Jonathan@Bruns_LLC - Bianca Nias - E-Book

Beschreibung

Die Löwen aus dem Reinhardswald sind wieder da! Nicht nur seine neue Rolle als Alpha-Löwe macht Jon zu schaffen, sondern auch Devons Verschwinden. Der schwarze Wolf hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Als wäre das nicht schon schlimm genug, übt plötzlich der kleine Löwe Luke eine Anziehungskraft auf ihn aus, der er sich nicht entziehen kann. Und das, obwohl Luke das Gegenteil von dem ist, was Jon eigentlich begehrt. Viel zu klein und schmächtig für einen Löwen, zudem schüchtern und unsicher, steht Luke am untersten Ende der Rangfolge in der Familie. Alles scheint Jon über den Kopf zu wachsen, als auch Tajos natürlicher Herrschaftsinstinkt mit aller Macht zurückkehrt und er ungewollt die wichtigste Entscheidung seines Lebens treffen muss: das Rudel, Devon oder Luke

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Bianca Nias

[email protected]_LLC

Löwengebrüll

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Toni Kuklik

Bildrechte:

© Eric Isselée – fotolia.com

© George Mayer – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-70-6 (print)

ISBN 978-3-944737-71-3 (epub)

Widmung

Diesen zweiten Band der Bruns-LLC widme ich meinen Lesern, die mich mit ihren positiven Reaktionen zu „[email protected]_LLC“ bestärkt, motiviert und weiter angetrieben haben (insbesondere meine neuen, liebgewonnen Facebook-Freunde) und allen, die schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung gewartet haben!

Mein besonderer Dank gilt Simon für seine Unterstützung und Toni (TK Arts) für die wunderschöne Gestaltung des Covers.

Was bisher geschah:

Marc Nowack ist ein begnadeter Informatiker aus Frankfurt am Main. Er bekommt von seinem Arbeitgeber die Chance, ein großes Projekt eigenverantwortlich abzuwickeln: Er soll die neue Firmenzentrale der „Bruns LLC“, einer amerikanischen Sicherheitsfirma, die sich im hessischen Reinhardswald niedergelassen hat, mit Hard- und Software ausstatten und die benötigten Programme vor Ort entwickeln und auf deren Server schreiben. Marc freut sich über diese berufliche Herausforderung, auch wenn ihm das erste Meeting mit Tajo Bruns, dem riesengroßen und wortkargen Geschäftsführer, so richtig unter die Haut gegangen ist.

Marc reist in den hessischen Norden und lernt Keyla und Jon Bruns, die jüngeren und viel zugänglicheren Geschwister von Tajo, kennen und freundet sich mit beiden an. Die drei Geschwister verbergen vor Marc, dass sie ein ganz besonderes Geheimnis hüten: Sie gehören der Rasse der Gestaltwandler an, die zwischen ihrer menschlichen und einer tierischen Form wechseln können. Tajo, Jon und Keyla sind zu einem Teil Löwen. Alle Gestaltwandler halten von jeher ihre besondere Abstammung und ihre Gaben vor den Menschen geheim, um von diesen nicht ausgenutzt und ausgerottet zu werden.

Tajo kann sein Interesse an Marc, das er seit ihrer ersten Begegnung verspürt, nicht leugnen. Er fühlt sich zu dem kleinen Menschen mit dem umwerfend klaren Verstand und den schokoladenbraunen Augen hingezogen. Bei einem Zusammentreffen an einem einsam gelegenen Waldsee kann er seine animalische Seite nicht länger zügeln und stellt fest, dass Marc genauso heiß auf ihn reagiert. Marc ist es hingegen eher peinlich, gleich am ersten Abend mit dem attraktiven Kunden im Bett gelandet zu sein und versucht daher, Tajo nach ihrer Liebesnacht auf Abstand zu halten. So ganz gelingt es in den nächsten Tagen und Wochen aber beiden nicht, die Finger voneinander zu lassen.

Marc kommt dank der hochwertigen Hardware viel schneller mit seinem Auftrag voran, als es ihm lieb ist. Ihn irritiert allerdings der hohe technische Standard von Bruns LLC, der ihn an Agentenfilme erinnert. Zudem hört er zufällig ein Gespräch der Brüder, dass ein Freund der Bruns im Irak vermisst wird. Er hilft ihnen, den Computer mittels eines selbst geschriebenen Programms die Satellitenbilder nach einem versteckten Camp im Irak absuchen zu lassen. Als er nahe bei Tajo steht, entdeckt er, wie sich dessen Augen unnatürlich verändern und sich zu großen gelben Löwenaugen transformieren und verlangt eine Erklärung. Tajo steht vor der Entscheidung, Marc in die Geheimnisse der Gestaltwandler einzuweihen und ihn damit für immer an sich und seine Familie zu binden, oder aber ihn mit einer Lügengeschichte gehen zu lassen. Er entscheidet sich schweren Herzens für Letzteres. Marc fährt enttäuscht und deprimiert nach Frankfurt zurück. Er leidet unter der Trennung und versinkt in Liebeskummer.

Einige Tage später steht Jon völlig aufgelöst vor seiner Tür und bittet ihn um Hilfe. Tajo ist nach einer Befreiungsaktion im Irak verschwunden und er braucht Marc als Computerspezialisten in seinem Team, um seinen Bruder wieder zu finden. Jon bleibt keine andere Wahl, als Marc in das „Familiengeheimnis“ einzuweihen, der unvermittelt in eine verrückte und unglaubliche Welt von Wesen hineingezogen wird, die ihre eigenen Werte und Moralvorstellungen haben. Seine Liebe zu Tajo ist Marc jedoch wichtiger als die „körperlichen Besonderheiten“ seines Freundes und so lässt er sich ohne Zögern auf das Abenteuer ein. Jon ruft ein Team aus unterschiedlichen Gestaltwandlern zusammen und gemeinsam gelingt es ihnen, Tajo zu orten und zu befreien. Dieser ist schwer verletzt, kommt aber nach und nach wieder zu sich und dank Marcs Unterstützung und Hartnäckigkeit befindet sich der griesgrämige Löwe, dem seine Verletzung psychisch schwer zusetzt, bald auf dem Weg der Besserung. Ein Handgranatenattentat, dem die beiden nur mit viel Glück entkommen, zeigt ihnen, dass Tajo immer noch in Gefahr ist und ihm jemand gezielt nach dem Leben trachtet. Sie beschließen, zusammen mit Jon und Keyla nach Südafrika zu ihren Eltern zu fliegen, um Tajo aus der Schusslinie zu bekommen, bis er wieder völlig gesund ist. Marc wird von den Eltern Alexander und Linda Bruns freundlich aufgenommen und ist fasziniert von der fremdartigen Wüstenlandschaft von Northern Cape, einer Region im nordwestlichen Teil des Landes.

