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Alle Kerngebiete der deutschen Sprachwissenschaft werden in diesem Studienbuch konzentriert und einprägsam erklärt: Textlinguistik, Pragmatik, Syntax, Wortbildung, Flexionsmorphologie, Semantik und Phonologie. Hinzu kommen Kapitel zu wichtigen Themen wie Erstspracherwerb, Sprachverarbeitung, Sprachwandel und Variation. Von zwei Experten der universitären Lehre verfasst und in der Praxis erprobt, liefert dieses klar strukturierte Grundlagenbuch genau das, was Studierende im Grundstudium der Germanistik oder Linguistik brauchen. Didaktisch geschickt ausgewählte Beispiele und Abbildungen veranschaulichen den komplexen Stoff. Wertvolle Literaturhinweise und ein Sachregister machen den Band auch als Nachschlagewerk nutzbar. ›Reclams Studienbuch Germanistik‹ bietet Fachwissen für das germanistische Grundstudium und darüber hinaus: - Klar strukturiert - Verständlich formuliert - Praxisnah auf den Punkt gebracht
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Seitenzahl: 562
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ingo Reich / Augustin Speyer
Deutsche Sprachwissenschaft
Eine Einführung
Reclam
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung nach einem Konzept von zero-media.net
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961715-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011276-2
www.reclam.de
Wenn Sie sich für dieses Buch interessieren, ist die Annahme nicht ganz unbegründet, dass Sie entweder bereits Germanistik studieren oder sich zumindest mit dem Gedanken tragen, sich für dieses Fach zu entscheiden. Und als angehende Germanist*innen werden Sie auch inzwischen festgestellt haben, dass sich die Germanistik als Fach nicht alleine mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt, sondern auch mit der deutschen Sprache. Da beide Gegenstände auch in ihrer historischen Dimension untersucht werden, gliedert sich die Germanistik in der Regel in drei Teilgebiete der GermanistikAbteilungen: die Neuere deutsche Literaturwissenschaft, die Neuere deutsche Sprachwissenschaft (auch Germanistische Linguistik genannt) und die Ältere Abteilung (auch mediävistische Abteilung genannt), die sich sowohl mit der älteren Literatur als auch mit der älteren Sprache beschäftigt (vgl. Abbildung 1.1).
Abb. 1.1: Teilbereiche der Germanistik
Der Gegenstand der Germanistischen Gegenstand der Germanistischen LinguistikLinguistik ist die deutsche Gegenwartssprache in all ihren Dimensionen. Damit grenzt sie sich deutlich von anderen Philologien wie der Anglistik, der Romanistik oder der Slawistik ab, die sich mit dem Englischen, den romanischen bzw. den slawischen Sprachen und Literaturen beschäftigen. Nicht wenige Berührungspunkte hat die Germanistische Linguistik mit der stärker theoretisch ausgerichteten Allgemeinen Linguistik bis hin zur Computerlinguistik, in der es primär um die automatische Verarbeitung großer Mengen sprachlicher Daten geht. Diese Fächer können aber eine vertiefte Auseinandersetzung mit einer Einzelsprache nicht ersetzen, und genau darin besteht der Reiz der Germanistischen Linguistik.
Nähern wir uns also unserem Gegenstand an. Wir haben gerade formuliert, dass dies die deutsche Sprache in all ihren Dimensionen ist. Damit stellt sich sofort die Frage: Was genau sind diese Dimensionen? Um die Gliederung der (Germanistischen) Linguistik in ihre Teilgebiete nachvollziehen zu können, sollte man sich zunächst bewusst machen, was Sprache eigentlich ausmacht. Sprache dient offenbar der Kommunikation. Wir wünschen uns einen guten Morgen, indem wir »Guten Morgen!« sagen, wir bestellen uns mit den Worten »Ich hätte gerne einen Cappuccino« einen Cappuccino und wir entnehmen der Schlagzeile »Frankreich ist Weltmeister« auf z. B. Zeit Online (15. 7. 2018), dass Frankreich Weltmeister ist. Form und Inhalt sprachlicher AusdrückeSprache hat also zunächst eine inhaltliche Seite: Mit »Ich hätte gerne einen Cappuccino« bestelle ich eben einen Cappuccino und keinen Apfelsaft, ganz einfach weil ich mich mit dem Wort Cappuccino auf Cappuccino beziehe und nicht auf Apfelsaft. Die sprachlichen Äußerungen haben dabei aber immer auch eine bestimmte Form oder Struktur. Ich kann nicht sagen: »Frankreich bist Weltmeister«. Diese Äußerung würden wir als nicht akzeptabel, als ungrammatisch bezeichnen, auch wenn wir die damit verbundene Aussage vielleicht verstehen. Das Problem ist, sprachwissenschaftlich gesprochen, dass der Eigenname Frankreich in der dritten Person steht, die Kopula bist aber in der zweiten Person. »Frankreich, du bist Weltmeister« wäre dagegen wieder akzeptabel. Sprachwissenschaftler stehen also vor mindestens zwei Herausforderungen: Sie müssen zum einen die Struktur, den Aufbau sprachlicher Ausdrücke beschreiben, also die Regeln, nach denen diese Ausdrücke gebildet werden. Zum anderen müssen sie den inhaltlichen Bezug, also die Bedeutung dieser Ausdrücke beschreiben. Und am Ende wird man auch erklären wollen, wie die Ausdrücke zu ihrer Bedeutung kommen. Für ein Wort wie Cappuccino ist das vielleicht noch recht naheliegend: Wir haben einfach gelernt, dass wir uns mit dem (eigentlich italienischen) Wort Cappuccino auf Cappuccino beziehen. Nicht ganz so einfach zu erklären ist aber, was die Bedeutung des Satzes ich hätte gerne einen Cappuccino ist und wie diese Bedeutung auf der Basis der einzelnen Wörter zustande kommt.
Was die Struktur sprachlicher Ausdrücke betrifft, werden in der Linguistik im Wesentlichen drei Ebenen unterschieden: die Struktur von Sätzen, die Struktur von komplexen Wörtern und der lautliche Aufbau sprachlicher Ausdrücke. Mit der Struktur von Kerngebiete der (Germanistischen) LinguistikSätzen beschäftigt sich die SyntaxSyntax, mit der Struktur von komplexen Wörtern die MorphologieMorphologie und mit dem lautlichen Aufbau die PhonetikPhonetik und die PhonologiePhonologie. (Was genau der Unterschied ist zwischen Phonetik und Phonologie, darauf werden wir in Kapitel 9 noch zu [9]sprechen kommen.) Fragen des inhaltlichen Bezugs, der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke, sind schließlich Gegenstand der SemantikSemantik. Untersucht man die Bedeutung von Wörtern, dann spricht man von der lexikalischen Semantik. Wird die Bedeutung komplexerer Ausdrücke untersucht, spricht man von Satzsemantik.
Abb. 1.2: Kerngebiete der (Germanistischen) Linguistik
DieGrammatikKompetenz genannten Bereiche der Linguistik werden in dem Sinne als Kerngebiete bezeichnet, als sie das Grammatik und Kompetenzgrundlegende grammatische System einer Sprache beschreiben, das die Basis unserer sprachlichen Kompetenz darstellt. Mit ›grammatisches System‹ ist hier aber keine präskriptive Grammatik gemeint, also eine Grammatik, die wir aus dem Regal nehmen können und in der steht, was ›richtiges‹ Deutsch ist. Was wir hier meinen, ist das System, das wir als Kinder gewissermaßen nebenbei erwerben und das in unserem Gehirn in irgendeiner Form als eine mentale Grammatik repräsentiert sein muss. Da wir zu diesem System leider keinen direkten Zugang haben, muss das Ziel sprachwissenschaftlicher Forschung sein, dieses System auf der Grundlage sprachlicher Äußerungen zu rekonstruieren, zu beschreiben und letztlich zu modellieren.
Eine GebrauchFunktionweit verbreitete Vorstellung ist dabei, dass diese mentale Grammatik in einer konkreten Situation den Gedanken eines Sprechers gewissermaßen ›in Worte kleidet‹, also einen sprachlichen Ausdruck generiert (erzeugt), der den Gedanken des Sprechers möglichst präzise wiedergibt. Von diesem sprachlichen Ausdruck selbst ist dann zu unterscheiden, wie der Sprecher diesen Ausdruck in der konkreten Situation verwendet, welche Funktion der Ausdruck in der konkreten Situation hat. So werde ich in der Regel mit der Äußerung »Guten Morgen!« jemanden morgens begrüßen. Wenn ich aber »Guten Morgen!« zu meinen Studierenden sage, denen gerade in meiner Vorlesung die Augen zugefallen sind (was natürlich ein rein hypothetischer Fall ist), dann hat diese Äußerung sicherlich eine ganz andere Funktion (und wäre auch zum Beispiel an einem Nachmittag angemessen). Mit Fragen des Gebrauch und FunktionGebrauchs [10]und der Funktion von sprachlichen Ausdrücken beschäftigt sich die PragmatikPragmatik und bis zu einem gewissen Grad auch die TextlinguistikTextlinguistik. Die Pragmatik fällt im Allgemeinen auch unter die Kerngebiete der Linguistik, ist aber nicht Teil des grammatischen Systems im engeren Sinne.
