Deutsche wandern aus - Hans-Ulrich Dombrowski - E-Book

Deutsche wandern aus E-Book

Hans-Ulrich Dombrowski

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Beschreibung

In Deutschland findet seit Jahren eine Nettowanderung statt. Es verlassen mehr Deutsche das Land als wieder zurückkehren. Diese Tendenz ist steigend. Die wissenschaftliche Literatur zum Thema`Wanderungsverhalten` hat sich bisher vornehmlich mit der Einwanderung nach Deutschland beschäftigt. Was die Auswanderung Deutscher betrifft, so ist die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen überschaubar. Das vorliegende Sachbuch`Deutsche wandern aus` möchte diese Lücke füllen. Da Migration einen multifaktoriellen Prozess darstellt, werden auch Studienergebnisse, Modellentwicklungen und Analysen anderer wissenschaftlicher Disziplinen wie den Geschichtswissenschaften, der Ethnologie und den Sozialwissenschaften einbezogen. Auswanderung wird als ein Bindungs- und Loslösungsprozess verstanden, der sich über den gesamten Migrationsprozess erstreckt und auch als generationsübergreifend verstanden werden kann. In den einzelnen Phasen dieses Prozesses sind unterschiedliche psychologische Aspekte relevant, wie anfangs Motivation und Entscheidungsfindung, später Anpassung und Bewältigung. In einem eigenen Kapitel werden förderliche Aspekte und Risikofaktoren der Auswanderung dargestellt, die für eine mögliche Entscheidungsfindung hilfreich sein können. Das Buch ist für Menschen relevant, die Interesse an dem Thema Auswanderung haben und sich informieren wollen. Weiterhin ist es gedacht für solche, die eine Auswanderung planen oder bereits auch schon ausgewandert sind. Darüber hinaus bietet es als Sachbuch eine Erweiterung der bisherigen Literatur und zeigt neue Sichtweisen auf.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Historischer Abriss der Auswanderung

Studien und Publikationen zur Auswanderung

1. Studien zur psychologischen Migrationsforschung

a. Vergleichsstudie von Brown (1954)

b. Vergleichsstudie von Richardson (1956)

c. Auswandererstudie von Beijer, Frijda, Hofstede und Wentholt (1961)

d. Längsschnittuntersuchung von Richardson (1974)

e. Längsschnittuntersuchung von Lüthke (1989)

2. Ethnologische Feldforschungsstudie von Bönisch-Brednich (2003)

3. Sozialwissenschaftliche Studien

a. Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung (2008)

b. Pilotstudie „International Mobil“ (2015)

c. Studie „Talente im Ausland: Ein Bericht über deutsche Auswanderer“ von Poeschel (2015)

d. German Emigration and Remigration Panel Study [GERPS (2019)]

4. Studien und Publikationen aus unterschiedlichen Bereichen

Psychologische Faktoren der Migration

1. Die menschlichen Grundbedürfnisse nach Grawe (2004)

2. Die Reaktanztheorie von Brehm (1966)

3. Die Theorie der gelernten Hilflosigkeit von Seligman (1975)

4. Die Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957)

5. Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus (1984)

Phasenmodelle des Migrationsverlaufs

1. Frühe Phasenmodelle (Oberg, Lysgaard)

2. Das Phasen-Modell von Sluzki (1979)

3. Erweiterung des Phasen-Modells von Sluzki durch Machleidt (2003, 2009) und Kizilhan (2014)

4. Übertragung der Modellerweiterung auf die spezifische Situation deutscher Auswanderer

a. Transgenerationale Traumata

b. Psychische Belastungen im Rahmen der Entscheidungsfindung

c. Vorliegen psychischer Erkrankungen im Vorfeld

Erklärungsansätze der Migration

1. Das Akkulturationsmodell

a. Darstellung des Modells

b. Zwei Beispiele des Akkulturationsprozesses

2. Der Healthy-Migrant-Effect

Förderliche Aspekte und Risikofaktoren der Auswanderung

1. Förderliche und unterstützende Aspekte

2. Hemmende Aspekte und Risikofaktoren

Eine deutsche Diaspora

Literatur- und Quellenverzeichnis

Namensverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Migration gibt es, solange unsere Welt besteht. Adam und Eva werden in der wissenschaftlichen Literatur als die ersten Migranten1 bezeichnet (Grinberg & Grinberg 1990). Auch die jüdische Diaspora stellt eine Form der Migration dar. In der griechischen Mythologie wird über Vertreibung und Schmerz berichtet, wenn Odysseus auf einer langen Irrfahrt seine Heimat sucht. Ein- und Auswanderungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit.

Nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe (2019) waren weltweit 2018 ca. 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Verfolgung, die höchste jemals ermittelte Zahl. Ein Teil dieser Menschen findet Aufnahme in Deutschland.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) publizierte 2020 die Zahlen zum Migrationsgeschehen 2018. Demnach kamen 1,59 Millionen Personen nach Deutschland, während die Rückzugsquote bei 1,19 Millionen lag, also eine Nettowanderung von + 400.000 bestand. Umgekehrt verließen 262.000 Deutsche das Land bei einer Rückkehrquote von 202.000, also einer Nettowanderung von – 60.000.

Ein negatives Wanderungssaldo wird seit 2005 verzeichnet, d.h. mehr Bundesbürger wandern aus als zurückkehren. In den Jahren zuvor seit 1990 wies die Statistik zwar eine positive Nettowanderung auf, allerdings bedingt dadurch, dass die Gruppe der Spätaussiedler und ihrer Angehörigen in der Statistik mit den Bürgern des Bundesgebietes verrechnet wurden (Leubecher 2018).

Die wissenschaftliche Erfassung des Wanderungsverhaltens wurde in der Vergangenheit vornehmlich aus historischer und demographischer Sicht vorgenommen. In den letzten Jahrzehnten erwiesen sich Studien und Modellentwicklungen aus den Bereichen der Anthropologie, Ethnologie, Soziologie und Sozialwissenschaften als bereichernd zur Erfassung des Phänomens der Migration. Auch die Psychologie und in den letzten Jahren die Psychotherapie haben zu neuen Sichtweisen und einem erweiternden Verständnis beigetragen.

In Deutschland hat sich die wissenschaftliche Profession in der jüngsten Vergangenheit vornehmlich mit der Migration nach Deutschland beschäftigt, häufig mit problematischen Einwanderergruppen oder gesundheitlichen Aspekten der Einwanderer. In meiner Disziplin, der Psychologie und Psychotherapie, werden zunehmend mehr migrationsspezifische und kulturelle Faktoren im Rahmen der Aus- und Weiterbildung zum Psychotherapeuten eingebunden. Innerhalb der Psychiatrie und Psychotherapie hat sich die „Transkulturelle Psychiatrie / Psychotherapie“ als neuer Zweig entwickelt, um bei der Behandlung psychischer Leiden von Migranten bessere Hilfsangebote vornehmen zu können (Machleidt 2009, Hegemann & Salman 2010).

Was jedoch das Wanderungsverhalten deutscher Bürger selbst angeht, gibt es bisher nur wenige gesicherte Daten, insbesondere in Bezug auf die Auswanderungsmotive als auch auf die daraus resultierenden individuellen und gesellschaftlichen Interessen (SVR Forschungsbereich 2015).

Das vorliegende Buch möchte dazu beitragen, diese Lücke ein Stück weit zu schließen. Schwerpunktmäßig wird hierbei die Auswanderung Deutscher aus der Sicht des Psychologen und Psychotherapeuten beleuchtet. Da Migration einen multifaktoriellen Prozess darstellt, werden auch Studienergebnisse, Modellentwicklungen und Analysen anderer wissenschaftlicher Disziplinen berücksichtigt.

Zum besseren Verständnis des aktuellen Wanderungsverhaltens deutscher Bürger wird zunächst ein historischer Abriss vorgenommen. Anschließend werden Forschungs- und Studienergebnisse aus den Bereichen der Psychologie, Ethnologie und Sozialwissenschaften vorgestellt.

