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Woher kommen die Ainu? Wer sind die Ainu? Anthropologische, archäologische und linguistische Erkenntnisse der letzten Jahre zeichnen ein faszinierendes Bild der japanischen Ureinwohner, die mit der Gründung des Meiji-Staates (1868) zwangsassimiliert wurden: Man nahm den Ainu die Jagd- und Fischgründe, verbot ihre Sitten und das Stammesrecht, gab ihnen japanische Namen und entfremdete die Kinder von Sprache und Tradition. Mediziner raubten über 1.660 Gebeine aus Ainu-Gräbern; aber auch in Europa war das Interesse an den "haarigen Kurilen" groß. Erst 2008 wurden die Ainu als Ureinwohner Japans offiziell anerkannt. Gespräche zur Restitution von Gebeinen und zu Fragen der Ainu-Identität runden den Band ab.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Woher kommen die Ainu? – Zur Anthropologie und Geschichte der japanischen Ureinwohner
Die Sprache der Ainu – Sprachpolitik und Zwangsassimilation
Die Bärenamme – Bilder von (edlen) Wilden
Von Grabräubern und Ehrenmännern – „Human Remains“ und Grabbeigaben in japanischen und europäischen Sammlungen
„Die Seelen finden keine Ruhe!“ – Gespräch mit dem Museumsleiter Kawamura Ken’ichi (Asahikawa)
„Von nun an bewusst und stark als Ainu leben …“ – Gespräch mit der Ainu-Aktivistin Shimada Akemi (Sagamihara)
Die Ainu − Fremde im eigenen Land
Auswahlbibliographie (Japanisch) und Ausstellungskataloge
Im Dezember 2004 hielt sich die amerikanische Anthropologin ann-elise lewallen in Sapporo auf, um anlässlich eines Besuchs kanadischer First Nation Ureinwohner bei den Ainu zu dolmetschen. Ein Jahr hatte sie bereits auf Hokkaidō mit Feldforschung zugebracht und immer wieder vor verschlossenen Türen gestanden. Ihre Gastgeberin Enonkay sagte ihr offen ins Gesicht: „Ann, Sie sind hier nicht erwünscht! Die Ainu verachten Sie, weil Sie Anthropologin sind, dagegen können Sie nichts machen.“1 Damit scheinen die Fronten nach über einem Jahrhundert Ainu-Forschung deutlich abgesteckt zu sein. Die Forschungsobjekte begehren auf und verweigern die Zusammenarbeit. Wie konnte es dazu kommen?
Es ist schon lange an der Zeit, grundsätzliche Fragen zu stellen. In welcher Beziehung steht die westliche Wissenschaft mitsamt ihrer japanischen Ziehtochter zu ihren Forschungsgegenständen, insbesondere wenn diese „Gegenstände“ Menschen aus Fleisch und Blut sind? Rückblick in die 1880er Jahre: Ein angesehener Berliner Wissenschaftler fordert die deutsche Kolonie in Japan auf, doch bitte Forschungsmaterial zu sammeln. Ist diese dringende Bitte als Aufforderung zu einer Straftat zu werten, wenn damit auch Gebeine gemeint sind, die dann in Berlin eintreffen werden und die in der Regel nur gegen den Willen der Angehörigen zu bekommen waren? Gebeine japanischer Ureinwohner, „gesammelt“ auf Hokkaidō und Sachalin, lagern heute noch in Berlin, in St. Petersburg und auch in London – diese Liste muss nicht vollständig sein …
An japanischen Universitäten befinden sich heute noch über 1.600 Schädel und Skelette, die widerrechtlich in die anatomischen Sammlungen von Sapporo, Sendai, Kyōto und Tokyo gelangt sind. Widerrechtlich? Nun ja, natürlich war Grabraub bereits vor der Errichtung des Meiji-Staates (1868) in Japan nicht legal, wenn aber von 1888 bis 1972 Professoren kaiserlicher Universitäten mit Billigung einer Stadtverwaltung oder eines Landrats und der lokalen Polizei, informiert durch Beamte der staatlichen Bahn, sich an Ainu-Gräbern vergriffen, dann war das sozusagen höhere Gewalt, ausgeübt im Dienste der Wissenschaften und damit quasi-legal. Der Soziologe Johan Galtung hätte hier ohne Mühe einen klassischen Fall von „struktureller Gewalt“ ausgemacht. Die Verantwortlichen wurden zu Ehrenprofessoren ernannt, mit Medaillen geehrt oder erhielten Besuch vom japanischen Kaiser. Auch der Verwaltungsapparat staatlicher Institutionen stand selbstverständlich hinter dieser Forschung und stellte keine Fragen, man wusste in Sapporo genau, wann die Herren Professoren mit ihren Hilfskräften aufs Land fuhren und was dort passierte.
Aber auch deutsche Marine-Offiziere, einige davon in russischen Diensten, beteiligten sich am Grabraub, den Anfang jedoch machten ein englischer Konsul und dessen Bruder, ebenfalls Offiziere, arbeitsteilig als Drahtzieher und Absender auf Hokkaidō und als Empfänger in London. Im Oktober 1865 verließen drei berittene Engländer in Begleitung zweier japanischer Pferdeknechte das englische Konsulat in der Hafenstadt Hakodate. Ein junger Wissenschaftler, der es später noch weit bringen würde, ein Schließer und ein Wachmann. Das Dörfchen Mori, eine Ainusiedlung, dürften sie noch am selben Tage erreicht haben. Am nächsten Tag machten sie sich mit ihrer Beute auf den Rückweg, und weil die Freveltat so reibungslos verlief, wiederholte man sie in der etwas weiter entfernt gelegenen Ortschaft Otoshibe, die allerdings außerhalb des für Ausländer erlaubten Rayons lag. Es ist wahrscheinlich, dass die Ausbeute hier noch üppiger ausgefallen ist, allerdings sind sie beim Graben gesehen worden und kamen den Wirtsleuten zudem recht verdächtig vor – nach „Entenjagd“ sahen die mitgeführten Matten und Spaten wahrlich nicht aus. Bis hierhin könnte man die Erzählung getrost einem Karl May überlassen, der anschließende Prozess jedoch sollte von Heinrich von Kleist beschrieben werden, denn der vorsitzende Richter im Verfahren gegen die drei Engländer war der eigentliche Drahtzieher des Grabraubs von 1865.