Neben den genannten Kerngebieten gibt es noch eine Reihe weiterer Weitere zentrale TeilgebieteGebiete, die Berührungspunkte zu allen Kerngebieten aufweisen. (Man sagt auch, dass sie quer zu den Kerngebieten liegen.) So untersucht der ErstspracherwerbErstspracherwerb zum Beispiel, wie wir als Kinder zu unserer Muttersprache kommen. Zum Erwerb unserer Muttersprache gehört aber natürlich nicht nur der Erwerb von bestimmten Lauten oder von bestimmten Wörtern, sondern auch die Kompetenz zur Bildung von Sätzen und deren angemessene Verwendung in einer konkreten Situation (dass man jemanden mit »Guten Morgen!« eben normalerweise morgens begrüßt und nicht abends). Ähnlich ist es im Fall der OrthographieOrthographie: Wenn ich das Schriftsystem des Deutschen untersuche, dann kann das bei der Worttrennung die Struktur von Wörtern betreffen und bei der Zeichensetzung die Struktur von Sätzen. Und so weiter und so fort. Während wir im ersten Teil dieser Einführung die Kerngebiete in ihren Grundzügen darstellen, werden wir im zweiten Teil auf einige dieser quer liegenden Gebiete eingehen. Neben dem Erstspracherwerb und der Orthographie sind dies Sprachverarbeitung, Sprachwandel und dialektale Variation: Die SprachverarbeitungSprachverarbeitung beschäftigt sich mit den kognitiven Prozessen, die bei der Produktion und bei der Rezeption von sprachlichen Ausdrücken ablaufen. In der SprachgeschichteSprachgeschichte wird untersucht, wie sich Sprache über die Zeit verändert, vom Alt- über das Mittel- und Frühneuhochdeutsche bis hin zum Gegenwartsdeutschen. Und unter dialektaler VariationDialektologie sollte sich jeder etwas vorstellen können, der nicht gerade im Raum Hannover/Braunschweig aufgewachsen ist. Es ist klar, dass wir hier aus verschiedenen Gründen eine Auswahl treffen mussten (so konnte z. B. der Bereich des Zweitspracherwerbs nicht berücksichtigt werden), aber wir denken dennoch, ein so breites Feld abgedeckt zu haben, dass man einen guten Eindruck von der Vielfalt des Faches bekommt.
Abb. 1.3: Weitere Gebiete der (Germanistischen) Linguistik
Im letzten Abschnitt wurde bereits angedeutet, dass diese Einführung inhaltlich in Zweiteilungzwei größere Teile gegliedert ist: Kernbereiche und Querschnittsbereiche. Diese Einteilung ergibt sich daraus, dass die Querschnittsbereiche auf die Kernbereiche aufbauen. Ergänzt werden diese beiden Bereiche durch ein methodisches Kapitel »Projektorientiertes Arbeiten«, das über die Webseite des Verlags zur Verfügung gestellt wird.
Bei der Anordnung der Kernbereiche gibt es im Allgemeinen zwei Möglichkeiten. Der klassische Aufbau beginnt bei den kleinsten sprachlichen Einheiten, den Lauten und schreitet fort zu den größeren Einheiten wie Wort, Satz und Text. Die Alternative ist, diesen Vom Großen zum KleinenAufbau auf den Kopf zu stellen und mit Texten zu beginnen. Wir haben uns in dieser Einführung bewusst für diese Möglichkeit entschieden, da wir Texte in unserem Alltag (mehr oder weniger) bewusst wahrnehmen und der Einstieg in die Linguistik damit an etwas anknüpft, womit wir zumindest vortheoretisch vertraut sind. Außerdem haben wir die Hoffnung, dass sich die verschiedenen Begriffsbildungen wie Phrase, Morphem oder Phonem auf diese Weise besser motivieren lassen. Diese Vorgehensweise erfordert allerdings, dass man an der ein oder anderen Stelle schon Begriffe andeutet, ohne sie an Ort und Stelle gleich präzise einführen zu können.
Wie schon bei der Auswahl der Teilgebiete haben wir uns auch bei der Auswahl der Phänomene in diesen Teilgebieten bewusst Bewusste Beschränkungbeschränkt, um die einzelnen Kapitel nicht zu umfangreich werden zu lassen und damit noch verdaulich zu gestalten. Das Ziel war, dass man mit den kürzeren Kapiteln ein bis zwei und mit den längeren Kapiteln zwei bis drei Sitzungen einer einführenden Vorlesung gestalten kann. Mit insgesamt zwölf Kapiteln sollte also eine Einführungsvorlesung komplett abgedeckt werden können. Unser Ziel war dezidiert nicht, dass in jedem Kapitel alle relevanten Phänomene zur Sprache kommen. So haben wir im Kapitel zu Text und Diskurs zum Beispiel vollständig auf die Gesprächsanalyse verzichtet (die ein eigenes Kapitel rechtfertigen würde) und im Kapitel zur Pragmatik haben wir den Bereich der Informationsstruktur und den der (pragmatischen) Präsupposition ausgespart. Ähnliches gilt für die anderen Kapitel. Das kann man sicher auf der einen Seite bedauern. Auf der anderen Seite wird so aber vermieden, dass die einzelnen Kapitel überfrachtet oder Themen nur oberflächlich angesprochen werden. Unseres Erachtens sollte man sich immer bewusst sein, dass die Darstellungen in den Einzelkapiteln keine Einführungen in die Teilgebiete ersetzen, sondern einen ersten, dabei gerne auch tiefergehenden Einblick in das Gebiet geben sollen. [12]Und denjenigen, die auf den Geschmack gekommen sind, empfehlen wir jeweils die weiterführende Literatur.
Was die Strukturierung innerhalb der Kapitel betrifft, sollten wir noch darauf hinweisen, dass sich dort immer wieder abgesetzte und grau hinterlegte VertiefungsboxenBoxen finden. Diese Vertiefungsboxen sind für weiterführende Diskussionen (oder fortgeschrittene Studierende) gedacht und können beim ersten Lesen übersprungen werden.
Die eine oder der andere wird außerdem schon festgestellt haben, dass wir in diesem einführenden Kapitel nicht überall Geschlechtergerechte Sprachegeschlechtergerecht formuliert haben. Wir haben von dem Sprecher und dem Adressaten gesprochen, aber von den Germanist*innen. Im Sinne einer besseren Lesbarkeit haben wir uns bewusst entschieden, bei technischen Begriffen (die keine guten Alternativen zulassen) wie Sprecher oder Adressat das generische Maskulinum zu verwenden. Bei (im linguistischen Kontext) nicht-technischen Begriffen wird auch das generische Femininum verwendet (z. B. Ärztin). Bei nicht-generischen Verwendungen und dort, wo sich die Leser*in oder ein konkreter Personenkreis mehr oder weniger direkt angesprochen fühlen könnte, machen wir jedoch vom Gendersternchen Gebrauch, das sich gegenüber anderen Binnenvarianten immer mehr durchzusetzen scheint.
Wie bei jeder größeren Arbeit waren auch an dieser Einführung mehr Menschen beteiligt, als am Ende auf dem Buchdeckel stehen. Und hier ist der Ort, allen DanksagungDank zu sagen für die großartige Unterstützung, ob in Form von Kommentaren und Anregungen, ob beim Erstellen des Literaturverzeichnisses oder beim Korrekturlesen oder am Ende in Form von Kürzungsvorschlägen. Namentlich danken wollen wir in alphabetischer Reihenfolge: Oliver Bott, Jenny Diener, Heiner Drenhaus, Fabian Ehrmantraut, Luise Ehrmantraut, Anne Eiswirth, Peter Gallmann, Nele Hartung, Julia Hertel, Natascha Immesberger, Sergey Kulakov, Robin Lemke, Philipp Rauth, Lisa Schäfer, Jessica Schmidt, Katrin Schneider, Josef Schu, Sophia Voigtmann und Magdalena Wojtecka. Zwei Personen möchten wir an dieser Stelle aber ganz besonders danken. Das ist zum einen Julia Stark, die mit ihren Illustrationen den streckenweise sicherlich auch etwas dichten Text aufgelockert hat, und zum anderen Marga Reis, ohne die wir beide ganz sicher heute nicht dort wären, wo wir sind. Danke.
Ingo Reich & Augustin Speyer
Im März 2020
Sprache ist für uns (im Normalfall) etwas sehr Selbstverständliches, etwas wovon wir im Sprache im AlltagAlltag einfach Gebrauch machen, ohne groß darüber nachzudenken: Wir lesen zum Frühstück unsere Zeitung, wir schreiben im Büro einige Mails, wir diskutieren in unseren Lehrveranstaltungen, wir tauschen in der Mittagspause Neuigkeiten aus, wir schreiben an einer Hausarbeit oder einer Publikation, wir verabreden uns mit unseren Freunden zum Essen und lesen abends noch etwas in einem spannenden Buch.
Sprache dient uns im Alltag also (vor allem) zur Kommunikation, das heißt in erster Annäherung, sie dient der gezielten Vermittlung Information und Kommunikationvon Information. Der Begriff der sprachlichen KommunikationKommunikation steht damit im Zentrum des Sprachgebrauchs. Nähern wir uns diesem Begriff eher deskriptiv an (und verweisen hier nur nebenbei auf komplexe Modelle wie das Organon-Modell von Bühler 1934 oder das Sender/Empfänger-Modell von Shannon & Weaver 1949), indem wir eine nicht untypische Situation betrachten: Erna ist bei Lisbeth zu Besuch. Lisbeth bietet ihr zunächst einen Platz an und fragt dann:
Abb. 2.1: Eine typische Kommunikationssituation. – © Julia Stark
Halten wir zunächst das (mehr oder weniger) Offensichtliche fest: Kommunikation erfolgt typischerweise zwischen zwei oder mehreren Kommunikationspartnern, Sprecher und Adressateinem SprecherSprecher (in unserem Fall Lisbeth) und einem (oder mehreren) AdressatenAdressat (in unserem Fall Erna). Die Unterscheidung zwischen Sprecher und Adressat bildet dabei die Basis für die Unterscheidung zwischen [14](sprecherseitiger) Sprachproduktion und (adressatenseitiger) Sprachverarbeitung in der Psycholinguistik.
