Diderots Leben und Werke - Karl Rosenkranz - E-Book

Diderots Leben und Werke E-Book

Karl Rosenkranz

0,0

Beschreibung

Die Diderot-Biographie von Karl Rosenkranz erschien 1866 in zwei Bänden zum ersten Mal. Bis heute ist sie das maßgebliche Standardwerk über den französischen Aufklärer. Sie liegt nun, bearbeitet und modernisiert von Andreas Heyer, in einer Neuauflage vor.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 1634

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Andreas Heyer, Dr. phil., Jahrgang 1974. Er arbeitet zu den politischen Utopien der Antike und der Neuzeit sowie zur Epoche der französischen Aufklärung. Seit 2012 ist er der Herausgeber der „Nachgelassenen Schriften Wolfgang Harichs“. Der erste Band dieser Edition erschien 2013 unter dem Titel „Hegel zwischen Feuerbach und Marx“. Zahlreiche Monographien und Aufsätze zu den genannten Forschungsschwerpunkten sowie zur Philosophiegeschichte der DDR.

Inhaltsverzeichnis

Karl Rosenkranz' Versuch über Diderot (Andreas Heyer)

Band 1

01. Vorbericht

02. Das Zeitalter Diderots

03. Diderots verborgenes Jugendleben

04. Essai sur le mérite et la vertu, 1745

05. Madame de Puisieux

06. Pensées philosophiques, 1746

07. La promenade du sceptique ou les allées, 1747

08. De la suffisance de la religion naturelle

09. Les bijoux indiscrets, 1748 (L'oiseau blanc)

10. Mémoires sur différents sujets de mathématiques, 1748

11. Lettre sur les aveugles, 1749

12. Rousseaus Besuch bei Diderot in Vincennes, 1749

13. Lettre sur les sourds et muets, 1751

14. Diderots Prospect und d'Alemberts Discours préliminaire zur Encyclopédie, 1750-1751

15. Pensées sur l'interprétation de la nature, 1754

16. Die allgemeine Bedeutung der Encyclopédie

17. Geschichte der Encyclopédie

18. Diderots schriftstellerischer Anteil an der Encyclopédie

19. Die literarische Situation

20. Diderot als Dramatiker und Dramaturg, 1757-1758

21. Der Bruch Rousseaus mit Diderot, 1757

Band 2

22. Sophie Voland

23. Fragmente aus Diderots Briefwechsel mit Fräulein Voland zur Charakteristik seines Gemüts

24. Diderots Reise nach Langres nach dem Tode seines Vaters, 1759

25. Grandval

26. Die Philosophen und der Pariser Salon

27. Palissot und der Kolporteur

28. Le Neveu de Rameau, 1760

29. Éloge de Richardson, 1761

30. La Religieuse, 1760

31. Diderot als Ästhetiker überhaupt

32. Essai sur la peinture, pour faire suite au Salon de 1765; Pensées détachées sur la peinture, la sculpture, l'architecture et la poésie. Pour servir de suite aux Salons, 1776

33. Les Salons

a.

Der Salon von 1759

b.

Der Salon von 1761

c.

Der Salon von 1765

d.

Der Salon von 1767

e.

Der Salon von 1769

f.

Die Salons von 1771, 1775, 1781

34. Briefwechsel Diderots mit Falconet über das Verlangen, seinen Namen der Nachwelt zu überliefern

35. Diderots Ansichten über die Schauspielkunst: Lettres à Mlle. Jodin und Paradoxe sur le comédien

36. Die Verheiratung von Diderots Tochter und der Verkauf seiner Bibliothek

37. Entretien entre d'Alembert et Diderot; Rêve de d'Alembert; Suite de l'entretien, 1769

38. Einige von Diderots kleinen Papieren

39. Diderots gesellige Beziehungen

40. Reise nach Bourbonne, Langres und Isles, 1770

41. Diderots kleine Erzählungen

42. Jacques le fataliste, 1772

43. Reise nach Petersburg, 1773-1774

44. Voyage de Hollande, 1774

45. Plan d'une université pour le gouvernement de Russie ou d'une éducation publique dans toutes les sciences, 1774

46. Dramatische Versuche

47. Les Éleuthéromanes ou abdication d'un roi de la fève

48. Essai sur la vie de Sénèque le philosophe, sur ses écrits et sur le règne de Claude et de Néron, 1778

49. Diderots Polemik gegen Rousseau und Apologie seiner selbst

50. Diderots letzte Tage und Tod

51. Allgemeine Charakteristik Diderots

52. Rückblick

53. Schluss

Karl Rosenkranz' Versuch über Diderot (Andreas Heyer)

I. Denis Diderot, geboren am 5. Oktober 1713 in Langres, gestorben am 31. Juli 1784 in Paris, gehört zu „den Großen“ der französischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er verdient es, genannt zu werden neben Voltaire und Rousseau. Diese Aussage ist so sicherlich weitestgehend unbestritten. Problematischer wird es in dem Moment, wo der Versuch beginnt, sein Leben, seine Lebensleistung in ihren einzelnen Facetten zu verorten. Vieles von dem, was er schuf, blieb seinen Zeitgenossen unbekannt und begründete erst postum seinen Ruhm. Eine der entscheidenden Fragen ist daher: Wo gehört er eigentlich hin. Denn natürlich – so muss man sagen – würde jeder Anhänger von Voltaire oder Rousseau dagegen intervenieren, das Objekt seiner Verehrung unter Diderot gestellt zu sehen. Ja, noch so mancher Leser von d'Alembert, Buffon, Condorcet oder Montesquieu wird, mindestens heimlich, ähnlich egoistische Überlegungen hegen.1

Diderot ist in seiner Epoche überall etwas, nirgends so richtig. Diese Aussage ist banal und eben deshalb durchaus zutreffend. Spätere Revidierungen nach gründlicherer Durchsicht freilich eingeschlossen. Rosenkranz hat diesen Punkt herausgestellt und durchaus eher negativ bewertet. Aber gerade das Ausufernde der Diderotschen Denk-, Sprach- und Darstellungsweise macht ihn noch immer diskutierbar, zur Herausforderung auch für unsere Generation. Werner Raupp, einer der Diderot-Kenner unserer Tage, hat die von ihm veranstaltete Auswahl mit 100 Gedanken Diderot, anlässlich von dessen 300. Geburtstag, mit dem Titel überschrieben: Ein funkensprühender Kopf.2 Dass er damit – die soeben geäußerten Vermutungen bestätigend – richtig liegt, wird dann deutlich, wenn hier auch der Haupttitel seines 2008 erschienenen Diderot Lesebuchs wiedergegeben wird – ein Zitat des Aufklärers: „Weiß man je, wohin man geht?“3 Diese letzte Frage charakterisiert Diderot durchaus: Oft sind seine Werke und Manuskripte ein Anfang, der Beginn eines Prozesses, dessen Ende auch für ihren Autor noch nicht feststand. Diderot war ein Suchender, der keine fertige Meinung nach außen vertrat, diese vorstellte, Zustimmung und Beifall erhoffend. Das unterscheidet ihn von seinen Zeitgenossen und legitimiert ein Stück weit das Murren der Anhänger der anderen. Aber nur dann, wenn man sich nach Stütze und Halt, nach Dogmen sehnt. Der Selber-Denker ist mit Diderot nicht schlecht bedient.

Es ist das, diese kurze, nicht zur Sache gehörende Nebenbemerkung sei gestattet, ein Stück weit eine analoge Situation wie wir Deutschen sie mit der Weimarer Klassik besitzen. Auch hier verschlingen der Ruhm und der Schatten von Goethe und Schiller so ziemlich alles, was in ihren Dunstkreis fällt: Johann Gottfried Herder und Jean Paul sind noch nach Jahrhunderten ihre Opfer, und die Romantik, so reaktionär und inhaltsleer sie sein mag, konnte sich nur als anti-aufklärerische Strömung den Denkmälern widersetzen. – Nun ist es so, dass die späten „Freunde“ Diderots, die beeindruckten Leser seiner Werke, wie etwa der Herausgeber dieses Buches, ausgerechnet4 Goethe und Schiller Dank zu sagen haben, da beide, der frühen Pioniertat Lessings folgend, Manuskripte Diderots ins Deutsche übersetzten, so dass dieser mit seinen Schriften im deutschsprachigen Raum teilweise eher bekannt wurde als in seiner Heimat. Und Goethe schilderte sein Leseerlebnis des Jacques in einem Brief an Merk am 7. April 1780 wie folgt: „Es schleicht ein Manuskript von Diderot, Jacques le fataliste et son maître, herum, das ganz vortrefflich ist. Eine sehr köstliche und große Mahlzeit mit großem Verstand für das Maul eines einzigen Abgottes zugerichtet und aufgetischt. Ich habe mich an den Platz dieses Bels gelegt und in sechs ununterbrochenen Stunden alle Gerichte und Einschiebeschüsseln in der Ordnung und nach den Intentionen dieses künstlichen Koches und Tafeldeckers verschlungen. Es ist nachhero von mehreren gelesen worden, diese haben aber leider alle, gleich den Priestern, sich in das Mahl geteilt, hier und da genascht und jeder sein Lieblingsgericht davon geschleppt. Man hat ihn verglichen, einzelne Stellen beurteilt usw.“

Rosenkranz hat die gerade konstatierte permanente und gewollte „Verzettelung“ Diderots, sein Schreiben auf mehreren Ebenen, sein Denken in der Konfrontation, den Mut zum Unvollendeten wie folgt beschrieben: „Mag man ihn aber mit Lessing oder mit Herder, mit Voltaire oder mit Rousseau, mit Montesquieu oder mit Buffon vergleichen, so bleibt bei allen großen schriftstellerischen Eigenschaften Diderots sein großer Mangel, der ihn jenen Männern nachstellt, dass er seine Kraft nicht zusammengenommen hat, etwas durchaus Selbständiges hervorzubringen, worin ein notwendiges Moment jener Kulturperiode seinen plastischen Ausdruck gefunden hätte, denn die Encyclopédie, die noch seinen größten Anspruch vertritt, ging doch ursprünglich nicht von ihm aus. Sie wurde ihm angetragen, und nun fasste er sie von einem höheren und weiter reichenden Gesichtspunkte. Die Beschreibung der Pariser Kunstausstellungen, die wegen ihrer subjektiven Ausgelassenheit gleichsam die Kehrseite zu den objektiv sein sollenden Artikeln der Encyclopédie bildet, und in der Tat so viel Schönes enthält, wurde ihm von Grimm angetragen und ist doch nur ein Aggregat von Fragmenten, kein einheitliches Werk. Das Leben Senecas, das ein Kunstwerk als Biographie und als kritische Reproduktion der Schriften des Stoikers hätte werden können, ist ein desultorisches Werk, zu welchem Holbach und Naigeon ihn aufforderten. Die Veranlassung, Lagranges Übersetzung des Seneca, sowie die Aufforderung, kamen also von außen. Diderot hätte hier Gelegenheit gehabt, die stoische Philosophie in ihrem prinzipiellen Unterschied von der Platonischen, Aristotelischen und Epikureischen und die römische Phase der Stoa in ihrem Unterschied von der griechischen zu zeichnen und dadurch für die Geschichte der Philosophie ein bleibendes Resultat zu gewinnen. Statt dessen bleibt er überall im Persönlichen und Moralischen hängen.

