Devon@Bruns_LLC - Bianca Nias - E-Book

Devon@Bruns_LLC E-Book

Bianca Nias

0,0

Beschreibung

Ausgerechnet Kunuk! Devon ist wenig erbaut, von dem Commander der Navy Seals aus seiner Gefangenschaft befreit zu werden, dafür waren die beiden Hitzköpfe schon zu oft aneinandergeraten. Doch Siku Kunuk und einige Gedächtnislücken sind nicht seine einzigen Probleme - Devon kann seine Wolfsgestalt nicht annehmen. Jetzt muss sich Devon bei ihrer Flucht vor den Verfolgern und bei dem Versuch, seine Erinnerungen wieder zu erlangen, nicht nur Sikus Führung anvertrauen, sondern sich auch der merkwürdigen Gefühle erwehren, die der Bär plötzlich in ihm auslöst … Band 4 der Bruns LLC

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 431

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Devon@Bruns_LLC

Wolfsblut

Band 4 und letzter Teil der Bruns-Reihe

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2015

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Toni Kuklik

Bildrechte:

© Fxquadro – fotolia.com

© Volt Collection – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-22-7

ISBN 978-3-945934-23-4 (epub)

Klappentext:

Ausgerechnet Kunuk! Devon ist wenig erbaut, von dem Commander der Navy Seals aus seiner Gefangenschaft befreit zu werden, dafür waren die beiden Hitzköpfe schon zu oft aneinandergeraten. Doch Siku Kunuk und einige Gedächtnislücken sind nicht seine einzigen Probleme – Devon kann seine Wolfsgestalt nicht annehmen.

Jetzt muss sich Devon bei ihrer Flucht vor den Verfolgern und bei dem Versuch, seine Erinnerungen wieder zu erlangen, nicht nur Sikus Führung anvertrauen, sondern sich auch der merkwürdigen Gefühle erwehren, die der Bär plötzlich in ihm auslöst …

Widmung

Für meine Actionabteilung – ich danke meinem wundervollen Ehemann für seine Unterstützung. Wenn beim Abendessen Actionszenen mit Salzstreuern und Ähnlichem ausgearbeitet werden, bringt mich das immer wieder zum Lachen.

Für Sandra, Petra, Christiane und Christian, mein Team im eigentlichen Job – ihr seid einfach klasse!

Und für meine Verlagsfamilie (mein Giraffenrudel)! Eine bessere hätte ich nirgendwo anders antreffen können! Unkonventionell, liebenswürdig, manchmal ein wenig chaotisch, aber herzensgut – das seid ihr!

Kapitel 1

»Sie haben ihn!«

Marc stürzte in die Computerzentrale ihres Stammsitzes im hessischen Reinhardswald. Vor Aufregung und wahrscheinlich auch wegen des Sprints, den er bis hierher zurückgelegt hatte, war sein Gesicht rot angelaufen und er keuchte angestrengt. Tajo konnte gerade noch seine Arme ausbreiten, bevor sich Marc mit einem erstickten Stöhnen an seine Brust warf und ihn fest drückte. Umgehend erwiderte er die Umarmung und spürte gleichzeitig, wie Marc aufatmete. Die Spannung der letzten Wochen schien mit einem Schlag von ihm abzufallen und auch in Tajo machte sich das Gefühl der Erleichterung breit.

»Sie haben Devon? Wann? Wo? Unverletzt?«, fragte er sofort nach. Endlich gute Neuigkeiten von ihren Freunden aus Russland!

»Ja, sie haben ihn befreien können, vor etwa einer Stunde. Mehr weiß ich noch nicht, auch nicht, ob er unverletzt ist. Chip hat dies nur kurz durchgegeben, dann musste er wieder auflegen. Ich glaube, sie müssen erst einmal ihre Verfolger abschütteln.« Wie gewohnt gelang es Marc wesentlich besser als ihm, trotz der Aufregung die Informationen in strukturierte ganze Sätze zu verpacken.

»Ich muss Jon Bescheid geben«, erwiderte Tajo und drückte Marc einen Kuss auf den Kopf. Sofort löste sich sein Freund aus seiner festen Umarmung.

»Mach das. Ich werde in der Zwischenzeit Ric und Daniel benachrichtigen.« Marc wandte sich einem der vielen Computer zu und gab noch im Stehen rasend schnell etwas auf der Tastatur ein, wohl um einen Videoanruf nach Brasilien zu starten. Dabei hangelte er gleichzeitig mit einem Fuß nach einem nahestehenden Bürostuhl und beugte sich so aufreizend nach vorn, dass sich Tajo einen leichten Klaps auf seinen Hintern nicht verkneifen konnte. Sein Freund quittierte das jedoch nur mit einem Lächeln, denn auf dem Bildschirm erschien ein Fenster, das anzeigte, dass Ric den Anruf entgegen nahm.

»Ich hoffe für dich, Marc, dass es wichtig ist. Hast du mal auf die Uhr gesehen?«, brummte der Panther verschlafen. Unwillkürlich rechnete Tajo den Zeitunterschied nach. Stimmt, in Brasilien war es mitten in der Nacht, deshalb war wohl auch der Bildschirm noch fast schwarz und Ric nur als Schemen erkennbar.

»Sie haben Devon befreit«, platzte Marc nun aufgeregt heraus.

»Wann? Wo? Unverletzt?« Ric schien plötzlich hellwach zu sein und Tajo schmunzelte leicht, da der Panther genau seine Worte benutzte. Tajo zog sein Handy aus der Hosentasche und ließ Marc in der Computerzentrale allein, um den Rest der Familie zu informieren. Vielleicht würde sich ab jetzt endlich alles zum Guten wenden. Das wünschte er jedenfalls inständig.

***

Siku stöhnte entnervt auf. Warum nur hatte er genau das Fahrzeug geklaut, das kaum Motoröl hatte? Zum wiederholten Male warf er einen Blick auf die rot leuchtende Warnlampe. Aber auch sein stummes Bitten und Flehen, sie möge kaputt sein und nicht bereits seit mehreren Kilometern anzeigen, dass irgendetwas mit dem Öldruck nicht stimmte, half nicht. Mit einem leichten Ruckeln ging der Motor aus. Okay, das war’s dann.

»Fuck«, murmelte er leise und erlaubte sich einen winzigen Gefühlsausbruch, indem er frustriert mit der Faust auf das Lenkrad schlug. Der Wagen rollte langsam aus und Siku lenkte ihn zum Straßenrand hinüber. Ausgerechnet hier, ausgerechnet jetzt. Ringsum war nichts als die unbewohnte Steppe des sibirischen Hinterlandes zu sehen. Soweit er die Landkarte im Kopf hatte, waren sie mehr als 100 Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt. Also gab es keine Möglichkeit, motorisiert ihre Flucht fortzusetzen. Nicht einmal ein Baum oder ein Gebüsch waren weit und breit zu sehen, wo er ihr liegen gebliebenes Fahrzeug hätte verbergen können. Er brummte missmutig und langte in seine Hemdtasche nach seinem Handy. Na klar, kein Netz. Was hatte er auch anderes erwartet. Hier wäre jetzt ein Satellitentelefon oder ein Funkgerät angebracht, nur hatte er Letzteres bei dem kurzen Kampf eingebüßt. Einer der Gegner hatte ihm einen Tritt verpasst, dabei war es ihm wohl von der Gürteltasche abgerissen worden. Nach kurzem Zögern schaltete er das Handy komplett ab. Vielleicht war es sinnvoller, den Akku zu sparen – sofern dieser die Kälte der russischen Tundra überlebte.

Siku war sich im Klaren darüber, dass ihre Verfolger nicht weit entfernt sein konnten. Sein Vorsprung dürfte allenfalls eine halbe Stunde betragen. Er überlegte daher nicht lange, sondern stieg aus und öffnete die hintere Tür des Autos. Der scharfe Wind schlug ihm in den Nacken und sein Atem bildete kleine Dampfwolken, aber das machte ihm nichts aus. Als Sohn eines Polarbären und einer Braunbärin war er schließlich gegen solch widrige Wetterverhältnisse fast immun. Viel eher beunruhigte ihn, dass der verletzte Wolf gleich ungeschützt der Kälte ausgesetzt sein würde. Hm, es war zwar jetzt, gegen Ende April, bereits Frühling und das Thermometer knapp im Plus-Bereich, aber in der Nacht würden die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt sinken.