Es kam zu einer größeren diplomatischen Verwicklung zwischen dem Bakufu in Edo und der Regierung in London, der Konsul musste seinen Hut nehmen, die Grabräuber gingen für einige Zeit in den Kerker, und die japanischen Pferdeknechte, durch extra-territoriales Recht nicht geschützt, aber eigentlich unschuldig, wurden auf Geheiß des japanischen Magistrats gefoltert und möglicherweise sogar hingerichtet. Die gestohlenen Skelette, die bereits in London waren, wurden den Ainu zurückgegeben, die meisten jedenfalls. All diese Zusammenhänge behandle ich im längsten Kapitel dieses Bandes. Hier werden die japanisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen der frühen Meiji-Zeit gewürdigt, denn viele bedeutende Mediziner der ersten Generationen erfuhren ihre Ausbildung zunächst bei deutschen Lehrern in Tokyo und gingen dann nach Berlin.
Fragen der Restitution von Gebeinen werden jüngst auch in Deutschland diskutiert2, aber die japanischen Verhältnisse sind in Europa doch weitgehend unbekannt. Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen wie die Klage von drei Ainu-Vertretern vor dem Bezirksgericht Sapporo (seit 2012) ist daher statthaft: Sie verlangen die Rückgabe der im Auftrag der Hokkaidō-Universität entwendeten Gebeine ihrer Vorfahren, die Rückgabe auch von Grabbeigaben und ein Schmerzensgeld. Ein gewisser Prozentsatz ethnologischer Sammlungen in Japan wie in Europa steht unter dem begründeten Verdacht, mitsamt den Gebeinen aus Gräbern der Ainu entwendet worden zu sein. Dass also Ethnologie und Anthropologie bei vielen Ainu unter Generalverdacht stehen, sollte nicht verwundern.
Es gibt aber auch versöhnliche Stimmen, die in einem Vortrag des Anthropologen Mark Hudson zu Wort kommen. Er sprach zum Thema „Vergangenheit und Zukunft der Erforschung von Ainu-Gebeinen“3 und kommt zu dem überraschenden Schluss: „Eigentümlich ist die Erforschung von Ainu-Gebeinen insofern, als den Bitten der Angehörigen [nach Respekt und Teilhabe an Ergebnissen], in seltenen Fällen zwar, seit einiger Zeit eher entsprochen wird. Überdies halten viele Ainu die Ergebnisse dieser naturwissenschaftlichen Forschungen mit Blick auf ihre Identität als Ureinwohner Japans für bedeutsam.“4 Es gehe nun darum, „mehr als bisher die Ainu selbst in den Mittelpunkt eines neuen Forschungsrahmens zu setzen“, und an anderer Stelle seines Diskussionsbeitrags heißt es unmissverständlich: „Wenn man wasserdicht belegen will, dass die Ainu im Norden Japans und in der angrenzenden Region eine lange und dynamische Geschichte als Ureinwohner hatten, kommt man um die Erforschung alter Gebeine nicht herum.“5 Das wäre dann Anthropologie im Dienste der Identitätsfindung und politischen Positionierung innerhalb der japanischen Mehrheitsgesellschaft.
Was wird nun aus den über 1.600 Gebeinen? Die Regierungen in Tokyo und Sapporo sind sich mit dem Ainu-Dachverband einig geworden, dass man in dem Städtchen Shiraoi (Hokkaidō) ein neues Ainu-Museum errichten wird und daneben eine Art Beinhaus und Gedenkstätte. Das wäre die sogenannte zentrale Lösung, die selbstverständlich von den Anthropologen (Physische Anthropologie) begrüßt wird, denn im Prinzip sollen diese Gebeine auch weiterhin der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Dass der handzahme Ainu-Dachverband, der traditionell von japanischen Bürokraten durchsetzt ist und aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, diesem Projekt zustimmt, erzürnt die meisten der politisch und kulturell aktiven Ainu. Die von ihnen favorisierte dezentrale Lösung würde dazu führen, dass die Gebeine in ihren Heimatgemeinden ihre letzte Ruhe finden – eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. Auf den seit 2012 anhängigen Prozess habe ich bereits hingewiesen. In diesem Zusammenhang wollte ich die Meinung eines kritischen Ainu-Vertreters hören, der wie die Kläger unmissverständlich auf der Rückgabe der Gebeine besteht, und so trafen wir, meine Frau Naoko und ich, im September 2014 den Museumsleiter Kawamura Ken’ichi in Asahikawa zu einem längeren Gespräch, und später hatte ich im Gegenzug in Tokyo Gelegenheit, einer Unterstützer-Gruppe um Kawamura von meiner Forschung zu berichten.
Ein zweites Interview führte ich mit der Aktivistin Shimada Akemi, die ebenfalls aus Hokkaidō stammt, aber seit Jahrzehnten im Großraum Tokyo lebt. Erst relativ spät hatte Frau Shimada ein „coming out“. Darüber sprachen wir, über den Zusammenhang von Diskriminierung und Identität, aber auch über Organisationen der Ainu und ihre persönlichen Erfahrungen auf Neuseeland, wo sie die Maori zweimal besuchte und wichtige Anregungen mitbrachte.
Im Oktober 2014 hielt ich einen Vortrag vor der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ (BGAEU), in dem ich Fragen aufgriff, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa und Japan diskutiert wurden: Woher kommen die Ainu? Wie wurden die japanischen Inseln besiedelt? Die Ansätze der alten Zeit kontrastiere ich mit den Forschungsergebnissen der letzten 20 Jahre, wobei alle relevanten Disziplinen zu Wort kommen, angefangen mit der bis heute in mancherlei Hinsicht umstrittenen frühen Besiedlungsgeschichte der japanischen Inseln über DNA-Analysen, Zahnkronen-Analysen bis hin zu kulturanthropologischen und linguistischen Erkenntnissen. Es versteht sich von selbst, dass die Akquisition des hier untersuchten DNA-Materials in den problematischen Bereich gehört, um es vorsichtig auszudrücken.
Die Sprache der Ainu und die Sprachpolitik des japanischen Staates seit der ausgehenden Tokugawa-Zeit (etwa spätes 18. Jahrhundert) stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels, dem eine Vorlesung an meiner Universität zugrunde liegt. Auch die minderheiten-rechtliche Entwicklung stelle ich dar. Die administrativen Maßnahmen und vor allem die Bildungs- und Schulpolitik zeigen deutlich, dass die Verdrängung der Ainu-Sprache alles andere als ein „Naturprozess“ war, dem die kleinen Sprachen angesichts Modernisierung und Globalisierung „unweigerlich“ ausgesetzt sind. Ein Blick auf die aktuelle Lage sowie in ein Klassenzimmer, in dem die Ainu-Sprache unterrichtet wird, runden dieses Kapitel ab.
