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Daß Fortini ein gebildeter Mann war, unterliegt keinem Zweifel. Daß er so gut wie die drei unerreichbaren Vorbilder Dante, Petrarca, Boccaccio auch Ariosto, Aretino, Bembo, Sannazaro kannte und ihnen zu folgen bemüht war, wissen wir aus seinen Werken. Auch bei ihm spielen die alten Götter eine große Rolle: Phöbus besteigt den Wagen und treibt die Rosse an; die Stimme der Prokne ruft; die Nymphe Echo antwortet aus hohlem Grund; der Bauer opfert der Ceres und dem Gott der Gärten. Die Verwandlung des Narziß wird erwähnt, und einmal heißt es vom Sterben sehr schön: 'Er kehrte zur Urältermutter zurück.' Man kann ungefähr eine Vorstellung von Fortinis Frauenideal gewinnen und sieht in seinen Schilderungen immer von neuem, welche Freude es ihm machte, von Frauenschönheit zu berichten: vor allem die Haare, kraus und blond wie Goldfäden; die Brüste, weiß wie frischer Schnee und fest wie Marmor; die Augen leuchtend wie Morgensterne; das Fleisch in der Farbe orientalischer Perlen; das Gesicht schön geschnitten, weiß mit einem leicht gelblichen Ton. Einmal vergleicht er ein Mädchen mit einer frischen Lilie, ein anderes mit einer Maienrose im Morgendämmern, ein drittes mit einem Strauß von Rosen und Veilchen. Fortini findet auch treffende Worte und klare Bilder, wenn er die Natur malt. Man sieht den klaren frischen Quell aus der Felsgrotte springen; man sieht das schattige Tal neben dem Hain auf dem Hügel; die Waldreben, das dichte Lorbeergesträuch und die Haselnußhecken bilden zusammen eine dichte grüne Laube mit einer halbbogenförmigen Tür, als hätte sie ein geschickter Gärtner gemacht. Wacholder ringsum und Efeu an den Lorbeerbaumstämmen. Er liebt den Tag und die Sonne. Es ist ihm nicht eingefallen, eine Geschichte zu erzählen, die vor hundert und aberhundert Jahren oder in einem fremden Land spielt. Er fabelt nicht. Er erzählt, was in seinem Jahrhundert geschehen ist, was ihm selbst begegnet ist, was er hat erzählen hören, als vor noch nicht langer Zeit geschehen. So heißt es meist: 'Vor wenig Jahren geschah das, vor zwei Jahren, vor noch nicht acht Tagen' und so fort. Er erzählt Dinge, die er kontrollieren kann. Er bleibt in seiner Zeit und bleibt in seinem Land, mehr noch in Mittelitalien, am liebsten in seiner Heimat.
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Seitenzahl: 979
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Pietro Fortini
Als Jakob Ulrich 1887 seine kleine gründliche Studie über Pietro Fortini herausgab, schloß er sie mit den Worten: »Und wenn diese kurze Skizze die Aufmerksamkeit auf den zu wenig bekannten Dichter zieht und vielleicht jemand veranlaßt, sich auch dessen dramatische Arbeiten anzusehen, so ist der Zweck derselben erreicht.« Damals waren die Novellen Fortinis überall zerstreut, bekannt durch die Übersetzung waren nur zwei geworden, eine Gesamtausgabe der Werke Fortinis lag nicht vor. Schon im folgenden Jahr 1888 erschien aber die Hälfte des Werkes »Le Giomate delle Novelle dei Novizi«, zwei Jahre danach die andere und 1894 der erste Teil des Buchs »Le piacevoli et amorosi Notti dei Novizi«.
Die Nachrichten über Fortinis Leben sind sehr dürftig; auch aus den Novellen entnimmt man dafür so gut wie nichts. Er ist zu Siena am oder um den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts geboren, stammte aus edlem Haus, verheiratete sich zweimal und starb 1562 kinderlos. Er erlebte alle Stürme, die über Siena kamen, im Alter noch den letzten, der mit dem Fall der Stadt endete, trat auf Herzog Cosimos Seite, der Siena mit seinem Reich vereinigte, war deswegen von seinen Mitbürgern gering geschätzt und weilte wohl deshalb so oft, wie er sagt, in seinem Landhaus.
Das einzige auf uns gekommene Werk Fortinis ist die in zwei Teile zerfallende Novellensammlung »Le Giomate delle Novelle de' Novizi« und »Le piacevoli et amorosi Notti dei Novizi« (hier gleich »Anfänger in der Liebeskunst«). Das einzige bekannte Manuskript (ob von Fortinis Hand, ist unentschieden), gehörte dem Abbate Giuseppe Cialderi, Stadtbibliothekar von Siena, der es der Bibliothek schenkte. Es litt sehr, und eine Abschrift wurde erst genommen (in Italien nichts außergewöhnliches), als vieles schon unleserlich geworden war. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir in den Novellen nur einen Entwurf, eine erste Niederschrift vor uns haben, die zu bessern und zu feilen Fortini später nicht mehr Zeit oder Lust gefunden hat. So erklären sich die Häufungen (ein und dasselbe wird zwei-, dreimal mit einem nur wenig wechselnden Ausdruck gebracht), die Wiederholungen (so sagt er z. B.: »weil es dunkel war oder weil die Dunkelheit der Nacht groß war«), die unendlichen Ineinanderschachtelungen, mit einem Satz: die ungewöhnliche und unerlaubte Breite, unerlaubt vor allem bei einem so guten und klar aufs Ziel lossteuernden Erzähler.
Gewidmet sind sie im besondern der edlen, ehrsamen Frau Faustina Braccioni, die gebeten wird, sie mit aller gebührenden Nachsicht im Waldesschatten von Cellole, wenn sie vor den Sommergluten die Kühle sucht, zu lesen, vielleicht, daß sie sich dann auch an ihnen erfrischt. Gewidmet im allgemeinen sind sie all denen, die sie freundlich aufnehmen und gegen die bissigen Mäuler und giftigen Zungen verteidigen; daß sie das nötig haben werden, bezweifelt Fortini nicht. Geschrieben sind sie vor allem zum Nutzen und Frommen aller jener Jünglinge, die sich noch nicht zu raten und zu helfen wissen, der Novizen in der Liebeskunst; also eine Art Ars amatoria in Prosa. Fällt das Buch einem Mädchen oder einer jungen Frau in die Hand, so wird sie gewiß, wenn sie darin blättert, voller Entrüstung das Buch hinwerfen und empört den Autor schelten: »Sieh doch diesen Tagedieb, konnte er nichts anderes schaffen? Diese Geschichten fehlten uns gerade noch zu den hundert Novellen, dem Novellino, den Siebzig ...« so wird sie schmähen vor den andern, aber heimlich wird sie das Buch wieder aufnehmen und in der Kammer für sich lesen und dabei wünschen, die Heldin in der oder der Geschichte gewesen zu sein. »Wenn aber die Versuchung über sie kommt, hoffe ich, wird sie Mittel und Weg finden, sie zu überwinden aus eigner Macht und Kraft, gerade wie die, von denen ich erzählte; wird mir dankbar sein und künftighin gegen ihren Liebhaber nicht mehr so hart und grausam wie ehedem.« Also auch für die Mädchen und Frauen eine Ars amatoria. So umschlingt das denkbar loseste Band diesen Novellenstrauß. Was der Tag ihm zuträgt, erzählt der Dichter. Es sind in den Giornate neunundvierzig Geschichten geworden. Im ganzen Novellenbuch achtzig, aber es hätten auch hundertundfünfundzwanzig, hundertfünfzig werden können. Fünf Frauen, zwei Jünglinge erzählen, jeder eine Geschichte. Eine Giornata, die sechste, ist mit Lyrik gefüllt, die auch sonst, wenn die Giornata zu Ende geht, zu ihrem Recht kommt: man singt zur Laute, meist Lieder von den Flammen der Liebe, in denen man lodert, von der Grausamkeit der Geliebten, selten von Gewährung und Erhörung, dann nimmt man in der Pergola, wo man sich an dem schönen Tag zusammengefunden hat – es singen die Vögel, es murmelt der nahe klare Quell, im Teich spielen die Fische, die Pfeile der Sonne prallen ab von dem dichten Jasmingebüsch, der Lorbeerhecke, den Rosensträuchern längs der Pergola – noch Erfrischungen zu sich, Marzipan, Konfekt, Wein, plaudert noch ein Weilchen und trennt sich dann bis zum nächsten Tag. Was man hier erzählt, ist einmal geschehen, versichert Fortini; es sind keine Novellen, also Erdichtetes, sondern größtenteils Geschichten mit geänderten Namen, vielleicht etwas zugestutzt, etwas Geschehenes. Man hat sie sich erzählt als da oder dort geschehen, von Mund zu Mund ging das Geschehnis, Fortini hielt es mit der Feder fest. Diese erste Niederschrift ist auf uns gekommen. Komponiert sind noch in gewissem Sinn die Giornate und beinahe vollständig erhalten; die Notti – es sind sechs Nächte – sind lückenhaft und lose miteinander verbunden; die sechste Nacht, die merkwürdigerweise in drei Tage (Giornate) zerfällt, enthält fast nur Novellen (ursprünglich dreißig, wovon aber die dreiundzwanzigste fehlt), die andern fünf: Verse, Komödien (darunter die Dialogisierung der dritten Novellen der Giornate unter dem Titel »Der Aal«), Novellen (unter denen die vom neuen Messias bemerkenswert ist: Ein Judenmädchen wird von einem Christenjüngling schwanger und weiß seinem Vater den Glauben zu vermitteln, an der Schwangerschaft sei es unschuldig. Er kommt auf die Erleuchtung, seine Tochter sei begnadet genug, um den neuen Messias zu gebären. Große Aufregung und großer Jubel unter der Judenschaft, bis das Kind geboren ist: Es ist ein Mädchen) und Erörterungen über Liebesfragen.
