Die 187-Story - Chris Renner - E-Book

Die 187-Story E-Book

Chris Renner

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Beschreibung

Ein Bandmitglied verlässt die Gruppe, ein weiteres sitzt für mehrere Jahre in Haft und die erste Tournee steht an. Was für alle anderen Musiker das Karriereaus bedeutet hätte, war für die 187er das Rezept für den ersten richtig großen Erfolg – und der Anfang einer Karriere, die im Deutschrap bis heute ihresgleichen sucht. 187 Strassenbande sind das Musikphänomen der Stunde! Die Rapper aus Hamburg brechen mit ihren Alben alle Rekorde und sorgen bundesweit für ausverkaufte Hallen. Was sie ausmacht, ist ihr kompromissloser Gangster-Lifestyle: Sie fahren CL 500 und Porsche 911, zeigen sich in ihren Videos gern mit Haze und Kush und tragen vorzugsweise Lacoste und Nike. Dafür und für ihre krassen Texte und Sprüche werden sie von ihren Fans gefeiert. Doch das war nicht immer so. die 187er kommen von ganz unten, haben es trotz aller Widrigkeiten ganz nach oben geschafft. Streetcredibility bedeutet eben nicht nur meterdicke Polizeiakten, Drogenhandel und Waffenbesitz, sondern die Fähigkeit weiterzukämpfen, wenn einem die Scheiße bis zum Hals steht – und sich so bis an die Spitze der deutschen Rapszene zu boxen.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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DIE 187-STORY

DIE WAHRE GESCHICHTE

DIE187STORY

DIE WAHRE GESCHICHTE

AUFGEZEICHNETVON CHRIS RENNER

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2019

© 2019 by Pearl Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Print 978-3-95760-010-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95759-016-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95759-017-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.pearl-verlag.de

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INHALT

Vorwort

Schwarze Raben

Mehr geht nicht

John-Lorenz Moser trifft …

Schanzenkind: Kristoffer Jonas Klauß aka Gzuz

UNLTD und andere Gehversuche

Sa4, LX, Maxwell, Hasuna – und ein neues Label

Von Aldi bis Toprott Muzik

Er ist wieder da

High & Hungrig statt dick und durstig

Schnapp! dir den Sampler 3

Mit LX und Maxwell am »Obststand« – und wieder im Knast

Über Wu-Tang zu Ebbe & Flut

Immer noch High und Hungrig

Unter freiem Himmel sich selber feiern

Pudel und Palmen

Wenn Palmen zu Tannen werden

Es ist alles Gold, das glänzt

Zurück auf der Straße

Sa4 – der fünfte Mann

Das Gangsta, die Eigentumswohnung und die Razzia

Weltstar auf »Wolke 7«

20187 – hinter den Kulissen

Beste Leben unter noch mehr Palmen

Snoop am nächsten Obststand mit Nikez

Schlusswort

Über den Autor

Anmerkungen

VORWORT

Woran sie wohl gedacht haben in diesem Augenblick? In diesem Moment am Ende des Konzerts in der ausverkauften Barclaycard Arena in Hamburg am 1. März 2019, als sie alle gemeinsam auf der Bühne standen, Bonez und Gzuz mit ihren Töchtern in den Armen, und sich vor dem immer noch jubelnden Publikum fotografieren ließen. Gerade hatten sie die Fans über mehr als zwei Stunden feiern lassen, hatten die »Palmen« gegeben und das »Beste Leben« beschworen. Ob ihnen in diesem Moment wohl durch den Kopf ging, was sie alles hinter sich haben? Dass sie es von den kleinen Straßenrappern aus dem Hamburger Schanzenviertel zu Deutschlands erfolgreichster Hip-Hop-Crew gebracht haben? Dass sie auf ihrem Weg dahin immer wieder gestolpert sind, aber sich immer wieder aufgerappelt haben? Vielleicht haben sie auch daran gedacht, dass sie an diesem Abend, trotz allem, was einmal war, immer noch alle gemeinsam auf der Bühne standen. Dass nicht nur Bonez MC und Gzuz immer noch dabei waren, sondern auch LX, Maxwell, Sa4 und inzwischen eben außerdem RAF Camora. Dass der so oft beschworene Zusammenhalt der Strassenbande viel mehr ist als nur irgendein Spruch, nämlich tatsächlich Realität.