Das Kapitel zur „Bärenamme“ behandelt zum größeren Teil die gegen die Ainu gehegten westlichen und japanischen Vorurteile in ihrer ganzen Ambivalenz, es werden aber auch die nötigen rituellen Hintergründe zum Bärenfest dargestellt, um die Fragwürdigkeit vieler Quellen zu demonstrieren. Im Kern geht es um die Frage, ob der Jungbär tatsächlich in den ersten Wochen von einer Frau gesäugt wurde. Es gab kaum Europäer, die im Winter auf Hokkaidō oder Sachalin eine Bärenjagd oder ein Bärenfest beobachtet und dabei etwa die rituelle Beschießung und die „Tränen der Bärenamme“ auch gesehen haben. Unkenntnis und Vorurteile sind dabei das eine, wissenschaftliche und journalistische Redlichkeit das andere. Wie genau belegen die Autoren die Existenz der „Bärenamme“, die in Wort und Bild seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar ist? Wie kritisch gehen sie mit ihren Quellen um? Zitate aus zweiter und dritter Hand: Was bleibt da in der Regel noch erhalten? Tatsächlich fand ich Quellen, die bei Licht betrachtet nur das genaue Gegenteil der ursprünglichen Behauptung belegen. Und was ist von Interviews zu halten, in denen der Europäer kein Wort Ainu oder Japanisch versteht und die Gewährsperson erst betrunken gemacht wird, bevor sie ihre (wohl gespielte) Schüchternheit ablegt? Ist das Sittenbild der Bärenamme, das in Japan auf Bildern verbreitet war, ebenso realistisch und normal gewesen wie etwa die Algenernte an der Küste oder das Verfertigen von Kleidung aus Baumrinde, die ja ebenfalls in Sittenbildern der Ainu festgehalten wurden? Die wichtigste Frage: Wie steht es um Augenzeugen für die Bärenamme, gibt es zuverlässige Berichte? Ich präsentiere also alle Formen des Klischees in Wort und Bild, die ich erschließen konnte, inklusive der Alleinstellungsmerkmale, und untersuche abschließend den sachlichen Kern.
Alle fremdsprachlichen Zitate in diesem Band sind von mir ins Deutsche übersetzt worden. Das betrifft vor allem die aus der von Kirsten Refsing besorgten reichhaltigen Sammlung „Early European Writings on Ainu Culture“ übernommenen Quellen; neben den deutschen Autoren sind es hier die Engländer, Amerikaner und Franzosen, meist Kaufleute, Abenteurer oder Missionare. Es versteht sich von selbst, dass ich mir als Autodidakt bei japanischen Texten von Muttersprachlern helfen ließ, allen voran von meiner wissenschaftlichen Hilfskraft Kodama Hisako, die auch viele kleine Recherchen für mich erledigte, Karten anfertigte und bei Vorträgen mit ihren Power Point Kenntnissen assistierte. Den wichtigen Kontakt zu Frau Shimada stellte sie für mich her. Dank gebührt auch den umsichtigen Mitarbeiterinnen in der Bibliotheks-Fernleihe der Chūō-Universität, Frau Yamada, Frau Kinoshita und Frau Kanatsu, sodann den Ethnologen in Berlin und Leipzig, den Mitarbeitern der Rudolf-Virchow-Stiftung und vor allem der Anthropologin Barbara Teßmann (Berlin), die mich bei der heiklen Mission Ainu-Gebeine im Depot in Berlin-Friedrichshagen mit Umsicht und Sachverstand betreute. Meine Frau Naoko opferte einen Teil unseres gemeinsamen Hokkaidō-Urlaubs, um mich in Asahikawa, Sapporo und Yakumo zu unterstützen. Professor Nakagawa Hiroshi (Chiba Universität) ließ mich an seinem Sprachunterricht teilnehmen. Der Kurator Okuno Susumu zeigte mir Originale von Ainu-Sittenbildern und Vorzeichnungen im Besitz des Städtischen Museums Hakodate; ihm danke ich auch für das Copyright der in diesem Band verwendeten Zeichnungen. Frau Shimada Akemi stellte ihre Stickerei-Arbeiten, die man am Anfang eines jeden Kapitels bewundern kann, zur Verfügung, und Herr Kawamura Ken‘ichi steuerte das Titelfoto bei: die Aufnahme einer Verwandten, die einen Hausbären hält (Asahikawa, um 1950). Beiden danke ich sehr für das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachten.
Um der besseren Lesbarkeit willen habe ich mich für Fußnoten entschieden, die Zitate und andere Quellen, die auch paraphrasiert sein können, in Kurzform nachweisen. Jedes Kapitel führt am Ende die zitierten oder anderweitig genutzten Quellen vollständig auf. Auf eine Bibliographie für das ganze Buch habe ich deshalb verzichtet, nur die wichtigsten japanischen Titel führe ich in einer gesonderten Bibliographie am Ende des Buches auf. Ein {J} in den Anmerkungen verweist auf einen japanischen Originaltitel.
1 ann-elise lewallen: Bones of Contention: Negotiating Anthropological Ethics within Fields of Ainu Refusal, in: Critical Asian Studies, Vol. 39, No. 4, December 2007, S. 509-540. Das Zitat: S. 509f.
2 Vgl. Holger Stoecker, Thomas Schnalke und Andreas Winkelmann (Hg.): Sammeln, Erforschen, Zurückgeben? Menschliche Gebeine aus der Kolonialzeit in anatomischen und musealen Sammlungen, Berlin 2013, und: Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt/M. 2013.
3 Mark Hudsons Diskussionsbeitrag in: Hokkaido University Center for Ainu & Indigenous Studies (Hg.): The Present and Future of Ainu Studies, Sapporo 2010, S. 136-139. {J}
4 Hudson (2010), S. 136.
5 Hudson (2010), S. 138.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
erlauben Sie mir bitte, zunächst ein Wort zu verlieren über die Fußstapfen, in die ich hier trete. Ich meine damit die Herren Vorredner, die als Gäste aus Japan kommend hier vor dieser erlauchten Gesellschaft über die japanischen Ureinwohner, die Ainu, gesprochen haben. Zunächst (im Dezember 1871) ein veritabler Botschafter, Max von Brandt, der laut darüber nachdachte, dass Hokkaidō sich als deutsche Kolonie gut machen könnte. Gefolgt von einem nicht so prominenten Herrn Schlesinger (Juni 1880), sodann der den Ethnologen bestens bekannte Sammler Wilhelm Joest, und schließlich (1901 und 1906) der Arzt Erwin Bälz, der Hunderte von japanischen Medizinern ausgebildet hat und Leibarzt der kaiserlichen Familie war.7 Gastgeschenke wie Joest und Schlesinger kann und möchte ich nicht machen: Die Herren hatten damals „Aino-Schädel“ im Gepäck, die Rudolf Virchow dankbar in den Sitzungen besprach. Aber mit leeren Händen komme ich nicht.