Es herrscht kein fester Plan vor, weder hier noch in den Giornate. Jeder erzählt, was ihm einfällt; nur am dritten Tag macht man eine Ausnahme, da wird der Priester- und Mönchstand vorgeführt, in erbaulichen Geschichten und noch erbaulicheren Exemplaren, eine Musterkarte vom Bischof bis zum Bettelmönch herab. Einige der Geschichten lassen sich auf eine bestimmte Zeit festlegen, so daß mit einiger Genauigkeit ihre Niederschrift anzugeben ist; so wird in der zweiten das Jubiläum erwähnt, wahrscheinlich das von 1525; in der sechsten Herzog Alessandro dei Medici von Florenz, in der ersten, dreizehnten und fünfundzwanzigsten die Belagerung Sienas, in der achtundzwanzigsten die Intronati.
Daß Fortini ein gebildeter Mann war, unterliegt keinem Zweifel. Daß er so gut wie die drei unerreichbaren Vorbilder Dante, Petrarca, Boccaccio auch Ariosto, Aretino, Bembo, Sannazaro kannte und ihnen zu folgen bemüht war, wissen wir aus seinen Werken. Auch bei ihm spielen die alten Götter eine große Rolle: Phöbus besteigt den Wagen und treibt die Rosse an; die Stimme der Prokne ruft; die Nymphe Echo antwortet aus hohlem Grund; der Bauer opfert der Ceres und dem Gott der Gärten. Die Verwandlung des Narziß wird erwähnt, und einmal heißt es vom Sterben sehr schön: »Er kehrte zur Urältermutter zurück.«
Fortini findet auch treffende Worte und klare Bilder, wenn er die Natur malt. Man sieht den klaren frischen Quell aus der Felsgrotte springen; man sieht das schattige Tal neben dem Hain auf dem Hügel; die Waldreben, das dichte Lorbeergesträuch und die Haselnußhecken bilden zusammen eine dichte grüne Laube mit einer halbbogenförmigen Tür, als hätte sie ein geschickter Gärtner gemacht. Wacholder ringsum und Efeu an den Lorbeerbaumstämmen. Er liebt den Tag und die Sonne.
Es ist ihm nicht eingefallen, eine Geschichte zu erzählen, die vor hundert und aberhundert Jahren oder in einem fremden Land spielt. Er fabelt nicht. Er erzählt, was in seinem Jahrhundert geschehen ist, was ihm selbst begegnet ist, was er hat erzählen hören, als vor noch nicht langer Zeit geschehen. So heißt es meist: »Vor wenig Jahren geschah das, vor zwei Jahren, vor noch nicht acht Tagen« und so fort. Er erzählt Dinge, die er kontrollieren kann. Er bleibt in seiner Zeit und bleibt in seinem Land, mehr noch in Mittelitalien, am liebsten in seiner Heimat. Er ist bodenständig, und es ist durchaus bezeichnend für ihn, daß von den 49 Novellen der Giornate 16 in der Stadt selbst, 15 in der Umgebung Sienas spielen, eine in Perugia, drei in Bologna, eine in Volterra, vier in Ferrara, zwei in Orvieto, eine in Viterbo, eine in Pisa, eine in Arezzo, eine ohne Ort nahe Toscana an einem italienischen Fürstenhof, zwei in Florenz und eine nahe Florenz. Man sieht, wie die sienesischen Novellen überwiegen. Er ist und bleibt Sienese und darum Feind der Florentiner, Neapolitaner, Spanier, denn sie haben Unglück über seine Vaterstadt gebracht. Nach ihm sind die Florentiner aufs äußerste sparsam, geizig – auch den Ferraresen wirft er Geiz vor –, furchtsam, das armseligste Volk von ganz Italien, das schlimmste und widerwärtigste Volk auf der Welt, nur die Spanier und Neapolitaner ausgenommen. Antona macht Rafaello einen Eierkuchen von einem Ei, dünn wie ein Blatt, recht nach Florentiner Art, und Rafaello selbst übertrifft an schmutzigem Geiz und Habsucht noch die Spanier, die darin doch allen andern Völkern über sind. Eifersüchtig sind sie natürlich auch, obwohl sie ihren Frauen nichts bieten, nicht Magd noch Diener zur Hausarbeit halten. Wenn Fortini das lombardische Volk als plump, nur tauglich zu grober Arbeit, roh in Leben und Sitten, die Viterbesen als jäh und wild erklärt, den Deutschen übergroße Neigung zum Essen und Trinken nachsagt, so ist das geradezu noch ein Lob im Vergleich mit dem, was sich die Neapolitaner und Spanier sagen lassen müssen. Beide standen allerdings schon seit langer Zeit im schlechtesten Ruf in Italien und mit Recht. Die Neapolitaner sind Prahler, frech und hochfahrend im Glück, klein und kriechend im Unglück; tagsüber hofieren sie Edeldamen, abends gehen sie ins Bordell; und hier bei den Dirnen stehlen sie wie die Raben. »Ich kann mich rühmen«, sagt das Prachtexemplar in der dreizehnten Novelle, »nie in solchen Häusern gewesen zu sein, ohne daß mir etwas an den Fingern kleben geblieben wäre.« Wenn sie nicht direkt stehlen, so indirekt wie jener Neapolitaner, der sich geradezu von einer Magd aushalten läßt. Sie gibt ihm Brot, Wein, Fleisch, Hafer für das Pferd, das er nicht besitzt, sogar Salz, bis er einmal vom Sohn des Hauses abgefaßt und so verprügelt wird, daß er auf sechs Monate ins Spital muß. Die gleichen Charaktereigenschaften und Wesenheiten werden den Spaniern nachgesagt, bei denen sie aber in noch schärferm Maß vortreten. Sie sind das Räubervolk und waren vor allem seit dem Sacco di Roma verrufen, wo sie sich als die Findigsten im Aufspüren von Schätzen und Ausdenken von Martern nach dem Zeugnis aller Berichte erwiesen. Neapolitaner und Spanier glauben wenig oder gar nicht an Gott; wenn sie stehlen, meinen sie ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun. Darum läßt der Kapitän in der dreizehnten Novelle dies Gesindel schon für den kleinsten Diebstahl hängen. In Spanien Bauern oder Schweinehüter, barfuß, ohne Strümpfe, in groben Hosen, einen Fetzen Leinwand um den Kopf, spielen sie in Italien die großen Herren, putzen sich, wozu sie das Geld durch Stehlen und Rauben zusammenbringen, stolzieren wie die Granden einher, sind nichtige Prahler, Feiglinge, Mordbrenner, mit einem Wort, der Abschaum der Menschheit. Es mag sein, daß der Haß des Senesen in seiner Charakteristik sehr scharf zum Ausdruck kommt, aber was er sagt, haben andre mit, vor und nach ihm bestätigt. Seine Landsleute nennt der Dichter zuvorkommend und gefällig, dienstbereit vor allem gegenüber den Fremden. Die jungen Senesen, wie die Jugend überhaupt, haben keine Tugend; sobald eine Fremde sich blicken läßt, sind sie hinter ihr her, gerade als wäre sie eine Göttin. Selbst wenn es ein als Frau verkleideter Affe wäre, liefen sie wie die Narren ihm nach. Kein andrer Seneser Dichter macht uns so mit der Stadt vertraut wie Fortini. In den Gassen, auf den Plätzen bummeln die Studenten, Sonn- und Festtags im und vorm Dom, um die schönen Weiber zu sehen; abends kommen die Serenadensänger vor die Häuser und Fenster, und Frauen und Mädchen lauschen den Liedern, die zur Laute erklingen; nachts bleibt man am besten daheim, denn die Unsicherheit ist hier wie überall groß, oder man bewaffnet sich ordentlich und läßt sich von Dienern begleiten.