Der Sprecher äußert in der fraglichen Situation (der ÄußerungssituationÄußerungssituation) einen sprachlichen Ausdruck (in unserem Fall »Eine Tasse Kaffee?«) mit einem bestimmten kommunikativen Zielkommunikatives Ziel, das heißt, er verfolgt Kommunikative Intention und kommunizierte Informationeine kommunikative Intentionkommunikative Intention (Absicht). Der Adressat hört und verarbeitet diese Äußerung und kommt am Ende dieses Prozesses zu einer begründeten Hypothese darüber, warum der Sprecher diesen sprachlichen Ausdruck geäußert hat und was er ihm, dem Adressaten, mit dieser Äußerung sagen möchte. (In unserem Fall wäre das die Annahme, dass Lisbeth mit ihrer Äußerung Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte.) Entspricht das, was der Adressat auf diese Weise verstanden hat, im Wesentlichen dem, was der Sprecher tatsächlich kommunizieren wollte, dann sprechen wir von erfolgreicher Kommunikation.
Ein Sprecher hat mit seiner Äußerung eine bestimmte Information (erfolgreich) kommuniziert, wenn (i) der Sprecher diese Information kommunizieren wollte und (ii) der Adressat aufgrund der Äußerung (und weiterer Überlegungen) auch annimmt, dass der Sprecher ihm genau diese Information kommunizieren wollte.
Bei diesem adressatenseitigen Verstehensprozess muss man nun offenbar zwei Ebenen der Kommunikation unterscheiden. Ausgangspunkt der Hypothesenbildung ist natürlich das Verstehen der sprachlichen Äußerung selbst: Die Äußerung besteht aus einzelnen Wörtern mit einer (mehr oder weniger) festen und gelernten Bedeutung. Diese einzelnen Wortbedeutungen verbinden sich in der Äußerung zu einer komplexen Bedeutung. In diesem Sprachlich kodierte InformationSinne kodiertkodiert der komplexe Ausdruck sprachlich eine bestimmte Information: Die Äußerung »Eine Tasse Kaffee?« wird aufgrund der Bedeutung von eine Tasse Kaffee immer in irgendeiner Form mit einer Tasse Kaffee zu tun haben (und nicht etwa mit einem Stück Holz). Diese Information wird explizit kommuniziert. Wie einzelne Wortbedeutungen sprachlich kodiert werden und wie sie sich zu komplexen Bedeutungen kombinieren, untersucht die SemantikSemantik.
Das Dekodieren der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks reicht aber im Allgemeinen noch nicht aus, um eine Hypothese darüber bilden zu können, warum der Sprecher die Äußerung vollzogen hat und was er damit sagen möchte. In unserem Beispiel liegt es natürlich nahe anzunehmen, dass Lisbeth ihrer Freundin Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte und wir werden ihre Äußerung entsprechend in der Art von Möchtest du eine Tasse Kaffee?[15]verstehen. Diese Annahme kommt aber nicht alleine auf der Basis sprachlich kodierter Information zustande. Erna weiß, dass Lisbeth weiß, dass Erna gerne Kaffee trinkt. Außerdem ist es in unserem Kulturkreis üblich und höflich, Gästen etwas zum Trinken anzubieten. Daher ist es eben eine plausible Annahme, dass Lisbeth Erna eine Tasse Kaffee anbieten möchte. (Das sind die weiteren Überlegungen, von denen in der obigen Definition die Rede ist.) Diese Annahme, so plausibel sie in der gegebenen Situation auch ist, ist jedoch äußerst abhängig von nicht-sprachlichen Faktoren: Davon, was Sprecher und Adressat voneinander wissen. Davon, was man in solchen Situationen üblicherweise tut. (In einer Situation, in der Erna gerade etwas auf ein Blatt Papier malt und Lisbeth dies beobachtet, würden wir die gleiche Äußerung eher in der Art von Malst du da gerade eine Tasse Kaffee? interpretieren.) Diese Informationen werden also Kontextuell inferierte Informationkontextuell inferiertinferiert (erschlossen) und implizit kommuniziert. Derartige Inferenzprozesse sind Gegenstand der PragmatikPragmatik.
Kommunikation muss dabei natürlich immer über Kommunikationskanal und -mediumeinen KanalKommunikationskanal und ein MediumKommunikationsmedium erfolgen. Bei sprachlicher Kommunikation ist dies nicht selten ein auditiver Kanal mit Schallwellen als Medium (oder auch Träger). Wir sprechen dann von mündlicherKommunikationKommunikationmündliche. Das ist aber nicht die einzige Form sprachlicher Kommunikation. Sprachliche Kommunikation kann auch gestischKommunikationgestische (z. B. im Fall von Gebärdensprachen) oder schriftlichKommunikationschriftliche über einen visuellen Kanal erfolgen. Vor allem bei schriftlicher Kommunikation wird man darüber hinaus elektronischeKommunikationelektronische von nicht-elektronischer Kommunikation unterscheiden. Schriftliche Kommunikation erfolgt meist asynchronKommunikationasynchrone, d. h., die Produktion (das Senden) und die Rezeption (das Empfangen) erfolgen grundsätzlich zeitlich versetzt.
Darüber hinaus kann Monologische und dialogische KommunikationKommunikation unidirektional (monologisch)Kommunikationmonologische oder bidirektional (dialogisch)Kommunikationdialogisch erfolgen. Von unidirektionaler Kommunikation können wir in erster Annäherung dann sprechen, wenn die Äußerung grundsätzlich keine sprachliche Reaktion des Adressaten erfordert. Typische Beispiele sind oft schriftlicher Natur (z. B. Romane oder Zeitungsartikel), können aber natürlich auch mündlicher Natur sein (z. B. Radionachrichten, Reden oder Vorträge). Umgekehrt ist bidirektionale Kommunikation häufig mündlicher Natur (z. B. in alltäglichen Gesprächen), kann aber natürlich auch schriftlicher Natur sein (z. B. in einem Briefwechsel).
Auf der Basis dieser grundlegenden Eigenschaften sprachlicher Kommunikation kann man eine Eine erste Klassifikation von KommunikationsformenKlassifikation verschiedener KommunikationsformenKommunikationsformen versuchen: Die Unterscheidung zwischen dialogischer und monologischer Kommunikation resultiert zunächst in zwei großen Klassen: verschiedene Formen des Gesprächs (dialogisch) und verschiedene Formen der [16]Mitteilung (monologisch). Diese können dann jeweils weiter in synchrone und asynchrone Formen untergliedert werden, die digital oder analog und schriftlich oder mündlich vermittelt werden. In Abbildung 2.2 wird diese Klassifikation tabellarisch zusammengefasst. Dabei ist anzumerken, dass die Bezeichnungen der Kommunikationsformen (mangels präziser Begrifflichkeiten) nicht immer ganz überzeugen und sie an der ein oder anderen Stelle eher als (mehr oder weniger) typische Repräsentanten der fraglichen Kommunikationsform aufzufassen sind.
Abb. 2.2: Eine erste Klassifikation von Kommunikationsformen
In dieser Klassifikation wird nicht explizit berücksichtigt, dass von der ursprünglichen Konzeption her genuin unidirektionale (monologische) Kommunikationsformen wie die Kurznachricht (über SMS oder Twitter) natürlich auch für bidirektionale (dialogische) Kommunikation genutzt werden können. Im Fall der SMS ist eine solche Verwendung inzwischen sicher üblich, wenn nicht sogar dominant. Aber auch bei Twitter gibt es inzwischen technisch die Möglichkeit der Antwort auf einen Tweet. Umgekehrt kann auch eine typische dialogische Kommunikationsform wie der Brief für Mitteilungen (wie z. B. einen Steuerbescheid oder eine Vorladung) genutzt werden.
In der Literatur werden nicht selten noch zwei weitere Kriterien genannt, die hier ebenfalls bewusst ausgeklammert werden. Zum einen ist das die Distanz zwischen Sprecher und Adressat, zum anderen die Frage, ob Kommunikation von Angesicht zu Face-to-face-KommunikationAngesicht, also face-to-faceKommunikationface-to-face, erfolgt oder nicht. Ist der Ort, an dem sich der Adressat befindet, im Wesentlichen identisch mit dem [17]des Sprechers, dann sprechen wir von lokaler Kommunikation. Ist er hinreichend weit von dem des Sprechers entfernt, sprechen wir von distalerdistal Kommunikation. Wird Face-to-face-Kommunikation jetzt so verstanden, dass Sprecher und Adressat am selben Ort physisch präsent sein müssen, dann fallen beide Kriterien zusammen und als distale Kommunikationsform könnte man dann das klassische Telefongespräch nennen. Wird aber lediglich gefordert, dass Sprecher und Adressat Zugang zu mimischer und gestischer Information über einen visuellen Kanal haben, dann kann man außerdem noch das Video-Telefonat (face-to-face und distal) vom klassischen Telefonat (distal, aber nicht face-to-face) unterscheiden. Auch wenn beide Faktoren (wie wir gleich noch sehen werden) großen Einfluss darauf haben, wie wir zu kommunizierende Information versprachlichen, spielen sie für die Klassifikation von Kommunikationsformen eine eher untergeordnete Rolle.
Die spezifischen Charakteristika einer Kommunikationsform haben im Allgemeinen einen nicht geringen Einfluss darauf, wie wir die Information, die wir kommunizieren wollen, sprachlich verpacken (versprachlichen, kodieren). Während wir z. B. bei schriftlicher Kommunikation jederzeit an den Anfang eines Satzes oder an eine andere Stelle im Text zurückspringen und das gerade Gelesene nochmals verarbeiten können, ist das bei mündlicher Kommunikation nicht so einfach möglich. Wir können zwar Gehörtes in unserem Gedächtnis speichern, aber unser kognitiver Arbeitsspeicher ist hier, das zeigen experimentelle Untersuchungen, vergleichsweise Flüchtigkeit mündlicher Äußerungenklein. Eine unmittelbare Konsequenz ist, dass uns zu komplexe mündliche Äußerungen schnell vor Verarbeitungsschwierigkeiten stellen können. Das ist sicher einer der Gründe, wieso mündliche Äußerungen in der Regel kürzer und weniger komplex sind.
Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich auch darin, dass synchrone mündliche Kommunikation (wie gerade gesehen) im Allgemeinen face-to-face erfolgt, wir also neben der sprachlichen Information gleichzeitig auch noch Fehlen mimischer und gestischer Informationgestische und mimische Informationen visuell verarbeiten, die uns wertvolle Hinweise geben können, wie wir eine sprachliche Äußerung letztlich zu interpretieren haben. Und selbst bei einem Telefongespräch haben wir immerhin noch Zugang zur Betonung. Bei schriftlicher Kommunikation sind diese Informationen aber nicht verfügbar. Dass dies problematisch ist, zeigt sich vor allem dann, wenn wir Emotionales oder allgemeiner ExpressivesBedeutungexpressive kommunizieren möchten. Natürlich kann man schreiben ich freu mich oder ich [18]lach mich schief, aber diese Beschreibung von Emotionen hat eben nicht dieselbe Unmittelbarkeit wie ein strahlendes Gesicht oder ein sich vor Lachen krümmendes Gegenüber. In eher formellen Kontexten ist dies selten ein Problem, da wir hier aufgrund der Kommunikationssituation weniger das Bedürfnis haben, Emotionen zu kommunizieren. In eher informellen Kontexten, in der Familie und unter Freunden, besteht dieses Bedürfnis aber und hat zunächst (und tatsächlich schon viel früher als mancher vermuten würde) die Entwicklung von EmoticonsEmoticon (Folgen von ASCII-Zeichen, die einen emotionalen Zustand kommunizieren:-) und InflektivenInflektiv (*grins*, *kotz*) motiviert. Mit der Einführung von Unicode und den technischen Möglichkeiten von Smartphones wurden Emoticons und Inflektive dann weitgehend von EmojisEmoji (standardisierten Piktogrammen) abgelöst. Mit diesen Mitteln wird die Kommunikation von Emotionen nun offenbar sehr unmittelbar möglich, wie das Beispiel einer innerfamiliären Kommunikation in Abbildung 2.3 illustrieren soll.
Abb. 2.3: (konstruiertes) Beispiel für einen SMS-Dialog – Emojis: OpenMoji / CC BY-SA 4.0
Auch die Frage, ob wir uns in einem eher Formelle und informelle Kommunikationinformellen oder einem eher formellen gesellschaftlichen Rahmen bewegen, hat einen erheblichen Einfluss auf die Art und Weise der Versprachlichung. (In-)Formalität ist genau genommen zunächst einmal ein soziologischer Begriff: In unserem täglichen Miteinander kommen wir mit Personen in Kontakt, die uns vertrauter oder weniger vertraut sind, und dies in Situationen, die mehr oder weniger öffentlich sind. Relativ zu diesen unterschiedlichen Graden an Vertrautheit und Öffentlichkeit verhalten wir uns auch anders. In einem vornehmen Restaurant werden wir unsere Pizza [19]eher mit Messer und Gabel essen, zu Hause essen wir die Pizza aber wohl eher aus der Hand. Dieses unterschiedliche Verhalten in mehr oder weniger formellen Situationen betrifft nun insbesondere auch unser sprachliches Verhalten, und zwar sowohl auf der Ausdrucksebene (also in der Wortwahl) wie auch in der Art und Komplexität unserer sprachlichen Äußerungen: Studentinnen und Studenten untereinander werden sicher immer wieder über ihren ›Prof‹ lästern, aber sie werden ihn wohl eher selten mit »Hey, Prof!« begrüßen. Innerhalb der Familie oder unter Freunden werden viele eine eher dialektale Ausdrucksweise benutzen. Aber in einem Brief an das Finanzamt oder an einen Rechtsanwalt wird man sich eher an einer (gehobenen) Standardsprache und normativen Vorgaben (wie einer korrekten Rechtschreibung) orientieren. Mit anderen Worten: Unser Sprachstil hängt wesentlich von der jeweiligen Kommunikationssituation ab. In der Linguistik sagt man dazu auch, dass wir unser Register an die jeweilige Kommunikationssituation anpassen.
Ausgehend von typischen Charakteristika mündlicher und schriftlicher Kommunikation haben Koch & Oesterreicher (1985) in einer einflussreichen Arbeit darüber hinaus Konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeitzwischen konzeptionellerMündlichkeitMündlichkeitkonzeptionelleMündlichkeitmediale (einer Sprache der Nähe) und konzeptionellerSchriftlichkeitSchriftlichkeitkonzeptionelleSchriftlichkeitmediale (einer Sprache der Distanz) unterschieden. Die zentrale Idee hier ist, dass sprachliche Äußerungen zwar schriftlich erfolgen, aber dennoch typische Charakteristika mündlicher Kommunikation (z. B. spontan, expressiv, nicht öffentlich, dialogisch, face-to-face, vertraut, mit geringer Komplexität und Elaboriertheit) aufweisen können und in diesem Sinne konzeptionell mündlich sind. Umgekehrt kann eine sprachliche Äußerung mündlich erfolgen, aber dennoch typische Charakteristika schriftlicher Kommunikation (z. B. reflektiert, objektiv, öffentlich, monologisch, raumzeitlich getrennt, nicht vertraut, mit hoher Komplexität und Elaboriertheit) aufweisen und in diesem Sinne konzeptionell schriftlich sein. Konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeit werden dabei als ein graduelles und mehrdimensionales Phänomen aufgefasst, dessen Endpunkte typische Verwendungen darstellen.
Die Unterscheidung zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit ist einerseits sehr intuitiv, andererseits ist sie aber nicht einfach operationalisierbar (d. h., es ist im Einzelfall nicht immer klar zu entscheiden, welche Form vorliegt). SMS-Kommunikation beispielsweise wird häufig als eher konzeptionell mündlich betrachtet. Das mag unter anderem in Bezug auf (geringeres) normatives Verhalten oder (geringere) Komplexität im Ausdruck (unter einem sehr spezifischen Verständnis von Komplexität) der Fall sein. Andererseits finden sich in Kurznachrichten vor dem finiten Verb (in Hauptsätzen) in einer Häufigkeit Auslassungen der ersten Person Singular (ich), die man in Korpora gesprochener Sprache zumindest in dieser Häufigkeit nicht findet. Darüber hinaus ist für Kurznachrichten die Verwendung von Emoticons, Emojis und spezifischen Kürzeln (Netzjargon) wie LOL oder ROFL sehr charakteristisch, diese finden sich aber naturgemäß gar nicht (Emoticons, Emojis) oder nur sehr selten (z. B. ASAP, LOL) in der gesprochenen Sprache. Da nicht unmittelbar klar ist, welche Phänomene letztlich relevant sind und wie diese relativ zueinander gewichtet werden, ist es nicht einfach (wenn auch nicht unmöglich), ein geeignetes Maß für den Grad einer konzeptionellen Mündlichkeit oder einer konzeptionellen Schriftlichkeit anzugeben.
Nach allem, was wir in Abschnitt 2.1 gesagt haben, können wir jede sprachliche Äußerung, mit der ein kommunikatives Ziel verbunden ist, als eine Einheit sprachlicher Kommunikation auffassen. Als kleinste Einheit sprachlicher Kleinste Einheiten sprachlicher KommunikationKommunikation werden wir also diejenigen sprachlichen Äußerungen betrachten, mit denen wir eine sprachliche Handlung vollziehen, mit denen wir eine Frage stellen, jemandem etwas anbieten, jemanden warnen, etwas versprechen oder einfach etwas behaupten. Im Kapitel zur Pragmatik werden wir solche Sprachhandlungen auch SprechakteSprechakt nennen.
Dass die kleinsten Einheiten sprachlicher Kommunikation nicht notwendigerweise Sätze sein müssen, wurde bereits mit unserem Eingangsbeispiel deutlich. Weitere gute Beispiele wären etwa Begrüßungen (Hallo!) oder Flüche (Verdammt!). Umgekehrt muss natürlich auch nicht jeder Satz notwendigerweise mit einer kommunikativen Intention bzw. einer sprachlichen Handlung verbunden sein (z. B. Nebensätze). Es scheint also zumindest deskriptiv nicht sinnvoll zu sein, kommunikative Einheiten über rein formale Eigenschaften zu definieren. Ob Äußerungen wie Eine Tasse Kaffee? am Ende möglicherweise doch auf Sätze zurückzuführen sind, ist eine empirische Frage und kann hier nicht diskutiert und schon gar nicht entschieden werden.
Komplexe Einheiten sprachlicher KommunikationKommunikation erschöpft sich natürlich nicht in einzelnen Äußerungen, sondern beinhaltet in der Regel eine Folge mehrerer Äußerungen. So könnte man sich vorstellen, dass Erna auf Lisbeths Frage in (2.1) mit den Äußerungen in (2.2) und (2.3) antwortet.
[21]Die Folge der Äußerungen in (2.1) bis (2.3) weist nun zwei zentrale strukturelle Eigenschaften auf: Zum einen beziehen sich die Äußerungen offenbar inhaltlich aufeinander und sind in diesem Sinne miteinander verbunden. Man sagt, dass sie eine kohärenteKohärenz Folge von Äußerungen darstellen. Zum anderen bilden sie als Ganzes in dem Sinne eine thematische Einheit, als sich alle Äußerungen letztlich um die (hier explizit aufgeworfene) Frage drehen, ob Erna eine Tasse Kaffee möchte. Wir werden später von einer QuaestioQuestioDiskurstopik (lateinisch für Frage), einem DiskurstopikDiskurstopik oder einer Question under Discussion (QUD)Question under DiscussionDiskurstopik sprechen. Kohärente und thematisch (im Wesentlichen) einheitliche Abfolgen von Äußerungen werden in der einschlägigen Literatur als Text oder Diskurs bezeichnet. (Wir werden im Folgenden zunächst die Rolle des Kohärenzbegriffs in den Vordergrund stellen und erst danach auf Quaestiones/Diskurstopiks eingehen.)
