Deutschland in den Goldenen Zwanzigern -  - E-Book

Deutschland in den Goldenen Zwanzigern E-Book

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Glanz, Glamour und tiefe Abgründe: unser Land vor hundert Jahren

In den Zwanzigerjahren war Berlin die wohl schillerndste Metropole der Welt: Auf dem Ku’damm flanierten elegant gekleidete Damen, unter den Leuchtreklamen der Lichtspielhäuser versammelten sich lange Menschenschlangen, Amüsierlokale lockten mit Tanz, Champagner und allem, was anderswo als verboten galt. Doch trotz Glamour und Aufbruchstimmung waren die Zwanziger auch ein düsteres Jahrzehnt. Spektakuläre Kriminalfälle hielten die Bevölkerung in Atem, Armut und Arbeitslosigkeit begannen die Gesellschaft zu polarisieren, und die Wut der Menschen über die politische Lage entlud sich in brutalen Straßenkämpfen. Mit diesem Buch laden SPIEGEL-Autor*innen und renommierte Historiker zu einer atemberaubenden Zeitreise ein, die eine der spannendsten Epochen der deutschen Geschichte wieder aufleben lässt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



In den Zwanzigerjahren war Berlin die wohl schillerndste Metropole der Welt: Auf dem Ku’damm flanierten elegant gekleidete Damen, unter den Leuchtreklamen der Lichtspielhäuser versammelten sich lange Menschenschlangen, Amüsierlokale lockten mit Tanz, Champagner und allem, was anderswo als verboten galt. Doch trotz Glamour und Aufbruchstimmung waren die Zwanziger auch ein düsteres Jahrzehnt. Spektakuläre Kriminalfälle hielten die Bevölkerung in Atem, Armut und Arbeitslosigkeit begannen die Gesellschaft zu polarisieren, und die Wut der Menschen über die politische Lage entlud sich in brutalen Straßenkämpfen. In diesem Buch nehmen SPIEGEL-Autorinnen und renommierte Historiker ihre Leser*innen mit auf eine atemberaubende Zeitreise, die eine der spannendsten Epochen der deutschen Geschichte wieder aufleben lässt.

JOACHIM MOHR, geboren 1962, hat Zeitgeschichte, Deutsche Literatur und Linguistik studiert. Seit 1993 ist er Redakteur beim SPIEGEL, zunächst im Ressort Innenpolitik, inzwischen schreibt er für das Ressort Geschichte. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, darunter die SPIEGEL/DVA-Bücher Das Kaiserreich (2014), Die Weimarer Republik (2015) und Die Gründerzeit (2019).

FRANK PATALONG, geboren 1963, studierte Publizistik, Anglistik und Politik in Münster und Bochum. Er begann als freier Journalist bei Hörfunk und Zeitung. Von 1999 bis 2011 war er Leiter der Netzwelt von SPIEGEL ONLINE. Seit 2019 gehört er zum Ressort SPIEGEL Geschichte.

EVA-MARIA SCHNURR, geboren 1974, ist seit 2013 Redakteurin beim SPIEGEL und verantwortet seit 2017 die Heftreihe SPIEGEL GESCHICHTE. Zuvor arbeitete die promovierte Historikerin als freie Journalistin, unter anderem für Zeit und Stern. Sie ist Herausgeberin zahlreicher SPIEGEL-Bücher, unter anderem Englands Krone (2014), Als Deutschland sich neu erfand (2019) und Die Welt des Adels (2021).

Außerdem von Joachim Mohr und Eva-Maria Schnurr lieferbar:

Die Welt des Adels

Die Macht der Geheimdienste

Die Gründerzeit

Als Deutschland sich neu erfand

Das Christentum

Das Kaiserreich

Die Weimarer Republik

Englands Krone

Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

Joachim Mohr, Frank Patalong, Eva-Maria Schnurr (Hg.)

