Die Akte Skripal - Mark Urban - E-Book

Die Akte Skripal E-Book

Mark Urban

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Beschreibung

Es ist ein True-Life Le Carré: Im Frühjahr 2018 werden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija in England mit lebensbedrohlichen Vergiftungserscheinungen aufgefunden. Es gibt kaum Zweifel daran, dass der russische Geheimdienst hinter dem Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok steckt. Zahlreiche Staaten weltweit weisen daraufhin über 140 russische Diplomaten aus, Handelssanktionen werden verhängt – die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen erreichen ihren absoluten Tiefpunkt seit dem Kalten Krieg. Mark Urban, der als BBC- Reporter seit Jahrzehnten über die Schattenwelt der Spionage berichtet, ist der einzige, dem sich Skripal anvertraut hat. Von 2017 bis zu dem Attentat führte der Autor mit ihm zahlreiche Exklusivinterviews. Das Ergebnis: Ein packendes Buch, das tief hineinführt in das neue Machtspiel zwischen Ost und West. Angefangen bei Skripals Leben als Oberst des russischen Geheimdienstes, legt Mark Urban die Motive des Russen offen, sich als Doppelagent für den britischen MI6 zu verdingen, erzählt von seiner Verhaftung und seinem Prozess in Russland und von Srkipals Leben in Salisbury im Süden Englands, wo der Ex-Spion seit einem Agentenaustausch im Jahr 2010 lebt – in ständiger Furcht vor der Rache Putins. Vielmehr jedoch enthüllt "Die Akte Skripal" als erstes Buch die Ereignisse, die zu dem versuchten Giftmord führten. Es stellt den schicksalhaften Tag des Anschlags in einen größeren politischen Kontext und zeigt, welche Bedeutung er für die Zukunft der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hat.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mark Urban

Russlands neuer Spionagekrieg

Putins langer Arm in den Westen

Aus dem Englischen von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Werner Schmitz, Karl Heinz Sieber, Karsten Singelmann, Henriette Zeltner und Christiane Bernhardt

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

»Lückenlos recherchiert, wichtig, rechtzeitig und ernüchternd ehrlich.« – John Le Carré

»Einen Verräter zu töten ist für den russischen Geheimdienst so alltäglich wie Zähneputzen. Es ist nicht politisch, es ist rein operativ.« – Anonym

Es ist ein True-Life-Spionage-Roman: Im Frühjahr 2018 werden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija in England mit lebensbedrohlichen Vergiftungserscheinungen aufgefunden. Verantwortlich für den Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok auf Sergej Skripal ist der russische Geheimdienst. Zahlreiche Staaten weltweit weisen daraufhin über 140 russische Diplomaten aus, Handelssanktionen werden gegen Russland verhängt, die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen erreichen ihren absoluten Tiefpunkt seit dem Kalten Krieg.

Doch das Attentat auf Sergej Skripal ist nur die Spitze des Eisbergs – Teil eines verborgenen Spionage-Kriegs zwischen Ost und West, wie Mark Urban zeigt. Seit Jahrzehnten berichtet er als BBC-Reporter über die Schattenwelt der Spionage, er ist der einzige, dem sich Skripal anvertraut hat. Von 2017 bis zu dem Attentat führte der Autor mit dem ehemaligen Spion zahlreiche Exklusivinterviews. Das Ergebnis: ein packendes Buch, das tief hineinführt in das neue Machtspiel zwischen Russland und dem Westen. Angefangen bei Skripals Leben als Oberst des russischen Geheimdienstes, legt Mark Urban die Motive des Russen offen, sich als Doppelagent für den britischen MI6 zu verdingen, erzählt von seiner Verhaftung und seinem Prozess in Russland und von Srkipals Leben in Salisbury im Süden Englands, wo der Ex-Spion seit einem Agentenaustausch im Jahr 2010 lebt – in ständiger Furcht vor der Rache Putins.

Als erstes Buch enthüllt »Russlands neuer Spionagekrieg« die Ereignisse, die zu dem versuchten Giftmord an Skripal führten. Umfassend erweitert und überarbeitet, beschreibt Mark Urbans Buch akribisch die Ermittlungen, die schließlich zur Identifikation der Täter führten und stellt dabei den schicksalhaften Tag des Anschlags in einen größeren politischen Kontext. So wird deutlich, welch fundamentale Bedeutung die Geheimdienst-Attacke auf Skripal für die Zukunft der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hat – ein Insider-Bericht, spannender als ein Thriller.