Devon lag in seiner menschlichen Gestalt quer über der Rückbank, genau so, wie er ihn vor einer guten Stunde dorthin verfrachtet hatte. Der Wolf hatte sich seitdem weder gerührt noch einen Laut von sich gegeben, aber Siku hatte nicht einmal die Zeit gehabt, sich um ihn zu kümmern. Geschweige denn, seinen Gesundheitszustand zu überprüfen.

Alles war rasend schnell gegangen, exakt wie geplant. Nur, dass er beim Verlassen des gegnerischen Unterschlupfs von Sidney und Chip getrennt wurde, nachdem er sich Devon gegriffen hatte, war nicht beabsichtigt gewesen. Klar, sie hatten diese Möglichkeit zuvor mit einkalkuliert und einen Plan B vorbereitet. Dieser sah jedoch vor, sich spätestens morgen in Nowosibirsk zu treffen, wo die befreundeten Polarfüchse ihnen helfen sollten, schnellstmöglich das Land zu verlassen.

»Na dann – Plan C«, brummelte Siku vor sich hin. Plan C war schließlich einfach – jeder versuchte auf seine Art, die eigene Haut zu retten.

Rasch beugte er sich über Devon und ignorierte, dass der Mann fürchterlich stank. Kein Wunder, Devon trug noch immer die gleiche Militäruniform, wie bei seiner Entführung vor mehreren Wochen. Jedenfalls das, was noch davon übrig war. Das Hemd war an mehreren Stellen zerrissen und gab den Blick auf zahlreiche Blessuren an seinem Oberkörper frei. Schnitte, Prellungen, Schürfwunden, manche davon eiterten. Gut, die Hose war noch halbwegs unversehrt – hoffentlich war auch darunter noch alles heil. Das würde er später überprüfen müssen, jetzt hatte er hierzu keine Zeit.

Der Atem des Wolfes ging flach und Siku griff nach seiner Halsschlagader, um nach dem Puls zu tasten. Viel zu langsam. Mist, verdammter. Zudem fühlte er unter seinen Fingerspitzen, dass Devon Fieber hatte. Das sah wirklich nicht gut aus.

Warum nur hatte Devon sich nicht verwandelt? In seiner jetzigen Gestalt mussten die Schmerzen doch wesentlich heftiger sein. Zudem heilten manche Wunden in ihrer tierischen Gestalt viel schneller. Siku schüttelte nachdenklich den Kopf. Es half nichts, sie mussten erst einmal hier weg. Inmitten der weiten Ebene fühlte er sich wie auf einem Präsentierteller.

Nur kurz überlegte er, ob er sich die Mühe machen sollte, das Auto in den Straßengraben zu schieben und zu versuchen, es irgendwie zu verbergen. Nein, das konnte er sich sparen. Außer ein paar spärlichen Gräsern, die aus den Schneeresten herausragten, die jedoch allesamt für solche Zwecke nicht hoch genug waren, war nichts vorhanden. Rasch öffnete er den Kofferraum. Wie erwartet lagen dort eine Decke und ein Verbandskasten, die Russen waren in der Regel auf so etwas vorbereitet. Beides würde er gut gebrauchen können. Eilig stopfte er den Inhalt des Verbandskastens in seine Taschen, wickelte die Decke um Devons Körper und hob ihn auf seine Arme. Umgehend verfiel er in einen stetigen Trab und schlug sich seitlich der Straße in das unwegsame Gelände.

Dabei achtete er peinlich genau darauf, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen, auch wenn er wusste, dass dies kaum etwas nutzen würde. Schließlich verfügten auch ihre Verfolger über hervorragende Sinne und würden nicht lange brauchen, um seine Fährte aufzunehmen. Sein Blick richtete sich automatisch gen Himmel. Er war bedeckt, aber leider nicht genug, um einen Regenschauer anzukündigen. Mit Schneefall war in dieser Jahreszeit kaum mehr zu rechnen, auch wenn es noch immer empfindlich kalt war.

Die Schneeschmelze hatte eingesetzt, der gefrorene Boden verhinderte jedoch, dass das Wasser versickerte. Bewusst wählte Siku seinen Weg durch schmale Wassergräben, die die Steppe durchzogen, um seine Spuren zu verwischen. Der Boden unter seinen Armeestiefeln gab leicht nach und der dichte Bewuchs mit Flechten, Moosen und Gräsern richtete sich sofort wieder auf, nachdem er darauf getreten war. Prima, jetzt wurden zwar seine Füße nass, aber das sollte seine Fährte fast unkenntlich machen. Vielleicht hatten sie ja doch eine Chance, ihre Feinde abzuschütteln.

Mehr als 30 Kilometer hatte er bereits in seinem stetigen Trab zurückgelegt, als seine Arme anfingen, zu schmerzen. Warum nur konnte Devon nicht in seiner kleineren Wolfsgestalt sein, dann wäre es nun wesentlich leichter, ihn zu tragen! Mittlerweile war eine Hügelkette in der Ferne sichtbar, auf die er zusteuerte. Zwar waren die Gipfel der schroffen Berge noch immer schneebedeckt, aber sie versprachen mehr Schutz, als diese nicht enden wollende Ebene.

Zudem dämmerte es bereits, es war dringend notwendig, einen geeigneten Platz zu suchen, an dem er ein Feuer machen konnte, ohne dass es meilenweit sichtbar war. Wenn er Devons Wunden notdürftig versorgen wollte, brauchte er vor allem kochendes Wasser, um sie möglichst keimfrei auswaschen zu können.

Bis Siku die Bergkette erreichte, war es bereits stockdunkel. Innerlich verfluchte er erneut ihre missliche Lage. Wenn er sich jetzt wenigstens wandeln könnte! In seiner Bärengestalt war es einfach, mitten in der Dunkelheit einen Unterschlupf zu finden. Sein Instinkt würde ihm schon den Weg weisen. Nein, dann hätte er keine Möglichkeit, Devon zu tragen. Aber so war es schwierig, sich in dem unwegsamen Gelände zu bewegen, ohne sich die Haxen zu brechen. Immer wieder blieb er stehen, um sich zu orientieren und dabei einen Blick zurück zu werfen, ob ihm jemand folgte. Gottlob, es sah nicht danach aus. Vielleicht war es doch von Vorteil, dass er von Sidney und Chip getrennt worden war, denn so hatten seine Freunde wahrscheinlich die Gelegenheit gehabt, ihre Gegner von seiner und Devons Spur abzulenken. Müde stapfte er weiter voran, das Gewicht in seinen Armen schien sich wiederum verdoppelt zu haben. Fuck, er brauchte dringend eine Pause, in dieser Gestalt konnte er das stetige Tempo nicht weiter aufrechterhalten.

Der Weg entlang der Hügelkette wurde steiler und war übersät mit Geröll, das immer wieder unter seinen Stiefeln wegrollte und ihn ins Rutschen brachte. Kurzentschlossen hob er den Wolf über seine Schulter, um wenigstens eine Hand zum Klettern freizuhaben. Devon war sowieso noch immer bewusstlos, er würde es gar nicht mitbekommen, dass er nun etwas würdelos wie ein Sack Kartoffeln geschultert wurde. In der Dunkelheit ragte ein schroffer Steilhang vor ihnen auf. Vorsichtig suchte er einen Weg über das Geröll zu seinem Fuße, immer darauf bedacht, nicht auszugleiten. Oh, prima, fast wie gewünscht tat sich nach einer Felsnase ein Spalt im Gestein vor ihm auf. Groß genug, um sie beide für ein paar Stunden zu beherbergen, vor allem windgeschützt und kaum einsehbar. Mit letzter Kraft schleppte er Devon in den Felsspalt und legte ihn vorsichtig auf dem harten Boden ab.

Nur kurz schnaufte er durch, lockerte seine verspannten Muskeln und strich sich erschöpft durch sein Gesicht. Dann machte er das, was er sich die letzten Stunden am meisten gewünscht hatte – er zog seine Kleidung aus, deckte Devon damit zusätzlich zu und verwandelte sich in den Bären, der er war.

