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Frühjahr 2020: Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus. Zehntausende Menschen erkranken an Covid-19, Tausende sterben an den Folgen, für Wochen wird eine bundesweite Kontaktsperre verhängt. Die Pandemie ist eine gesundheitliche Katastrophe, aber vor allem ein gesellschaftliches Erdbeben. Reporter:innen von Krautreporter haben die erste Infektionswelle verfolgt und sich gefragt: Wie verändert sich das Leben von Unternehmer:innen, Kindern, Geflüchteten und allen anderen in der Pandemie? Bent Freiwald, Reporter für besseres Lernen und freies Wissen, sprach mit der Erzieherin Babsi, um zu erfahren, was das Virus für Schüler:innen einer Brennpunktschule bedeutet. Rebecca Kelber, freie Reporterin für Wirtschaft, startete einen Aufruf an unsere Leser:innen, um Kontakte zu Pandemie-geplagten Unternehmen zu knüpfen. Silke Jäger, Reporterin für Kopf und Körper, telefonierte regelmäßig mit Expert:innen und beantwortete nebenbei besorgte. Fragen des Krautreporter-Teams über den neuen Corona-Alltag. Die leitende Frage dieser Recherchen unter besonderen Umständen war immer: Wie hat sich das Leben in der Pandemie verändert? Die Antworten liefert dieser Sammelband. Er ist eine Bestandsaufnahme am Ende der ersten Welle der Corona-Pandemie in Deutschland.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einleitung
Wie wir über die erste Welle der Corona-Pandemie berichteten
von Leon Fryszer
Am Rand der Krise
»Auch Menschen über 70 haben Grundrechte«
ein Protokoll von Esther Göbel
Wie Rechtsextreme die Corona-Krise ausnutzen
von Tarek Barkouni
Sechs Wochen Quarantäne, ohne Internet, überwacht von Kameras
von Belinda Grasnick
Das Ende der Care-Kette
von Dominik & Matthäa Ritter-Wurnig
Die Viruswirtschaft
»Ich habe mein Geschäft verloren, aber nicht meine Würde«
Protokolle von Alisa Sonntag
Die völlig verrückte Börsenrallye des Corona-Jahres 2020 von
Rico Grimm
»Die Banken schauen mir beim Sterben zu«
von Rebecca Kelber
Sieben Wege, wie Unternehmen konstruktiv mit dem Shutdown umgegangen sind
von Rebecca Kelber
Symptome im Bildungssystem
»Viele Kinder sind jetzt auf sich alleine gestellt«
von Bent Freiwald
»Ich kann die Kinder jetzt doch nicht hängen lassen!«
Ein Protokoll von Bent Freiwald
Wie Corona die Wissenschaft befreit
von Bent Freiwald
Leben mit der Pandemie
Corona verändert die Welt – es ist okay, wenn du deswegen trauerst
von Theresa Bäuerlein
Warum du in der Pandemie so komische Träume hast
von Theresa Bäuerlein
Get the fuck out
von Martin Gommel
»Die Leute weinen, wenn ich eine Hand auf ihre Wange lege«
von Theresa Bäuerlein
Meine Freunde teilen Verschwörungsmythen – kann ich sie davon abbringen?
von Bent Freiwald
Epilog
Wie die Corona-Pandemie enden wird
von Silke Jäger
Frühjahr 2020: Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus. Zehntausende Menschen erkranken an Covid-19, tausende sterben an den Folgen, für Wochen wird eine bundesweite Kontaktsperre verhängt. Die Pandemie ist eine gesundheitliche Katastrophe, aber vor allem: ein gesellschaftliches Erdbeben. Die Krautreporter-Reporter:innen haben die erste Infektionswelle verfolgt und sich gefragt: Wie verändert sich das Leben von Unternehmer:innen, Kindern, Geflüchteten und allen anderen in der Pandemie?
Für die meisten gab es im Frühjahr 2020 einen Stichtag, der das Leben in ein Davor und Danach teilte. Bei uns war es Montag, der 9. März. Die Tochter eines Kollegen bei Krautreporter war im Kindergarten dem Virus ausgesetzt worden. Er saß noch einige Tage zuvor mit am Konferenztisch. Damit war jede:r von uns potentiell gefährdet. Für die Redaktion hieß das strikt: Homeoffice, keine:r fährt auf Recherchereise, persönliche Gespräche werden abgesagt. Für Reporter:innen ist so ein Kontaktverbot fatal. Wie vom Da-Draußen berichten, ohne selbst vor Ort zu sein? Über die Situation in Schulen, Geflüchtetenunterkünften, Krankenhäusern oder auf Demonstrationen zu schreiben, ohne hinzufahren, ist mindestens schwierig.