Wir bezeichnen eine Abfolge von Äußerungen als einen TextText oder DiskursDiskursText, wenn sie (in einem noch zu präzisierenden Sinne) kohärent und thematisch einheitlich ist.
Ob eine gegebene Sequenz von mündlichen oder schriftlichen Äußerungen als ein Text oder Diskurs bezeichnet werden kann, hängt natürlich zunächst von der Was alles ist ein Text?Definition ab. In der Textlinguistik ist die Definition des Textbegriffs eine vieldiskutierte Frage und entsprechend gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Ansätze (man vergleiche z. B. Adamzik 2016 für eine ausführliche Darstellung). So kann man z. B. die Frage stellen, ob die Kurznachrichten in Abbildung 2.3 und damit insbesondere die benutzten Emojis und Emoticons als Text bzw. als Teile eines Texts aufzufassen sind. Beantwortet man diese Frage positiv (und es spricht wohl einiges dafür), dann wird man in der Textdefinition neben rein sprachlichen Äußerungen generell auch symbolische Äußerungen (mit einem kommunikativen Ziel) zulassen müssen. (Wir haben das in der obigen Definition bewusst offengelassen.) Auf der anderen Seite wird man dann auch in Extremfällen (wie z. B. bei einem Stoppschild) von einem Text sprechen müssen (was vielleicht nicht mehr ganz so intuitiv ist). Und was ist mit der Zutatenliste in einem Rezept? Oder mit der bildlichen Illustration, die uns einen Eindruck vermitteln soll, wie das Resultat unserer kulinarischen Bemühungen am Ende aussehen sollte? Hier wird letztlich entscheidend sein, ob man überzeugend argumentieren kann, dass mit diesen Elementen ein kommunikatives Ziel (im Sinne eines Sprechakts) verbunden ist.
Eine ebenfalls häufig gestellte Frage ist, ob es überhaupt Sequenzen von (natürlichen) Äußerungen gibt, die nichtGibt es inkohärente Texte? kohärent und damit auch kein Text sind. Was ist beispielsweise mit einem Dada-Gedicht? Oder wenn Erna auf Lisbeths Frage mit Die Quadratwurzel von 49 ist 7 ›antwortet‹? Es ist sicherlich möglich, dass ein Sprecher Folgen von Äußerungen produziert, die als nicht kohärent intendiert sind. Tatsache ist aber auch, dass ein Rezipient immer nach einem inhaltlichen Zusammenhang suchen wird, auch wenn die fraglichen Äußerungen völlig zusammenhangslos erscheinen. So wird am Ende ein Dada-Gedicht dennoch zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtung und Lisbeth wird Ernas Äußerung wahrscheinlich in der Art von Natürlich will ich einen Kaffee! Wie kannst du da nur fragen?! interpretieren.
Die Frage, was alles ein Text ist und ob man zwischen Texten und Nicht-Texten unterscheiden kann bzw. muss, wird häufig mit Bezug auf einen sehr einflussreichen Vorschlag von de Beaugrande & Dressler (1981) diskutiert (vgl. hierzu z. B. die Diskussion in Gansel & Jürgens 2009 oder Averintseva-Klisch 2013), die insgesamt 7 Text(ualitäts)kriterienTextualitätskriterienTextualitätskriterienannehmen, die alle für sich genommen notwendigen und gemeinsam hinreichenden Charakter haben (sollen): Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität. Wir werden uns im Folgenden auf Fragen der Kohärenz und Kohäsion beschränken, da sich die meisten der verbleibenden Kriterien bereits aus der Definition von Kommunikation (Intentionalität), Eigenschaften der Kommunikationssituation (Situationalität), und unabhängigen pragmatischen Prinzipien (Informativität) erklären lassen. Ergänzt wird die Diskussion dagegen um den Aspekt der Topikalität.
Kohärenz ist also ein konstitutives Merkmal von Texten und Diskursen. Kohärenzrelation und rhetorische SubordinationFormal ist KohärenzKohärenz eine inhaltliche Beziehung (eine Relation) zwischen zwei Diskursabschnitten, häufig (wenn auch nicht notwendigerweise) zwischen zwei unmittelbar aufeinander folgenden (kommunikativen) Äußerungen (vgl. z. B. Hobbs 1979). So sind (2.1) und (2.2) über die Antwortrelation und (2.2) und (2.3) über eine Begründungsrelation verknüpft. Die beiden genannten KohärenzrelationenKohärenzrelation haben dabei genuin asymmetrischen Charakter: Eine Antwort setzt eben eine Frage voraus, und eine Erklärung setzt etwas voraus, das erklärt werden soll. In diesem Sinne ist z. B. die Äußerung (2.3) hier der Äußerung (2.2) untergeordnet. Man spricht auch von rhetorischer [23]SubordinationSubordinationrhetorische. Subordinierende Relationen lassen sich graphisch wie in Abbildung 2.4 skizziert darstellen.
Abb. 2.4: Graphische Darstellung einer subordinierenden Relation
Angenommen, Erna würde (2.4) statt (2.3) äußern:
Dann hätte ihre Antwort eine etwas andere Struktur: Sowohl die Äußerung in (2.2) als auch die Äußerung in (2.4) würden sich dann gleichermaßen auf die übergeordnete Frage beziehen, was Erna trinken möchte. In diesem Sinne hat die kontrastierende Beziehung zwischen den Äußerungen in (2.2) und (2.4) einen symmetrischen bzw. nebenordnenden Charakter. Man spricht dann auch Kohärenzrelation und rhetorische Koordinationvon rhetorischer KoordinationKoordinationrhetorische. Koordinierende Relationen können graphisch wie in Abbildung 2.5 angedeutet dargestellt werden.
Abb. 2.5: Graphische Darstellung einer koordinierenden Relation
Mit dem Begriff der KohärenzrelationKohärenzrelation bezeichnet man eine inhaltliche Beziehung zwischen zwei (oder mehr) Äußerungen. Dabei wird auf diskursstruktureller Ebene zwischen koordinierenden und subordinierenden Relationen unterschieden.
Markiert man nun außerdem enger zusammengehörende Diskurseinheiten mit umschließenden Boxen, dann kann die inhaltliche Struktur des Dialogs [24]bestehend aus (2.1), (2.2), (2.3) und (2.4) in der Art von Abbildung 2.6Graphische Repräsentation von Diskursenrepräsentiert werden.
Abb. 2.6: Graphische Repräsentation der Mikrostruktur des Diskurses (2.1) – (2.4)
Mit der Struktur in Abbildung 2.6 sollte deutlich geworden sein, dass Texte und Diskurse eine komplexe inhaltliche Struktur aufweisen können. Gleichzeitig sollte aber auch deutlich geworden sein, dass diese in systematischer Weise erfasst und dargestellt werden kann. Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass jede neue (kommunikative) Äußerung über eine Kohärenzrelation an einen früheren Diskursabschnitt angebunden werden Kohärenzaxiommuss (KohärenzaxiomKohärenzaxiom). Wie diese Anbindung im Einzelnen erfolgt, ist eine nicht triviale Frage. Klar ist, dass Anbindungen nicht beliebig erfolgen.
Obige Darstellung orientiert sich stark an der Segmented Discourse Representation Theory (SDRT) wie sie in Asher & Lascarides (2003) entwickelt wird. Vergleichbare Strukturen und Annahmen finden sich aber auch in anderen Ansätzen wie der in Mann & Thompson (1988) entwickelten Rhetorical Structure Theory (RST). Welche Kohärenzrelationen im Einzelnen angenommen werden, variiert stark von Theorie zu Theorie. In den meisten Modellen finden sich aber zumindest Kohärenzrelationen, die entweder Antwortbeziehungen (answer), Erklärungen (explanation), Erläuterungen (elaboration), Folgerungen (consequence), Unerwartetes (violated expectations), Kontrastbeziehungen (contrast), parallele Strukturen (parallel) oder die Darstellung einer Abfolge von Ereignissen (narration) zum Gegenstand haben. Manche dieser Kohärenzrelationen werden klar über Konjunktionen oder Konjunktionaladverbien kommuniziert. Die subordinierende Konjunktion weil etabliert z. B. notwendig eine (wie auch immer geartete) Form der Begründung. Die Konjunktion und dagegen ist ziemlich flexibel, sie kann als und weil (explanation) oder auch als und dann (narration) interpretiert werden, kann aber auch parallele Fortführungen wie in Lisbeth mag Muffins und Erna Donuts einleiten. Die Konjunktion aber ist nicht ganz so flexibel wie und, aber sicher flexibler als weil: Sie kann kontrastive Beziehungen etablieren (wie in Lisbeth mag Muffins, aber keine Donuts), sie kann aber auch das Nichteintreffen von Erwartetem ausdrücken (Greuther Fürth spielt immer oben mit, steigt aber nie auf). Man sieht an diesen Beispielen, dass es zum einen keinen Konsens gibt, was Art und Anzahl von Kohärenzrelationen betrifft, und dass zum anderen die Beziehung zwischen Kohärenzrelation und kohäsiven Mitteln ziemlich komplex ist. Ein guter erster Überblick findet sich in Kehler (2002).