Von schillernden Nächten und dunklen Tagen

Mit Beiträgen von Nathalie Boegel, Markus Deggerich, Fiona Ehlers, Hauke Friederichs, Jan Friedmann, Till Hein, Katja Iken, Nils Klawitter, Uwe Klußmann, Ulrike Knöfel, Joachim Mohr, Bernd Oswald, Frank Patalong, Hannah Pilarczyk, Kristin Platt, Eva Thöne, Andreas Unger

Die Texte dieses Buches sind erstmals in dem Magazin Die 20er Jahre. Zwischen Exzess und Krise – Wie ähnlich sich damals und heute sind (Heft 1/2020) aus der Reihe SPIEGEL Geschichte erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2021 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: Hafen Werbeagentur, Hamburg

Umschlagmotiv: ©ClassicStock / akg-images / American Stock

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel GmbH, Köln

ISBN 978-3-641-26959-3V001

www.penguin-verlag.de

INHALT

Vorwort

Berlin bei Nacht

Glamour, Boheme und Sündenpfuhl – Berlin galt als eine der aufregendsten Städte der Welt. Zu Recht?

Von Fiona Ehlers

»Fabelhaft geschmackvoll«

Der Autor Karl Schöpflin berichtete in der Karlsruher Lokalzeitung »Volksfreund« am 10. September 1931 über das Ausgehen in der Metropole Berlin.

»Konkurrenz der Utopien«

Sind die Zwanziger und die Gegenwart vergleichbar? Der Historiker Daniel Schönpflug gibt Antworten.

Ein Interview von Joachim Mohr und Frank Patalong

Keine Helden, nirgends

Als Verlierer kamen die deutschen Soldaten aus dem Krieg zurück, viele körperlich gezeichnet. Mit Verständnis konnten sie nicht rechnen.

Von Andreas Unger

Eine Begründung brauchte es nicht

Die Angst vor Fremden war verbreitet – der Umgang mit ihnen oft schonungslos.

Von Andreas Unger

Muskel-Adolf und die Immertreuen

Berlin war auch Hauptstadt des Verbrechens. Zur Tarnung gründeten Gangster Vereine.

Von Nathalie Boegel

»Raus mit den Männern!«

1919 saßen erstmals Politikerinnen im deutschen Parlament. Eine Revolution! Doch Vorurteile hielten sich hartnäckig.

Von Katja Iken

Welche Vorbehalte gab es gegen das Frauenwahlrecht?

Ein Stimmungsbild

»Frauen wählten konservativer«

Welchen Einfluss hatten die Frauenstimmen auf die Politik der Zwanzigerjahre? Der Politologe Jürgen W. Falter erklärt, was man über die Wählerinnen von damals weiß.

Ein Interview von Frank Patalong

Kampf als Lebenszweck

Die politische Kultur der Zwanziger war von Brutalität geprägt. Wie kam es dazu?

Von Uwe Klußmann

Im Feuer der Bilder

Mit der Leica-Kleinbildkamera wurden Schnappschüsse möglich – viele Bilder hatten politisches Sprengpotenzial.

Von Nils Klawitter

Nichts gewusst?

An der Feldherrnhalle in München endete der Putschversuch Adolf Hitlers.

Von Jan Friedmann

Elektromanie

Elektrische Waschmaschinen und Herde waren ein Versprechen für geplagte Hausfrauen. Ihnen winkte die Freiheit.

Von Frank Patalong

Abseitsfalle

In der Provinz war die Realität alles andere als glamourös. Das machte viele Bauern empfänglich für extreme Botschaften.

Von Hauke Friederichs

Eine Frau für die Massen

Ihre Romane wurden von Millionen gelesen, heute ist sie fast vergessen. Wer war die Schriftstellerin Vicki Baum?

Von Eva Thöne

Die kommende Katastrophe

Was Geschichten über Marsmissionen mit Hitlers Aufstieg zu tun hatten

Von Kristin Platt

Ganz klar

Architektur für eine bessere Welt? Diese Idee hatten nicht nur die Bauhaus-Gründer. Der Stadtbaurat Ernst May realisierte sie im »Neuen Frankfurt«.

Von Ulrike Knöfel

Monumentale Qualen

Filme wurden das Massenmedium der Zwanziger. Mit »Metropolis« wollte Regisseur Fritz Lang Hollywood Konkurrenz machen – um jeden Preis.

Von Bernd Oswald

Ohne Herz

»Metropolis« machte Brigitte Helm zu einer Berühmtheit – unfreiwillig.