Wir gehen zu dem Florentiner Arzt, der in der Via Carnollia wohnt, im Norden der Stadt, wo auch die Kupplerin Monna Bartolomea haust, wir sind in der Via Postierla, wo die von dem Schulmeister ebenso heiß wie erfolglos geliebte Dame wohnt, mitten in der Stadt, gehen durch das Gäßchen des Bargello am Haus der kuppelnden Spitzenhändlerin vorüber, nach San Martino im Südosten, wo die billigsten Dirnen wohnen, nach Santa Maria del Carmine im Südwesten. Wir sehen die Loggia des Papstes, die Banchi, kommen an die Pferdetränke, treten in die Apotheke des Ceccone, weilen beim Ballspiel in den Orbacchi, und verlassen wir die Stadt, da finden wir vor dem Tor im Norden den Palazzo dei Diavoli, im Westen vor der Porta Fontebranda die Mühle, wo der Müller seine Frau betrügen will, die dann ihn betrügt, und südwestlich das alte Zisterzienserkloster San Galgano, den Schauplatz der zwanzigsten Novelle. In der Stadt und ringsum werden wir heimisch. Das Bild dieser so weit zurückliegenden Zeit, aus tausend Mosaiksteinen zusammengesetzt, steht in warmen Farben vor uns. Wir treten in den Laden des Kaufmanns, der mit Leinen, Barchent und anderem handelt, in die Apotheke, wo die Frauen ihre Schminken und Wasser kaufen, hören von den Schneidern, die so gern betrügen und denen man immer auf die Finger sehen muß, treten in die Wohnung der vornehmen Bürger, deren Frauen im Nähkörbchen einen Petrarca liegen haben, aber auch in die dürftigen Gelasse der Verarmten und Armen; wir wohnten der Hochzeit des reichen Städters und der des Bauern, des Schweinehirten bei; wir feiern den Fasching in der Stadt mit Maskeraden und tollen Scherzen – man geht in die Abendgesellschaften und spielt Komödien – und auf dem Land bei Spiel, Tanz, Sang, Trunk und Kastanienschmaus; wir erleben ein fettes Karnevalsmahl bei dem armen Priester, der sonst zwei Eier ißt und ein wenig dünnen Wein trinkt, jetzt aber Kapaune, Hühner Schweinsrücken, Trebbianer auftischt, alles nur, weil er auf ein, wenn auch kurzes Liebesglück hofft; wir sind in der Küche von San Galgano, wo die Würste in ihrem Fett schmirgeln und sich aufplustern, und im Tiegel der Büffelkäse mit Butter, Zucker und Gewürzen kocht; wir sind im Bürgerhaus, wo den Gästen als Erfrischung Wein, Artischocken und Früchte vorgesetzt werden, und bei den Dirnen nahe Santa Maria delle Grazie, die Konfekt und Marzipan knabbern. Wir ziehen auf den Wachtelfang mit Netz und Hund, hinaus aufs Stoppelfeld, stellen Leimruten im Wald zum Drosselfang, gehen auf die Hasenjagd, wir wohnen der Ernte bei, sehen das Korn dreschen, Strohfeime machen, die Weintrauben pflücken, wir sehen in buntem Zug alle Stände an uns vorüberziehen, den Arzt, den Studenten, den Schulmeister, den Bauern, den Patrizier, den Metzger, den Maler, den Schneider, den Kaufmann, den jüdischen Wucherer, den Notar, den Papiermacher... wer wollte alles aufzählen! Wie fein schildert er die spitzbübischen Florentiner Zollbeamten! Und das Judenhaus in Bologna!
Die Zeiten sind andre und schlimmere geworden; ärger vor allem aber sind geworden, die allen andern vorbildlich sein sollten: Priester und Mönche. Längst schon hat sie Fäulnis und Verderbnis ergriffen vom Papst an – einer in der Reihe der kirchlichen Regenten ist ja bekanntlich Alexander VI. –, jetzt ist es so weit gekommen, daß man den Mönch mehr als den Henker scheut. Man weiß nicht, was bei ihnen größer ist, Unwissenheit oder Unverschämtheit. Von ihrer Kleidung abgesehen, treiben sie es schlimmer wie die Soldaten. »Wenn wir auch Priester sind, so sind wir doch auch Menschen wie Ihr, und wie Euch gefallen uns die schönen Frauen!« sagt ganz naiv das Priesterlein, als es bei seiner Gevatterin auf offenem Feld erwischt wird. Wir kommen in das Nonnenkloster von San Bindo in Bologna und in das Mönchskloster von San Galgano bei Siena; in diesen beiden Schilderungen hat Fortini zusammengefaßt, was sich über geistliches Leben damals sagen läßt. Was bedarf es da noch solcher Figuren wie des Bischofs von Volterra, des Franziskaners von Asciano, des Florentiner Bruders von Santa Croce, des Franziskaners von Perugia! Päpstliche Breves erlauben den Mönchen den Aufenthalt außerhalb des Klosters, die frommen Brüder gehen weltlich gekleidet, sind im Haus der Dirnen daheim, sind Heuchler, Habsüchtige, Wollüstlinge. Die Sodomie heißt geradezu »Prälatenritte«, wenn sie auch nicht auf die Geistlichen beschränkt war. Der lüsterne Priester oder Mönch scheut vor nichts zurück, der Franziskaner in Perugia will im Kloster das junge Mädchen vergewaltigen, mißbraucht dann die Kirche mit der Herrin der Magd, der Franziskaner in Asciano verführt seine Nichte. Es ist kein Wunder, denn »außer ihren eignen Schlichen und Lastern lernen sie auch noch die unsern durch die Beichte kennen«. Die Verderbnis in Stadt und Land ist allgemein; hervorgehoben wird von Fortini, dem zweimal verheirateten, als Schmach aller Frauen die zügellose Unkeuschheit, worin wiederum die Schuld zum Teil bei der Geistlichkeit zu suchen ist. Auf dem Land ist es wie in der Stadt, wie es denn auch eine lächerliche Fabel ist, die Sittlichkeit des Bauern sei je eine größere als die des Städters gewesen. Die Bauernmädchen nimmt der Beichtiger in die Lehre; in der Stadt, wo man näher zusammensitzt, findet man sich leichter. Dabei spielen die Kupplerinnen eine große, oft die entscheidende Rolle; wir lernen sie durch Fortini genau kennen, von der alten Meisterin im Fach, die vierzig Jahre lang unter allen Stürmen und Anfeindungen in ihrem Beruf ausgehalten hat, bis zu der gelegentlichen Vermittlerin. Der Lohn für diese Dienste wechselt nach Rang und Stand des Liebhabers oder der Liebhaberin. Will das Glück der Kupplerin wohl, dann bekommt sie wohl einen Goldskudo, sonst einen Scheffel Mehl, einen Fiasco Öl, zehn Grossi; es kann ihr aber auch manchmal, wenn auch sehr selten, übel ergehen, so wie der, der von dem Mädchen zweimal die Schere ins Gesicht geschlagen wird. Konkurrenz für die Frauen und Töchter der Vornehmen und Bürger sind naturgemäß die Kurtisanen, deren wir auch alle Stufen von der, die man mit einem Goldskudo und auch darüber hinaus bezahlt, bis zu der mit einem halben Julier Entlohnten kennenlernen. Die billigsten wohnen in San Martino (anderthalb Bajocchi), bei Santa Maria delle Grazie, die besseren in Provenzano. Von einer kennt man die gute Antwort, die sie einer Konkurrentin gab. »Ach wir Armen«, sagt die Edeldame, »in der Kleidung ist kein Unterschied zwischen Edelfrau und Dirne«, worauf die Kurtisane entgegnete: »Wir entlehnen Euch bloß die Kleider, Ihr uns die Sitten.« Der Luxus- und Modeteufel, über den man so viel schrieb, ging bereits damals um in den Landen; die Toilettenkunst war außerordentlich entwickelt. Allen Mängeln der Natur ward durch die Kunst abgeholfen, sie glich alles wieder aus, machte aus klein groß, aus dick schlank, aus einem Ammenbusen eine Jungfernbrust, verbarg die Höcker, die Dürre, machte aus alt und häßlich dank ihrer unendlichen Hilfsmittel jung und schön.
Man kann ungefähr eine Vorstellung von Fortinis Frauenideal gewinnen und sieht in seinen Schilderungen immer von neuem, welche Freude es ihm machte, von Frauenschönheit zu berichten: vor allem die Haare, kraus und blond wie Goldfäden; die Brüste, weiß wie frischer Schnee und fest wie Marmor; die Augen leuchtend wie Morgensterne; das Fleisch in der Farbe orientalischer Perlen; das Gesicht schön geschnitten, weiß mit einem leicht gelblichen Ton. Einmal vergleicht er ein Mädchen mit einer frischen Lilie, ein anderes mit einer Maienrose im Morgendämmern, ein drittes mit einem Strauß von Rosen und Veilchen.
