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Seit dem Jahr 2015, dem Beginn der ungesteuerten Masseneinwanderung in die Bundesrepublik Deutschland, hat sich das Land dramatisch verändert. Jetzt, 2023, hat sich die Zahl der illegalen Grenzübertritte nochmals erhöht, und auch in den Zwischenjahren ist die Zuwanderung hoch gewesen. Die sich seit 2015 erschreckend kumulierenden Zahlen haben dazu geführt, dass sämtliche Kapazitäten der Bundesrepublik für den Asylbereich (Unterkünfte, Betreuungsleistungen usw.) mittlerweile vollständig aufgebraucht sind. Die Politik versucht mit Interimslösungen für die weitere Unterbringung gegenzusteuern, und ruft damit zunehmend Wut und Unverständnis bei der einheimischen Bevölkerung hervor. Eine Begrenzung der Zuwanderung wird zwar propagiert, aber tatsächlich nicht vollzogen. Die "Energiewende" in Deutschland sorgt weltweit für Kopfschütteln. Während andere Länder weiterhin auf Kohleverstromung oder Atomenergie setzen, soll der Anteil der "Erneuerbaren Energien" (Energie ist nach dem Energieerhaltungssatz nicht erneuerbar!) hierzulande extrem gesteigert werden. Die Volatilität dieser Energien stellt das europäische Stromverbundnetz zunehmend vor Stabilitätsprobleme. Durch die weltweit höchsten Strompreise in Deutschland verstärken sich die Abwanderungstendenzen der Industrie. Dazu kommt die Demontage der deutschen Schlüsselindustrie schlechthin: der Verbrenner-Automobilproduktion. Alle Zeichen für Deutschland stehen auf Sturm. Kein Bereich des Landes bleibt davon ausgespart: Bildung, Beschäftigung, Sozialsystem, Verteidigung, IT, innere Sicherheit. Aber im Verbund mit den Medien versucht die Regierung zu beschwichtigen und Hoffnungen auf eine gute Zukunft zu verbreiten. Lebensrealität und politische Wunschvorstellungen waren bei noch keiner Bundesregierung so weit voneinander entfernt wie heute.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Deutschland 2025
Der Niedergang des
„Unabhängigen Europäischen Reformlandes“
Copyright: © 2017 Peter Härtel
Überarbeitete Neuauflage 2023
Published by: epubli GmbH, Berlin
www. epubli.de
Vorwort zur Neuauflage 2023
In den Jahren seit 2017 bis heute haben sich die geopolitischen und nationalen Bedingungen in einem nicht zu erwartendem Tempo verändert. Diese Veränderungen sind größtenteils als negativ einzuschätzen. An erster Stelle steht der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Das hat eine enorme Verschärfung der internationalen Beziehungen hervorgerufen, in der die Weltmächte USA, Russland, China und Indien immer mehr auf Konfrontation gehen. Deutschland als eine europäische Mittelmacht hat seinen Weg bis heute nicht gefunden. Die schwache und unentschlossene politische Führung in Berlin wird von den Verbündeten und Gegnern mit Argwohn betrachtet. Dazu kommt der schleichende wirtschaftliche Niedergang des größten EU-Nettozahlers, der einerseits von eben dieser Grün geprägten deutschen Regierung genau so gewollt ist (Dekarbonisierung und CO2-Reduzierung, Einschränkung der individuellen Mobilität usw.), sowie eine bereits tief manifeste Spaltung der Bevölkerung in sich unnachgiebig gegenüber stehende Lager. Verschärft werden diese Spannungen durch eine weiterhin ungesteuerte Migrationspolitik, die das Land und seine Ressourcen schon lange überfordert. Die für ungefähr 80 Millionen Einwohner ausgelegte Infrastruktur (sowohl die harte als auch die weiche) kann dem zunehmenden Druck nicht mehr standhalten und kollabiert vielerorts. Das betrifft mittlerweile alle Bereiche der Gesellschaft: Wohnraum, Bildung und Erziehung, Gesundheitswesen, Verteidigung, Verkehr, IT, Verwaltung.
Setzt sich diese Entwicklung weiterhin so ungebremst fort, rutscht Deutschland immer mehr weiter ab. Der Wohlstandsverlust ist bereits deutlich greifbar. Radikalisierungen im linken und rechten Lager werden damit immer wahrscheinlicher, und werden das Land in eine nicht mehr umkehrbare Abwärtsspirale hineinziehen.
Schon lange ist die Politik gefordert, Lösungen anzubieten.
Das bisherige Handeln der aktuellen Koalition bietet allerdings keinen Grund zur Zuversicht.
Der 2017 geschriebene Text ist nicht wesentlich verändert worden. Nur wo es sinnvoll erschien, sind Anpassungen oder Ergänzungen vorgenommen worden. Die Welt hat sich weitergedreht. Manche Dinge, wie die vollkommen sinnfreie und naturwissenschaftlich vielfach ad absurdum geführte deutsche "Energiewende" haben an negativer Dynamik gewonnen. Dazu zählt auch die vollkommen verfehlte "Einwanderungspolitik". Wenn ein Land untaugliche Zuwanderer direkt in sein Sozialsystem integriert und ein leistungsloses Leben propagiert, sind die Folgen absehbar. Noch ist in der Bevölkerung nicht angekommen, was das für die Zukunft bedeuten wird.
Deutschland stürzt gerade ungebremst ab.
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Vorwort zur Auflage 2017
Dieses Buch ist eine Fiktion, der Leser sollte dies berücksichtigen und entsprechend würdigen.
Es projiziert Ereignisse aus der uns momentan umgebenden realen Lebenswelt in eine mögliche zukünftige Entwicklung und ist somit ein Produkt von Gedankenspielen und Denkergebnissen, die selbstverständlich so nicht eintreten müssen, aber unter bestimmten Voraussetzungen durchaus vorstellbar sind. Die zu erwartende Wirkrichtung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse voraussagen zu können würde eine gründliche wissenschaftliche Durchdringung der Problematik voraussetzen, und das ist hier nicht der Fall und auch nicht gewollt, es handelt sich lediglich um einen fiktiven Blick in die Zukunft.
Sämtliche namentlich benannten Personen sind reine Phantasiegestalten. Auch ihre Lebensgeschichten und Handlungsweisen sind frei erfunden. Viele technische Entwicklungen sind ebenfalls nur auf Annahmen begründet. Ähnlichkeiten mit namentlich nicht genau bezeichneten aber im Buch auftretenden Personen sind rein zufällig.