Das Leben in Deutschland hatte sich von einem Moment auf den anderen gewandelt: Vorher Normalzustand, danach Pandemie. Eben noch frei, sorglos, gesund, waren viele jetzt isoliert, pleite oder krank. Seniorenheime unter Quarantäne, Sozialeinrichtungen geschlossen, Staatsgrenzen unüberwindbar. Unsere Aufgabe war jetzt: darüber berichten. Festhalten, wie das Virus eine Lebensrealität nach der anderen auf den Kopf stellt. Und das trotz des bundesweiten Kontaktverbotes vom 22. März. Um den Kontakt nach außen nicht abreißen zu lassen, mussten neue Wege gefunden werden.
Bent Freiwald, Reporter für besseres Lernen und freies Wissen, sprach mit der Erzieherin Babsi, um zu erfahren, was das Virus für Schüler:innen einer Brennpunktschule bedeutet. Rebecca Kelber, freie Reporterin für Wirtschaft, startete einen Aufruf an unsere Leser:innen, um Kontakte zu Pandemie-geplagten Unternehmen zu knüpfen. Silke Jäger, Reporterin für Kopf und Körper, telefonierte regelmäßig mit Expert:innen aus dem Gesundheitswesen und beantwortete nebenbei besorgte Fragen des Krautreporter-Teams über den neuen Corona-Alltag.
Die leitende Frage dieser Recherchen unter besonderen Umständen war immer: Wie hat sich das Leben in der Pandemie verändert? Die Antworten liefert dieser Sammelband. Er ist eine Bestandsaufnahme am Ende der ersten Welle der Corona-Pandemie in Deutschland.
Hier spricht die Risikogruppe: Barbara Stolterfoht ist 80 Jahre alt, schwer krank und will sich nicht in Quarantäne wegsperren lassen. Trotzdem wäre sie bereit, ihre Kontakte länger einzuschränken, wie sie hier zu Protokoll gibt – unter einer Bedingung.
Barbara Stolterfoht ist Mitglied der SPD, in den 1980er Jahren war sie Gesundheitsreferentin und Kommunalpolitikerin, später erste Frauenbeauftragte in Kassel, in den Neunzigern hessische Staatsministerin für Frauen, Arbeit und Sozialordnung.
Ich habe als Politikerin in meinem Leben viel gestaltet, mich vor allem für die Frauen eingesetzt. Und ich habe mich immer als Teil dieser Gesellschaft betrachtet. Bis jetzt.
Im vergangenen Jahr dachte ich nicht, dass ich die 80 Jahre noch schaffen würde. Ich leide an einer unheilbaren Krankheit; welche genau, geht niemanden etwas an. Aber ich werde an ihr sterben. Meinen runden Geburtstag wollte ich deswegen umso mehr feiern. Ich hatte schon alles geplant: rund 80 Menschen aus meinem ganzen Leben eingeladen, einen Saal gebucht, das Buffet ausgesucht. Meine erwachsenen Kinder hätten fürs Programm gesorgt. Meine Tochter ist ein Chanson-Fan, bestimmt hätte sie etwas gesungen, mein Sohn arbeitet hauptberuflich als Gitarrist. Und dann habe ich noch einen Stiefbruder, der macht Kirchenkabarett. Ach, es wäre sicher toll geworden!
Doch dann fiel das ganze Fest wegen des Coronavirus ins Wasser. Keine Feier, keine Gäste. Immerhin konnte ich den Geburtstag mit meiner Tochter an der Ostsee verbringen, ein kleiner Ausflug. Ich lebe in Berlin, allein. Jeden Tag mache ich einen großen Spaziergang durch Mitte – ohne Mundschutz. Angst, dass ich mich mit dem neuartigen Virus anstecken könnte, habe ich nicht. Ich laufe einfach einen Bogen, wenn mir jemand entgegenkommt. Aber eine andere Sache macht mir Angst.