Mit seinen poetischen Schriften hat er sich nur als Autor der Dramen in einem literarischen Zusammenhang erhalten, der ein Bedürfnis der damaligen französischen Bühne charakterisiert. Hier sehen wir ihn ebenfalls zuerst ein Goldonisches Stück umarbeiten und erst, als ihm der Vorwurf des Plagiats gemacht wird, ein zweites originelles schaffen, ohne damit die Kraft zu gewinnen, zu höheren Leistungen fortzugehen, wie es unser Lessing tat, der, nach der Vorschule im Lustspiel, mit dem prosaredenden Realismus des bürgerlichen Trauerspiels in der Miß Sarah Sampson anfing, aber mit dem Idealismus des pathetischen Verses im Nathan endigte. Diderot redete sich allerlei ein, warum er der Bühne entsagt habe, allein der Hauptgrund war unstreitig Mangel an nachhaltiger produktiver Kraft. Hätte er diese besessen, so würde er durch keinen Misserfolg abgeschreckt worden sein. Er spielte als Greis mit seinen dramatischen Skizzen. Das einzige Stück, das wir unter seinen nachgelassenen Manuskripten vollendet finden, Les pères malheureux, ist doch nur die Paraphrase eines Gessnerschen. Was er nun sonst noch geschrieben hat, mag es bei seinen Lebzeiten oder erst nach seinem Tode gedruckt sein, könnte in der Literatur fehlen, ohne dass man es im großen Gange derselben vermissen würde. Es ist das für den, welcher den Menschen Diderot liebt und seine großen schriftstellerischen Eigenschaften zu schätzen weiß, ein trauriges Eingeständnis, das man aber der Wahrheit schuldig ist.“

So weit Rosenkranz. Man kann diese „Zerstreutheit“ Diderots, wie es noch Rosenkranz getan hat, bedauern. In unseren Tagen (das 20. Jahrhundert mit eingeschlossen) jedoch ist er genau dadurch „modern“. Er war ein universeller Denker. Anregungen, Gespräche, Diskussionen – das war sein Metier. Und genau so passt er eben auch in die intellektuellen Diskussionen der Gegenwart. Sein Erbe ist noch nicht katalogisiert, es ist nicht in einzelne Pakete verpackt und an mehreren speziellen Orten abgestellt, sondern vielmehr überaus lebendig, nach wie vor Herausforderungen enthaltend. Was das Schlechteste nicht ist, was über einen verstorbenen Philosophen und Künstler gesagt werden kann.

II. Aus der Öffentlichkeit sind Diderots Schriften zu großen Teilen verschwunden. Die Zeiten, in denen zumindest seine Romane und Erzählungen noch in jeder größeren Buchhandlung standen, sind vorbei. Das quantitativ und qualitativ beeindruckende Engagement für Diderot im deutschen Sprachraum vollbrachte die DDR. Schon in den ersten Jahren ihrer Existenz bekannte sie sich zum Erbe Diderot. Und die in ihr für Diderot wirkenden Personen sprachen von dem „Einfluss des Denkers und Künstlers Diderot“ im neuen, sozialistischen Deutschland.5 Es erschienen, neben verschiedenen kleineren Bücher, zwei gewichtige Editionen im Aufbau-Verlag: Zuerst, 1961 in zwei Bänden Philosophischen Schriften, übersetzt und herausgegeben von Theodor Lücke, sechs Jahre später dann, 1967, ebenfalls in zwei Bänden die Ästhetischen Schriften, übersetzt von Friedrich Bassenge und Lücke, herausgegeben von Bassenge. Bis heute können die zwei Projekte als die maßgebliche deutsche Ausgabe der Werke Diderots gelten.

Zur Seite zu stellen ist den Publikationen die in den späten siebziger Jahren erfolgte Neuübersetzung und Herausgabe der Romane und verschiedener kleiner Erzählungen Diderots. 1995 legte der Aufbau-Verlag eine neue Edition in vier Bänden vor – wie schon die Originaldrucke eingeleitet und herausgegeben von Martin Fontius. Dies war das letzte größere Projekt in Sachen Denis Diderot. Mit dem Ende der DDR sind alle diese Texte und Bücher in die Antiquariate verschwunden, auch der Aufbau-Verlag beendete schließlich seine Bemühungen um solche editorischen Großprojekte. Ähnlich erging es beispielsweise Jean-Jacques Rousseau. Die zweibändige Ausgabe seiner Kulturkritischen und politischen Schriften, ebenfalls herausgegeben von Martin Fontius, fiel in das Jahr 19896 – und überlebte die historische Zäsur nicht. Deutschland tut sich (zu) schwer, die bleibenden philosophischen und vor allem kulturellen Leistungen und Errungenschaften des kleinen sozialistischen Staates anzuerkennen, gar zu bewahren.

Doch dem sich aufdrängenden Pessimismus in Sachen französische Aufklärung im Allgemeinen und Diderot im Speziellen ist vieles entgegenzusetzen, ein Punkt sei herausgegriffen: Als ich zwischen 2000 und 2003 meine Dissertation zum politischen Denken Diderots erarbeitete (2004 publiziert), betrat ich durchaus wissenschaftliches Neuland, auch wenn natürlich verschiedene Eckpfeiler des von mir vertretenen Verständnisses bereits vorhanden waren (Hinterhäuser, Lüsebrink, Weis, Proust, Darnton). Eine umfassende Monographie zu dem Thema gab es in Deutschland nicht. Um so erfreulicher ist es jetzt, 20 Jahre später, zu sehen, dass das Thema von weiteren Forscher und Forscherinnen aufgegriffen und inhaltlich gefüllt wurde, darunter viele der bereits Genannten. Zuletzt erschien 2019 der von Christine Abbt und Peter Schnyder herausgegebene Band Formen des Politischen.7

Dennoch: Auch dieses Licht, es gehört zu seinem Charakter, wirft Schatten. Denn die Erforschung Diderots ist im akademischen Diskurs randständig (eigentlich noch randständiger als vor 20 Jahren), bewegt die Öffentlichkeit nicht mehr. Dissertationen zu Spezialthemen, vor allem zu ästhetisch und literaturwissenschaftlich relevanten Fragestellungen, gibt es viele, teilweise bewegen diese sich zudem im Kreis, aber die ausgreifenderen Monographien und Überblicksdarstellungen sind nicht existent. Den Spezialwissenschaften fehlt der Mut zum Interdisziplinären. Und so war denn auch das Diderot-Jubiläum 2013 zuvorderst enttäuschend. (Auch an diesem Punkt erging es Rousseau in Deutschland ein Jahr zuvor ähnlich. Allerdings gab es mehr Vorträge und Publikationen, da bei ihm weniger Autoren Scham empfinden, sich ohne tiefere Kenntnisse zu äußern.) Von den vereinzelten Veranstaltungen und Publikationen die es zu Diderot gab, ist eine (als herausragende) zu nennen: Das Heft Denis Diderot zum 300. Geburtstag der Zeitschrift Aufklärung und Kritik.8

Im Sinne dieser Ausführungen legitimiert sich die erneute Herausgabe der 1866 zuerst erschienenen zweibändigen Biographie Diderots von Karl Rosenkranz – es existiert im deutschsprachigen Raum schlichtweg kein Werk, das diesem quantitativ umfangreichen frühen Ansatz Konkurrenz machen könnte. Mithalten kann die kleine Biographie von Christiane Landgrebe, die aber wegen ihrer Prägnanz und trotz ihrer Qualität nicht die zahlreiche Facetten auslotende Tiefe und Breite des Rosenkranzschen Ansatzes erreichen kann (und dies auch nicht will).9 Alle anderen vorhandenen Biographien sind, wie so vieles über Diderot, teilweise bereits Jahrzehnte alt, so auch die (neben der Übersetzung von Pierre Lepapes Diderot jüngste) Rowohlt-Monographie von Johanna Borek.10

III. Zu Leben und Werk Diderots müssen hier keine Angaben gemacht werden, da ja im Folgenden Rosenkranz diese Aufgabe ausführlich übernimmt. Um aber dessen Positionierungen und seine Ausführungen sowie Interpretationen richtig einordnen zu können, ist er in seinem Leben hier kurz vorzustellen.

