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Coronakrise, Klimakrise, Inflation - was bringen die kommenden Jahre? Nach zwei Lockdowns und anderthalb Jahren im Ausnahmezustand stellt sich diese Frage mit zunehmender Dringlichkeit. Wann wird sich die Situation wieder normalisieren? Wird sie sich überhaupt bald wieder normalisieren? Oder war 2020 nur der Auftakt zu einer längeren Krisenzeit? Diesen Fragen geht das Buch mit der aus dem Projektmanagement stammenden Methode der Risikoanalyse nach. Zwölf Risiken werden auf ihr Potenzial hin untersucht, die Rückkehr zur Normalität der Vor-Corona-Zeit zu verhindern oder zumindest zu erschweren: drei gesundheitliche Risiken (das Coronavirus, die Corona-Impfung und eine neue Pandemie), drei wirtschaftliche Risiken (Hyperinflation, eine Bankenkrise und die Auswirkungen der Transformation der Wirtschaft), drei politische Risiken (der Übergang zu einer nur mehr nominellen Demokratie, Terrorismus und Krieg) sowie drei gesellschaftliche Risiken (die Infantilisierung der Gesellschaft, ihre Fragmentierung und die nachteilige Veränderung der Bevölkerungsstruktur). Außerdem werden in einem zweiten Teil drei mögliche Zukunftsszenarien vorgestellt: ein utopisches, ein dystopisches und ein prophetisches. Durch die Gegenüberstellung erhellen sich Szenarien und Risiken wechselseitig und ermöglichen neue, ungewohnte Erkenntnisse. Überdies gibt das Buch nicht nur dem fiktiven Projektteam, sondern jedem Leser Auskunft darüber, ob die von vielen Zeitgenossen gehegte Hoffnung, das Jahr 2021 oder spätestens das folgende möge eine Normalisierung der Lage bringen, begründet ist - oder nicht.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für Ulrike
Vorwort
Einleitung
1.
Ansatz
2.
Risikomanagement
3.
Das Projekt
4.
Hinweise zur Lektüre
TEIL 1: RISIKEN
1.
Gesundheitliche Risiken
Risiko 1: Coronavirus
Risiko 2: Corona-Impfung
Risiko 3: Neue Pandemie
2.
Wirtschaftliche Risiken
Risiko 4: Hyperinflation
Risiko 5: Bankenkrise
Risiko 6: Transformation der Wirtschaft
3.
Politische Risiken
Risiko 7: DINO
Risiko 8: Terrorismus
Risiko 9: Krieg
4.
Gesellschaftliche Risiken
Risiko 10: Infantilisierung
Risiko 11: Fragmentierung
Risiko 12: Bevölkerungsstruktur
5.
Zusammenfassung
TEIL 2: ZUKUNFTSSZENARIEN
1.
Utopie
2.
Dystopie
3.
Prophetie
Quellen
Risikoregister für Leser
Ich bin Jahrgang 1975. Mein bewusstes Erleben setzte zur Zeit des Kalten Krieges ein. Ich hatte das Glück, im Westen aufzuwachsen, wo zur Zeit des Systemwettbewerbs großer Wert auf Liberalität und freie Lebensgestaltung gelegt wurde – man wollte sich ja als die bessere Alternative zum kommunistischen Zwangssystem inszenieren.
Die prägenden Erfahrungen des Jugend- und frühen Erwachsenenalters machte ich in den 1980er und 1990er Jahren. Die damalige Atmosphäre ist mit dem postmodernen Wahlspruch anything goes gut beschrieben, jedenfalls nahm ich sie genau so wahr: Alles war möglich, alles erlaubt. Es hat mir gut gefallen.
Heute ist von dieser Liberalität des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht mehr viel übrig. Freiheit und Individualismus haben in Zeiten von Lockdowns und Impfpflichtdebatte einen schweren Stand. Das war zwar grundsätzlich schon vor 2020 und dem Beginn der Coronakrise so, die Krise hat diesen Zustand aber ins allgemeine Bewusstsein gehoben.
Es ist eine Situation entstanden, in der alte Gewiss- und Gewohnheiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Keiner weiß, wie viele und vor allem welche Bestandteile der vordem gewohnten Lebensweise die Krise überdauern werden. Es ist noch nicht einmal ganz klar, ob die Krise nur vorübergehend oder – zumindest auf absehbare Zeit – von Dauer sein wird.
Für unsere zukünftige Lebensweise entscheidend ist die Frage, wohin die politische und gesellschaftliche Entwicklung gehen wird: zurück zur Freiheit und dem Individualismus der alten BRD oder „vorwärts“ in einen neuen autoritären Kollektivismus resp. Sozialismus. Im Kern ist es diese Frage, der dieses Buch nachgeht.
Das Fernziel jedes freiheitlich denkenden Menschen ist die Herstellung einer umfassenden liberalen Ordnung. In der gegenwärtigen Situation eines von autoritären Maßnahmen geprägten Corona-Ausnahmezustands stellt dies jedoch nach menschlichem Ermessen kein kurz- oder mittelfristig erreichbares Ziel dar. Das realistischste Ziel liberaler Bestrebungen dürfte eine Rückkehr zur Normalität der Zeit unmittelbar „vor Corona“ darstellen. Dies wäre immerhin ein erster Schritt auf dem Weg hin zu mehr Liberalität, deren Wert durch die Erfahrungen der vergangenen anderthalb Jahre vielen wieder deutlicher vor Augen stehen dürfte. Denn was ja derzeit so sehr irritiert, ist die Nonchalance, mit der westliche Regierungen unter dem Beifall weiter Teile der Presse ein autoritäres Kontrollregime etablieren, das mitunter fast schon totalitäre Züge trägt. Die Leitfrage des vorliegenden Buches ist daher: Wie realistisch ist es, dass aus der autoritären Gegenwart des Corona-Ausnahmezustands ein Weg zurück zu der zwar nicht perfekten, aber doch zumindest grundsätzlich freiheitlich geprägten Ordnung der Vor-Corona-Zeit führt?
Die Methode der Risikoanalyse zeigt dabei den Horizont der Möglichkeiten auf. Zu diesem Horizont gehört nicht nur das anvisierte (Projekt-)Ziel einer Rückkehr zur (relativ) liberalen „alten“ Normalität, sondern auch verschiedene alternative Zukunftsszenarien. Diese ergeben sich aus der Eintrittswahrscheinlichkeit der einzelnen Risiken und der Kombination ihrer Auswirkungen. Je nachdem, welche Risiken tatsächlich eintreten, ob einzelne, alle oder keines, ergibt sich ein anderes Zukunftsszenario.
Den alternativen Szenarien ist gemeinsam, dass sie den Weg zurück zur „alten“ Normalität erschweren, verzögern oder verhindern. Ebenfalls denkbare Szenarien, in denen das Ziel schneller oder leichter erreicht wird, sind nicht enthalten. Das liegt weniger am gewählten Ansatz als vielmehr daran, dass sich – anders als bei den Risiken – im Zuge der Analyse keine realistischen zukünftigen Ereignisse identifizieren ließen, welche für eine solche Chancenerhöhung sorgen könnten. Sollten hier Leser mehr Phantasie haben, bin ich für Hinweise dankbar.
Die Risikoanalyse hilft dabei, das Kommende zu antizipieren und sich im Rahmen des Möglichen darauf vorzubereiten. Dies ist auch nötig geworden, denn die Zeit des unbeschwerten Lebens ist bis auf weiteres vorbei. Ein neuer Ernst ist eingekehrt. Anders als früher hat heute jede Entscheidung spürbare Konsequenzen: Ob ich mich impfen lasse, entscheidet über meinen Bewegungsradius, meine Bildungs- und Berufsoptionen sowie über meine Möglichkeiten der Teilnahme am öffentlichen Leben; welche politische Position ich vertrete, entscheidet über meine Möglichkeit, soziale Medien wie Twitter oder Facebook uneingeschränkt zu nutzen; und wie ich zur Corona-Politik der Regierung stehe, entscheidet in einigen Fällen über den Fortbestand von Freundschaften und familiären Kontakten.
