentEmbodiment“, auf Deutsch präsentiert in Fingerhut/Hufendiek/Wild (2013).
Die prominentesten Grammatiktheorien mit umfassendem Erklärungsanspruch, die Wahrnehmungsbedingungen/AuffassungsweisenWahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen in ihre Erklärungen mit einbeziehen, sind die im Folgenden genannten. Sie sind sehr stark an naturalistischen Paradigmen der Kognitions- und NeurowissenschaftenNeuro- und Kognitionswissenschaften orientiert und manche von ihnen stehen darüber hinaus im Verdacht der Zirkularität, wenn sie auf Basis von Beobachtungen zur Sprache kognitive Operationen postulieren, um anhand dieser wiederum grammatische Strukturen zu erklären. Zu nennen wären Croft (1991 [Standardwerk zur semantisch motiviertenMotiviertheitMotivation (sprachliche Form) Grammatiktheorie]), Croft (2001, 2012), Goldberg (1995 [Standardwerk zur KonstruktionsgrammatikKonstruktionsgrammatik vor der gebrauchsbasierten „Wende“, stark von Langacker und G. Lakoff beeinflusst]), Jackendoff (2002 [Standardwerk der Generativen GrammatikGrammatik mit tragender Rolle der kognitiven Semantik]), Jackendoff (2007), Langacker (2008 [umfassendste und einflussreichste Grammatiktheorie mit Berücksichtigung von Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen in Bezug auf versprachlichte Sachverhalte]), Levin/Rappaport Hovav (2005 [Übersichtswerk zur sog. ArgumentrealisierungArgumentrealisierung mit generativ-grammatischen Vorzeichen, das viele relevante semantische Faktoren thematisiert]), Talmy (2000 [zweite große Theorie der kognitiv-semantisch motivierten Grammatik neben Langacker]).
Der Enzyklopädie-Eintrag von Oswald Schwemmer ist wesentlich umfangreicher und tiefer als hier angedeutet: Schwemmer (2024 [ausgezeichnete, aber anspruchsvolle OrientierungOrientierung in einer weitreichenden Debatte].
In Bezug auf Erklärungen einen ähnlichen wissenschaftstheoretischen Ansatz, aber speziell angewendet auf den Gegenstand Sprache bieten Kambartel/Stekeler-Weithofer (2005).
GrammatikDie Arbeiten, die die Theorie begründen bzw. der Theoriearchitektur und der ideellen Basis Wesentliches hinzufügen, sind Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorgestellten Ansatzes]), Kasper (2020b [lotet die humanökologischenHumanökologie Grundlagen des Ansatzes weiter aus]), Kasper/Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischenHumanökologie Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]).
Daneben liegt auch ein einführendes Lehrvideo vor, und zwar Kasper (13.06.2020).
Zu der im Punkt „MethodeMethode“ angesprochenen methodisch-pragmatischen WissenschaftstheorieWissenschaftstheorie bietet eine in der Sache gute, aber herausfordernde Einführung Janich (2014).
Zum Punkt „Regulativtheoretisches Regulativ“ vgl. Kasper (2020a [thematisiert theoretische Begründungsschwierigkeiten der Kognitiven GrammatikKognitive Grammatik aus Sicht des hier präsentierten Ansatzes]).
Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden.
Man könnte argumentieren, dass bei dem, was ChatGPT tut, Grammatik im ersten Sinne des Infokastens in diesem Abschnitt im Spiel ist: „[d]as strukturelle Regelsystem (bei de Saussure: ‚langue‘), das dem kompetenten Sprecher das VerstehenVerstehen und Produzieren der jeweiligen Sprache ermöglicht“. Natürlich hat niemand dem großen Sprachmodell „Regeln“ im wörtlichen Sinne beigebracht, sondern es operiert in seinen Ausgaben auf der Grundlage der impliziten statistischen Regularitäten, die es in den sprachlichen Daten analysiert hat, mit denen es „trainiert“ wurde. Diese kann man auch als „strukturelles Regelsystem“ bezeichnen.