Wahr sind dagegen die von der Regierung insbesondere im wichtigen Wahlkampfjahr 2017 in aller Eile verabschiedeten und im Buch angeführten Gesetze, die der Vermutung Futter geben, dass die Informations- und Meinungsfreiheit als zentrales Gut einer demokratisch begründeten Gesellschaftsform weiter eingeschränkt werden soll.
Wie sagte George Orwell in seinem Buch „1984“ so treffend:
„Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann vor allem das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
Dieses Recht muss unantastbar bleiben, sonst geben wir einen wichtigen Kernpfeiler der demokratischen Basis unserer Gesellschaft auf. Das kann niemand, dem unser Land und seine Errungenschaften noch etwas wert sind, ernsthaft wollen.
Arztbesuch, Leipzig, 2025
Schorndorf, Baden-Württemberg, Juli 2019
Der Enttäuschte, 2017
Auf dem Grat, Energiehauptleitstelle, 2023
Wohnungsmangel, Umland von Düsseldorf, 2025
Mohammad Aziz – Der Hoffnungsvolle
Das Rentnerpaar, Rostock, 2025
Grenzziehung, 2025
Das Gespräch mit dem Vater, Leipzig
Supermarkt
Wirtschaftsministerium, 2025
Anpassung der Wohnverhältnisse, 2024
Der Einsteiger
Der „Unbegleitete minderjährige Ausländer", 2016
Mukran, Ostrügen
Polizeieinsatzzentrale Duisburg, Juli 2017
Umbau der elektronischen Infrastruktur
Unüberwindliche Differenzen, 2018
Beim „Daimler“, 2025
Flucht aus dem Heim, 2016
Geschäftliche Angelegenheiten, Kanada, 2025
Deutsches Konsulat, Casablanca, Tunesien, 2025
Zutreffende Vermutungen, 2025
Der Industriebauexperte
Der Berufssoldat
Flug ins Unabhängige Europäische Reformland, 2025
Polizeieinsatzzentrale Duisburg, 2025
Der Entschlossene
Alles unter Kontrolle, 2025
Der Polizeihusar, 2025
Perspektiven bei der militärischen Elite
Wirtschaftliche Engpässe
Geheimprojekt
Der „Secret Inner Circle“
Alles im Blick, 2025
Versorgungsposten
S-Bahnfahrt, Köln 2025
Götterdämmerung
Klaus Scharfschwert saß mit sorgenvollem Gesicht an seinem Schreibtisch. Heute plagte ihn sein Nierenleiden wieder besonders, die Beschwerden waren heftig, und er versuchte sie mit starken Scherztabletten zu bekämpfen. Sein Hausarzt hatte eine noch vorhandene Organfunktion von 35 Prozent festgestellt, bei 10 Prozent drohte eine ständige Dialysebehandlung. Obwohl der Arzt auf die Dringlichkeit einer Behandlung der Nierenfilter hingewiesen hatte und einen sehr schlechten Kreatinwert als Indikator einer schweren Nierenerkrankung nachweisen konnte, war dessen Überweisung für Scharfschwert zur stationären Behandlung vom Krankenhaus wegen Kapazitätsproblemen und extremer Auslastung der zuständigen Klinik und deren Fachabteilung abgelehnt worden. Momentan hätte man eine überwiegende Belegung durch Neubürger, deren Krankenhausaufnahme nach dem „Behandlungsvorranggesetz von 2020“ aus Gründen der humanitären Hilfe Vorrang hätte. Selbstverständlich würde man Scharfschwert auf die Warteliste setzen, aber da die Fluktuation des ärztlichen Fachpersonals leider weitergehen würde, wären gerade einmal 60 Prozent der Betten verfügbar. Außerdem käme die Industrie nicht mehr hinterher Ersatzteile für die Medizintechnik in ausreichendem Maß zu liefern und auch die Pharmaunternehmen hätten zunehmend Lieferengpässe, zumal einige Wirkmittel früher aus dem Ausland importiert worden wären und jetzt nicht mehr zur Verfügung ständen. Unter günstigen Umständen könnte Scharfschwert mit einer Behandlung im Jahr 2027 rechnen, aber man wolle sich nicht verbindlich festlegen da es zu viele Unwägbarkeiten geben würde, die niemand im Moment richtig einschätzen könne. Es bliebe also nur, so lautete die Antwort an Scharfschwerts Hausarzt und in Kopie an ihn, sich in Geduld zu fassen. Um die Form zu wahren würde ein offizieller Verwaltungsbescheid über die vorläufige Ablehnung einer stationären Behandlung diesem Schreiben beiliegen. Warum der Sachbearbeiter die Probleme in den Krankenhäusern so klar benannt hatte war Scharfschwert nicht verständlich, aber in letzter Zeit gab es zunehmend wieder kaum noch verhohlene Kritik an der Politik der Regierung.
Als Scharfschwert bei seinem Hausarzt im Behandlungszimmer saß schaute ihn dieser mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck an.
„Tja, Herr Scharfschwert, wie lange kennen wir uns jetzt schon, 14 oder 15 Jahre?“
„15 Herr Doktor. Genau im März 2010 bin ich zu Ihnen gekommen, weil mein damaliger Hausarzt in Rente gegangen war und keinen Nachfolger für seine Praxis finden konnte. So mit Abstand betrachtet war das eine glückliche Fügung, denn ich fühle mich bei Ihnen bestens aufgehoben. Ich bin nicht scharf darauf zu Ihnen in die Praxis zu kommen, weil mein Blutdruck beim Anblick von Weißkitteln unverzüglich in die Höhe geht, aber wenn ich dann einmal hier bin fühle ich mich sehr willkommen, in guten Händen und vor allem verstanden.“
Der Arzt lachte.