Die Dinge sind ins Rutschen geraten. Sie verändern sich mitunter so schnell, dass es für den Beobachter schwierig ist, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Allein in den wenigen Tagen zwischen dem 5. und 10. August, als die erste Fassung dieses Vorworts entstand, überschlugen sich überall auf der Welt Ereignisse: In Frankreich billigte der Verfassungsrat neue Corona-Maßnahmen, zu denen u. a. eine Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitswesen und eine Testnachweispflicht bei Schwimmbad- oder Kinobesuchen gehören (deutschlandfunk.de, 06.08.2021). Auch Italien verschärfte die Maßnahmen und verlangt ab dem 1. September den Nachweis der Impfung, Genesung oder ein max. 48 Stunden altes negatives Testergebnis von jedem, der ein Flugzeug, einen Hochgeschwindigkeitszug, einen Fernbus oder eine Fähre besteigen will; für Lehrer und Studenten sollen beim Besuch ihrer Lehranstalt dieselben Regeln gelten (orf.at, 05.08.2021). Die gleichen Beschränkungen, zusammengefasst unter dem Kürzel „3G“, beschloss der sog. Bund-Länder-Gipfel vom 10. August auch für Deutschland. Seit dem 23. August ist der Zugang zu Kliniken, Pflegeheimen, Fitnessstudios, Schwimmbädern, Friseurläden, Hotels, den Innenbereichen von Restaurants oder zu Indoor-Veranstaltungen nur noch Geimpften, Genesenen und Getesteten (3G) gestattet; außerdem sollen die hierfür benötigten Tests ab dem 11. Oktober für alle, für die es eine Impfempfehlung gibt, kostenpflichtig werden (ndr.de, 10.08.2021). Und in den USA machte die Fluggesellschaft United Airlines für alle ihre Angestellten bis zum 25. Oktober das Erbringen eines Impfnachweises verpflichtend; für Neuangestellte, so wurde berichtet, soll schon seit Mitte Juni die Auflage gelten, dass sie an ihrem ersten Arbeitstag einen Impfnachweis vorzulegen haben (zerohedge.com, 06.08.2021).
Eben weil sich die Dinge derzeit so schnell ändern, habe ich mich dazu entschieden, diese Neuausgabe trotz aller derzeit noch vorhandenen Unzulänglichkeiten zu veröffentlichen. Je länger man an der einen Stelle an Inhalten oder Formulierungen feilt, desto größer wird an anderer Stelle der Revisionsbedarf. Käme ich diesem immer nach, würde das Buch nie fertig werden. Bleibt nur, mit den Mängeln zu leben und sie nach Möglichkeit bis zur nächsten Ausgabe zu beheben.
Zudem fasste ich den Beschluss, das Buch weiterhin im Selbstverlag zu publizieren. Nur so kann zumindest näherungsweise die Aktualität der Analysen und Bewertungen sichergestellt werden. Zu viele Teile des Buchs müssen regelmäßig überarbeitet und aktualisiert werden. Es sollen daher auch zukünftig in regelmäßigen Abständen überarbeitete Ausgaben erscheinen, in denen jeweils die Kapitel mit dem höchsten Aktualisierungsbedarf auf den neuesten Stand gebracht werden.
Durch diese Entscheidung ist der Weg der Publikation in einem regulären Verlag versperrt. Die Prozesse dort sind zu langwierig und unflexibel. Wenn zwischen Manuskriptabgabe und Veröffentlichung rund sechs Monate liegen, ist eine Risikoanalyse in Zeiten wie diesen schon bei Erscheinen veraltet und von der Wirklichkeit an vielen Stellen überholt. Wie erwähnt, ist dies selbst auf dem gewählten Weg des Selbstverlags nicht ganz zu vermeiden. In den wenigen Tagen, die für die Schlussredaktion und die Publikationsformalitäten benötigt werden, ereignet sich zu viel, als dass alles noch in angemessener Weise Berücksichtigung finden könnte. Die geplanten regelmäßigen Aktualisierungen – geplant ist ein Turnus von zwei bis drei Monaten – stellen die Kompromisslösung zwischen dem Streben nach größtmöglicher Aktualität einerseits und der benötigten Zeit für eine angemessene Bearbeitung der Themen andererseits dar.
Das vorliegende Buch ist eine umfassend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe des Buches Deutschland 2021: Eine Risikoanalyse, welches im Februar 2021 erschien. Neu hinzugekommen sind die gesellschaftlichen Risiken (Risiko 10–12) und der ganze zweite Teil (Zukunftsszenarien). In den übernommenen Kapiteln wurden Fehler korrigiert, Zahlen aktualisiert, einiges ergänzt, anderes gestrichen, wieder anderes umformuliert. Die Änderungen betrafen teils nur einzelne Passagen, teils ganze Kapitel. Auf die Kennzeichnung der Änderungen gegenüber der ersten Ausgabe wurde verzichtet. Die Markierungen wären zu umfangreich ausgefallen, hätten den Lesefluss stark beeinträchtigt und dem Leser letztlich doch wenig bis keinen Mehrwert geboten. Im Grunde entstand durch die Überarbeitung und Erweiterung ein gänzlich neues Buch.
Geschrieben wurde es wie das erste neben Tagewerk und Familienpflichten in den Abend- und Nachtstunden, im Urlaub und an den Wochenenden. Nicht immer war ein Höchstmaß an Konzentration verfügbar, Zeit war immer knapp. Die sicher noch vorhandenen inhaltlichen Mängel und Fehler mögen daher mit Nachsicht behandelt werden. Sie sind nicht zuletzt diesen Umständen geschuldet, auch wenn sie nicht durch sie entschuldigt werden sollen. Die Verantwortung für alle verbleibenden Unzulänglichkeiten liegt allein beim Autor.
Das Buch soll drei Hauptaussagen transportieren. Erstens: Die Dinge haben mehr als eine Seite. Man kann sie unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Ob etwas eine Chance oder ein Risiko ist, entscheidet sich anhand des Ziels, das verfolgt wird. Sonnenschein, milde Temperaturen und wenig Wind mögen für ein Fußballturnier erfreuliche Aussichten sein, für eine Regatta sind sie es nicht.
Zweitens: Die Zukunft ist ungewiss. Der Blick in die Zukunft kennt keine Sicherheit, nur größere oder geringere Wahrscheinlichkeiten. Zukünftige Ereignisse begegnen uns als Chancen oder Risiken. Viele sind durch menschliches Handeln beeinflussbar. Manche Risiken lassen sich mit geeigneten Maßnahmen vollständig vermeiden, andere, bei denen dies nicht möglich ist, können zumindest in ihren Auswirkungen begrenzt werden. Ebenso verhält es sich, unter umgekehrten Vorzeichen, mit den Chancen.
Drittens: Abseits der Coronakrise gibt es eine Vielzahl weiterer Risiken, welche Freiheit und Individualismus in Deutschland bedrohen. Wir werden sie im ersten Teil des Buches der Reihe nach durchgehen. Da Risiken ihrer Struktur nach alle gleich sind – ein äußeres Ereignis gefährdet die planmäßige Durchführung eines Projekts und die Erreichung eines oder mehrerer Projektziele –, ist es für die weitere Entwicklung von nicht unerheblicher Bedeutung, wie Politik und Gesellschaft auf die gegenwärtige Krise reagieren. Denn es ist anzunehmen, dass die Antwort, die heute gefunden wird, um auf ein eingetretenes Risiko zu reagieren, die Blaupause für zukünftiges Handeln darstellt, sobald eine vergleichbare Situation eintritt oder einzutreten droht. Die heutige Antwort ist aber eine grundsätzlich freiheitsfeindliche und autoritäre, in Deutschland ebenso wie in vielen weiteren westlichen Ländern. Denn Lockdowns, Maskenpflicht, die Pflicht zum Nachweis des Immunitätsstatus („3G“) und der Druck auf die Bürger, sich impfen zu lassen, sind zweifellos autoritäre und die Freiheit des Einzelnen massiv einschränkende Maßnahmen. Wenn dieses Vorgehen nun zum Erfolgsrezept erkoren wird, um selbst auf vergleichsweise überschaubare Gefahren wie das Coronavirus zu reagieren, stehen die Chancen für eine Renaissance von Freiheit und Individualismus schlecht. Zum einen besteht dann die Gefahr, dass einige Maßnahmen verstetigt werden. Zum anderen dürften Politiker schon bald auf den Gedanken kommen, vergleichbare Maßnahmen in gewissen Fällen schon präventiv einzusetzen (Stichwort: Klimakrise). Wer heute also denjenigen, die für die Corona-Maßnahmen verantwortlich sind, die Absolution erteilt, bereitet den Boden für immer neue Freiheitsbeschränkungen in der Zukunft. In Abwandlung des Bonmots des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Peter Struck könnte man sagen: „Die bürgerlichen Freiheiten des Grundgesetzes werden auch am Bundeskanzleramt verteidigt.“ Der Preis dieser Freiheit, so sie denn erfolgreich verteidigt wird, ist dann allerdings, dass jeder Bürger eigenverantwortlich entscheiden muss, wie er mit dem Risiko von Krankheit und Tod infolge einer Infektion mit dem Coronavirus umzugehen gedenkt, sei es durch Impfung, das Tragen einer Maske oder durch Weglassen aller Vorsichtsmaßnahmen.