Im Jahr 2008 wurden die Ainu vom japanischen Parlament einstimmig als die indigene Bevölkerung Japans anerkannt, nachdem man ihnen 1997 den Status einer ethnischen Minderheit und damit die besondere Förderung von Kultur und Sprache zugestanden hatte. Mit dem Status der Urbevölkerung sind über kulturelle Rechte hinausgehend auch Landrechtsfragen von Bedeutung. Auf der ganz großen politischen Bühne wäre deshalb zu fragen, ob denn der Inselstreit zwischen Japan und Russland (bzw. der Sowjetunion) um die Kurilen nicht eine ganz andere Lösung erfordert in Gestalt der Rückgabe oder durch Kompensationszahlungen an die indigenen Völker, die dort vor der japanischen und russischen Landnahme lebten. Völkerrechtlich ist diese Frage durchaus nicht so obsolet wie sie politisch erscheinen mag, denn hatte nicht bereits Adam Johann von Krusenstern (1770-1846) anlässlich seines Besuches der Insel Sachalin (1805) bemerkt: „allein sind die Ansprüche der Japaner auf Sachalin gerechter, als die irgend einer Europäischen Macht? Der wesentlichste Einwurf, den man machen könnte, wäre, daß eine solche Besitznahme ohne Einwilligung der wirklichen Besitzer von Sachalin, nämlich der Ainos, geschähe“.8
Soweit zum politischen und rechtlichen Rahmen: Die Ainu sind als ethnische Minderheit und als japanische Ureinwohner anerkannt. Aber wie sieht es wissenschaftlich aus, was sagen die Genetiker, die Anthropologen, die Sprachhistoriker, die Archäologen und die vielen mehr oder weniger Berufenen, die sich seit dem 19. Jahrhundert mit Ansichten und Einsichten zu Wort gemeldet haben? Ich möchte hier die Forschungsgeschichte9, die im großen Stil etwa mit der Meiji-Restauration (ab 1868) und der Modernisierung Japans beginnt, nur in Schlaglichtern ansprechen und danach zusammentragen, was die oben genannten Disziplinen seit etwa 1990 an relevanten Erkenntnissen beisteuerten.
Woher also kommen die Ainu? Wer sind die Ainu? Die Frage lässt sich nicht trennen von der Populationsgeschichte der japanischen Inseln insgesamt, sollte also „Japaner“ und die Bewohner Okinawas einschließen; und Fragen der Physischen Anthropologie sind zu ergänzen durch Erkenntnisse aus dem Bereich der Kulturanthropologie. So vernünftig und selbstverständlich die Forderung nach interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Natur- und Kulturwissenschaften klingen mag, finden wir doch immer wieder Phasen in der japanischen Forschungsgeschichte, die durch nationalistische Scheuklappen geprägt sind und in Teilaspekten durchaus brauchbare Ergebnisse erzielt haben mögen, sich aber zugleich der Konstruktion eines Gesamtbildes verweigerten. Dass Japaner und Ainu gemeinsame Vorfahren haben könnten, kann schlechterdings nicht erschlossen werden, wenn die Frage nicht ernsthaft gestellt wird.
Einstieg 1877: Der amerikanische Wissenschaftler Edward S. Morse (1838-1925) findet in Ōmori unweit der Hauptstadt Edo (heute: Tokyo) einen Muschelhaufen. Die Keramik dieses Menschen der Jungsteinzeit erinnert Morse an die europäische Schnur- oder Bandkeramik, und so sprechen japanische Archäologen noch heute von der „Jōmon“-Kultur. Wer war nun dieser Mensch der Jungsteinzeit und in welcher Beziehung steht er zu den modernen Japanern, zu den Ainu und eventuell zu anderen Völkern der Region? Die japanische Bandkeramiker-Kultur ist über 10.000 Jahre alt und endet etwa 300 v.u.Z. mit der Einführung des Nassfeldanbaus von Reis und mit der Nutzung von Eisengeräten, was in Japan (ohne Hokkaidō und Okinawa) zu einer neuen Kultur führte, der „Yayoi“-Kultur. Anders als „Jōmon“, das die Bandkeramik bezeichnet, ist „Yayoi“ nur ein Ortsname: 1884 fand man einen Muschelhaufen in Yayoi, Ortsteil Hongō (Tokyo).
Messungen an Ainu-Gebeinen wurden jedoch schon früher vorgenommen, und zwar etwa 1867 durch George Busk und Barnard Davis in London. Busk hält seinen Vortrag zu einem Ainu-Schädel am 26. März 1867 vor der „Ethnological Society of London“, und Davis hatte neben einem Frauen-Skelett, das er mit einem „australischen“ verglich, noch weitere Ainu-Gebeine zur Verfügung. Busk sah keinen wesentlichen Unterschied zu einem typischen Europäer-Schädel. Ein Wort zum Hintergrund dieser Messungen: 1865 gab es unweit der Hafenstadt Hakodate (Hokkaidō) einen spektakulären Fall von Grabraub, in den kein Geringerer als der englische Konsul Francis Howard Vyce verwickelt war. Für mich steht fest, dass die von Busk und Davis untersuchten Gebeine auf diesem Wege nach England gelangt sind.10 Rudolf Virchow rekurriert immer wieder auf Davis, ebenso hat die Reiseschriftstellerin Isabella Bird die Davis-Untersuchung, die neben den reinen Messdaten auch Informationen zur Kultur der Ainu enthält, auf ihrer Hokkaidō-Reise (1878) im Hinterkopf.
