Diaphragmen und die Zirkulation - Simone Huss - E-Book

Diaphragmen und die Zirkulation E-Book

Simone Huss

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Beschreibung

Alles in einem Buch: Die acht Diaphragmen und ihre Behandlungstechniken nach Sutherland Einprägsam: Alle zirkulatorischen Techniken werden nach einheitlichem Schema dargestellt: - Anatomie und Physiologie - Zielsetzung und Durchführung der Technik - Erläuterung funktioneller und struktureller Zusammenhänge - Illustration durch Fotos Einzigartig: Nirgendwo sonst finden Sie so viele zirkulatorische Techniken in einem Buch Das Besondere: Die Autorinnen integrieren Yoga-Übungen in die osteopathische Behandlung und schildern ihre Wirkung auf Diaphragmen, Faszien und Organsysteme

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Diaphragmen und die Zirkulation

Fasziale Aspekte und Anwendung in Osteopathie und Yoga

Simone Huss, Bettina Wentzel

185 Abbildungen

Geleitwort

Der Atem und seine spirituelle Dimension

Der Atem verbindet uns mit dem Leben. Gott selbst hat ihn uns mit seinem Odem eingehaucht, heißt es in der Bibel.

In den östlichen Traditionen ist vom großen Atman die Rede, der im Ausatem und dem anschließenden Einatem sogar ein universelles Zeitalter umfasst.

Im Hinduismus zum Beispiel bedeutet Mahatma „große Seele“ und „großer Atem“. Diese Religion geht davon aus, dass die Menschen, die einen bewussten, tiefen und vollen Atem entwickeln, auch zu einem tiefen seelischen Bewusstsein gelangen werden. Mahatma Gandhi dürfte eine beispielhafte Inkarnation dieser Erkenntnis sein.

Auf der körperlichen Ebene ist der Atem unsere elementarste Lebensfunktion und Energiequelle.

Während wir, besonders auch in Anlehnung an alte Traditionen und Religionen, mehrere Wochen, wie z.B. beim Fasten, auf feste Nahrung verzichten und sogar Tage ohne Wasser auskommen können, wäre ohne die Atemenergie unser irdisches Leben innerhalb weniger Minuten erloschen.

Ohne Atem kein Leben.

Doch der durch uns hindurchströmende Atem birgt eben auch das Potenzial in sich, eine weitaus bedeutendere Rolle einnehmen zu können, als unseren Körper und all seine Zellen mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff zu versorgen.

Er steht seit jeher für die alles entscheidende Verbindung zwischen unserer körperlichen Existenz und dem, was wir unter dem universellen, göttlichen Bewusstsein verstehen.

In diesem Sinne verschaffen wir uns mit der Inspiration (wörtlich „Einatmung“) nicht nur Zugang zu höheren Einsichten, sondern können uns mit jedem bewussten Atemzug auch gezielt mit dieser spirituellen Energie verbinden. Bewusst wahrgenommen, führt uns der Atem zurück zur Einheit oder Vollkommenheit, aus der wir nach allen Religionen kommen.

In unserem christlich geprägten Kulturkreis treten wir in der symbolischen Nachfolge der „Urmenschen“ Adam und Eva mit unserer Geburt aus dieser Einheit oder Vollkommenheit in die Welt der Polarität und Gegensätze ein. In ihr ist alles auf seinen Gegenpol angewiesen und hängt von ihm ab. Hell kann nicht ohne dunkel, klein nicht ohne groß, das „Gute“ nicht ohne das „Böse“ existieren, der Einatem nicht ohne den Ausatem und umgekehrt. In der biblischen Geschichte wird dieser Weg in die Polarität symbolisch auch als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben, in das wir allerdings auch wieder zurückkehren können und werden.

Beginnt also das selbstständige Leben nach der Geburt mit dem ersten intensiven Einatemzug, so endet es unausweichlich mit dem letzten Ausatmenzug. Zwischen diesen beiden Momenten beschreiten wir unseren Weg in der Welt der Gegensätze im Kreismuster des Lebens. Zuerst führt uns der Weg aus der Mitte hinaus zur Peripherie, dem äußeren Kreis des Lebensmandalas. Unheil, Leid und Krankheit auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene begleiten uns dabei, solange uns zur verlorenen Einheit die bewusste Integration des Gegenpols fehlt. Nach dem Hinweg im Kreismuster des Lebens zeigt die Lebensmitte den Wendepunkt am äußeren Rand des Kreises und den Zenit des Lebensmandalas an. Der Weg führt nun wieder zurück in die Mitte. Der Atem ermöglicht uns dabei, diesen Weg bewusst zu gehen.