»Ein packendes Buch, das tief hineinführt in das neue Machtspiel zwischen Ost und West.« – Buchreport

Inhaltsübersicht

Ein widerrechtlicher Gewaltakt

Erster Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Zweiter Teil

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Dritter Teil

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Nachbemerkung

Ein widerrechtlicher Gewaltakt

Es war ein sehr ernster Augenblick, als die Premierministerin sich von ihrem Platz erhob. Fast vollzählig saßen die Abgeordneten auf ihren Bänken, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen senkte sich über das Haus, als sie mit ihrer Stellungnahme begann. Jeder war sich der Tragweite der Ereignisse in Salisbury bewusst. Aber wie würde sie darauf reagieren?

Theresa May sagte, sie wolle die Gelegenheit nutzen, um die Anwesenden auf den aktuellen Stand zu bringen »und auf diesen ruchlosen und abscheulichen Akt zu antworten«. Flankiert von der Innenministerin und von der Direktorin des Parlaments dankte sie den Rettungskräften für ihren Einsatz und den Bürgern von Salisbury für die Stärke, die sie bewiesen hatten. Das war ja schön und gut, aber alle warteten darauf, was sie nun zu Russland sagen würde.

Die Premierministerin hatte am Morgen eine Konferenz des Nationalen Sicherheitsrates geleitet, in der man sie über die neuesten geheimdienstlichen Erkenntnisse sowie über die letzten Ermittlungsergebnisse unterrichtet hatte. »Mittlerweile ist klar«, fuhr sie fort, »dass Mr Skripal und seine Tochter mit einem militärspezifischen Nervengift attackiert wurden. Dieses gehört zu einer Gruppe von in Russland entwickelten Nervengiften, die unter der Bezeichnung Nowitschok bekannt sind.«

Aus der Tatsache, dass diese von Chemikern im Regierungsauftrag entwickelt wurden und »Russland eine wohlbekannte Geschichte staatlich beauftragter Attentate« habe, sowie der Aussage des Kreml, dass man es für legitim halte, Überläufer zu liquidieren, habe die britische Regierung den Schluss gezogen, es sei »höchstwahrscheinlich«, dass Russland für die Vergiftung des ehemaligen russischen Geheimdienstmitarbeiters Sergej Skripal und seiner Tochter Julija die Verantwortung trage.

Theresa May stellte dem Kreml ein Ultimatum. Eines, das – wie ein britischer Diplomat es ausdrückte – »so formuliert war, dass es nur abgelehnt werden konnte«. Entweder war der Giftanschlag in Salisbury im Auftrag der russischen Regierung verübt worden, oder diese hatte die Kontrolle über tödliche Waffen verloren – die sie unter den Bedingungen der von ihr unterzeichneten internationalen Abkommen ohnehin nicht besitzen durfte. Man gab Russland vierundzwanzig Stunden Zeit, Stellung zu beziehen. Sollte bis dahin keine glaubwürdige Antwort eingehen, »dann zwingt uns das zu dem Schluss, dass diese Aktion einen widerrechtlichen Gewaltakt des russischen Staates gegen das Vereinigte Königreich darstellt«.

Viele der Anwesenden konnten nicht fassen, was sie da gerade gehört hatten. Es hörte sich an wie 1914. Oder wenn schon nicht wie das Vorspiel zu einem Krieg, dann zumindest wie der Ausbruch einer schweren internationalen Krise. Viele Abgeordnete der Labour-Partei empfanden dies als übereilte Reaktion aufgrund von geheimdienstlichen Erkenntnissen, so wie vor fünfzehn Jahren, als man ihnen Ähnliches aufgetischt hatte, um das Land in den Irakkrieg zu locken.

Um ihre Behauptungen zu untermauern, brachte Theresa May eine Reihe von Anschuldigungen vor, die belegten, wie schlecht es schon vor diesem Vorfall im Frühjahr 2018 um die Beziehungen zu Russland gestanden hatte: Man habe illegal die Krim annektiert und der Ukraine entrissen. Man habe in der Ostukraine Separatisten zu einem groß angelegten bewaffneten Konflikt angestiftet. Man habe den Westen nuklear bedroht. Und nicht zuletzt habe man 2006 in London den Dissidenten Alexander Litwinenko durch ein seltenes radioaktives Isotop vergiftet.

Wer aber war dieser Mann, dieser ehemalige Oberst, der nun in Lebensgefahr schwebte wegen einer Entscheidung, die er viele Jahre zuvor getroffen hatte, als er beschloss, für den britischen Geheimdienst tätig zu werden? Er war sicher kein Litwinenko in dem Sinne, dass er etwa lautstark gegen den russischen Präsidenten polemisiert und ihn aller möglichen Untaten beschuldigt hätte. Sergej Skripal war in der Öffentlichkeit kaum präsent. Nachdem er vor einigen Jahren bei einem Austausch von Geheimdienstmitarbeitern nach Großbritannien gekommen war, war er schlicht von der Bildfläche verschwunden.