Ein wesentliches Merkmal von Risiken und Risikoanalysen ist, dass sie das Augenmerk auf die Gefahren richten, die dem angestrebten Projektverlauf drohen. Nicht das Happy End ist Gegenstand der Betrachtung, sondern die Widrigkeiten, die ihm im Wege stehen könnten. Eine Risikoanalyse verkörpert somit grundsätzlich eine negative oder, wenn man so will: pessimistische Art der Weltbetrachtung. Gleichzeitig enthält sie jedoch stets auch implizit die positive Sicht der Dinge. Denn jedes Risiko, das sich erledigt, ohne eingetreten zu sein, bedeutet ja, dass dem angestrebten Ziel von dieser Seite her keine Gefahr mehr droht.
Von hier aus erklärt sich auch die Quellenauswahl, an der sich einige Leser der ersten Ausgabe stießen. Wer Risiken analysieren will, muss das Haar in der Suppe suchen und sich bei den Pessimisten und Bedenkenträgern umhören. In Bezug auf politische Risiken ist hierfür die Opposition zuständig. In grundsätzlicher Opposition zum Regierungskurs stehen heutzutage vor allem Rechte, Konservative, Liberale und Libertäre. Die politische Linke äußert sich mehrheitlich befürwortend zum Kurs der Regierungen, die Kritiker aus ihren Reihen fordern allenfalls mehr vom Gleichen: einen noch härteren Lockdown, noch mehr Druck auf Impfverweigerer, eine noch höhere Staatsverschuldung, noch mehr Staatshilfen etc. Da auch die großen Print- und Onlinemedien mehrheitlich einen eher linken Kurs fahren, bleiben am Ende nur die liberalen, libertären, konservativen und rechten Parteien, Bücher, Blogs und Online-Magazine als Hinweisgeber auf Schwachstellen und Risiken des Regierungshandelns. Die ebenfalls linkslastige Wikipedia dient demgegenüber als Quelle für das, was der Normalbürger unter bestimmten Begriffen verstehen dürfte. Sie ist das wichtigste Informationsmedium geworden und dadurch repräsentativ für gängige Vorstellungen.
Zu guter Letzt ein Wort des Dankes: Er kommt von Herzen und gebührt meiner Frau. Ohne ihre Geduld und ihr Verständnis für meine allabendlichen Ausflüge in die wenig erquickliche Welt der trüben Zukunftsaussichten wäre dieses Buch nie entstanden. Niemand anderem soll es daher gewidmet sein.
Leipzig, am 29. August 2021
Meinrad Böhl
Viele von uns fragen sich, wann sich die Dinge wieder normalisieren werden. Die kurze Antwort lautet: niemals. Nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor. Die Normalität in dem Sinne, wie wir sie kannten, ist zu Bruch gegangen[,] und die Coronavirus-Pandemie stellt einen grundlegenden Wendepunkt auf unserem globalen Kurs dar. Einige Analysten sprechen von einem Scheideweg, andere von einer Krise „biblischen“ Ausmaßes, das Ergebnis ist jedoch gleich: Die Welt, wie wir sie in den ersten Monaten des Jahres 2020 kannten, gibt es nicht mehr, sie hat sich im Kontext der Pandemie aufgelöst. Es kommen derart radikale Veränderungen auf uns zu, dass manche Experten bereits von der Zeit „vor Corona“ (BC) und „nach Corona“ (AC) sprechen. Diese Veränderungen werden uns wie bisher plötzlich und unerwartet überraschen und im Zuge ihrer Verkettung Auswirkungen zweiter, dritter, vierter und weiterer Ordnung, Dominoeffekte und unvorhergesehene Folgen hervorrufen. Auf diese Weise wird eine „neue Normalität“ entstehen, die sich radikal von jener unterscheidet, die wir nach und nach hinter uns lassen werden. Viele unserer Überzeugungen und Annahmen, wie die Welt aussehen könnte oder sollte, werden sich dabei zerschlagen.
Klaus Schwab und Thierry Malleret:
Covid-19: Der große Umbruch. Genf 2020, S. 12 f.
We’re still just at the early stages of it [the Covid crisis; M. B.], we still not fully understand what the implications are […].
Jeremy Jurgens (Chief Business Officer WEF)
Redebeitrag zu Cyber Polygon 2020
Nach eigenen Angaben schrieben Klaus Schwab und Thierry Malleret die obigen Zeilen schon im Juli 2020. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt attestierten sie der Corona-Pandemie damit das Potenzial, die Welt in ihrer bis dahin bestehenden Form vollständig zu zerstören und den Weg für die Entstehung einer neuen Welt mit einer „neuen“ Normalität freizumachen. Mehr noch: Sie erkannten nicht nur das Potenzial für radikale Veränderungen im Gefolge der Pandemie, sondern behaupteten auch, dass diese unvermeidlich kämen. Nach Schwab und Malleret befinden wir uns inmitten einer historischen Zeitenwende. Sie halten sie für so bedeutend, dass sie sie in die Nähe der christlichen Heilsgeschichte rücken, indem sie „Analysten“ zitieren, die in der Corona-Pandemie eine Krise „biblischen“ Ausmaßes erkennen, sowie „Experten“, die eine neue Zeitrechnung angebrochen sehen, für deren Markierung sie – vermutlich nicht ganz zufällig – dieselben englischen Abkürzungen verwenden, die schon zur Kennzeichnung der christlichen gedient hatten: BC („before Christ/Corona“) und AC („after Christ/Corona“).
Die Prognose von Schwab und Malleret kann man nach wie vor als gewagt ansehen. Vermutlich würden die meisten Deutschen nicht einmal heute, über ein Jahr nachdem die beiden ihre Thesen formulierten, so weit gehen, die Corona-Krise als Zäsur welthistorischen Ausmaßes zu bezeichnen. Hört man sich unter seinen Mitbürgern um, dominiert die Hoffnung, dass „das alles“ bald „vorbei“ sein werde. Genährt wird diese Hoffnung einerseits durch steigende Impfquoten, andererseits durch Aussagen wie die von Bundesaußenminister Heiko Maas, der Anfang Juli verkündete, voraussichtlich im August könnten alle Corona-Maßnahmen beendet werden, weil es „rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung“ gebe, sobald „alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot [erhalten] haben“ (rnd.de, Bericht vom 06.07.2021).
Vielfach werden derartige Äußerungen so interpretiert, dass die Gesellschaft nach der offiziellen Beendigung der Pandemie den Ausnahmezustand hinter sich lassen und mehr oder weniger direkt zum Vor-Corona-Zustand zurückkehren könne. Sicher, um das ein oder andere werde man sich noch kümmern müssen, vor allem um die wirtschaftlichen Folgen der Krise, und auch die eine oder andere Neuerung werde uns vielleicht noch eine Zeit lang erhalten bleiben, das Maske-Tragen zum Beispiel, über kurz oder lang werde man aber wieder zur „alten“ Normalität zurückfinden. Die Corona-Pandemie werde als eine außergewöhnliche Zeit in Erinnerung bleiben, ansonsten wäre aber alles wieder mehr oder weniger wie früher.
Nun gehört zu den zentralen Erkenntnissen der Pandemie die Feststellung, dass den Ankündigungen von Politikern nicht immer entsprechende Taten folgen müssen. Erinnert sei nur an die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von Anfang September 2020, im Lichte der Erkenntnisse aus der ersten Welle stehe für ihn fest, dass es keine weiteren Friseur- und Einzelhandelsschließungen mehr geben werde. Die Realität des zweiten Lockdowns sah dann bekanntlich anders aus.
Angesichts der Absichtsbekundung eines Regierungsmitglieds, alle Corona-Maßnahmen so bald wie möglich zu beenden, stellt sich daher die Frage, ob die Regierung wirklich in naher Zukunft eine entsprechende Entscheidung treffen wird. Dass sie es nicht wie angekündigt im August tun wird, wissen wir seit dem Bund-Länder-Gipfel am 10. des Monats, als im Gegenteil erneut schärfere Maßnahmen beschlossen wurde. Dennoch bleibt die Frage bestehen, wie genau der geeignete Zeitpunkt für die Aufhebung der Maßnahmen beschaffen sein müsste und wann mit ihm gerechnet werden kann. Ebenso ist offen, ob die Beendigung der Maßnahmen gleichbedeutend mit der Rückkehr zur „alten“ Normalität sein würde. Und selbst wenn dem so sein sollte, wäre immer noch fraglich, ob diese zurückgewonnene „alte“ Normalität dann von Dauer wäre oder ob sie nicht alsbald von einer oder mehreren neuen Krisen bedroht wäre. Konkret lauten die sich ergebenden Fragen somit:
Darf ich mir begründet Hoffnung machen, dass bald „alles wieder normal“ ist? Oder sprechen bessere Gründe gegen diese Hoffnung?