Jon trifft dort auf Devon McMattock, einem Wolf und Freund aus Schulzeiten, der eigentlich den Auftrag hat, die Bruns auszuspionieren. Zwischen ihnen knistert es gewaltig, obwohl (oder gerade weil) beide dominant veranlagt sind. Über Devon und seinen per Mail erteilten Auftrag findet Marc heraus, wer hinter den Anschlägen auf Tajos Leben steckt: Shirkou Soran, ein kurdischer Berglöwe, der sich offenbar mit der russischen Wolfs-Familie Petrov zusammengetan hat, um die ideologisch verhassten westlichen Gestaltwandler anzugreifen und zu vernichten. Er will sich und seiner Rasse zur Weltherrschaft verhelfen und die gewöhnlichen Menschen unterwerfen.

Die Bruns sammeln gleichgesinnte Freunde um sich und Devon begibt sich wieder hinter die feindlichen Linien, um ihnen zu helfen und um Zeitpunkt und Stärke eines drohenden Angriffes herauszufinden.

1. Kapitel

Die aufgehende Morgensonne tauchte das karge Wüstenland des Northern Cape in orangerote Farben. Die Stille der Nacht wich den leisen und immer lauter werdenden Stimmen der Vögel, die erwachten und den neuen Sommertag mit ihrem Gesang begrüßten.

Tajo drehte sich brummend im Bett herum und verfluchte sein feines Gehör, das jede noch so weit entfernte Vogelstimme wahrnahm und einen weiteren Schlaf unmöglich machte. Er blinzelte und richtete sich langsam auf. Etwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht. Etwas fehlte. Die Bettseite neben ihm war kalt – und leer.

Marc war nicht da.

„Marc?“ Seine Stimme klang etwas rau und er räusperte sich. Keine Antwort. Sofort war er hellwach und sah sich suchend um. Marcs Klamotten, die er ihm gestern Abend noch eigenhändig ausgezogen und achtlos vor das Bett hatte fallen lassen, lagen nicht mehr verstreut herum. Das Zimmer war aufgeräumt – und er war vollkommen allein. Wo war er hin, ohne ihm Bescheid zu sagen? Das hatte er doch noch nie getan, ohne ihn aufzustehen! Ohne das gemeinsame Aufwachen mit ausgiebigem Kuscheln und ein wenig Sex zu genießen! Mal mehr, mal weniger in dieser Reihenfolge.

War etwas passiert? Und wieso hatte er es nicht mitbekommen, dass Marc aufgestanden war? Einen so tiefen Schlaf hatte er eigentlich nicht. Anscheinend hatte sich sein Freund klammheimlich davongestohlen. Aber warum? Wenn er jetzt irgendeine Dummheit beging … nein, ausgeschlossen, dafür war Marc zu clever. Wahrscheinlich hatte er etwas vor ihm zu verbergen. Na warte, das würde er sofort herausfinden.

Mit einer fließenden Bewegung sprang er auf, sein Puls schoss sofort in die Höhe. Sein verletztes Bein zwickte und protestierte kurz, aber er beachtete den leichten Schmerz nicht. Schnell schlüpfte er in seine Shorts und zog ein Hemd über. Mit den Knöpfen hielt er sich erst gar nicht auf und auch die Schuhe ließ er einfach stehen – falls er sich blitzartig verwandeln musste, um noch schneller zu sein, wären sie sowieso nur hinderlich.

Er stürmte aus dem Poolhaus und rannte fast in Jon hinein, der augenscheinlich gerade schwimmen gehen wollte.

„Wo ist er?“, schnauzte er seinen kleinen Bruder unbeherrscht an.

Jon grinste nur leicht über seine offenkundig miese Laune. „Wenn du Marc suchst - er ist vor einer knappen Stunde mit den Kleinen raus in die Wüste zum Spielen“, erwiderte er völlig unbekümmert.

„Er ist … was?“, brüllte Tajo außer sich vor Zorn. Das wurde ja immer schlimmer! Er drehte auf dem Absatz um und lief aus dem gepflegten Garten in die angrenzende Wüste hinaus. Kurz blieb er stehen, um die Witterung aufzunehmen.

War Marc jetzt völlig durchgeknallt? Wie konnte er sich und seine kleinen Schwestern nur so in Gefahr bringen? Ihre Feinde lauerten nur darauf, ihn oder ein anderes Mitglied der Familie alleine zu erwischen und kalt zu machen, und er lief mit den Kindern einfach aus dem Schutz des Hauses heraus? Nur, um zu spielen?

Mit seinen menschlichen Sinnen konnte er die Richtung, in die sie gegangen waren, nicht eindeutig erkennen. Er zögerte nicht, sondern zog kurzerhand seine Kleidung wieder aus, warf sie achtlos auf die staubige Erde und verwandelte sich in den Löwen, der er war.

Sogleich stürmten sämtliche Gerüche und Geräusche der Umgebung tausendfach verstärkt und in der gewohnten Schärfe auf ihn ein. Er sog die Luft tief in seine feine Nase und filterte Marcs Geruch, den er wie keinen zweiten kannte, sofort und untrügerisch heraus.

Jetzt konnte er mühelos die Richtung orten, in die Marc mit Tess und Carla gelaufen war. Die beiden Mädchen waren in Löwengestalt unterwegs, das erkannte er an dem schwachen, aber leicht wildtierartigen Körpergeruch der Kinder.

Er schoss in die Ebene hinaus, immer der feinen Duftspur nach. Weit und breit war niemand zu sehen, aber er verließ sich auf seinen ausgezeichneten Spürsinn, der ihm die Richtung wies. Nach gut drei Kilometern erreichte er eine kleine Felsformation, die bis an das Wasserloch, das von den Wildtieren der Region zum Trinken genutzt wurde, heranreichte.

Da sah er ihn. Marc stand auf einer kleinen Anhöhe, von der aus die Gegend gut zu überblicken war. Um seine schmalen Hüften hatte er seinen Pistolengürtel geschnallt und in seinem unverletzten linken Arm ruhte ein Gewehr. Er sah Tajo schon von Weitem kommen und blickte ihm entspannt entgegen.

Tajo drosselte sein Tempo. Sein Zorn verrauchte schlagartig und wich dem bekannten Flattern in seiner Magengegend, das ihn noch immer überkam, sobald er seinen Freund ansah. Sein braunes Haar war vom Wind leicht zerzaust und fiel ihm ungeordnet in die Stirn, sein Cowboyhut, den er als Schutz vor der sengenden afrikanischen Sonne mitgenommen hatte, lag neben ihm. In den kurzen Cargohosen und dem karierten Hemd, die sonnengebräunte Arme und Beine freiließen, sah er umwerfend gut aus. Sein rechter Arm war noch immer bandagiert, aber seine Verletzung heilte und Keyla hatte bereits die Fäden entfernen können.