Johann Karl Friedrich Rosenkranz wurde am 23. April 1805 in Magdeburg geboren. Seine Eltern waren der Steuerbeamte (Sekretär im Finanzministerium) Johann Heinrich (1757-1830) und Marie-Katharine (geb. Gruson, 1770-1824) Rosenkranz. Er besuchte in Magdeburg zunächst die Cantor- und, ab 1816, die Altstadtschule und wechselte dann 1818 in das Pädagogium des Klosters Unser Lieben Frauen. In diesen Jahren zeigte sich sein steter Wissenstrieb und er vertiefte sich in viele Bücher, fühlte sich zu der damaligen Romantik (Novalis, Steffens) hingezogen. Im April 1824 schrieb er sich an der Berliner Universität ein, wo er bei dem Bruder seiner Mutter, dem Mathematiker Gruson, wohnte. Er widmete sich mittelalterlichen Studien und den Abhandlungen Schleiermachers, gleichzeitig begann er Vorlesungen über Hegels Enzyklopädie bei Henning zu hören. In diesem Zusammenhang lernte er auch Goethes Farbenlehre kennen und besuchte die theologischen Vorlesungen Schleiermachers. Weitere akademische Lehrer waren Marheineke und Neander. Ostern 1826 verließ er Berlin und ging nach Halle, wo er sich weiter mit Theologie beschäftigte (bei Tholuck und Wegschneider), daneben sich aber immer stärker für Philosophie interessierte, die er bei Tieftrunk und Hinrichs hörte und kennen lernte. Dadurch wurde er veranlasst, Hegels Phänomenologie und Logik intensiv zu studieren. Ostern 1827 ging er für ein Semester nach Heidelberg (zu Daub) und kehrte anschließend nach Magdeburg zurück. In diesem Monat wandte er sich von der Romantik ab und beschäftigte sich intensiv mit Rixners Geschichte der Philosophie sowie den wichtigsten Werke Kants.

Im Februar 1828 promovierte er in Halle mit einer Abhandlung zur Frage der Periodisierung der deutschen Nationalliteratur. Anschließend eignete er sich zügig die Werke Spinozas an und wurde am 28. Juli des gleichen Jahres mit der Arbeit Dissertatio de Spinozae philosophia habilitiert. Im Rahmen seiner eigenen Vorlesungstätigkeit beschäftigte er sich nun mit den Nibelungen und der Religionsphilosophie, im Sommer 1829 mit der Ethik und im Jahr darauf mit der Ästhetik. Vor allem aber begann seine hochproduktive Publikationstätigkeit, aus der für diese Jahre die 1830 erschienene und gegen die Romantik gerichtete Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter sowie das dreibändige Handbuch der allgemeinen Geschichte der Poesie (1832-1833) hervorzuheben sind. Im Juli 1831 wurde er in Halle zum außerordentlichen Professor ernannt und im Januar 1833 zum Mitglied der Prüfungskommission berufen.

Im Herbst 1833 wurde er schließlich als ordentlicher Professor an die Universität Königsberg berufen, wo er den Lehrstuhl von Herbart übernahm, der nach Göttingen gegangen war. Es war dies sein letzter universitärer Ortswechsel, bis zum Ende seines Lebens wirkte er an der Königsberger Universität. Diese Tätigkeit wurde nur einmal unterbrochen, vom Juli 1848 bis zum Januar 1849 war er in Berlin als Vortragender Rat in der Ministerialbürokratie beschäftigt. Im wissenschaftlichen Bereich versuchte er, als Philosoph zu wirken, erlangte aber seine Berühmtheit durch zahlreiche Schriften auf dem Gebiet der Kultur-, Philosophie- und Literaturgeschichte. Seine bekanntesten Publikationen waren: Kritik der Schleiermacherschen Glaubenslehre, 1836; Goethe und seine Werke, 1847; Ästhetik des Hässlichen, 1853; Wissenschaft der logischen Idee, 1859.

Einige Bedeutung kommt auch seiner intensiven Auseinandersetzung mit Hegel zu, darunter verschiedene Erläuterungen, Darstellungen und Interpretationen sowie die seinerzeit zentralste Hegel-Biographie. Für seine Wirkung auf diesem Gebiet war wichtig, dass er zwar ein Anhänger und Verteidiger Hegels war, sich aber dennoch zu eigenen Anschauungen durchrang. Vor allem auf den Gebieten der Ästhetik, Ethik und Rechtsphilosophie entwickelte er Hegels Überlegungen weiter und machte sie dadurch an seine Gegenwart anschlussfähig. Von seinen Arbeiten über Hegel seien genannt: Kritische Erläuterungen des Hegelschen Systems, 1840; Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben, 1844; Meine Reform der Hegelschen Philosophie, 1852; Apologie Hegels, 1858; Hegels Naturphilosophie und die Bearbeitung derselben durch den italienischen Philosophen A. Vera, 1868; Hegel als deutscher Naturphilosoph, 1870; Erläuterungen zu Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 1871.

1866 erschien in Leipzig in zwei Bänden die Monographie Diderots Leben und Werke. Während einige seiner Arbeiten zu Hegel zumindest als Reprint in den letzten Jahrzehnten wieder zugänglich gemacht wurden und die Ästhetik des Hässlichen ebenfalls vorliegt, war das Diderot-Buch zwar immer als ein wichtiger Meilenstein der deutschsprachigen Diderot-Forschung anerkannt, wird jedoch nach dem Erstdruck nunmehr zum ersten Mal, in modernisierter Form, wieder zugänglich gemacht.

IV. Es sind hier zumindest einige Eigenarten des Diderot-Bildes von Rosenkranz anzusprechen. Geschuldet sind sie zumeist der Gegenwart Rosenkranz', den damaligen Zeittendenzen, herrschenden Konventionen usw.

a) Rosenkranz selbst hat die Problematik beschrieben – und ist seinerseits nicht frei von den sich aus dieser ergebenden Konsequenzen: Mehrfach machte er in seiner Monographie geltend, dass andere Forscher seiner Zeit (und auch die Memoiren von Aufklärern aus dem 18. Jahrhundert) mit ihren Aussagen mit Vorsicht zu genießen seien, da sie sich zu stark mit ihrem Forschungsgegenstand identifizieren würden. Das heißt, der Voltaireianer vernachlässige in der Zuneigung zu seinem Idol die anderen, der Anhänger Maupertuis' würdige die anderen herab. Und dann noch die große Fraktion der Rousseauisten. Rousseau selber habe gelogen und betrogen, sei gehässig gewesen, ein schlechter Mensch und dergleichen mehr. Seine Confessions ein Lügengebilde, dienend dem groß angelegten Versuch der Diskreditierung aller im einst helfenden Aufklärer und früheren Freunde. Diese These hat einen mehr als wahren Kern, der hier gar nicht bestritten werden soll, ganz im Gegenteil. Aber Rosenkranz wird in seiner Verteidigung Diderots ein Diderotianer und lässt dergestalt alle negativen Seiten des hier im Mittelpunkt stehenden Philosophen bei Seite, um die ungerechten (und teilweise auch die zumindest zu hinterfragenden, Ernst zu nehmenden) Anschuldigungen Rousseaus zurückzuweisen. Wie alle anderen löffelt er aus dem Honigtopf, rufend, dass der Honig der anderen vergiftet sei, wenigstens nicht ganz so gut wie der eigene schmecke.

b) Rosenkranz bietet alle interpretatorischen Möglichkeiten auf, um die Entwicklung Diderots zu einem immer radikaleren und konsequenteren Materialismus und Atheismus in den Hintergrund zu drängen. Wo er diesen zuzugeben gezwungen ist, versucht er ihn zu relativieren oder durch den Erkenntnisstand seiner Zeit als falsch zu beschreiben. Teilweise werden sogar Artikel aus den späten Bänden der Encyclopédie, von denen Rosenkranz ausdrücklich nachweist, dass sie vom Verleger Breton verfälscht, gekürzt, umgeschrieben wurden usw., gegen Diderots originäre Meinungen angeführt – als angeblich wichtigere und treffendere Zeugnisse. Das betrifft auch Rosenkranz' Einschätzungen der Leistungen und Verdienste Jacques André Naigeons um das Werk Diderots. Dieser hatte, seinerseits sehr einseitig, Diderot vor allem als Atheisten herausgestellt, wird aber von Rosenkranz mit der analogen Einseitigkeit der anderen Seite permanent der Verfälschung, Übertreibung usw. bezeichnet. Rosenkranz schrieb: „Naigeon litt aber wirklich an der Manie, alles zu atheisieren, wie man von ihm gesagt hat. Er ward ein Pfaffe des Atheismus, der Großinquisitor desselben, wie Chénier sich ausdrückte. Alle seine Bestrebungen hatten kein anderes Ziel, als den Materialismus zu verbreiten und den Glauben an den Atheismus und an die Nichtunsterblichkeit der menschlichen Seele als den einzig vernünftigen darzustellen.“ Die, wie so oft, in der Mitte liegende Wahrheit übersahen beide: Dass Diderot sich eben entwickelte, ständig neue Meinungen bezog, immer auf der Basis seines jeweiligen Erkenntnisstandes. So gelangte er zum Materialismus, erste, im Frühwerk erkennbare Keime, bekamen immer stärkeres Gewicht. Ähnliches gilt für seinen Atheismus und beispielsweise auch für seine Kritik am Absolutismus sowie dessen Begleit- und Folgeerscheinungen.