Ein wohliger Schauer raste über seinen Rücken, er streckte sich behutsam und hob angeregt die Nase in die Luft. Jetzt konnte er viel besser riechen und sich ein genaues Bild von seinem Umfeld machen – ein befreiendes Gefühl, das ihm noch mehr Sicherheit gab. Der scharfe Wind schlug ihm entgegen, aber er trug nichts als die Gerüche der menschenleeren Wildnis zu ihm. Klasse, er schien ihre Verfolger tatsächlich abgehängt zu haben.

Sofort machte er sich auf die Suche nach geeignetem Brennmaterial. Ein wärmendes Feuer zu entfachen, hatte jetzt höchste Priorität, dafür kam ihm auch den Geruch einer nahen Rentierherde sehr gelegen. Trockener Dung war das Einzige, was ihm zum Feuermachen in dieser baumlosen Steppe zur Verfügung stand. Vielleicht hatte er später noch ein wenig Zeit, um die schmackhaften Wiederkäuer zu jagen. Hunger hatte er sowieso, wie immer, aber er war es gewohnt, notfalls tagelang auf Essen zu verzichten.

Nur, Devon würde etwas zu essen brauchen, um zu Kräften zu kommen – wenn er denn mal aufwachen würde. Deutlich hatte er gesehen und auch unter seinen Händen fühlen können, wie abgemagert der Wolf war, anscheinend hatte er kaum Nahrung bekommen. Also, vielleicht sollte er die Suche nach dem Brennmaterial mit einer kurzen Jagd verbinden, auch wenn er ziemlich fertig war.

Lautlos schlich er sich entgegen der Windrichtung an die Rentiere heran, die sich in der Dunkelheit zum Schutz eng zusammengerottet hatten. Das Licht einiger Sterne, die am leicht bewölkten Himmel zu sehen waren, reichte ihm gerade aus, um sich zu orientieren. Im Gegensatz zu manch anderen Raubtieren waren seine Augen nicht besonders an die Finsternis angepasst – er sah mit ihnen nachts nicht besser, als ein Mensch. Sikus Blick flog prüfend über die kleine Herde, um deren schwächstes Glied auszumachen. Die Tiere waren nervös, sicherlich sahen sie ihn kommen. Schließlich leuchtete sein fast weißes Fell im fahlen Licht der Sterne wie die Signallampe eines Leuchtturmes. Die Fellfarbe hatte er hauptsächlich seinem Eisbär-Vater zu verdanken, wenn er sich auch glücklich schätzte, nicht dessen schwarze Haut geerbt zu haben. Er sah sowieso aus wie ein Freak. Der lange Hals, die kürzeren Hinterbeine, die viel zu kleinen Ohren – er hatte sich in seiner Jugend viele Schmähungen der anderen Braunbären, unter denen er aufwuchs, anhören müssen. Verärgert verdrängte er die abschweifenden Gedanken, sie gehörten nun wirklich nicht hierher.

Da, ein junges Kalb, das sich an seine Mutter drängte. Offenbar ein zu früh geborenes Junges, denn die eigentliche Zeit zum Kalben war noch gar nicht gekommen. Das Baby stakste auf den noch viel zu langen Beinen mühsam neben seiner Mutter her. Ein winziger Happen, mehr versprach das kleine Ding nicht. Nun gut, für ihre Zwecke musste es genügen. Siku zögerte nicht und sprintete los. Sekunden später erreichte er das Kalb und tötete es mit einem gezielten Prankenschlag.

Sorry, Kleines, aber deine Überlebenschancen waren sowieso verdammt gering.

Die anderen Rentiere ergriffen sofort die Flucht und Siku hoffte, dass der Aufruhr keine Verfolger auf ihn aufmerksam machen würde. Er hielt inne und prüfte sorgsam die Umgebung. Nein, nichts. Schnell verwandelte er sich wieder in seine menschliche Gestalt, schulterte das kleine Kalb und sammelte eine große Menge trockenen Dung auf. Das sollte für die Nacht genügen.

Zurück in der kleinen Felsspalte schaute er sofort nach, ob sich der Zustand des Wolfes verändert hatte. Zur fieberheißen Haut und dem schwachen Puls war ein heftiges Zittern hinzugekommen. Siku beeilte sich daher, ein paar größere Steine zu sammeln, um eine Feuerstelle zu bauen. Dabei verzichtete er darauf, sich wieder anzuziehen – die Kälte machte ihm auch in dieser Gestalt nichts aus und Devon konnte seine Kleidung als zusätzliche Decken gut gebrauchen. Einen Teil des trockenen Dungs legte er in den errichteten Steinkreis hinein und holte sein Feuerzeug aus einer seiner Hosentaschen. Es dauerte nicht lange und aus einem schwachen Glimmen wurde ein stetiges Glühen, das genug Hitze abgab, um Wasser abzukochen. Hastig durchwühlte er seine Jackentaschen. Aha, da war er – ein zusammengefalteter Topf, aus einem robusten, nylonartigen Material, zusammen mit seinem klappbaren Essbesteck. Die Grundausrüstung eines Navy Seals, um sich in der Wildnis versorgen zu können. Nicht weit vom Eingang der Felsspalte entfernt bahnte sich Schmelzwasser den Hang hinab und er brauchte nicht lange, um den kleinen Topf zu füllen. Geschickt verankerte er ihn mithilfe der Steinbrocken über dem Feuer. Während er darauf wartete, dass das Wasser kochte, zog er vorsichtig das kaputte Hemd von Devons geschundenem Oberkörper und deckte ihn wieder sorgsam zu. Anschließend riss er das sowieso schon zerfetztes Kleidungsstück in Streifen und kochte sie aus. Er holte frisches Wasser, das er ebenfalls zum Kochen brachte, um damit die Wunden zu säubern. Erst jetzt machte er sich daran, Devon vorsichtig aus dem Kleiderberg herauszuschälen, ihn vollständig auszuziehen und ihn gründlich zu untersuchen. Zwar war er kein Arzt, aber in seiner Grundausbildung bei den Marines hatte er etliches gelernt, was ihm jetzt zugutekam. Zudem war der Inhalt des Verbandskastens nun Gold wert.

Siku arbeitete schnell und präzise, mit militärischer Gründlichkeit. Die Schrift auf den Salben war zwar kyrillisch, aber er hatte bereits während seiner Kindheit in Alaska Russisch gelernt, sodass er sie ohne Mühe entzifferte. Die Brandsalbe ließ er links liegen, denn keine der Wunden sah nach Verbrennungen aus. Eher waren sie durch Messerschnitte und Schläge hervorgerufen worden. Nun ja, das war auch nicht besser. Sorgsam wusch er die Wunden am Oberkörper aus, tupfte sie gründlich trocken und trug eine Wund- und Heilsalbe auf, bevor er sie mit Mullbinden und Pflastern aus dem Verbandszeug abdeckte. Dabei gestattete er es sich, zum ersten Mal seit Stunden, seine Gedanken schweifen zu lassen. Mein Gott, was hatten sie Devon nur angetan? Siku hatte als Navy Seal schon viel erlebt und einiges gesehen, was anderen Leuten Albträume bescheren würde. Eigentlich hielt er sich für hartgesotten und eher abgestumpft gegenüber jedweder Art von Leid. Weshalb berührte ihn Devons Zustand dann so sehr? Vielleicht, weil er sich dafür verantwortlich fühlte? Wenn er sich damals auf dem Flughafen anders entschieden und vorausschauender verhalten hätte, wäre Devon erst gar nicht in diese Lage gekommen. Und Old Bear wäre noch am Leben. Er hatte versagt. Das erste Mal, seitdem er zum Commander ihrer Einheit befördert worden war, hatte er im Einsatz einen seiner Männer verloren und ein weiterer war entführt worden – auch wenn Devon und Old Bear als Zivilisten nicht wirklich zu seiner Truppe gehörten, aber an diesem Tag hatten sie unter seinem Kommando gestanden. Hastig schüttelte er diese Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf seine Tätigkeit.

Langsam arbeitete er sich an dem geschundenen Körper nach unten. Okay, die Verletzungen schienen sich auf den Oberkörper zu beschränken. Vorsichtig drehte er Devon auf den Bauch, um an seinen Rücken heranzukommen. Auch hier galt es, etliche kleinere Schnitte zu versorgen, die Prellungen mussten von allein verheilen. Nur kurz zögerte er, als er sich bis zu Devons Hintern vorgearbeitet hatte. Es half nichts, er musste nachsehen. Behutsam zog er die Backen auseinander. Uff, Gott sei Dank, er war wohl nicht vergewaltigt worden.