Vor allem seine selbstbewusste Körperhaltung ließ Tajo ein Wort durch den Kopf schießen: Jäger. Kein Opfer, keine Beute, sondern einer von seinesgleichen. Das Raubtier in ihm nahm achtungsvoll Haltung an und er sah das liebevolle Funkeln in Marcs Augen, als er ihm entgegenblickte. Ein Blick aus diesen braunen Augen – und er schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Mist, er konnte ihm nicht einmal lange böse sein, ihn so erschreckt zu haben. Im Gegenteil, sein ganzer Körper summte vor Stolz, als er dachte: meiner.

Er sprang mit einem eleganten Satz an seine Seite und rieb zur Begrüßung den Kopf an Marcs Bauch. Worte brauchten beide nicht, um sich zu verstehen. Marc schob die Hand in seine noch viel zu kurze Mähne, strich zärtlich hindurch, beugte sich hinunter und drückte ihm einen Kuss auf die breite Löwennase.

„Ich wollte dich nicht wecken“, murmelte er leise, „aber die Kinder haben keine Ruhe gegeben.“

Jetzt sah Tajo, dass die kleinen Löwenmädchen ein paar Meter weiter mit einer Schildkröte spielten und vergeblich versuchten, sie zu knacken. Das tellergroße Tier hatte sich fest in seinen Panzer zurückgezogen und hielt allen Versuchen der Kinder, an es heranzukommen, mühelos stand.

Im Schatten eines nahen Busches lagen sein Vater Alexander und seine Schwester Anna in Löwengestalt, völlig entspannt. Sie beobachteten die Mädchen aus halb geschlossenen Augen, warfen ihm einen bedeutungsvollen Blick zu und dösten weiter. Tajo schnaubte erleichtert auf.

„Hast du geglaubt, ich wäre allein hier draußen unterwegs?“, fragte Marc belustigt.

Tajo schüttelte halbherzig den Kopf, auch wenn er genau wusste, dass Marc ihm diese kleine Lüge sowieso nicht abkaufte. Das würde er Jon heimzahlen. Der Witzbold hätte ihm gleich sagen können, dass ihr Vater und ihre Schwester auch noch mitgegangen waren. Was dachte er sich eigentlich dabei, ihn so zu erschrecken? Er rief sich in Erinnerung, dass er Jon zwar nicht danach gefragt hatte. Aber trotzdem glaubte er, dass Jon das mit Absicht getan hatte. In Gedanken malte er sich bereits aus, dass er ihn dafür aus Rache zumindest einmal in den Pool werfen würde.

Die Kinder hatten zwischenzeitlich den Versuch aufgegeben, die Schildkröte zu fressen. Auf der Suche nach einem neuen Ziel schlichen sie sich nun an eine Giraffe heran, die in einiger Entfernung an einem Baum knabberte. Marc seufzte leicht genervt auf.

„Sind alle Löwenjungen so?“, fragte er. „Ständig suchen sie etwas Neues zum Angreifen und haben nur Unsinn im Kopf.“

Tajo nickte und ließ sich entspannt auf die Hinterbeine nieder. Ja, die zwei Mädchen waren immer so wild. Aber er hätte mal Anna erleben sollen, als sie in diesem Alter war. Die hatte sich und ihre Zwillingsschwester Keyla ständig in Schwierigkeiten gebracht.

Die Giraffe hatte die kleinen Löwinnen natürlich schon längst gesehen und wahrgenommen, dass die Erwachsenen nicht auf der Jagd waren. Die Kleinen waren ihr zwar lästig, stellten aber keine Gefahr dar. Mit ihren langen Beinen und den starken Hufen konnte sie ziemlich heftig zutreten, im schlimmsten Fall sogar einen Löwen töten. Aber die Kinder mussten ihre eigenen Erfahrungen sammeln und die Erwachsenen ließen sie auch gewähren, solange keine echte Lebensgefahr bestand.

Tess duckte sich nahe an den Boden und schlich langsam näher, während ihre Schwester Carla versuchte, sich unbemerkt auf die andere Seite der Giraffe zu stehlen. Diese behielt dank ihrer guten Rundumsicht beide Löwinnen im Auge und legte genervt die Ohren an, als Tess einen Angriff wagte. Die Giraffe schlug majestätisch mit dem Kopf und stampfte warnend mit den Vorderhufen auf. Doch Tess ließ sich davon nicht beeindrucken und sprang dicht hinter sie, um das riesige Tier an den Hinterbeinen zu erwischen. Plötzlich keilte die Giraffe nach hinten aus und ihr Huf verfehlte Tess’ Kopf nur um Haaresbreite. Die kleine Löwin sprang erschrocken zur Seite und purzelte kopfüber ins hohe Gras.

Marc hielt hörbar die Luft an und entsicherte mit einer fließenden Bewegung das Gewehr. Aber Tajo schob sich vor ihn und hielt ihn auf. Es war gar nicht nötig, so heftig zu reagieren. Die Zwillingsmädchen hatten bereits genug von dem Jagdspiel und tobten zu ihrem Vater hinüber, um sich ungestüm auf ihn zu werfen und ihm ins Ohr zu beißen. Marc musste sich wirklich in Gelassenheit üben und den Kindern mehr zutrauen.

Alexander ließ den Angriff seiner zwei Jüngsten gutmütig über sich ergehen und brummte schicksalsergeben. Anna kam hinzu und leckte Tess liebevoll über den Kopf. Sofort wurde auch die große Schwester ins Spiel einbezogen und musste einige Attacken aushalten.

Marc hatte sich wieder entspannt und das Gewehr gesichert. Er ließ sich aufatmend auf dem Boden nieder, lehnte sich mit der Schulter an Tajo und fuhr sich mit einer müden Geste durch sein Gesicht. Tajo musterte ihn besorgt. Hatte er schon wieder schlecht geschlafen? Diese verdammten Alpträume. Deutlich waren dunkle Ringe unter seinen Augen zu sehen und tiefe Furchen hatten sich in seine Mundwinkel gegraben. Augenblicklich verwandelte Tajo sich in seine menschliche Gestalt, um mit ihm reden zu können. Er setzte sich neben seinen Freund auf den harten Boden und breitete die Arme aus. Marc war durch seine plötzliche Bewegung ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten und warf ihm einen strafenden Blick zu, ließ sich dann aber bereitwillig in die feste Umarmung sinken.

„Ich will jetzt aber nicht reden“, brummte er missmutig.

„Du musst aber darüber reden. Ich glaube nicht, dass es dir hilft, wenn du alles in dich hineinfrisst“, erwiderte Tajo leise. Wie ein Mantra wiederholte er die Worte, die er in den letzten Tagen immer und immer wieder zu ihm gesagt hatte.

„Wir haben bereits stundenlang darüber gesprochen und trotzdem wache ich jede Nacht schweißgebadet auf. Ich spüre den Druck auf meiner Brust, die Zähne an meinem Arm, das Blut in meinem Gesicht … und dann habe ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.“ Marc hielt inne und versteifte sich.