Wegen meines Alters und meiner Erkrankung werde ich seit ein paar Wochen von Experten, Politikerinnen und Medien klassifiziert; ich bin jetzt »Risikogruppe«. Ich war fassungslos, als ich in den Abendnachrichten hörte, wie die Berliner Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Dilek Kalayci sich zu möglichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus äußerte: »Ich würde jetzt sagen, es ist wirklich der richtige Zeitpunkt, alle älteren Menschen in die Quarantäne zu nehmen. Alle Über-70-Jährigen in Quarantäne! Und, das ist das Einzige, was wirklich hilft, ja. Einfach in Quarantäne nehmen!«
Für mich klang das nach Zwangsmaßnahme; was für eine dumm-dreiste Äußerung! Auch wenn Frau Kalayci diese Worte ein paar Tage später relativierte und in einem Interview mit dem Tagesspiegel als Sorge um die älteren Menschen umformulierte: Ich habe mich durch das genannte Zitat persönlich bedroht gefühlt, auf einen Schlag nicht mehr dieser Gesellschaft zugehörig. Sondern verbal ausgegrenzt, lästig geredet.
Nach den Abendnachrichten rief ich sofort eine gute Freundin von mir an, die ebenso erbost war wie ich. Wir haben zusammen beschlossen, dass jede von uns einen Brief an die Gesundheitssenatorin schreibt. Warum? Weil auch Menschen über 70 Grundrechte haben. Wir sind genauso Bürgerinnen und Bürger dieses Landes wie jüngere Menschen.
Wir sind alt, ja, und manche sind krank. Aber man kann nicht einfach in einem solchen Ton darüber nachdenken, eine ganze Bevölkerungsgruppe wegzusperren. Das geht nicht. Für mich würde das unsere demokratischen Werte verraten.
Außerdem frage ich mich: Wieso alle Menschen über 70? Wie kommt diese Grenze zustande? Es gibt Über-70-Jährige, die noch Marathon laufen oder jeden Tag ihre Enkel versorgen – und es gibt Menschen, Mitte 60, die können keinen Schritt mehr geradeaus gehen. Ist die Marke »über 70« nicht sehr willkürlich? Mir erschließt sie sich nicht.
Man sollte auch nicht vergessen: Die Älteren, die jetzt älter als 70 sind, bilden eine Generation, in der ungewöhnlich viele Menschen Verantwortung getragen haben, als sie jünger waren. Die 68er und Nach-68er haben die Bundesrepublik mit umgekrempelt und modernisiert. Wenn man denen mit Zwangsmaßnahmen droht, wird man nicht viel Freude mit ihnen haben. Die wehren sich!
Ich kann von Glück sagen: Ich gehöre noch zu jenen Alten, die es gut haben: Ich lebe zwar allein, aber in einer schönen großen Wohnung, sogar mit Dachterrasse. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, Enkel, erwachsene Kinder. Trotz Kontaktsperre kommuniziere ich viel, über Telefon, SMS, E-Mail oder Whatsapp. Aber viele Alte sind nicht fit in diesen Dingen – und was machen die, die ganz allein, ohne soziale Kontakte, in einer kleinen Wohnung hocken?
Wie organisieren wir die Situation am besten so, dass alle, die es brauchen, geschützt werden, und die anderen möglichst normal ihrem Alltag nachgehen können? Diese Frage muss erlaubt sein. Natürlich. Wir brauchen einen kommunikativen Verhandlungsspielraum, eine öffentliche Debatte. Aber der Ton macht die Musik. Der Gesundheitsminister hat es beispielsweise in einem Interview mit der Zeit so formuliert: »Wir brauchen Konzepte, die speziell auf Ältere und chronisch Kranke zugeschnitten sind. Wenn wir sie schützen, können wir gleichzeitig an anderen Stellen wieder normales Alltagsleben ermöglichen. Wir werden die Alten also möglicherweise über mehrere Monate bitten müssen, ihre Kontakte einzuschränken, und im Zweifel zuhause zu bleiben.«
Ich bin mir sicher: Wenn man in einem respektvollen Ton an die Alten appellieren würde, an deren Vernunft, wären viele bereit, ihre Kontakte einzuschränken. Aus dem nötigen Verantwortungsgefühl heraus. Aber keine Zwangsmaßnahme, bitte! Außerdem braucht es tatsächlich spezielle Konzepte. Die Alten einfach vereinsamen zu lassen, fände ich unverantwortlich.