Am nächsten Tag konnten auch die Fans, die nicht bei dem Konzert waren, den Moment auf dem Foto nochmal erleben, als Bonez die Szene auf Instagram postete – dazu Sätze wie: »Danke für diese Zeit« oder »wir haben die Zeit unseres Lebens! Dank euch!«. Die Fans likten das Bild inzwischen fast 200 000 Mal und hinterließen rund 1500 Kommentare.1

Woran sie in diesem Moment ganz bestimmt nicht dachten, war die Art, wie dieser Abend enden sollte. Denn so sehr ihre Fans sie auch feiern, so wenig kann der Rest der Welt bis heute mit der 187 Strassenbande anfangen. Am nächsten Tag stand in der Lokalpresse nämlich nichts von einem berauschenden Abend und dem unglaublichen Erfolg des Konzerts, sondern von »einer bemerkenswerten Aktion der Hamburger Polizei«. Die hatte – wie schon so oft – Backstage mit Hunden nach Drogen gesucht, wieder einmal mit eher geringem Erfolg.2 So war der Abend im Grunde typisch für die Geschichte der 187 Strassenbande: Gefeiert von den Fans, glücklich über den erreichten Erfolg – kritisch und missgünstig beäugt vom Rest der Welt.

Die 187 Strassenbande hat inzwischen alles erreicht, was zu erreichen ist: in den größten Hallen gespielt, die Charts regelrecht aufgerollt, und Erfolge verbucht, die eigentlich als unmöglich galten. Nicht nur als die 187er, sondern auch zusammen mit anderen. Zum Beispiel als Bonez MC und RAF Camora die ersten drei Plätze der Charts gleichzeitig belegten. So etwas hatte es in der Geschichte der Hitparaden bis dahin noch nie gegeben: »500 PS« stand auf Platz eins, während »Kokain« gemeinsam mit Gzuz den zweiten Platz belegte und »Nummer unterdrückt« auf Rang drei lag. Das war noch nicht alles – insgesamt hatten Bonez MC und RAF Camora gleichzeitig dreizehn Songs der Top 20. Natürlich werden jetzt einige der gusseisernen Fans sagen, dass gerade RAF gar nichts mit der alten 187 Strassenbande zu tun hat. Aber dass Bonez MC mit RAF zusammen Erfolge feierte, zeigt auch, dass sich die Rapper der Strassenbande von niemandem etwas sagen lassen. Bonez MC wollte etwas mit RAF machen, also hat er es gemacht – und war so erfolgreich wie nie zuvor. Diese Aktion von Bonez MC zeigt aber noch etwas: Die 187er sind real und keine Sprücheklopfer. Sie tun, was sie sagen. Und sie sagen, was sie denken, sie rappen auch, was sie denken – selbst wenn das einigen so gar nicht passt. Zu diesen einigen gehören natürlich auch einige der Staatsbürger in Uniform, mit denen die Strassenbande sich im Grunde schon seit Ewigkeiten in einer Art Kleinkrieg befindet. Die Jungs tun offensichtlich auch nichts, um diesen Kleinkrieg zu beenden, damit sie in Ruhe ihren Erfolg feiern können. Wenn die Strassenbande als Ganze oder ein Einzelner 187er irgendwo auf der Bühne steht, dann ist eben auch die Polizei nicht weit. Selbst wenn einer der Rapper nur mal im Hotel verschläft, kommt schon die Polizei. Als Gzuz etwa sein Hotel nicht wie vorgeschrieben um zehn Uhr morgens verlassen hatte, rückten gleich sechs Beamte an, um ihn an die frische Luft zu befördern.3

Aber natürlich sind wir nicht 187-Fans, weil etwa Gzuz immer mal wieder mit den Ordnungshütern Probleme hat. Wir sind Fans, weil 187 eben 187 ist – und weil 187 nicht versucht, irgendetwas anderes zu sein. Bonez MC, Gzuz, LX, Maxwell und Sa4 sind Prollz – das wissen sie, das wissen wir, und dafür steht die Strassenbande. Sie sind immer auch und immer noch eben auch ein bisschen Gangsta – das wissen sie, das wissen wir, und dafür steht die Strassenbande. Die Jungz haben uns das gegeben, wovon vor ein paar Jahren noch alle dachten, so etwas würde es nur auf den Straßen von Compton, Southern Central Los Angeles geben – nämlich echten und glaubwürdigen Gangsterrap. Sie brachten uns diesen Gangsterrap mit deutschen Texten – und mit Beats, die sich vor den Vorbildern nicht zu verstecken brauchen. Mittlerweile ist die 187 Strassenbande seit mehr als zehn Jahren unterwegs – und in dieser Zeit ist eine Menge passiert. Das hier ist ihre Geschichte.