Da auf jedes Einatmen unweigerlich das Ausatmen folgt, bilden die gegensätzlichen Pole des Atems gemeinsam nicht nur das Ganze ab, sondern auch den Rhythmus unseres Lebens, das große Hintergrundrauschen unseres unentwegt fließenden Lebensstroms. Der Atem kann uns die Erkenntnis verdeutlichen, dass wir uns von der unbewussten Vollkommenheit wieder zur bewussten Vollkommenheit hin entwickeln können. Anders ausgedrückt: Im Atem, der beide Pole in einem Atemzug vereint, spiegelt sich die äußere, makrokosmische Welt der Gegensätze. Bewusst wahrgenommen vermag er deshalb die trennende Polarität in uns aufzuheben und Heilung im Sinne von Bewusstwerdung in uns geschehen zu lassen. Darauf verweist bereits die bekannte Aussage von Paracelsus, dem Universalgelehrten des Mittelalters: „Alle Heilung geht durch den Atem.“

Auf der Suche nach ganzheitlicher Heilung fühlen sich Menschen seit jeher zu Heilkundigen und spirituell Gelehrten wie ihm hingezogen. Energetische Atemmeditationen, deren Wurzeln in vorbuddhistischer Zeit liegen und deren verschiedene Formen zunehmend wieder an Bedeutung gewinnen, zielen auf solche transzendentalen Erfahrungen der Einheit ab. In den Momenten der Meditation, wenn die Grenzen von Raum und Zeit verschwinden und reines bewusstes Sein erlebt werden kann, kommt der Atem zum Stillstand – zur Einheit, ohne dass eine lebensbedrohliche Situation eintritt. Der bewusst wahrgenommene Atem führt uns so in die Welt jenseits aller vertrauten Gesetzmäßigkeiten und vermittelt uns Erfahrungen der Einheit und Allverbundenheit. Der Atem vermag das Tor zu einem höheren Bewusstsein in uns weit zu öffnen!

Eine der wesentlichen Aufgaben unserer Zeit wird es sein, dieses verloren gegangene Paradies, die Einheit, die Heilung in und durch uns selbst wiederzufinden.

Ärzte und Therapeuten mögen gute Begleiter auf diesem heilbringenden Weg sein.

Augsburg, im Sommer 2015Gebhard Gediga

Vorwort

Eine alte Zen-Weisheit besagt: Das Leben geschieht nur im Hier und Jetzt. Der Atem ist unser Schlüssel dazu.

Jeder Mensch hat seinen ureigenen Atemrhythmus, von dem er sich leiten lässt. Er spiegelt zu jeder Zeit unsere seelische Verfassung wider. Körperhaltung und Atmung bedingen sich gegenseitig und sind aufs Engste miteinander verbunden.

Wir alle kennen ihn gut, diesen Moment des „Atem-Anhaltens“. Sei es ein Moment der Angst oder der Vorsicht, ein Moment der Achtsamkeit oder der Unachtsamkeit, ein Moment höchster Konzentration oder ein Moment größter Anstrengung. All diesen Momenten fehlt die Kraft des fließenden Atems, der Sauerstoff und somit Energie bis in die kleinste unserer Zellen trägt.

Und wir kennen den Moment des „Aufatmens“. Laut hörbares Ausatmen, wenn uns ein Stein vom Herzen fällt, wenn wir eine Arbeit erfolgreich abgeschlossen haben oder wenn wir uns zufrieden zurücklehnen. Oder wenn Harry, mein Australian Shepherd, nach unzähligem Kreiseln um den geplanten Liegeplatz die richtige Stelle endlich gefunden hat, sich tief seufzend ausatmend niederlässt, die Augen schließt und einschläft.

Oder gar ein tiefes Einatmen, um Kraft zu sammeln, um den nächsten Schritt zu tun. Mit dem Fokus auf die folgende Aktion und der gebündelten Energie wartend auf die Gelegenheit, sich zu entfalten.