Wenn wir die Ainu als Ureinwohner Japans ansprechen, wäre die Annahme naheliegend, dass sie tatsächlich die ganze Inselgruppe bewohnt haben und dann durch eine spätere Einwanderung an die Ränder verdrängt wurden. Davon war der englische Missionar John Batchelor (1854-1944) überzeugt, der die Ainu von der Amur-Mündung über Sachalin bis ins südliche Kyūshū ansiedelte und dafür vor allem linguistische Argumente anführte. Auch der polnische Ethnologe Bronisław Piłsudski geht fest davon aus, dass die Ainu in jahrhundertelangen Kriegen nach Norden verdrängt wurden. Gemeinsam mit den Vedda auf Ceylon seien die Ainu als Ur-Arier oder früheste Indo-Europäer anzusprechen, meint er im Einklang mit vielen Anthropologen um 1900.11 Leider gibt es für diesen Verdrängungsprozess keinerlei Beweis; das sei hier schon einmal angemerkt …
Und gab es nicht auch gewisse physische und kulturelle Ähnlichkeiten zwischen den Ainu und den Menschen auf Okinawa, etwa die Tätowierungen, die an Mädchen und Frauen vorgenommen wurden? Darauf wies der deutsche Mediziner Erwin Bälz (1849-1913) in seinem Vortrag „Menschen-Rassen Ost-Asiens mit specieller Rücksicht auf Japan“ (BGAEU, 1901) hin.12 Auch er hielt die Ainu für einen Ableger der „weißen“ Rasse, d.h. für kaukasoid13, und am Ende des Aufsatzes zeigt denn auch Tafel I ein Foto des greisen, bärtigen Leo Tolstoi in Gegenüberstellung mit einem ebenso bemoosten Ainu-Häuptling.
Dass die Ainu russischen Bauern ähnlich sähen, geht zurück auf eine Idee, die Leopold von Schrenck (1826-1894) als erster formulierte, der von „Alt-Asiaten“14 oder „Paläo-Asiaten“, zu denen er auch die Ainu rechnete, ausging. Diese im Westen Sibiriens siedelnde Gruppe sei in der Völkerwanderungszeit durch mongolische und turkstämmige Einwanderer, die von Westen vorrückten, geteilt worden, meint auch Bälz; nach Osten wurden dabei Gruppen wie die Ainu gedrängt, nach Westen die Vorfahren des Grafen Tolstoi.15 Die Ainu besiedelten dann, wohl von Norden kommend, den gesamten japanischen Archipel bis hinunter nach Okinawa. Wer diesen Ansatz für abenteuerlich hält, sollte sich mit den etymologischen Analysen des schottischen Arztes Neil Gordon Munro (1863-1942) beschäftigen, der wie Bälz, Batchelor und viele andere verdiente Damen und Herren kein gelernter Linguist war. Munro untersuchte einige Wortstämme der Ainusprache und stellte allen Ernstes Beziehungen her zu Wurzeln im Französischen und Englischen, um den kaukasischen Ursprung der Ainu zu beweisen. Die Ainuforscherin Kirsten Refsing hofft in diesem Zusammenhang, dass Munro, der auf Hokkaidō über Jahre hinweg die Ainu kostenlos behandelt hatte, als Arzt eine bessere Figur gemacht haben möge.16
Mongolisch die Japaner versus kaukasisch die Ainu − das war also eine Meinung. Die Ainu als „Rasseninsel“ vertraten die japanischen Mediziner Koganei und Kodama. Manche Durchreisende hingegen sahen eigentlich keine „Rassen“-Unterschiede zwischen Japanern und Ainu. Um die Diskussion noch weiter zu bereichern, vertrat der japanische Anthropologe Tsuboi Shōgorō (1863-1913) die Auffassung, dass der Jōmon-Mensch weder Vorfahr der Ainu noch der Japaner gewesen sei, sondern der in der Ainu-Mythologie auf Sachalin und Hokkaidō leitmotivisch vorkommende „Koropokuru“-Mensch, der durch die Ainu vertrieben oder vernichtet worden und vielleicht verwandt gewesen sei mit gewissen Eskimo-Gruppen. Seinem Widersacher in dieser Frage, Koganei Yoshikiyo (1859-1944), verdanken wir eine detaillierte Zusammenfassung dieser Diskussion in deutscher Sprache!17 Koganei hatte in Tokyo bei Erwin Bälz und in Berlin u.a. bei Wilhelm Waldeyer studiert und wollte die deutsche Akademia in dieser Frage auf dem Laufenden halten. Für Koganei waren die Ainu Bandkeramiker, denn noch 1927 hält er die archäologischen Funde der Jōmon-Zeit für Reste der Ainu-Kultur: „Die ainoischen Töpferwaren heißen Jomondoki“ [= Steingut der Bandkeramiker], und auch die Schädel und Knochen zeigten Übereinstimmungen „mit den rezenten Aino-Skeletten“, so in seinem Beitrag „Zur Frage der Abstammung der Aino und ihre Verwandtschaft mit anderen Völkern“.18 Am Ende des Aufsatzes (S. 205) zitiert er unter Vorbehalt jüngste serologische Forschungen aus Japan, denen man eventuell entnehmen könne, „daß die Aino von den räumlich in nächster und näherer Beziehung stehenden Völkern, auch von den europäischen, einen bedeutsamen Unterschied zeigen.“ Das würde auf eine genetische Sonderstellung verweisen.
Wie steht es nun um die Erkenntnisse der letzten 20 bis 30 Jahre? Die Anfänge der Besiedlung der japanischen Inseln beschreibt Matsufuji Kazuto in einem Aufsatz von 201019, dessen Ergebnisse ich kurz referiere. Die ältesten Gebeine fand man auf Okinawa, sie dürften maximal 35.000 Jahre alt sein.20 Ebenfalls auf Okinawa entdeckte man das einzige nahezu vollständige Skelett des sog. Minatogawa-Menschen, etwa 21.000 Jahre alt.21 1984 stieß ein Hobby-Archäologe auf die Grabungsstelle Kanedori in Nordost-Japan (Iwate-Präfektur, Stadt Tōno) mit den ältesten Steinwerkzeugen: Kanedori IV, 80.000 Jahre alt. Der technologische Vergleich weist nach Nordost-China, wo es ähnliche Werkzeuge vor möglicherweise maximal 160.000 Jahren gegeben hat. Demnach könnte es in diesem Zeitrahmen (80.000 – 160.000) eine erste Besiedlung Japans aus Nordost-China gegeben haben.
Einigkeit besteht wohl auch darin, dass vor etwa 40.000 Jahren eine weitere Besiedlung von Norden und Süden stattfand. Das verweist also im Norden auf die Landbrücken Amurmündung/Sachalin/Hokkaidō sowie im Süden auf Korea/Kyūshū. Gebeine oder DNA sind aus dieser Phase jedoch nicht erhalten! Am Ende dieser vorletzten Eiszeit (vor 40.000-200.000 Jahren) muss man sich im heutigen Indonesien statt einer Inselgruppe einen Kontinent vorstellen, von dem ausgehend schmale Landbrücken bis nach Korea und Japan führten. Durch Kälte gebundene Wassermassen senken den Meeresspiegel erheblich ab und legen Landmassen frei, ein Prozess, der sich während der Eiszeiten immer wieder vollzieht. Der bekannte Naumann-Elefant etwa konnte vor ca. 430.000 Jahren über eine Landbrücke nach Japan ziehen.22 Mammuts sind nur auf Hokkaidō nachweisbar, sie kamen also von Norden, während die Nordschiene verbunden war.