Unter den Journalisten, die am 9. März 2018 Zeugen der Stellungnahme der britischen Premierministerin und der Geburtsstunde einer weitreichenden Krise wurden, war ich wohl der einzige, der Skripal persönlich kannte. Und nicht nur das. Ich hatte ihn im Sommer 2017 viele Stunden lang interviewt. Was ich dabei erfahren hatte, hatte ich für mich behalten. Mir war klar, dass die Zeit kommen würde, seine Geschichte zu erzählen. In diesem Augenblick aber wollten ich und viele andere nur eines wissen: Würden Sergej Skripal und seine Tochter überleben?

Die Antwort auf diese Frage würde in einem kleinen Raum im vierten Stock des Bezirkskrankenhauses von Salisbury fallen. Dort kämpfte ein Fünfundsechzigjähriger um sein Leben – gegen ein Gift, das so exotisch war, dass niemand seine Auswirkungen je behandelt hatte. In diesem Kampf würden Bluttests, Pharmakologen und die ärztliche Kunst den Ausschlag geben, nicht Politik und Wutgeheul.

Skripal und seine Tochter waren an alle erdenklichen Apparate angeschlossen, die notwendig waren, um sie am Leben zu erhalten: Das Beatmungsgerät pumpte Luft in ihre Lungen, wobei sich der Beutel rhythmisch aufblähte und wieder zusammenzog. Durch die Infusionsschläuche tropfte Atropin in ihre Adern, zusammen mit allerlei anderen Medikamenten. Und andere Schläuche leiteten ihr Blut zur Reinigung, bevor es zurück in den Körper gepumpt wurde. Damit sie all diese medizinischen Eingriffe aushielten und ihr Gehirn vor dem Nervengift geschützt würde, waren die beiden in ein künstliches Koma versetzt worden.

Wie war dieser bemitleidenswerte Patient – in so vielerlei Hinsicht ein typischer Russe seiner Generation, ein Jedermann – in diesen Kampf ums Überleben geraten, ins Zentrum einer schweren internationalen Krise? Seine Geschichte konnte man fast schon allegorisch nennen. Ganz sicher führt sie uns durch Jahrzehnte des Misstrauens und der Spionage zwischen Russland und dem Westen. Der Konflikt hörte auch nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 nicht auf – höchstens gab es eine Atempause von ein, zwei Jahren, bevor er in unverminderter Heftigkeit wieder aufgenommen und mit der Zeit immer schärfer und gnadenloser wurde. Es war der Konflikt, der für Skripal zweiundzwanzig Jahre vor dem Giftanschlag zu einer persönlichen Abwägung führte. In einer glücklicheren Zeit, an einem glücklicheren Ort.

Erster Teil

AGENT

1

Die Anwerbung

Hochsommer in Madrid, 1996. Zwei Männer schlendern durch den Parque del Retiro. Es ist ein Werktag, beide tragen Bürokleidung, was die Hitze noch drückender macht.

Der ältere der beiden hat vor ein paar Wochen seinen fünfundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Er ist groß und hat eine Statur wie ein Boxer. Seine helle Haut wirkt unter all den Spaniern, die ihre Kinderwagen schieben oder Händchen haltend spazieren gehen, ein wenig exotisch. Der andere ist gut zehn Jahre jünger, wohl ein Spanier, ein dunkler Typ und angezogen, wie ein Madrilene sich eben kleidet. Insgesamt wirkt er in diesem Umfeld mehr zu Hause. Und doch sieht er nicht gerade entspannt aus.

Die einzelnen Bereiche des Parks spiegeln die Geschichte der Bourbonenherrscher Spaniens und der Staatsmänner des Landes wider. Ein Teil ist nach den Regeln formal-französischer Gartenkunst angelegt, wo exakt geschnittene Buchsbaumhecken die Kieswege säumen. Im Juli gibt es dort Marionettentheater und allerlei andere Attraktionen für die Kinder, dann strahlt der Park wirklich Ferienatmosphäre aus. Unter den Schirmen der immergrünen Bäume treffen sich die Jungen und Schönen Madrids zum Picknicken und Knutschen.

Gewächshäuser und Statuen zieren den Park, sogar einen See zum Bootfahren gibt es. Der ideale Ort also für ein Rendezvous, denn von den breiten Alleen mit Kastanien, Pappeln und Ahornbäumen zweigen schmale Pfade ab, sodass man den Menschenmassen gut aus dem Weg gehen kann. Mit seinen unzähligen Facetten war El Retiro, wie die Spanier den Park nennen, ideal für das Vorhaben. Der größere Mann ist Sergej Wiktorowitsch Skripal, Erster Sekretär an der russischen Botschaft und dort zuständig für Wissenschaft und Technik. Doch das ist nur seine Tarnung. Sein eigentliches Geschäft in Spanien ist seine Tätigkeit als Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije). In Madrid arbeitet er an einer besonders heiklen Mission und ist direkt der Zentrale unterstellt. Was den Mann angeht, mit dem er spricht, so handelt es sich um Richard Bagnall*, aber natürlich trägt auch er einen spanischen Decknamen. Und er wird immer nervöser, je länger der Spaziergang im Park dauert.