Tajo verstärkte seinen Griff um Marcs Schultern und schob sein Gesicht in seinen Nacken. Er schnurrte leise und küsste ihn auf seine Lieblingsstelle, die weiche Haut seiner Halsbeuge. Mmh, Marc roch einfach zu gut. Zum Anbeißen.

„Ich weiß“, flüsterte er nun beruhigend und knabberte zärtlich an Marcs Hals. Zufrieden spürte er an seinen Lippen, als sich an dieser Stelle sofort eine Gänsehaut ausbreitete und Marc leicht schauderte. „Es wird Zeit brauchen, bis du das verarbeitet hast. Gib dir selbst die Zeit, setz’ dich nicht so unter Druck.“

„Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob wir ständig darüber reden sollten. Am liebsten würde ich es einfach nur vergessen, aber … es ist immer da.“ Marc stöhnte ungehalten auf. Seine Finger gruben sich angespannt in den weichen Sandboden der Wüste. „Die Erinnerung ist immer präsent. Jede Minute an jedem gottverdammten Tag. Ein Schatten, eine Bewegung in den Büschen und ich fange an zu zittern.“

Tajo schwieg nachdenklich. Er fühlte den Schmerz seines Freundes, als wäre es sein eigener. Aber wie sollte er ihm nur helfen?

„Wenn du wenigstens die Beruhigungsmittel nehmen würdest, die Keyla dir gegeben hat ...“, versuchte er es erneut, wie so oft in den vergangenen Tagen.

„Oh nein. Das kommt gar nicht infrage“, wehrte Marc hastig ab. „Ich nehme so ein Zeug nicht. Dann schlafe ich lieber schlecht.“

„Sie sind aber rein pflanzlich“, rechtfertigte sich Tajo schnell.

„Curare ist auch rein pflanzlich“, erwiderte Marc sauer.

Tajo gab es auf. Er konnte ihm auf diesem Weg anscheinend nicht helfen. Marc spielte gedankenverloren mit einem kleinen Stein und drehte ihn in seinen Händen. Tajo sah, dass sie leicht zitterten. Oh Mann, seine Hilflosigkeit gegenüber Marcs Elend machte ihn echt fertig.

„Die Mädchen helfen mir“, sagte Marc plötzlich leise. „Sie lenken mich ab. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, kann ich mich etwas entspannen. Sie fordern ständig meine Aufmerksamkeit und dann muss ich nicht mehr an … an diese Sache denken.“

„Sie lieben dich“, stellte Tajo fest und sah zu seinen kleinen Schwestern hinüber, die sich knurrend um einen Ast stritten. Er lächelte. Sie waren aber auch wirklich süß.

„Ich mag Kinder. Du auch?“, fragte Marc.

Tajo hatte den unsicheren Unterton seiner Stimme vernommen, auch wenn Marc versucht hatte, ihn zu verbergen.

„Ja, ich mag Kinder. Wie alle Löwen. Je größer ein Rudel ist, umso bedeutungsvoller und mächtiger ist es.“ Er schob den Gedanken, dass er und Marc niemals eigene Kinder haben würden, schnell beiseite. Das war auch wirklich nicht wichtig. Wenn er nur mit Marc zusammen sein konnte, war ihm die Größe und die Bedeutung seines Rudels völlig egal.

„Es wäre schön, Kinder zu haben“, fuhr Marc fort und sah bedrückt zu Boden.

„Das werden wir auch“, versuchte er Marc aufzumuntern. „Na ja, zumindest, wenn Keyla sich einen Mann sucht und bei uns ihren Nachwuchs großziehen möchte“, fügte er hinzu, als er Marcs erstaunten Seitenblick auffing. „Bislang hat sie aber mit ihrem Studium noch alle Hände voll zu tun, jetzt ist es zu früh dafür.“

Marc schaute versonnen zu den Kindern hinüber. „Sie sind großartig, die zwei. Auf der einen Seite kleine Prinzessinnen, die Teepartys mit ihren Puppen abhalten und bei Hafergrütze angewidert das Gesicht verziehen. Auf der anderen Seite sind sie wilde junge Löwen, die unerschrocken die Welt entdecken.“

Tajo lachte amüsiert auf. „So siehst du sie? Ja, das stimmt. Aber sei froh, dass du sie nicht kennengelernt hast, als sie noch kleiner waren. Da waren sie ziemlich bissig.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Marc schmunzelte leise.

Tajo registrierte erleichtert, dass sich sein Freund bereits wieder deutlich entspannt hatte. Marc erhob sich und drückte sich den Cowboyhut auf seinen Kopf. „Was hältst du von einem großen Frühstück? Ich will anschließend gleich an den Computer, um nachzusehen, was es Neues gibt.“

Tajo nickte begeistert und verwandelte sich blitzartig, sodass Marc einen schnellen Satz zur Seite machen musste, um nicht umgeworfen zu werden. Marc lachte ausgelassen und stieß ihn tadelnd an der Schulter an. „Hey, pass doch auf! Immer wenn ich etwas vom Essen sage, haust du mich fast aus den Schuhen!“

Tajo zwinkerte Marc belustigt zu. Frühstücken gehörte nun mal zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Manchmal hatte sein Freund wirklich gute Ideen.

Gemeinsam begab sich das kleine Rudel auf den Heimweg.

***

Jon hatte bereits den Computer in Beschlag genommen und Devons E-Mail-Konto geöffnet. Dort waren jedoch schon seit Tagen keine neuen Nachrichten hinterlegt und keine Aktivitäten des schwarzen Wolfes erkennbar. Niedergeschlagen schob Jon beide Hände in seine Mähne und stöhnte enttäuscht auf. Was sollte er tun? Was konnte er überhaupt machen? Die Warterei machte ihn langsam rasend. Das Letzte, was er von Devon übermittelt bekam, war, dass dieser nach Prag gereist war, um Kontakt zu anderen Hintermännern rund um Shirkou Sorans Netzwerk aufzunehmen.

Danach verlor sich seine Spur. Er hatte sich völlig in Luft aufgelöst, selbst Marc konnte nicht feststellen, in welchem Hotel er abgestiegen war oder welche Reisewege er gewählt hatte.

Jon wusste nicht mehr weiter, aber er hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Nicht nur hier rumzusitzen und auf Nachrichten zu warten, sondern aktiv etwas zu unternehmen. Nur was? Nicht zum ersten Mal überlegte er, Devon hinterher zu fahren und ihn aufzuspüren.

Wenn er nur einen kleinen Anhaltspunkt hätte, wo er war! Dann wäre er hier schon längst weg. Jon fuhr den PC hinunter und sah nochmals seine Kreditkartenabrechnungen durch. Da Devon seine Karte besaß, hatten sie zuletzt auch über die Kartenbelastungen seine Wege verfolgen können. Aber nein, auch hierüber hatte der Wolf keine Nachricht hinterlassen. Fluchend schmiss er die Belege in den Ablagekorb des Schreibtisches. Was dachte sich Devon dabei, ihn einfach so im Ungewissen zu lassen?