Was heißt das für die Ainu? Genetisch stehen die Ainu dem japanischen Bandkeramiker, dem Jōmon-Menschen, sehr nah. Dieser Jōmon-Mensch hat einen indirekten Verwandten im eben erwähnten Minatogawa-Menschen, von dem man um 1970 auf Okinawa Gebeine von fünf Menschen fand, darunter ein vollständiges Skelett („Minatogawa 1“), den vermutlich ältesten Menschen auf den japanischen Inseln: 21.000 Jahre alt. Man nahm noch vor wenigen Jahren an, dass für den Jōmon-Menschen und also auch für die genetisch verwandten Ainu ausschließlich diese Einwanderung aus Südostasien maßgeblich gewesen sei; seit einiger Zeit jedoch haben wir ein Gegengewicht in der Forschung, das genetische Einflüsse aus dem Norden geltend macht. Seit dem „Jōmon-Streit“, so ein Buchtitel von 2002 (Fujio), müssen wir für die Bandkeramiker auch den Norden auf dem Monitor haben. Man fand also heraus, dass vor bereits 22.000 Jahren Gruppen vom Amur nach Sachalin und Hokkaidō zogen, die die mt Haplogruppe N9b mitbrachten. Die Gruppe mt N9b ist bis heute bei den Ainu nachweisbar und nimmt südlich von Hokkaidō deutlich ab. Die Südschiene wird vor allem vertreten durch die mt Haplogruppe M7a23. Deutlich später, ab dem 5. Jahrhundert, wandern Ochotsk-Menschen über Sachalin nach Hokkaidō, wo sie sich einige hundert Jahre im Norden und Osten der Insel halten können. Auch sie tragen genetisch und kulturell zu dem bei, was wir ab 1200 als Ainu-Kultur beschreiben. „Bei den Hokkaidō-Ainu gibt es die Knochen betreffend große Unterschiede zwischen dem Ost- und Westteil der Insel, insbesondere zeigen die Gesichtsknochen regionale Unterschiede: die Ainu am Ochotskischen Meer haben höhere und breitere Gesichtsknochen. Ishida Hajime und seine Kollegen von der Ryūkyū-Universität führen das auf die Assimilation des Ochotsk-Menschen zurück. So haben also weder Ainu, noch Jōmon-Mensch, noch der Mensch der Altsteinzeit reine und nur ihnen eigene Merkmale.“24
Frühe Besiedlungsgeschichte der Japanischen Inseln
Woher kommen die modernen Japaner? Lange umstritten und vor allem von den Nationalisten attackiert ist die Entwicklung ab dem 3. Jahrhundert (v.u.Z.). Wie kamen die Bandkeramiker dazu, Reis anzubauen, Eisen zu verarbeiten, später dann kleine Staaten zu gründen und in der Kofun-Zeit (4.-7. Jh.) diese grandiosen Kaisergräber anzulegen? Das „reine Blut“ der Japaner stand auf dem Spiel und man nahm – Transformation versus Immigration − lieber mikro-evolutionäre Entwicklungen an als zu akzeptieren, dass es eine weitere Einwanderungswelle über die koreanische Halbinsel gegeben haben könnte. Der japanische Dachverband der Anthropologen vertrat bis in die frühen 1980er Jahre die Position einer ununterbrochenen genetischen Kontinuität seit der Jōmon-Zeit.25 Demgegenüber nimmt man heute Kälteperioden und soziale Unruhen auf dem Festland an, was zu einer größeren Migration Richtung Japan geführt hat, die insgesamt ein knappes Jahrtausend angedauert haben dürfte und auch durch eine gezielte Einwanderungspolitik von japanischer Seite geprägt war: Die Yayoi- und Kofun-Menschen holten sich Verwaltungsexperten, Techniker in den Bereichen der Eisenverarbeitung, Bewässerung, Landwirtschaft und im 6. Jahrhundert auch buddhistisch Gebildete ins Land.
Genetisch führte diese Einwanderung, deren Wurzeln eher in Nordost-Asien liegen (also nach heutigen Begriffen chinesisch, mongolisch, koreanisch, mandschurisch geprägt sind) nicht etwa zur Verdrängung oder Vertreibung der Bandkeramiker, sondern zu einer Überlagerung, die der Anthropologe Hanihara in seinem grundlegenden „Doppelstruktur“-Modell beschrieben hat. Nach seiner Auffassung ist dieser Prozess übrigens bis heute nicht abgeschlossen! An den äußersten Rändern Hokkaidō und Okinawa sei diese Überlagerung freilich am wenigstens ausgeprägt. Erwin Bälz lag mit seiner Annahme gemeinsamer Wurzeln der Ainu und Okinawa-Bevölkerung auf dieser Linie. In dieser Frage gibt es jedoch bis heute keine einhellige Meinung. Zwar unterstützte Dodo das Doppelstruktur-Modell nach Hanihara mit Nachdruck, konnte aber im Laufe seiner jahrzehntelangen Forschung an Schädelmerkmalen die These vom gemeinsamen Ursprung nicht bestätigen; Dodo klammert Okinawa also aus.26
Populations-Bewegungen ab der Yayoi-Phase
Noch einmal zu Bälz: Er erkennt bereits 188327 zwei Typen von Japanern, den Satsuma-Typ und den Chōshū-Typ. Letzterer sei größer, aristokratischer und habe eine edle und kräftige Nase. In der Tat unterscheidet die moderne Forschung zwei Gruppen der Yayoi-Zeit, wobei der Satsuma-Typ deutlich näher am Jōmon-Menschen sei, er habe sich in Südjapan länger in Nischen gehalten, man nimmt eine Art Mikro-Evolution an. Der größere Chōshū-Mensch habe mehr Anteile der nordasiatischen Einwanderer.28
Wenn man Einwanderer und Bandkeramiker vergleicht, gibt es auch in anderer Hinsicht ein deutliches Gefälle in den Messdaten: Blutgruppe A dominiert in West-Japan, die Einwanderer sind auch körperlich größer, und die Schädelbreite nimmt ebenfalls nach Norden hin ab. Zahnanalysen nach Turner/ Hanihara/Brace kommen ebenfalls zu einer Zweiteilung, die das Gesamtbild bestätigt: die Jōmon/Pazifische Gruppe (mit Mikronesien, Polynesien) gegen die Festland-Asien-Gruppe; erstere wird „sundadont“ genannt, letztere „sinodont“. Zahnkronenanalysen führte auch Matsumura Hirofumi von der Medizinischen Hochschule Sapporo anhand von neun Gruppen durch und bestätigte die Nähe zwischen Ainu und Jōmon-Mensch.29
Ganz Japan wurde, so Hanihara, vor 20.000 Jahren von Einwanderern aus Südostasien dünn besiedelt, während im Westen Japans ab 300 v.u.Z. eine starke zweite Immigrationswelle aus Nordasien einsetzte. Man nennt dieses Kreuz in der Gesamtschau „Nord/Süd-Inversion“. Man kann diese Inversion auch durch nicht-menschliche Indizien bestätigen. „Jomon“-Hunde, die man in Gräbern fand, sind eng verwandt mit Hunden in Südostasien, aber auch einen Leukämie-Virus wies man nach, auf den die sundadonte Gruppe (also auch die Ainu) stärker anfällig reagiert als die sinodonte.