Die nachfolgenden Kapitel behandeln psychologisch relevante Faktoren der Auswanderung, Phasenmodelle des Migrationsprozesses und Erklärungsmodelle zur Migration. Ein eigenständiges Kapitel beschäftigt sich mit förderlichen Aspekten und Risikofaktoren der Auswanderung. Abschließend wird das aktuelle Wanderungsverhalten der Deutschen im Kontext der Diasporaforschung eingeordnet.

Dr. Hans-Ulrich Dombrowski

Lippstadt, im September 2020

1 Zur besseren Lesbarkeit wird im Text die männliche Form verwendet. Es sind dabei sowohl das weibliche Geschlecht als auch das Geschlecht divers gemeint.

Historischer Abriss der Auswanderung

Eine Auswanderung (Emigration) bedeutet für das abgebende Land immer einen Verlust an Menschen, Wissen und Kompetenzen sowie an finanziellen Wertigkeiten, aber mitunter auch eine Entlastung bei knappen Ressourcen, beispielsweise bei Übervölkerung. Für das aufnehmende Land führt Einwanderung (Immigration) zu mehr Arbeitskräften (Fachkräften), finanzieller und wirtschaftlicher Steigerung und kultureller Erweiterung. Problematisch wird es bei unzureichender Akkulturation, vor allem bei mangelnder Bereitschaft, die Sprache des Einwanderungslandes zu lernen oder sich zu integrieren (Gefahr der Bildung von Parallelgesellschaften).

Als Gründe für eine Auswanderung können im Wesentlichen angesehen werden:

Gewalt, Bürgerkrieg, Krieg

religiöse und politische Verfolgung

Vertreibung und Unterdrückung von Minderheiten oder politisch Andersdenkenden

Einschränkung der persönlichen Freiheit, Drangsalierung durch Polizei und Behörden

Wirtschaftliche Not (Arbeitslosigkeit, Armut)

Missernten, Hungersnot

Übervölkerung

Erwartung einer zukünftig negativen Entwicklung im politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, finanziellen und / oder religiösen Bereich.

Es wird im Rahmen der Migrationsforschung zwischen Push- und Pull-Faktoren unterschieden [Push-Pull-Modell der Migration von Everett S. Lee (1966)2]. Push-Faktoren, z.B. wirtschaftliche Not oder Übervölkerung, bewirken einen Auswanderungsdruck, wohingegen angenommene Vorteile im Einwanderungsland, unabhängig davon ob sie zutreffen oder nicht, zu einem Einwanderungssog führen, beispielsweise bessere Bildungsmöglichkeiten oder größeres Jobangebot (Pull-Faktoren).

Die größte Wanderungsbewegung in der deutschen Geschichte ist die Völkerwanderung, die zu einer tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebung in Europa und zu einer Neuordnung der germanischen und romanischen Bevölkerungsgruppen geführt hat. Die in das Römische Reich eindringenden germanischen Stämme trafen auf ein sich bereits im Niedergang befindliches Imperium Romanum.

Der belgische Historiker Engels (2014, 2017) weist auf die Parallelen zwischen Rom und unserer heutigen Zeit hin. So stellte sich in Rom eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zwischen der senatorischen Klasse und den mehr und mehr entmündigten Bürgern ein, die ihr Interesse an Volksversammlungen verloren hatten und sich vorrangig um Belustigungen (Brot und Spiele) kümmerten. Darüber hinaus entwickelte sich Rom innerhalb kurzer Zeit zu einer multikulturellen Großstadt, in der die römischen Bürger selbst in die Minderheit gerieten.

Einen starken Einfluss auf das Denken der Menschen hatte die griechische Philosophie, in Konsequenz dessen die alte Staatsreligion an Einfluss verlor und Individualismus und Materialismus zu einem allmählichen Verfall der traditionellen Familien- und Wertestrukturen führte. Weiterhin hatten häufige und kurze Amtsperioden der Politiker, Amtsmissbrauch, Korruption, Kurzsichtigkeit und politische Überforderung der Verwaltung eine weitere Destabilisierung zur Folge.