Als Marc hereinkam, erhob er sich schnell und machte sich nicht die Mühe, seine verdrossene Miene zu verbergen.

„Noch immer nichts?“, fragte Marc und legte verständnisvoll eine Hand auf seinen Arm.

Jon schüttelte den Kopf und schob sich wortlos an Marc vorbei. Er hatte keine Lust, die verfahrene Situation mit ihm durchzukauen. Das brachte sowieso nichts. Devon war verschwunden. Die Verzweiflung drohte ihn erneut zu überrollen. Was war, wenn ihm etwas passiert war? Im Geiste sah er Devon tot, sein Körper zerfetzt von den scharfen Zähnen eines Raubtieres, in einer dreckigen Gosse liegen. Schnell versuchte er, die grauenhafte Vision zu verdrängen. Wenn er nicht bald ein Lebenszeichen von ihm bekam, würde er noch ausrasten und irgendeine Dummheit begehen. Wie etwa, ihm hinterher zu reisen …

***

Schweigend verließ Jon das Büro. Marc sah ihm besorgt nach. In dieser Stimmung hatte er den Löwen noch nicht erlebt. Jon, der eigentlich immer gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt war, wurde von Tag zu Tag grantiger.

In diesem Moment tauchte Luke hinter ihm im Türrahmen auf. Offenbar war er Jon im Flur über den Weg gelaufen, denn er fragte: „Lass mich raten: Es gibt keine neuen Nachrichten von Devon?“

Marc schüttelte verneinend den Kopf und fuhr den PC hoch. Selbst ihm gingen langsam die Ideen aus, wie er das Internet zur Suche nach Devon nutzen könnte. Er würde so gerne helfen, aber hier stieß er an seine Grenzen. Der Wolf war ein geschickter Spion und gewohnt, keine Spuren zu hinterlassen. Wenn er nicht gefunden werden wollte, würden sie kaum eine Chance dazu haben.

„Vielleicht kannst du Jon ein wenig aufmuntern? Der dreht nämlich so langsam durch“, meinte er.

Luke schaute nachdenklich in die Richtung, in die sein Cousin gelaufen war. „Ich weiß nicht …“, erwiderte er gerade zögernd, als ein „Platsch“, gefolgt von einem wütenden Löwengebrüll, von draußen zu hören war. Beide zuckten zusammen.

Sie stürzten gemeinsam auf die Terrasse und sahen Jon samt Kleidung inmitten des Pools. Tajo stand mit verschränkten Armen am Rand und funkelte seinen Bruder zornig an.

„Du schuldest mir ein neues Handy!“, brüllte Jon aufgebracht. Er zog das patschnasse Gerät aus seiner Hosentasche und warf es mit voller Wucht in Tajos Richtung. Tajo wich spielend aus und zuckte gleichgültig mit den Schultern. Das Handy zerschellte mit einem lauten Knall hinter ihm an der Wand des Poolhauses.

„Du weißt genau, für was das war! Wie kannst du mich nur so verarschen!“ Tajo knurrte seinen kleinen Bruder böse an. Dann grinste er feixend zu Marc hinüber. „Apropos Handy … ich habe hier noch etwas für dich.“ Er wandte sich um und holte ein kleines Päckchen aus dem Poolhaus. „Wenn du nett bist, schenkt Marc dir vielleicht sein altes Handy!“ Sarkastisch lächelte er Jon an, der sich, immer noch wutschnaubend, aus dem Wasser herauszog. Vor sich hin fluchend verschwand er mit schnellen Schritten in Richtung des Haupthauses, wohl um sich trockene Sachen anzuziehen.

Marc sah ihm milde lächelnd nach. Jon hatte doch Sinn für Humor, er würde sich schon wieder beruhigen. Luke warf Marc noch einen unsicheren Blick zu und folgte der nassen Spur, die Jon auf dem Boden der Terrasse hinterlassen hatte, ins Haus.

Tajo kam näher und hielt ihm das weiße Päckchen entgegen. Überrascht nahm Marc es an sich und öffnete es vorsichtig. In Styropor eingebettet kam eine weitere, kleinere Schachtel zum Vorschein. In dieser lag ein ultradünnes, futuristisch anmutendes Smartphone.

„Ein neues Handy?“, fragte Marc verwirrt. „Aber so eines habe ich noch nie gesehen, das gibt es doch gar nicht!“

„Doch, gibt es schon“, antwortete Tajo stolz. „Nur nicht zu kaufen. Das Gerät ist in Entwicklung und noch nicht auf dem Markt. Aber ich habe gute Kontakte zu den sibirischen Polarfüchsen, die in der Branche tätig sind. Und da ich etwas mit einer Sprachsteuerung suchte, meinte Nikolaj, dass das hier das Beste wäre, was sie je gebaut hätten.“

Vorsichtig packte Marc das Gerät aus und legte die SIM-Karte aus seinem alten Handy ein. Es sprang sofort an, ohne nochmals geladen werden zu müssen. Geistesabwesend legte er sein altes Gerät für Jon auf den Tisch, sank auf die große Lounge und begann, sich mit dem neuen vertraut zu machen.

„Wow, das ist voll krass. So schlank und leicht.“ Seine Daumen tippten in schneller Reihenfolge etwas ein. „Das Ding hat die beste Sicherheitsstufe, die ich jemals gesehen habe! Ich kann es so einstellen, dass nur mein Fingerabdruck eine Eingabe auf dem Handy zulässt. Mal sehen, was die Sprachsteuerung kann. – Internet öffnen!“, befahl er dem Gerät leise. Kurz darauf fragte er das Smartphone: „Wie ist das Wetter in Frankfurt am Main?“

„In Frankfurt am Main ist es wolkig mit leichtem Regen. Die Temperatur beträgt 5 Grad Celsius“, erwiderte das Handy.

Tajo grinste verwegen. „Na, zum Glück sind wir dem Schmuddelwetter aus dem Weg gegangen“, meinte er fröhlich.

„Tajo, das hättest du nicht tun brauchen. Wann endlich begreifst du, dass du mir nicht jeden Tag etwas kaufen sollst?“ Marc bemühte sich, seine Stimme streng klingen zu lassen, auch wenn er sich über das Geschenk riesig freute. Aber das ging langsam wirklich zu weit! Ständig schleppte er neue Sachen an.

Tajo brummte verärgert. „Ich wusste, dass du meckern würdest. Es ist doch nur ein Handy! Dass ich dir keinen eigenen Geländewagen für unseren Aufenthalt hier kaufen durfte, habe ich zwar nicht verstanden, aber ich habe es dann trotzdem sein lassen!“

„Du vergisst die vielen neuen und teuren Klamotten, die du gekauft hast.“ Marc sah ihn fest an. „Das war mehr als genug. Sieh doch ein, dass ich das ganze Zeug nicht brauche!“

„Und was hättest du anziehen wollen? Wir bleiben doch länger als geplant, da hätten die paar Sachen, die du im Koffer hattest, längst nicht ausgereicht!“, versuchte sich Tajo zu rechtfertigen.