Die Luft webt das All, der Atem webt den Menschen. (Atharva Veda)

Wie schon Gebhard Gediga in seinem Geleitwort auf den Atem als wesentliches, demnach das Wesen stärkende Element aufmerksam macht, ist auch das Wesentliche dieses Buches der Atem.

Philosophie, Glaube, Herangehensweise und das gemeinsame Ziel, den Menschen mit seinem Atem, seiner Atmung, und somit mit seinem Dasein auf dieser Welt zu synchronisieren, vereinen sich in den Grundprinzipien von Osteopathie und Yoga. Aus diesem Grund freue ich mich, dass das Kapitel 8 „Yoga“ von Bettina Wentzel die von mir verfassten sieben osteopathischen Kapitel des vorliegenden Buches ergänzt.

Der Atem und die damit verbundene Zirkulation der Flüssigkeiten, wie sie in der Lage sind, allem Lebendigen (Selbst-)Heilung zu bringen.

Mein Dank gilt all diesem Lebendigen und dem Atem aller Lernenden und Lehrenden unserer Welt.

Ettlingen, August 2015Simone Huss

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Vorwort

1 Einleitung

2 Befundungskonzepte

2.1 Beurteilung im Stand

2.1.1 Allgemeines

2.1.2 Vorgehensweise

2.2 Inhibitionstest

2.2.1 Vorgehensweise Befundungsschema 1

2.2.2 Vorgehensweise Befundungsschema 2

2.3 Dichtetest

2.4 Faszialer Armzug

2.5 Faszialer Beinzug

2.6 Zink-Pattern

2.6.1 Vorgehensweise

2.7 Möglichkeiten der Befundung des Diaphragma abdominale: globale und spezifische Tests

2.7.1 Mobilitätstest der Ein- und Ausatmung in Rückenlage und im Sitz

2.7.2 Dichtetest am Thorax im Sinne eines „Local Listenings“ in vier Quadranten

2.7.3 Rebound-Test in Stand, Sitz und Rückenlage

2.7.4 Palpationstest bezüglich des Tonus

2.7.5 Vorlauftest Diaphragma abdominale

2.7.6 Test des PRM des abdominalen Diaphragmas

3 Diaphragmen

3.1 Einleitung

3.2 Acht Diaphragmen und ihre Behandlung nach W.G. Sutherland

3.2.1 Plantarfaszie

3.2.2 Diaphragma genu

3.2.3 Diaphragma pelvis

3.2.4 Diaphragma abdominale

3.2.5 Diaphragma cervicothoracale

3.2.6 Okziput Atlas Axis

3.2.7 Tentorium cerebelli/Diaphragma sellae

4 Zwerchfell

4.1 Anatomie und Funktion

4.2 Funktionelle Zusammenhänge

4.3 Praxis

4.3.1 Globale Behandlungstechniken

4.3.2 Spezifische Behandlungstechniken

4.3.3 Eigenübungen

5 Mundboden und obere Kopfgelenke

5.1 Anatomie und Funktion

5.1.1 Okziput

5.1.2 Os temporale

5.1.3 Mandibula

5.1.4 Hyoid

5.1.5 Temporomandibulargelenk

5.1.6 Vegetative Ganglien

5.1.7 Okziput-Atlas-Axis-Region

5.2 Theoretische und funktionelle Zusammenhänge

5.3 Praxis

5.3.1 Behandlungstechniken

5.3.2 Eigenübungen

6 Obere Thoraxapertur

6.1 Anatomie und Funktion

6.1.1 Muskulatur

6.1.2 Topografische Verhältnisse innerhalb der Halsfaszie

6.1.3 Obere Thoraxapertur als Durchtrittspforte

6.1.4 Mediastinum

6.1.5 Lücken und Engpässe der oberen Thoraxapertur und des Mediastinums

6.1.6 Pleura

6.1.7 Perikard

6.1.8 Leitungsbahnen

6.2 Theoretische und funktionelle Zusammenhänge

6.3 Praxis

6.3.1 Behandlungstechniken

6.3.2 Eigenübungen

7 Beckenboden

7.1 Anatomie und Funktion

7.1.1 Kranialer Anteil

7.1.2 Kaudaler Anteil

7.1.3 Stoßdämpferfunktion

7.1.4 Muskuloligamentäre Verbindungen

7.1.5 Leitungsbahnen

7.2 Theoretische und funktionelle Zusammenhänge

7.3 Praxis

7.3.1 Behandlungstechniken

7.3.2 Eigenübungen nach R. Tanzberger zur Aktivierung der Zirkulation