SCHWARZE RABEN

Drehen wir die Zeit erst einmal zurück. Im Jahr 2005 wurde der Verein Junge Medien Hamburg gegründet. Sinn und Zweck sollte vor allem die Förderung und Unterstützung von Nachwuchsjournalisten sein. Einer dieser Journalisten veröffentlichte schließlich am 26. Februar 2008 frühmorgens um 05.20 Uhr einen Artikel auf der Online-Plattform des Vereins. Titel: »Die Gesellschaft der Schwarzen Raben – Interview mit Caine und Karim (Jentown Crhyme)«. Der Artikel begann mit der Erläuterung, immer mehr Menschen würden in Deutschland ihr Leben isoliert vom Rest der Gesellschaft in sogenannten »Towns« verbringen. Dort lebe man meist am Existenzminimum, die Kinder und Jugendlichen blieben größtenteils sich selbst überlassen. Laut des Artikels ignoriert die Politik diese Zustände und die übrige Gesellschaft meidet den Kontakt. Die Folge: Es entsteht eine immer breitere Armutsschicht – die »Gesellschaft der Schwarzen Raben«.4 Zu dieser Schicht zählten einerseits Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch sehr viele Deutsche ohne einen solchen Hintergrund. Gemeinsam lebten sie in Ghettos, die den amerikanischen Pendants immer ähnlicher würden. Die beiden Interviewten – Caine und Karim – lebten in einem solchen Viertel, genauer gesagt in dem Hamburger Bezirk Jenfeld, wo sie kurz zuvor ihr Rap-Label Jentown Crhyme gegründet hatten. Sie wollten den Jugendlichen ein Sprachrohr geben. Denn der Rap wäre für diese Schwarzen Raben die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Das Jahr 2008, in dem das Interview veröffent- licht wurde, liegt jetzt schon ein gutes Jahrzehnt zurück. Damals hatten sich laut Caine zwar selbsternannte Pioniere des deutschen Hip-Hop als Vorreiter bezeichnet. Das sei jedoch kaum mehr als überzogene Selbstdarstellung und habe wenig mit den Tatsachen zu tun. Er persönlich habe sich seine Anregungen vielmehr von amerikanischen Masters of Ceremonies – kurz: MC – geholt. Vorbilder seien vor allem dann wichtig, wenn man jünger ist. Später dann, wenn man älter wird, sei man nicht mehr so auf Vorbilder angewiesen »Wir sind mittlerweile seit drei Jahren in dem Rap-Business drinnen, und haben unseren eigenen Weg gefunden«, sagte Caine.

In Deutschland hätte ihn niemand wirklich inspirieren können. Zwar hätten einige Künstler Türen aufgestoßen, dadurch, dass sie mit deutschsprachigem Hip-Hop Erfolge feierten – diese Erfolge machten sie aber noch lange nicht zu musikalischen Vorbildern. Gerade unter den sogenannten Straßenrappern würden einige das Etikett Straßen- oder Gangsterrap nur als eine gewinnbringende Marktlücke nutzen und vor allem mit altbekannten Klischees arbeiten. Wie gesagt: Das war 2008.

Karim ergänzte die Aussagen damit, dass speziell die Berliner Rap-Szene in Form von Bushido und dem Label Aggro Berlin erfolgreich die Gewalt auf den Straßen verherrliche – was bei den Fans auch gut ankomme und sich verkaufe. Auf der anderen Seite gebe es eben »Leute wie uns, und andere, die diese Zustände nicht verherrlichen, sondern darüber erzählen, was auf den Straßen los ist«. Damit mache man im Grunde genau dasselbe wie Journalisten. Nur sage man – anders als die Konkurrenz aus der Hauptstadt – den Leuten eben nicht, sie sollten ein Messer nehmen, um damit den nächsten »abzustechen«, oder Drogen wie »Koks durch die Nase« zu ziehen. Caine wurde noch deutli- cher: Sie seien sich beim Schreiben der Texte bewusst, welche Verantwortung sie tragen, denn es hörten eben die Kids von der Straße die Musik. Gerade wenn man wirklich von der Straße kommt, passt man auf, was man sagt, gibt er zu bedenken. Anfangs hätten sie auch noch anders gerappt, aber mittlerweile wären sie beim Texten viel sorgfältiger und hätten die jungen Hörer ihrer Musik klar im Blick: »Wir denken oft darüber nach, wie wir das machen können, dass die das auch richtig verstehen«, so Caine. Andere Rapper würden dagegen hauptsächlich ans Geldverdienen denken, weswegen sie mit ihren Texten möglichst viel Wirbel machen wollten – ohne Gedanken an mögliche Folgen zu verschwenden. Gerade die Major-Labels würden diese Entwicklung sehr großzügig unterstützen. »Das ist die Sache, die ich in Deutschland nicht verstehe.«