Aber warum nur war er in einem solchen schlechten Gesundheitszustand? Die Blessuren waren zwar schlimm, rechtfertigten aber nicht diese tiefe Bewusstlosigkeit und das hohe Fieber. Nun, er wusste eine Möglichkeit, das herauszufinden. Siku verwandelte sich wieder in einen Bären und schnupperte. Mit der Nase fuhr er an Devons Kopf entlang, bis zu seinem Hals hinab. Eingehend prüfte er den Geruch, zerlegte ihn in einzelne Bestandteile. Ah, okay, da war etwas, das nichts mit Devons eigenem Körpergeruch zu tun hatte. Da war etwas Metallisches und auch der Hauch einer chemischen Substanz. Wahrscheinlich hatten sie ihm Drogen oder irgendetwas anderes verabreicht. Aber woher kam dieser metallische Geruch? Er wanderte mit der Nase am Rücken entlang bis in den Lendenwirbelbereich hinein. Hier war der Duft am stärksten.

Umgehend verwandelte er sich zurück und fuhr mit den Fingerspitzen über die Haut. Aha, dort war eine kleine, längliche Erhebung, nicht größer als ein Reiskorn, die sich wie eine Verhärtung anfühlte.

Siku suchte aus seinen Jackentaschen sein Armeemesser heraus und desinfizierte die Klinge in dem kochenden Wasser.

Entschuldige, Devon, das muss jetzt sein!

Vorsichtig schnitt er genau neben der Verhärtung durch die Haut. Scheiße, was war das? Er pulte eine winzig kleine, silberfarbene Kapsel mit der Messerspitze heraus und drehte sie zwischen seinen Fingerkuppen. So etwas hatte er noch nie gesehen. War dieses kleine Ding für Devons Zustand verantwortlich? Oder war es gar ein Sender, mit dem sie ihre Spuren verfolgen konnten? Nein, dafür war es zu klein. Vielleicht konnten die Polarfüchse herausfinden, um was es sich hierbei handelte.

Rasch schraubte er den Griff seines Armeemessers auf, in dem trockene Streichhölzer und eine Angelschnur mit Haken verstaut waren. Er nahm sie heraus und ließ dafür das kleine Objekt in den Hohlraum des Griffes fallen, bevor er ihn wieder verschloss.

Jetzt musste er zusehen, wie er Devon etwas zu trinken und Aspirin einflößen konnte, um endlich das Fieber zu senken. Siku zog Devon wieder seine Hose über, auch wenn sie vor Dreck starrte. Dafür hüllte er den Oberkörper des Wolfes in sein eigenes T-Shirt und zog Devon seine wärmende Jacke über. Hm, der schmale Mann versank praktisch in seinen großen Sachen – egal, Hauptsache, er hatte es warm und trocken. Ihm selbst blieb nur sein Hemd, aber das musste ausreichen.

Er wechselte erneut das Wasser in dem Kochtopf, zerlegte nebenbei seine Beute und begann, aus den nahrhaften Innereien und kleinen Fleischstreifen eine Brühe herzustellen. Ein paar Löffel der warmen Suppe schöpfte er in das Plastikröhrchen mit den Aspirin und löste vier Tabletten hierin auf. Nur gut, dass er es wohlweislich zu ihrer Rettungsaktion mitgenommen hatte.

»Komm, Kleiner, das musst du jetzt trinken«, murmelte Siku leise. Er überstreckte den Kopf des Mannes, fixierte mit einer Hand seinen Kiefer und flößte ihm langsam die Mischung ein. Dabei achtete Siku darauf, dass der Schluckreflex dafür sorgte, dass Devon das Zeug auch wirklich zu sich nahm, ohne es in die falsche Kehle zu bekommen. Okay, super, das war’s fürs Erste. Mehr konnte er zurzeit nicht für den Wolf tun. Jetzt konnte er sich selbst ein wenig ausruhen. Aufatmend verwandelte er sich erneut in seine Bärengestalt, streckte sich neben dem Feuer aus und machte es sich gemütlich. Dann zog er den bewusstlosen Mann mit seinen großen Pranken vorsichtig an seine weiche Bauchseite heran, um ihn zu wärmen. Das sollte ausreichen, damit Devon in seiner Menschengestalt nicht in der Nacht erfror.

Morgen würden sie weitersehen, wie sie hier herauskamen, für den Rest der Nacht konnte er sich etwas Ruhe gönnen. Umgehend fiel der große Bär in einen leichten Schlaf.

***

In Gedanken versunken starrte Tajo auf die mit Fotos und Zetteln beklebte Tafel vor ihm, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Marc hatte die Idee gehabt, wie die Ermittler in amerikanischen Fernsehserien ihre Erkenntnisse über den möglichen Aufenthaltsort von Shirkou Soran auf so einem Fallbrett festzuhalten. Sie waren sich zwar nicht einig darüber, dass es notwendig war, den kurdischen Puma aufzuspüren, aber er hatte Marc schließlich überreden können. Wenn er Soran nicht bald fand und ausschaltete, würden dessen Angriffe auf ihre Familie niemals enden.

Klar, die Möglichkeit bestand, dass er entweder selbst dabei ums Leben kam oder umgehend ein Nachfolger Sorans Werk weiterführen würde, auch wenn es ihm gelänge, den Puma zu töten. Nur – hatte er eine andere Wahl? Nein. Die hatte er nicht. Daher hatte sein Mann, wenn auch widerstrebend, zugestimmt, ihm bei der Fahndung nach dem Puma zu helfen.

Zuletzt war Soran zwar in Afghanistan vermutet worden, aber alle anderen Informationen deuteten eher auf seinen Aufenthalt in der Türkei hin. Dort verdichteten sich die Hinweise auf seine Aktivitäten. Jon war noch immer dabei, von Berlin aus ein Netzwerk von Informanten aufzubauen, das ihnen dabei helfen sollte, ihn aufzuspüren. Nur, Old Bears Tod und Devons Entführung hatten sie ein großes Stück zurückgeworfen.

Der schwarze Wolf hatte bereits etliche brauchbare Informationen ausgegraben und an ihn übermittelt, bevor sie gezwungen waren, gemeinsam mit den Navy Seals den Anschlag auf den Frankfurter Flughafen zu vereiteln. Glücklicherweise war ihnen dies gelungen, die Folgen einer Bombenexplosion auf Europas bedeutendstem Passagier- und Frachtflughafen wären kaum absehbar gewesen. Und jetzt war es ihnen auch endlich geglückt, Devon aufzuspüren und zu befreien, wenn sie auch bislang noch keine Nachricht hatten, dass dieser auf dem Heimweg war. Der Kontakt nach Russland war unvermittelt abgebrochen und auch Nikolaj, ihr befreundeter Polarfuchs in Nowosibirsk, hatte noch keine neuen Informationen liefern können.

Es war zum Haareraufen. Nein, stopp, lieber nicht. Seine Löwenmähne war erst jetzt wieder vollständig nachgewachsen, da würde er es nicht riskieren, auch nur ein Haar zu verlieren.

Tajo spürte, wie Marc hinter ihn trat und sich umgehend an seinen Rücken schmiegte.

»Was überlegst du?«, fragte sein Freund leise nach.

»Nichts Bestimmtes«, gab Tajo zu. Gerade wollte er Marc in seine Arme ziehen, als ein schwaches, noch weit entferntes Geräusch ihn stutzen ließ.

»Da kommt ein Motorrad die Straße hinauf«, stellte er überrascht fest. »Erwarten wir Besuch?«

Marc schüttelte jedoch den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.«

Besorgt packte er Marcs Schultern. »Bleib. Hier. Drinnen.«

Ein spitzbübisches Lächeln huschte über das Gesicht seines Liebsten. »Vergiss. Es.«

Frustriert rang Tajo die Hände und stürmte aus dem Konferenzraum hinaus auf den Hof. Anscheinend war sein Freund entweder mit einem Bären oder einem Maulesel verwandt, so stur war er jedenfalls. Aber auch wenn ihm das nicht immer passte, dass Marc sich von ihm nichts sagen ließ – gerade das machte ihn unheimlich stolz auf seinen Mann.