„Das geht vielen Patienten so. Manche denken schwer krank zu sein, dabei ist es vielfach nur Einbildung oder Produkt einer ausufernden Phantasie. Bei Ihnen liegen die Dinge leider anders. Ich will ganz offen mit Ihnen reden. Wenn Sie nicht im nächsten Jahr operiert werden ist mit einer weiteren Schädigung der Nierenfilter zu rechnen, und das heißt, dass die Organfunktion immer geringer und irgendwann die kritische Grenze erreichen sein wird. Letztlich droht eine Dialysebehandlung und ich will Ihnen auch nicht verschweigen, dass die Kapazitäten viel zu gering sind, um alle Betroffenen ausreichend zu versorgen. Sagen wir es mal so, es gibt momentan nur noch eine Behandlung light, mit sehr eingeschränkten Leistungen.“
„Herr Doktor, ich habe seitdem ich arbeite Beiträge in die Krankenkasse eingezahlt. Anfangs war es noch nicht so viel, weil ich meine Firma erst aufbauen musste und das Ergebnis sehr schmal war, später, als der Betrieb dann richtig gut lief, habe ich dann richtig heftig gelöhnt. Das muss doch aber jetzt berücksichtigt werden, die von mir eingezahlten Beiträge dürften deutlich über dem Durchschnitt liegen.“
Der Arzt lachte zynisch.
„Mein lieber Herr Scharfschwert, verabschieden Sie sich doch endgültig von dem Gedanken, dass die Höhe Ihrer ehemaligen Beitragszahlungen heute noch eine Rolle spielt und berücksichtigt werden würde. Sie waren doch glücklicherweise nicht privat versichert. Nicht umsonst ist doch vor 3 Jahren die Einheitskasse geschaffen wurden, und gleichzeitig, sozusagen in einem Zuge, sind die privaten Krankenversicherungen nach dem „Neuausrichtungsgesetz der Krankenversicherung“ abgeschafft worden. Das hat zwar für eine Weile für einigen Aufruhr gesorgt, weil die privaten Versicherer auf einmal ohne Einzahlungen ihrer Beitragszahler dastanden und ihre Verbindlichkeiten aus den Behandlungen ihrer Versicherten kaum noch bezahlen konnten. Wie zu erwarten war, kam es schnell zu einer Überschuldung der Versicherer, und die von der Regierung eingesetzte „Liquidierungskommission für private Krankenversicherungen“ hatte dann alle Hände voll zu tun, die Rücklagen der Unternehmen zu beschlagnahmen, um deren Klienten nach Befriedigung der Verbindlichkeiten gegenüber dem medizinischen Sektor wenigstens eine Abfindung zahlen zu können. Man munkelt, dass die Abfindungen bei gerade einmal 15 Prozent der eingezahlten Beiträge gelegen hätten. Aber wie es heute so üblich ist, gab es natürlich keine sicheren Informationen und vermutlich mussten die Betroffenen eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben, das ist ja ein seit einiger Zeit gern genutztes Instrument um unbequeme Dinge nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, und unter den Teppich zu kehren. Es wurde lediglich mitgeteilt, dass die ehemals privat Versicherten nahtlos in die Einheitskrankenkasse eingegliedert wurden.“
„Das ist doch eigentlich eine sinnvolle Überlegung gewesen, die unzähligen Krankenkassen abzuschaffen, und wie früher in der DDR, eine Einheitskasse zu schaffen“ meinte Scharfschwert „die Unterschiede in den Beitragssätzen und den angebotenen Leistungen der Kassen waren doch so wie so nicht so erheblich. Und ich habe mich oft geärgert, dass die privat Versicherten schneller zur Behandlung drankamen und bessere Leistungen erhielten.“
„Natürlich ist das nicht von der Hand zu weisen“ sagte der Arzt „aber damit wurde ein wichtiges Prinzip des Gesundheitssystems aufgegeben: Anreize zu schaffen, besser als andere Anbieter zu sein, für die Versicherten günstigere Tarife anbieten zu können. Jetzt haben wir eine nach Einkommen gestaffelte Beitragstabelle, aber bei den Leistungen gibt es keinen Unterschied. Keinen einzigen. So erhält der Geschäftsführer genau die gleichen Behandlungen wie der, das ist jetzt nicht überheblich gemeint, der Müllfahrer. Der eine hat, sagen wir mal als Beispiel, 100.000 Euro Neumark im Jahr Verdienst, der andere nur 25.000. Da die Staffelung progressiv erfolgt, zahlt der Geschäftsführer natürlich erheblich mehr ein. Anders und besser als der Müllfahrer wird er aber nicht behandelt und bekommt den gleichen Krankenhausfraß wie alle anderen auch und liegt, nicht wie früher, im Einzelzimmer mit Chefarztbehandlungen, sondern im 4-Bett-Zimmer. Dass diese Leute jetzt erheblichen Frust haben, kann ich schon nachvollziehen.“
„Aber letztlich kommt es ja nicht entscheidend darauf an wie ich untergebracht bin, und ob das Essen nun wie im Hotel schmeckt oder aus der Großküche kommt, und überwiegend aus Convenience Produkten besteht. Mich interessiert viel mehr, dass ich dort ordentlich behandelt werde.“
„Wann waren Sie das letzte Mal zu einer Krankenhausbehandlung“ fragte der Arzt
„Sie wissen es sicher nicht, weil es schon so lange her ist.“
Er schaute auf seinen Monitor und scrollte durch ein Menü.