Von Hannah Pilarczyk

Berlin, ganz unten

1928 sorgten Schlägereien in der Hauptstadt für Schlagzeilen. Der »Volksfreund. Tageszeitung für das werktätige Volk Badens« schickte daraufhin einen Reporter auf Recherche.

Der Spaß ist vorbei

Im Oktober 1929 brachen in New York die Börsenkurse ein. Das ökonomische Desaster verstärkte die Spaltung der Gesellschaft – und half den Nazis.

Von Till Hein

»Wir kommen als Feinde!«

Noch 1928 war Hitlers NSDAP eine Splitterpartei. Wie wurde sie danach so schnell mächtig?

Von Uwe Klußmann

Einmal zurück, bitte

Feiern wie vor 100 Jahren: Willkommen in der Zeitmaschine!

Von Markus Deggerich

Der Sound der »Roaring Twenties«

Die originellsten Lieder der Zwanziger

ANHANG

Chronik

Buchempfehlungen

Autor*innenverzeichnis

Dank

Personenregister

Bildnachweis

VORWORT

Schließen Sie die Augen und denken Sie an die 1920er Jahre: Was sehen Sie? Junge, selbstbewusste Frauen mit Kurzhaarschnitten und langstieligen Zigarettenhaltern, daneben dandyhafte Kavaliere mit Schnurrbart? Sicher haben Sie die glitzernde Nachtclub-Atmosphäre vor Augen. Vielleicht sehen Sie eine Bühne, auf der ein Charmeur mit pomadisiertem Haar von »Wochenend und Sonnenschein« singt. Oder Sie denken an einen Auftritt von Josephine Baker!

Natürlich sind das Klischees, aber sie haben einen wahren Kern. Die wilden 1920er Jahre gab es tatsächlich, wenn auch nicht überall und nicht für jeden: Für die Franzosen waren sie das »verrückte« Jahrzehnt, Italiener und Angelsachsen nennen sie gar die »brüllenden« Jahre. Und in Deutschland, das soeben einen katastrophalen Krieg verloren hatte und wirtschaftlich am Boden lag, verbuchte man die kurze Epoche als »golden«. »Ein revolutionäres Jahrzehnt«, sagt der Historiker Daniel Schönpflug, »sicher unruhig, aber voller Ideen, Hoffnungen und Möglichkeiten.«

In diesem Buch zoomen wir ganz tief hinein in die 1920er Jahre, diese kurze, aber intensive Epoche tiefgehender Veränderungen, des Aufbruchs und der Gegensätze. Mit der Weimarer Republik war die erste deutsche Demokratie gegründet, die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, und nach den traumatischen Kriegsjahren nutzte vor allem die junge Generation die Gelegenheit zu feiern, nicht zuletzt auch die Tatsache, dass sie überhaupt noch lebte. In nostalgischer Rückschau ist es vor allem der Glamour dieser neuen, freieren Lebensart, den wir mit den 1920ern verbinden. Gleichzeitig veränderten technische Innovationen wie Autos oder Staubsauger den Alltag rapide. Frauen durften nun wählen und gewählt werden, sie eroberten sich Einfluss in Gesellschaft und Politik. Zeitungen, Bücher und Kinofilme brachten als Massenmedien neue Ideen und den Traum von der Zukunft unter die Leute. Mit kleinen Kameras ließ sich der moderne Alltag nun auch festhalten und Architekten verwirklichten ihre gesellschaftlichen Utopien in ganzen Stadtvierteln.

Doch die 1920er hatten auch dunkle Seiten, gerade in Deutschland. Der Alltag der Massen war von Armut geprägt, Kriegsversehrte fanden nur schwer zurück in den Frieden. Kriminelle baten ihre Opfer mit gewaltbereitem Nachdruck zur Kasse – und gründeten Organisationen, mit denen sie ihre Aktivitäten tarnten. Auf dem Land war von Aufbruch und technischer Innovation keine Rede, dort fühlte man sich abgehängt von den Entwicklungen in den Städten. Die immer krasseren Gegensätze verschärften soziale Spannungen. Der Kollaps der alten Ordnung schuf Raum für neue Ideologien, die oft aggressiv nach Durchsetzung strebten. Attentate und politische Gewalt gehörten zum Instrumentarium, mit dem eine im Krieg verrohte Generation ihre Konflikte austrug. Auch das waren die 1920er: eine oft düstere, hungrige, brutale Zeit.