Marc schnaubte verächtlich. „Hätten sie wohl!“, murmelte er verdrossen. Er wusste, wie gerne Tajo ihn mit Geschenken überraschte und ihn glücklich machen wollte, aber wenn er ihn jetzt nicht bremste, würde dies noch überhand nehmen. „Für dich ist es selbstverständlich, dir einfach zu kaufen, was du möchtest. Ich bin aber in ganz normalen, einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Verstehst du nicht, dass mir das unangenehm ist?“, fragte er verzweifelt. Er wusste allerdings, dass er bei Tajo auf wenig Verständnis stieß. Genauso wenig wie bei Elli und Maja, den beiden Wildhündinnen, die den Haushalt der Bruns versorgten. Elli hatte ihn verwirrt angesehen, als er darauf bestand, selbst das Bett zu machen, ihr Zimmer aufzuräumen und das Bad zu putzen. Er hatte sich mittlerweile mit ihr angefreundet und verbrachte viel Zeit bei ihr in der Küche, half beim Tischdecken und Abräumen. Nach einigem Gezeter hatte sie ihn gewähren lassen.

„Aber wenn meine Mum dir etwas schenkt, stellst du dich nicht so an!“, sagte Tajo enttäuscht.

Marc schüttelte den Kopf. „Das hat doch damit nichts zu tun!“, erwiderte er ausweichend. Tajos Mutter Linda verwöhnte ihn mit kleinen Aufmerksamkeiten und schien sich nicht im Geringsten daran zu stören, dass er nur ein Mensch war. Allein dafür liebte er sie. Sie und auch Alexander akzeptierten ihn wie einen dritten Sohn.

„Sie hat dir eine neue Armbanduhr gekauft und da hast du nicht gejammert!“, fuhr Tajo genervt fort.

Stimmt. Marc musste ihm zumindest gedanklich recht geben, auch wenn er es nicht gerne zugab. Er sah nachdenklich auf das Schweizer Präzisionsgerät, das sein linkes Handgelenk zierte und von dem er vermutete, dass es nicht unter 10.000 Euro gekostet hatte. Nachdem bei dem Angriff von Max seine Armbanduhr kaputt gegangen war, hatte Linda sie ihm gekauft. Dann war der Computer im Büro durch ein neues Modell mit einem Touchscreen ersetzt worden, damit er mit seinem bandagierten Arm nicht über die Maus oder die Tastatur arbeiten brauchte.

„Das ist nicht dasselbe!“, versuchte er, sich zu verteidigen. Marc hatte diese Dinge zögernd, aber dennoch dankbar angenommen. Er ahnte, dass sich Tajos Eltern in seiner Schuld fühlten, da er entscheidend zu Tajos Rettung aus der Gefangenschaft im Irak beigetragen hatte und sogar den Angriff von Max und Roque vereiteln konnte.

Ungehalten seufzte er auf. Das Thema schien sich zu einem Dauerbrenner zwischen ihnen beiden zu entwickeln, was er aber unbedingt vermeiden wollte.

„Ist ja gut“, sagte er daher einlenkend. „Das Handy ist echt toll, vielen Dank.“ Er stand auf und küsste Tajo, der seinen Kuss erwiderte und ihn grinsend in seine Arme zog. Marc ließ ihm den kleinen Teilsieg. Aber er schwor sich, beim nächsten Mal keinen Rückzieher zu machen.

2. Kapitel

Luke eilte Jon nach, der sich tropfnass auf den Weg zu seinem Zimmer machte.

„Jon, warte!“, rief er ihm hinterher. Jon aber ignorierte seinen Ruf, stürmte in sein Zimmer und warf ihm die Tür vor der Nase zu. Unentschlossen starrte Luke auf die Zimmertür. Er meinte, die brodelnde Wut seines Cousins durch sie hindurch zu spüren. Jons Ärger war mehr als verständlich, war er doch soeben von dem jetzt rangniedrigeren Tajo angegriffen und im Pool versenkt worden. Luke konnte sich ausmalen, was der dominante Alpha-Löwe von einer solchen Erniedrigung hielt. Ihm war jedoch klar, dass sie sich jetzt keine rudelinternen Machtkämpfe der Brüder leisten konnten. Er hatte zwar einen höllischen Respekt vor dem wütenden Mann, aber Marc hatte ihn gebeten, sich um ihn zu kümmern. Luke musste zugeben, dass er diesem Wunsch nur zu gerne nachkam. Er mochte Jon. Na ja, nicht nur. Er fand ihn klasse, atemberaubend, sexy. Zwar hatte Jon ihn bislang kaum beachtet, aber vielleicht war das seine Chance, ihm ein wenig näher zu kommen.

Luke nahm all seinen Mut zusammen, betrat das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Jon stand bewegungslos inmitten des Raumes und schnaufte tief durch. Das Wasser des Pools rann noch immer aus seinen Kleidern und bildete bereits eine Pfütze auf dem Teppich. Zögernd blieb Luke stehen, lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und wartete ab. Es kam ihm vor, als würde er vor einer tickenden Bombe stehen und gleich mitten in eine Explosion hineinlaufen.

Jon aber überraschte ihn, wie so oft in den letzten Tagen seit ihrem Kennenlernen, denn er explodierte nicht, er drehte sich nicht einmal um, sondern fragte nur tonlos: „Was willst du?“

Eigentlich hätte Luke nun erwidern müssen: mit dir reden, dir helfen, dir zuhören … Aber es brach aus ihm heraus, wie aus der Pistole geschossen: „Dich.“

Jon fuhr blitzartig herum und starrte ihn wütend an. Luke schluckte. Mein Gott, warum war ihm das nur rausgerutscht? Bislang war es ihm gelungen, seine Schwärmerei für den gut aussehenden, muskulösen Löwen zu verbergen und sich allenfalls ein paar heimliche Blicke zu gönnen. Er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss und er feuerrot anlief - nur, um gleich darauf blass zu werden, da sich das Blut aus seinem Kopf wieder verabschiedete und sich eindeutig unterhalb seiner Gürtellinie versammelte.

***

Jons Blick glitt ungeniert von den hellbraunen Augen seines jüngeren Cousins hinab über den schmalen Oberkörper, der noch so gar nicht wie der eines erwachsenen Löwen aussah. Mit seinen 20 Jahren war Luke zwar volljährig, aber die Ausbildung seiner rötlich-blonden Mähne und seines Körpers würde noch mindestens zwei bis drei weitere Jahre andauern. Wenn er nicht sogar nach der Blutlinie seiner grazilen Mutter kam und ein eher schlanker, dünner Löwe bleiben würde.