„Hier, 2013. Entfernung der Gallenblase wegen akuter Beschwerden. Vollkommen problemloser Verlauf, Entlassung nach 4 Tagen. Erinnern Sie sich?“
„Nur noch schwach. Aber die Betreuung durch die Pflegekräfte war gut, das weiß ich noch.“
„Ich kenne einen Krankenhausarzt, Studienfreund von mir. Der hat sich nach der Wende gescheut eine eigene Praxis zu eröffnen. Einen Kredit aufnehmen um die Ausstattung und die Geräte zu finanzieren und sich so für lange Zeit privat zu verschulden, einen Kundestamm aufbauen, das Personal finanzieren zu können, die Abrechnung zu organisieren. Das alles wollte er nicht und hat sich im Krankenhaus anstellen lassen. Dort hat er sich kontinuierlich hochgearbeitet, Dienste ohne Ende geschrubbt und auch so gut wie kein Privatleben gehabt. Dafür ist er heute Chefarzt in der Chirurgie. Ab und an treffen wir uns mal auf ein Bier und reden über Gott und die Welt. Wir beiden alten Säcke sind jetzt 65, und da fragt man sich langsam, wie lange man noch arbeiten will, und kann. Was er mir vom jetzigen Krankenhausalltag erzählt hat stimmt nicht gerade positiv. Die Auslastung der Kliniken und Stationen liegt schon lange an der Kapazitätsgrenze. Man muss aber auch wissen, dass vor allem Fachkräfte, also erfahrene Ärzte und qualifiziertes Pflegepersonal, die Häuser zunehmend verlassen. Wohin, darüber wird nichts bekannt. Ich vermute, dass sich die Leute eine Arbeit im Ausland gesucht haben. Bereits 2019 ist diese Entwicklung in Gang gekommen, und sie nimmt an Tempo zu. Ich will Sie jetzt mit weiteren Einzelheiten verschonen, aber wie sich die Dinge im stationären Bereich entwickeln macht mir größte Sorgen. Wir beiden können offen miteinander reden, nicht wahr? Seit 2016 gibt es einen Ansturm der Neubürger auf die Krankenhäuser und Arztpraxen. 2022 sind ja noch eine Million Ukrainer dazugekommen. Die Mentalität dieser Bürger ist bekannterweise auch durch ein ausgesprochenes Forderungsverhalten geprägt und hat seitdem dazu geführt, dass sie ihre Behandlungswünsche fast immer durchsetzen konnten, obwohl andere Patienten seit langem auf eben diese Behandlung warten. Da müssen sich die Einheimischen eben in Geduld üben. Seit 2015 hatten wir ja auch selbst schon viele Möglichkeiten, mit dem Verhalten dieser Bürger Bekanntschaft zu machen. Auch ich musste mich dem „Behandlungsvorranggesetz für den niedergelassenen Bereich von 2020“ stellen. Das heißt, dass ich keinen der Neubürger abweisend darf, auch wenn ich aus Kapazitätsgründen eigentlich keinen Patienten mehr aufnehmen könnte. Was das konkret bedeutet, brauche ich Ihnen ja nicht erklären. Allerdings muss man wie überall im Leben differenzieren. Da gibt es Neubürger, die perfekt Deutsch sprechen, in einer qualifizierten Beschäftigung sind und mit ausgesuchter Höflichkeit auftreten. Andere, die zum Beispiel ab 2015 als unbegleitete minderjährige Ausländer gekommen sind, haben in all den Jahren nichts getan, haben nur rumgehangen, Kurse abgelehnt, Schul- und Lehrstellenangebote nach kurzer Zeit abgebrochen. Diese jungen Kerle sind eigentlich für alle Zeit verloren. Sie waren aufgrund ihrer nicht vorhandenen Bildung damals gegenüber unseren Gleichaltrigen weit zurück, eigentlich hätten sie in der 1. Klasse anfangen müssen, um überhaupt erst einmal das Analphabetentum zu überwinden. Aber wenn man aus einer Kultur kommt die ein Versagen oder Scheitern überhaupt nicht toleriert, ist es einfacher, sich eben cool zu geben und einen auf dicke Hose zu machen, so nach dem Motto, das habe ich nicht nötig, mir noch viele Jahre Schule anzutun. Na ja, es hat in den letzten Jahren immer öfter Stress bei der Patientenaufnahme in der Praxis gegeben, und ich habe innerhalb von zwei Jahren jetzt schon die fünfte Arzthelferin.“
„Und wenn Sie einen dieser renitenten Patienten nicht annehmen würden?“
Der Arzt lachte, aber es klang irgendwie falsch und hilflos.
„Noch einmal, Herr Scharfschwert. Ich glaube, Ihnen vertrauen zu können. Vielleicht liegt das auch an unserer ähnlichen Sozialisation. Wir beide sind in der DDR aufgewachsen. Alles Negative habe ich nicht vergessen: die Bevormundung durch den Staat, die Bespitzelung, der Mangel an vielen Dingen, der allgemeine Verfall, die Zerstörung der Umwelt, die alles durchdringende Propaganda. Aber ich bin 1960 geboren worden und hatte eine behütete Kindheit, für mich hat nach meinem Empfinden damals kaum etwas gefehlt. Ich konnte das Abitur ablegen, studieren, hab im Krankenhaus angefangen. Dann gab es bald die Familie, 1984 wurde unsere Tochter geboren, 1987 kam unser Sohn zur Welt. Wir kamen so hin, und als meine Frau wieder arbeiten ging, sie war Kinderkrankenschwester, besserte sich auch unsere finanzielle Situation und für Ostverhältnisse ging es uns gut. Nach der Wende mussten wir uns fast alle ja neu orientieren und uns irgendwie in das neue Gesellschafts- und Wirtschaftssystem einfügen. Ich blieb noch 3 Jahre im Krankenhaus, dann machte ich meine Praxis auf. Nach vielen schlaflosen Nächten wegen der Kreditbelastungen war ich nach 4 Jahren über den Berg, denn die Praxis lief gut. So nach hatten wir uns als Familie eingerichtet, und zu Beginn der zweitausender Jahre hatten wir auch genügend Geld zusammen, um uns in einer kleinen relativ abgelegenen Siedlung ein Stück ordentliches Stück Land am Rande eines Waldgebietes kaufen zu können und ließen dort einen, ich sag mal Bungalow, errichten. Das Haus ist so um die 45 Quadratmeter groß, hat ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Gästezimmer, ein Bad und einen Abstellraum. Draußen habe ich einen Schuppen für die Gartengeräte gebaut. Das Gebäude ist schon damals an das Stromnetz und die Kanalisation angeschlossen gewesen, was wollten wir mehr. Wir sind regelmäßig am Wochenende dorthin gefahren, wenn meine Frau Dienst hatte war ich eben einen Tag allein dort. Die Kinder hatten schnell andere Dinge im Kopf, beide waren sehr zielstrebig. Katja war 2005 mit ihrem Studium der Finanzwissenschaft fertig, sie hat dann noch ein Jahr frei gemacht und ist in der Welt herumgereist. Danach hatte sie bei der Dresdner Bank angefangen. 2011 hat sie ein Angebot aus London bekommen, es angenommen und arbeitet seitdem im Investmentbanking dort. Durch den Brexit ist sie ganz gut durchgekommen, nach der Ausdünnung der Belegschaft sitzt sie heute relativ sicher im Sattel. Sie und ihr Mann haben sich ein kleines Haus kaufen können, und ich bin Opa von 2 Jungen. Mein Sohn war schon als Junge ein Computerfreak und ich habe bald nicht mehr verstanden, was er eigentlich so macht. Er hat dann Informatik studiert und sich nebenbei schnell einen Ruf als Hacker gemacht. Als Hacker im positiven Sinne, zusammen mit einem Kumpel hatte er eine Firma gegründet, die Sicherheitslücken in Unternehmensnetzwerken aufgespürt hat. Er bekam dann eine Vielzahl von Angeboten, ist aber ist im Frühjahr 2015 in die USA gegangen, hat Kapitalgeber finden können und besitzt heute eine Firma, die sich mit Kryptographie und der Sicherheitsarchitektur von globalen Rechnernetzen beschäftigt. Leider ist meine Frau schon 2019 an Krebs gestorben, aber so muss sie wenigstens nicht mehr miterleben, wie dieses "Unabhängige Europäische Reformland" sich jeden Tag immer schneller verändert, so dass es in weniger Jahren, als wir beide es uns vorstellen können, nicht mehr wiederzuerkennen sein wird.“
Er machte eine Pause, und auch Scharfschwert blieb still.