Engels sieht mit Europa nicht nur ein System, sondern eine ganze Ära zu Ende gehen. Die Faktoren, die zum Ende Roms führten, sind auch hier aktuell wirksam wie „Arbeitslosigkeit, Verarmung, Bevölkerungsschwund, Werteverfall, Demokratieverlust, Familienzerfall, Masseneinwanderung, Globalisierung, Individualismus, Technokratie und Ultraliberalismus“. Die nationalen und EU-Institutionen sind unfähig oder auch nicht bereit mit entsprechenden Maßnahmen gegen zu lenken, so der Historiker.

Eine weitere größere Auswanderungsbewegung gab es während des Mittelalters. In verschiedenen Wellen wanderten Menschen aus den deutschen Gebieten des Hl. Römischen Reiches in slawisch und baltisch besiedelte östliche Gebiete aus (Ostsiedlung).

Die Zarin Katharina II. ließ zahlreiche deutsche Kolonien ab dem Jahre 1763 bei Sankt Petersburg, an der Wolga und im Schwarzmeergebiet anlegen. Deutsche Tochtersiedlungen entstanden durch die spätere Ausdehnung des Zarenreiches auch im Kaukasus und Bessarabien (Brandes 1992).

Nach dem verlorenen Krimkrieg im Jahre 1856 lehnten die russischen Eliten die weitere Ansiedlung von Deutschen ab. Die zuvor bestandene Selbstverwaltung der russlanddeutschen Kolonien wurde 1871 durch das sog. Ausgleichsgesetz schrittweise aufgehoben. Die Zahl der Deutschen wuchs jedoch aufgrund der hohen Geburtenrate auf rund 2,4 Millionen (Volkmer 2017).

Amerika wurde ab dem Jahr 1820 das Land, in das die meisten Deutschen auswanderten. Zwischen 1820 - 1930 emigrierten knapp 6 Millionen Deutsche in die USA. Teilweise kam es innerhalb dieses Zeitraumes zu Massenauswanderungen, wobei verschiedene Auswanderungswellen stattfanden.

Aufgrund von Missernten, Überbevölkerung und Wirtschaftskrisen setze eine erste Welle zwischen 1846 - 57 ein. Die gescheiterte Märzrevolution von 1848 führte aufgrund von Fluchtbewegungen der Anhänger der Revolution vor der Obrigkeit und Polizei zu einem weiteren Höhepunkt der Emigration nach Amerika.

In der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 - 65 kam die Auswanderung fast völlig zum Erliegen und setzte erst danach wieder ein. Befördert wurde dies u.a. durch Inkrafttreten des Sozialistengesetzes 1878 mit dem Verbot der Sozialdemokratie und der Verfolgung von deren Mitgliedern und Anhängern.

In einer dritten großen Welle verließen 1881 ca. 220.000 Deutsche ihre Heimat. Zwischen 1880 - 85 waren es insgesamt 850.000, die es nach Amerika zog (Rößler 1992).

Nach dem 1. Weltkrieg nahm die Auswanderung nach Amerika wieder zu. 1923 erreichte sie aufgrund von Inflation und Arbeitslosigkeit in Deutschland einen Höhepunkt mit 100.000 Emigranten. Ab 1930 kippte diese Entwicklung und die Zahl der deutschen Heimkehrer überstieg die der Auswanderer. Gründe hierfür waren die zunehmend strengeren Einwanderungsgesetze in den USA, mangelnde berufliche und soziale Integration sowie Heimweh. Zudem waren die USA auch von der Weltwirtschaftskrise betroffen.

In der Zeit der Inflation nach dem 1. Weltkrieg fand auch eine Emigrationsbewegung nach Argentinien und Südbrasilien statt, wo deutschsprachige Ansiedlungen entstanden.

Einen Anstieg der Auswanderung in die USA gab es ab 1933 wieder, insbesondere durch deutsche Juden. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 verließen rund 500.000 Menschen den deutschsprachigen Raum, von denen ca. 90% Juden waren. Aber auch Sozialdemokraten, Kommunisten, Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler flüchteten, um einer Verfolgung und Inhaftierung zu entgehen.