Gesetzt den Fall, der Corona-Ausnahmezustand endet noch 2021: Wird die zurückgewonnene Normalität von Dauer sein?
Kann es eine Rückkehr zur „alten“ Normalität überhaupt geben oder wird die Normalität in jedem Fall eine „neue“ sein?
Welchen Gefährdungen ist jede Form von Normalität auch weiterhin ausgesetzt?
Ist möglicherweise die Annahme realistischer, dass es in absehbarer Zeit keine dauerhafte Rückkehr zur Normalität geben wird und 2020/21 nur der Auftakt zu einer längeren Krisenzeit war? Anders formuliert: Wie stehen die Chancen, dass Schwab und Malleret mit ihrer Prognose einer Zeit radikalen gesamtgesellschaftlichen Wandels recht behalten?
Um diese Fragen soll es in dem vorliegenden Buch gehen. Es widmet sich der Untersuchung der Risiken, die, wenn sie eintreten, eine baldige Aufhebung des Ausnahmezustands und die dauerhafte Rückkehr zur Normalität der Vor-Corona-Zeit verhindern würden. Betrachtungszeitraum ist das erste Jahrfünft der 2020er Jahre, die Zeit von 2021 bis 2025. Bei der Vorgehensweise orientiert sich das Buch an der aus dem Projektmanagement stammenden Methode der Risikoanalyse. Sie wird im Folgenden kurz beschrieben.
Die Risikoanalyse wird im Projektmanagement angewendet, um alle Risiken, die das planmäßige Erreichen der angestrebten Projektziele gefährden, möglichst früh zu identifizieren, zu gewichten und vor allem die besonders gravierenden nach Möglichkeit abzuwenden bzw. in ihren Auswirkungen abzumildern. Zwar sieht die Methode vor, neben den Risiken auch die Chancen zu betrachten, die, wenn sie ergriffen werden, dafür sorgen, dass die Projektziele schneller und/oder kostengünstiger erreicht werden oder dass eine qualitativ höherwertige Leistung erbracht wird, in der Praxis konzentriert sich die Analyse jedoch überwiegend auf die Betrachtung der Risiken.
Ein Risiko im Sinne des Projektmanagements ist nach der konzisen Definition des Risikomanagers David Hillson (When is a Risk not a Risk?, risk-doctor.com, Briefings 6 & 7) uncertainty that matters. Auf Deutsch könnte man sinngemäß übersetzen: Ein Risiko ist ein ungewisses Ereignis in der Zukunft, das für das Projekt relevant ist. Im Unterschied zu irrelevanten ungewissen Ereignissen in der Zukunft besteht die Relevanz des Risikoereignisses darin, dass es Auswirkungen – positive oder negative – auf eines oder mehrere Projektziele hat. Während die Möglichkeit, dass es in London regnet, für ein IT-Projekt in Indien völlig belanglos ist, ist es für ein Projekt, das die Neugestaltung der Gärten des Buckingham Palace umfasst, nicht bloß eine Unsicherheit, sondern relevant: it matters.
Neben dem Risikoereignis selbst und seinen Auswirkungen auf die Projektziele zählt Hillson zur Beschreibung eines Risikos als drittes Element seine Ursache(n). Das ist an sich nichts Außergewöhnliches, sondern entspricht dem gängigen Standard zur Beschreibung von Risiken. Interessant ist aber seine Konkretisierung: Anders als das Risikoereignis sind die Ursachen nicht ungewiss und zukünftig, sondern gewiss und gegenwärtig. Sie bestehen aus konkreten Ereignissen oder Rahmenbedingungen des Projekts. Als Beispiele nennt er u. a. die Anforderungen, ein Projekt in einem Entwicklungsland durchzuführen oder eine unerprobte neue Technologie zu verwenden. Aus solchen Ursachen können diverse Risiken resultieren. Die Verpflichtung zur Nutzung einer unerprobten Technologie birgt bspw. das Risiko, dass, weil Erfahrungswerte für die Anwendung der Technologie fehlen, eine (noch) größere Zahl an Versuchen benötigt wird, um mit dem neuen Verfahren ein brauchbares Ergebnis zu erzielen, als sie der aktuelle Projektplan vorsieht.
Ein Risiko stellt somit ein ungewisses Ereignis in der Zukunft dar, das, wenn es eintritt, den geplanten Projektverlauf zur Erreichung bestimmter Projektziele negativ (Chancen: positiv) beeinflusst. Bei der Beschreibung des Risikos sind die drei Elemente Ursache(n), Risikoereignis und Auswirkungen deutlich voneinander zu trennen, um größtmögliche Klarheit zu erreichen. Wir werden Risiken daher immer nach dem folgenden dreigliedrigen Schema beschreiben:
Ursachen:
Aufgrund einer oder mehrerer bestimmter Ursachen …
Risiko:
… besteht das Risiko, dass ein ungewisses Ereignis eintritt, welches …
Auswirkung:
… bestimmte Auswirkungen auf eines oder mehrere Projektziele hat.
Auf die Identifizierung und Beschreibung der Risiken folgt im Risikomanagementprozess ihre Bewertung. In diesem Schritt werden die Risiken auf ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und ihre Auswirkungen auf die Projektziele untersucht. Meist bewertet man sie hierzu auf einer Skala von 1 (sehr unwahrscheinlich bzw. sehr geringe Auswirkung) bis 5 (sehr wahrscheinlich bzw. sehr große Auswirkung) (siehe Tabelle 1).
Diese Bewertungen können nicht anders als subjektiv sein. Um dennoch gravierende Fehleinschätzungen aufgrund subjektiver Neigungen und Begrenztheiten zu vermeiden, wird in der Wirtschaft für gewöhnlich zum Mittel der Teamarbeit gegriffen. Die Vielzahl der Beteiligten soll die größtmögliche Objektivität bzw. Intersubjektivität der Risikoanalyse sicherstellen. Dies ist bei einer Risikoanalyse in Buchform nicht möglich. Hier wird Intersubjektivität durch die Rückmeldungen der Leser hergestellt, erfolgt also anders als bei Projekten in der Wirtschaft nicht während der Analyse, sondern erst im Nachgang.
Tabelle 1: Beispielskala für die Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit und der Auswirkung von Risiken (in Anlehnung an PMI: PMBOK Guide 62017, S. 407)
Die Ergebnisse der Risikobewertung werden gewichtet – die Wahrscheinlichkeiten arithmetisch, die Auswirkungen exponentiell – und anschließend miteinander multipliziert. Für die daraus resultierende Gesamtzahl wird mittels einer Matrix (siehe Abbildung 1) die sog. Kritikalität des Risikos bestimmt. Die Werte 0,5–7 (grün) stehen für eine geringe Kritikalität, 8–20 für eine mittlere (gelb) und 24–72 für eine hohe (rot).
Abbildung 1: Beispielmatrix für die Kritikalitätsbewertung von Risiken (in Anlehnung an PMI: PMBOK Guide 62017, S. 408)
Auch wenn es die Bewertung mit Zahlenwerten nahelegen könnte, handelt es sich hierbei um ein qualifizierendes, nicht um ein streng quantifizierendes Verfahren. Die Zahlenwerte basieren nicht auf der Berechnung bzw. Hochrechnung von Messgrößen, sondern spiegeln lediglich die qualifizierten, d. h. begründeten Einschätzungen desjenigen wider, der die Risikoanalyse durchgeführt hat.
Nach Abschluss der Risikobewertung wird geprüft, welche Strategie beim Umgang mit den einzelnen Risiken zur Anwendung kommen soll. Folgende hauptsächlichen Antwortstrategien (risk response strategies) gibt es:
das Risiko akzeptieren und nichts weiter unternehmen;
das Risiko vermeiden, z. B. durch eine Planänderung;
das Risiko abmildern, indem Maßnahmen zur Reduzierung der Eintrittswahrscheinlichkeit und/oder der Auswirkungen ergriffen werden; oder
das Risiko (auf einen Dritten) transferieren, z. B. durch den Abschluss einer Versicherung.
Die Antwortstrategien werden zusammen mit den Risiken und ihren Bewertungen in eine Übersichtstabelle, das sog. Risikoregister, eingetragen. Dieses wird in regelmäßigen Abständen überprüft. Dabei werden nicht nur die Bewertungen der Risiken gesichtet und bei Bedarf an die neue Projektsituation angepasst, es werden auch neu erkannte Risiken ergänzt und Risiken, die sich erledigt haben – sei es, weil sie eingetreten sind, sei es, weil das Projekt den Punkt, an dem sie den Fortschritt hätten gefährden können, unbeschadet überschritten hat –, geschlossen.