8 Yoga: Integration von westlichen und östlichen Ansätzen der Körperarbeit

8.1 Atem und Bewegung

8.2 Body-Mind-Centering

8.3 Körpersysteme

8.4 Körpersymmetrien und Diaphragmen im Yoga

8.4.1 Körpersymmetrien: Bewegungs- und Atembewusstsein in Raum und Zeit

8.4.2 Diaphragmen: horizontale Strukturen als Brücken und Böden

8.5 Erleben unserer Strukturen und Körpersysteme in Bewegung

8.5.1 Bewegungssequenz zum Ankommen und Aufwärmen

8.5.2 Aufwärmen: von Anfang an in Verbindung sein

8.6 Bewegungssequenz für Klarheit, Struktur, Stabilität und Kraft

8.6.1 Knochensystem

8.6.2 Muskelsystem und Faszien

8.6.3 Praxis

8.7 Bewegungssequenz für Achtsamkeit, Fluss, Kreativität und Leichtigkeit

8.7.1 Organsystem

8.7.2 Flüssigkeitssystem

8.7.3 Fasziensystem als Flüssigkeitssystem

8.7.4 Praxis

8.8 Yoga-Übungen für Entspannung, Tiefe und Feinfühligkeit

8.8.1 Fasziensystem als Energie-, Speicher- und Kommunikationssystem

8.8.2 Nervensystem

8.8.3 Praxis

8.9 Meditation zur Integration der Systeme

8.9.1 Zellsystem

8.9.2 Sitzende Meditation: in der Stille die Mitte finden

9 Schlusswort

Teil II Anhang

10 Glossar

11 Abkürzungsverzeichnis

12 Abbildungsnachweis

13 Literatur

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

1 Einleitung

Das sind wir Menschen mit all dem, was zu uns gehört.

Innerhalb – was uns bewegt,

an uns – was uns berührt,

um uns herum – was sich bewegt.

Jede Nacht und jeden Tag sind wir innerhalb von uns selbst in Bewegung und außerhalb von uns bewegen sich Alle und Alles um uns herum. An uns treffen sich Bewegungsimpulse, berühren sich und verwandeln sich in Impulse für erneute Bewegung. Dies geschieht unermüdlich und ohne Unterbrechung.

Ich habe meine Gedanken wiedergefunden innerhalb der Osteopathie. Zumindest habe ich grundlegende, gedankliche Ansätze der Osteopathie für mich so verstanden. Am ehesten spiegeln sich diese Ansätze in der Funktion der Faszien und deren diaphragmalen Ebenen wider.

Innerhalb dieser Gewebe geschieht ebenfalls unermüdlich und ohne Unterbrechung Bewegung, die zur Berührung führt, aus der wiederum Bewegung resultiert. Ausreichend Flüssigkeit ist Voraussetzung für ein reibungsloses Funktionieren der „Kommunikations-Plattform“ dieser Gewebe, die so wesentlich für den gesamten Organismus sind. Wer bewegt sich schon gerne unermüdlich, trägt Information von A nach B, während er durch trockenen, tiefen Sand stapfen muss, wenn er sich besser auf einem sanft strömenden Fluss dahin treiben lassen könnte und mitnehmen ließe.

Werfen wir einen gemeinsamen Blick auf die Zusammenfassung der Grundprinzipien der Osteopathie. Sie haben den Anschein einer Auflistung. Das ist tatsächlich nur der Anschein. Denn wenn wir sie gewissermaßen auf der Zunge zergehen lassen, mit Aufmerksamkeit und Bewusstheit lesen, all unsere Erfahrungen der vergangenen und der zukünftigen Jahre hinzufügen und sie mit dem Gegenwärtigen verbinden, dann sind sie mehr als nur eine Auflistung:

• Der Mensch als ganze, untrennbare Einheit

• Die Selbstheilungskräfte des Körpers

• Die Bedeutung von Struktur und Funktion

• Die Vorherrschaft der Arterien

• Leben ist Bewegung

Gründe genug, die Gewebe zu respektieren, ihre Funktion, das Lebendige, das bewegte Leben, das ihnen innewohnt. Gründe genug für die respektvolle, manuelle Herangehensweise der Osteopathen.