Von fünfzehn bis achtzehn Jahren ist die Blüte des Mädchens, Mitte der zwanzig die des Mannes. Der rechte Liebhaber muß aber zwischen dreißig und vierzig sein, dann ist er beständig und verschwiegen. Abgesehen von einigen Beffe, das heißt jenen Späßen, an denen selbst die feinsten Geister der Renaissance – ich erinnere nur an die Mediceer Lorenzo il Magnifico und Leo X. – eine uns heute unerklärliche Freude hatten, und den Motti, das sind die schlagfertigen Antworten, ist die Liebe das Grundthema der Novellen der Giornate und der Held, vielmehr die Heldin: die Frau, die den Mann betrügt. Selten ist das Umgekehrte der Fall; die Frau ist stets die Klügere, wenn man will, die Geriebenere, die Frechere; das gibt ihr auch das Recht zu leben, wie sie mag. Alt paßt nicht zu jung, häßlich nicht zu schön. Das Gleiche muß sich zum Gleichen finden. Diese ausgleichende Gerechtigkeit schafft Gott Amor. Er führt alles zum guten Ende, meist in Stille und Heimlichkeit, selten gewaltsam durch Dolch oder Gift.
Es gibt keine tragische Novelle von Fortini, manche sind tragikomisch wie die sechste, die meisten komisch, und das sind die besten. Es ist merkwürdig, wie viele einem auch nach längerer Zeit noch klar in Erinnerung bleiben. Er erzählt immer lebendig, gerade aufs Ziel steuernd, farbig, mit anschaulichsten Einzelzügen und feinen Vergleichen: Der junge Senese kommt sich unter den Florentiner Zollbeamten wie Christus unter den Pharisäern vor; wie die Juden einst Pilatus ihr »Kreuzige« zuriefen, so die wilden Viterbesen ihrem Gouverneur auf seine Frage, was sie wollen: »Gebt uns den Pisaner, wenn Ihr nicht sterben wollt!« Beladen wie eine Biene, die heimfliegt, läuft der verliebte Alte zu seiner Witwe, das Volk sammelt sich um den alten Roberto, der von seiner Hochzeitsnacht erzählt, wie um einen Bänkelsänger; der plumpe Neapolitaner sitzt zwischen den schwatzenden Kurtisanen wie ein Steinkauz zwischen Elstern.
Wie klar erzählt Fortini! Wie flüssig und farbig! Wäre es ihm noch gelungen, diese erste Niederschrift zu bessern und feilen, so hätten wir auch der Form nach eine der besten italienischen Novellensammlungen aus der Renaissance vor uns. Ein Mann hellen Auges, mit der Kraft, auch das Gesehene festzuhalten und zu gestalten, das er überall um und neben sich entwickelt oder sich entwickeln sieht, mit scharfem Sinn und Gefühl für die Komik alles Irdischen, ohne Vorurteil und Aberglauben, geht er durch Land und Leben, gewiß ein Lebenskünstler. Die Schwierigkeiten, die der Übersetzer zu bewältigen hatte, waren außerordentlich. Neben der Unausgeglichenheit einer nicht durchkorrigierten ersten Niederschrift Provinzialismen und sprachliche Ungereimtheiten die Menge, die seine Geduld oft auf eine harte Probe stellten. Der Mangel an Flüssigkeit in Fortinis Stil konnte in einer Verdeutschung, die einigermaßen auf Treue Anspruch machen wollte, nicht beseitigt werden – möge ihr daher die Nachsicht des Lesers Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Alfred Semerau
Es hat manche gegeben, hochedle Frau, die sich in der schweren Pein ihres Herzens bemüht haben, bald den zweiten, bald den vierten, bald auch den sechsten Gesang der Aenëis Virgils aus dem Lateinischen in die Vulgärsprache zu übertragen, um ihn der Dame ihres Herzens zu übersenden und ihr dadurch zu erkennen zu geben, wie schlimm und bitter die Liebesleidenschaft ihnen zusetze. Indem sie ihnen so auf gar feine Weise den Zustand ihres Herzens entdeckten, gelang es ihnen, die Glut ihrer Leiden zu löschen. Ich aber bin zu dem Entschluß gekommen, ohne auch nur im geringsten einen Dichter in Mitleidenschaft zu ziehen, Euch dieses schlechtgeschriebene Buch zu widmen und Euch auf seinen Seiten auf vielerlei Art meine Herzensnot zu zeigen – und so bitte ich Euch, seid nicht unwillig, daß ich diesen novellistischen Stil gewählt habe: Nur die Langeweile, die ich in der Einsamkeit, fern von der Stadt empfinde, hat meinen schwachen und geringen Geist daraufgeführt. Da ich Euch nun auf dem Lande weiß, scheint es mir angebracht, daß ich Euch dieses Buch sende, um Euch etwas vor der Langeweile zu bewahren. Aber noch ein anderer Grund hat mich veranlaßt, diese novellistischen Gegenstände zu wählen: Ich wollte Euch erkennen lassen, wie überragend Eure einzige Schönheit, wie keusch Euer hohes zu Gott emporgerichtetes Denken sei; denn wenn Ihr die nachstehenden Geschehnisse lest, so werdet Ihr sehen, wieviel schamlose Frauen sich auf tausenderlei Art ewigen Tadel verdienen. Und sicherlich müßte man auf solche Frauen immer mit dem Finger weisen, damit die andern sie als abschreckendes Beispiel hingestellt bekämen und ihre Schande bekannt machten. Wenn Ihr also beim Lesen auf ein tadelnswertes Weib stoßt, so wünsche ich, daß Ihr bedenken möget, wie würdig Ihr ewigen Lobes seid, da Euch ein ähnliches Laster fremd. Und ferner bitte ich Euch, geruht, dieses mein Werkchen in den anmutigen frischen Wäldchen von Cellole zu lesen, wenn Ihr Euch zur Zeit der drückenden Hitze in ihnen ergeht; Ihr werdet dann, ohne die sengende Sonnenglut zu spüren, leichter darüber fortkommen. Und wenn Ihr dieses schlechtgeschriebene Buch lest, so seht es bitte meinem schwachen und geringen Geiste nach, wenn er in der Schilderung der Begebnisse wie in den schlechtgefügten Versen geringe Beredsamkeit bewies: Schuld daran ist mein Mangel an Lektüre und mein unzulängliches Studium. Aber was ich begehre, ist nur, daß Eure hehre göttliche Schönheit und Euer heiliger und keuscher Sinn diese meine geringe Arbeit so liebreich entgegennehme, wie sie geschrieben wurde. Lebt zufrieden.
Pietro Fortini
Sehr gütiger Leser, ich bin sicher, du wirst mich, sobald du dir über den Gegenstand dieses unseres ersten Buches klar bist, sofort schwer einer allzugroßen Verwegenheit beschuldigen, zumal Boccaccio, einer der Sterne der toskanischen Zunge, und viele andere nach ihm mit bewunderungswürdigem Geist und kunstvollstem Stil die ergötzlichen und novellistischen Plaudereien veröffentlicht haben. Aber wenn du mir das zum Vorwurf machst, so sage ich dir zu meiner Verteidigung, daß der Hauptgrund, der diesen unsern schwachen und geringen Geist veranlaßt hat, dieses Thema (von allen andern abgesehen) zu behandeln, das tiefe Mitleid gewesen ist, das ich mit gewissen armen Dummbärten von Jünglingen empfunden habe, die wie eben erst geboren scheinen und sich über sich selbst noch nicht im reinen sind. Wenn sie sich auch nicht darauf verstehen, lange Reden zu halten und sinnreiche Gedichte abzufassen, ist ihr Herz doch nicht so hart und kalt, daß nicht ein Liebesfunke darin Eingang findet, und darum möchten sie sich auch oft gern bei Abendgesellschaften einfinden, bei denen man von Liebe plaudert. Und wenn sie sich dort befinden und die Reihe an sie kommt, eine Novelle oder etwas anderes, was für den Kreis paßt, zu erzählen, wie das in den Abendzirkeln üblich ist, so drücken sie sich entweder heimlich oder stehen da wie die Ölgötzen, rot bis über die Ohren und zeigen, daß es ihnen an Geist und Schlagfertigkeit mangelt. Und wenn du, gütigster Leser, einwenden solltest, daß es derartigen Leuten, die nur mit den Händen reden möchten, darum doch nicht an unendlich vielen andern Novellen fehle, die unvergleichlich viel besser sind als diese hier, so antworte ich dir, daß sich nicht jeder mit diesem hohen Stil vertraut macht und daß derjenige, der es nicht gewöhnt ist, im Kreise vieler zu sprechen, zunächst alltäglichere Dinge zum Erzählen braucht, damit er sich daran übe und bilde und allmählich gewöhne und sicherer werde und, indem er sich langsam an Höheres und Gefeilteres wagt, das Ziel seiner Wünsche erreiche. Mir ist, als sehe ich ganz deutlich eine Jungfrau, der die Taten mehr frommen und behagen als die vielen Worte (ihr Gesicht zeigt es mir), in deren Hände dieses unser Buch gelangt ist, im ersten Augenblick in Zorn geraten, wie dies bei den Frauen so zu sein pflegt, und gegen den Autor gewandt mit bitterböser Miene sagen: »Ei, dieser Tagedieb hatte offenbar nichts Gescheiteres zu tun! Die hatten uns gerade noch gefehlt, diese schlechten Novellen, die den Decamerone, den Novellino und die Siebenzig Novellen fortsetzen, die so durch und durch schwarz sind, daß man kein lichtes Fleckchen daran entdeckt!« Solchen Widerwillen sehe ich sie ganz aus sich selbst in Gegenwart der andern zur Schau tragen und das Buch entrüstet wegstoßen. Wenn sie aber dann allein im stillen Schlafkämmerlein ist, sehe ich sie, so scheint mir's, das Buch heimlich wieder zur Hand nehmen, es von Anfang bis zu Ende lesen und großes Herzeleid empfinden, wenn sie auf der letzten Seite angelangt ist. (Ihr und allen, die ihr ähnlich, sage ich gleich hier, daß sie sicherlich nicht ehrlichen Herzens sprechen, wenn sie sich über diese Dinge erzürnt zeigen, während sie es doch gar nicht erwarten können, in den Liebesstreit einzutreten.) Freilich betrüben mich die bösen Versuchungen, die das Buch ihnen bringt, doch vertraue ich darauf, daß, wenn sie dagegen ankämpfen wollen, sie aus eigener Kraft das Gegenmittel dagegen zu finden wissen, wie jene, von denen wir erzählten, es ebenfalls konnten. Wenn aber eine nicht so zimperlich tut und es mit heiterer Stirn empfängt, so gewähre ihr Amor ein angemessenes Geschenk, fröhliches und reiches Glück in den Abenteuern der Liebe. Kurz, jedwede Frau, sofern sie ein fühlendes Herz in der Brust hat, beklage sich nicht eher, als bis sie das Ganze gelesen hat; denn ich bin sicher, daß sie viel öfter als einmal den Verfasser segnen, daß sie sich vornehmen wird (das ahne ich), künftig gegen ihren treuen Liebhaber nicht mehr so hart zu sein (falls sie es gewesen ist), und nicht so streng, wie sie sich vorgenommen. Auch soll, wen die Lust ankommt, meine Novellen in Gesellschaft vorzutragen, nicht davor zurückscheuen, da die Frauen, ebenso wie wir Männer, nichts anderes wünschen, als diese angenehmen Plaudereien, wenn sie sich auch anfänglich (wie ich schon gesagt habe) ein wenig widerstrebend zeigen und dich mit zum Lächeln verzogenen Mundwinkeln von der Seite anschauen.