Die beiden Label-Gründer hatten für die damalige Hip-Hop-Szene im Lande ohnehin kaum nette Worte übrig. Generell werde in Deutschland zu viel kopiert. Bringe einer einen neuen Style, kopierten andere den umgehend, statt etwas wirklich Eigenes zu entwickeln. Insgesamt stecke der deutsche Hip-Hop auch nach zahlreichen Erfolgen noch in den Anfängen.

Die Szene in Deutschland sei noch lange nicht ausgereift, sondern immer noch im Stadium ihrer Geburt. Jetzt müsse aber der Reifeprozess kommen, denn es sei auch keine Alternative, zu englischsprachigen Texten zurückzukehren. Die meisten deutschen Rapper würden ohnehin kein richtiges Englisch können und neunzig Prozent der Texte nicht verstehen. Deshalb sei es kaum möglich, mit englischem Rap eine Message zu verbreiten – weil die eben kaum in den Köpfen ankommen würde. Caine erklärte dazu, er selber habe früher ebenfalls auf Englisch gerappt. Aber dann sei er eben erwachsen geworden und habe sich gedacht, dass die Texte mit den englischen Vokabeln irgendwie abgeklatscht wirken. Auf Englisch zu rappen, wäre wie etwas nachmachen. Dabei müsse man als deutscher Rapper eben auch in seinem eigenen Land authentisch sein. »Viele die heute noch in Deutschland auf Englisch rappen, die haben den Schuss nicht mehr gehört. Du bist einfach viel authentischer, wenn du in Deutschland auf Deutsch rappst«, fasst Caine zusammen.

Dann ging es in dem Interview natürlich noch darum, was denn von dem Label Jentown Crhyme künftig zu erwarten sei. Worauf Caine antwortete, man habe einige neue Künstler an Bord. Auf dem Plan stehe etwa für den 29. Februar 2008 die Release-Party eines gewissen Bonez MC für dessen Mixtape »Mehr geht nicht« im Bunker in der Feldstraße.5 Als Nächstes komme dann sein Album raus, Bonez MC habe auch schon ein Video abgedreht. »In den nächsten drei Jahren sehen wir uns hoffentlich mal auf MTV«, sagte Caine am Ende des Interviews.