Palpation wird zu einem lebendigen Austausch zwischen zwei lebendigen Körpern. ▶ [2]

Hieraus erschließt sich dem Therapeuten eine überaus sensitive Art zu arbeiten. Dies schätze ich persönlich am meisten.

„… Dann wird das Baby geboren und während dieses Prozesses bei seiner Passage durch den Geburtskanal konfiguriert. Der primäre Atemmechanismus fährt in diesem neugeborenen Gehäuse aus reziproker Spannungsmembran, Bindegewebe und Flüssigkeit, mit seiner tidenartigen Bewegung fort und führt den Mechanismus des Neugeborenen buchstäblich hin zu einem vollkommenen Muster der Gesundheit, indem er entstandene Stressbereiche dekonfiguriert und die Gesundheit zurückformt zur einfachen Funktion von Mobilität und Motilität, ausgedrückt durch Flexion/Außenrotation und Extension/ Innenrotation. Zu diesem Zeitpunkt wird ein physiologisches Muster einer Rotation oder Sidebending-Rotation erworben – als Teil des lebenslangen Gesamtmusters der Gesundheit in diesem Individuum.“(▶ [2], S. 146)

Für uns Therapeuten steht am Anfang die Befundung. Einmal, um uns einen Eindruck der gegenwärtigen Situation unseres Gegenübers und seiner Gewebe zu vermitteln. Zum anderen, um eine gemeinsame Kommunikationsebene zu entdecken.

In der therapeutischen Entwicklungsgeschichte haben sich entsprechend unterschiedliche Befundungskonzepte etabliert.

Ich persönlich mache mich gerne auf die Suche nach der „vermutlich primären Afferenz“, um mit den Worten von Alois Brügger zu sprechen. Wohl wissend, dass sich hier nur der Teil des Systems offenbaren wird, der für dessen momentanen Gesundheitszustand am wichtigsten zu sein scheint.

Und damit sind wir beim Thema „der eigenen Intelligenz unseres Systems“.

Intellegere – „verstehen“, wörtlich „wählen zwischen“, aus inter – „zwischen“, und legere – „lesen“.

Eine Intelligenz, die sich ausgesprochen erfolgreich um die Erhaltung der Gesundheit ihres Systems kümmert. Eine Intelligenz, die den Weg zur eigenen Gesundheit selbst am besten kennt. Potency, ..?

Der osteopathische Behandlungsansatz, nach der Gesundheit zu suchen, beinhaltet die Zielsetzung, den arteriellen Zufluss (▶ Abb. 1.1), die venöse Drainage (▶ Abb. 1.2), die lymphatische Drainage (▶ Abb. 1.3) und die nervale Steuerung (▶ Abb. 1.4, ▶ Abb. 1.5) zu verbessern.

Abb. 1.1 Arterien.

(Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Mit Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2011: 63 C)

Abb. 1.2 Venen.

(Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Mit Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2011: 63 D)

Abb. 1.3 Lymphorgane.

(Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Mit Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2011: 68 A)

Abb. 1.4 Spinalnerven, dorsal und ventral.

(Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Mit Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2011: 86 A)

Abb. 1.5 Aufbau des vegetativen Nervensystems.

(Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus LernAtlas der Anatomie. Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Mit Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2011: 94 A)

Um dies zu verwirklichen, genügen Grundprinzipien der Herangehensweise. Mit Herangehensweise meine ich die Weise oder Art des Weges, zu entdecken und entlangzugehen, um sich heranzutasten an die Intelligenz unseres Systems. Dieser Kraft näher zu kommen, die weiß, wo der Prozess der Heilung beginnt.

Nichtsdestotrotz benennen wir gerne Dysfunktionen, geben Dingen einen Namen oder erfinden Behandlungstechniken, da es uns und unserem Denken durchaus nützlich ist.

So ist auch dieses Buch entstanden.