Die Haustür öffnete sich und Keyla und Judd eilten ebenfalls hinaus. Hinter ihm betrat Marc den Hof, als gerade eine schwere Straßenmaschine auf ihr Anwesen einbog. Der Fahrer kam knapp vor ihm zum Stehen, schaltete umgehend den Motor aus und nahm seinen Helm ab.

»Hallo, Onkel Tajo, da bin ich!«

»Brian!«, entfuhr es ihm entsetzt. »Was machst du hier? Und verdammt noch mal, ich bin NICHT dein Onkel!«

Der junge Leopard verzog schmollend seinen Mund. »Na und? Du bist der Freund meines Vaters, du hast ihn davon überzeugt, dass ich Rugby spielen darf, anstatt zu studieren … für mich bist du eben so etwas wie der nette Onkel, den ich nie hatte.«

Mit einer nachlässigen Geste strich er sich durch seinen 500-Dollar-Haarschnitt und ordnete seine blonden Haare. Wütend funkelte Tajo ihn an. Was fiel dem Kleinen ein, einfach so unangekündigt hier aufzutauchen? Den Jungen konnte er jetzt keinesfalls hier brauchen. Wenn ihn nicht alles täuschte, war die kleine Diva sogar geschminkt! Jedenfalls waren diese dichten schwarzen Wimpern, die seine ausdrucksvollen hellbraunen Augen umrahmten, bestimmt nicht naturgegeben.

In diesem Augenblick kamen auch Hank, Liz und Paula aus dem Haus heraus. Ein strahlendes Lächeln erschien auf Brians Gesicht und er entblößte seine ebenmäßigen, strahlend weißen Zähne.

»Uiih, was für ein Empfangskomitee. Hallo, Onkel Hank!« An Tajo gerichtet fuhr er fort: »Willst du mich nicht einmal den Ladys vorstellen?« Brian legte seinen Helm auf dem Tank des Motorrads ab und verschränkte lässig seine Arme darauf.

Mit einem genervten Schnaufer fuhr Tajo zu den anderen herum, die wie erstarrt stehen geblieben waren und den Neuankömmling unverhohlen neugierig musterten, als wäre er ein exotisches Insekt.

»Leute, das ist Brian, Steven Lampards Sohn. Star und Rugby-Spieler der englischen Profi-Liga, vorlaute Nervensäge und ganz bestimmt nicht mein Neffe!« Damit wandte er sich wutschnaubend wieder dem Konferenzraum zu. Machten hier eigentlich alle, was sie wollten?

Er hörte noch, wie Marc hinter seinem Rücken leise auflachte und den Leoparden begrüßte. »Hi, ich bin Marc. Schön, dich kennenzulernen. Dann komm doch erst einmal rein.«

»Wenigstens ein netter Mensch hier«, nörgelte Brian unverblümt herum, wobei er das Wort »Mensch« besonders betonte.

Fluchend schlug Tajo die Tür des Nebengebäudes hinter sich zu. Dieses verwöhnte Muttersöhnchen hatte ihm jetzt wirklich noch gefehlt!

***

Siku wachte auf, da Devon sich zu regen begann. Verschlafen schob er seine Schnauze in den Nacken des Wolfes und prüfte mit der Nase seine Temperatur. Hm, diese war noch immer ziemlich hoch, aber das Fieber schien gesunken zu sein.

Aua! Unwillig brummte er auf, denn Devons Hände hatten sich ohne Vorwarnung in das Fell an seiner empfindlichen Bauchseite gekrallt. Wahrscheinlich hatte ihn die kalte und feuchte Nase im Genick erschreckt. Puh, dafür, dass Devon krank war, hatte er einen ziemlich festen Griff. Wollte er ihm die Haare dort einzeln ausreißen? Ein leises, etwas ersticktes Stöhnen drang jetzt an Sikus Ohren und er rückte hastig von dem Wolf ab. Hatte er den Kleinen versehentlich unter seinem Bärenkörper eingequetscht? Nein, denn Devon rutschte umgehend wieder an ihn heran, als suche er seine Nähe und Wärme. Der Wolf vergrub jetzt sein Gesicht in Sikus Brustfell und entspannte sich fühlbar.

Na toll, jetzt war Siku wach. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Widerstrebend öffnete er die Augen. Ein schwaches Glimmen war von seinem Feuer noch übrig, aber der Duft des aufgesetzten Eintopfes verriet ihm, dass dieser nun gut durchgezogen und das Fleisch gar war. Wobei, bei dem Hunger, den er hatte, würde er das Fleisch auch liebend gerne roh vertilgen. Wichtiger war aber, dass Devon jetzt etwas zu sich nahm, und dabei war es in menschlicher Gestalt eben ratsam, gekochtes Fleisch zu verzehren.

Vorsichtig machte er sich aus Devons Umklammerung frei und stand auf. Kurz prüfte er die Umgebung, aber nach wie vor schien sich niemand zu nähern.

Draußen war es noch immer stockdunkel, nur der Mond war am Himmel ein gutes Stück weiter gewandert. Seinem Stand am Firmament nach hatte er etwa vier Stunden geschlafen, das musste genügen. Schnell verwandelte sich Siku wieder in seine menschliche Gestalt und fachte das Feuer erneut an. Dann beugte er sich über Devon und tätschelte ihm leicht seine Wange.

»Hey, McMattock, aufwachen!«

Devon stöhnte jedoch nur und versuchte, sich seiner Hand zu entziehen.

»Komm schon, Wolf, du musst etwas essen. Wach auf!«, murmelte Siku leise und griff unter Devons Achseln, um ihn etwas aufzurichten. Behutsam ließ er sich mit dem Mann in seinen Armen im Schneidersitz nieder und zog Devon auf seinen Schoß, sodass sein Rücken an seiner Brust lehnte. Es half nichts, anscheinend würde er ihn füttern müssen. Mit einer Hand suchte er nach dem Essbesteck, klappte den Löffel heraus und begann, Devon damit langsam und vorsichtig etwas von der lauwarmen Brühe einzuflößen. Einiges ging daneben, bis er den Dreh raus hatte. Nach wenigen Löffeln wehrte sich Devon in seinen Armen auch nicht mehr gegen die Behandlung, sondern schluckte selbstständig. Dennoch hörte Siku bald darauf auf, es erschien ihm ratsam, erst einmal abzuwarten, ob Devon auch alles bei sich behalten konnte.

»Mehr«, krächzte Devon in seinen Armen jedoch unwillig.

»McMattock, mach langsam. Immer mit der Ruhe«, brummte Siku ungerührt. Er drehte Devon in seinen Armen etwas herum, um ihm richtig ins Gesicht sehen zu können. Dessen blaue Augen sahen ihn an. Aufgrund des Fiebers wirkten sie etwas glasig, aber Devons Gesichtsausdruck war eindeutig mürrisch.

»Kunuk. Ausgerechnet«, murmelte der Wolf.

»Wieso? Hattest du jemand Bestimmtes erwartet, der deinen Arsch rettet?«, spottete Siku verärgert. »Dann hättest du mich vorher über spezielle Wünsche in dieser Richtung informieren sollen.«

Devon schüttelte nur schwach den Kopf, stöhnte jedoch sofort schmerzvoll auf. »Au, mein Schädel.«

»Du solltest dich besser wandeln. In deiner Wolfsgestalt wirst du schneller wieder auf die Pfoten kommen«, mahnte Siku. Außerdem wäre er somit leichter zu tragen – aber das schluckte er gerade noch so hinunter, ohne es auszusprechen.

»Ich kann nicht«, murmelte Devon.

»Was?« Siku vermutete, das Genuschel nicht richtig verstanden zu haben. Was konnte Devon nicht?

»Mich wandeln. Geht nicht.«

»Wie, das geht nicht?« Wollte Devon ihn verarschen? Gleichzeitig lief es ihm angesichts einer grauenhaften Vorahnung eiskalt den Rücken hinunter. Die Drogen, die chemische Substanz, die sie Devon verabreicht hatten ...