Aus der Gesamtheit der aktiven (= nicht geschlossenen) Risiken im Risikoregister und ihrer Verteilung über die verschiedenen Kritikalitätsstufen ergibt sich das jeweils aktuelle Risikoprofil eines Projekts. Dieses erlaubt es dem Projektmanager, das Gesamtrisiko seines Projekts einzuschätzen. Sind keine, keine nennenswerten oder allenfalls gut beherrschbare Risiken vorhanden, stehen die Chancen gut, dass das Projekt planmäßig abgeschlossen werden kann. Im gegenteiligen Fall wird der Projektmanager gut daran tun, Maßnahmen zur Verminderung des Projektrisikos zu ergreifen und die wichtigsten Stakeholder über die Gefährdung des planmäßigen Projektabschlusses zu informieren.
Hier endet klassisches Risikomanagement in der Regel. Man kann jedoch noch einen Schritt weiter gehen und durch Vergleich der Risikobewertungen untereinander sowie jedes Einzelrisikos mit dem Gesamtrisiko die einzelnen Bewertungen noch einmal auf ihre Angemessenheit prüfen. Der Vergleich kann dazu führen, dass einzelne Bewertungen noch einmal angepasst werden, um sie in ein stimmigeres Verhältnis zu den übrigen Bewertungen zu bringen und Unter- oder Überbewertungen einzelner Risiken zu vermeiden.
Was auf den ersten Blick als „Glättung“ und damit Verzerrung der Bewertungen erscheinen mag, stellt tatsächlich einen wichtigen Korrekturprozess dar, durch den sichergestellt wird, dass nicht einzelne Risiken oder bestimmte Aspekte überbetont werden. Die Risikobewertungen sind nun untereinander „austariert“, wodurch das Risikoprofil an Aussagekraft gewinnt und sicher auch ein realitätsnäheres Bild vermittelt.
Risikomanagement gleicht bei dieser Vorgehensweise einem hermeneutischen Verfahren, bei dem der Sinn eines Textes dadurch erhoben wird, dass jedes einzelne Wort nicht nur für sich, sondern auch im Kontext sowohl des Satzes als auch des Textganzen betrachtet wird und sich umgekehrt die Gesamtaussage des Textes an jedem einzelnen Satz bewähren muss, sodass sich beide Pole – Wort bzw. Satz und Textganzes – in ihrem Sinn wechselseitig kontrollieren und korrigieren.
Ebenso über den gängigen Rahmen hinaus geht es, auf Grundlage der Einzelrisiken verschiedene Szenarien des zukünftigen Projektverlaufs durchzuspielen. Wir werden dies im Anschluss an die Risikoanalyse in Teil 2 dieses Buches dennoch tun. Auf diese Weise lassen sich nämlich nicht nur rückblickend die einzelnen Risikobewertungen nochmals auf ihre Plausibilität und Stimmigkeit überprüfen. Die Szenarien zeigen ferner die Wechselwirkungen und möglichen Berührungspunkte zwischen den Einzelrisiken auf, die bei deren Einzelbetrachtung nur schlecht sichtbar werden. So können Verbindungen zwischen den Einzelrisiken hergestellt und Entwicklungen aufgezeigt werden, die im Zuge der Risikoanalyse in Teil 1 nicht thematisiert wurden.
Eine Risikoanalyse findet nicht im luftleeren Raum statt. Zu ihrer Durchführung bedarf es als Bezugsgröße eines konkreten Projekts mit konkreten Projektzielen.
Für unsere Zwecke genügt es, ein fiktives Projekt zur Grundlage zu nehmen, welches zwei Ziele verfolgt: die möglichst baldige Rückkehr Deutschlands zur Normalität und, wenn das erreicht ist, deren dauerhafte Bewahrung. Mit „Rückkehr zur Normalität“ soll dabei die Wiederherstellung desjenigen Zustands gemeint, der vor der Coronakrise in Deutschland geherrscht hat, keine wie auch immer geartete „neue“ Normalität, die ja nach allem, was sie dem Vernehmen nach beinhalten soll – Maskenpflicht im öffentlichen Raum, Abstandsregeln, Begrüßung ohne Handschlag, verringerte Reisetätigkeit, vermehrtes Arbeiten von zu Hause aus etc. – auch nur eine Perpetuierung der Krise wäre. Besonderes Augenmerk soll der Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten gelten, die das Grundgesetz in den Artikeln 1–19 als Freiheits- bzw. „Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat“ (so die klassische Formulierung des Bundesverfassungsgerichts im Lüth-Urteil von 1958) unter seinen besonderen Schutz stellt.
Dem Projekt geben wir den Namen „Deutschland 2021“. Damit soll betont werden, dass die Beendigung des Ausnahmezustands und die Rückkehr zum Normalzustand am besten noch im ersten Jahr des Betrachtungszeitraums 2021–2025 erreicht werden soll. Das zweite Projektziel der dauerhaften Bewahrung dieses zurückgewonnenen Normalzustands soll damit aber nicht als zweitrangig gekennzeichnet werden. Im Gegenteil ist es ja so, dass, wenn die Normalität nicht dauerhaft gesichert werden kann, auch ihre zwischenzeitliche Wiedererlangung an Wert einbüßt.
Das Projektteam soll aus einer Handvoll Bürgern bestehen, die sich zusammengeschlossen haben, um Wege zu finden, wie sie den Ausnahmezustand in Deutschland beenden und den Einwohnern Deutschlands wieder dauerhaft ein Leben wie vor der Coronakrise ermöglichen können. Einzige Bedingung: Sie dürfen zur Zielerreichung nur legale Mittel einsetzen. Zur Beurteilung ihrer Erfolgsaussichten führen sie eine Risikoanalyse durch. Am Ergebnis dieser Risikoanalyse wird sich ablesen lassen, ob die Hoffnung auf eine Beendigung des Ausnahmezustands, die Rückkehr zur „alten“ Normalität und deren dauerhafte Bewahrung unter Risikogesichtspunkten berechtigt ist oder nicht.
Am Ende des Buches ist ein leeres Risikoregister abgedruckt. In dieses kann jeder Leser seine eigenen Bewertungen zu den einzelnen Risiken eintragen. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn Leser bei einzelnen Risiken nicht mit der vorgetragenen Argumentation übereinstimmen. Sie erhalten auf diese Weise die Möglichkeit, ihr eigenes Risikoregister zu erstellen und die Plausibilität der Szenarien aus Teil 2 anhand der eigenen Risikobewertungen zu beurteilen.
Darüber hinaus noch drei Hinweise zum besseren Verständnis der Risikobewertungen:
Eine niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit bedeutet nicht, dass ein Risiko nicht eintreten
kann
. Umgekehrt bedeutet eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit nicht, dass es eintreten
muss
.
Risiken können sich wechselseitig verstärken oder abmildern, partiell oder vollumfänglich. In den Kapiteln zu den einzelnen Risiken finden sich hierzu einige Hinweise und Andeutungen, ohne dass sämtliche Bezüge überall explizit hervorgehoben worden wären.
Wie erwähnt, kann man die gleiche Analyse wie für die Risiken auch für die Chancen eines Projekts machen. Wir haben hier davon abgesehen, weil wir die Gefahren untersuchen wollten, die eine Rückkehr zur Normalität erschweren oder verhindern können, nicht die Chancen, die eine solche Rückkehr erleichtern könnten. Zu einem gewissen Ausmaß ist der Chancenaspekt gleichwohl in dieser Risikoanalyse bereits enthalten, da bei den Abwägungen zur Schwere der Auswirkungen oder zur Eintrittswahrscheinlichkeit der Risiken auch berücksichtigt wurde, was für eine schnellere oder mit weniger Substanzverlust einhergehende Rückkehr zur Normalität in Deutschland spricht.
Risiko 1: Coronavirus
Die offensichtlichste Gefahr für eine baldige Rückkehr Deutschlands zur Normalität der Zeit vor 2020 ist das Andauern der Corona-Pandemie1. Nach dem in der Einleitung aufgezeigten Schema kann dieses Risiko wie folgt beschrieben werden:
Ursachen:
Deutschland befindet sich seit dem vermehrten Auftreten des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 im März 2020 im Ausnahmezustand. Dieser ist geprägt von einer Vielzahl an freiheitsbeschränkenden Maßnahmen, deren Ziel es ist, die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Gesetzlich ist die Lockerung oder Verschärfung der Maßnahmen an eine einzige Messgröße gebunden: die Inzidenz. Die Schwellenwerte für eine Verschärfung der Maßnahmen sind relativ niedrig gewählt. Ist die „Bundes-Notbremse“ in Kraft, treten die Verschärfungen sogar automatisch ein. Grundlage der Maßnahmen ist das Andauern des Ausnahmezustands. Für dessen Aufrechterhaltung genügt es, dass der Bundestag alle drei Monate das Fortbestehen einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ feststellt. Unterlassen – und damit den Ausnamezustand aufheben – wird er dies voraussichtlich erst, wenn er die Gesundheitsgefahr für gebannt hält.