c) Rosenkranz ist verzweifelt (dieser Ausdruck ist angebracht) über Diderots Einstellung zur Ehe. Immerhin kann er ihm für sein Privatleben noch attestieren, dass er ein „Kind seiner Zeit“, d. h. die Sittenverderbnis im damaligen Frankreich allgemein gewesen sei. Wenn Diderot dieses Zweifeln an der Institution Ehe in theoretischen oder literarischen Schriften jedoch ebenfalls darstellt, gar begründet, sieht sich Rosenkranz gezwungen, diese Einstellung zu kritisieren (hier seinerseits „Kind seiner Zeit“). Bei der Besprechung des Nachtrags zu Bougainvilles Reise schrieb er: „Diderot hat in diesem Aufsatz sich einem Detail hingegeben, wie wir es bei allen Utopisten finden, die praktisch werden wollen. Er erinnert dadurch fast an die zynischen Quengeleien des Mönchs Campanella in seiner Sonnenstadt. Er hat z. B. weiße, graue und schwarze Schleier erfunden, sofort durch sie die gesunde, kranke und unfruchtbare Frau zu unterscheiden und zu markieren! Welche Rohheit! So weit kann ein zartfühlender Mann sinken, sobald er durch Sophisterei sein eigenes unrechtes Handeln vor seinem Gewissen mit einer Theorie beschönigen will. So weit kann ein Diderot sinken, der einen Père de famille, freilich ohne eine Hausfrau, geschrieben. Wenn er in seine moralisierende Ekstase gerät, so lesen wir jeden Augenblick von einem bon fils, bon mari, bon père usw. Aber hier lesen wir, dass jenes verschrobene Frauenzimmer, das einen Mann lediglich als Naturwerkzeug wählen wollte, ihm ein Kind zu schaffen, richtig urteilt, wenn es die Ehe für einen état sot et fâcheux hält. Die Geschichte der Völker beweist uns, dass die Förmlichkeiten, mit denen sie die Schließung und Auflösung der Ehe nach Diderot erschwert haben, nichts anderes als das Streben ausdrücken, durch den Schutz der Ehe, durch ihre öffentliche Anerkennung, durch ihre Heiligung, den Bestand der Familie als des Anfangs und Gipfels aller Kultur zu sichern. Die empirische Verschiedenheit dieser Förmlichkeiten ist gleichgültig, ihre Tendenz aber ist überall dieselbe. Die Heiligkeit der Ehe ist offenbar der wunde Fleck in Diderots Leben und Denken. Er fiel hierin der allgemeinen Korruption seiner Zeit, welcher er sich doch als Moralist entgegensetzen wollte, zum Opfer. Sobald er aus dem Bereich dieser Reflexionen heraustritt, wird er wieder der gesunde Geist, der die Dinge klar und tief erfasst.“ Diderot und mit ihm die Aufklärung brüskierten das moralische Empfinden der ein knappes Jahrhundert später lebenden Generation. Auch dieser Zug Diderots macht heute einen Teil von seiner Modernität aus, Rosenkranz konnte dies noch nicht sehen und urteilte: „Allein er hätte oft mit einiger Feinheit ganz dasselbe erreichen können, ohne unser ästhetisches und ethisches Gefühl zu verletzen.“ Auch zur Emanzipation der Frau habe Diderot wegen dieser Einstellung keine sinnvollen Beiträge leisten können. Mit Rosenkranz: „Aber er verkannte, gerade wie die St.-Simonisten und alle ihnen ähnliche Ritter für die Hebung des Frauenstandes, dass die wahre Emanzipation des Weibes nur durch die wahre, d. h. auf wirklicher Liebe beruhende Ehe möglich ist, weil seine Individualität nur in der sittlich geheiligten Ehre der Frauenschaft und der Mutterwürde volle Befriedigung und angemessene Wirksamkeit finden kann.“

d) Die Pointe des gerade Festgestellten ist sicherlich darin zu sehen, dass Rosenkranz mit seinen Moralvorstellungen hinter die emanzipatorischen Errungenschaften der Aufklärung, hinter Diderot zurückfällt. Denn diesem war es immer um den „ganzen Menschen“ gegangen – ein leidenschaftliches, träumendes Wesen, zudem rational und organisiert. Die Biologie löste in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Mathematik (das „more geometrico“) als Leitwissenschaft ab, Diderot war an diesem Prozess maßgeblich beteiligt. Und der Mensch als „natürlicher Mensch“ kann eben mit der christlichen Moral nicht er selbst sein. Um ein Beispiel aus Rosenkranz' Werk zu zitieren, das sehr gut den emanzipatorischen Rückfall Deutschlands (in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) gegenüber den Idealen der französischen Aufklärung illustriert: „Diderot kann hier dem Prickel nicht widerstehen, den Naturalismus auf das Äußerste zu treiben, und lässt Bordeu (in D'Alemberts Traum, AH), vom Standpunkt des Naturbedürfnisses, die Zulässigkeit einer solchen Handlung, nämlich der Masturbation, auf gut diogenisch verteidigen; sie dürfe nur nicht willkürlich provoziert werden. Die Natur als solche, die ihrem Triebe folgen müsse, sei gleichgültig gegen die Moral. Ist das nun Diderots Ernst gewesen? Wollte er sagen, dass die solitäre Befriedigung des Geschlechtstriebes den Menschen erlaubt sei? Gewiss nicht. In den Salons beteuert er, dass, wenn er seinen Sohn zu den Füßen der Venus Kallipygos sich selbst befleckend fände, er die Statue zertrümmern würde. In der Encyclopédie hat er selber den Artikel Manustupration geschrieben und erklärt sich darin ganz mit Tissots Polemik gegen diese unglückliche Gewohnheit, welche die Jugend verwüstet, einverstanden. Er erzählt selbst mehrere abschreckende Beispiele aus seiner Erfahrung an Mitschülern usw. Freilich, wenn der Mensch nur ein etwas höher organisierter Affe wäre, so würde die Masturbation für ihn keine unerlaubte Handlung sein, denn Affen sehen wir vor unseren Augen masturbieren. Für den konsequenten Naturalismus lässt sich die Berechtigung zum brutalsten Zynismus nicht ableugnen, da für ihn der Mensch vom Tier nicht qualitativ, nur quantitativ unterschieden ist. Wenn nun Diderot diese ekelhafte, geschmacklose Episode nicht eingeflochten hätte, wäre denn dadurch dem eigentlichen Gehalt des Dialogs etwas entzogen?“

e) Der am meisten zu bedauernde Punkt ist sicherlich, dass Rosenkranz an den politischen Dimensionen der Schriften Diderots teilweise vorbeiging, obwohl auch dies den Tendenzen seiner Zeit zuzuschreiben ist. Um ein Beispiel zu nennen: Dass Diderot als einziger Aufklärer seiner Generation zu einer konsequenten Revolutionstheorie vorstieß, erfährt man bei Rosenkranz nicht. Dafür hätte er den Jacques als politischen Roman lesen müssen, ebenso die Nonne. Dafür hätte er den Nachtrag zu Bougainvilles Reise ganz anders interpretieren müssen usw. Grund ist wahrscheinlich seine Abwertung der materialistischen und atheistischen Züge von Diderots Schriften. Ein halbjakobinischer, materialistischer Diderot wäre der bürgerlichen Welt nicht vermittelbar gewesen.

Rosenkranz' Monographie hat durchaus auch einige fast schon groteske Züge. Zwei Beispiele seien zumindest kurz genannt. Zum ersten kann sich der heutige Leser ein kleines Lächeln nicht verkneifen, wenn Rosenkranz auf den letzten Seiten seines Buches die Brockhaus-Redaktion und deren Buchproduktion als legitime Fortsetzerin der Encyclopédie ansieht, diese gar noch überflügelnd. Dies mag, was den Wissensinhalt antrifft, sicherlich zutreffend gewesen sein, wird aber den Intentionen und Motivationen philosophischer, kultureller, wirtschaftlicher und staatstheoretischer Provenienz der originalen Encyclopédie und ihrer Hauptverfertiger kaum gerecht. Zweitens hat es sogar etwas Peinliches an sich, wenn Rosenkranz, manchmal voller Entdeckerstolz, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Diderots kritisiert, gerade dann, wenn sie in Richtung Materialismus und Atheismus weisen – freilich eben auf dem Erkenntnisstand seiner Zeit, der heute wiederum weit überholt ist. Hier fehlte Rosenkranz des Gespür für die historische Einordnung und Relativierung. Es ist falsch zu fragen (bei der Beurteilung eines Philosophen oder Künstlers): Was stimmt heute noch? Richtiger ist zu erkunden: Was war neu, innovativ, fortschrittlich, wies emanzipativ nach „vorn“? Eben darum hat der Herausgeber seinerseits darauf verzichtet, die Rosenkranzschen Maßstäbe an diesen selbst anzulegen.

Alle die genannten Einwände freilich beeinträchtigen den Wert des Buches nicht, schon gar nicht im Grundsätzlichen. Vieles ist, wie gesagt, dem Zeitgeist geschuldet und überlesbar. Die von Rosenkranz gebrachten Fakten und Beschreibungen sind nach wie vor zutreffend. Seine damalige Pionierleistung wurde bis heute nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen. Und das Werk hält sich frei von eigenem direkten Aktualitätsbezug, interpretiert und wertet nicht zur Begründung eigener Urteile, Fehlurteile, Vorurteile (von den angesprochenen moralischen Aspekten einmal abgesehen). Und auch die von Rosenkranz gebrachten Texte Diderots haben nach wie vor Gültigkeit und verdienen Beachtung, seine Übersetzungen, die Selektion des Materials usw. sind philologisch korrekt.

Zudem, dies soll abschließend explizit herausgestellt werden, fokussierte Rosenkranz einen Punkt, der noch heute voll zutreffend ist: Die Modernität Diderots. Dieser steht er zwar etwas staunend, manchmal gar verwundert oder verzweifelt gegenüber, wie bereits gesagt, aber er hat sie gesehen und in letzter Konsequenz auch positiviert. Was für die Mitte des 19. Jahrhunderts galt, ist noch heute verantwortlich für die Wirkung Diderots. Wie viele Romane des 18. Jahrhunderts sind heutzutage nur nur schwer auch ästhetisch zu genießen. Diderots Jacques ist da moderne Literatur, könnte eben auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein. Immer wieder prüft Diderot sich selbst, spricht und widerspricht, wägt Argument und Gegenthese. Der Dialog war das Darstellungsmedium, in dem er seine hohe Reife erreichte. Im Gespräch mit sich selbst vermied er jedwede Eindimensionalität, die eine, fundamentale These. A und B könnten gleichermaßen richtig sein, je nachdem. Und auch sonst sind Diderots Werke oft Gespräche: Mit Bildern von Malern (in den Salons), mit anderen Autoren und deren Werken, dabei oftmals die Schriften seiner Freunde bearbeitend (Holbach, Grimm, Raynal), mit seinen potentiellen oder vermuteten Lesern usw. Diesen Zug des Diderotschen Denkens und Schreibens erkannt und expliziert zu haben, ist eines von den bleibenden Verdiensten Rosenkranz'.