Beim Durchblättern der folgenden Seiten möchte ich den Leser allerdings an das „Ziel des Findens von Gesundheit“ erinnern. Ich meine, dies tue ich am besten mit der Beschreibung der Durchführung einer „balanced-tissue-tension“, einem Ausgleich der Gewebespannung. Sutherland beschrieb dies für die ligamamentären (BLT), membranösen (BMT) und faszialen (BFT) Strukturen unseres Körpers:

Untersuchung in Form von Bewegungstests, um die eingeschränkte Bewegung aufzuspüren. Im wahrsten Sinne des Wortes „spüren“, mit Hilfe unserer taktilen Fähigkeiten und Fertigkeiten, vom groben bis hin zum feinen und subtilen Wahrnehmen.

Auf der Suche nach dem Balancepunkt, der sich meist in Richtung der Verstärkung der Dysfunktion befindet, einen respektvollen Dialog mit dem Gewebe eingehen. Das Gewebe selbst kennt diesen Punkt, diesen Zustand geringster, von der Umgebung ausgehender Spannung, und wird die aufmerksamen Therapeutenhände an diese Stelle führen.

Im Balancepunkt angekommen, wird es nach und nach ruhiger werden. Die Gewebe kommen über diesen neutralen Zustand immer mehr in den Zustand maximaler Entspannung. Es breitet sich eine „dynamische Stille“, der Still Point, aus.

Aus dieser Stille heraus entfalten sich homöostatische, autoregulative Prozesse der Gewebe. Es ist, als ob sich eine Tür in Richtung Physiologie öffnet.

Häufig erfolgt eine spontane Positionierung des Gewebes in Korrekturrichtung. Es befreit sich selbst und vermittelt den Therapeutenhänden ein warmes, weiches, lebendiges, durchflutetes Gefühl.

Zurück zum ursprünglichen Muster der Gesundheit integrieren sich die Gewebe wieder in das System der Mittellinie. Der freie Fluss von Kommunikation und Bewegung drückt sich aus.

So bleibt jede Technik nur die Idee eines Einzelnen. Die Idee von Vielen sind das Grundprinzip, die Herangehensweise, die Philosophie, der Glaube.

In diesem Sinne beginnen wir den Blick auf die Diaphragmen zu richten und ihnen unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Als quer verlaufende Strukturen in einem längs verlaufenden, faszialen System sind sie diejenigen Strukturen, die an den Kreuzungen, sozusagen Verkehrsknotenpunkten liegen. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen führt bekanntermaßen zu einem Stau, insbesondere dann, wenn schlechte Straßenverhältnisse, Baustellen oder andere Verkehrshindernisse vorliegen.

So auch bei den Diaphragmen. Durch ihre Elastizität und Kompensationsfähigkeit gewährleisten sie jenen Leitungsbahnen, denen sie als Pforte in den nächstliegenden Raum dienen, konstante Zirkulation der Flüssigkeiten zur Ver- und Entsorgung der Gewebe.

Jede Zelle (▶ Abb. 1.6), als kleinste Einheit des Lebendigen, benötigt ausreichend Zellflüssigkeit, Zytoplasma genannt. Wie sonst könnten die Zellorganellen innerhalb der Zelle ihre Arbeit tun. Der Zellkern mit seinem Kernsaft, seinem Chromatingerüst mit den Trägern der erblichen Information und seinem Nucleolus. Das endoplasmatische Retikulum, das sich wie ein Kanalnetz durch die Zelle organisiert hat. Die Mitochondrien für die Verbrennung, die Lysosomen für Transport und Abbau. Umhüllt von einer Zellmembran, die Hormone erkennt, Stoffe transportiert, Zellen aneinanderheftet und gegen den ebenfalls mit Flüssigkeit angereicherten Extrazellulärraum abschirmt. Der Wassergehalt unseres Körpers macht ungefähr 60% des Gesamtkörpergewichtes aus. Davon verteilen sich etwa 70% der Flüssigkeitsmenge intrazellulär, die restlichen 30% extrazellulär. Bei einer durchschnittlichen Körpertemperatur von 37°C bilden sich Flüssigkristalle, durch die das Wasser Informationen speichern und weiterleiten kann.

Abb. 1.6 Zelle.

(Faller A, Schünke M. Der Körper des Menschen. 15. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2008: 7, Abb. 1.1)

Sowohl strukturelle als auch funktionelle Einschränkungen, die zur Verminderung der Elastizität und Kompensationsfähigkeit der Diaphragmen führen, behindern die konstante Zirkulation der Flüssigkeiten bis in die kleinste Zelle. Im Laufe der Zeit manifestierten sich klinische Zeichen aufgrund der vorliegenden Stauungsproblematik.