In diesem Buch blicken unsere Autoren und Autorinnen auf all diese Extreme, auf die nächtlichen Exzesse und auf die schwelende Krise. Vor allem aber blicken wir auf den Alltag der Menschen dieser Epoche – oben und unten, in der Stadt und auf dem Land. Wir wollten wissen, wie es war wirklich war, in den Zwanzigern zu leben. Was veränderte sich? Was bedeutete das für den Einzelnen? Und wir fragten uns, wie der so hoffnungsvolle Aufbruch einer lebenshungrigen Generation am Ende derart scheitern konnte.

Dieses Buch ist ein Zeitporträt, das über die üblichen Klischees hinausgeht. Für uns war das Eintauchen in die 1920er spannend und ab und zu auch erschreckend, oft erhellend und mitunter sehr erheiternd. Es würde uns sehr freuen, wenn es Ihnen ähnlich ginge.

Hamburg, im Mai 2021

Joachim Mohr, Frank Patalong und Eva-Maria Schnurr

»Ich bin Babel, die Sünderin, das Ungeheuer unter den Städten … Das Berliner Nachtleben, Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Früher mal hatten wir eine prima Armee, jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl! Es tut sich was, meine Herrschaften! Das muss man gesehen haben!«

Klaus Mann, Sohn des Nobelpreisträgers Thomas Mann, in seiner Autobiografie »Der Wendepunkt« über die Zwanzigerjahre

BERLIN BEI NACHT

Glamour, Boheme und Sündenpfuhl – in den Zwanzigern galt die deutsche Hauptstadt als eine der aufregendsten Städte der Welt. Zu Recht?

Von Fiona Ehlers

Es ist dieser Geruch nach damals, der einem schon an der Kneipentür in die Nase steigt. Ein Geruch nach Zigarrenrauch, Bier vom Fass, nach Schmalzstulle und Solei. »Wilhelm Hoeck« ist eine dieser Kleine-Leute-Kneipen im Berliner Westen, sie existiert seit 1892. Draußen rauscht der Berliner Feierabendverkehr, drinnen hängt an einer vergilbten Wand ein Foto des damaligen Gastwirts, bullig und beschnauzt wie der olle Friedrich Ebert, Reichspräsident, und an derben Holztischen stehen mittelalte Herren, heben ihre Biergläser und rufen »Hoch die Mollen!«, als hätte Zille sie dort hingezeichnet und hundert Jahre stehen gelassen.

Es dämmert, als Stadtführer Arne Krasting den Laden in Charlottenburg betritt, ein langer Lulatsch Mitte vierzig. »Eine gute Grundlage schaffen«, sagt er, küsst die Hand und bestellt Eisbein auf Erbspüree und ein paar Schnäpse. Auch Arne Krasting wirkt wie aus der Zeit gefallen, Schiebermütze, Knickerbocker, Studentenbrille. Krasting ist Historiker mit eigenem Stadtführungsunternehmen; »Zeitreisen« hat er es genannt. Er zeigt Besuchern das Berlin der Zwanzigerjahre, immer mehr wollen die Drehorte der Serie »Babylon Berlin« besuchen. Das einzig Moderne an Krasting ist das Tablet im Rucksack, das er von Zeit zu Zeit herauszieht, um vor Ort Filmausschnitte, Fotos, Reklame von einst zu zeigen sowie Zitate zum Besten zu geben. Krasting sagt, er hätte gern gelebt zu jener Zeit, sein liebstes Buch vom damaligen Berlin sei »Fabian« von Erich Kästner.