Zunächst emigrierten die Menschen in die Nachbarländer des Deutschen Reiches, ab 1937 verstärkt in die USA. Insgesamt nahmen die USA ca. 140.000 deutsche Juden auf, das weltweit höchste Kontingent insgesamt. Rund 100.000 Juden gingen nach Frankreich, 75.000 nach Großbritannien, 68.000 nach Italien, 60.000 nach Palästina, 80. - 90.000 nach Lateinamerika und 18. - 20.000 nach Shanghai (bpb, Stand 30.04.2019).

Diejenigen, die die anstehende Entwicklung antizipierten und die drohende Gefahr frühzeitig erkannten, über ausreichende Geldmittel und berufliche Qualifikation verfügten, möglicherweise auch noch gute Kontakte hatten, verließen das Reich, solange sie dies noch konnten.

Deutsche Juden oder solche mit jüdischen Vorfahren, die aus Deutschland ausreisten, mussten nicht nur ein Aufnahmeland finden, sondern gleichzeitig auch eine „Reichsfluchtsteuer“ zahlen sowie ihren Besitz abgeben. Während das Reich die Auswanderung anfangs noch organisierte und förderte, wurde 1941 ein generelles Auswanderungsverbot für Juden verhängt.

Während der letzten Kriegsmonate flohen Millionen Deutsche aus den Ostgebieten nach Westen oder wurden nach Kriegsende vertrieben. Aufgrund des Verbots der Alliierten war bis Mitte der 1950er Jahre keine Auswanderung mehr möglich. Danach stieg die Zahl der Auswanderer wieder an aufgrund der Zerstörungen durch den Krieg, durch Hunger, Arbeitslosigkeit und Verelendung. Bevorzugte Ziele waren die USA, Kanada, Südamerika (Paraguay, Chile, Südbrasilien) und Australien.

Bis zum Mauerbau 1961 verließen ebenfalls Millionen Menschen die Sowjetische Besatzungszone bzw. DDR in Richtung BRD aufgrund von Drangsalierung, Unterdrückung und Einschränkung der Meinungsfreiheit durch das sozialistische System sowie in Erwartung einer besseren wirtschaftlichen Entwicklung in Westdeutschland.

Betrachtet man das Wanderungsverhalten der Bundesbürger seit den 1950er Jahren, so zeigt sich in dieser Zeit bis 2005 eine positive Nettowanderung, d.h. es gibt mehr Zu- als Fortzüge. Die einzigen Ausnahmen stellen die Jahre 1956 und 1966 dar, in denen eine negative Nettowanderung stattgefunden hat.

Die nachfolgende Tabelle zeigt diese Wanderungsbewegungen:

Tabelle 1: Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (DIW, 2008)

Aus- und Rückwanderung von Deutschen1

Zuzüge

Fortzüge

Nettowanderung

1956

76581

119880

-43299

1966

69841

73540

-3699

1976

88983

53695

35288

1986

88867

59350

29517

1996

251737

118430

133307

2001

193958

109507

84451

2002

184202

117683

66591

2003

167216

127267

39949

2004

177993

150667

27326

2005

128051

144815

-16764

2006

103384

155290

-51906

1

Bis 1990 nur Westdeutschland Quellen: Statistisches Bundesamt

Berechnungen des DIW Berlin

DIW

Berlin 2008

Ab 2005 bis heute verlassen mehr Deutsche das Land als zuziehen, d.h. es findet eine negative Nettowanderung statt. Neben den USA sind die Schweiz und Österreich die wichtigsten Zielstaaten der deutschen Auswanderer (Zeitraum 2004 - 13, SVR 2015).

2 aus Wikipedia (Stand 30.04.2019): Das Push-Pull-Modell der Migration stellt den Kern der ökonomisch motivierten Migrationstheorie dar, die Everett S. Lee (1917 - 2007) in den 1960er Jahren aufstellte. Die Theorie geht davon aus, dass Menschen aus einem ursprünglichen Gebiet „weggedrückt“ werden (engl.: „to push“, „drücken“) und / oder von einem anderen Gebiet „angezogen“ (engl.: „to pull“, „ziehen“) werden. Die Theorie wird sowohl auf nationale als auch auf internationale Wanderung angewandt. Lees Arbeit (1966 / 1972) basiert auf dem Prinzip des „ökonomischen Rationalismus“ und wurde von anderen Autoren aufgegriffen und weiterentwickelt. Lee geht davon aus, dass aufgrund der natürlichen Trägheit und Risikoscheu ein Übergewicht an begünstigenden Faktoren noch nicht zwangsläufig zur Migration führt.