Da es nun wohlbekannt ist, daß die Autoren allgemein die Gewohnheit haben, ihre Werke einem geliebten oder verehrten Gegenstand zu widmen, damit er ihre Verteidigung gegen die verleumderischen Zungen übernehme, so sollen unsere Novellen allen denen gewidmet sein, die sie freundlich entgegennehmen und gegen alle Übelwollenden verteidigen; was aber diejenigen betrifft, die sie mit ihrem Haß verfolgen, so soll die einzige Strafe, die wir ihnen wünschen, die sein, daß sie nicht zu reden vermögen und nicht schweigen können.
Möchtest du nun gern die Anzahl dieser Novellen wissen, lieber Leser, so werden dir hier nicht mehr hundertfünfundzwanzig oder -fünfzig versprochen; denn wir behalten uns die Freiheit vor, diese Zahl einzuhalten oder zu überschreiten, je nachdem uns der Stoff dazu täglich zufließt. Du kannst aber sicher sein, daß ein guter Teil von ihnen zwar unter der Flagge von freierfundenen Novellen segeln aber auf tatsächlichen Begebnissen beruhen wird, wenn auch die Namen verändert sind und alles verwischt ward, was irgend jemanden verletzen könnte. Wenn diese Sammlung nun aber auch nicht nach einer bestimmten Zahl genannt ist, so hat es uns gut geschienen, auf daß sie nicht jedes Namens und Titels bar an die Öffentlichkeit komme, sie die Novellen der Novizen zu benennen. Und sie sollen dir erzählt werden von einer reizenden Gesellschaft von fünf ebenso züchtigen wie mit Witz begabten Damen und zwei anmutigen, zum Liebesdienst wohlgeeigneten Jünglingen. Da aber auch der Klügste sich einmal irren und vergreifen kann, so schmeichle ich mir mit der Hoffnung, daß alle meine verständigen Leser es entschuldigen werden, wenn ihnen in diesen unsern Novellen, die vielmehr größtenteils in das Gewand von Novellen gekleidete wahre Geschichten sind, etwas aufstößt, was gegen unsere Absicht ihre Ohren beleidigt.
Um dir nun nicht länger die Namen der anmutigen Erzähler vorzuenthalten, so nenne ich dir, wie sich's geziemt, zuerst die der Damen. Die erste von ihnen, deren preiswürdige Schönheit in ihrem Namen vorausgeahnt ward und die mit dem schimmernden Gold wetteiferte, hieß Aurelia; nach ihr kam Fulgida, so genannt, weil sie durch ihr leuchtendes göttliches Antlitz der ersteren in keiner Weise nachstand. Ihr folgte die schöne Adriana, die nicht allein aus ihrem weiten Meer (d. h. dem Adriatischen), sondern noch aus sieben anderen größeren, sicherer als Orpheus jedes Meerungetüm mit ihrem wundersüßen Gesang an sich gezogen und gefesselt hätte. Ihr zur Seite stand Emilia, die mit einem einzigen Liebesblick tausend steinharte Herzen eher verbrannt hätte als die lodernde Flamme das dünnste Werg. Endlich blühte inmitten der so reizenden Gesellschaft die anmutreiche Corinzia, genauso wie eine taufrische Rose eine kunstvolle Blumengirlande ziert. Von den beiden trefflichen Jünglingen ferner war der eine, Ipolito, nicht weniger durch sein vollendetes Benehmen wie durch seinen vollkommenen Wuchs ausgezeichnet, während der andere, Costanzio, den harten Gesetzen der Liebe gemäß, bisher schlecht belohnt war, vielleicht damit er gleichermaßen durch die Tat wie durch seinen Namen für jedermann ein klares Beispiel der Beharrlichkeit und wahren Festigkeit sei. Beide aber waren für den Dienst der Liebe wie geschaffen. Alle nun (o glücklicher Kreis!) waren sie in einem wohleingerichteten Garten vereint und plauderten, um die langweiligen Tage hinzubringen, von dem, was ihnen am meisten Freude machte. Adriana, die alle anderen an Witz überragte und sehr zum Scherzen aufgelegt war, begann folgendermaßen zu sprechen:
»Mir scheint, meine liebenswürdigen Gefährtinnen und Ihr, treffliche Jünglinge, wir täten, da wir uns an einem so passenden, zur Fernhaltung jedes ärgerlichen Gedankens geeigneten Ort befinden, am besten, diesen Tag mit der Erzählung angenehmer Novellen hinzubringen.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die schöne Fulgida, die der reizenden Aurelia gegenübersaß, lächelnd erwiderte: »Wenn ihr meiner unmaßgeblichen Meinung Beachtung schenken wollt, so möchte ich vorschlagen, daß wir uns nicht allein diesen Tag, sondern die ganze Woche stehlen um dem Wunsch unserer Adriana entgegenzukommen und die langweiligen Sommertage leichter hinzubringen.«
Auf diese verheißungsvollen Reden verließ die hochherzige Corinzia alsbald den Kreis ohne ein Wort zu sprechen und näherte sich einem frischen Blumenrasen, der – lieblich anzusehen – in geringer Entfernung einen Damm einfaßte, beraubte ihn seines reichen Schmuckes und flocht daraus einen wohlabgestimmten kunstvollen Kranz, mit dem sie voller Anmut den einen der beiden wohlgelittenen Jünglinge, Costanzio, bekränzte. Und indem sie ihm denselben aufs Haupt setzte, fügte sie folgende artige Worte hinzu:
»Meiner Meinung nach sollte man das, was bis jetzt vorgeschlagen worden ist, ohne länger darüber zu debattieren, ins Werk setzen, und da ich mir von Eurer Freundlichkeit versprechen darf, daß Ihr es mir nachseht, wenn ich mir etwas herausnehme, so bin ich dafür, daß wir mit aller Einverständnis den heute als unsern Herrn ehren, der den Kranz trägt, den ich ihm hiermit aufsetze.«
Als Costanzio sich auf einmal kraft eines solchen oberherrlichen Willensaktes so hoch emporgehoben sah, und die Ehre ihm nicht erlaubte, diesen Rang von sich zu weisen, erhob er sich und ließ sich bescheiden vernehmen:
»Hochgemute Damen, es schmerzt mich sehr, daß ich einer so schweren Aufgabe nicht so vollkommen gerecht werden kann, wie es mein Wunsch wäre, da ich die toskanische Sprache wenig oder gar nicht beherrsche. Wenn ich es indes beklagen muß, daß ich sie nicht in der erforderlichen Reinheit spreche, so werde ich mich ihrer doch, so gut ich irgend kann, vor Euch bedienen, wobei mich die Liebe zu ihr mehr unterstützen wird als andere vielleicht eine tiefe Gelehrsamkeit. Ein für allemal aber will ich mich bei Euch entschuldigt haben, wenn Ihr von mir etwas hören oder sehen solltet, was die scharfe Grenze unseres schönen Toskanisch überschreitet. Um nun mein Amt alsbald zu beginnen, fordere ich Euch, Madonna Aurelia, auf, in unserer Mitte mit der Erzählung zu beginnen, die Euch am meisten zusagt und dadurch den andern den sichersten Weg zu weisen.«
Sobald Costanzio dies gesagt hatte, erhob sich Madonna Aurelia mit heiterer Miene und sprach voller Anmut:
»Nachdem Ihr wollt, daß ich die für meine Schultern allzuschwere Last des Beginnens auf mich nehme, muß ich Euch als unserem Herrn gehorchen. Freilich weiß ich nicht, wie ich so hohen Geistern gegenüber, wie den Eurigen, bestehen soll, da ich die erste bin und mit meinen schwachen Kräften unsere Gespräche eröffnen soll – bin ich doch leider allzuwenig in Eurer wohlabgewogenen und eleganten Redeweise erfahren. Doch, um nicht den Anschein zu erwecken, als sei ich eine Spielverderberin, werde ich mich bemühen, so gut ich irgend kann, eine lustige Begebenheit zu erzählen, die, wie Ihr hören werdet, vor nicht langer Zeit in Florenz vorfiel.«
Nachdem Madonna Aurelia also gesprochen hatte, lobten sie die andern, die ihr höchst aufmerksam zugehört, nicht wenig und suchten ihr ihre Bedenken auszureden. Einige Augenblicke darauf färbte sich ihr Antlitz mit einer leichten Röte, und sie begann in anmutiger Rede zu erzählen.