Betrachtet werden soll das Berliner Nachtleben, um eine Vorstellung zu bekommen, wie die goldenen Zwanzigerjahre gewesen sein könnten. Tatsächlich so wild und zügellos, so ausschweifend wie ihr Ruf? »Es ist nicht mehr viel übrig«, sagt Krasting, »fast alle maßgeblichen Gebäude und Etablissements von damals haben die Nazis, hat der Zweite Weltkrieg zerstört.« Aber es gibt Zeugnisse, vor allem Berichte aus einem Reiseführer der Zwanzigerjahre. In dieser Nacht wird Krasting oft aus ihm zitieren. Der »Führer durch das lasterhafte Berlin« von Curt Moreck, verfasst Ende der Zwanziger, als Geheimtipp für Millionen Berlinbesucher, ist Krastings beste Quelle. Für Moreck, hinter dem Namen versteckte sich der Schriftsteller Konrad Haemmerling, waren alte Bauwerke und Sehenswürdigkeiten schon damals bloß »mumifiziertes Gestern« und »Meilensteine der Langeweile«. Moreck erzählte lieber von Leidenschaften und Süchten. Sein Buch ist eine Art Sittenkunde, die in damalige Mokkadielen führt, auf den Schwulenstrich, in Travestielokale, Hinterhofbordelle und Unterweltspelunken – also das pralle Berliner Leben schildert, »das erst nach Sonnenuntergang erwacht, mit Lichtgirlanden den Nachthimmel anglüht oder sich auch im Dunkeln verbirgt«.

Was er bei Moreck nicht finden kann, zieht Krasting aus dem 2011 erschienenen Bildband »Sündiges Berlin« von Mel Gordon, US-Professor für Theaterwissenschaften aus Berkeley, der ein Verzeichnis der wichtigsten erotischen Läden und Aktivitäten der damals »sehr liberalen« Stadt erarbeitet hat.

Hell und laut und schlaflos muss Berlin in den Zwanzigerjahren gewesen sein. Unaufhörlich feierte es gegen den Untergang an und gegen die Dunkelheit. »Bin jetzt acht Tage in Berlin«, schrieb der französische Maler Fernand Léger, »habe nichts von der Nacht bemerkt. Licht um sechs Uhr, um Mitternacht, um vier Uhr, unaufhörlich Licht.« Berliner Nächte muss man sich erleuchtet vorstellen, voller Menschen und tosendem Verkehr, hupenden Automobilen, Omnibusse und Straßenbahnen, die wie erleuchtete Schlangen durch die Nacht zischten. Um1920, als die bis dahin selbstständigen Städte Charlottenburg und Schöneberg eingemeindet wurden, war Berlin ein Viermillionenmoloch, Europas größte Industriestadt und nach London und New York die drittgrößte Metropole der Welt. Der Krieg war verloren, es galt, sich neu zu erfinden. Die Lust auf Aufbruch und Austoben war enorm, als hätten die Menschen viel nachzuholen. Vielleicht ahnten sie auch, dass es bald vorbei sein würde mit Jux und Dollerei.

Plötzlich war Berlin keine Residenzstadt mehr. Das Land war nun Republik, Berlin eine offene Stadt. Man schlug die alten Stuckgirlanden von den Hausfassaden und schraubte Reklametafeln aufs Dach, alles schien nun möglich. Für einen Moment, weniger als ein Jahrzehnt lang, war Berlin eine Welthauptstadt, zog internationale Intellektuelle und Künstler wie ein Magnet an. Eine junge Demokratie entstand, die Idee eines Nebeneinanders der Völker und Ideologien. Eine vielfältige, freie Presse sorgte für so etwas wie Debattenkultur. All das trieb Menschen zu kreativen Höchstleistungen an: Bertolt Brechts »Dreigroschenoper« entstand in diesen Jahren, Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz«, die Chansonnette Claire Waldoff trällerte: »Wer schmeißt denn da mit Lehm, der sollte sich was schäm’«. Anita Berber tanzte nackt und kokste sich zu Tode, Marlene Dietrich aus Berlin-Schöneberg war die »fesche Lola, der Liebling der Saison«, Otto Dix, George Grosz, Walter Benjamin, Erich Kästner! In den Jahren zwischen 1920 bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 erlebte Berlin seinen »Weltaugenblick«, so nennt es Jens Bisky in seiner 2019 erschienen »Biographie einer großen Stadt«.