1. Aufgabe (große Sprachmodelle wiederholt)
Wenn Grammatik abweichend von den vorangegangenen Charakterisierungen des Begriffs diejenige Ordnung sein soll, die unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten inhärent ist, und wenn diese Aktivitäten unauflöslich mit unserem menschlichen In-der-Welt-Sein verknüpft sind, dann kann im Zusammenhang von ChatGPT und anderen großen Sprachmodellen nicht mehr sinnvoll von Grammatik gesprochen werden. Unsere Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen, die Grammatik durchdringen, sind abhängig davon, wie wir körperlich und kulturell mit unserer Umwelt und Mitwelt im Austausch stehen. Diese Beziehungen sind im Falle großer Sprachmodelle radikal anders.
2. Aufgabe (Funktionen des Passivs)
Die primäre allgemeine Funktion des Passivs ist es, den Urheber, Verantwortlichen oder aktiven Part (Agens) eines Sachverhalts nicht sprachlich ausdrücken zu müssen. Dafür kann es verschiedene Motive geben, unter anderem, dass man diesen Part nicht kennt oder dass man jemandes Verantwortlichkeit verschleiern möchte. Dies wird in den Abschnitten 7.7 bis 7.9 (Passiv) und in Kapitel 10 (Verantwortlichkeitszuschreibungen) vertieft.
Unseren sprachlichen Formgebungs- und VerstehensaktivitätenFormgebungs- und Verstehensaktivitäten ist eine verborgene Ordnungverborgene Ordnung inhärent, die wir GrammatikGrammatik nennen. Sie steht, so die Annahme, in einem nicht zufälligen Zusammenhang mit nichtsprachlichen menschlichen Fähigkeiten und der Eigenlogik des ZeichengebrauchsEigenlogik des Zeichengebrauchs. Als nichtsprachliche Fähigkeiten haben Sie in den ExperimentenExperiment des ersten Kapitels bereits ganz kurz Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen von SachverhaltenSachverhalt kennengelernt. Um zu sehen, dass die grammatische OrdnungOrdnung etwas mit Wahrnehmung und Auffassung zu tun hat, müssen wir beide beschreiben können. Es wird sich nämlich zeigen, dass nicht nur unsere sprachlichen Aktivitäten beziehungsweise ihre Resultate eine Ordnung aufweisen, sondern auch unsere Erfahrung: unser Wahrnehmen und Erleben. Wenn wir sehen möchten, wie die Ordnungen von beiden zusammenhängen, müssen wir die Ordnung im Wahrnehmen und Erleben erst einmal erkennenErkennen. Dann können wir auch die LeitideeLeitidee, dass Äußerungen Instruktionen zum simulierten Erleben im Sinne eines Nachvollzugs sind, mit Inhalt füllen. Daher geht es in diesem Kapitel um die Ordnung in der Wahrnehmung und der Vorstellung.
Wir beginnen erneut mit einem ExperimentExperimentExperiment: Wir tun wieder so, als stünden die drei folgenden Screenshots für etwas, das Sie tatsächlich wahrnehmen. Die Screenshots stammen aus einer zirka zweisekündigen Szene eines Werbespots. Zur besseren Orientierung können Sie ihn sich natürlich auch im Original anschauen. (Aber vergessen Sie nicht, hierhin zurückzukehren!)
Abbildung 2-1: Szene aus einem Werbespot1
Was nehmen Sie wahr, was erleben Sie? Ohne spezielles InteresseInteresse an der Szene könnten Sie vieles antworten: einen Parkplatz; Grau- und Brauntöne; Motorengeräusche; ein rotes Auto; Autoreifen, die auf Asphalt rollen; Ihren kalten Hintern; das Grummeln im Magen; Herbstluft weht um Ihre Nase; Bäume, die wenig Laub tragen; eine Person erwartet ein ankommendes Auto; Abgase; und dergleichen mehr. Vielleicht schlagen Sie an der erhöhten Stelle, an der Sie gerade sitzen, Zeit tot.
Dennoch würde nicht alles in der Szene Ihre worauf wir achten AufmerksamkeitAufmerksamkeit gleichermaßen auf sich ziehen. Etwas darin drängt sich Ihnen auf und sticht hervor, so dass Sie Ihre Sinne darauf ausrichten: Es ist zum einen das Auto, und zwar, weil seine rote Farbe sich so stark von dem ansonsten von Grau und Braun dominierten Hintergrund abhebt, weil es sich bewegt, während sich sonst (beinahe) nichts bewegt, weil Sie plötzlich Abgase riechen, wo Sie vorher nichts Besonderes gerochen haben, und weil die Motorengeräusche die ansonsten relativ monotone Geräuschkulisse deutlich übertönen. Zum anderen ist es die Person, die neben dem Parkplatz steht und allem Anschein nach ihre eigene Aufmerksamkeit auf das rote Auto richtet, was sich daran erkennenErkennen lässt, dass sie ihre Haltung mit dem Herannahen des Autos leicht verändert. Wenn Sie auf etwas anderes achten wollten, zum Beispiel auf etwas weiter hinten im Bild, müssten Sie Ihre Aufmerksamkeit gegen die Anziehungskraft des roten Autos aktiv von diesem abziehen und dorthin richten.