Corona hat mein Denken über das Sterben verändert. Ich habe jetzt wieder Angst davor. Dabei hatte ich mich mit dem Tod bereits abgefunden, mich aufs Sterben vorbereitet: Ich bin in einem Hospiz angemeldet, habe eine gute palliativmedizinische Betreuung. Aber sollte die monatelange Quarantäne für die Alten wirklich kommen, und sollte sich die Pandemie hierzulande so entwickeln wie anderenorts, den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems inklusive, dann würden diese Pläne nicht mehr gelten. Für uns Alte würde es bei einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems im Behandlungsfall eventuell keinen Platz im Krankenhaus geben.
Ich habe Angst davor, allein sterben zu müssen, dazu auch noch ohne medizinischen Beistand. Dabei hatte ich gehofft, im Kreise meiner Lieben mein Leben beenden zu können.
So wie sie es in Krisen immer wieder tun.
Ausgerechnet in Thüringen zeigte sich der Tabubruch am deutlichsten. Als in ganz Deutschland Menschen gegen die Corona-Verordnungen auf die Straße gehen, entscheidet sich dort der ehemalige Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) dazu, einer Einladung zu so einer Demonstration zu folgen. Und landete direkt neben bekannten Rechtsextremist:innen. Für die ist das kein Glücksfall, sondern Ergebnis ihrer gelungenen Strategie.
Denn Rechtsextremist:innen nutzen Krisen aus, um gezielt neue, oft ahnungslose Anhänger:innen zu manipulieren und für sich zu gewinnen. Die Corona-Demonstrationen sind genau das, worauf sie gewartet haben. Nun stehen stramme Rechtsradikale neben Menschen, die ihren Job verloren haben. Nun verabschieden sich in Vernetzungsgruppen für solche Demonstrationen auf Telegram Neonazis mit »patriotischen Grüßen« und posten Videos mit Verschwörungsideologien.
Schon Anfang April warnte der Verfassungsschutz vor einer Vereinnahmung der Corona-Krise durch Rechtsextreme: Sie würden Verschwörungsideologien einsetzen und ein Untergangsszenario entwerfen. Man könnte es so beschreiben: Rechtsextremist:innen erklären die Welt für kaputt und korrumpiert, weil – und hier setzt der Verschwörungsmythos ein – versteckte Mächte dafür gesorgt hätten.
An der Corona-Krise und den Demonstrationen gegen die Verordnungen kann man es besonders gut erkennen. Die Verordnungen und die Bemühungen, einen Impfstoff zu finden, werden von Rechtsextremist:innen interpretiert als die schrittweise Errichtung einer Diktatur in Deutschland, in der Menschen gezwungen werden, sich impfen zu lassen. Es ist diese Interpretation, auf die Rechtsextremist:innen mit ihrer Propaganda setzen. So wie sie es bei Krisen bisher immer getan haben.
Dabei setzen die Akteure darauf, dass ihre Ideologie, besonders von Journalist:innen, verbreitet wird. Dazu möchte ich nicht gehören, weswegen ich so weit wie möglich versuche, diese Ideologien aus diesem Text fernzuhalten. Denn je öfter eine Geschichte gehört wird, desto eher wird sie auch geglaubt.
Silke Ötsch ist Soziologin und hat bereits bei der Finanzkrise festgestellt, dass Verschwörungsideologien in der Krise häufiger verbreitet werden: »Zum einen, weil die Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle verloren zu haben. Und dann versprechen Verschwörungsideologien der Person, dass sie irgendwie einzigartig ist und Dinge erkennt.« Wenn plötzlich der eigene Arbeitsplatz bedroht oder sogar schon weggefallen ist, wenn immer neue Katastrophenmeldungen auf die Menschen einprasseln, bekommen sie Angst und fühlen sich abgewertet. Sie blenden Informationen eher aus, wenn diese negative Konsequenzen nach sich ziehen würden.
Wie sehr Menschen die aktuelle Krise belastet, konnte man in einem Spiegel-TV-Beitrag von Mitte Mai mit »Wut unterm Aluhut« sehen. Eine ältere Teilnehmerin der Corona-Demonstrationen in Berlin wird befragt. Mit Tränen in den Augen vergleicht sie die aktuelle Situation mit der Zeit in der DDR. Sie sagt zum Kameramann gewandt: »Mir blutet das Herz, dass sie das noch durchmachen müssen.« Dass sie ein solches Interview in der DDR niemals hätte geben können, kommt ihr nicht in den Sinn. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Ausnahmesituationen, persönliche oder gesellschaftliche, Menschen dazu bringen, eher an Verschwörungsideologien zu glauben.