Und doch waren die Zwanziger auch ein düsteres Jahrzehnt, »nur kurz golden und gewiss nicht für alle«, sagt Krasting. Die Reparationszahlungen des Versailler Vertrags drückten auch die Hauptstädter, die Inflation von 1923 zerstörte Existenzen. Danach kam die Reichsmark, es gab einen kurzen Aufschwung, den viel beschworenen Tanz auf dem Vulkan. Trotzdem war die Not der Menschen vor allem des Nachts sichtbar, wenn Hunderttausende Arbeitslose ans Licht krochen, um etwas zu beißen zu besorgen.

Trude Hesterberg, Kabarettstar aus der »Wilden Bühne« und Geliebte Heinrich Manns, notierte in ihren Memoiren: »Bettelnd standen diese Menschen mit ihren ausgehungerten Kindern an den Ausgängen der Bars und der Tanzdielen, die wie giftige Pilze aus dem Boden schossen. Alles wurde kürzer, die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf!« Wie erlebte der Durchschnittsbürger die Berliner Nächte? Das sei es, sagt Krasting, was seine Gäste vor allem interessiere. Wie frei war sie wirklich, die Liebe? Und gab es auch Drogen?

Überspannt? I wo! Dit is Balin! Schlangenfrau in einem Gasthaus.

Der Aufstieg des Berliner Kurfürstendamms zum Vergnügungsboulevard begann, als sich 1907 die Pforten des »Kaufhauses des Westens« öffneten, noch heute als KaDeWe berühmt. Ein paar Straßenblocks weiter westlich bis hinauf nach Halensee avancierte der Ku’damm zum Schaufenster der Stadt – und auf Schau kam es damals an. Er war der »hellste Stern der Stadt«, notierte Curt Moreck. Hier werde all das befriedigt, was »Menschen im 20. Jahrhundert an Bedürfnissen und Genüssen zu befriedigen« hätten: »Schon ein Bummel unter Lichtreklamen ist wie eine lebendige Dusche, gibt Spannkraft, Lebensfreude, gibt Hoffnung auf Abenteuer und Sensationen. Der Berliner braucht sie als Nervenpeitsche wie der Süchtige seine Spritze.«

Hier also begann die Berliner Nacht, meist schon zum damals so beliebten Fünfuhrtee: Es ging um Zerstreuung, Betäubung und Vergessen. Man flanierte unter Platanen, glühte vor in den vielen Straßencafés und Spelunken, reihte sich ein in die Menschenschlangen vor den Lichtspielhäusern. »Damals war der Ku’damm vor allem Kino«, sagt Stadtführer Krasting, so etwas wie die Spielwiese des jungen Mediums Film. 1929 gab es knapp 400 Kinos in Berlin mit Platz für 150 000 Zuschauer. Wer tagsüber am Fließband gestanden hatte bei Siemens, Osram oder Borsig, ließ sich abends für 30 Pfennig in einen Samtsessel fallen und schaute Charlie Chaplins »Goldrausch«, »Das Cabinett des Dr. Caligari« oder Filme, in denen Berlin die Hauptrolle spielt: »Metropolis« oder »Berlin – Sinfonie einer Großstadt«.

Stadtführer Krasting zeigt auf den jüngst renovierten »Alhambra«-Palast, Ecke Adenauerplatz, ab 1922 eines der Uraufführungskinos des Tonfilms. Die »Filmbühne Wien«, ein paar Straßenzüge weiter Richtung Zoo, war eines der bekannten Premierenkinos. Stumm- und Tonfilmstars wurde hier der rote Teppich ausgerollt, Gaffer lockte es in die umliegenden Cafés. Heute wird hier anderen Göttern gehuldigt, heute stellt Computerriese Apple seine Ware aus wie in einem modernen Großstadttempel.

Dort hingegen, wo heute Tommy Hilfiger Freizeitmode verkauft, befand sich in den Zwanzigern das »Nelson-Theater«. In der Silvesternacht1925, ein Jahr vor Aufhebung des allgemeinen Tanzverbots, trat dort eine hüftschwingende, Grimassen schneidende Josephine Baker auf. »Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grießflammerie der Beweglichkeit«, schwärmte damals ein Kritiker. »Baker war Stadtgespräch, Berlin trug sie auf Händen«, sagt Stadtführer Krasting und läuft weiter den Ku’damm entlang, im Volksmund einst auch »polnischer Korridor« genannt, wegen der vielen Flüchtlinge aus dem russischen Zarenreich.