Nun können wir nicht leicht davon abstrahieren, dass dies in Wirklichkeit ursprünglich ein Werbespot ist und es nachgelagert drei Screenshots aus diesem Werbespot in einem Lehrbuch sind. Beides sind kommunikative Situationen: Die Werbetreibenden möchten, dass Sie etwas Bestimmtesetwas Bestimmtes sehen und Sie wissen, dass die Werbetreibenden dies möchten. Und die Werbetreibenden wissen, dass Sie wissen, dass sie es möchten (etc.). Und deshalb schauen Sie das Video nicht ganz interesselos an, sondern sozusagen relevanzgefiltert unter dem Vorzeichen, dass dabei kommunikative AbsichtenAbsicht und wechselseitige ErwartungenErwartung im Spiel sind. Dasselbe gilt für die von mir zweitverwendeten Screenshots. Sie und ich befinden uns ebenfalls in einer Kommunikationssituation, Sie wissen, dass ich in Bezug auf die Szene „etwas von Ihnen will“, und dies wirkt als Relevanzfilter auf das, worauf Sie achten.
Dennoch: Auch unabhängig von einer Kommunikationssituation und während Sie „Zeit totschlagen“ wäre nicht alles in dieser Szenerie gleich Salientes und Pertinentesbedeutsam für Sie. Das neben dem Mann einparkende rote Auto bindet Ihre AufmerksamkeitAufmerksamkeit, auch wenn Sie kein spezielles praktisches oder kommunikatives InteresseInteresse an ihm haben. Solche Elemente der Wahrnehmung werden perzeptivsalientSalienz genannt. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit dagegen auf etwas richten, weil es praktisch – Sie suchen beispielsweise die Person im Hintergrund – oder kommunikativ – jemand fragt, „Was bewegt sich denn da hinten auf dem Parkplatz?“ – bedeutsam ist, dann ist es perzeptiv pertinentPertinenz. Was salientSalienz ist, kann auch pertinentPertinenz sein, muss es aber nicht. Wenn es nicht salientSalienz ist, ist es jedoch kognitiv aufwendiger, darauf zu achten. Gleichzeitig muss aber alles, was Sie in der Wahrnehmung aussondern, weil es pertinentPertinenz ist, zumindest auch SalienzpotenzialSalienzpotenzial besitzen, denn wenn Sie es nicht vor einem Hintergrund aussondern könnten, wäre es für Sie auch gar nicht als etwas eigenes wahrnehmbar.
SalienzSalienz und PertinenzPertinenz
Saliente Wahrnehmungsphänomene haben solche sensorischen Qualitäten, dass sie in ihrer Umgebung für unsere Wahrnehmung auffällig sind. Sie ziehen im Dienste vitaler Interessen unsere AufmerksamkeitAufmerksamkeit auf sich, auch ohne dass wir ein besonderes praktisches InteresseInteresse an ihnen hätten.
Pertinente Wahrnehmungsphänomene sind solche, auf die wir unsere AufmerksamkeitAufmerksamkeit richten, weil wir ein praktisches InteresseInteresse an ihnen haben. Sie können, müssen aber nicht zugleich salientSalienz sein. Sie müssen nur insoweit SalienzpotenzialSalienzpotenzial besitzen, als sie für uns von ihrer Umgebung unterscheidbar sind.
Wir haben es also mit Wahrnehmungsfeldern zu tun und mit der Frage, worauf wir in ihnen perzeptiv achten und ob wir es tun, weil es salientSalienz oder pertinentPertinenz ist. Dies betrifft zunächst alle Sinne.