Risiko:
Aufgrund dieser Rahmenbedingungen besteht das Risiko, dass in Deutschland weiterhin wöchentlich so viele Menschen positiv auf das Virus getestet werden, dass in regelmäßigen Abständen die Inzidenzkriterien für die Aufrechterhaltung oder neuerliche Verschärfung der Maßnahmen erfüllt sind und die Bundestagsabgeordneten keine Veranlassung dafür sehen, den Ausnahmezustand aufzuheben.
Auswirkung:
Im Jahr 2021 erfolgt keine Beendigung des Ausnahmezustands. Stattdessen wird er über das Jahresende hinaus verlängert. Das zentrale Ziel des Projekts
Deutschland 2021
, die baldige Rückkehr zum Normalzustand, wird dadurch verhindert.
Für die Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Risikos wird zunächst die bisherige Entwicklung der Infektionszahlen – genauer: der Anzahl mittels PCR-Test bestimmter neuer „Fälle“ – analysiert. Anhand des so gewonnenen Bildes und der es prägenden historischen Trends erfolgt die Abschätzung, wie wahrscheinlich es ist, dass die Infektionszahlen die gesetzlichen Schwellenwerte in absehbarer Zeit dauerhaft unterschreiten und so eine Aufhebung des nationalen Ausnahmezustands durch den Bundestag vorbereiten helfen.
Die Aufhebung direkt herbeiführen können niedrige Inzidenzwerte nicht. Dies kann nur der Bundestag tun, indem er seinen Beschluss zur Feststellung einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ (§ 5 Infektionsschutzgesetz – IfSG) offiziell wieder aufhebt oder zumindest nicht alle drei Monate erneut bestätigt. § 5 IfSG sieht vor, dass er dies (nur dann) tut, wenn die folgenden Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind:
Die Weltgesundheitsorganisation hat „eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite ausgerufen“ und es droht „die Einschleppung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit in die Bundesrepublik Deutschland“; oder
es droht oder ereignet sich „eine dynamische Ausbreitung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit über mehrere Länder in der Bundesrepublik Deutschland“.
Damit die erste Voraussetzung wegfällt, müsste die WHO den Ende Januar 2020 ausgerufenen Corona-Notstand aufheben. Angesichts der extrem niedrigen Fallzahlen, die zu seiner Ausrufung führten – nach Angaben der WHO waren zum damaligen Zeitpunkt außerhalb Chinas gerade einmal 98 Fälle und kein einziger Todesfall bekannt –, und angesichts von weltweit täglich etwa 700‘000 neuen Fällen und 10‘000 Toten (Quelle: worldometers.info, Stand: 28.08.2021) ist dies jedoch auf absehbare Zeit wenig wahrscheinlich. Das gilt umso mehr, als die Fallzahlen auf globaler Ebene nach einem deutlichen Rückgang im Mai seit Mitte Juni wieder angestiegen sind. Die neue Welle scheint Ende August gerade erst ihren Scheitelpunkt erreicht zu haben, sie wird also vermutlich noch einige Wochen andauern. Von besonderem Interesse wird sein, bis auf welches Niveau die Zahlen abfallen werden und ob es anschließend noch einmal größere Wellen geben wird. Nicht zuletzt davon wird abhängen, ob und wann die WHO den Notstand aufhebt.
Für den Wegfall der zweitgenannten Voraussetzung müsste die Inzidenz dauerhaft auf niedrigem Niveau verharren. So jedenfalls könnte man den zitierten Passus aus dem Infektionsschutzgesetz verstehen. Allerdings spezifiziert das Gesetz nicht, wie lange die Inzidenz wie niedrig ausfallen müsste, bis der Punkt erreicht ist, an dem keine dynamische Ausbreitung mehr droht. Auch wird nicht ausgeführt, anhand welcher Kriterien die (fortdauernde) Bedrohlichkeit einer Krankheit zu bestimmen ist. Ist es die Zahl der Hospitalisierungen, der Intensivpatienten, der Sterbefälle oder der Genesenen mit bleibenden Schäden? Der Gesetzestext lässt das offen. Die Beurteilung liegt somit im Ermessen des Bundestags.
Für diese Beurteilung werden sich die Abgeordneten – ob allein, in der Fraktion oder im Plenum – vermutlich an den gängigen Kriterien orientieren. Neben der Anzahl der Neuinfektionen (Inzidenz) zählen hierzu insbesondere die Anzahl der Sterbefälle und die Anzahl der belegten bzw. noch freien Intensivbetten. Sie alle wurden schon als Gründe für die Aufrechterhaltung bzw. Verschärfung des Ausnahmezustands angeführt. Sie werden daher im Folgenden näher beleuchtet werden. Weil zusätzlich auch das Risiko massenhafter Langzeitfolgen („Long Covid“) als Grund für die Verlängerung des Ausnahmezustands angesehen werden könnte, werfen wir abschließend einen Blick auch hierauf.
Infektionsrisiko
Für eine Abschätzung des Infektionsrisikos bietet sich als Referenz der Blick auf das Jahr 2020 an. Nach Deutschland eingeschleppt wurde das Virus im Januar. Ohne Schutz durch Impfstoff oder Herdenimmunität infizierten sich bis Jahresende knapp 1,72 Mio. Menschen (sofern nicht anders ausgewiesen, stammen alle Zahlen vom RKI; separat ausgewiesen wird jeweils nur der Datenstand – hier: 27.08.2021). Als Infizierte gelten alle, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet und dadurch als neuer „Fall“ erfasst wurden. Bei einer Bevölkerungsgröße von 83,2 Mio. entsprechen 1,72 Mio. Fälle einem Anteil von 2,1 %. Gegenüber dem ARD-faktenfinder (Bericht vom 10.12.2020 auf tagesschau.de) schätzte RKI-Präsident Lothar Wieler die Dunkelziffer bei den Corona-Infektionen auf das Vier- bis Sechsfache der Zahl der positiv Getesteten. Die Gesamtinfektionsrate des Jahres 2020 lag demnach zwischen 8,4 % und 12,6 %. Setzt man den Mittelwert von 10,5 % an, liegt man nur wenig über dem Wert von 10 %, den die WHO im Herbst 2020 als globalen Durchschnittswert für die Verbreitung von SARS-CoV-2 angegeben hatte.
Im Jahr 2020 lag das Infektionsrisiko somit bei etwa 10–11 %. Was spricht dagegen, denselben Wert für 2021 anzunehmen? Sehen wir uns die Gründe an, die für ein höheres oder ein niedrigeres Infektionsrisiko sprechen.
Für ein erhöhtes Infektionsrisiko 2021 spricht zum einen, dass zu Jahresbeginn die Infiziertenrate nicht wie 2020 bei 0 %, sondern bei 0,45 % lag. Am 1. Januar 2021 gab es laut Statista 377‘206 aktive Fälle, die (zumindest theoretisch) potenziell alle für die Weiterverbreitung des Virus sorgen konnten.
Zum anderen tauchen infolge der virustypischen Mutationen immer wieder neue Varianten des Virus auf, von denen teilweise angenommen wird, dass sie nicht nur ansteckender als die bisherigen Varianten sind, sondern auch über das Potenzial verfügen, die bereits erworbene Immunität der Bevölkerung zu durchbrechen. Bekannte Exemplare sind die sog. englische Variante B.1.1.7, zu der das RKI schon Mitte März, parallel zur wieder ansteigenden Zahl der Infektionen im Zuge der dritten Corona-Welle, verlautbarte, dass sie mittlerweile die dominierende Variante in Deutschland sei, die sog. südafrikanische Variante B1.351 oder die sog. indische bzw. „Delta“-Variante B.1.617 bzw. B.1.617.2, über die in Deutschland vor allem seit dem zweiten Quartal des Jahres 2021 verstärkt berichtet wird.
Die Entwicklung der Fallzahlen weist ebenfalls in Richtung eines erhöhten Infektionsrisikos. So liegt die Anzahl neuer Fälle im ersten Halbjahr 2021 deutlich höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Gab es in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 rund 194‘000 Fälle, so werden für den gleichen Zeitraum 2021 2,0 Mio. Fälle berichtet (Stand: 27.08.2021).