»Kann nicht. Spüre den Wolf nicht«, gab Devon matt zurück. Siku erstarrte. Das war das Schlimmste, was er sich überhaupt vorstellen konnte – die eigene Tiergestalt nicht zu fühlen und annehmen zu können.

»Sie haben dir irgendetwas gegeben, nicht wahr? Irgendwelche Drogen oder Medikamente. Ich habe gestern etwas aus deinem Körper entfernt, eine kleine Kapsel. Vielleicht lag es ja daran. Versuch es doch noch einmal.«

Oho, das waren mehr Worte auf einmal, als er normalerweise von sich gab. Hut ab. Der Wolf, der gerade keiner zu sein schien, machte vor lauter Entsetzen über dessen Zustand eine richtige Labertasche aus ihm.

Devon schloss nur müde die Augen und stöhnte nochmals gequält auf. »Nee. Da ist nix. Nur Leere«, flüsterte er, sodass Siku ihn kaum verstanden hätte, wenn er nicht über ein phänomenales Gehör verfügen würde.

»Scheiße, Kleiner«, rutschte es ihm heraus. Hastig überspielte er seine Bestürzung und machte das, was er am besten konnte – er plante sofort um und änderte seine Strategie, um ihr Überleben zu sichern. Hatte er vorhin noch gedacht, hier in der Felsspalte ein paar Stunden auszuharren, bis Devon wieder halbwegs auf den vier Beinen war, packte er nun umgehend seine Sachen zusammen, zog seine Hose und das Hemd über und schlüpfte in seine Stiefel. Den Resten seiner schmackhaften Beute warf er einen bedauernden Blick zu – jetzt war keine Zeit mehr, sie zu vertilgen oder zu portionieren, um sie mitzunehmen. Je weniger Ballast er tragen musste, umso besser, umso weiter würde er jeden Tag laufen können.

Devon musste schnellstmöglich hier heraus! Der Kleine benötigte professionelle ärztliche Hilfe. Je schneller, desto besser. Siku wagte es nicht, sich auszumalen, was der Wolf jetzt gerade durchmachte. Oder in den vergangenen Tagen und Wochen bereits erleiden musste.

Und das alles nur, weil er selbst so stur gewesen war!

Kapitel 2

Tajo eilte geradewegs zurück in den Konferenzraum und schnappte sich das nächste Telefon. Hastig tippte er die Nummer ein, die er auswendig kannte.

»Was fällt dir ein?«, bellte er seinen Gesprächspartner an, kaum dass sich dieser am anderen Ende der Leitung gemeldet hatte. Steven Lampard hatte jedoch nur ein belustigtes Schnauben für ihn übrig.

»Ach, ist Brian angekommen?«, fragte er sogar scheinheilig nach.

»Lampard, du Arsch. Ich weiß ja, dass du mich hasst – aber so sehr?«, knurrte Tajo wütend.

»Bruns, krieg dich wieder ein. Der Junge mag dich. Und er will helfen. Du hast doch letztens gesagt, dass du noch Hilfe brauchst, aber ich bin hier gerade nicht abkömmlich. Also habe ich ihn zu dir geschickt«, gab der Leopard zurück.

Tajo konnte aus seinem Tonfall das sarkastische Lächeln heraushören, ohne Lampard dabei ins Gesicht sehen zu müssen. Dem Leoparden machte es hörbar Spaß, ihm eins auszuwischen, wenn er auch dafür seinen eigenen Sohn missbrauchte.

»Wie soll er uns denn bitteschön helfen?«, fragte Tajo und strich sich müde durchs Gesicht. Hatte er denn nicht schon genug Probleme am Hals?

»Na, er wird sich doch sicherlich irgendwie nützlich machen können. Dir fällt schon etwas ein. Der Junge braucht in seinem Alter eine männliche Bezugsperson, die ihm den Weg weist, nur habe ich keine Zeit für ihn. Obwohl – wenn ich es mir recht überlege, seid ihr, du und dein Lover, wirklich nicht dafür geeignet, aus Brian einen richtigen Mann zu machen.«

Gerade so konnte sich Tajo noch beherrschen, das Mobilteil des Telefons nicht wutentbrannt an die nächste Wand zu werfen. Seitdem der Leopard wusste, dass er schwul und mit Marc zusammen war, ließ er keine Gelegenheit aus, irgendwelche Sprüche zu klopfen.

»Lampard, pass auf und hör mir genau zu: Ich warne dich. Wenn wir uns wieder begegnen, bist du fällig. Dieses Mal wird Marc dich nicht davor bewahren können, von mir eine Abreibung zu bekommen!«, fauchte er und drückte das Gespräch wieder weg. Na toll, jetzt hatte er Brian tatsächlich aufgehalst bekommen. Der Kleine war zwar erwachsen, aber mit seinen 21 Jahren noch immer so ungestüm und aufmüpfig wie ein Teenager. Ein typischer Leopard. Stets war Brian darauf bedacht, in jeder einzelnen Minute seine Grenzen auszutesten, wobei er regelmäßig sämtliche Leute in seiner Umgebung irremachte.

Super. Echt klasse. Das hatte Lampard ja toll eingefädelt. Eine bessere Retourkutsche für ihr angespanntes Verhältnis, seitdem Tajo sich als schwul geoutet hatte, war Papa Leopard wohl nicht eingefallen.

Zum Glück war Anna gerade nicht hier – Brian und seine kleine, wilde Schwester zusammen an einem Ort, in einem Raum, hätte eine echte Katastrophe bedeutet. Die beiden hatten, da sie ja gleichaltrig waren, früher so manche Ferien miteinander verbracht und jede Menge Unfug angestellt, den er hinterher wieder ausbügeln durfte.

Die Tür des Konferenzraumes öffnete sich und Tajo musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass es Hank war. Sein durchdringender Bärengeruch begleitete ihn, zudem waren seine schweren Schritte unverkennbar.

»Was will der Kleine hier?«, brummte der Bär missmutig.

»Lampard hat ihn uns auf den Hals gehetzt. Er will helfen«, erwiderte Tajo, ohne den ätzenden Sarkasmus in seiner Stimme verbergen zu wollen.

Der Bär schnaubte belustigt auf. »Ach ja? Helfen? Manchmal frage ich mich, auf wessen Seite Lampard steht.« Nachdenklich musterte er das Fallbrett. »Haben wir neue Informationen zu Sorans Aufenthaltsort?«

»Nein, nichts Genaues. Aber die türkischen Bären halten die Augen offen. Seit Old Bears Tod haben sie ihre Anstrengungen verdoppelt. Der alte Bär war dort hoch angesehen und ich denke, sie werden seinen Tod rächen wollen.«

»Nicht nur die«, brummte Hank. »Was hört man von Kunuk aus Sibirien?«

»Auch noch nichts Neues. Kunuk und Devon sind nach wie vor verschwunden, Sidney und Chip sind auf der Suche nach ihnen.« Unruhig begann Tajo, auf und ab zu laufen. Wenn er doch nur wüsste, wie er den beiden Navy Seals auf der Suche nach ihrem ehemaligen Commander helfen könnte! Hier rumzusitzen und auf neue Nachrichten zu warten, war echt frustrierend und zehrte an seinen Nerven.

»Vielleicht solltest du Brian zur Verstärkung nach Sibirien schicken?«, murmelte Hank nachdenklich.

Augenblicklich hielt Tajo inne und sah ihn erstaunt an. Auf so eine bekloppte Idee war er natürlich nicht gekommen.

»Wie soll der Junge denn dort helfen können? Ich denke, er wäre für Sidney und Chip eher hinderlich«, gab er verdrossen zu bedenken.

»Na, ich habe nur laut gedacht. War nur ein Vorschlag«, wiegelte Hank ab. »Allerdings könntest du damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Du wärst Brian los und er hätte eine Aufgabe zu erledigen.«

Mit einem abfälligen Schnauben wandte sich Tajo ab und zuckte mit den Schultern. Langsam begann er jedoch, sich mit dieser Idee anzufreunden. Chip war ein erfahrener Navy Seal, ihm traute Tajo zu, den Jungen ein wenig unter seine Fittiche zu nehmen. Und Verstärkung konnten die beiden Freunde in Russland anscheinend gebrauchen.