Wenn es darum geht, worauf wir in Szenen visuellSehen (= sehend) achten, was wir also beim Beobachten von Szenen mit den Augen fixierenFixation, und wie der Blick zwischen fixierten Dingen umherspringt (= „SakkadenSakkade“), können uns sogenannte Eye TrackerEye Tracker Aufschluss geben. Eye Tracker Eye Tracker sind Geräte, die FixationenFixation und Sakkaden des Auges bei der visuellenSehen WahrnehmungSehen registrieren, und deren registrierte Daten man visualisieren kann, indem man sie in das visuelleSehen Display projiziert. Genau dies hat man mit Personen getan, die den obigen Werbespot angeschaut haben. Das Ergebnis sehen Sie in Abbildung 4. Die farbigen Punkte zeigen die Fixationen und Sakkaden der Zuschauenden.
Abbildung 2-2: Dieselbe Szene mit Eyetracker1
In Zeitschnitt 1 sehen Sie die Blickpunkte unmittelbar nach einem Bildschnitt, der von der vorangegangenen in diese Szene überleitet: Die Zuschauenden schauen immer noch an die Stelle, in der sich in der vorangegangenen Szene zuletzt etwas bewegt hat. Wenige hundert Millisekunden später fixierenFixation fast alle das salienteSalienz rote Auto beziehungsweise Elemente, die mit dem roten Auto (oder zu einem roten Auto) verbunden sind (Zeitschnitt 2). Wiederum wenige hundert Millisekunden später – das Auto hat nun schon deutlich in Richtung Parklücke eingeschlagen – springen einige Blicke auf die pertinentePertinenz freie Parkfläche (Zeitschnitt 3): Die fixierte Stelle ist in diesem Moment nicht sonderlich salientSalienz, aber die Zuschauenden haben erkannt, dass das Auto auf die freie Parklücke zusteuert und wenden ihr praktisches ErfahrungswissenErfahrungswissen (PertinenzPertinenz!) an, um vorherzusagen, wohin es sich als nächstes bewegen wird.
Je näher das Auto seiner vermuteten Zielposition kommt, desto mehr Blicke fallen dann zudem auf die daneben lokalisierte Person (Zeitschnitte 3 und 4). Sie ist sowohl salientSalienz, da sie sich für uns durch Farbe und Bewegung vom Hintergrund abhebt, zum anderen ist sie hochgradig pertinentPertinenz: Menschen sind in unserem WahrnehmungsfeldWahrnehmungsfeld immer von hoher praktischer und kommunikativer RelevanzRelevanz.
Abbildung 2-3: Folgeszene2
Dies wird auch in der unmittelbar folgenden Szene in Abbildung 2-3 deutlich. Sie stellt die Person, die neben dem Parkplatz wartet, frontal dar. In Zeitschnitt 1, direkt nach dem Bildschnitt, stehen die Blicke noch auf dem, worauf die Zuschauenden in der vorherigen Szene zuletzt geschaut haben. Wenige Millisekunden später sind alle Blicke auf das hochgradig pertinentePertinenz Gesicht des Mannes fixiertFixation. Gesichter sind so bedeutsam für uns, weil wir an ihnen sehr viel von dem vorhersagen können, worauf wir unser nächstes HandelnHandeln abstimmen müssen. Das können „ablesbare“ Gefühle wie Wut, Freude, Ungeduld, Genervt-Sein, Trauer und so weiter sein, das kann aber auch der auf irgendetwas in der UmweltUmwelt gerichtete Blick von jemandem sein, der uns anzeigt, worauf es jemand „abgesehen“ hat. Generell gilt, dass das, was wir vorhersagen können, uns nicht unangenehm überraschenÜberraschung kann, und wir tendieren dazu, solche ÜberraschungenÜberraschung zu vermeiden, wann immer möglich. (In Kapitel 9 werden wir das vertiefen.)
Zeitschnitt 3 illustriert dann wiederum die Macht salienterSalienz ReizeReiz: Unvermittelt hebt die Person ihren Arm, um auf die Uhr zu schauen, und unmittelbar „springen“ die Blicke auf das salienteSalienz Etwas, weil es sich bewegt.