Auf eine Beobachtung des polnischen Ethnologen Bronisław Piłsudski möchte ich in diesem Zusammenhang hinweisen. In seinem Aufsatz „Leprosy among Nivghu and Ainu“ (1912) teilt er mit, dass die Nivchen (Giljaken) und auch die Japaner häufig an Lepra erkrankten, die Ainu auf Sachalin hingegen nahezu immun gegen die Krankheit seien. Fälle von Lepra, die ihm durch Ainu-Gewährsleute beschrieben wurden, stellten sich als eine Sonderform der Syphillis heraus.30 Seine Erklärung dieser Immunität geht allerdings von falschen Voraussetzungen aus und überzeugt mich nicht: Die Ainu hätten sich, anders als die sie umgebenden Volksgruppen, seit alters her fast ausschließlich von Fleisch ernährt. Was moderne Forscher für die Leukämie feststellten, eine besondere Anfälligkeit der Ainu, könnte also auch im umgekehrten Sinne für die Lepra gelten; beides spräche für eine gewisse genetische Sonderstellung. Und ebenfalls ins Bild passt die Grippewelle von 1905, die Piłsudski auf Sachalin erlebte: Während die Nivchen (Giljaken) und Oroken relativ ungeschoren davonkamen, „wurden die Ainu gnadenlos dezimiert. Ein Viertel der Ortschaft Taraika starb.“31
Aber es gibt noch andere Belege für die Doppelstruktur und die Inversion. Dodo Yukio und Ishida Hajime haben für ihre Forschungen an menschlichen Schädeln eine Methode entwickelt, die auf das Messen von Schädeldaten (Höhe, Breite, Länge, Volumen etc.) verzichtet und stattdessen auf sogenannte „non-metric variations“ achtet. Das sind insgesamt 22 minimale Abweichungen am menschlichen Schädel, deren Vermessung nicht erforderlich ist; man bestätigt nur ihr Vorhandensein. Interessant ist nun, dass dieses Kriterium stabilere Ergebnisse produziert als das Vermessen von Schädelformen, denn Schädel können Umwelteinflüssen, Verformungen etc. ausgesetzt sein. Auch sind die meisten Merkmale bereits beim Embryo nachweisbar. Für die Analyse bestimmter ethnischer Gruppen, historisch wie rezent, kann man die statistisch relevanten Merkmale ermitteln, was für „mongoloide Gruppen“ in Ostasien fünf Merkmale sind.32 Ein Beispiel mag genügen:
„Im unteren Teil des Schädels gibt es an der Stelle, wo das Rückenmark austritt, eine entsprechende Öffnung, das sogenannte ‚Große Loch am Hinterkopf‘. Direkt links und rechts davon liegt die ‚Nervenbahn unter der Zunge‘, also ein feiner Knochen, durch den die Nerven zur Bewegung der Zunge verlaufen. Normalerweise ist das nur ein Knochen, manchmal jedoch gibt es durch einen Knochenfortsatz eine Zweiteilung. Diese Variation nennt man ‚zweigeteilte Nervenbahn unter der Zunge‘. Bei den Jōmon-Menschen und bei den Ainu kann man dieses Merkmal bei über 30 % nachweisen, bei den modernen Honshū-Japanern gibt es eine Häufigkeit von etwa 15 %.“
In der Beständigkeit dieser Merkmale sieht Dodo „nichts weniger als einen genetischen Faktor“.33
In ihrem Aufsatz zur Besiedlungsgeschichte Japans präsentieren Dodo und Ishida ein Baumdiagramm mit erstaunlichen Ergebnissen. Anhand von 20 non-metrischen Variationen untersuchten sie insgesamt zwölf historische und rezente Populationen, acht davon aus Japan: vom modernen Japaner und Hokkaidō-Ainu bis hin zum Jōmon-Menschen, die ausländischen Gruppen waren Mongolen, Alëuten sowie kanadische und Alaska-Eskimos. Ainu und Jōmon-Mensch bilden dabei eine derart deutlich distanzierte Gruppe, dass der moderne Japaner tatsächlich näher an den Mongolen, Alëuten und Eskimos in Kanada und Alaska positioniert ist.34
Stichwort Japaner und Eskimos: Moderne Genetik bestätigt das scharfe Auge eines Erwin Bälz, der 1893 die Weltausstellung in Chicago besuchte und seine Eindrücke vom „Eskimodorf“ hier an dieser Stelle 1901 und 190635 vortrug:
„Unmittelbar nach mir betraten drei Japaner das Dorf, und es war amüsant, mit welchen erstaunten Blicken sich Japaner und Eskimo betrachteten. Die Eskimo sammelten sich neugierig um die Söhne von Dainippon [Großjapan], erst auf sich und dann auf jene deutend und dabei in ein lautes Lachen ausbrechend oder verschmitzt zu uns Europäern herübergrinsend. Sie wollten damit zeigen, dass sie sich und die Japaner ausserordentlich ähnlich und zusammengehörend fanden. […] Auch meine Begleiter und ich waren von der frappanten Ähnlichkeit betroffen.“
Den Japanern war diese Begegnung eher unangenehm. Bevor wir uns ausführlicher anhand von Erkenntnissen der Archäologie um die Frühgeschichte und Kultur der Ainu kümmern, sollen noch einmal die Genetiker das Wort haben. Es gibt eine Studie von 2004, die auf ein Forscherteam um Tajima Atsushi und Hōrai Satoshi zurückgeht.36 Das Team untersuchte 1.103 mt DNA-Proben in 15 asiatischen Gruppen und 702 Y-Haplo-Proben in 11 asiatischen Gruppen im Vergleich zu Genproben von 51 Ainu-Frauen und 16 Männern. Der nordasiatische Raum umfasste u.a. Ethnien auf Sachalin und Kamtchatka, der ostasiatische Raum Koreaner, Ainu, zwei japanische Gruppen, Han-Chinesen, die Ureinwohner auf Taiwan, die Bevölkerung Okinawas und verschiedene Gruppen im Südosten Asiens aus Thailand, den Philippinen usw.