So finden wir im Folgenden ein Angebot an Techniken, die positiven Einfluss auf die Funktion der Diaphragmen und alle ein gemeinsames Ziel haben: die Verbesserung der Zirkulation der Flüssigkeiten!

Damit sämtliche notwendigen Stoffwechselvorgänge optimal ablaufen können, benötigt unser System einen konstanten pH-Wert von 7,4 (+/- 0,5) im Blut. Neben der Regelung des Säure-Basen-Haushalts funktionieren die Regelung des Blutkreislaufs, der Körpertemperatur und des Wasser- und Elektrolythaushalts nach dem Prinzip der Homöostase.

Homöostase bedeutet „Aufrechterhalten eines relativ konstanten inneren Milieus oder Gleichgewichts im Organismus mit Hilfe von Regelkreisen zwischen Hypothalamus, Hormon- und Nervensystem; …“ (▶ [29], S. 833).

Ein ausgezeichnetes Beispiel für die Autoregulationsmechanismen des Körpers zu dessen eigener Gesunderhaltung. In diesem Moment denke ich auch an Gebhard Gedigas Geleitworte, an den Atem, die Atmung, die Diaphragmen.

Offensichtlich verfügt jedes Gewebe des Körpers über eine eigene Intelligenz und weiß, was es tut. Offenbar wissen wir nicht, woher diese Intelligenz wirklich kommt. In der 3. Embryonalwoche wandelt sich die zweiblättrige Keimscheibe in eine dreiblättrige Keimscheibe mit Ektoderm, Mesoderm und Entoderm um. Aus den jeweiligen Keimblättern werden sich später die im Folgenden aufgelisteten Gewebe entwickeln:

Entoderm:

Ösophagus, Magen, Leber, Gallenblase und -wege

Pankreas, Darmtrakt

Tracheobronchialsystem

Allantois und inneres Blatt der Kloaken- und Rachenmembran

Ektoderm:

zentrales und peripheres Nervensystem

Sinnesepithel der Sinnesorgane

Haut und Hautanhangsgebilde

Brustdrüse

Hypophyse

Zahnschmelz

Mesoderm:

Bindegewebe, Knorpel, Knochen, Muskulatur (quergestreift und glatt)

Perikard, Pleura, Peritoneum und Herzwände

Blut-, Lymphzellen- und -gefäße

Nieren und Gonaden

Nebennierenrinde und Nebennierenmark

Milz

Muskel- und Bindegewebsschichten des Verdauungstrakts, dessen Epithelauskleidung und die der Blase und des Ureters

Wandepithel des Respirationstrakts, der Paukenhöhle und der Tuba auditiva

Parenchym der Tonsillen, der Schilddrüse und der Nebenschilddrüsen

Thymus

Das Bindegewebe besitzt als mehrzelliger Organismus Zellen, extrazelluläre Bestandteile (die Matrix) und Kapillare. Die Zelle selbst und ihre Matrix stehen in ständiger Kommunikation miteinander. Die Matrix und das Kapillarsystem wiederum gehen innerhalb des gesamten Organismus miteinander und untereinander Verbindungen ein. Der mehrzellige Organismus „Bindegewebe“, von dem es unzählige Variationen gibt, verbindet, stützt, schützt, wehrt ab, informiert, transportiert und ernährt.

Nachvollziehbar wird dann die gedankliche Grundlage für die Auswahl der Techniken, die das osteopathische Modell der Zentralsehne liefert. Ein von kranial nach kaudal verlaufendes Kontinuum von Bindegewebe, in unterschiedlichen Schichten angeordnet und beauftragt in Abhängigkeit der jeweiligen embryologischen Entwicklung (▶ Abb. 1.7, ▶ Abb. 1.8).

Abb. 1.7 Allgemeine Anordnung der Faszien und ihre Verbindungen untereinander.

(mod. n. Paoletti S. Faszien. Anatomie, Strukturen, Techniken, Spezielle Osteopathie. München: Urban und Fischer; 2001: 111, Abb. 2.45 | Mit freundlicher Genehmigung von Serge Paoletti.)

Abb. 1.8 Faszienmechanik.