Hier beginnt der erste Tag der Novellen der Novizen unter der Herrschaft Costanzios.
Der Florentiner Rafaello sagt seiner Frau, er würde auf einige Tage verreisen. Sie teilt es ihrem Liebhaber mit und nimmt ihn ins Haus. Rafaello kommt unversehens heim, und der Liebhaber wird von der Schwägerin der Frau entdeckt. Schließlich liegt der Jüngling bei beiden jungen Frauen, ohne daß Rafaello es merkt.
Ich weiß nicht, ihr liebenswürdigen klugen Jünglinge und verständigen schönen Damen, ob ihr zufällig schon vernommen habt, daß unlängst in Florenz ein Jüngling lebte, der sich in eine sehr schöne und anmutige Frau verliebt und mehrere Male die süßen Früchte der Liebe mit ihr genossen hatte. Eines Abends wollte es nun der Zufall, daß der Gatte dieser Frau zu ihr sagte: »Weißt du, Antonia (so hieß sie), morgen früh, nein übermorgen früh, will ich nach Siena reiten, um die Gelder einzuziehen, die ich Donato del Corno für einen gewissen Sieneser Kaufmann lieh, zu einem Tauschgeschäft, das wir zusammen machten.« Als die wackere Frau ihren Mann so sprechen hörte, sagte sie, um ihn möglichst schnell loszuwerden und sich ohne Verdacht mit ihrem Liebhaber zusammenfinden zu können, zu ihm: »Sagt mir, ist der Termin schon abgelaufen?« – »Jawohl«, erwiderte er. Als die Frau hörte, daß die Leihfrist schon abgelaufen war, sagte sie, die ihren Mann als einen sehr ängstlichen Menschen kannte, um ihm Furcht zu machen: »Rafaello (so hieß er), Ihr beabsichtigt doch nicht, Euer Geld in fremden Händen zu lassen; laßt es nicht länger stehen! Wer weiß, wie es geht!« Und mit einem großen Aufwand an Worten malte sie ihm die schrecklichsten Möglichkeiten aus, so daß ihn doppelt und dreifach danach verlangte, sein Geld einzuziehen, und er fest entschlossen zu ihr sagte: »Nun gut, ich will unter allen Umständen hinreiten, verstehst du?«
Als die Frau seinen festen Entschluß, sich auf den Weg zu machen, erkannte, heuchelte sie in vielen zärtlichen Worten Bekümmernis über seine Abreise und sagte schließlich zu ihm: »Ihr bringt mir doch auch etwas Schönes mit?« und liebkoste ihn tausendmal, wie wir Frauen das häufig zu tun pflegen, wobei sie hinzufügte: »Wenn Ihr mir etwas mitbringt, sieht es doch so aus, als hättet Ihr meiner gedacht, wenn es schon nichts anderes bedeutet« und dergleichen mehr. Rafaello entgegnete sogleich nach Florentiner Art: »Laß mich nur machen, wenn ich etwas sehe, werde ich es dir mitbringen. Aber sag mir, genügt dir all das, was du hierzulande hast, nicht?« »Doch«, erklärte sie, »aber wißt Ihr nicht, daß einem das Fremde stets besser scheint als das Einheimische?« – »Nun«, sagte er, »ich werde nicht verfehlen, dich zufriedenzustellen.« Nachdem er nochmals seine Absicht kundgegeben, für einige Tage fortzureisen und alles angeordnet hatte, was seine Frau tun sollte, konnte sie es gar nicht erwarten, bis diese Nacht vorüberging und der Tag anbrach, damit sie ihrem Geliebten die freudige Nachricht mitteilen könnte. Wie nun der Tag endlich gekommen war, verständigte sie durch eine verschwiegene Botin ihren Liebhaber davon, daß ihr Mann am folgenden Morgen vor Tagesanbruch für einige Tage verreisen würde und er mit ihr wenigstens zwei bis drei Tage verbringen könnte. »Sagt ihm«, trug sie der Botin auf, »wenn er kommen wolle, solle er aufpassen, wann Rafaello aufbricht, und sobald der fort ist, ins Haus treten, ich lasse die Tür offen. Eingetreten, soll er dorthin kommen, wo ich mich auch die andern Male mit ihm zusammengefunden habe.« Die gute Gesandtin zögerte nicht lange, suchte den verliebten Jüngling auf und richtete ihm alles aus. Der wackere Jüngling war über diese Nachricht hochbeglückt und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. Jede Stunde schien ihm so lang wie tausend, ehe er wenigstens zwei Stunden ohne Verdacht bei seiner geliebten Frau weilen konnte, und er sagte strahlend zu der Botin: »Richtet meinem teuren Gut, meiner einzigen Ruhe aus, ich sei mit allem zufrieden, was ihr beliebe, denn ich ersehne nichts anderes als mit ihr zusammenzukommen, und dieser Tag werde mir vorkommen wie ein ganzes Jahr.« Mit dieser Antwort eilte die wackere Gesandtin zu der Frau zurück und überbrachte ihr die gute Botschaft. Der Jüngling blieb, von tausenderlei Gedanken bewegt, zurück und ging den ganzen Tag wie ein Gespenst umher. Als es dann Abend geworden war, waffnete er sich durch kräftigste Nahrung, um am folgenden Tag in der Schlacht besser Widerstand leisten zu können. Er ging dann zu Bett, wachte aber schon um Mitternacht aus dem ersten Schlaf auf und erhob sich eilig und voll Verlangen, weil es ihm schon Mittag zu sein dünkte. Er verließ das Haus, stellte sich auf seinen Posten und wartete voller Spannung. Als der Tag nahte, erwachte Rafaello und rief seine Frau: »Steh auf, Antonia, es ist schon spät, mach, steh auf, ich will fort.« Die Frau erwachte bei den Rufen ihres Mannes aus tiefem Schlaf, erhob sich im Hemd, ohne sich ein andres Kleidungsstück anzuziehen, zündete ein Licht an, machte das Frühstück zurecht und legte es ihm in die Manteltaschen, alles, damit er bald fortkäme, schien es ihr doch, als trödle er gar zu lange. Sie suchte ihm außerdem die Stiefel, die Sporen, den Hut und alles, was er sonst zu seinem Ritt brauchte, hervor, trieb ihn zur Eile an, und als er dann endlich mit seinem Anzug fertig war, bemühte sie sich nach Kräften, ihn fortzubringen.