„Aber zurück zu Ihrer Frage. Das „Behandlungsvorranggesetz für den niedergelassenen Bereich von 2020“ sieht eine Vielzahl von Sanktionen für die Abweisung für Patienten durch einen Arzt vor. Je nach Schwere des „Vergehens“ werden Geldstrafen fällig, kann das Budget gekürzt werden, im schlechtesten Fall kann die Approbation entzogen werden. Die Bewertung der Vergehen nimmt eine „Neutrale Schiedsstelle der Einheitskrankenkasse für den Fall von Leistungserbringungsverweigerung im niedergelassenen Bereich“ vor. Der Beschwerdeführer, also der abgewiesene Patient, muss den Fall beschreiben, der Arzt kann seine Sicht auf die Dinge darlegen.“
„Haben Sie schon mal einen Patienten abgewiesen?“
„Da ich noch eine Weile als Arzt arbeiten will, natürlich nicht. Nur über den Buschfunk habe ich gehört, dass für die Vergehen je nach Schwere unterschiedliche Punktzahlen vergeben werden. Welchen „Kontostand“ man hat bleibt unbekannt, es gibt keine Möglichkeit, sich darüber zu informieren.“
„Aber das widersprecht doch unseren rechtsstaatlichen Prinzipien“ wandte Scharfschwert ein.
„Sie leben offensichtlich immer noch auf einem anderen Planeten Herr Scharfschwert, und Ihre Informationen beziehen Sie sicher aus dem „Reformlandfernsehen“. Können Sie sich noch daran erinnern, dass einen die Vielzahl von Fernsehsendern vor ein paar Jahren noch regelrecht genervt hatte? Glücklicherweise hat uns die Regierung davon befreit, ein Sender reicht ja auch dicke aus, um sich umfassend und differenziert informieren zu können. So, wir müssen jetzt mal langsam mal zur Sache kommen, wenn ich die Leute zu lange warten lasse gibt es wieder Tumult im Wartezimmer. Schließlich haben die meisten der Neubürger leider immer nur wenig Zeit, die Gründe dafür zu benennen spare ich mir lieber. Also, im „Behandlungsvorranggesetz von 2020“ ist die Einrichtung einer Clearingstelle vorgesehen, sie soll also bei Streitigkeiten schlichten. Dorthin können Sie sich mit Ihrem Anliegen auf eine unverzügliche Krankenhausbehandlung wegen akuter Verschlechterung der Organfunktion der Nieren wenden, irgendwann werden Sie eine Antwort erhalten. Bedenken Sie aber, dass eine Beschwerde gegen einen Verwaltungsakt einer staatlichen Einrichtung oder den einer Behörde oder regierungsrelevanten Organisation aktenkundig vermerkt wird, also in Ihrer elektronischen Akte eingetragen wird und dort unlöschbar bis zum Sankt Nimmerleinstag verbleibt. Aber das ist Ihre ureigene Entscheidung, schließlich sind Sie ja ein gestandener Mann. Um Ihnen aber jetzt helfen zu können, werde ich Ihnen Tabletten für die Verbesserung der Filterfunktion der Nieren verschreiben. Leider wird da eine Zuzahlung von 825 Neumark für eine 30iger Packung fällig, die Einheitskasse übernimmt nur noch wenige Medikamentenverschreibungen vollständig. Bis auf die für die Neubürger. Ich muss Sie auch darauf hinweisen, dass die Tabletten erheblich lebertoxisch sind, Sie wissen, was das bedeutet.“
„Herr Doktor“ lächelte Scharfschwert „um meine Leber mache ich mir herzlich wenig Sorgen. Als 2019 auf Druck der muslimischen Verbände das „Erweiterte Präventionsgesetz gegen Suchtgefahren“ beschlossen wurde bin ich komplett weg vom Alkohol. In früheren Zeiten habe ich gern mal ein kühles Bier getrunken, na ja, nicht nur eins, und dazu nach dem Essen noch einen Schnaps, das gehörte einfach dazu. Aber jetzt 15 Neumark für eine Flasche Bier im Laden zu bezahlen, oder 300 Neumark für eine Flasche billigen Fusel, das ist mir doch zu viel. Da in den öffentlichen Einrichtungen wie Gaststätten oder Clubs auch kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf, gehe ich dort auch nicht mehr hin. Also wird meine Leber sich vor allem um die Nebenwirkungen der Medikamente kümmern können.“
„Sie sehen das wenigstens mit Humor, Herr Scharfschwert. In 4 Wochen sehe ich Sie zur Kontrolle wieder. Bis dahin alles Gute.“
„Ihnen auch, Herr Doktor.“
Als Klaus Scharfschwert die Praxis durch das Wartezimmer verließ sah er, dass alle Stühle besetzt waren und er erkannte, dass die überwiegende Zahl der wartenden Frauen Kopftücher trug. Einige andere Frauen waren auffällig elegant gekleidet und geschminkt und er ahnte, dass dies Ukrainerinnen waren. Etliche junge Männer in schicken Sachen lümmelten sich auf den Stühlen, alle hantierten an ihren Smartphones herum. Zwei schon ältere Frauen standen am Ausgang, aber keiner der anderen Patienten dachte daran, ihnen einen Platz anzubieten.
Vermutlich lag es daran, dass sie wie Scharfschwert eine hellere Hautfarbe hatten, und zur perspektivisch immer mehr schrumpfenden Bevölkerungsgruppe der „Schon länger hier Lebenden“ gehörten.