V. Zur Edition: Das Buch von Rosenkranz wurde sprachlich behutsam modernisiert – ausschließlich mit Blick auf die Lesbarkeit der Ausführungen. Das betrifft beispielsweise die Anpassung der alten Rechtschreibung an die heute gängige, die Modernisierung einzelner Wörter und Begriffe oder auch grammatikalische Eingriffe und Änderungen. Zudem wurden verschiedene Absätze eingefügt, andere zusammengezogen und dergleichen. Um von der Sprachanpassung zumindest einen Aspekt hier beispielhaft zu belegen: Es wurden verschiedene, heute veraltete Ausdrücke ersetzt oder modernisiert – beanlagt, einschlagend, jedermänniglich, endigte, Krisis, allerwege usw.

Bei der Präsentation des Textes von Rosenkranz wurde auf Fußnoten verzichtet, da das Werk sehr gut verständlich ist und die meisten Probleme selbst erklärt. Zudem wurde davon Abstand genommen, an einzelnen Punkten Rosenkranz so zu kritisieren, dass der Herausgeber seine eigene Interpretation der gegebenen – sogar als vermeintlich bessere, zutreffendere – gegenüberstellt. Das Werk soll für sich sprechen – mit seinen Errungenschaften und mit seinen Einschätzungen. Einige Anmerkungen wurden zudem in dieser Einleitung gegeben. Kleinere Fehler und Falschangaben Rosenkranz' wurden stillschweigend im Text berichtigt. Auch hier hat der Herausgeber davon Abstand genommen, etwas besser wissen zu wollen und damit in Fußnoten zu renommieren. Bei allen diesen Korrekturen und Anpassungen wurde darauf geachtet, das Rosenkranzsche Original zu erhalten.

Andreas Heyer, Braunschweig, im Januar 2021

1 Rosenkranz formulierte dies wie folgt: „Voltaire ist der Dichter, der Historiker und Philosoph der Rokokoperiode; Montesquieu ist der Politiker, der den Franzosen die Taufe der konstitutionellen Monarchie Englands gibt; Rousseau ist der Pädagoge der kulturkranken Menschheit, der sie durch die Rückkehr zur Natur heilen will und damit die Atomistik der republikanischen Gleichheit vorbereitet; Turgot ist der Nationalökonom, der die Einseitigkeiten des merkantilen und agrikolen Systems durch einen tieferen Begriff des Staats und der Teilung der wirtschaftlichen Arbeit aufzuheben sucht; Buffon porträtiert die Tiere und schreibt die Geschichte der Revolutionen des Erdballs; Diderot, eine echt französische, soziale Natur, verewigt sich durch kein großes, selbständiges Werk, sondern durch eine Kollektivarbeit, dem Vorbild vieler folgenden, und durch das prophetische Aussprechen der modernen Tendenzen.“

2 Raupp, Werner: Ein funkensprühender Kopf. 100 Gedanken. Ein Mosaik zum 300. Geburtstag des französischen Philosophen, Marburg, 2013.

3 Raupp, Werner: Denis Diderot. „Weiß man je, wohin man geht?“ Ein Lesebuch, 2. Aufl., Rottenburg am Neckar, 2009. Beide Bände enthalten interessante Einleitungen des Herausgebers. Ich habe vor einigen Jahren gemeinsam mit Werner Raupp einen Aufsatz verfasst: Heyer/Raupp: Lust, Philosophie und Politik. Anmerkungen zu Diderots erstem Roman, in: Aufklärung und Kritik, Nr. 2, 2015, S. 151-162.

4 Das „ausgerechnet“ hat einen Sinn. Den Goethe und Schiller, so freiheitsliebend zumindest der zweitgenannte gewesen sein mag, gehörten zur den Kritikern der Französischen Revolution, letztlich auf der Basis einer entkoppelten Elitentheorie. Diesem Klassizismus konnten sie Diderot in ihrer Sichtweise einverleiben. Aber dieser war gerade ein Vertreter der Volksaufklärung, der Breitenwirkung, und er war, „verhindert“ durch seinen Tod, auf dem Weg zur Revolution. Davon zeugt die Zuschreibung radikaler Werke an ihn, ebenso die antiabsolutistische, materialistische und revolutionsbejahende Ausrichtung gerade seiner Spätwerke.

5 So Theodor Lücke in seiner Einleitung in die zweibändige Edition der Philosophischen Schriften Diderots, Berlin, 1961, 1. Band, S. V.

6 Rousseau, Jean-Jacques: Kulturkritische und politische Schriften in zwei Bänden, herausgegeben und eingeleitet von Martin Fontius, Berlin, 1989. Es ist übrigens hoch interessant und für die so genannte Erbe-Politik der DDR-Philosophie bedeutsam, dass rein von den Editionen Diderot ein deutlicher Vorrang vor Rousseau eingeräumt wurde. Denn von dem letzteren erschienen im Verlauf der 40 Jahre der Existenz der DDR zwar verschiedene Einzelaussagen, der „große Wurf“ blieb jedoch bis zur genannten Publikation von 1989 aus – und selbst diese kann den Diderot-Bänden allenfalls ergänzend zur Seite gestellt werden. Den Motiven dieser staatlich geleiteten Kulturpolitik bin ich in der Broschüre Ein Schmuddelkind der DDR Philosophie. Die Rezeption Jean-Jacques Rousseaus in der DDR (Berlin, 2012) nachgegangen.

7 Abbt, Christine; Schnyder, Peter (Hrsg.): Formen des Politischen. Diderots Virtuosität und ihre Rezeption im deutschsprachigen Raum (1750-1800), Freiburg im Breisgau u. a., 2019. In der Einleitung äußern sich die Herausgeber auch (leider mit einigen Lücken) zur Rezeption des „politischen Diderot“.

8Aufklärung und Kritik. Schwerpunkt: Denis Diderot zum 300. Geburtstag, herausgegeben von Wulf Kellerwessel und Werner Raupp, Heft 4, Nürnberg, 2013.

9 Landgrebe, Christiane: Wissen wir, wohin wir gehen? Das Leben des Denis Diderot, Berlin, 2018.

10 Lepape, Pierre: Denis Diderot. Eine Biographie, übers. von Gabriele Krüger-Wirrer, Frankfurt am Main, 1994. Borek, Johanna: Denis Diderot, Reinbek bei Hamburg, 2000.

Band 1

01. Vorbericht

Dass Diderot unter den großen Autoren der französischen Nation eine ausgezeichnete Stelle gebühre, ist zweifellos. Die Geschichte ist längst gewohnt, ihn neben Montesquieu und d'Alembert, neben Voltaire und Rousseau zu stellen. Diese allgemeine Anerkennung also hat ihm nicht gefehlt. Sobald man aber eine genauere Würdigung seiner Wirksamkeit sucht, macht sich sehr bald der große Unterschied fühlbar, der zwischen der Abwägung seiner Verdienste und der seiner mitstrebenden Zeitgenossen existiert. Diese Männer nämlich sind in ihrer Stellung völlig klar. Das Bild eines jeden von ihnen, so vielseitig sie auch waren, konzentriert sich in eine einfache Charakteristik. Ihr Leben, ihre Entwicklung, ihre Schriften, ihr Einfluss auf die Nation sind gleichsam durchsichtig gewordene Tatsachen.

Ganz anders mit Diderot. Zwar die Hauptpunkte seines Lebens und Wirkens sind auch allbekannt und sie sind auch in der Allgemeinheit, in welcher sie angeführt zu werden pflegen, nicht unwahr. Sobald wir uns jedoch nach ihrer Rechtfertigung umsehen, vermissen wir gewöhnlich nur zu bald eine genügende Motivierung und können uns nicht verbergen, dass die Charakteristik Diderots, wie sie uns geboten wird, in der Regel ein stereotypes Bild, nämlich das eines talentvollen, aber paradoxen und frivolen Skeptikers, mit unsicherer Zeichnung und mit zweideutigen Farben wiederholt. Wir vermissen den Halt einer ausreichenden sachlichen Basis. Zuweilen werden freilich, um das Urteil zu belegen, einzelne Stellen aus seinen Schriften zitiert, aber gewöhnlich sind es immer die nämlichen, ein Dutzend banaler Phrasen, die zu einem vogelfreien Gemeingut geworden sind. Wir vermissen in der Regel auch die Unbefangenheit des Urteils. Weil Diderot Materialist und als solcher Atheist wurde, geht man schon mit antipathischer Voreingenommenheit an ihn heran und sucht oft lediglich nach Bestätigung seines Vorurteils. Man erhebt sich nicht zu der Einsicht, dass in der Geschichte des menschlichen Erkennens der Materialismus ein ebenso notwendiger Standpunkt ist als der Spiritualismus, der Atheismus ein ebenso berechtigter als der Theismus. Man vergisst, dass die Wissenschaft so sehr der Freiheit bedarf als der Glauben. Man vergisst, dass ein Mensch nicht als Theist oder Atheist geboren wird und dass das Interessante der Geschichte eines Diderot eben darin liegt, zu sehen, wie er Stufe um Stufe Atheist geworden ist.

Der Zweck der vorliegenden Schrift ist die Ausfüllung der Lücke, welche die bisherige Behandlung Diderots in der Literaturgeschichte gelassen hat. Sie soll ein objektives, allseitiges Bild von ihm und ein gerechtes Urteil über ihn geben, das sich von allem parteiischen Fanatismus gereinigt hat. Es sei mir gestattet, dem verehrten Leser sowohl die vorzüglichsten Hilfsmittel, aus denen ich geschöpft habe, als auch die bestimmten Grundsätze darzulegen, nach denen ich verfahren bin.