Betrachtet man nochmals den gerade besprochenen Text, dann sieht man schnell, dass Kohärenzrelationen nicht notwendigerweise sprachlich kodiert werden, sondern unter Umständen kontextuell inferiert werden müssen. So wird z. B. an keiner Stelle explizit gesagt, dass (2.3) als eine Erklärung für (2.2) verstanden werden soll. Aber wir wissen, dass man nach drei Tassen Kaffee bereits eine Menge Koffein zu sich genommen hat und zu viel Koffein nicht gut für uns ist. Daher ist es einfach plausibel, dass dieser Sachverhalt als Grund für die negative Antwort aufzufassen ist. Etwas anders liegt dagegen der Fall bei der Äußerung in (2.4). Die Äußerung in (2.4) wird durch die (syntaktisch) koordinierende Konjunktion aber eingeleitet, mit der inhaltlich explizit ein Kontrast zu einer vorhergehenden Aussage ausgedrückt wird. An dieser Stelle sind wir also nicht auf Mutmaßungen angewiesen. Konjunktionen wie und, aber, weil oder wenn und Konjunktionaladverbien wie trotzdem, deswegen oder dennoch haben (unter anderem) offenbar die Funktion, die Verschränkung zweier Diskurseinheiten sprachlich zu vermitteln. Man spricht hier auch Kohäsion und kohäsive Mittelvon KohäsionKohäsion und bezeichnet die sprachlichen Ausdrücke als kohäsive Mittelkohäsive Mittel (vgl. z. B. Halliday & Hasan 1976).
Neben diesen expliziten Verknüpfungen zweier Diskurseinheiten gibt es weitere sprachliche Phänomene, die Bezüge zwischen (Teilen) zwei(er) Diskurseinheiten herstellen. Eines dieser Phänomene ist die Anaphorische Ausdrückeanaphorische Verwendung von Pronomina, wie man sie in dem folgenden kleinen Textbeispiel beobachten kann:
[26]Pronomina wie das Personalpronomen sie in (2.6) zeichnen sich dadurch aus, dass ihr referenzieller Bezug (auf welche Person sich der Sprecher mit dem Pronomen beziehen möchte) entweder situativ (wir sprechen dann von einer deiktischenVerwendungdeiktischer Gebrauch) oder sprachlich über einen Vorgängerausdruck (ein AntezedensAntezedens) vermittelt werden muss (wir sprechen dann von einer anaphorischenVerwendunganaphorischer Gebrauch). In unserem Beispiel ist dieser Vorgängerausdruck der (unterstrichene) Eigenname Erna in (2.5): Wenn wir (2.6) im Kontext von (2.5) hören oder lesen, dann gehen wir sehr schnell davon aus, dass sich das Pronomen sie auf Erna beziehen soll. Würden wir den Satz in (2.6) isoliert lesen, dann könnten wir gar nicht sagen, was genau mit ihm kommuniziert werden soll. Die anaphorische Verwendung von pronominalen Ausdrücken erzeugt auf diese Weise weitere inhaltliche und strukturelle Verschränkungen im Diskurs und trägt so zum Eindruck eines kohärenten Textes wesentlich bei (vgl. z. B. Hobbs 1979).
Das zweite in diesem Kontext häufig genannte EllipsenPhänomen ist die EllipseEllipse. Mit dem Begriff ›Ellipse‹ bezeichnet man verschiedene Formen der Auslassung von sprachlichen Ausdrücken (vgl. z. B. Klein 1993, Reich 2018). Ähnlich wie bei anaphorisch verwendeten Pronomina kann die Auslassung sprachlicher Ausdrücke ebenfalls situativ oder sprachlich motiviert sein. Ist sie sprachlich motiviert, dann gibt es wie bei den anaphorischen Verwendungen von Pronomina einen sprachlichen Vorgängerausdruck (ein Antezedens), über das die Auslassung rekonstruiert werden kann. Ein Beispiel findet sich bereits in unserem obigen Mini-Diskurs (2.1) bis (2.3): In der Äußerung (2.1) von Lisbeth wird eine Tasse Kaffee thematisiert, in der Äußerung (2.3) von Erna wird jedoch nur noch von drei Tassen gesprochen und nicht (was präziser wäre) von drei Tassen Kaffee. Im Kontext von (2.1) kann Erna in ihrer Äußerung offenbar auf die explizite Erwähnung von Kaffee verzichten, da über den Kontext klar ist, dass es um Kaffee geht. Hätte Lisbeth dagegen Eine Tasse Tee? geäußert, dann würden wir Ernas Äußerung so interpretieren, dass sie bereits drei Tassen Tee getrunken hat. Ellipsen führen also zu vergleichbaren inhaltlichen und strukturellen Verschränkungen im Diskurs, wie wir das bereits bei den anaphorischen Verwendungen von Pronomina gesehen haben. Entsprechend tragen auch Ellipsen wesentlich zum Eindruck von Textkohärenz bei.
Wir haben gerade gesehen, dass Kohärenzrelationen gewissermaßen der Kitt sind, der einzelne Äußerungen zu komplexeren Gebilden zusammenfügt und in dieser Weise auf Mikrostruktur und Makrostruktureiner mikrostrukturellenEbeneMikrostruktur (bottom-up) die Grundlage für einen Text bzw. Diskurs schafft. Am Beispiel der Äußerungen in (2.1) bis (2.4) haben wir außerdem gesehen, dass diese kohärente Folge von Äußerungen in dem Sinne eine thematische Einheit bildet, als mit der Äußerung (2.1) explizit eine Frage aufgeworfen wird, die mit den Äußerungen in (2.2) bis (2.4) beantwortet wird bzw. diese Äußerungen zumindest inhaltlich mehr oder weniger direkt auf (2.1) Bezug nehmen. (Dies wurde durch die große umschließende Box in Abbildung 2.6 angedeutet.) In diesem Sinn definiert die Frage in (2.1) also, worum es inhaltlich in diesem Diskurs geht, was der Gegenstand, das Topik des Diskurses ist. In unserem Fall wäre das die Frage, was Erna zum Trinken möchte. Da das Diskurstopik den thematischen Rahmen aller Äußerungen des Diskurses vorgibt, kann man hier von einer makrostrukturellenEbeneMakrostruktur (top-down) sprechen.
Mit dem Begriff DiskurstopikDiskurstopik bezeichnen wir das Thema, den Gegenstand eines Textes oder Diskurses, also das, worum es in einem Text oder Diskurs (primär) geht.
Die Annahme Diskurstopiks und die Struktur von Textenvon Diskurstopiks als zentrales Element der Diskursstruktur lässt zunächst einmal offen, wie Diskurstopiks im Einzelnen zu charakterisieren sind (vgl. z. B. van Dijk 1977) und in welcher Weise sie die Struktur eines Textes determinieren. In neueren Ansätzen wird häufig angenommen, dass das Format der Frage/Antwort-Struktur das prägende Strukturelement von Texten und Diskursen ist. Die Idee ist, dass jeder Text gewissermaßen als Antwort auf eine explizit oder implizit aufgeworfene Frage betrachtet werden kann. So beantwortet in unserem Beispieldiskurs die Äußerung in (2.2) die explizite Frage in (2.1). Die Äußerung in (2.2) wirft aber wiederum implizit die Frage auf, warum Erna keinen Kaffee möchte, eine Frage, die durch die Äußerung in (2.3) beantwortet wird. Die Äußerung in (2.4) schließlich bezieht sich genau genommen nur indirekt auf die Frage in (2.1) und wirft implizit die allgemeinere Frage auf, was Erna trinken möchte (Q). Das übergeordnete Diskurstopik ist damit die Frage Q (was Erna trinken möchte), die im Diskurs über die Teilfragen Q1 (ob Erna Kaffee trinken möchte) und Q2 (ob Erna Wasser trinken möchte) in zwei Schritten beantwortet wird. Schematisch kann die [28]Makrostruktur dann wie in Abbildung 2.7 repräsentiert werden (wobei wir hier der Einfachheit halber auf die Begründung von (2.2) verzichten).
Abb. 2.7: (Vereinfachte) graphische Darstellung der Makrostruktur des Diskurses (2.1) – (2.4)
Die Vorstellung, dass Fragen Texte strukturieren, ist bereits in der klassischen Rhetorik zu finden. In der neueren Literatur werden damit vor allem zwei Arbeiten verbunden: Klein & von Stutterheim (1987) und Roberts (1996). In Klein & von Stutterheim (1987) wird die leitende Frage eines Textes in Anlehnung an die klassische QuaestioRhetorik als Quaestio bezeichnet. Die Quaestio gliedert dabei einen Text in eine HauptstrukturHauptstruktur (die Teile des Textes, die sich direkt auf die Quaestio beziehen) und eine NebenstrukturNebenstruktur (die Teile eines Textes, die dies nicht tun).
Roberts (1996) ist einer der ersten Versuche, diese Idee stärker zu formalisieren. Sie vergleicht Diskurse dabei mit einer Art Kartenspiel: Ist ein Spieler in einem Diskurs am Zug, dann wirft er eine Frage (Question under Discussioneine Question under Discussion, kurz QUD) auf, die in Form einer Spielkarte auf einen Kartenstapel gelegt wird. Die oberste Spielkarte definiert dabei die unmittelbar relevante Frage. Ist eine Frage beantwortet, wird sie wieder vom Stapel genommen. Dies geht so lange, bis der Stapel leer ist.
In unserem Ein konstruiertes BeispielBeispieldiskurs wirft die Äußerung in (2.1) explizit die Frage Q1 auf, gleichzeitig aber auch die übergeordnete Frage Q mit allen relevanten Teilfragen (Q2). Das Resultat ist ein Kartenstapel, bei dem die Frage Q1 ganz oben liegt, gefolgt von Q2. Ganz unten im Stapel liegt die übergeordnete Frage Q. Da mit der Äußerung in (2.2) die Frage Q1 beantwortet ist, wird die oberste Karte gleich wieder vom Stapel genommen. Gleichzeitig wirft (2.2) aber die Frage auf, warum Erna keinen Kaffee möchte. Diese Frage kommt ebenfalls auf den Stapel, wird aber durch die Äußerung in (2.3) ebenfalls sofort wieder eliminiert. Bleiben Q2 und Q auf dem Stapel. Die Äußerung in (2.4) beantwortet Q2 und mit Q2 wird gleichzeitig auch Q mitbeantwortet. Alle Fragen sind beantwortet, der Stapel ist leer und der fragliche Diskurs ist abgeschlossen (bis erneut ein Spieler eine Karte auf den Stapel legt, also eine Frage thematisiert).