Nach dem Straßenfest herrschte am darauffolgenden Vormittag in der gerade einmal 40.000 Einwohner zählenden und sonst recht beschaulichen Stadt gespenstische Stille. Die eigentlich im Regelfall recht belebten und von schön hergerichteten Fachwerkhäusern eingerahmten Innenstadtgassen waren vollkommen verwaist, lediglich einige Reinigungstrupps waren dabei, den überall verstreuten Müll und zum Bruch gegangene Glasteile wegzuräumen. Bei dieser Aktion handelte es sich nicht allein um die typische schwäbische Angewohnheit für gründliche Ordnung zu sorgen, sondern es ging heute auch darum, die in der Nacht vom Samstag zum Sonntag entstandenen Schäden zu beseitigen. Wie immer hatten die Schorndorfer ihr jährliches Straßenfest wieder mit Herzblut und viel Engagement vorbereitet und die seit vielen Jahrzehnten existierenden Vereine hatten wie üblich dabei an der Spitze gestanden. So gesehen war diese Veranstaltung mit einer der kulturellen Höhepunkte des kleinen Ortes im Jahr, und die Vorfreude darauf verständlicherweise groß gewesen. Was den ausgesprochen bodenständigen Menschen in der Stadt immer wichtig gewesen war, war, mit thematisch auf ihre Heimat bezogenen Angeboten an Waren und kulturellen Darbietungen ihre seit Jahrhunderten gewachsenen Traditionen in Erinnerung zu halten und ihren berechtigten Stolz auf ihre Arbeit und deren gut sichtbare Ergebnisse zum Ausdruck zu bringen. Dabei waren die Schorndorfer keine ausschließlich im Denken an die Vergangenheit gefangenen und rückständigen Leute, sondern sehr weltoffene und tolerante Menschen, die sich ihres hohen Wohlstandes durchaus bewusst waren. Sie hatten sich gerade nach dem hohen Zustrom von Migranten in den letzten Jahren nicht hinter den Festungsanlagen des imposanten Burgschlosses abschottet, sondern auch einen Beitrag zur Integration der Zugezogenen leisten wollten. Etliche der Bürger engagierten sich seitdem ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, und mit ihrer im Ländle weitverbreiteten humanistisch und grün orientierten Denkhaltung war es für diese Menschen selbstverständlich, anderen, denen es nicht so gut wie ihnen selbst ging, mit Hilfe zur Seite zu stehen. Zum Straßenfest hatte es noch nie Probleme mit den Besuchern gegeben, lediglich ein paar unter Folklore verbuchte Schlägereien zwischen jungen Burschen waren das einzig Auffällige gewesen. Die Polizeiführung in Aalen bereitete sich also wie jedes Jahr vorher auf eine entspannte Einsatzbereitschaft vor. Schorndorf, an der Bahnstrecke Stuttgart-Aalen gelegen, wurde am Samstag wie aus dem Nichts heraus von einer größeren Zahl von zum Stadtfest strömenden, vor allem jugendlichen Besuchern heimgesucht. Das war von der Sache her nichts Neues, aber diesmal hatte sich die Zusammensetzung der nach und nach eintreffenden Gruppen im Vergleich zu den Vorjahren grundlegend geändert und auch deren Anzahl war außergewöhnlich groß. Schon auf dem Bahnhofsvorplatz war es zu ersten Übergriffen gekommen, 3 afghanische Asylbewerber hatten eine 17jährige sexuell belästigt und den Beamten in den 3 Polizeidienststellen in der Stadt schwante, dass dies erst der Auftakt für weitere Auseinandersetzungen gewesen sein könnte.
Polizeihauptkommissar Gunther Riedel wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Polizei die Lage nicht in den Griff bekommen würde, dazu waren zu viele der vermutlich auf Randale eingestellten Leute in die Stadt gekommen. Erste Lageberichte beschrieben die Ankommenden vorwiegend als Personen mit Migrationshintergrund sowie Schwarzafrikaner. Nicht unerwartet eskalierte die Situation dann schnell, als im Schlosspark in den Abendstunden ungefähr 1.000 deutsche und ausländische Jugendliche aneinandergerieten, die Ausländer waren in der Mehrheit. Auslöser waren wohl Flaschenwürfe gewesen, die die aufgeheizte Stimmung noch mehr anfeuerten. Riedels Einsatzkräfte waren deutlich in der Unterzahl, wurden auch beworfen und mussten sich zurückziehen. Die zwar leichte Reibereien beim Straßenfest gewohnten Polizisten waren von den ihnen entgegenschlagenden Aggressionen entsetzt gewesen und mussten um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten. Hektisch wurde die übergeordnete Dienststelle um Verstärkung gebeten. Mittlerweile hatte sich die Menge aufgelöst aber es war keineswegs Ruhe eingetreten. Gruppen von bis zu 50 Personen zogen laut skandierend durch die Stadt, etliche der Leute zeigten demonstrativ ihre Stichwaffen, dann wurden Schreckschusswaffen abgefeuert. Die verängstigten Anwohner hatten sich in ihre Wohnungen zurückgezogen, und für eine ganze Weile gehörte die Stadt den Migranten, von der staatlichen Ordnungsmacht war weit und breit nichts zu sehen. Erst als die Polizei auf diese Vorfälle aufmerksam gemacht wurde versuchte sie einzugreifen, aber die Randalierer waren verschwunden. Gegen 4 Uhr morgens saß Polizeihauptkommissar Gunther Riedel mit ausdruckslosem Gesicht mit seinen Einsatzgruppenleitern zusammen, um die Vorfälle auszuwerten.