I. Hilfsmittel

Die Hauptgrundlage zur Kenntnis Diderots bilden natürlich seine Werke. An sie hat man sich zuerst zu halten. Die einzelnen Schriften Diderots, wie sie zuerst erschienen sind, habe ich an Ort und Stelle angeführt. Sie sind sehr selten geworden. Im Original besitze ich von ihnen nur die Lettre sur les sourds et muets. Sammlungen existieren hier:

1) Collection complète des oeuvres philosophiques littéraires et dramatiques de D. Diderot (5 Bde., London, 1773, 8). Der Druckort London ist wahrscheinlich fingiert und Amsterdam an seine Stelle zu setzen. Diese erste Ausgabe ist insofern verhängnisvoll für Diderot geworden, als die unbefugten, gewinnsüchtigen Herausgeber Schriften darin aufnahmen, welche Diderot fälschlich zugeschrieben wurden, wie die Moral von E. Beaumont, der Codex der Natur von Morelly, der Brief an den Pater Bertier über den Materialismus von Coyer und andere. Diderot selbst hat diese Ausgabe, wie wir durch Barbier wissen, nie gesehen.

2) Oeuvres de D. Diderot, publiés sur les manuscrits de l'auteur, par Naigeon (15 Bde., Paris, 1798, 8.). Ein unveränderter Abdruck davon erschien in Duodez in Paris bei d'Etterville 1800 ebenfalls in 15 Bänden. Ich besitze nur diesen letzteren. Wenn ich speziell Naigeons Ausgabe zitiere, ist dieser Abdruck gemeint. Naigeon stieß die unechten Schriften aus und versah die echten mit Einleitungen und Anmerkungen. Das war ein großer Fortschritt. Ein Umstand ist jedoch bei Naigeons Redaktion zu beachten. Er war fanatischer Atheist und erblickte die philosophische Bedeutung Diderots hauptsächlich in dem Atheismus desselben. Aus diesem Gesichtspunkt heraus hat er sich nicht bloß Bemerkungen zu Diderots Schriften, sondern auch Veränderungen gestattet, von denen er behauptet, dass sie im Sinne Diderots oder auch nach den Manuskripten desselben gemacht wären. Daher rührt die Verschiedenheit in den Artikeln zur Geschichte der Philosophie, wie sie in der Encyclopédie stehen und wie Naigeon sie in seiner Ausgabe abdrucken ließ, aus welcher sie ebenso in die von Brière übergegangen sind. Wenn es z. B. in der Encyclopédie von einem Wunder des heiligen Juda heißt: „Mais ce miracle est fabuleux“, so setzt Naigeon hinzu: „comme tous les miracles.“ Wenn es im Artikel Philosophie Pyrrhonnienne von Bayle heißt: ,,Bayle ne tarda pas à connaître la vanité de la plupart des systèmes religieux“, so schreibt Naigeon: „la fausseté de tous les systèmes religieux.“ In dem Artikel Juifs verteidigt Diderot Jesus Christus gegen die Anschuldigung der talmudistischen Theologie, dass er seine Parabeln aus rabbinischen Überlieferungen entlehnt habe, und sagt: „Jésus Christ suivant ses idées et débitait ses propres pensées.“ Naigeon schreibt: „ses propres rêveries“, und fügt noch einen langen Satz ein, in welchem Christus ein „juif obscur et fanatique“ genannt wird. Da Le Breton, wie wir wissen, das Manuskript zur Encyclopédie nach gemachtem Abdruck verbrannte, so erhellt daraus, dass Naigeon diesen Zusatz nicht aus Diderots Handschrift haben konnte.

3) Oeuvres de Diderot (6 Bde., Paris, Berlin, 1818, gr. 8). Diese Ausgabe nahm auch die meisten philosophischen Artikel Diderots aus der Encyclopédie auf. Im Jahre 1819 erschien noch ein Supplementband zu ihr; der einen Aufsatz von einem Deutschen, von Depping, über Diderots Leben und Werke, seine Reise durch Holland, die Salons von 1761 und 1769, den Studienplan für die russischen Lehranstalten, die Übersetzung von Moores Trauerspiel The Gamester, und ein Register brachte.

4) Oeuvres de Diderot (22 Bde., Paris, Brière, 1821, gr. 8). Dies ist die vollständigste, bestgeordnete, mit literarischen Einleitungen und Anmerkungen und ausführlichem Register versehene Ausgabe. Im letzten Bande erschien der Dialog Le Neveu de Rameau zum ersten Mal aus einer Kopie des Originals. Diese vortreffliche Ausgabe ist die, welche ich gewöhnlich zitiert habe.

Als eine unendlich wichtige Ergänzung zu allen diesen Gesamtausgaben erschienen 1830 zu Paris bei Paulin in vier Bänden groß Octav mit Anmerkungen und einem vollständigen Register: Mémoires, correspondance et ouvrages inédits de Diderot, publiés d'après les manuscrits, confiés, en mourant, par l'auteur à Grimm. Außer einigen pikanten Dialogen brachten sie den Briefwechsel Diderots mit Sophie Voland und mit Falconet, wodurch ein ganz neues Licht auf ihn geworfen ward. Wie ungenügend, wie blass und matt erschien doch alles, was man bis dahin über ihn geurteilt hatte! Nun erst drang man in die geheimste Werkstatt seines Seelenlebens. Mit Erstaunen las man von dem verrufenen Diderot, von dem frivolen Enzyklopädisten:

„Meine Freundin, lass uns so handeln, dass unser Leben ohne Lüge sei. Je mehr ich Sie achten werde, um so teurer werden Sie mir sein; je mehr Tugenden ich Ihnen zeigen werde, um so mehr werden Sie mich lieben. Wie sehr würde ich das Laster fürchten, wenn ich nur meine Sophie zur Richterin hätte. Ich habe in meinem Herzen eine Statue errichtet, die ich nie zerbrechen möchte. Welcher Schmerz für sie, wenn ich mich einer Handlung schuldig machte, die mich in ihren Augen erniedrigte! Würden Sie mich nicht lieber tot als schlecht wissen? Lieben Sie mich daher immer, damit ich immer das Laster fürchte. Fahren Sie fort, mich auf dem Wege des Guten zu unterstützen. Wie süß ist es, seine Arme einem guten Menschen zu öffnen; dieser Gedanke ist es, der die Liebkosungen heiligt.“

Oder: „Die Menschen haben eine seltsame Meinung von der Tugend. Sie glauben, dass sie zu ihrer Disposition steht und dass man von heute auf morgen ein rechtschaffener Mensch wird. Sie behalten ihre schmutzige Wäsche, solange sie Nichtswürdigkeiten zu tun haben, und sie tun solche ihr Leben lang, weil man eine lasterhafte Gewohnheit nicht wie ein Hemd verlässt. Sie ist schlimmer, als die Haut des Zentauren Nessus; man reißt sie nicht ohne Schmerz und Schrei von sich; lieber bleibt man, wie man ist. O, meine Freundin, lassen Sie uns nichts Übles tun, lassen Sie uns lieben, uns besser zu machen, lassen Sie uns, wie wir es gewesen sind, treue Zensoren voneinander sein. Machen Sie mich Ihrer würdig, hauchen Sie mir diese Reinheit, diese Freimütigkeit, diese Sanftmut ein, welche Ihnen natürlich sind. Es ist von unserem Zustand wirklicher Unschuld bis zu einem ersten Fehler weiter, als von einem ersten zu einem zweiten, von einem zweiten zu einem dritten. Betröge ich Sie einmal, so könnte ich Sie tausendmal betrügen, aber ich werde Sie nie betrügen. Sie wachen im Grunde meines Herzens, Sie sind da, und nichts Ungutes kann Ihnen nahen.“

Welche Sprache von dem Diderot, der nach Rousseau gerade, als er diese Briefe schrieb, durch Grimm zu aller Schlechtigkeit verführt war! Hätten wir von Diderot nie eine gedruckte Zeile besessen und hätten sich nur diese Briefe erhalten, so würden wir immer urteilen müssen, dass ihr Verfasser ein ganz außerordentlicher, höchst eigentümlicher, tiefer Mensch, ein bewundernswertes Talent der Darstellung, eine wahrhaft schöne Seele gewesen sei. Da in ihnen überdem die ganze damalige Pariser Welt dramatisch konterfeit und durch die anziehendsten Anekdoten illustriert war, so verfehlten sie nicht, das allgemeinste Interesse hervorzurufen, und es musste 1834 eine neue Ausgabe der vier Bände gemacht werden. Nach dieser habe ich zitiert.

Einen unvollständigen Abdruck unter demselben Titel, Mémoires, correspondance et ouvrages inédits de Diderot, publiés d'après les manuscrits confiés, en mourant, par l'auteur à Grimm, veranstalteten Garnier Frères und Fournier ainė in Paris, 1841, in zwei Bänden Octav. Oeuvres choisies de Diderot veranstaltete M. F. Génin in zwei Bänden Octav, Paris, 1856. Diese Auswahl des Straßburger Professors ist mit Einsicht und Geschmack gemacht, bezweckt aber vornehmlich die Unterhaltung.