Etwas im WahrnehmungsfeldWahrnehmungsfeld visuellSehen zu fixierenFixation ist nicht gleichbedeutend damit, etwas Wahrgenommenes als etwas Bestimmtesetwas Bestimmtes zu Erkennen wahrnehmen vs. erkennen erkennenErkennen. Vielmehr fixierenFixation wir kontextabhängig sowohl solches, was wir schon erkannt haben, als auch solches, was wir noch nicht erkannt haben und gerade dazu fixieren,Fixation um es zu erkennenErkennen. In Bezug auf die obige Szene bedeutet das, dass es einen Moment gegeben hat, in dem Sie etwas noch Unerkanntes unter anderem anhand Ihrer BlickbewegungenBlickbewegung zunächst einmal als rotes Auto erkannt haben müssen. Anschließend haben Sie wieder unter anderem anhand Ihrer BlickbewegungenBlickbewegung den weiteren Fortgang des Schicksals des bereits erkannten roten Autos weiterverfolgt. (Denken Sie daran, dass Sie mit allen Sinnenmit allen Sinnen in diese Szene involviert sind.)
Für die meisten von uns ist es eine nie reflektierte Selbstverständlichkeit, etwas als etwas zu erkennenErkennen, indem man darauf blickt. Das täuscht aber darüber hinweg, dass dies eine gewaltige Leistung ist, in die ein Gutteil unserer spezifisch menschlichen Wesensmerkmale eingeht. Beispielsweise besitzen wir nicht von Anfang an die Fähigkeit zu erkennenErkennen, dass etwas, das wir zugleich mit der Hand betasten, mit der Nase riechen und mit dem Auge sehen, etwa ein Apfel, tatsächlich eine Sache ist und nicht drei voneinander unabhängige Erlebnisse von drei unbestimmten ‚Etwassen‘. Ebenso ist es von unseren vorherigen Erfahrungen abhängig, ein Auto als ein aus TeilenTeil/Ganzes-Beziehung bestehendes Ganzes zu erkennenErkennen. In der obigen Szene bewegen sich das Dach, die Karosserie, die Lichter, die Reifen und die Personen im Auto zwar gleichzeitig in die gleiche Richtung, sie haben aber jeweils unterschiedliche Farben. Es ist ohne Weiteres gar nicht klar, wie viele Sachen diese Farben bilden: eine, viele oder bilden sie nur einen Teil von etwas? Dass die Personen im Auto kein Autoteil sind, das Dach und die Reifen aber schon, und dass Letztere, aber nicht Ersteres notwendig für die Fahrtüchtigkeit des Autos sind, ist menschliches ErfahrungswissenErfahrungswissen.
Kurz gesagt, dürfen wir uns die erfahrbare UmweltUmwelt nicht von vornherein als wohlgegliedert vorstellen. Vielmehr ist dabei eine ganze Erfahrungsschichten SchichtungErfahrungsschichten menschlicher Leistungen im Spiel. Beginnen wir mit der untersten SchichtErfahrungsschichten.
Der menschliche KörperKörper. Wenn wir es als Kleinkind, noch bevor wir so etwas wie GegenstandsbewusstseinGegenstandsbewusstsein besitzen, beispielsweise mit einem Wahrnehmungsphänomen wie einem kleinen Ast zu tun hätten, dann wäre schon die Frage, welche Erfahrung wir auf welche Weise mit diesem Ast-Etwas machen können, durch unsere spezifisch menschlichen Körper mitbestimmt. Zu nennen wären hier beispielsweise die Wahrnehmungsspektren und -nuancen unserer einzelnen SinnesorganeSinnesorgan – die andere sind als bei anderen Lebewesen – und zwei nach vorn – anstatt zur Seite – gerichtete Augen. Zentral ist auch die Tatsache, dass wir aufrecht auf zwei Beinen laufen (lernen) und dadurch wahnsinnig geschickte Hände mit einem den anderen vier Fingern gegenüberliegenden Daumen frei haben, so dass sich uns die Wirklichkeit von vornherein wie durch einen Greifbarkeitsfilter präsentiert. Unsere Leiblichkeit und Körperlichkeit bestimmt also mit, welche Erfahrungen wir mit dem Ast-Etwas machen können und in welchen Eigenschaften es für uns salientSalienz und pertinentPertinenz werden kann.
Die sensomotorischesensomotorische Wirklichkeitserschließung Wirklichkeitserschließungsensomotorische Wirklichkeitserschließung. Mit genau diesen unseren Körpern beginnen wir, unsere UmweltUmwelt mit allen Sinnenmit allen Sinnen und selbsttätig zu erkunden. Wir werden das Ast-Etwas, das sich noch nicht klar von anderem abhebt und noch nichts Bestimmtes für uns darstellt, greifen, in den Mund stecken, es riechen, rollen, wedeln, uns versehentlichVersehen damit kratzen und so weiter. Wie den Ast, so „arbeiten“ wir die gesamte erreichbare Wirklichkeit um uns herum sensomotorisch „durch“. Diese Durcharbeitung der Wirklichkeit (idealtypisch mit der Hand) ist regelmäßig mit der RückempfindungRückempfindung durch andere Sinne, vor allem das SehenSehen verknüpft: Wie wir in die Umwelt hineinwirken, empfinden wir auch wahrnehmend, tastend, schmeckend, riechend, vor allem aber sehend, zurück (Auge–Hand-KoordinationAuge–Hand-Koordination).