2 Mio. Fälle sind mehr, als im gesamten Jahr 2020 festgestellt wurden. Allerdings hat auch die Zahl der Tests enorm zugenommen, von 5,9 Mio. in den ersten 26 Kalenderwochen des Jahres 2020 auf 29,2 Mio. im gleichen Zeitraum 2021 (Stand: 26.08.2021). Nur an der höheren Zahl von Tests (und damit – siehe unten – auch höheren Wahrscheinlichkeit falsch-positiver Ergebnisse) liegt es aber nicht, dass es 2021 mehr positive Tests und neue Fälle als im Vorjahr gab. Denn auch anteilig gab es im ersten Halbjahr 2021 mit 7,5 % deutlich mehr positive Testergebnisse als 2020, als der Wert nach 26 Kalenderwochen noch bei 4,0 % gelegen hatte.
Es gilt jedoch eine Einschränkung zu berücksichtigen: Die Testzahlen enthalten nur die Ergebnisse der offiziellen PCR-Tests. Nicht enthalten sind die seit März 2021 massenhaft verfügbaren Selbsttests. Streng genommen müssten diese zur offiziellen Testanzahl hinzugezählt werden. Sie beeinflussen Letztere insofern, als durch die Selbsttests eine gewisse Vorauswahl derjenigen Personen erfolgt, die anschließend auch einen PCR-Test durchführen lassen, da ein positiver Selbsttest gemäß Empfehlung der Bundesregierung durch einen PCR-Test bestätigt werden sollte. Über das Ausmaß, in dem diese Vorauswahl den höheren Anteil positiver Testergebnisse erklärt, ob vollständig oder nur teilweise, kann man nur mutmaßen. Dass gar kein Zusammenhang besteht, erscheint wenig plausibel.
Mitunter wurde versucht, mit der Vorauswahl das gemeinhin als „dritte Welle“ bezeichnete Phänomen zu erklären, dass trotz relativ gleichbleibender Anzahl an PCR-Tests – von Jahresbeginn bis zur vorletzten Maiwoche ca. 1,2 Mio. pro Woche (Schwankungsbreite: 0,1– 0,2 Mio.) – ab KW08 der Anteil positiver Tests erst langsam, dann rapide zu steigen begann, während er zuvor seit KW01 kontinuierlich gefallen war. Der Anstieg basiert nach dieser Auffassung im Wesentlichen darauf, dass sich durch die Selbsttests die Zusammensetzung der Kandidaten für die PCR-Tests geändert hatte (Michael W. Alberts: Zahlen zum Tage: Wir testen uns zu Tode, wir fürchten uns zu Tode, achgut.com, 08.04.2021). Die dritte Welle hätte demnach nur auf dem Papier stattgefunden.
Gegen diese These sprechen allerdings zwei andere Zahlen: die der wöchentlichen Hospitalisierungen und die der Sterbefälle. Bei beiden kehrte sich der seit Weihnachten bestehende abfallende Trend im März um, nachdem sie in KW09 (Hospitalisierungen) bzw. KW11 (Sterbefälle) ihren vorläufigen Jahrestiefstwert erreicht hatten. Bis KW16 stieg die Anzahl der Hospitalisierungen von 4‘444 auf 8‘003 (Stand: 24.08.2021), die der Sterbefälle von 1‘115 auf 1‘577 (Stand: 26.08.2021). Erst nach diesen neuen Höchstwerten zwei Wochen nach Ostern begannen die Zahlen wieder zu sinken.
Der Blick auf die Intensivstationen lässt ebenfalls eine dritte Welle erkennen. Die Zahl der dort versorgten Corona-Patienten wuchs über sechs Wochen von 2‘713 am 13. März auf 5‘106 am 26. April an und fiel dann nach Überschreiten des Zenits bis auf 344 am 29. Juli ab (Quelle: DIVI-Intensivregister, Stand: 28.08.2021).
Auch wenn die testbezogene Erklärung der dritten Welle somit nicht zu überzeugen vermag, kann doch festgehalten werden, dass die konstant hohe Zahl wöchentlicher PCR-Tests und die zusätzliche Unterstützung durch massenhafte Selbsttests (die noch dazu infolge der Regelungen der „Bundes-Notbremse“ zwischenzeitlich bei vielen Anlässen verpflichtend waren und daher regelmäßig stattfanden, siehe unten Risiko 7) einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Dunkelziffer aufgehellt haben. Für 2021 wird daher eine niedrigere Dunkelziffer anzusetzen sein. Der mittlere Dunkelzifferfaktor 5 aus dem Jahr 2020 kann jedenfalls nicht ohne weiteres auf die Fallzahlen des Jahres 2021 angewendet werden.
Einen Orientierungswert dafür, wie hoch die Dunkelziffer im Jahr 2021 noch ist, liefert eine im Juni 2021 vorgestellte Antikörperstudie der Universität Magdeburg. Nach dieser kam im Frühjahr 2021 auf einen Testpositiven rund eine Person, die weder geimpft noch jemals positiv getestet worden war, aber dennoch SARS-CoV-2-spezifische Antikörper aufwies. Die Dunkelziffer betrug demnach ca. 100 % (Faktor 2). Allerdings handelte es sich um eine sehr kleine Stichprobe von nur wenig mehr als 2‘100 Teilnehmern, die zudem alle aus dem geographischen Umfeld von Magdeburg stammten. Sie wird daher keine Repräsentativität für ganz Deutschland beanspruchen dürfen.
Eine lineare Hochrechnung der 2,0 Mio. Fälle der ersten sechs Monate auf das ganze Jahr ergibt 4,0 Mio. Fälle im Jahr 2021. Nimmt man nun auf Basis des oben Gesagten eine um 50 % verringerte Dunkelziffer an, wäre die Fallzahl nicht mehr mit dem Faktor 5 zu multiplizieren, sondern nur noch mit dem Faktor 2,5. Man läge damit recht nahe an dem empirisch festgestellten Faktor 2 für Magdeburg. Am Jahresende stünden dann 10 Mio. Fälle bzw. Neuinfektionen zu Buche, was einem Bevölkerungsanteil von etwa 12 % entspräche. Das Infektionsrisiko 2021 läge damit 1,5 Prozentpunkte höher als 2020.
Bei dieser Hochrechnung haben wir aber noch nicht die risikomindernden Faktoren berücksichtigt. Zu diesen zählt zum einen der saisonale Effekt, dass in der warmen Jahreszeit deutlich weniger Übertragungen stattfinden als in der kalten, weil sich die Leute vermehrt im Freien aufhalten, wo eine Übertragung des Virus weitaus unwahrscheinlicher ist als in geschlossenen Räumen. Zwar waren warme Tage 2021 bis weit in den Mai hinein ungewöhnlich selten, im Juni wurde es dann aber sommerlich heiß. Von der Dauer der sommerlichen Hitzeperiode, aber auch vom Wetter im Herbst und im Winter wird abhängen, wie stark der saisonale Effekt in den Infektionszahlen sichtbar wird. Ein goldener Herbst und ein milder Winter hätten vermutlich eine infektionsmindernde Wirkung.
Zum anderen ist davon auszugehen, dass sich der übertragungshemmende Effekt der im Dezember 2020 gestarteten Impfkampagne – für den Fall, dass die Impfung wie erhofft wirkt – verstärkt erst bei der nächsten größeren Infektionswelle im Herbst bemerkbar machen wird, wenn ein noch einmal größerer Teil der Bevölkerung als bisher vollständig geimpft sein wird (mit Stand vom 28. August 2021 sind es 50,0 Mio. oder 60,1 %, Quelle: impfdashboard.de). Hinzu kommen diejenigen Personen, die über eine natürliche Immunität aus einer durchgestandenen Infektion verfügen und für eine Neuinfektion und Weitergabe des Virus nicht mehr im selben Ausmaß zur Verfügung stehen wie Ungeimpfte und noch nie Infizierte.
Wie hoch die durch all diese Faktoren bedingte Minderung insgesamt ausfallen wird, hängt von verschiedenen weiteren Faktoren ab: bei der Impfung von der Impfbereitschaft, der Impfgeschwindigkeit und der Wirksamkeit des Impfstoffs; bei der natürlichen Immunität von der Dauer ihres Anhaltens; bei beiden von der Mutationsgeschwindigkeit des Virus, die alle Immunisierungsbestrebungen konterkarieren könnte. Allerdings bestehen weiterhin Maßnahmen wie Maskenpflicht und Social Distancing, je nach weiterer Entwicklung möglicherweise irgendwann auch wieder Lockdowns. Von all diesen Maßnahmen wird ebenfalls eine gewisse Verminderung des Infektionsrisikos erwartet.