(mod. n. Paoletti S. Faszien. Anatomie, Strukturen, Techniken, Spezielle Osteopathie. München: Urban und Fischer; 2001: 158, Abb. 6.1 | Mit freundlicher Genehmigung von Serge Paoletti.)

Betrachten wir beispielsweise das Lig. coronarium, das einen Teil dieses Kontinuums darstellt. Es verbindet die Rückseite der Leber mit dem Diaphragma abdominale. Die Leber entwickelt sich embryologisch im Septum transversum, dem späteren Centrum tendineum des Diaphragma abdominale. Aufgrund der Volumenzunahme verlagert sich die Leber nach kaudal in Richtung Bauchhöhle. Dabei werden die bindegewebigen (faszialen), kranialen Verbindungen zum Centrum tendineum gedehnt und es bilden sich das Lig. coronarium mit seinem rechten und linken Lig. triangulare und seinem hepatokavalen Meso, das Lig. falciforme und das Omentum minus aus. Auch die die Leber umhüllende Leberkapsel stammt aus dem Centrum tendineum. Bis auf die Area nuda ist die Leber von Peritoneum umgeben, das die Vebindungen ins Abdomen wahrt.

Das Centrum tendineum, aus dem die Zentralsehne mit ihren kranialen und kaudalen Verbindungen entspringt, ist funktionell gesehen gleichermaßen Punctum fixum und Punctum mobile. Beider Mobilität spielt in jedem Falle eine entscheidende Rolle bezüglich des funktionellen und strukturellen Ausdrucks unseres Systems. Im Außen das ausdrückend, was ich als inneren Halt auf dieser funktionellen, strukturellen Ebene verstehe.

Für das anschließende Beschäftigen mit diesem Buch empfehle ich dem Leser begleitend ein Anatomie-Buch seiner Wahl zur Hand zu nehmen. Bei den im Text beschriebenen Grundlagen zu Anatomie und Funktion und zu den theoretischen und funktionellen Zusammenhängen habe ich bewusst auf detaillierte anatomische Abbildungen verzichtet.

Das Hauptaugenmerk der Technikenauswahl dieses Buches liegt auf den querverlaufenden, diaphragmalen Strukturen. Die Auswahl der Diaphragmen unterliegt ein wenig meiner Willkür, ist ein wenig aufgrund guter Erfahrungen mit Patienten entstanden und ein wenig, da sie ein solides Annähern an die Basis des Patienten ermöglichen. Bewusst habe ich auf die tiefe fasziale Schicht der intra- und extrakraniellen Membranen und somit auf das oberste Diaphragma verzichtet. Es sind diejenigen Gewebe, die das Muster und den Rhythmus der Gesundheit schon während der embryonalen Entwicklung zu kennen scheinen. Sie hätten den Rahmen dieses Buches gesprengt.

Was wir sehen, hören und empfinden, was unsere Therapeutenhände fühlen, wird immer abhängig davon sein, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten (▶ Abb. 1.9). Da haben wir Glück, denn wir haben die freie Wahl, den freien Fluss der Zirkulation aller Leitungsbahnen und deren Verbindungen zu unterstützen!

Abb. 1.9 Mindmap zur Übersicht funktioneller und topographischer Zusammenhänge der jeweiligen diaphragmalen Ebenen, exemplarisch.

2 Befundungskonzepte

2.1 Beurteilung im Stand

2.1.1 Allgemeines

Physiologische Haltungs- und Bewegungsmuster im funktionellen Sinne ermöglichen unserem System „Körper“ nach dem Prinzip der Ökonomie zu leben: mit dem geringsten Aufwand das Größtmögliche zu erreichen. Ausreichende Mobilität im Sinne einer kraniokaudalen Elastizität aller Strukturen der Zentralsehne, eines von der Schädelbasis bis zum kleinen Becken reichenden Faszienzuges, sind dafür Grundvoraussetzung.

Aus der Embryologie wissen wir, dass das Centrum tendineum sich vom zervikalen Teil des Septum transversum ableitet und beim Hinabsteigen in der Embryonalphase die gesamten Faszien wie eine Säule nach sich zieht. Das Diaphragma abdominale trennt dann Brust- und Bauchhöhle und wahrt somit die Verbindung zwischen thorakalen und abdominalen Faszien.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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