Studien und Publikationen zur Auswanderung

1. Studien zur psychologischen Migrationsforschung

Erste Studien zur psychologischen Migrationsforschung wurden nach dem 2. Weltkrieg ab den 1950er Jahren publiziert. Diese bezogen sich vornehmlich auf Auswanderungen aus dem europäischen in den englischsprachigen Raum der klassischen Auswanderungsländer USA, Kanada, Australien und Neuseeland.

Unter Einbeziehung psychologischer Faktoren wurde das Verständnis der Auswanderung, das bisher vornehmlich unter historischen, demographischen und ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet wurde, ergänzt und erweitert. Als Gründe für Auswanderungen wurden zunächst primär externe Faktoren wie Krieg, Hunger oder Freiheitseinschränkung angesehen, was unter psychologischen Gesichtspunkten als zu eng gefasst betrachtet werden kann. Vielmehr ist die subjektive Einschätzung entscheidend dafür, ob eine Auswanderung auch durchgeführt wird. Selbst in Zeiten, in denen das Leben des Einzelnen bedroht wurde, wie im Krieg, haben nicht alle eine Entscheidung zum Verlassen des Landes getroffen, sondern eine bestimmte Anzahl ist zu Hause geblieben in der Erwartung, dass „es doch nicht so schlimm werden wird“. D.h., ein externer Faktor (Krieg) hat nicht unmittelbar eine Auswanderung (Flucht) zur Folge, sondern entscheidend ist die Interpretation und Einschätzung des Einzelnen der jeweiligen Situation gegenüber (Dombrowski 2009, 2020).

Diese ersten Studien und wissenschaftlichen Untersuchungen waren geprägt durch die Methodenentwicklung und Theorienbildung der 1950er und 60er Jahre. Sie hatten daher eher einen explorativen Charakter und ihnen fehlte ein übergeordneter theoretischer Rahmen, der eine Interpretation und Integration der Ergebnisse möglich machen konnte. Trotz dieser Einschränkungen hat sich eine Vielzahl der Ergebnisse aus der damaligen Zeit in späteren Untersuchungen wieder gefunden und ist bestätigt worden.

Nachfolgend werden zunächst vier „Klassiker“ der psychologischen Migrationsforschung vorgestellt (zit. nach Lüthke 1989) und anschließend die Langzeituntersuchung von Lüthke über deutsche Auswanderer nach Australien.

a. Vergleichsstudie von Brown (1954)

In einer Vergleichsstudie zwischen Auswanderungsinteressierten, die vor ihrer Auswanderung befragt wurden, und einer Kontrollgruppe wurden 100 Bewerber für eine staatlich unterstützte Auswanderung von Großbritannien nach Neuseeland mittels Interview, Fragebogen und projektiven Testverfahren untersucht. Die Studie wurde 1954 von Brown publiziert. Einschränkend sei erwähnt, dass es sich um unverheiratete Männer handelte, die teils Angehörige der britischen Army waren, teils Zivilisten.

Brown fand Unterschiede zwischen den Erwartungen und Einstellungen beider Gruppen. Die Auswanderungsinteressierten glaubten an gute Berufschancen in Neuseeland und nahmen eine Massenarbeitslosigkeit in Großbritannien für die Zukunft als wahrscheinlich an. Diese Gruppe war im Vergleich aufstiegs- und erfolgsorientierter, während die Kontrollgruppe eher ein Leben der Bequemlichkeit und Sicherheit bevorzugte.