An die Werke Diderots schließt sich unmittelbar an die Correspondance littéraire, philosophique et critique, adressée à un Souverain d'Allemagne depuis 1755-1790, par le Baron de Grimm et Diderot (16 Bde., Paris, 1813, gr. 8). Sie ist in drei Abteilungen zerlegt, die erste zu sechs, die beiden zu fünf Bänden, jede mit einem eigenen Register. Diese Ausgabe ist es, die ich immer zitiere, weil ich sie seit langem besitze. Sie hat nicht alles aufgenommen und gegen religiös oder politisch extreme Äußerungen restringierende Anmerkungen hinzugefügt. Diese ganz unschätzbare Korrespondenz brachte eine Menge der kleinen genialen Arbeiten Diderots, mit welchen Grimm seinen hohen Gönnern ein besonderes Vergnügen bereiten wollte. Ein Auszug aus dieser Korrespondenz wurde mit vielem Takt in einer geschmackvollen deutschen Übersetzung unter dem Titel Grimms und Diderots Korrespondenz von 1753-1790 an die regierenden Fürsten Deutschlands gerichtet (Brandenburg, 1820, gr. 8) veranstaltet. Im Jahre 1823 folgte noch ein zweiter und letzter Band mit einem Register. Von dem französischen Original wurde 1829-1831 in 16 Bänden Octav zu Paris eine neue Ausgabe von Taschereau mit Anmerkungen und in Band 16 mit einem Supplement aller in der ersten Ausgabe von der kaiserlichen Zensur beschnittenen oder fortgelassenen Stellen gemacht.

Alle Artikel in der Encyclopédie, welche Diderot selber vertreten hat, habe ich auch als von ihm herrührend angenommen, daher auch den Artikel Luxe, obwohl ich weiß, dass Grimm denselben in seiner Correspondance sehr positiv dem Marquis St.-Lambert zuschreibt, weil ein Sonderabdruck dieses Artikels in Paris umlief, welcher der Ausgabe des betreffenden Bandes der Encyclopédie noch voranging. Ich bemerke, dass die Edition Brière den Artikel auch den Diderotschen beizählt.

Nächst den Ausgaben Diderotscher Schriften müssen die Denkwürdigkeiten, die sich auf ihn beziehen, als Quellen betrachtet werden. Hierher gehören zunächst:

1) Mémoires, pour servir à l'histoire de la vie et des oeuvres de Mr. Diderot par Madame de Vandeul, sa fille. Sie wurden drei Jahre nach Diderots Tode, 1787, für eine Zeitung geschrieben, die in Paris als Handschrift zirkulierte, wie dies damals häufig der Fall war. Sie wurden zuerst in Schellings Allgemeiner Zeitschrift von Deutschen für Deutsche (Bd. 1, Heft 2, S. 145-195) gedruckt. Der unbekannte Einsender motiviert seine Veröffentlichung durch die Pflicht der Geschichtsschreibung, sich nicht weichherzig von dem Bilde jener Zeit der Auflösung der Sitten und der Denkart, welcher Diderot angehörte, abzuwenden, sondern es vielmehr mit Selbstverleugnung treu und erschöpfend bis in die einzelnen Züge darzustellen. Er meint, dass die Kenntnis der Persönlichkeit Diderots in seinen häuslichen und sozialen Verhältnissen ihm in unserem Gefühl und Urteil eine entschieden günstige Aufnahme zu Wege bringen müsse. Diderot sei von der allgemeinen Fäulnis, in welcher er lebte, nicht rein geblieben, habe sich aber über sie erhoben und die Kraft gewonnen, die Verderbnis der Zeit bis in ihre ganze Tiefe zu erkennen und darzustellen. Diese Kraft sei die von ihm nie verleugnete Liebe zur Wahrheit, wodurch er innerlich und geistig dem deutschen Wesen näher komme, wie er äußerlich in Ansehung der Sprache durch Originalität, Kürze und Kraft sich den Deutschen verwandter zeige als irgendein anderer Schriftsteller seiner Nation. Diese Memoiren sind sehr oft gedruckt und noch öfter als alleinige Quelle über Diderots Leben ausgeschrieben. Sie sind jedoch, wie ich an verschiedenen Orten dieser Schrift dargetan habe, nichts weniger als unbedingt zuverlässig. Vieles und darunter für ihren Vater Nachteiliges hat die Tochter offenbar nach den Anschauungen der Mutter mitgeteilt, die nur einseitig und beschränkt zu urteilen vermochte.

2) Mémoires historiques et philosophiques sur la vie et les ouvrages de D. Diderot, par J. A. Naigeon, de l'Institut (Paris, 1821). Sie erschienen als der 21. Band der Gesamtausgabe von Brière. Naigeon hatte sie schon 1795 beendet. Sie sind ein Versuch, Diderot als Menschen und als Schriftsteller in seiner Totalität darzustellen, und sie verdienen unseren Dank. Naigeon hatte Diderot selber lange genug gekannt und war mit seinen Schriften, auch mit den ungedruckten, vertraut, allein seine Tendenz, in dem Philosophen Diderot vor allem den Atheisten bewundern zu lassen, hat seine ganze Schilderung verödet, hat ihn die ästhetische Seite Diderots nicht nach Gerechtigkeit würdigen lassen und hat ihn verführt, die anfängliche Entwicklung Diderots mit fiktiven Hypothesen auszumalen. Von den persönlichen Verhältnisen Diderots erfahren wir durch ihn blutwenig; vielleicht wollte er nicht darüber sprechen.

3) Rousseaus Confessions. Sie sind eine sehr wichtige Quelle, auf welche oft zurückgegangen werden muss. Sie sind aber nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen, da sie ein künstliches Arrangement der Tatsachen nach dem Wahn, der sich bei Rousseau fixiert hatte, enthalten. Ich habe Diderot, Frau von Epinay und Grimm gegen seine gehässigen Anschuldigungen verteidigen müssen. In Ansehung Grimms will ich mich noch auf den umfassenden Artikel berufen, welchen der größte Kenner der neueren französischen Literatur, Ste.-Beuve, Causeries du Lundi (Paris, 1853, VII, 226-260), über ihn geschrieben hat und in welchem er gleich zu Anfang sagt, dass er selbst lange Zeit gegen Grimm eingenommen gewesen sei. Als er sich gefragt habe, worauf denn diese Antipathie beruhe, habe er sich einzig Rousseaus Bekenntnisse als Quelle eingestehen müssen, „mais Rousseau“, fügt er hinzu, „toutes les fois, que son amour propre et son coin de vanité malade sont en jea, ne se gêne en rien pour mentir, et j'en suis arrivé à cette conviction, qu'à l'égard de Grimm il a été menteur. Il l'a été plus dangereusement, qu'il y a porté la sincérité de sa mapie et un curieux arrangement de détail.“

Das Korrektiv zu Rousseaus Bekenntnissen sind 4) Mémoires et correspondance de Madame d'Epinay, où elle donne des détails sur ses liaisons avec Duclos, J. J. Rousseau, Grimm, Diderot, le Baron d'Holbach, St.-Lambert, Madame d'Houdetot, et autres personnages célèbres du dix-huitième siècle (3 Bde., Paris, 1818, gr. 8). Die dritte Auflage erschien noch in demselben Jahre. Wenn Musset-Pathay und Morin, die Biographen Rousseaus, diese Denkwürdigkeiten verwerfen, weil Grimm sie nach seinen Absichten redigiert habe, so ist dies ein ganz unstichhaltiger Grund gegen ihre Glaubwürdigkeit, wie Ste.-Beuve im zweiten Bande seiner Causeries du Lundi, Artikel Madame d'Epinay, nachgewiesen hat. Es ist sonderbar, dass die Verehrer Rousseaus diese Memoiren unbedenklich als echt zitieren, sobald sie ihnen zusagen, sie aber verwerfen, sobald sie ihnen widersprechen.

Es schließen sich an sie an 5) Nouveaux mémoires secrets et inédits, historiques, politiques, anecdotiques et littéraires du Baron de Grimm (2 Bde., Paris, Lerouge-Wolf, 1834, 8). Diese Memoiren habe ich manchmal nicht ohne Misstrauen betrachtet, ob sie nicht künstlich zusammengestoppelt und untergeschoben seien, weil sie dem durch Rousseau landläufig gewordenen Bilde von Grimm gar zu sehr widersprechen. Da aber die unzweifelhaft von Grimm herrührende Correspondance dies auch tut, so musste ich diesen Grund der Anzweiflung aufgeben. Überdem sind zu viele Tatsachen darin enthalten, die nur Grimm so wissen und so erzählen konnte, und zu viele feinere Züge in der Charakteristik der Personen, die sich nicht erfinden lassen. Er erwähnt z. B., dass, während er mit Diderot in Petersburg gewesen sei, eine Gesandtschaft der Griechen Katharina um ihre Unterstützung gebeten und dass Diderot nun schon die Wiederherstellung Athens geträumt habe. Er erzählt den Besuch Rousseaus bei Diderot in Vincennes ganz anders als Rousseau. Ich habe absichtlich die Rousseausche Erzählung aufgenommen, weil sie einmal allgemein adoptiert ist und an der Sache nichts ändert. Nach Grimm verhält es sich anders. Es war derselbe Tag, an welchem Rousseau nach Fontenay-sous-Bois eingeladen war und bereits auf dem Hingang Diderot besuchte. Er hatte den Wagen des Herrn de la Popelinière, der ihn mit Grimm und Herrn von Seguy hinausbringen sollte, abgelehnt und wollte zu Fuß gehen. Dies reizte Grimm, der vom Baron von Thun auch eingeladen war, dasselbe zu tun, ohne Rousseau etwas zu sagen. Er wartete auf ihn vor den Türmen von Vincennes über zwei Stunden und schloss sich ihm dann auf dem Wege unter dem Vorwand an, dass er die zur Abfahrt bestimmte Stunde bei Herrn von Seguy verfehlt habe. Er war von Bewunderung für Rousseau, „den Heros der Freundschaft“, durchdrungen und widmete ihm von diesem Augenblick an die aufrichtigste Zuneigung. Nach Grimm machten sie nun bei dem Prinzen mit Klüpfel mehrere Tage hindurch Musik. Rousseau berichtet sehr abweichend, dass er von Fontenay-sous-Bois an demselben Tage bei dem Donjon von Vincennes vorüber zur Stadt zurückgekehrt und erst einige Tage darauf zu Diderot gegangen sei. Grimm besuchte Diderot nicht, denn, sagt er: „mes relations avec Diderot, depuis si fréquentes, si intimes, si fraternelles, avaient à peine commencé avant sa captivité.“ Warum sollte der Hergang nicht der von Grimm erzählte sein können, der für Tatsachen gewiss ein besseres Gedächtnis als Rousseau hatte, der jeden Augenblick die Schwäche und Verwirrung des seinigen beklagt? Es kommen bei Grimms Erzählung Züge vor, die für ihn so charakteristisch sind, dass sie schwerlich haben erfunden werden können. „J'oubliai ce jour la le soin de ma santé et même de ma toilette, et au risque de me hâler le teint.“ Ich glaube, das ist echt Grimmisch, denn er wird von Rousseau beschuldigt, sich geschminkt zu haben, weshalb seine Freunde ihn spöttisch den Tyran le blanc genannt hätten.