Riedel war seit 36 Jahren im Polizeidienst. Ihm war von jeher bewusst gewesen, dass es in jeder noch so zivilisierten Gesellschaft immer Leute geben würde, für die Gesetze, Recht und Ordnung keine Bedeutung hatten, und die sich ohne Skrupel darüber hinwegsetzen würden. Eigentlich war es für ihn in der Erinnerung bislang, ausgenommen die angespannte Phase der Anschläge durch die RAF in den später 70iger Jahren, aber da war er gerade erst 14 Jahre alt gewesen, im Land immer ruhig gewesen, und als er später selbst bei der Polizei war hatte er auch keine Häufung von Gewalttaten oder sonstigen Ausschreitungen feststellen können. Besondere Vorkommnisse hatten sich mal auf einen Einbruch, Fahrzeugdiebstähle oder ähnliche vergleichsweise Kleinigkeiten beschränkt. Personenschäden hatte es nie gegeben. Seit 2 Jahren aber hatte Riedel gespürt, dass sich die Dinge geändert hatten, aber noch nicht in seiner Stadt angekommen waren. Das war seit dieser Nacht vorbei. Er besaß genügend Intelligenz und Lebenserfahrung voraussagen zu können, dass er mit Zeitzeuge eines Veränderungsprozesses wurde, den er sich für das Land niemals so gewünscht hatte. Er war selbst Kind seines Landes und auch durch dessen Erziehungs- und Bildungssystem geprägt worden. Was er tiefgehend wie automatisiert verinnerlicht hatte war die Forderung, dass Deutschland nie wieder für den Ausbruch eines Krieges verantwortlich sein dürfte, und diesen Standpunkt vertrat er auch offen und hatte seine Kinder in diesem Sinne erzogen. Dass die Deutschen aber für immer und ewig und jede der der vorangegangenen nachfolgende Generation weiterhin schuldbeladen sein sollte, und die damals verübten Grausamkeiten durch eine besondere moralische Haltung gegenüber Bedürftigen in der ganzen Welt vergessen machen sollten, lehnte er ab. Mit dieser Haltung war er rigoros gegen den unkontrollierten Zuzug von Migranten, zumal bald bekannt wurde, dass diese Leute ihre Identität aufgrund (weggeworfener) nicht vorhandener Papiere nicht nachweisen konnten. Riedel hatte früher schon als Polizist einmal gelernt, dass sich ein Staat durch drei Merkmale konstituierte: ein von Grenzen geschütztes umgebenes Territorium, eine dort ansässige als Kernbevölkerung bezeichnete Gruppe von Menschen, sowie eine auf diesem Gebiet herrschende Staatsgewalt.
Wenn er sich die seit 2015 eingetretene Situation ganz objektiv ansah musste er feststellen, dass bis heute eines dieser Merkmale, die geschützten Grenzen, von der Regierung bereits vollständig aufgegeben worden war, weil jedermann ohne tiefere Kontrolle in das Staatsgebiet einreisen konnte. Welche Absichten diese Leute verfolgten konnte natürlich nicht festgestellt werden. Dass die Staatsgewalt immer mehr erodiert war hatte er in den vergangenen Jahren selbst miterleben können, denn anstatt den Personalbestand der Polizei zumindest auf einem konstanten Niveau zu halten, waren fortlaufend die Mittel gekürzt worden. Gunther Riedel war technisch durchaus interessiert, und da sein Sohn Elektronikfacharbeiter war hatte er diesem von den Schwierigkeiten bei der Einführung des Digitalfunks erzählt. Dieser hatte nur gelacht und ihm entgegnet, dass selbst Entwicklungsländer in dieser Hinsicht weiter wären. Über den Zustand der Dienstfahrzeuge hatte er aus Scham lieber geschwiegen. Riedel konnte es sich selbst nicht richtig erklären, dass man die Polizei nach seiner Auffassung immer mehr kaputtgespart hatte und dann auf deren Angehörige vor allem medial einprügelte, wenn bestimmte Einsätze schiefgelaufen waren.
Was ihn aber am Meisten verunsicherte und frustrierte war die Tatsache, dass er als Polizeiführer vor ein paar Stunden selbst hilflos hatte mit zusehen müssen, wie in Gruppen durch die Stadt marodierende und ihre Waffen zeigenden Migranten zeitweise die Kontrolle über seinen Verantwortungsbereich übernommen hatten. Sie hatten die Staatsgewalt ohne Mühe demonstrativ so dastehen lassen, wie sie mittlerweile in Wahrheit war: wehrlos, ängstlich, sich bei Auseinandersetzungen lieber zurückziehend, verunsichert wegen etwaiger disziplinarischer Konsequenzen bei hartem Anpacken, kurzum; sich der Situation als Schwächerer unterwerfend. Gunther Riedel wusste ganz genau, dass er als Vorgesetzter eine bestimmte Rolle spielen musste, auch wenn es ihn selbst anwiderte, was er seinen Unterführern jetzt sagte:
„Na ja, mit unseren schwachen Kräften haben wir uns ja doch noch ganz gut geschlagen. Wenigstens hat es keine Personenschäden gegeben, auch was wert. Wir werden unsere Einsatzplanungen aber gründlich überdenken müssen, auch wenn man vermuten kann, dass die Störer uns wohl nicht mehr heimsuchen werden. Aber das ist sicher kein Trost, wer weiß, wo sie morgen aufkreuzen. Und die Kollegen, wo auch immer, stehen kapazitiv genauso schlecht da wie wir.“
Die vor ihm sitzenden Männer schauten ihn an, und er meinte Wut in einigen Augen erkennen zu können. Alle ahnten, dass sie als Polizei bei der obligatorischen Pressekonferenz zu den Vorfällen wieder den schwarzen Peter zugeschoben bekommen würden und womöglich auch wieder Tatsachen verdreht wurden. Einer der Kommissare blätterte in seinem Arbeitsbuch, dann sagte er:
„Herr Hauptkommissar, gestatten Sie eine Anmerkung?“
Riedel nickte.
„Wir stehen vor einem fundamentalen Wandel“ las der Polizist aus seinem Buch vor. „Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein. Das Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden.“ Das sagte eine Vertreterin der Regierung übrigens vor einiger Zeit“ erklärte er noch und ergänzte mit bitterer Stimme:
"Wie das Aushandeln aussieht, haben wir ja heute erlebt."
Polizeihauptkommissar Gunther Riedel schwieg, was hätte er auch erwidern sollen. Durch den Schlafmangel körperlich am Ende, mit einer kaum noch zu bändigenden Wut wegen des Ablaufes der Ereignisse fast bis zum Bersten geladen und in Erwartung der unvermeidlichen medialen Abstrafung seiner Mitarbeiter – und natürlich ihm selbst auch – voller Frust, wollte er am liebsten seine Dienstwaffe abschnallen und die Ecke des Raumes schleudern. Dann riss er sich zusammen, holte Luft und sagte nur:
„Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz und den Ihrer Männer.“
Er stand mit steifen Gliedern auf, stakste ungelenk aus dem Raum und wusste, dass die Blicke in seinem Rücken nicht freundlich waren. Er hatte als höherer Vertreter der Staatsmacht wieder einmal wie erwartet funktioniert aber er wusste auch, dass er diesen Tag der tiefen Demütigung niemals vergessen würde. Dass er bei seinen Untergegebenen an Reputation eingebüßt hatte kam dazu, und dies bedrückte ihn noch mehr.