Ein Ergebnis sei gleich vorweggenommen. Die von Dodo Yukio geäußerte Skepsis hinsichtlich der gemeinsamen Abstammung von Ainu und Okinawa-Insulanern wird auch durch diese Studie nicht ausgeräumt. Immerhin gibt es auf der paternalen Seite keine Y-Haplogruppe, die nur für die Ainu charakteristisch wäre; insbesondere die Y-Haplogruppe D wird von allen ethnischen Gruppen in Japan geteilt, inklusive Ainu und Ryūkyū-Insulanern, und kann daher als genetischer Vorläufer des Jōmon-Menschen angesprochen werden.37 Allerdings gibt es drei weitere Sequenzen (C-M8, O-M175*, O-M122*), die in Japan oder ganz Asien verbreitet sind, aber die Ainu ausschließen. Und schließlich die Sequenz C-M217*, die Okinawa ausschließt, die Ainu jedoch an den nordasiatischen Raum mit nördlichen Chinesen, Nivchen und Buryaten anschließt. Da die Nivchen, anders als die Ainu, asien-typische Gene nicht teilen, nimmt man einen einseitigen Genfluss von Norden nach Hokkaidō an.38
Auf der mitochondrialen (d.h. weitgehend maternalen) Seite der DNA-Analyse konnten die Forscher um Tajima und Hōrai 25 Sequenz-Typen isolieren, von denen wiederum 11 nur bei den Ainu vorkommen, was auf eine „hohe genetische Eigenständigkeit“ verweise.39 Die 14 übrigen Sequenz-Typen seien in Asien weitverbreitet und ergeben ein hochkomplexes Bild. Wenn man sich auf diejenigen Ethnien mit großer Übereinstimmung zu den Ainu konzentriert, schälen sich die Nivchen auf Sachalin und die Korjaken auf der Halbinsel Kamtchatka heraus, hier habe es also „extensive genetische Kontakte“ gegeben.40 Auch diese Kontakte seien wegen der stärkeren Verbreitung bestimmter Sequenzen bei den Nivchen einseitig in Richtung Hokkaidō erfolgt, eine Tendenz, die auch auf der paternalen Seite festgestellt wurde.
Wir können also festhalten, dass die Ainu bestimmt nicht in ganz Japan ansässig waren und an die Ränder verdrängt wurden, wie man früher dachte (Batchelor, Bälz, Koganei, Piłsudski, u.v.m …), wohl aber der jungsteinzeitliche Jōmon-Mensch als wichtigster Vorläufer anzusprechen ist, der sicherlich von Hokkaidō bis Kyūshū lebte; umstritten bleiben Süd-Sachalin im Norden und Okinawa im Süden. Eine zweite Einwanderung findet ab dem 3. Jahrhundert v.u.Z. statt und überlagert in einem wohl an die tausend Jahre währenden Prozess (Yayoi- und Kofun-Periode) diese Kultur der Bandkeramiker; an den Rändern bleiben dabei bedeutende Reste der ersten Kultur erhalten. Mit einem Wort: Die Ainu wurzeln genetisch im Jōmon-Menschen, haben sicherlich auch noch andere genetische Spuren aus Nord- und Nordostasien, sind aber keine Steinzeitmenschen, wie im ausgehenden 19. Jahrhundert oft in einer Mischung aus japanisch-westlicher Überheblichkeit und Bewunderung für die edlen Wilden à la Rousseau behauptet wurde. Und von einer „Rasseninsel“, wie die Mediziner Koganei (1927) und Kodama (noch 1937!41) annahmen, kann angesichts dieser Komplexität auch keine Rede mehr sein.
Nun ist es gewiss unangebracht, im bequemen Rückblick aus dem 21. Jahrhundert den tüchtigen Altvorderen die Leviten zu lesen, denn trotz moderner atemberaubender Analyseverfahren sind viele Fragen der japanischen Besiedlungsgeschichte noch ungeklärt. Und bei aller Ideologiekritik sollten wir behutsam umgehen mit allgegenwärtigen Klassikern wie „Rasse“ und „arisch“, denn nicht jeder Rassenbegriff des 18. und 19. Jahrhunderts ist auch rassistisch, zumal sich Rassismus gern auch hinter einem Kulturbegriff verstecken kann.
Meine zweite Frage betrifft das Bärenfest, das nach einhelliger Meinung das wichtigste religiöse Ereignis im Leben der Ainu-Gesellschaft war, obwohl man die Funktion des Festes und die Rolle des Bären oft missverstand, denn japanische wie europäische Augenzeugen verirrten sich selten in den tiefen Winter Hokkaidōs oder Sachalins. Was wir in den Berichten lesen können, wird in der Regel munter voneinander abgeschrieben, beruht auf Hörensagen oder japanischen Vorurteilen. Jedenfalls wird ein Braunbär getötet, den man im Dorf aufgezogen hat, seine Seele wird mit vielen Geschenken ins Reich der Götter „zurückgeschickt“, das Fleisch wird gegessen, das Fell genutzt oder verkauft, die Gallenblase trocknen sie und nutzen sie medizinisch. Den Bärenschädel befestigen die Ainu schließlich an einer Art Altarzaun („nusa“ genannt). All dies ist den Zeitgenossen mehr oder weniger bekannt.
Die Frage ist also: Welche Spuren dieses Kultes findet man in den Muschelhaufen der Jōmon-Periode? Kannte der Jōmon-Mensch von Hokkaidō bis Kyūshū einen Bärenkult? Zum Hintergrund sei eingeflochten, dass man auf Hokkaidō den sogenannten Higuma-Bären antreffen kann, einen nahen Verwandten des Grizzly, und auf den anderen japanischen Inseln im Tsukinowa-Bären seinen kleinen asiatischen Bruder, der ein weißes „V“ auf der Brust trägt. Bären gab (und gibt) es also zur Genüge, doch in den Muschelhaufen der Jōmon-Periode wird man vergeblich nach Bärenknochen suchen: Der alte Bandkeramiker, über dessen Weltanschauung wir leider noch sehr wenig wissen, kannte wohl keinen Bärenkult! Auch diese Frage hätte vor 1900 ihre Berechtigung gehabt.