»Okay«, stimmte Tajo gedehnt zu. »Vielleicht sollten wir das wirklich machen. Mal sehen, was Brian von diesem Vorschlag hält.«

»Na, was schon. Er wird begeistert sein!« Hank grinste verwegen und schlug Tajo auf seine Schulter. »Komm, Onkel Tajo, lass ihn uns gleich mal fragen!«

Sie hatten kaum die Zentrale verlassen, als ein Taxi mit Frankfurter Kennzeichen im Hof hielt und der Fahrer begann, Unmengen von Gepäck auszuladen. Wie vom Donner gerührt blieb Tajo stehen und starrte auf die Kofferansammlung. Es waren sechs – sechs! – Hartschalenkoffer in verschiedenen Größen, die der Taxifahrer sorgsam neben seinem Fahrzeug aufreihte.

»Was ist das?«, fragte er unwillkürlich, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

»Ich bringe das Gepäck von Herrn Lampard. Das ist doch die richtige Adresse hier?«, antwortete der Fahrer und zückte seine lederne Geldbörse. »Das macht dann 179,50 Euro. Brauchen Sie eine Quittung?«

»Ich bringe ihn um«, murmelte Tajo leise und fuhr zu Hank herum, der grinsend hinter ihm stehen geblieben war. »Wenn Chip das nicht für mich erledigt, erwürge ich ihn halt eigenhändig«, bekräftigte er nochmals und holte seine eigene Brieftasche hervor, um den Fahrer zu bezahlen.

***

Siku blieb stehen und starrte wütend auf die Wolkenfront, die sich vor ihm aufbaute und den Himmel verdunkelte. Jetzt war er erst gute 20 Kilometer gelaufen, aber der heftige Wind zerrte an seiner Kleidung und erschwerte sein Fortkommen zusätzlich. Erste Blitze zuckten über das Firmament und er zählte automatisch mit, bis ihn das Donnergrollen erreichte. Vier oder vielleicht fünf Kilometer, weiter war das Unwetter nicht von ihnen entfernt. Zu allem Übel rauschte ihnen die Schlechtwetterfront genau aus der Richtung entgegen, in die er laufen musste. In einer Geschwindigkeit, die ihn vermuten ließ, dass er nicht mehr als zehn Minuten hatte, bis sie sich inmitten eines tobenden Gewitters befinden würden.

Ein leiser Fluch entkam seinen Lippen. Früher als geplant musste er sich erneut um einen Unterschlupf kümmern. Gott, er hasste das, wenn er ständig umplanen musste und nichts so funktionierte, wie er es wünschte.

Ein weiterer Blitz fuhr krachend hinunter. Na toll, er stand hier wie ein Baum in einer Ebene, quasi als Einladung für die Blitzeinschläge. Mittlerweile folgte er einem kleinen Schmelzwasserfluss, der sich durch die Ebene schlängelte. Wo das Wasser hinfloss, könnten sich auch menschliche Siedlungen befinden. Häuser oder Ähnliches, die einen trockenen Zufluchtsort versprachen.

Siku setzte seinen Weg fort und verdoppelte nochmals seine Anstrengungen. Verbissen spornte er sich selbst zu einem höheren Tempo an. Plötzlich knickte sein rechtes Bein unter ihm weg. Scheiße! Mit einer reflexartigen Drehung konnte er gerade noch verhindern, dass er auf Devon stürzte und ihn unter sich begrub. Er kugelte auf den matschigen Boden und hielt die Luft an, als ein Schmerz flammend durch sein Bein schoss. Verdammter Mist! Mühselig richtete er sich zum Sitzen auf und zog das Bein aus dem kleinen Erdloch heraus, in das er getreten war. Vermutlich war es der Eingang zum Bau eines Ziesels, von Lemmingen oder auch eines Murmeltieres, die hier vorkamen. Egal, er würde bei nächster Gelegenheit einem von ihnen mit Vergnügen den Hals umdrehen.

Trotz der Schmerzen in seinem Knöchel, die sich das ganze Bein hinaufzogen, stand er schnell wieder auf und vergewisserte sich zunächst, dass Devon den Sturz heil überstanden hatte. Der Wolf stöhnte jedoch nur leise, bewegte sich aber nicht und lag so, wie er ihn auf den Boden hatte fallen lassen. Dann erst öffnete Siku die Verschnürung seines Schuhes und tastete über seinen Knöchel. Gut, die schweren Armeestiefel schienen einen Bruch verhindert zu haben, aber zumindest war er verstaucht. Im schlimmsten Fall hatte er sich die Bänder gedehnt, gerissen schienen sie nicht zu sein. Ein lautes Krachen, dem ein lang anhaltendes Grollen folgte, machte seine Lage nicht gerade besser. Vorsichtig versuchte er, aufzutreten und das rechte Bein zu belasten. Okay, es tat zwar weh, aber er konnte es zumindest noch benutzen.

Hastig nahm er Devon wieder auf seine Arme und setzte seinen Weg fort. Dieses Mal erheblich langsamer, als es ihm lieb war. Mehr schlecht als recht humpelte er durch die unwegsame Steppe. Erste Regentropfen, groß wie Taubeneier, klatschten vom Himmel hinab. Sekunden später goss es wie aus Kübeln und sie beide waren bis auf die Haut durchnässt. Sikus Ohren klingelten bereits aufgrund der vielfachen Donnerschläge. Er kannte solche Unwetter aus Alaska und wusste, in welcher Gefahr sie sich befanden. Aber es half nichts, er musste vorankommen!

Durch den dichten Regen konnte er kaum mehr als fünf Meter weit sehen. Umso überraschter war er, als plötzlich ein dunkler Schatten vor ihm auftauchte. Ein Haus! Bewohnt? Und wenn schon! Hauptsache, sie kamen aus diesem Unwetter heraus!

Mit letzter Kraft taumelte er der rettenden Hauswand entgegen. Okay, es schien nicht mehr als ein Bretterverschlag, eine Hütte zu sein. Wer auch immer sie einst gebaut hatte, sie war zum Glück verlassen. Vielleicht war es der Unterstand eines Hirten. Die mongolischen Völker, die diese Gegend mit ihren Herden durchstreiften, bevorzugten zwar ihre Jurten, bauten aber mitunter auch an strategisch günstigen Stellen befestigte Lager.

Siku entriegelte die schmale Holztür und schleppte Devon vorsichtig hindurch, darauf bedacht, ihm nicht den Kopf am Türrahmen zu stoßen. Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen, deshalb legte er Devon vor sich auf dem Holzboden der Hütte ab und suchte in seiner Jacke nach den wasserdicht verpackten Streichhölzern. Trotz der klammen Finger gelang es ihm auf Anhieb, eines zu entzünden. Ah, prima, ein Tisch, auf dem eine altmodische Öllampe stand, fiel ihm zuerst ins Auge. Er zündete die Lampe an und drehte den Docht langsam höher. Der warme Lichtkegel erhellte die winzige Behausung. Eine schmale Holzpritsche, eine halbrunde Feuerstelle an der Seite mit einem Luftabzug, den man kaum als Kamin bezeichnen konnte, ein kleiner Tisch und ein wackeliger Hocker. Das war alles, aber gleichzeitig mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. In der Ecke neben dem Kamin stapelten sich sogar getrocknete Dunghaufen und dürre Äste eines Baumes oder Busches, genug, um ein Feuer zu entfachen.

Mühsam humpelte Siku zu Devon zurück, hob ihn abermals hoch und legte ihn auf die schmale Pritsche, bevor er die Tür verrammelte und mit geübten Griffen ein Feuer entfachte. Die ersten Qualmwolken stiegen auf und er vergewisserte sich, dass der Abzug des Kamins funktionierte. Die Gefahr, im Schlaf durch eine Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben, war nicht von der Hand zu weisen. Danach löschte er die Lampe, um möglichst viel Öl zu sparen. Jetzt mussten sie erst einmal aus den nassen Sachen herauskommen. Sachte schälte er Devon aus seiner Kleidung und hängte sie zum Trocknen über den kleinen Hocker und auch über den Tisch. Auch die nasse Decke fand einen Platz an einem rostigen Nagel, der in der Wand steckte. Als Nächstes entledigte sich auch Siku seiner Kleidung und begab sich sofort in seine Bärengestalt. Vorsichtig streckte er sich neben der Holzpritsche aus und rückte nahe an Devon heran, um ihm erneut etwas von seiner Körperwärme abzugeben. Verdammt, trotzdem spürte er, wie der Wolf nach kurzer Zeit anfing, zu zittern. Draußen heulte nach wie vor der Wind und Regenschauer prasselten auf die Hütte hinab.