An dieser Stelle ist es nicht notwendig und sicherlich auch gar nicht sinnvoll, sich auf eine dieser Theorien festzulegen. Dass die grundlegende Idee tragfähig zu sein scheint, lässt sich auch an Beispielen aus der freien Ein Beispiel aus der freien WildbahnWildbahn illustrieren. So findet man in Zeitungsartikeln nicht selten recht explizit diese Form der Strukturierung. Als Beispiel sei hier ein Online-Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 7. 10. 2014 genannt, der sich auf ein Länderspiel der DFB-Elf in Warschau (Polen) bezieht, vgl. Abbildung 2.8.
Abb. 2.8: Auszug aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung online
In diesem Artikel wirft die Schlagzeile die Frage Q auf, warum die DFB-Elf mit mulmigen Gefühlen nach Warschau fährt. Ziel des Artikels ist dann, diese Frage zu beantworten oder zumindest dieser nachzugehen. Der Artikel tut dies, indem er verschiedene Teilaspekte thematisiert, die zum Teil in den Unterüberschriften explizit als Fragen formuliert sind: Wer ersetzt Lahm? (Q4), Warum Polen den Deutschen Respekt einflößt (Q3) und Wie Löw die Sache sieht (Q2). Lediglich der erste Absatz wird durch ein Statement (DFB-Elf längst nicht in bester Verfassung) eingeleitet, das jedoch unmittelbar die Frage nach dem Warum aufwirft (Q1). Der Aufbau des Artikels kann also im Wesentlichen wie in Abbildung 2.9 skizziert strukturiert werden.
Abb. 2.9: Makrostruktur des Zeitungsartikels in Abb. 2.8
Die in Kapitel 2.1 skizzierte Klassifikation von Kommunikationsformen auf der Grundlage zentraler Eigenschaften der Kommunikationssituation führt zunächst nur zu einem vergleichsweise groben (wenn auch wohlfundierten) Raster. Auch die Diskussion der konstitutiven Eigenschaften von Texten (Kohärenz, Kohäsion, Diskurstopik) in den Kapiteln 2.4 und 2.5 führt naturgemäß zu keiner weiteren Ausdifferenzierung des Textbegriffs. Tatsache ist aber auch, dass wir in unserem Alltag eine Vielzahl von Texten unterscheiden, die die verschiedensten Funktionen haben und auch in formaler Hinsicht stark voneinander abweichen können. Wir sprechen z. B. von einer Anhörung, einem Verhör, einem Vortrag oder einer Rede, wir sprechen von einem Artikel, einer Schlagzeile, einem Rezept oder einer Kleinanzeige, wir sprechen von einem Brief, einer Mitteilung, einem Gutachten oder einer Steuererklärung.
Um diese vortheoretische Binnendifferenzierung von Texten zu erfassen, hat sich in der Textlinguistik der Begriff Textsorteder Textsorte herausgebildet. Textsorten können dabei im Wesentlichen als weitgehend konventionalisiertes Muster zur Erreichung eines bestimmten kommunikativen Ziels definiert werden. Oder in den Worten von Schwarz-Friesel & Consten (2014: 22): »Es ist typisch für einen Text, dass er als Exemplar einer Textsorte mit einer grammatischen Oberflächenstruktur, einem inhaltlichen Zusammenhang und einem globalen Sinngehalt von jemandem (für jemanden) mit einer bestimmten Intention in einer bestimmten Situation produziert wurde.«
Mit dem Begriff der TextsorteTextsorte bezeichnen wir vortheoretisch Muster von Texten, die sich zur Erreichung eines bestimmten kommunikativen Ziels herausgebildet haben.
Aufgrund der erwähnten Konventionalisierung können sich Textsorten formal auf zwei Ebenen unterscheiden, einer textstrukturellen Ebene und einer grammatischen Ebene. Machen wir uns das wieder an einem Beispiel klar, vgl. hierzu Abbildung 2.10.
Abb. 2.10: Beispiel für den strukturellen Aufbau eines Artikels
Abbildung 2.10 zeigt den typischen Aufbau eines Zeitungsartikels: Eine Schlagzeile betitelt den Artikel, gefolgt von einem Schlagzeile, Lead und BodyLead mit zusammenfassendem Charakter und dem eigentlichen Body des Artikels. Dieser strukturelle Aufbau ist konventionalisiert und in diesem Aufbau unterscheidet sich ein Zeitungsartikel wesentlich von einem Rezept, einem Wetterbericht oder einer Kleinanzeige. Innerhalb dieser textuellen Strukturierung gibt es aber einen wesentlichen Unterschied zwischen Lead und Body einerseits und der Schlagzeile andererseits: In Schlagzeilen ist die Auslassung des Artikels bei Nomen im Singular möglich, im Lead und Body dagegen nicht. So ist z. B. die Schlagzeile Kuh springt durch Fenster in Küche (dapd vom 22. 6. 2012) im Body eines Artikels schlicht kein akzeptables Deutsch. In einer Schlagzeile dagegen nehmen wir die Auslassung der Artikel in der Regel gar nicht wahr.
Das Kulturelles WissenWissen über die textstrukturellen und grammatischen Eigenschaften einer Textsorte ist etwas, das erlernt werden muss: Ein Journalist muss lernen, wie man einen Artikel schreibt, ein Meteorologe muss lernen, wie man einen Wetterbericht verfasst, und ein Personalchef muss wissen, wie ein Arbeitszeugnis auszusehen hat. In manchen Fällen erwerben wir dieses Textsortenwissen mehr oder weniger nebenbei (z. B. durch das Lesen von Zeitungen oder das Hören von Wetterberichten), in anderen Fällen muss dieses Wissen bei Bedarf bewusst erworben werden (z. B. das Schreiben einer Hausarbeit oder das Verfassen eines Gutachtens). Über dieses Wissen zu verfügen, heißt allerdings wiederum nicht, in jedem Fall klar entscheiden zu können, ob im Fall zweier gegebener Texte auch unterschiedliche Textsorten vorliegen.
Geben wir auch hier ein Beispiel zur Illustration. Die meisten von uns haben eine recht klare Vorstellung davon, was einen Geschäftsbrief und E-MailGeschäftsbrief ausmacht. [32]Tatsächlich gibt es hier sogar eine DIN-Vorgabe (DIN 5008, Abschnitt 17): Ein Brief enthält unter anderem ein Adressfeld und eine Rücksendeangabe. Ein Brief ist datiert und es gibt eine Betreffzeile. Der Textteil beginnt mit einer abgesetzten Anrede und schließt mit einer abgesetzten Grußformel, wobei der Grußformel kein Komma folgt. Das im Hinterkopf kann man nun die Frage stellen, ob eine (geschäftliche) E-Mail eine andere Textsorte darstellt oder nicht. Tatsächlich ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Zunächst kann man sicher festhalten, dass das kommunikative Ziel in beiden Fällen im Wesentlichen dasselbe ist (die Kommunikation mit einer Geschäftspartner*in). Auch auf grammatischer Ebene unterscheiden sich klassische Geschäftsbriefe nicht wesentlich von geschäftlichen E-Mails. Bleibt also die textstrukturelle Ebene. Auch hier ist natürlich eine große Ähnlichkeit festzustellen: E-Mails verfügen ebenfalls über ein Adressfeld und eine Rückadresse, sie verfügen über eine Betreffzeile und einen Zeitstempel. Und der Textteil einer geschäftlichen E-Mail folgt ebenfalls demselben Muster eines Geschäftsbriefs. Im Gegensatz zum Geschäftsbrief ist bei einer E-Mail jedoch standardmäßig die Möglichkeit von Blindkopien vorgesehen, der (meist versteckte) Header enthält noch zusätzliche Informationen über die Kodierung des Textes, über Servernamen und IP-Adressen. Und nach der Grußformel folgt meist noch eine Signatur mit der klassischen Postadresse und der eigenen Webseite. Möchte man von unterschiedlichen Textsorten sprechen, dann wird man diese Unterschiede als wesentliche einordnen müssen. Kommt man jedoch zu der Auffassung, dass diese Unterschiede nicht wesentlich (und letztlich primär auf Eigenschaften des Mediums zurückzuführen) sind, dann liegt hier lediglich ein Unterschied in der Kommunikationsform vor: elektronisch vs. nicht-elektronisch.
Adamzik, Kirsten: Textlinguistik: Grundlagen, Kontroversen, Perspektiven. Berlin / New York: de Gruyter, 22016.
Averintseva-Klisch, Maria: Textkohärenz. Heidelberg: Winter, 2013.
Brinker, Klaus / Antos, Gerd / Heinemann, Wolfgang / Sager, Sven F.: Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. 1. und 2. Halbbd. Berlin / New York: de Gruyter, 2008.
Gansel, Christina / Jürgens, Frank: Textlinguistik und Textgrammatik. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, 2009.
Schwarz-Friesel, Monika / Consten, Manfred: Einführung in die Textlinguistik. Darmstadt: WBG, 2014.
Als ich vor einigen Jahren mit dem Wagen Richtung Saarbrücken gefahren bin, ist mir an der Grenze zum Saarland ein Plakat aufgefallen: »50 Jahre Saarland. Schön, dass du da bist.« Meine erste Reaktion war: »Was für eine nette Begrüßung!« Meine zweite: »Oh, ich bin ja gar nicht gemeint!« Die Ursache meiner kurzzeitigen Verwirrung ist schnell aufgeklärt: Das Plakat spielt mit einer MehrdeutigkeitMehrdeutigkeit (einer AmbiguitätAmbiguitätMehrdeutigkeit), die auf das Pronomen du zurückzuführen ist: Das Pronomen du kann sich bei diesem Plakat einerseits auf das Saarland beziehen. In diesem Fall wird der inhaltliche Bezug (die Referenz) des Pronomens über die vorherige Äußerung »50 Jahre Saarland« vermittelt, und man spricht von Deiktischer und anaphorischer Gebraucheinem anaphorischenGebrauchanaphorischer Gebrauch. Das Pronomen du kann sich aber andererseits auch auf den Adressaten des Plakats beziehen. In diesem Fall wird die Referenz des Pronomens über nicht-sprachliche Aspekte der Äußerungssituation festgelegt, und man spricht von einem deiktischenGebrauchdeiktischer Gebrauch.