Als er an die Zukunft des Landes dachte hatte er das Gefühl, dass er als Besucher einer Oper im ersten Rang des Konzerthauses saß, gerade die Ouvertüre eines Stückes hörte und ahnte, dass die folgenden Akte des Stückes mehr als disharmonisch werden würden. Die jetzt schon zu hörenden falschen und schrägen Töne schienen die wohl höhergestellten Leute, die entspannt in der ehemaligen Königsloge saßen und auf die Besucher unter ihnen, ohne sie überhaupt noch wahrzunehmen, hinwegschauten, überhaupt nicht zu stören. Offensichtlich war das Konzert so ganz in ihrem Sinne.
Abdul Mahoudi hatte sich wieder nicht aufraffen können am Vormittag aufzustehen. Er war nachts gegen 3 Uhr zurück in seine Wohnung gekommen, um diese Zeit waren die Handelsgeschäfte meist vorbei und es hatte keinen Sinn mehr gehabt, sich vor den Clubs herumzudrücken. Mit dem Ergebnis war er ganz zufrieden gewesen, alles in allem würden so um die 120 Euro für den Einsatz in dieser Nacht bei ihm hängenbleiben. Da er schon 2015 mit der ersten Flüchtlingsflut nach Deutschland hereingeschwappt war hatte er die chaotischen Szenen bei den vollkommen überforderten Behörden selbst miterlebt, aber mit einem bisschen Glück die Erstaufnahmeeinrichtung schnell verlassen können, denn sein Asylantrag wurde nach den Worten des Bearbeiters im Amt als recht erfolgsträchtig angesehen. Mahoudi sprach ganz leidlich Englisch, und das half ihm im Alltag schon. So wie die anderen Migranten hatte er vor der deutschen Grenze seinen Pass weggeworfen, er überschritt die Schwelle in das Land seiner Wahl als ein Mister X. Jetzt lag es nur an ihm, wer er ab sofort sein wollte, und wie seine Vergangenheit verlaufen sein sollte.
Was er bis zum heutigen Tag nicht begriffen hatte war, wie leicht man in diesem Land als Mister X ohne richtige Nachweise zu seiner Person an Geld oder Leistungen herankommen konnte. Als er noch in der Erstaufnahmeeinrichtung gewesen war hatten Hinweise die Runde gemacht, sich mit mehreren vorgetäuschten Identitäten das Taschengeld deutlich aufbessern zu können. Es war so einfach gewesen, dass er es kaum glauben konnte. Er ließ sich an einem Ort registrieren und seinen Anspruch auf Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz dokumentieren, als Alleinstehendem standen ihm 143 Euro Taschengeld zu. Später fuhr er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in das im nächsten Ort gelegene Amt und trug diesmal eine Brille. Er ließ ein paar Tage vergehen und suchte mit einem dann mittlerweile gut sichtbaren Bart eine weitere Behörde auf. Auf diesem vollkommen unverfänglichen Wege war er nun im Besitz von drei Identitäten und somit auch drei Taschengeldzahlungen. Wundersamer Weise hatten sich somit aus dem eineiigen Mister X nunmehr Drillinge entwickelt, die zwar von ihren Genen her absolut identisch waren, und nur durch ihr etwas unterschiedliches Aussehen nicht verwandt zu sein schienen. Mahoudi kam die deutsche Verwaltung wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen vor, in dem das Federvieh ohne Plan hektisch durcheinander rannte und an bestimmten Stellen wie wild auf dem Boden herumpickte, um vielleicht doch eine früher vergrabene Anweisung zu finden, wie man denn nun mit dieser unübersichtlichen Situation umgehen sollte. Er konnte nicht begreifen, dass dieser in aller Welt für seine Ordnung und Disziplin so hoch gelobte Staat nunmehr sein totales Verwaltungsversagen so deutlich zeigte. Hatte man übrigens nicht gewusst, was sich in Nordafrika und Syrien, Afghanistan und anderswo zusammenbraute oder nur die Augen in der Hoffnung zugemacht, dass der Kelch schon an dem Land vorbei gehen würde und alle Probleme an den Außengrenzen der EU hängen bleiben würden, und sich die Griechen und Italiener dann damit herumschlagen müssten? Das hielt er für wahrscheinlich, aber es war ihm eigentlich egal.
Abdul Mahoudi verfügte wie nahezu alle Migranten über ein leistungsfähiges Smartphone und hatte sich schon in Tunesien lange damit beschäftigt sein Heimatland zu verlassen. Als sechstes von sieben Kindern war er in der im äußersten Norden des Landes liegenden Region Cap Bon – schönes Cap - aufgewachsen, hatte nur eine rudimentäre Bildung erhalten und musste zeitig bei der Bewirtschaftung der weitläufigen Plantagen seiner Eltern mithelfen. Der Familie ging es finanziell sehr gut, denn seit Generationen bauten die Mahoudi Obst an, verfügten über ein enormes Wissen über ihr Arbeitsgebiet und hatten sich auch aufgrund der hervorragenden Qualität ihre Produkte recht stabile Partnerschaften mit ihren Abnehmern vor allem in Europa aufgebaut. Abduls Vater hatte immer darauf bestanden, dass die Kinder neben den angestellten Arbeitern mit auf den Plantagen eingesetzt wurden. Traditionell würde der älteste Sohn den Obstbaubetrieb übernehmen wenn er 25 Jahre alt geworden wäre, der Vater hätte dann zwar immer noch das letzte Wort bei wichtigen Entscheidungen, aber er würde sich nach und nach aus dem Geschäft zurückziehen. Die jüngeren Kinder hatten dann zwei Optionen: sie konnten auf der Plantage bleiben aber würden akzeptieren müssen, dass die Führung der Familienbelange ganz klar in der Hand des Vaters und des ältesten Sohnes liegen würde. Sie wären in dieser Konstellation von der Sache her nur deutlich besser bezahlte leitende Angestellte des Clans ohne wesentliches Mitspracherecht, aber mit einem Anspruch auf eine Gewinnbeteiligung und könnten so mit der Zeit einen bescheidenen Wohlstand erwerben (sofern die Geschäfte weiter so gut liefen). Die zweite Möglichkeit war die, sich mit einem vom Clan gezahlten Startkapital von 5.000 Dollar auf den Weg zu machen und mit einem Geschäft oder einer Anstellung irgendwo für sich selbst zu sorgen. Nicht zuletzt entsprang diese Verfahrensweise des Clans der Überlegung, den Landsitz nicht mit einer großen Anzahl von Familienmitgliedern zu überlasten, denn die Kinder würden eines Tages selbst auch Eltern werden.