Diese Verunsicherung nutzen Rechtsextremist:innen gezielt aus und bieten Erklärungen, die vermeintlich helfen, die Kontrolle über das Leben zurückzuerlangen – das eigene und das der Gesellschaft. Die Kontrolle muss dabei nicht real sein, es reicht das Wissen, dass eine subjektiv wahrgenommene Ordnung wiederhergestellt wird und dass sie nicht selbst für die Situation verantwortlich sind. Für die Frau ist es entsprechend einfacher zu denken, es gäbe eine Verschwörung gegen die Bevölkerung, als dass ein Virus sie vermeintlich ins Chaos stürzen könnte.
Ötsch hat bei der Finanzkrise 2009 beobachtet, dass besonders die Neuen Rechten Verschwörungsideologien verbreiten. Auch eine Studie zu Fake News im Bundestagswahlkampf 2017 zeigt, dass sieben von zehn Falschmeldungen am stärksten von Anhängern der AfD verbreitet wurden. Warum ist das so?
»Im verschwörungstheoretischen Denken wird die Welt aus einer Handlungsperspektive betrachtet. Das heißt, es gibt jemanden, der handelt und der damit auch verantwortlich ist«, erklärt Ötsch. Diese Personen oder Gruppen könne man moralisch bewerten, in gut und böse einteilen, und – sozusagen als Lösung aller Probleme – einfach austauschen. Strukturen hinter den moralisch als böse wahrgenommenen Personen spielen weniger eine Rolle. In der Krise bietet das die schnelle Lösung, die sich verunsicherte Menschen dann oft wünschen. Oft trifft das Politiker:innen wie Angela Merkel, die von »Merkel muss weg!«-grölenden Rechtsextremist:innen als das absolut Böse wahrgenommen wird.
Fragt man Hedwig Richter, spielt noch etwas anderes eine Rolle. Richter lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Bundeswehruniversität in München. Sie erklärt: »Im rechtsextremen Denken gibt es ja ein ganz grundsätzliches Misstrauen gegenüber der sozialen und liberalen Demokratie und ein fundamentales Problem mit den Grundwerten unserer Gesellschaft und dem repräsentativen System.«
Ein System, das sie als im Untergang beschreiben. Dieses Szenario, das sich immer wieder in Verschwörungsideologien wiederfindet, lässt sich gleich doppelt in rechtsextremistisches Denken einbinden. Erstens, wird mit einem drohenden Untergang der Gesellschaft eine diffuse Angst erzeugt. Die wiederum macht die Menschen anfälliger für Verschwörungstheorien. Und zweitens können sich Rechtsextremist:innen dann als Retter inszenieren. Pegida hat genau das getan. Mit der vermeintlichen drohenden Islamisierung haben die Pegida-Anhänger ein Bild aufgebaut, das sich heute in der Rede vom sogenannten großen Austausch der Bevölkerung wiederfindet, einer frei erfundenen und teilweise im Bundestag wiederholten Verschwörungstheorie. Gleichzeitig inszenieren sich die Demonstrant:innen als diejenigen, die Deutschland genau davor bewahren können. Befindet sich eine Gesellschaft in einer Krise, zeigen sich eventuell tatsächlich Anzeichen für Probleme, die dann als Untergangszeichen gedeutet werden.
Der Soziologe Matthias Quent schreibt in seinem Buch »Deutschland rechts außen«, dass das Schüren von Angst ein wichtiges Instrument totalitärer Herrschaft ist, weil sie Rechtfertigung für jede politische Maßnahme bietet.
Dazu gehört gegebenenfalls auch Gewalt, wie die »Widerstand«-Brüller bei Demonstrationen immer wieder zeigen. Und auch der rechtsextreme, norwegische Terrorist Anders Breivik sah sich im Sommer 2012 im Recht, 77 Menschen zu töten und mehrere hundert zu verletzen.
Als Angela Merkel sich 2015 entschied, die deutschen Außengrenzen nicht zu schließen, war das die Folge einer massiven Handlungsnot. Aus der Krise folgte eine weitere Krise. Was es bedeutet, im ständigen Krisenmodus zu handeln und Entscheidungen für mindestens 82 Millionen Menschen zu treffen, ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Es bedeutet nämlich einerseits, unterschiedliche, sich oft widersprechende Interessengruppen hinter sich zu haben und andererseits, möglichst schnell handeln zu müssen.