Abb. 3.1: Plakat zum 50-jährigen Bestehen des Saarlandes. – © Staatskanzlei des Saarlands
Am Beispiel deiktisch gebrauchter Ausdrücke lässt sich gut eine Unterscheidung illustrieren, die die inhaltliche Seite sprachlicher Ausdrücke betrifft, die Unterscheidung Äußerungsbedeutungzwischen Ausdrucksbedeutung und ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutung.
Zunächst sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass der inhaltliche Bezug, die Referenz des Pronomens du, systematisch von der [34]Äußerungssituation abhängt: Wenn ich, Ingo Reich, an dem Plakat vorbeifahre und es lese, dann konstituiert das eine Äußerungssituation, in der ich, Ingo Reich, der Adressat des Plakats bin. In dieser Situation interpretiere ich das Pronomen du so, dass es sich auf mich, Ingo Reich, bezieht. Wenn mein Kollege Augustin Speyer an dem Plakat vorbeifährt und es liest, dann konstituiert dies eine andere Äußerungssituation, eine Äußerungssituation, in der er der Adressat des Plakats ist. In dieser Situation wird er natürlich das Pronomen du so interpretieren, dass es sich auf ihn, Augustin Speyer, bezieht. Generell wird jeder, der das Plakat liest, das Pronomen du (bei deiktischer Interpretation) so verstehen, dass es sich auf ihn bezieht. Diese kontext-abhängige Referenz von du in einer konkreten Äußerungssituation bezeichnen wir als die Bedeutung der Äußerung des Pronomens du (in dieser Äußerungssituation) oder kurz als die Äußerungsbedeutung von du.
WoraufAusdrucksbedeutung oder besser auf wen sich das Pronomen du in einer Äußerungssituation bezieht, ist natürlich nicht zufällig. Wir wissen, dass wir uns mit dem Pronomen du auf den Adressaten einer Äußerung beziehen und mit dem Pronomen ich auf den Sprecher. Dieser Aspekt der Bedeutung von du und ich ist etwas, das wir im Erstspracherwerb erlernen müssen und in unserem mentalen Lexikon jeweils als Bedeutung für die beiden Pronomina abgespeichert haben. Diese kontext-unabhängige Bedeutung der beiden Pronomina du und ich bezeichnen wir als Ausdrucksbedeutungihre Ausdrucksbedeutung.
DerVerankerung Zusammenhang zwischen der Ausdrucks- und der Äußerungsbedeutung von z. B. du lässt sich dann so charakterisieren, dass sich die Äußerungsbedeutung aus der Ausdrucksbedeutung und Eigenschaften der jeweiligen Äußerungssituation ergibt: Mit du beziehen wir uns auf den Adressaten einer Äußerungssituation. Ist Ingo Reich der Adressat in der fraglichen Äußerungssituation, dann bezieht sich das Pronomen du folglich auf Ingo Reich. Ist dagegen Augustin Speyer der Adressat in der Äußerungssituation, dann bezieht sich du eben auf Augustin Speyer. Diese Beziehung lässt sich dabei als eine funktionale beschreiben, d. h., einer Ausdrucksbedeutung und einem Kontext wird eine Äußerungsbedeutung eindeutig zugeordnet. Man sagt auch, dass die Ausdrucksbedeutung im Von der Ausdrucks- zur ÄußerungsbedeutungÄußerungskontext verankertVerankerung wird.
Die AusdrucksbedeutungAusdrucksbedeutung eines lexikalischen Ausdrucks ist diejenige Bedeutung, die kompetente Sprecher in ihrem mentalen Lexikon abgespeichert haben. Die Ausdrucksbedeutung eines komplexen sprachlichen Ausdrucks ergibt sich aus den Ausdrucksbedeutungen seiner Teile und der Art ihrer Kombination.
Die ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutung eines lexikalischen Ausdrucks ergibt sich aus dessen Ausdrucksbedeutung und ihrer Verankerung im sprachlichen und nicht-sprachlichen Äußerungskontext. Die Äußerungsbedeutung eines komplexen Ausdrucks ergibt sich aus den Äußerungsbedeutungen seiner Teile und der Art ihrer Kombination.
Die Unterscheidung zwischen der Ausdrucksbedeutung und der Äußerungsbedeutung sprachlicher Ausdrücke nimmt nicht zuletzt deswegen eine so zentrale Stellung ein, weil sie die (oder zumindest eine mögliche) Grenze markiert zwischen den beiden Gebieten, die sich mit der inhaltlichen Interpretation von sprachlichen Ausdrücken Von der Semantik zur Pragmatikbeschäftigen: Semantik und Pragmatik. Während sich die SemantikSemantik auf die Untersuchung von (komplexen) Ausdrucksbedeutungen fokussiert, fallen Fragen der Äußerungsbedeutung in den Bereich der PragmatikPragmatik. Entsprechend wird die Arbeitsteilung zwischen Semantik und Pragmatik häufig auch so charakterisiert, dass sich die Semantik mit kontext-unabhängigen, die Pragmatik dagegen (eher) mit kontext-abhängigenKontext-Abhängigkeit Phänomenen beschäftigt sowie generell mit Fragen des sprachlichen Gebrauchs. Diese Grenzziehung zwischen Semantik und Pragmatik schränkt die Semantik auf einen vergleichsweise engen Bereich ein. Traditionell sieht die Semantik ihr Feld aber auch in dem Bereich der Äußerungsbedeutungen, die (primär) auf der Basis sprachlicher Kodierung oder allgemeiner auf grammatischer Basis zustande kommen. Auf diese Sichtweise werden wir in den Abschnitten 3.2 und vor allem in 3.4 noch zu sprechen kommen.
Die Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik haben wir auch schon in Kapitel 2 thematisiert und dort die Grenze zwischen einerseits sprachlich kodierter und andererseits kontextuell inferierter Information gezogen. Fällt diese Grenze nun im Wesentlichen zusammen mit der, die auf der Basis der Unterscheidung zwischen Ausdrucks- und Äußerungsbedeutung zustande kommt? Ja und nein. Betrachten wir dazu den folgenden Satz: Freiburg ist eine grüne Stadt. Wird dieser Satz in einem politischen Kontext geäußert, dann wird man grün in dem Sinne interpretieren, dass die Freiburger gerne grün wählen oder zumindest ökologisch bewusst leben. Wird der Satz aber im Kontext von Stadtplanung und Lebensqualität geäußert, dann ist es eher naheliegend, an eine Vielzahl von Grünflächen zu denken. Je nach Äußerungskontext hat dieser Satz und insbesondere das Adjektiv grün also eine andere Interpretation, eine andere Äußerungsbedeutung. Und bei der Bestimmung der Äußerungsbedeutung gehen sicherlich kontextuelle Inferenzen (in irgendeiner Form) ein. Damit sind die Äußerungsbedeutungen von grün aber sowohlkodiertkodiert (da sie auf dem Adjektiv grün basieren) als auch kontextuell inferiertinferiert (wie gerade ausgeführt). Versteht man die Aussage, dass sich die Semantik mit kodierter Information beschäftigt, jetzt so, dass dies kontextuelle Inferenzen strikt ausschließt, dann kommt man zu dem erwähnten engen Verständnis von Semantik (im Sinne von Ausdrucksbedeutung). Lässt man dagegen zu, dass die in der Semantik verhandelten Bedeutungen neben [!] kodierter Information auch (bis zu einem gewissen Grad) auf kontextuellen Inferenzen beruhen dürfen, dann kommt man zu einem wesentlich weiteren Begriff, der auch Aspekte der Äußerungsbedeutung einschließt. Wir werden in Fällen wie dem gerade diskutierten in Abschnitt 3.4Explizit kodierte Äußerungsbedeutungvon explizit kodierter ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutungexplizit kodierte (oder allgemeiner von grammatisch determinierter ÄußerungsbedeutungÄußerungsbedeutunggrammatisch determinierte) sprechen, da es hier in erster Linie um Aspekte der Äußerungsbedeutung geht, die auf einer expliziten sprachlichen Kodierung (oder allgemeiner auf einer grammatischen Basis) beruhen. Wo man die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik zieht, wird dann davon abhängen, welche Art kontextuell inferierter Information man noch in der Semantik zulassen will.
Da die Interpretation deiktischer Ausdrücke den Bezug auf die Äußerungssituation erfordert und damit ein hohes Kontextabhängigkeit deiktischer AusdrückeMaß an Kontextabhängigkeit aufweist, ist es sicher nicht verkehrt, deiktische Ausdrücke im Rahmen der Pragmatik zu diskutieren. Eine zentrale Eigenschaft deiktischer Ausdrücke wurde bereits im letzten Abschnitt angedeutet: Im Gegensatz zu Eigennamen wie Lisbeth oder Erna weisen deiktische Ausdrücke wie ich oder du keinen festen inhaltlichen Bezug, keine feste Referenz auf. Worauf deiktische Ausdrücke in einer konkreten Äußerung referieren, wird über ihre Ausdrucksbedeutung und relevante Eigenschaften der Äußerungssituation festgelegt.
Wird die Referenz deiktischer Ausdrücke allein über die Ausdrucksbedeutung und relevante Eigenschaften der Äußerungssituation festgelegt, dann spricht man auch Rein indexikalische und echt demonstrative Ausdrückevon rein indexikalischenrein indexikalisch Ausdrücken. Tatsächlich sind die Pronomina