MEHR GEHT NICHT

Tatsächlich hielten die Jentown Crhyme-Macher Wort, und luden via Pressemitteilung zu besagter Release-Party ein. Eine offizielle Release-Party ist sicher etwas Besonderes und ein großer Schritt für einen Künstler, der am Anfang seiner Karriere steht. Auf diesen Umstand lässt der Titel der EP aber so gar nicht schließen. Denn Mehr geht nicht besagt ja im Grunde, dass danach nicht mehr viel kommen könnte – was, wie man inzwischen weiß, nicht wirklich der Wahrheit entsprach. Allerdings war die EP tatsächlich Ergebnis eines kleinen Kraftakts, enthielt sie doch nicht weniger als 21 Titel. Inhaltlich ging es schon damals größtenteils um das, was die Fans Jahre später mit der 187 Strassenbande verbinden sollte. Schon im »Intro« machte Bonez »Cents zu Scheinn« und beklagte, Deutscher Rap sei »gay geworden wie ein Frisbeespieler«. »Was Gangsta Rap« drehte sich um die Selbstverständlichkeit des »Koks Ziehens«, um »gutes Ott«, »Ein-Liter-Bierflaschen« und »Pitbulls« – und auch die Nikes hielten schon vor gut zehn Jahren heimlichen Einzug. Im Titel-Track »Mehr geht nicht« wiederum wurde auf das geschissen, »was ihr Gesetz nennt« und »das Weed in die Luft« geblasen – nicht ohne zu erwähnen, dass Bonez seine »Fans aufm Kiez« habe. Auch »Vom Amtsgericht ins Rampenlicht« lieferte einen frühen Vorgeschmack auf die später typischen Themen der Strassenbande: das Leben, das sich abspiele »zwischen Messerstecherein, Gras ticken, Schlampen ficken und Stress mit Polizei«, und die bei Gerichtsterminen verschwendete Zeit. Die »Glock« wurde ebenfalls schon damals geladen und die treue Freundin des Anderen »gebumst aufm Tisch«. Doch, wie später ebenfalls üblich, gab es auch eine ganz andere Seite in den Texten. In »Es ist nicht alles Gold was glänzt« erzählt Bonez »Heute bleibe ich zuhause, der Himmel ist grau«, von Tagen an denen er nur für sich und ganz allein sein wolle, in den Spiegel schaue und »da einn Toten stehn« sehe. Er sei jetzt also Rapper, und das laufe gar nicht mal so schlecht – aber der Kühlschrank sei immer noch leer und die Freundin weg. »Mein Boden ist Beton und mein Haus ist ein Block«, er habe keinen Abschluss und sein bisheriges Leben sei »ein Haufen Mist« gewesen.6 An manchen Stellen gelingt es Bonez, Wahrheiten so auf den Punkt zu bringen, dass sich die Frage aufdrängt, warum vorher noch niemand auf solche Zeilen gekommen ist. Wie etwa in »Der Sinn des Lebens«, wenn es heißt »der Sinn des Lebens ist es, deinem Leben einen Sinn zu geben« – klar und vor allem wahr.7 Auch der vorletzte Track der EP »Heute so, morgen so« ist so ein kleines Stück voller Wahrheiten: Die Welt bestehe nicht nur aus Sonnenschein und Regenbogen, sie sei vielmehr ein oft gemeiner und hässlicher Ort. Sie werde »dich in die Knie zwingen und dich zermalmen, wenn du es zulässt«. Bonez rät dem Zuhörer, sich das zu holen, was einem zusteht – das allerdings funktioniere nur, wenn man auch bereit sei, auf dem Weg zum Ziel Schläge einzustecken. Es solle aber niemand mit dem Finger auf andere zeigen und sich beschweren, dass er nicht da ist, wo er hinwollte, nur »wegen ihm oder wegen ihr oder sonst jemanden«. Das würden nur Schwächlinge machen. Wer an die Spitze will, muss zum Kämpfen bereit sein, und darf sich andererseits nicht überschätzen oder für unzerstörbar halten – so seine Botschaft. Schon früh lässt er ein bisschen hinter die später so selbstsicheren 187-Fassaden blicken. Denn schon damals textete Bonez, er sei nicht kugelsicher und auch kein Killer von Beruf. »Ich guck inn Spiegel – ja, ich bin verletzlich.«

Wenn es an einem Tag gut laufe, müsse man trotzdem immer mit dem Schlimmsten rechnen.8 Eine recht reflektierte Sicht der Dinge. Vielleicht sogar zu reflektiert für einen Straßenrapper, so dass Bonez im finalen »Outro« seiner EP noch einmal andere Töne anschlägt, Töne, die eindeutig zuversichtlich und selbstsicherer klingen. Denn am Schluss steht alles unter dem Motto »ich habs geschafft«. Er habe es geschafft, er habe eine CD im Handel. Er sei nicht mehr der kriminelle Loser, habe eine Familie und vor allem sein Ding gefunden – so mache das »Leben Bock«

Bonez MC hatte es mit der EP Mehr geht nicht zwar noch nicht wirklich geschafft, aber er hatte einen Schritt in die Richtung gemacht, die ihn und 187 später zu ungeahnten Erfolgen führen sollte. Dabei war es nicht der allererste Schritt. Denn Mehr geht nicht war die erste EP-Veröffentlichung, aber nicht das erste Stück Musik, das veröffentlicht wurde. So war schon in der Pressemitteilung des Labels Jentown Crhyme die Rede von den »100 000 Myspace-Besuchen« und dem Streetalbum Zwei Assis Trumpfen Auf. Deshalb sind die wahren Anfänge noch etwas früher zu suchen.