Rafaello machte sich auf seine Weise zurecht, sattelte sein Pferd, um schneller ans Ziel zu gelangen, stieg auf und ritt davon. Er schlug den Weg nach Siena ein und ritt flott drauf los, war aber noch nicht weit vom Tor, da bemerkte er, daß er den Schein über das Geld, das er eintreiben wollte, vergessen hatte. Er wandte also das Pferd und ritt nach Hause zurück, um ihn zu holen. Der wackere Jüngling, der sich, um ja zur rechten Zeit zu kommen, früh auf seinen Posten gestellt hatte, näherte sich, sobald er Rafaello das Haus verlassen sah, der Botschaft wohl eingedenk und mit allen Gedanken bei seiner Geliebten, ihrer Tür, versuchte sie mit leichtem Druck, und fand sie offen. Da er sich von niemandem bemerkt sah, war es doch noch ziemlich dunkel, trat er ins Haus und sperrte als gewitzter Liebhaber, kaum, daß er drin war, die Tür gut zu, so daß man sie von außen nicht öffnen konnte. Nachdem er das getan, begab er sich an den ihm von der Frau angegebenen Ort, wo sie sich beide schon mehrere Male zusammengefunden hatten. Er trat in die Kammer, fand seine Geliebte, die ihn mit großer Sehnsucht im Bett erwartete und mit freundlichem Gesicht empfing. Da beide von Begierde entzündet waren, machten sie unverzüglich und ohne daß sich der Jüngling erst entkleidete, mit ihren Liebeskämpfen einen fröhlichen Anfang. Sie umarmten sich aufs innigste und forderten sich gegenseitig durch feurige Küsse zur Schlacht heraus. Während so die beiden Liebenden ohne Argwohn beieinander weilten, brachten sie ohne Pause das erste Scharmützel zu Ende. Sie hatten aber noch kaum den Fuß aus dem Bügel gesetzt, da erschien Rafaello vor dem Haustor, stieg vom Pferd und wollte ins Haus, fand es jedoch geschlossen. Das ärgerte ihn aber keineswegs, im Gegenteil, er lobte seine Frau deswegen sehr und sprach bei sich: »Gesegnet sei sie!« Er klopfte nun eilig, um keine Zeit zu verlieren, mit der Hand und mit den Füßen viele Male ans Tor. Die beiden Liebenden, von ihrem Minnespiel ermattet und von ihren ergötzlichen Scherzen ganz in Anspruch genommen, überhörten jedoch das Pochen Rafaellos. Nur auf ihre Wonne bedacht, kosten und scherzten sie miteinander, während Rafaello, fest entschlossen, seine Reise an diesem Tag auszuführen, sehr dringlich pochte. Infolge des anhaltenden Klopfens hörten die beiden Liebenden endlich den Lärm am Tor, und ganz bestürzt sagte der Jüngling zur Frau: »Was höre ich da, wer klopft ans Tor?« Die Frau wußte es auch nicht und entgegnete ganz erschrocken und voll Furcht: »Ja, wer mag das sein?« Der geizige Florentiner, der Eile hatte, wieder davonzureiten, klopfte noch stärker und rief auch mehrere Male seiner Frau. Als diese die Stimme ihres Mannes hörte, erkannte sie ihn sofort, wandte sich zu dem Jüngling und rief: »Gott steh mir bei, das ist der Schurke von Rafaello. Möge er sich doch mindestens das Genick brechen, er und der mir ihn gab!« Und mit gefalteten Händen flehte sie: »Herr Gott, ich vertraue auf dich, wenn du mir nicht hilfst, muß ich sterben.« Dem Jüngling bangte es nicht weniger als der Frau, und er sagte: »Was soll ich denn tun?«, worauf sie ihn weinend mit unterdrückter Stimme bat: »Verbergt Euch irgendwo, damit ich nicht entehrt bin.« »Wo soll ich denn unterschlüpfen?« fragte sie der Jüngling. »Zeigt mir den Platz, der Euch am passendsten und sichersten erscheint!« Die Frau meinte einen sehr geeigneten Ort gefunden zu haben, an den sich der Geliebte retten konnte und sagte: »Schlüpft bitte hier unter dieses Pult. Dieser Vorhang wird Euch verdecken, und Ihr werdet nicht gesehen werden.« Damit zeigte sie ihm ein Pult nach Florentiner Art, das ihrem Mann zum Schreiben diente. Es war ein kleiner viereckiger, ziemlich hoher Tisch, der mit einem Sitz verbunden war; unter dem Sitz befand sich eine Truhe, so daß dieses Möbel in jeder Beziehung ausgenützt war, und das Ganze war, wie ich sagte, mit einem Vorhang verdeckt. Der Jüngling nahm schnell den Mantel, damit der ihn nicht verriete, und verbarg sich, so gut es ging, unter dem Pult. Als sie ihn dort verborgen sah, ging die Frau mit heiterm Gesicht dem Mann öffnen und fragte, wie wir Frauen es zu tun pflegen, sobald sie ihn sah: »Was ist geschehen? Ist Euch etwas Übles begegnet, daß Ihr so plötzlich zurückgekehrt seid? Ihr könnt doch, glaube ich, kaum bis ans Tor gekommen sein.« Worauf sie ihn tausendmal liebkoste und so tat, als sei er ihr weiß Gott wie teuer. Rafaello vergaß darüber ganz seinen Ärger, der sich seiner am Tor ob des langen Wartens bemächtigt hatte, und antwortete hastig: »Sieh doch, Antonia, was für ein Dummkopf ich bin. Da gehe ich nach Siena und habe weder den Schein des Sienesen mit noch die Rechnung des Donato. Ich vergaß gestern abend beides herauszusuchen und in den Mantelsack zu tun, deshalb komme ich wieder und will auch noch das Geld ins Buch eintragen, das ich gestern dem Lionardo Lapi zahlte.« Als die Frau diese Worte vernahm, waren es ihr ebensoviel Dolchstiche in' ihrem Herzen, wußte sie doch, daß ihr Mann alle seine Schriftstücke in der Truhe unter dem Pult hatte. Sie glaubte ihr Ende gekommen und sagte: »Wartet, ich will Euch das Schriftstück bringen, damit Ihr keine Zeit verliert.« »Du bist ein Schaf«, entgegnete er, »du wirst gerade wissen, welches es ist. Und habe ich dir nicht gesagt, daß ich das Geld für Lionardo Lapi ins Buch schreiben will? Wenn ich das getan und das Schriftstück gefunden habe, mache ich mich eilends fort.« Als die Frau das vernahm, sagte sie über die Maßen betrübt zu ihm: »Was sagt Ihr? Wenn Ihr noch länger zögert, kommt Ihr mit dem schlechten Gaul da heute abend auf keinen Fall nach Siena und müßt in einer Herberge übernachten.« »Nein«, entgegnete er, »wenn ich nicht nach Siena kommen kann, werde ich in Fonte Rutoli bei einem befreundeten Bauern übernachten, wie ich das auch sonst schon getan habe.« Währenddessen band er das Pferd an einen Wandhaken im Torweg und stieg dann die Treppe hinauf. Die gute Frau wußte, daß das Buch immer auf dem Pult lag, und sie beschloß, sich, um nicht entdeckt zu werden, aus der Gefahr zu befreien. Kaum hatte ihr nämlich ihr Mann den Rücken gekehrt, da löste sie schnell und geschickt den Zügel des Pferdes und führte es in den Weinkeller, wo sie es nach Belieben herumgehen ließ. Hierauf ging sie eilends in die Kammer und fand dort ihren Mann, der es sich am Pult zum Schreiben bequem gemacht hatte. Als sie erkannte, daß er ihren Liebhaber noch nicht bemerkt hatte, wurde sie ganz ruhig. Der Jüngling aber fühlte sich dort unten sehr unbehaglich, und es war ihm äußerst peinlich, sich an solchem Platz aufhalten zu müssen, überdies ging's ihm auch schlecht, denn Rafaello trat ihm oft mit den Füßen auf die Hände. Während sich der Jüngling in dieser unbehaglichen Lage befand, kam er, um sie sich etwas erträglicher zu machen, auf den Gedanken, Rafaello einen Streich zu spielen und zog ihm, ohne daß der es merkte, während er schrieb, leise die Sporen von den Stiefeln. Die Frau, die beständig für sich und ihren Geliebten fürchtete, konnte es schließlich, vor Aufregung nicht mehr aushalten und wandte sich an ihren Mann: »Hört Ihr, Rafaello? Das Pferd geht unten herum, wenn es nur nicht in den Weinkeller gerät und dort Schaden anrichtet.« Bei diesen Worten sprang Rafaello bestürzt auf und sagte zu seiner Frau: »Schnell, fort, fort, daß es nicht das Rohr an dem Faß mit dem Weißwein zerbricht!