Unweit der Gedächtniskirche, wo sich heute der Mercedes-Stern auf dem Dach des Europa-Centers dreht, traf sich damals die Literatenszene im »Romanischen Café«. Laut Moreck tagte hier die »Nationalversammlung der deutschen Intelligenz«: Hätte man eine Handgranate hineingeworfen, hätte es das Ende der Literatur bedeutet. Else Lasker-Schüler soll hier Speisekarten für Touristen signiert und der galizische Jude Billy Wilder an Drehbüchern gearbeitet haben, bevor er sich nächtens für 150 Mark Monatslohn als Eintänzer im »Hotel Eden« um alleinstehende Damen kümmerte. Hier war es auch, wo der Maler Otto Dix die Journalistin Silvia von Harden an einem der Marmortische verewigte, wie sie mit strengem Monokelblick das Treiben betrachtet. Erich Kästner, zitiert Stadtführer Krasting, beschrieb das Café allerdings eher spöttisch als »Wartesaal der Talente«: »Es gibt Leute, die hier seit zwanzig Jahren Tag für Tag auf Talent warten.«

Ein paar Schritte weiter, am Wittenbergplatz, rezitiert Krasting das kürzeste ihm bekannte Gedicht: »Nachts! Tauentzien! Kokain! Det is Berlin!« Der Platz vor dem KaDeWe war einer der Drogenumschlagplätze. An Litfaßsäulen notierten fliegende Händler per Zahlencode, wo und wann sie welchen Stoff verkauften. Hier soll der spätere Dramatiker Carl Zuckmayer mit Bauchladen gestanden und »Zigaretten!« geflüstert haben. Gemeint war natürlich Kokain, eine zunehmend populäre Sünde, die legal nur mit ärztlichem Rezept zu haben war.

Beliebtes Accessoire bei Berliner Damen war ein Döschen, aus dem sie mit Kartoffelmehl gestrecktes Kokain von Löffelchen in die Nase zogen. In den Krankenakten der Charité fand sich damals nicht selten der Befund »Cocainismus«. Chinesische Händler verkauften in der Kantstraße bräunliche Opiumkugeln, und Anita Berber soll weiße Rosenblätter in ein Gemisch aus Äther und Chloroform getunkt und gefrühstückt haben. Strikte Drogenverbote gab es vor 1930 kaum.

Je weiter östlich man sich vom Kurfürstendamm bewege, desto mehr sei Berlin »als Hauptstadt des Lasters erkennbar«, notierte Curt Moreck in seinem Reiseführer. Natürlich existierte käufliche Liebe auch vor der Weimarer Republik, aber nach dem verlorenen Krieg schien auch der Durchschnittsberliner einem erotischen Taumel zu verfallen. Das lag an der Emanzipation der Frau sowie der wissenschaftlichen Erforschung des Körpers durch Magnus Hirschfeld, dem »Doktor Sommer des 20. Jahrhunderts«, wie Arne Krasting ihn nennt, und dessen »Institut für Sexualwissenschaften« im Tiergarten. Das lag aber auch an einer neuen Gier auf Leben und Lust, an einer neuen Nacktkultur und daran, dass in den Zwanzigern die nächtliche Sperrstunde sowie das Tanzverbot aufgehoben wurden.

Berlin war auf einmal auch billiges Pflaster für vergnügungssüchtige Ausländer. Zu Hunderttausenden strömten ab 1923 devisenstarke Amerikaner, Franzosen, Türken, Japaner an die Spree auf der Suche nach käuflichem Sex. Zettelchen wurden verteilt mit Kontaktanzeigen wie: »4 Russinnen in prachtvoll neuen Costumen« oder »Die Mieze ist da! Kronen-Str. 2«. Einschlägige Adressen ließen sich in Zeitschriften nachlesen oder im Buch »Was nicht im Baedeker steht« von 1927.