Als Motiv für die Auswanderung gaben ein Drittel persönliche Gründe an wie Familie, Freunde, Bedürfnis nach Veränderung und Reiselust, 30% sahen Neuseeland als attraktiv an (Zukunftschancen, Lebensart, Klima, größere Sicherheit im Kriegsfall), 20% nannten berufliche Gründe (Hoffnung auf einen besseren Job und höhere Bezahlung) und 13% lehnten Großbritannien ab (mangelnde Zukunftschancen, Übervölkerung, zu hohe Lebenshaltungskosten).

Während die Kontrollgruppe eher wirtschaftliche Gründe für eine Auswanderung nannte, betonten die Auswanderungswilligen die hohe Lebensqualität in Neuseeland und ihre Unzufriedenheit gegenüber Großbritannien.

Was die Beziehungen zur Herkunftsfamilie betraf hatten die Auswanderungsinteressierten eher ambivalente Einstellungen und unbefriedigende Familienverhältnisse. Unter ihnen gab es auch mehr sozial isolierte Personen. Die Kontrollgruppe wies eher positive Beziehungen zur eigenen Familie auf und zeigte eine stärkere Verwurzelung.

Was den Kenntnis- und Informationsstand über Neuseeland anging, so zeigte sich, dass die Auswanderungsinteressierten weniger gut über ihr Zielland informiert waren als man dies hätte erwarten können. Ihre Vorstellungen waren oftmals vage und ungenau. Brown führt das darauf zurück, dass Menschen, die nur wenig über andere Länder wissen, auch über keinen Bezugsrahmen verfügen, in den sie Informationen einordnen können. Sie wissen daher auch nicht, welche Fragen zu stellen sind und nehmen vornehmlich Informationen auf, die ihren vorgefertigten Meinungen und Erwartungen entsprechen.

b. Vergleichsstudie von Richardson (1956)

In einer weiteren Vergleichstudie verglich Richardson (1956) 80 britische Auswanderer nach Australien mit einer parallelisierten Kontrollgruppe.

Er fand zu Aspekten der Herkunftsfamilie, dass die Auswanderer häufiger aus nichtvollständigen Elternhäusern kamen und ihren Wohnort öfter gewechselt hatten als die Vergleichsgruppe. Die Ehefrauen hatten mehrheitlich noch lebende Eltern im Vergleich zu den Männern, was als möglicher Grund für das stärkere Heimweh der Frauen angesehen wurde. Die Vermutung, dass die Auswanderer weniger familiäre, materielle oder soziale Bindungen und Verpflichtungen an ihre Heimat hatten, konnte in der Untersuchung nicht bestätigt werden.

Bezüglich des Informationsstandes verfügten Auswanderer häufiger über Kontakte nach Australien. Hinsichtlich persönlicher Kenntnisse gab es keine Unterschiede, allerdings waren die Auswanderer etwas besser über Australien informiert. Jedoch blieb das allgemeine Informationsniveau unter Berücksichtigung der Bedeutung des Ereignisses überraschend niedrig.

Hinsichtlich weiterer untersuchter Faktoren, wie soziale Einstellungen oder Niveau der persönlichsozialen Anpassung, fand Richardson zwischen den Gruppen keine signifikanten Unterschiede. Unterschiede zeigten sich jedoch darin, dass Auswanderer ein größeres Interesse an Aktivitäten und „harter Arbeit“ hatten. Ihre Motivation zur Emigration rührte eher in einer Verbesserung der Lebenssituation als in einer Flucht vor ungünstigen Lebensumständen. Die Auswanderer zeigten eine Tendenz zur Schönfärbung und Aufwertung, was Richardson dahingehend interpretierte, dass sie dadurch die mit der Auswanderung verbundenen Ängste reduzieren konnten.

Die Gruppe der Auswanderer betonte im Vergleich eher die Unterschiedlichkeit der beiden Länder Großbritannien und Australien. Darüber hinaus waren sie davon überzeugt, dass nur ein geringes Maß an Anpassung notwendig sei im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die ein höheres Ausmaß an Anpassungsleistung antizipierte. 42% der Auswanderer waren sich zum Zeitpunkt der Auswanderung absolut sicher, nie wieder nach Großbritannien zurückzukehren. Sie führten eine Rückkehr