Jons Blick blieb nun an der deutlichen Ausbeulung von Lukes Hose hängen. Seine Augen verengten sich und er ballte zornig die Hände zu Fäusten. Was fiel dem kleinen Mistkerl ein, so mit ihm zu reden?

Mit einer unfassbar schnellen Bewegung riss er Luke zu sich heran, nur um ihn gleich darauf mit Wucht gegen die nächste Wand zu werfen. Drohend baute er sich vor dem schmächtigen Jungen auf, der keuchend am Mauerwerk lehnte, und knurrte: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, kleiner Jean-Luc.“

Jon benutzte mit Absicht den vollen Taufnamen seines Cousins, gerade weil er genau wusste, wie sehr er ihn hasste. Aber er brauchte diesen Hass jetzt. Plötzlich schlug sein unbändiger Zorn in den Wunsch um, Luke eine Abreibung zu verpassen, ob er sie nun verdient hatte oder nicht. Nur brauchte er dafür eine provokante Reaktion des kleinen Löwen. Der aber schien über seinen eigenen Mut erschrocken, zog sich zurück und neigte angesichts seiner überschäumenden Wut und seiner Dominanz respektvoll den Kopf. Luke schob seinen Oberkörper von ihm weg, zeigte ihm seine Seite und präsentierte die ungeschützte Kehle.

Jon ließ es dabei jedoch nicht bewenden. Etwas setzte in ihm aus, er warf sich gegen Luke und presste ihn an die Wand. Sie waren sich so nahe, dass er das überraschte Aufkeuchen von Luke an seinem Hals spüren und dessen hämmerndes Herz hören konnte.

Jon fauchte aggressiv und senkte seinen Mund dicht an Lukes Ohr. „Ist es das, was du willst?“, fragte er ihn kalt. Doch sein eigener Körper reagierte unmissverständlich auf die warme und pulsierende Nähe, sein Schwanz war augenblicklich steinhart und drückte gegen die nasse Hose.

Lukes Keuchen wich einem schwachen Wimmern, seine Hände verkrallten sich in Jons Oberarmen. Er drehte leicht den Kopf, sodass ihre Lippen nur Zentimeter voneinander entfernt waren.

Das reichte Jon als Provokation und zur Strafe senkte er seinen Kopf, um Luke hart zu küssen. Seine Lippen pressten sich fest auf, seine Zunge eroberte Lukes Mund. Er war außer sich vor Wut, sein Blut rauschte in seinen Ohren und seine Hände gruben sich hart in Lukes Schultern.

Der kleine Löwe stöhnte seine Überraschung in Jons Mund hinein. Zaghaft erwiderte Luke den Kuss.

Jon durchfuhr es wie ein Stromschlag, als sich ihre Zungen zum ersten Mal berührten, er zuckte leicht zusammen und seine Beine drohten unter ihm nachzugeben. Seine Knie waren weich geworden und automatisch verstärkte er seinen Griff, um sich festzuhalten. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus und er spürte eine tiefe Ruhe, die jede Faser seines Körpers durchdrang, die seinen Zorn schlagartig verrauchen ließ und die ihn dazu brachte, das Spiel ihrer Zungen zu vertiefen und alle Sinne darauf auszurichten, wie Luke schmeckte, wie er roch, wie er sich anfühlte und anhörte.

Hungrige, feuchte und tiefe Küsse ließen ihn fast taumeln. Er packte Lukes Hintern und zog ihn noch dichter heran. Der schmale Körper unter seinen Händen war so nachgiebig, so anschmiegsam und gleichzeitig so erregend.

Jon wollte diesen Kuss niemals enden lassen. Seine Hände wanderten über Lukes harten, sehnigen Rücken, und er konnte überdeutlich fühlen, wie sich dessen Muskeln unter seinen Fingern anspannten, um gleich darauf zitternd zu erbeben. Jons Finger spürten der fühlbaren Welle der Schauer nach, bis sie im Schulterbereich verebbten und er seine Hände in die weichen Haare der kurzen Mähne schob. Wie von selbst bewegte sich seine Hüfte und rieb sich mit kreisenden Bewegungen an Luke. Deutlich spürte er dessen Erregung, sein steinharter Schwanz drückte sich fordernd an Lukes geschwollenen Schritt.

Ein brünstiger Laut entfuhr seiner Kehle, bevor er ihn aufhalten konnte. In seinem Gehirn machte sich eine Warnung breit, als er ein aufsteigendes, elektrisierendes Gefühl an seiner Wirbelsäule wahrnahm. Er würde kommen? Er würde gleich in seiner Hose abspritzen, nur dadurch, dass er Luke küsste?

Überrascht riss er die Augen auf und sah auf Luke hinab, der mit geschlossenen Lidern hingebungsvoll an seinen Lippen hing und den Kuss erwiderte. Ein Bogen dichter blonder Wimpern lag auf den blassen Wangen des Jungen. Aus der Entfernung des Kusses entdeckte Jon, dass diese, wie auch Lukes Nasenrücken, mit fast unscheinbaren Sommersprossen gesprenkelt waren. Oh Mann, der Kleine war eine echte Schönheit, allein sein Gesicht war makellos und von edlen, noch etwas weichen Zügen geprägt.

Jon löste sich widerstrebend und trat einen Schritt zurück, auch wenn sein ganzer Körper dagegen protestierte.

„Verschwinde“, knurrte er Luke an, „wenn ich wiederkomme, will ich dich hier nicht mehr sehen.“

Er wandte sich ab und hastete in sein angrenzendes Bad. Ein leises Klicken verriet ihm, dass Luke das Zimmer verlassen und die Tür geschlossen hatte. Schwer atmend lehnte er sich gegen das Waschbecken. Sein Schwanz pulsierte noch immer im Takt seines klopfenden Herzens und drückte fast schmerzhaft an die nasse Hose.

Was war das denn gewesen? Er hatte noch nie jemanden geküsst, nur weil er wütend gewesen war! Das war nicht geplant gewesen. Er hatte einfach gehandelt. Seine Hormone mussten völlig verrückt gespielt haben. Luke war doch noch nicht einmal sein Typ. Seine bisherigen Lover waren alle – na ja, wie er selbst gewesen, hatten zu ihm gepasst. Echte Männer, groß, stark und mit einem gesunden Selbstbewusstsein, die mit ihm und seinem überschäumenden Temperament locker mithalten konnten. Die sich nicht verschreckt vor ihm zurückzogen, wenn er mal den dominanten Löwen heraushängen ließ, sondern ihm entsprechend Kontra gaben.

Außerdem, hatte er sich nicht noch vor ein paar Minuten heftig nach Devon gesehnt? Der schwarze Wolf, in den er sich Hals über Kopf verliebt hatte und den er schrecklich vermisste! Auch wenn er gerade nicht hier war – Devon war in seinem Herzen. Er war der Richtige für ihn und Jon hatte sich entschlossen, auf ihn zu warten.