Mit fortschreitender sensomotorischer Erfahrung werden wir – wieder exemplarisch – den Ast als InstrumentInstrument zwischen unsere eigenen Extremitäten (die Hand) und etwas außerhalb unseres Körpers nehmen und werden ihn wie eine OrganerweiterungOrganerweiterung und OrganverbesserungOrganverbesserung einsetzen, zum Beispiel um unseren Arm zu verlängern, um an etwas heranzukommen, wofür der Arm allein zu kurz wäre, oder als Schläger, um damit etwas zu schlagen, oder als Stütze beim Gehen. Sobald wir gelernt haben, zielgerichtetZiel (Handlung) zu handeln und geeignete MittelMittel (Handlung) dafür zu wählen, können wir den Ast im sensomotorischensensomotorische Wirklichkeitserschließung Kontakt auf seine jeweils pertinentenPertinenz Merkmale hin verengen und ihn so als Armverlängerung, als Schläger, als Stütze erkennenErkennen und behandeln. Das rote Auto in unserer obigen Szene ist in der Logik dieser Leistungsschichtung strukturell etwas Ähnliches wie so ein Ast. Es tritt auch zwischen uns und andere Teile der Wirklichkeit (den Boden, die Straße) und überbietet körperliche Leistungen. Beim Auto kommt aber noch etwas hinzu:
Das InstrumentInstrument kann sich teilweise oder ganz vom Einsatz am KörperKörper ablösen und als Gerät oder Maschine „von sich aus“ eine Leistung erbringen, die menschliche Körperkraft teilweise oder ganz ersetzt: Aus Ästen werden Stöcke und aus Stöcken wird ein Tipi gemacht, aus Fels werden Steine gefertigt und aus Steinen ein Haus gebaut. Der Körper braucht seine Temperatur nicht mehr selbst zu regulieren, das Haus schützt ihn vor Kälte. Auch der selbsttätige Teil eines Automobils (von griech. autós ‚selbst‘ und lat. mobilis ‚beweglich‘) fällt in diese Kategorie.
Das höherstufige Sehenhöherstufiges Sehen. Bei uns Menschen ist das SehenSehen eng mit anderen SinnesmodalitätenSinnesmodalität, insbesondere mit der haptischenTasten Wahrnehmung (TastenTasten) verknüpft.
Wir sehen, wie wir motorisch-tastend auf die UmweltUmwelt einwirken, und so empfangen wir mit dem Auge zurück, was wir mit der Hand nach außen bewirken. Die regelmäßigen Rückempfindungen zwischen Hand und Auge führen auf Dauer dazu, dass wir mit zunehmender sensomotorischer Durcharbeitung unserer Umwelt den Dingen in unserer Umwelt ansehen können, wie wir mit der Hand auf sie einwirken können. Das heißt, wir sehen den Dingen ihre praktischen Eigenschaften an, obwohl die PraktikenPraktik etwas sind, das nicht das Auge, sondern die Hand an den Dingen vollzieht. So sehen wir als Erwachsene am Auto die Rollbarkeit, am Lenkrad die Drehbarkeit, am Sitz die Besetzbarkeit, am Schalthebel die Herumschiebbarkeit. Und wir sehen dem Auto an, wie das Rollen des Autos klingt, wir sehen der Textur des Lenkrades an, wie es sich anfasst usw. Analog beim Ast: Wir sehen im Ast-Etwas nun schon von fern die möglichen Zweckbestimmungen (Armverlängerung, Schläger, Stütze usw.) und welche sensorischen Eigenschaften dabei im Spiel sind, wenn wir den Ast als das jeweilige verwenden. Man spricht dabei von den AffordanzenAffordanz der Gegenstände. Die generelle Voraussetzung für das höherstufige Sehenhöherstufiges Sehen ist, dass die darunterliegende Schicht