JOHN-LORENZ MOSER TRIFFT …

Der Mann, der im Jahr 2008 unter dem Namen Bonez MC seine EP veröffentlichte, heißt John-Lorenz Moser. Und es wurmt ihn vermutlich immer noch, dass dies inzwischen öffentlich bekannt ist. Denn kaum etwas ärgert Bonez MC mehr, als wenn in der Öffentlichkeit private Aspekte seines Lebens diskutiert werden. Trotzdem sind inzwischen weitere Details bekannt. John-Lorenz Moser ist eines dieser Kinder, für die Weihnachten ein Geschenke-Problem darstellt. Er wurde nämlich einen Tag vor Heiligabend geboren, genau gesagt am 23. Dezember 1985 in Hamburg. Und wer an so einem Datum Geburtstag hat, wird in der Regel kaum an zwei aufeinanderfolgenden Tagen reich beschenkt, sondern muss sich damit abfinden, dass entweder die Weihnachts- oder die Geburtstagsgeschenke etwas sparsamer ausfallen. Aber das nur am Rande.

Als John-Lorenz gerade einmal zwei Jahre alt war, sollen seine Eltern mit ihm von Hamburg nach Frankreich umgezogen sein, bevor die Familie einige Jahre später wieder ihre Sachen packte und sich in Süddeutschland niederließ. All das soll vor allem zum Wohl des Kindes geschehen sein. Es heißt, dass die Eltern Wert darauf gelegt hätten, dass der Sohn nicht in einer Großstadt wie Hamburg aufwuchs, wo er schädlichen Ein- flüssen ausgesetzt sein könnte.9 Was einmal mehr zeigt, dass selbst die noch so gut gemeinten Pläne von Eltern nicht immer zu den gewünschten Zielen führen. Schließlich gelten Bonez und 187 heute für viele Bundesbürger als das Paradebeispiel für schädliche Einflüsse, die Kindern und Jugendlichen in einer Großstadt begegnen können, während gerade Kinder und Jugendliche diese Einflüsse über alles lieben. John-Lorenz Moser soll sich zudem in der ländlichen Umgebung nie wirklich zu Hause gefühlt haben. Er soll auch in Süddeutschland unbeirrbar hochdeutsch gesprochen haben, da er sich selber weiter als Hamburger verstand – was er anderen gegenüber immer deutlich gemacht habe. Auch das Thema Musik soll in der Familie schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben. Vor allem der Vater sei sehr musikalisch gewesen sein und hätte Kontakte zum Leiter des Eimsbush Basement Studios gehabt. Dieses Studio gehörte zu dem Label Eimsbush Entertainment, das im Jahr 1997 als Hip-Hop-Label von Jan Eißfeldt gegründet worden war, der inzwischen fast ausschließlich als Jan Delay bekannt ist. Auslöser der Label-Gründung war, dass Eißfeldt zu jener Zeit kein Major-Label für die von ihm geförderte Gruppe Dynamite Deluxe interessieren konnte. Also wurde ein erstes Demo-Tape in Eigenregie veröffentlicht, gefolgt von weiteren Tapes von damals noch unbekannten Künstlern wie Samy Deluxe, Das Bo und eben Eißfeldt. Tatsächlich wurde Eimsbush bald immer bekannter und erfolgreicher. Beschränkte man sich zunächst noch auf Hamburger Künstler, wurden später auch Künstler wie D-Flame aus Frankfurt und Charnell aus Berlin unter Vertrag genommen. Im Jahr 2003 allerdings meldete Eimsbush Insolvenz an, kurz zusammengefasst wohl aus dem Grund, dass man sich zwar gut mit Hip-Hop auskannte, mit der Führung eines Unternehmens dagegen weniger gut.

Die väterliche Verbindung zu Eimsbush war in der Familie nicht der einzige musikalische Einfluss auf den jungen John-Lorenz. Es heißt, sein Onkel soll außerdem Gitarrist bei der britischen Band The Stranglers sein. Die hat mit dem Thema Hip-Hop denkbar wenig gemein, reichen ihre Ursprünge doch zurück bis in das Jahr 1974. Damals startete sie als Punkrock-Band. Trotzdem haben »die Würger« so manches mit dem gemeinsam, was Bonez später mit der 187 Strassenbande machen sollte. In den Songtexten ging es vor allen Dingen um das Leben von Underdogs, die Bandmitglieder selbst machten vor allem mit Streitereien und Prügeleien auf sich aufmerksam, der Leadsänger kam auch mal wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis. Ihren größten Erfolg konnten The Stranglers Ende 1981, Anfang 1982 mit der Single »Golden Brown« feiern, die das Thema Heroin-Sucht behandelt. Obwohl dieser Erfolg inzwischen rund vierzig Jahre zurückliegt und die Bandmitglieder mittlerweile um die siebzig Jahre alt sind, gibt es The Stranglers bis heute, sie haben im Jahr2012 noch ein Album veröffentlicht.