»Dem fidelen Ausländer musste es erscheinen, als würde Berlin einen Räumungsverkauf von Menschenfleisch veranstalten«, schreibt US-Professor Mel Gordon in »Sündiges Berlin« und rechnet vor: Im Inflationsjahr 1923 musste der Berliner für Oralverkehr 65 Millionen Mark berappen, der Ausländer, dank Wechselkurs, nur den Gegenwert von 30 Pfennig. So hätten Familien, um die Haushaltskasse aufzubessern, ihre Töchter zum Kauf angeboten, oder die Mutter ging gleich mit der Tochter im Schlepptau auf den Strich.

»Im Lichtfeld der KaDeWe-Schaufenster erfüllen Spezialisten erotische Sonderbedürfnisse«, heißt es bei Moreck. Er zählte damals 50 000 bis 100 000 Prostituierte sowie 35 000 Strichjungen. Anders als Amsterdam, Paris oder Hamburg hatte Berlin kein ausgewiesenes Rotlichtviertel. Gehurt wurde überall. Berlin galt als schamlos, triebgesteuert, und nur ein paar Jahre später verunglimpften es die Nazis als Sündenbabel.

Gordon benennt 20 verschiedene Typen von Prostituierten: allen voran das selbstbewusste »Tauentzien-Girl«, Bordsteinschwalbe mit Bubikopf und Berliner Schnauze; der »Grashupfer«, Straßendirne im Tiergarten; die »Münzis«, schwangere Huren in der Münzstraße; »Steinhuren«, versehrte Frauen mit Buckel oder amputierten Gliedmaßen sowie »Telefonmädchen«, Minderjährige, als Lilian Harvey zurechtgemacht, die der pädophile Kunde per Anruf bestellte.

Zudem gab es jede Menge »Halbseidene«, Gelegenheitshuren, die ihren Lohn als »Tippmamsell« oder Verkäuferin aufbesserten und den rund 10 000 registrierten »Kontrollmädchen« Konkurrenz machten. Unter den männlichen Prostituierten unterscheidet Gordon zwischen »Bösen Buben« in Lederkluft und knabenhaften »Puppenjungs« mit einem Augenaufschlag wie der Schauspieler Rudolph Valentino, einer der Stars der Stummfilmzeit.

In einer Seitenstraße steht Krasting jetzt vor einer der wenigen noch erhaltenen Fassaden der Neuen Sachlichkeit, heute Sitz des Ellington Hotels. Damals lockte hier der Ballsaal »Feminia-Palast« mit atemberaubender Technik: Das Tanzparkett ließ sich heben und das Dach öffnen, man tanzte unter freiem Himmel über Berlin. An Tischtelefonen ließen sich Gäste mit der oder dem Auserwählten ein paar Tische weiter verbinden oder schickten per Rohrpost kleine Aufmerksamkeiten.

Für spätere Stunden gab es Separees, sogenannte Knutschlogen. Es muss hier so zugegangen sein wie in dem berühmten Großstadt-Triptychon von Otto Dix. Nur waren die Frauen hübscher: Modisch hatte sich die Berlinerin aus Korsett und Unterrock befreit, trug jetzt Bein und Nähte an den Strümpfen. Der Rocksaum war fünf Zentimeter übers Knie gerutscht, das Hängerkleid schwang im Takt des Charleston oder Shimmy. Ihren Mund lackierte sie rot und in Herzform, auf ihren Flapper-Locken saß ein weicher, eng anliegender Topfhut. Am nächsten Morgen ging sie meist arbeiten – wie rund 40 Prozent aller Berlinerinnen damals.

Leicht bekleidet: Darstellerinnen, mehr oder weniger kunstvoll inszeniert (1925).

Heute geht es unter Arne Krastings Regie mit dem Nachtbus weiter zum Nollendorfplatz – seit den Zwanzigern der Kiez für homosexuelle Nachtfalter. Zeitzeuge Curt Moreck schätzte, dass es damals bereits 80 bis 100 Etablissements für Schwule gab. Detailversessen berichtet er von Matrosenfesten oder von Männern, die als Henny Porten oder Asta Nielsen auf Tuntenbällen schwoften.