Zum Glück war es trocken, das Dach schien zu halten, aber trotz seiner Bemühungen war es einfach zu kalt hier drinnen! Okay, Plan B. Oder C oder D, je nachdem ... oh Mann, seine Gedanken waren ja vollkommen wirr. Er ermahnte sich, sachlich und überlegt zu handeln, schließlich war der Wolf auf ihn angewiesen. Behutsam zog er Devon von der Pritsche hinunter auf seinen Bauch. Fest umschloss er ihn mit seinen großen Vorderbeinen, darauf bedacht, möglichst viel von dessen nackter Haut mit seinem Pelz zu bedecken, ohne ihn durch seine langen Krallen zu verletzen. Nochmals prüfte er mit der Nase den Geruch und die Körpertemperatur seines Schützlings. Immer noch fiebrig, aber der chemische Geruch an ihm hatte nachgelassen. Jetzt war es mehr Devons eigener Körpergeruch, den er intensiv wahrnahm. Hm, männlich, herb, jedoch ohne den für ihn typischen Wolfsgeruch, der Siku stets an einen nassen Hund erinnert hatte. Merkwürdig. Die Duftkomposition war, selbst unter der Dreckschicht auf Devons Haut, nicht unangenehm und es kam ihm eher vor, als würde etwas fehlen. Wie bei einem Baum, der im Winter seine Blätter verlor und dadurch nicht mehr frisch und einladend duftete.

Irgendwie beruhigten ihn Devons nun tiefes Atmen und das langsame, aber stetige Klopfen seines Herzens an seiner Brust. Erschöpft ließ sich Siku in die Arme eines traumlosen Schlafes fallen.

***

Nur widerstrebend wachte Devon auf und kämpfte sich aus der tiefen Schwärze heraus, die sein Innerstes in Watte packte, ihn einlullte und ihm trügerisch eine Erlösung von seinem Leid versprach. Eigentlich war es so verlockend, sich einfach diesem Nichts zu ergeben ... Nein, Aufgeben kam nicht infrage. Niemals. Auch wenn das Aufwachen bedeutete, dass sich der Schmerz wie ein glühendes Schwert in seinen Kopf bohrte und alles andere überlagerte. Langsam atmete er durch und versuchte bewusst, seinen restlichen Körper wahrzunehmen, um sich von diesen hämmernden Kopfschmerzen abzulenken. Das Atmen fiel ihm jedoch schwer, schwerer, als er es in Erinnerung hatte.

Mann, konzentriere dich!

Ein Geräusch drang dumpf zu ihm vor und sickerte nur tröpfchenweise in sein Bewusstsein. Ein Stöhnen? War das etwa seines? Nach und nach erreichten ihn andere Sinneseindrücke, stiegen wie unter Wasser sich bildende Luftblasen an die Oberfläche. Himmel, nur war die Oberfläche anscheinend zugefroren und von einer dicken Eisschicht bedeckt, denn sie gelangten kaum zu ihm. Innerlich musste er über diese Metapher grinsen. Na also, wenn er seinen schwarzen Humor noch nicht verloren hatte, konnte es doch gar nicht so schlimm um ihn bestellt sein.

Es gelang ihm jedoch nicht, einen festen Halt an dieser Oberfläche zu finden, um vollends zu sich zu kommen. Alles schwankte, bebte, bewegte sich ...

Stopp. Anker auswerfen. Da war etwas – ein merkwürdiges Gefühl. Sein Körper lag auf einem warmen, sich bewegenden Untergrund. Devon war sich sicher, die Augen geöffnet zu haben, trotzdem sah er nichts als schwarze Finsternis um sich herum. Aber es war weich, warm und irrsinnig gemütlich, also konnte das nichts Schlechtes bedeuten. Ein würziger, markanter Geruch umgab ihn, hüllte ihn ein und gab ihm zusätzliche Geborgenheit. Eine solche, wie er sie nur ein einziges Mal in seinem Leben verspürt hatte, als er … wann war das gewesen? Irgendetwas blockte in ihm ab, ließ die Erinnerungen nicht vollständig zu. Weil sie ebenfalls schmerzhaft waren. Sein Selbstschutz funktionierte also noch. Nur Fetzen davon leuchteten in ihm auf. Einzelne Bilder, Eindrücke, Gefühle, wie Lichtblitze in der Dunkelheit. Ein muskelbepackter Körper, männlich und stark, mit einem goldenen Hautton. Ein breites Lächeln, von dem er wusste, dass es oft von einem tiefen Lachen begleitet wurde. Strahlend weiße Zähne, dichte braune Haare mit schwarzen Strähnen. Fuck. Jon. Jetzt kam alles wieder hoch. Immer, wenn es ihm dreckig ging, klammerte er sich an diesem Bild fest. Obwohl er genau wusste, dass der Löwe für ihn unerreichbar war, dass er ihn für immer verloren hatte. Dennoch trösteten ihn diese Erinnerungen und gaben ihm Kraft, alles zu ertragen, alles durchzustehen, um denjenigen zu schützen, den er liebte.

Eine weitere Bewegung unter ihm riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Uh, das fühlte sich an, als würde er auf dem Boden eines schwankenden Bootes liegen. Automatisch verstärkte sich der Griff seiner Hände, um sich festzuhalten. Moment mal. Fell. Da war langes, dichtes Fell unter seinen Fingern. Träge fuhr er mit den Fingerspitzen hindurch, prüfte seine Beschaffenheit. Etwas borstiges Deckhaar, darunter eine weiche Unterwolle. Mann, das fühlte sich gut an! Ein tiefes Brummen ertönte, das Devon durch und durch ging und in seinem Inneren vibrierte. Oh Gott, was war das? Anscheinend jedenfalls kein Teppich, obwohl es ihn daran erinnerte. Stimmt, dazu war es ja auch viel zu warm hier. Plötzlich fühlte er unter den Fingerspitzen das Klopfen eines jagenden Herzens, eines schnellen Pulses – und gewiss war das nicht seiner. Okay, er lag also auf irgendeinem lebenden, atmenden Geschöpf drauf. Mit viel Fell. Und riesig.

Mühsam hob Devon den Kopf, doch er konnte noch immer nichts sehen. Doch, dort drüben, etwas entfernt von ihm, war ein warmes, rötliches Glimmen. Ein Feuer. Jetzt konnte er auch wieder etwas freier atmen und begriff, dass er zuvor wahrscheinlich Mund und Nase ebenso in dem dichten Pelz vergraben hatte.

Langsam tastete er mit der Hand nach oben und fühlte nichts als Fell und Muskeln. Berge von Muskeln. Hey, wo fing das Vieh an und wo hörte es auf? Eine kalte Nase drückte sich an seinen Hals, direkt in seine empfindliche Kehle hinein und schnüffelte. Merkwürdigerweise machte ihm dies keine Angst und er harrte ruhig aus. Dafür fühlte er sich immer noch zu geborgen – einfach sicher, selbst in seiner menschlichen Gestalt. Zudem hätte dieses Tier, das dem Verhalten nach nur ein Wandler sein konnte, ihn schon längst töten können, wenn es denn gewollt hätte.

Erst jetzt gewöhnten sich seine Augen an das schwache Dämmerlicht. Das Fell unter ihm war weiß! Ihm fiel nur ein einziger Wandler dieser Größe mit derart hellem Pelz ein. Außerdem konnte er nun den Geruch einordnen und stöhnte leise auf.

»Kunuk. Ausgerechnet du«, krächzte er. Hm, seine Stimme klang fürchterlich, als habe er sie schon lange nicht mehr benutzt.

Augenblicklich verwandelte sich der Bär unter ihm und den Bruchteil einer Sekunde später ruhte Devon auf einem nicht viel kleineren, menschlichen Körper.

»Und täglich grüßt das Murmeltier«, spottete Kunuk, setzte sich auf und drückte Devon in seinen Armen nach oben, sodass er nun zwischen seinen Beinen kniete. Dabei umfasste er weiterhin Devons Schultern und verhinderte so, dass er wieder hinfiel.