Vielen Aufschluss über die damaligen geselligen Verhältnise, besonders des Holbachschen Kreises, geben auch 6) Mémoires posthumes de Marmontel, zuerst 1800, dann oft gedruckt, und 7) Mémoires inédits de l'Abbé Morellet, suivis de sa correspondance (2 Bde., Paris, 1823).

Als eine tertiäre Schicht zur Kenntnis Diderots sind endlich die Schilderungen anzusehen, die man von ihm entworfen hat. Die älteste derselben ist die von Meister: À la mémoire de Diderot, abgedruckt in Grimms Correspondance, November 1786. Ich habe sie als das Beste, was, meiner Meinung nach, über Diderot gesagt ist, ganz aufgenommen.

Zu zweit ist zu nennen: Eusèbe Salverte: Éloge philosophique de Diderot (Paris, 1801). Er hatte diese Rede am 7. Thermidor des 8. Jahres der Republik im Institut national gelesen. Salverte war ein reicher Privatmann, der den Umgang mit Diderot in seinen letzten Jahren gesucht und ihn öfter auf sein Landhaus eingeladen hatte, von welchem sich ein reizender Blick auf Paris bot. Er schwärmte für Diderot, sowohl für den liebenswürdigen Menschen als für den genialen Autor. Sein Éloge ist panegyrisch. Es fehlt ihm Kritik. Diderots altersschwache Schrift über Seneca feiert er als das vollkommenste Produkt desselben.

Varnhagen von Ense gab von Diderots posthumen Schriften in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik eine Anzeige, die er in seiner Sammelschrift Zur Geschichtsschreibung und Literatur (1833, S. 423-433) wieder abdrucken ließ. Sie ist ein Meisterstück des feinen kritischen Scharfsinns, der vielseitigen Literaturkenntnis und der großen Kunst Varnhagens, Individualitäten treffend zu schildern. Es gibt Namen, meint er, die man in Kreisen geselliger Bekanntschaft nur zu nennen braucht, und sogleich eröffnen sich heitere Erinnerungen und Erwartungen, weil jedermann schon weiß, dass an jene Namen sich Bedeutendes, Ungewöhnliches, Aufrüttelndes unfehlbar anknüpfen müsse. Ein solcher Name in der französischen Literatur sei Diderot, der zu den seltensten Schriftstellern gehöre, die man flüchtig und teilweise zu kennen nie befriedigt sei. Man wolle durch ihn nicht sowohl neue Gegenstände und Einsichten gewinnen, sondern vor allem seine Art und Weise, sich über die Gegenstände ergießen und an ihnen zu den glänzendsten Umhüllungen werden zu sehen.

Thomas Carlyle, ebenfalls auf Veranlassung von Diderots posthumen Schriften, im Quarterly Review (Juli 1832); deutsch in Carlyles Ausgewählten Schriften von Kretzschmar (1853, II, 78-153). Dies ist einer der bedeutendsten Artikel, die über Diderot geschrieben sind. Er verurteilt Diderot seiner Glaubenslosigkeit halber und sieht nicht, dass der englische Sensualismus und Skeptizismus selber es gewesen sind, die in ihren weiteren Konsequenzen zum Materialismus und Atheismus der Franzosen führen mussten. Als wenn dieser negative Standpunkt bei einem Diderot, Holbach, Grimm eine Caprice, als wenn er bei ihnen nicht die notwendige Folge des Denkens gewesen wäre, und als ob ein Materialist oder Atheist deshalb, weil er dies ist, schon ein verabscheuenswürdiges Monstrum sein müsse. Es ist für den glaubensfesten Carlyle gewiss sehr viel, dass er Diderots Tugenden und Talenten eine sehr bedingte Anerkennung, aber doch eine Anerkennung zuteil werden lässt. Er behandelt ihn mit einem Übermut, der auf ihn mit verächtlichem Mitleid herunterblickt, und die Bewunderung, die sich schon für ihn zu regen beginnt, sofort durch Witzeleien wieder erstickt. Carlyle will mit jedem Gegenstande, der ihn beschäftigt, geistreich spielen. Die wirklichen Schattenseiten Diderots hat er treffend, jedoch übertrieben, seine guten Eigenschaften nur als zweideutige Tugenden dargestellt. Er wagt es ihm abzusprechen, auch nur ein braver Mensch gewesen zu sein. Er katechesiert ihn, als ob er auf einer einsamen Insel, nicht im Strudel des verderbten Paris gelebt hätte. In seiner Vielseitigkeit erblickt er nur charakterlose Unbestimmtheit und an allem herumtändelnde Seichtigkeit. Hätte ein Carlyle in Diderot nicht einen Geist erkennen müssen, der ihm in der ironisch-humoristischen Neigung verwandt war?

Der extreme Gegensatz zu Carlyles Verurteilung Diderots war der Artikel, den Joguet 1838 in der Encyclopédie nouvelle von Pierre Leroux und J. Reynaud über ihn schrieb und der wohl das höchste uneingeschränkte Lob enthält, welches Diderot zuteil geworden. Ich will nur einen Passus daraus anführen. Nachdem Joguet ein Bild von Diderots unendlicher Vielseitigkeit gemacht hat, fährt er fort: „Diderot endlich, der mit dieser komprehensiven Fähigkeit eine wunderbare Fähigkeit des Wortes und des Stils, einen unerschöpflichen Ideenschatz, eine Fruchtbarkeit, Leichtigkeit und fast beispiellose Mannigfaltigkeit in den verschiedensten Produktionen verband, ist uns immer als einer der Geister erschienen, welche dem menschlichen Geschlecht die größte Ehre machen. Und wenn wir ihn nun inmitten der intellektuellen Reichtümer, die so oft das Herz verhärten, eine unglaubliche Gefühligkeit, eine reizende Hingebung bewahren sehen, wie er dem damals überall verlassenen Kultus der Familie treu bleibt, leidenschaftlich für seinen Vater, seine Freunde, seine Tochter, seine Geliebte entflammt; mit seiner Feder oder mit seiner Börse alle Unglücklichen, die sich ihm darbieten, tröstend und unterstützend; weinend beim Anblick oder bei der Erzählung einer schönen Handlung, bei der Lesung einer schönen Stelle, bei der Erinnerung an seine Vaterstadt; begeistert für die Poesie, Malerei, Musik, Skulptur, für das Antike und Moderne, für das Erhabene und Gefällige, für das Ernste und Komische und vor allem für das Naive: Dann werden wir mit Staunen vor dieser Natur stehen, einer von denen, worin Gott sich gefallen zu haben scheint, das Ideal zu verwirklichen, das alle großen Moralisten von uns fordern, um uns zu zeigen, dass es nicht unmöglich sei, es zu erreichen.“

Weniger überschwänglich, aber voller Wärme und tiefer Durchdringung war das köstliche Porträt, welches Ste.-Beuve 1831 von Diderot nach dem Erscheinen seiner posthumen Werke entwarf und welches er in seine Portraits et critiques littéraires aufnahm, aus denen ich es übersetzte und die Übersetzung 1844 dem zweiten Bande meiner Studien einverleibte. Dies köstliche Porträt Ste.-Beuves legte in meine Seele den Keim zu dieser Arbeit, die ganz allmählich durch Jahre in mir sich fortgestaltete. Lange war sie mehr eine Art Träumerei, in die ich mich gern verlor und darüber meiner Gegenwart in diesem Jahrhundert, in dieser nordischen Stadt, in meinen geselligen Verhältnissen oft ganz entrückt wurde. Wie viele einsame Spaziergänge habe ich im Verkehr mit jenen Geistern des 18. Jahrhunderts zugebracht! Wie viele Stunden habe ich mit meiner Phantasie im damaligen Paris verweilt! Als ich mich zu Paris im Sommer 1846 aufhielt, wohnte ich durch einen Zufall in der Rue Rousseau im Hôtel Rousseau. Diese Straße ist die alte Rue Platrière, in welcher Rousseau zuletzt lange gewohnt hat. Wie oft habe ich da an ihn, an Diderot gedacht, allein zu einem bestimmten Entschluss für meine Arbeit gelangte ich erst manche Jahre später. Ich scheute immer davor zurück, weil ich ihre Schwierigkeiten, ihre Misslichkeiten immer mehr begreifen lernte. Diderot ist kein einfacher Idealmensch; man kann aus ihm weder einen Mustermenschen noch einen Musterautor machen; er ist voller Widersprüche. Wenn ich dann oft verzweifeln wollte, ihm gerecht werden zu können, dann hat jener Artikel Ste.-Beuves mich wieder ermutigt, mich wieder erleuchtet, und ich danke ihm dafür aufs innigste. Ste.-Beuve hat nicht aufgehört, Diderot ein großes Interesse zu widmen. In seinen Causeries du Lundi findet sich Bd. 3 ein trefflicher Aufsatz über ihn vom 20. Januar 1851.

M. F. Génin hat 1856 seinen schon erwähnten Oeuvres choisies de Diderot auch ein Leben desselben vorangeschickt, das auch in die Höfersche Ausgabe der Biographie générale übergegangen ist und manche glückliche Züge, allein auch manche Irrtümer enthält, die man jetzt nicht mehr erwarten sollte. Eine vortreffliche Schilderung Diderots gab Ernst Versot, Professor zu Versailles, in seinen Études sur le XVIIIe siècle