Bei optimistischer Einschätzung des Risikominderungspotenzials könnte man unter dem Strich zu dem Ergebnis gelangen, dass die risikomindernden Faktoren die risikoerhöhenden überwiegen werden. Für 2021 wäre somit ein Infektionsrisiko zu erwarten, das von unter dem Vorjahreswert von 10,5 % liegt. Ein solcher Optimismus hängt jedoch ganz wesentlich von der Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe ab. Ihnen wird gemeinhin das größte Risikominderungspotenzial zugesprochen (siehe unten Risiko 2). Sollte sich somit ihre Fähigkeit, das Ausbreitungsgeschehen maßgeblich zu beeinflussen, als unzureichend herausstellen, bräche ein wichtiges Element aus der Strategie zur Risikoreduzierung weg und wäre ein tendenziell höheres Infektionsrisiko anzunehmen.
Nun räumen die Hersteller selbst ein, dass ihre Impfstoffe keine sog. „sterile Immunität“ verleihen, also weder vollständig vor der Infektion mit SARS-CoV-2 noch vor der Übertragung des Virus auf Dritte schützen. Pfizer/Biontech gibt etwa an, zu 89,4 % eine Übertragung verhindern zu können, für AstraZeneca wird ein Wert von 67 % berichtet (spiegel.de, 22.04.2021).
Offizielle Dokumente von Public Health England (PHE), dem britischen Pendant zum RKI, bestätigen diese Angaben. Sie machen zugleich deutlich, dass die Herstellerwerte weit davon entfernt sind, als empirisch gesichert gelten zu dürfen. So enthält ein wöchentlich erscheinender PHE-Bericht zur Überwachung der Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe eine Übersichtstabelle (siehe Abbildung 2), in der mit Prozentwerten die Fähigkeit der Impfstoffe von Pfizer/Biontech und AstraZeneca bewertet wird, verschiedene Ereignisse zu verhindern. Zu diesen Ereignissen zählen symptomatische Erkrankung, Hospitalisierung und Tod, aber auch Infektion mit SARS-CoV-2 und Übertragung des Virus auf Dritte.
Die Übersichtstabelle zeigt nun aber, dass für vollständig Geimpfte entweder überhaupt keine Studiendaten vorliegen, mittels derer eine Aussage über die Wirksamkeit der Impfstoffe getroffen werden könnte, oder dass die Angaben auf einer sehr dünnen Evidenzgrundlage und uneindeutigen Forschungsergebnissen beruhen, weshalb sie als „wenig belastbar“ (low confidence) angesehen werden müssen. Letzteres gilt nach dieser Tabelle etwa für die Angabe zur Fähigkeit des Impfstoffs von Pfizer/Biontech, nach Verabreichung von zwei Dosen eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu 70–90 % zu verhindern (zur Erinnerung: die Herstellerangabe war 89,4 ). Zur Übertragung des Virus auf Dritte wird erst gar keine Angabe gemacht, weil hierzu keine Daten vorlägen. Nach der ersten Impfung soll das Übertragungsrisiko um 45–50 % vermindert sein, allerdings ist auch diese Angabe mit dem Hinweis auf die wenig gesicherte Daten- und Forschungslage versehen.
Abbildung 2: Angaben zur Impfstoffwirksamkeit gemäß Public Health England (Quelle: PHE: COVID-19 vaccine surveillance report – week 20, Mai 2021, S. 8)
Für AstraZeneca enthält die Tabelle mit einer Ausnahme nur Angaben zur Wirksamkeit der ersten Dosis. Lediglich für die Verhinderung einer symptomatischen Erkrankung wird ein Prozentwert auch für die zweite Dosis angegeben. Zu allen übrigen Ereignissen werden unter Verweis auf die Datenlage nur Angaben zur Wirksamkeit der ersten Dosis gemacht. So könne die erste Dosis eine Infektion zu 60–70 % (Herstellerangabe: 67 %) und die Übertragung auf Dritte zu 35–50 % verhindern. Auch diese bescheidenen Werte stehen jedoch unter dem Vorbehalt fehlender Belastbarkeit der Angaben.
Dieser für Großbritannien dokumentierten Studienlage korrespondieren statistische Daten aus Deutschland, die ebenfalls zeigen, dass von einer sterilen Immunität nicht die Rede sein kann. Das RKI verzeichnete bis Mitte Mai 2021 insgesamt 57‘146 Fälle (0,19 % aller bis dahin Geimpften), in denen Menschen trotz Impfung positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Davon waren 44‘059 einmal geimpft und 13‘087 zweimal/vollständig. Von den einmal Geimpften bildeten 28‘270 Infizierte auch COVID-19-Symptome aus, 4‘562 erkrankten so schwer, dass sie ins Krankenhaus mussten, 2‘045 starben. Bei den vollständig Geimpften betrugen die entsprechenden Zahlen 4‘999, 1‘659 und 662 (Quelle: businessinsider.de, Bericht vom 15.05.2021). Allein im Bundesland Sachsen wurden im ersten Quartal des Jahres 2021 offiziell 94 Personen erfasst, die trotz vollständiger Impfung positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden (Quelle: achgut.com, Bericht vom 02.04.2021).
Die Impfung kann die Infektion mit dem Virus und auch dessen Vermehrung somit nachweislich nicht vollständig verhindern. Sollte sich herausstellen, dass auch die Weitergabe des Virus durch die Impfung nicht in nennenswertem Umfang verhindert werden kann, fiele ein wichtiger Faktor zur Minimierung des Infektionsrisikos im Jahr 2021 weg.
Bei den Lockdowns verhält es sich ähnlich. Während Befürworter ihnen eine große Wirksamkeit in Bezug auf die Reduktion der Fall- und Sterbezahlen zuschreiben, obwohl nicht einmal Angela Merkels Sprecherin Ulrike Demmer auf Nachfrage des Journalisten Boris Reitschuster während der Bundespressekonferenz am 13. Januar 2021 wissenschaftliche Studien vorlegen konnte (oder wollte), die die Regierungslinie des Festhaltens am Lockdown stützen, verweisen Kritiker auf Untersuchungen, die durch den Vergleich von Ländern mit und ohne (harte) Lockdowns zeigen, dass Lockdowns weder die Zahl der Coronatoten noch die Gesamtsterblichkeit in der betreffenden Region verringern halfen, sondern im Gegenteil regelmäßig mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergingen (Michael Klein: Follow the Science! Die gesammelten Belege dafür, dass Lockdowns nicht funktionieren, sciencefiles.org, 10.04.2021).
Nicht einmal die Fallzahlen, so die Kritiker weiter, würden durch Lockdowns wesentlich beeinflusst. Für diese These wird gerne auf den Vergleich zwischen den unmittelbar aneinandergrenzenden US-Bundesstaaten North und South Dakota verwiesen. Während es in North Dakota einen (verhältnismäßig leichten) Lockdown mit Maskenpflicht und Beschränkungen beim Restaurantbesuch gab, hat South Dakota zu keinem Zeitpunkt zu solchen Maßnahmen gegriffen. Dennoch gleichen sich die Inzidenz-Verlaufskurven fast vollständig (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: 7-Tage-Inzidenz South vs North Dakota (Quelle: https://sciencefiles.org/2021/04/10/follow-the-science-die-gesammelten-belege-dafur-dass-lockdowns-nicht-funktionieren/)
Wie ferner der Vergleich von Ländern mit „harten“ Lockdowns (England, Frankreich, Deutschland und andere) mit Ländern mit nur „leichten“ Lockdowns (Südkorea und Schweden) zeigt, wirken sich harte Maßnahmen wie die Schließung von Schulen, Unternehmen, Restaurants und Hotels, die Anordnung von Heimarbeit (Home-office), das Verbot oder die Einschränkung öffentlicher und privater Treffen, Quarantänemaßnahmen sowie nationale und internationale Reisebeschränkungen nicht signifikant auf die täglichen Zuwachsraten bei den Fallzahlen aus (Michael Klein: Harte Lockdowns helfen nicht, wirken nicht, bringen nichts, schaden nur: Follow the Science!, sciencefiles.org, 13.01.2021). Vielmehr ergibt sich aus dem Vergleich, dass ein harter Lockdown die Verbreitung des Coronavirus nicht stärker drosselt als ein leichter. Im Gegenteil, bei zwölf von 16 Ländervergleichen ist sogar eine Erhöhung der Zuwachsrate durch härtere Maßnahmen zu beobachten. Ob die bessere Wirksamkeit leichter Maßnahmen darauf zurückzuführen ist, dass die Menschen dann notgedrungen selbst Risikovorsorge betreiben und besser auf sich und ihr Umfeld achten als unter härteren Maßnahmen (wo sie sich im Umkehrschluss mehr auf deren Wirksamkeit verlassen), sei dahingestellt.