« während er aus der Kammer stürzte, die Treppe hinunterlief und zum Pferd eilte. Als ihn die Frau fortlaufen sah, nahm sie den Geliebten bei der Hand, zog ihn unter dem Pult hervor und verbarg ihn mit wenigen Worten unter dem Bett. Rafaello fand das Pferd im Keller, ergriff es, legte ihm den Zaum wieder an und band es an dem gleichen Haken wieder gut fest. Dann kehrte er in die Kammer zurück, beendete seine Schreiberei, öffnete die Truhe und holte das Schriftstück, das er vergessen hatte, hervor, darauf klappte er den Sitz wieder zu und schrieb noch einen Zettel. Während Rafaello auf diese Weise verzog, kam die Frühstücksstunde heran. Die Frau, der er allzulange zu bleiben schien, fürchtete, ihr Mann würde an diesem Morgen nicht mehr abreisen, und richtete schnell ein gutes Frühstück nach Florentiner Art her. Was sie ihm vorsetzte, war nicht sehr reichlich, aber mannigfaltig. Es bestand aus einem blattdünnen Eierkuchen und zwei Eiern, die sie ihm zu trinken gab, und ähnlichen Kleinigkeiten. Während Rafaello aß, kam eine seiner Schwestern, die nichts davon wußte, daß er fortreiten wollte, um mit ihm an diesem Morgen zu frühstücken. Sie trat ins Haus, stieg die Treppe hinauf und fand den Bruder bei Tisch. Sie wechselte mit ihm und der Schwägerin einige Worte und ging dann in die Kammer. Die junge Frau war von dem langen Weg müde, und ihr Hemd (es war Sommer) war ganz durchgeschwitzt, sie zog daher das Kleid aus und stand nun im Unterrock. Während sie mit Ausziehen innehielt, fühlte sie, daß ihr das ganz durchschwitzte Hemd eiskalt auf dem Rücken klebte. Um das Kältegefühl loszuwerden, legte sie den Unterrock ab und zog sich auch das Hemd aus und stand nun ganz nackt. Hierauf suchte sie in der Kammer, ob sie nicht zufällig ein Hemd der Schwägerin fände, und als sie keins fand, öffnete sie endlich eine Truhe, worin viele lagen, nahm eins, und warf sich, mit ihm in der Hand so nackt wie sie war, auf das Bett, um sich noch ein wenig mit dem Laken abzutrocknen. Kaum aber hatte sie sich auf das Bett geworfen, als der wackere Jüngling, im Glauben, es sei seine Geliebte, da er sie sich so nackt auf das Bett werfen sah, von zügelloser Begierde getrieben, sein Versteck verließ und sich neben sie warf. Er nahm die Frau in die Arme und erkannte in ihr sofort die Schwägerin. Das schreckte ihn aber nicht ab, weiterzugehen, und er ärgerte sich keinen Augenblick über den Tausch, im Gegenteil, ihn erfüllte noch weit größere Begierde, denn die Schwester Rafaellos war eine sehr schöne junge Frau und gehörte in jenen Tagen zu den Ersten Schönheiten von Florenz. Als sich die junge Frau nackt und in den Armen eines Jünglings sah, ward sie ganz furchtsam, wußte nicht, was sie tun sollte und brachte kein Wort über die Lippen. Da er sich nun einmal entdeckt sah und sich ihm dazu eine so günstige Gelegenheit bot, eine so schöne Frau zu besitzen, und auch um von ihr nicht geschmäht zu werden, dachte der Jüngling, es sei das beste, wenn er seine Absicht ausführte und grüßte sie, während er sie in seinen Armen hielt, mit zärtlichen Küssen. Sie wußte nicht, was sie tun sollte, und hielt es für das beste zu schweigen, in der Erwägung, daß Schreien noch schlimmer wäre. Um aber mit guter Art den Armen des Jünglings zu entrinnen, sagte sie: »Laßt mich, sonst schreie ich und rufe Rafaello.« Der Jüngling war klug genug, um sich vor diesen Drohungen nicht zu fürchten, schmeichelte ihr mit versöhnenden Worten, tröstete sie auch dazwischen mit feurigen Küssen und erwiderte: »Mein teures Gut, meine süße Seele, fürchtet nicht, daß ich etwas andres will, als nur Euer Bestes. Bin aus keinem andern Grunde hier, als um zu tun, was Euch gefällt.« Und durch seine Worte und zahllosen Küsse brachte er es so weit, daß die junge Frau sich beruhigte. Nach vielen abwehrenden Worten, mit denen es ihr nicht ernst war, begann sie endlich seine heißen Küsse zu erwidern. Sie fingen nun an, zusammen zu scherzen, und in kurzer Zeit wurden sie sehr vertraut miteinander. Sie nahm ihn sehr vergnügt auf, als ob sie sich schon seit langem liebten, und voller Sicherheit kosten sie verliebt miteinander. Der Jüngling wollte keine Zeit verlieren und begann mit der ersten Umarmung, und wie diese unter beiderseitiger Wonne beendet war, kehrten sie zu ihren Liebeständeleien zurück. Als es der schmucken Frau genug zu sein schien, kleidete sie sich, um nicht vom Bruder entdeckt und von der Schwägerin überrascht zu werden, wieder an, nahm nach vielen Worten und innigen Umarmungen unter zärtlichen Küssen von dem Jüngling Abschied und ging in den Saal, wo sie mit Rafaello noch ein Weilchen plauderte. Nach dem Frühstück machte sich Rafaello reisefertig, und als alles in Ordnung war und er genug mit der Schwester gesprochen hatte, verabschiedete er sich von ihr. Er stieg zu Pferde und ritt abermals gen Siena. Er meinte, die Sporen noch an den Stiefeln zu haben; der Dummkopf hatte nicht bemerkt, daß sie ihm entwendet waren, und ritt in diesem guten Glauben eine lange Strecke Wegs. Da das Pferd noch frisch war, ging es manche Meile recht gut. Als es aber dann merkte, daß der Reiter keine Sporen hatte, fing es an, seinen Schritt zu verlangsamen. Rafaello hatte Eile, trieb es kräftig an, indem er es mit den Absätzen in die Seiten stieß, zerrte an den Zügeln mit lauten Rufen und ließ seine Absätze so lange arbeiten, bis er schließlich merkte, daß er keine Sporen anhatte. Er wußte genau, daß er sie nicht abgelegt hatte, und glaubte daher sicher, sie unterwegs verloren zu haben. Das schmerzte ihn sehr, denn er war der geizigste Mann in Florenz. Und wenn schon die Florentiner das geizigste Volk von Italien sind, so schoß er unter ihnen doch den Vogel ab, denn er übertraf an Geiz und arger Habsucht nicht nur die Florentiner, sondern sogar die Spanier, die darin allen Nationen der Welt über sind. Voller Zorn über den Verlust ritt Rafaello weiter, bis er nach San Casciano kam. Dort sah er zufällig den Laden eines Viktualienhändlers (die wie gewöhnlich in diesen Ortschaften allerlei Waren zu führen pflegen), vor dem ein großer Berg alten Eisens lag. Er hatte das Zeug vor kurzem von einigen Florentiner Edelleuten gekauft, die es bei der letzten Belagerung von Siena mitgenommen hatten. Während er den Eisenhaufen betrachtete, sah Rafaello zufällig einen plumpen Sporn ohne Schnallen und irgendwelche Verzierung, doch mit einem guten Rädchen, um das Pferd anzutreiben. Er trat in den Laden und fragte nach dem Preis. Als der Kaufmann hörte, daß Rafaello diesen schlechten Sporn kaufen wollte, sah er ihm ins Gesicht und es schien ihm, daß er einen wohlhabenden Mann vor sich hatte. Da er ihn ohne Sporen erblickte, nahm er ein Paar recht anständige, deren er sich selbst beim Reiten bediente, um sie ihm zu verkaufen und bot sie ihm zu einem recht annehmbaren Preis an. Rafaello, von dem gottverfluchten Geiz besessen, wollte nicht so viel anwenden und wies sie zurück, er erhandelte jenen rostigen Sporn, kaufte eine Schnalle, befestigte sie mit zwei Schnürbändern und setzte so seinen Weg fort.
Die beiden jungen verschwägerten Frauen waren im Saal zurückgeblieben, und beide wollten sich einander nicht entdecken. Sie sprachen über mancherlei Dinge, und Antonia versuchte auf verschiedene Weise ihre Schwägerin fortzubringen. Der guten jungen Frau, die am selben Morgen mit dem Jüngling die süßen Früchte der Liebe gepflückt hatte, schien dieser besser und erfreulicher als ihr schmutziger alter Mann, und wie sie nun sah, daß Antonia sich alle Mühe gab, sie fortzubringen, um besser ihren Geliebten genießen zu können, konnte sie, da sie, wie ich sagte, das süße Spiel gekostet hatte, nicht mehr das Feuer, das sich in ihrer Brust am Morgen entzündet hatte, bändigen und sagte daher lächelnd: »Diesmal, Antonia, wird es dir gewiß nicht gelingen, ich habe es wohl gemerkt, daß du einen Jüngling in der Kammer verborgen hast. Wegen der Liebe, die ich stets für dich gehegt habe und hege, und wegen des Zorns gegen meinen Bruder, der mir diesen alten Mann gab, habe ich ihm nichts sagen wollen. Doch beim Kreuz Gottes, wenn du nicht tust, was ich von dir verlange, werde ich dir die gebührende Ehre erweisen und alle deine Schandtaten aufdecken, so daß ganz Florenz davon erfahren soll.« Als die arme Antonia sich von ihrer Schwägerin entlarvt sah, wurde sie ganz demütig und furchtsam und sagte mit feuerrotem Gesicht: »Du weißt wohl, Schwägerin, daß du mir befehlen kannst. Von allem, was du auch willst, werde ich nicht einen Strich abweichen.«