Das nutzen Rechtextremist:innen aus. Besonders deutlich sieht man das an der AfD. War es zu Beginn der Corona-Krise noch still um die Partei, wurde sie später umso lauter. Innerhalb der Partei gab es aber schon früh Politiker:innen, die Verschwörungsideologien zum Virus verbreiteten und versuchten, Geflüchtete für die Verbreitung verantwortlich zu machen.
Der Vorteil: Wer nicht an der Regierung beteiligt ist, muss sich nicht rechtfertigen oder Folgen abschätzen. So können Rechtsextremist:innen mit Verschwörungsideologien jede Handlung des demokratischen Systems angreifen. »Sie wissen alles anders und sie wissen alles besser. Sie stellen grundsätzlich die Demokratie in Frage«, erklärt Hedwig Richter von der Bundeswehruniversität München.
Die Frontfiguren der Rechtsextremen und Verschwörungsideolog:innen »waren häufig Personen, die früher mal wichtig waren, aber jetzt weniger Anhänger haben oder beruflich abgestiegen sind, dann jedoch gemerkt haben, dass sie so Publikum bekommen«, sagt Silke Ötsch. Dieses breite Publikum versuchen Rechtsextremist:innen, weiter an sich zu binden.
Wenn der FDP-Politiker Kemmerich neben Rechtsextremist:innen eine schnelle Lockerung der Einschränkungen fordert, dann macht er das höchstwahrscheinlich nicht aus rechtsextremen Gründen. Er fordert das für die Wirtschaft, die maßgeblich unter der Krise leidet. Damit zeigt er aber auch, dass wirtschaftliche Akteure bereit sind, sich mit Rechtsextremist:innen zu verbünden. Es wäre auch nicht das erste Mal.
So beschreibt der Journalist Christian Fuchs, wie mittelständische Unternehmen Vorfeldorganisationen der Neuen Rechten finanzieren, weil sie befürchten, ihre Privilegien zu verlieren. Ähnliches sagt Silke Ötsch: »In Amerika wurden systematisch Think-Tanks aufgebaut, die den Klimawandel leugnen sollten.« Das sei bislang ein eher amerikanisches Phänomen gewesen. »Aber inzwischen gibt es Strukturen, die mit zivilgesellschaftlichem Anstrich rechts-libertäres Gedankengut verbreiten.« Ein Beispiel für einen solchen Akteur ist der »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten e.V.«, der wiederum vom Milliardär August von Finck finanziert wird.
Und so profitieren Rechtsextremist:innen in der Krise gleich mehrfach: Ihre Verschwörungsideologien verfangen in einer verunsicherten Bevölkerung. Und gleichzeitig werden sie von Unternehmen gefördert, die Veränderungen verhindern wollen, die nicht in ihrem Sinne sind. Szenenwechsel: Der Spitzenpolitiker Andreas Kalbitz, zu diesem Zeitpunkt Mitglied der AfD, sitzt mit Schüler:innen zusammen, als er sich nicht mehr halten kann und seiner Wut freien Lauf lässt. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg sei ein »zopfgesichtiges Mondgesichtmädchen«, ein anwesender Schüler von der Schule »dauerrotlichtbestrahlt«. Kalbitz, ein 47-jähriger Mann, lebt in einer Welt, die sich nicht so verändert, wie er das will. Darüber ist er sehr wütend.
Hedwig Richter weiß, woher diese massive Wut kommt: »Wenn man sich diese Männer mit Glatze und geballter Faust auf den Straßen anschaut, dann ist das total nachvollziehbar. Deren Welt ist am Ende!« Was sie meint: Es gibt keine klaren Hierarchien mehr, der soziale und gesellschaftliche Wandel schreitet enorm schnell voran. Auf einmal soll es also böse sein, ein Dieselauto zu fahren? Richter gibt ein Beispiel: »Vor 15 Jahren konnte Barack Obama keinen Wahlkampf mit der Homo-Ehe machen, sie war schlicht zu umstritten. Heute ist sie in den meisten westlichen Demokratien mehrheitlich akzeptiert.«
Für Rechtsextremist:innen ist das ein Problem und eine Chance. Einerseits verlieren sie tatsächlich an Einfluss, wenn marginalisierte Gruppen Mitspracherecht bekommen. Gleichzeitig lässt sich aber auch in Nicht-Krisenzeiten beobachten, dass es Abwehrreaktionen gibt, die in Verschwörungsideologien münden. »Als in den USA das Wahlrecht für schwarze Männer eingeführt werden sollte, gab es eine starke Bewegung gegen das gesamte demokratische System. Und auch der Nationalsozialismus war