Luke dagegen war so … so jung, klein, schmächtig. Ein Junge, kaum erwachsen geworden und am untersten Ende der Rangfolge in der Familie. Nein, das kam nicht infrage, dass er hier hemmungslos mit dem Kleinen rumknutschte. Dass ihn der Kuss so angetörnt hatte, musste an seiner derzeitigen akuten Unterversorgung liegen.

Aber er hatte auch niemals zuvor einen anderen Löwen geküsst.

Ausgerechnet Luke – das war eine verdammt schlechte Idee gewesen. Der Kleine war doch noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Und er hatte in den vergangenen Tagen sehr wohl gemerkt, welch schmachtende Blicke Luke ihm zugeworfen hatte. Bestimmt konnte er mit einem solchen Kuss nicht umgehen und würde, weiß Gott, verunsichert sein. Oder viel schlimmer, ihm nachlaufen.

Jon schüttelte missmutig den Kopf. In welche verfahrene Lage hatte ihn sein übersprudelndes Temperament nun schon wieder gebracht? Langsam zog er seine nassen Sachen aus, stellte die Dusche an und ließ das Wasser eiskalt auf seinen erhitzten Körper herabprasseln.

***

Atemlos stürzte Luke aus Jons Zimmer und schaffte es, die Tür nicht krachend hinter sich zuschlagen zu lassen, sondern angemessen leise zu schließen. Er wandte sich um – und prallte geradewegs mit seiner Tante Linda zusammen, die um die Ecke bog und einen Stapel frischer Handtücher trug.

„Oh, sorry, ich habe dich nicht kommen sehen“, entschuldigte sich diese. Ihr Blick blieb an seinem Gesicht und seinem Mund hängen und ihre Augen weiteten sich überrascht.

Luke rannte mit einem erstickten Laut an ihr vorbei und in sein Zimmer, das er sich mit seinem Bruder Sebastian teilte, solange sie hier auf der Mikuyu-Farm zu Gast waren. Wie peinlich! Sie musste ihm genau angesehen haben, was in Jons Zimmer passiert war. Obendrein war seine Kleidung nun ebenfalls nass und er roch wahrnehmbar nach Jon. Was mochte sie nun von ihm denken?

Na, was wohl: Dass er eben wild mit ihrem Sohn rumgeknutscht hatte, meldete sein schlechtes Gewissen.

Oh Gott. Jon hatte ihn tatsächlich geküsst! Auch wenn es nur aus Wut gewesen sein sollte, die er deutlich gespürt hatte, hatte der Kuss ihm fast die Beine weggezogen. Wahnsinn. Er war zwar schon geküsst worden, aber niemals so heftig. Verzehrend. Einzigartig.

Luke fuhr sich gedankenverloren über die brennenden Lippen. Jon hatte echt krass reagiert - hatte er vielleicht doch eine Chance bei ihm?

***

Hank war zu Tajo und Marc auf die Terrasse getreten. „Nichts Neues?“, fragte er, wie alle anderen auch an diesem Morgen.

Tajo schüttelte verneinend den Kopf. „Jedenfalls nicht von Devon, falls du das meinst. Aber gestern Abend hat Judd angerufen, er ist auf dem Weg hierher. Keyla und Old Bear holen ihn in Springbok ab, sie müssten in einer Stunde wiederkommen.“

„Judd? Wer ist das?“, fragte Marc interessiert.

„Mein Neffe“, brummte Hank und wandte sich ihm zu. „Der Sohn meiner Schwester. Er ist jetzt 23 und kommt aus Toronto. Ich habe versucht, ihm das auszureden, aber er ist verdammt stur. Eben typisch Bär.“

„Judd ist gelernter Systemelektroniker, ich brauche ihn hier, um ein paar Sicherheitssysteme anzubringen“, entgegnete Tajo ernst. „Wir können nicht Tag und Nacht das ganze Areal lückenlos überwachen, das hat mir der Angriff von Max und Roque klargemacht.“

„Es wäre mir trotzdem lieber gewesen, wenn er in Kanada geblieben wäre. Weißt du, was meine Schwester aus mir macht, wenn ihm hier etwas passiert?“, knurrte Hank und fuhr sich mit der Hand in einer bedeutsamen Geste über die Kehle.

Tajo grinste zu Marc hinüber. „Stelle dich nie zwischen eine wütende Bärenmutter und eines ihrer Jungen, wenn dir dein Leben lieb ist.“

Marc lachte leise auf. Er erinnerte sich an Hanks spontane Verwandlung im Hof von Holzhausen, als er sich am liebsten mit Sebastian geprügelt hätte, der es gewagt hatte, ihn zu verhöhnen. Die Urgewalt eines in Rage geratenen Bären war mit nichts vergleichbar, da war er sich sicher.

„Sagt mal … gibt es unter den Gestaltwandlern eigentlich nur Raubtiere?“, fragte er nun. „Ich kenne bis jetzt Raubkatzen, Wildhunde und Füchse, Wölfe und Bären. Aber gibt es auch Fische, Vögel, Reptilien oder andere kleinere Arten?“

„Gute Frage“, brummte Tajo. Er setzte sich neben Marc. „Wir wissen es nicht hundertprozentig.“

„Unmöglich wäre das jedenfalls nicht, anscheinend auch nicht physisch“, warf Hank nun ein. „Nimm zum Beispiel mal unser Gewicht: meines vervielfacht sich, wenn ich mich verwandele, das der Wildhunde reduziert sich auf gut die Hälfte. Wie das funktioniert, weiß niemand. Also warum sollte es keine kleineren Arten geben? Aber das hat noch niemand wirklich erforscht. Die Wandler sind zumeist keine Wissenschaftler, Dichter oder Künstler, sondern eher praktisch veranlagte Leute. Mit Ausnahme der kreativen Polarfüchse, die technisch schon immer jeder Entwicklung voraus waren.“

„Aber es gibt Theorien, dass, wenn es solche Gestaltwandler gibt, sie sich bewusst von uns fernhalten. Bis vor rund 50 Jahren wüteten schwere Kämpfe unter den Rudeln der Gestaltwandler und ganze Sippen wurden ausgelöscht“, fügte Tajo nun erklärend an. „Hier in Südafrika kämpften besonders die Löwen gegen die Hyänen, erst in den letzten Jahren hat man sich langsam angenähert. Die Chefin der hiesigen Hyänen, Nira Makebe, streitet bereits seit Jahrzehnten mit meinem Vater, vor allem über die Wasserrechte des Flusses.“

„Hast du schon mit ihr gesprochen, seitdem du hier bist?“, fragte Hank und sah Tajo nachdenklich an.

Tajo schüttelte vehement den Kopf. „Das ist jetzt Vaters und Jons Sache, nicht länger die meine.“