Richard hat den Russen nun schon mehrmals getroffen. Er weiß, dass er nun tätig werden muss. Skripals drei Jahre in Spanien gehen allmählich zu Ende, und dieser kleine Tanz hier dauert ohnehin schon viel zu lange.

Wenn solche Dinge sich eine Weile hinziehen, dann muss man irgendwann klare Verhältnisse schaffen, sonst verachtet einen der andere am Ende nur. Und der Himmel weiß, dass Richard seit ihrem ersten Treffen im April eine ganze Reihe Köder ausgeworfen hat. Er weiß, dass Sergej nicht mehr viel Zeit hat. Das erhöht den Druck noch, als wäre der nicht ohnehin schon hoch genug. Was die anderen Spaziergänger in El Retiro im Sommer 1996 nicht wissen können, ist, dass Richard Teil einer sorgsam choreografierten Verführung ist, einer Verführung, die rein gar nichts mit Sex zu tun hat. Es handelt sich vielmehr um den Beginn einer ganz anderen Art von Beziehung, die ihr Leben lang dauern wird und ein enormes Risiko birgt. Die »Sache«, die der jüngere Mann einfädeln möchte, wäre durchaus dazu angetan, Sergejs Leben vollständig und für immer zu ruinieren.

Der Russe ist kein Dummkopf. Er hat die harte vierjährige Ausbildung an der Militärisch-Diplomatischen Akademie in Moskau absolviert, in der die GRU ihre Geheimdienstmitarbeiter auf den Auslandsdienst vorbereitet. Dort, in deren unbelüfteten Räumen, hatten die Ausbilder die jungen Leute immer wieder vor fremden Spionen gewarnt, vor all den Tricks, die man anwenden würde, um sie zu korrumpieren und anzuwerben. Umgekehrt hatten sie dort auch gelernt, wie sie zu fremden Agenten Kontakt aufnehmen konnten. Sie kannten jeden einzelnen Trick, wie man einen Menschen an einer Reihe moralischer Abschalteinrichtungen vorbeimanövriert, bis der andere gar nicht mehr anders kann, als für einen zu spionieren.

Während Richard den heiklen Small Talk fortsetzte, der eben jenes Ergebnis herbeiführen sollte, studierte Sergej ihn gründlich. »Er sieht so jung aus und so nervös«, dachte der GRU-Offizier. Wie lange hatte er den adretten Mann mit der olivfarbenen Haut, der im Park plauderte und plauderte, schon in Verdacht? Schon nach zwei oder drei Begegnungen hatten bei ihm die Alarmglocken geschrillt.

Der verdächtige junge Mann hatte das Gespräch immer wieder auf aktuelle Ereignisse gelenkt. Ein- oder zweimal hatte er Sergej ganz offen gefragt, was er denn in der Botschaft »wirklich macht«. Und einmal hatte er beim Abendessen ein Buch offen liegen lassen, das er angeblich gerade las. »Aquarium« lautete der Titel, und Richard hatte wissen wollen, was Sergej davon hielt. Es handelte sich um einen Bericht über die GRU von einem früheren Geheimdienstoffizier namens Wiktor Suworow.

Skripal wusste, was er von diesem Buch zu halten hatte. Sein Autor, dessen wahrer Name Wladimir Resun war, war 1978 zu den Engländern übergelaufen, während er in der russischen Botschaft in Genf arbeitete. Da Skripal kurz nach jenem fatalen Ereignis die Militärisch-Diplomatische Akademie besucht hatte, kannte er Resun nur als »feigen Verräter«, der sein Vaterland für ein paar Silberlinge verkauft hatte. Und was hatte dieser Resun denn schon gewusst? Er war schließlich nur Hauptmann gewesen und Genf sein erster Auslandseinsatz. Nun hing er irgendwo im Westen herum und versuchte, Geld zu machen, indem er seine eigene Bedeutung aufbauschte. Sollte Richard gehofft haben, Skripal in einem spanischen Restaurant zu einem traulichen Gespräch über Geheimdienstarbeit zu verleiten, dann konnte er sich das abschminken. Der Oberst schnitt ihm das Wort ab und meinte, er wisse buchstäblich nichts über die GRU. Andererseits deutete so einiges darauf hin, dass der junge Mann wirklich das war, wofür er sich ausgab: ein Geschäftsmann aus Gibraltar, der viel Geld mit Öl in Afrika gemacht hatte und nun einen russischen Partner suchte. Sergej hatte ihn schon nach wenigen Treffen von der GRU überprüfen lassen. Richard hatte tatsächlich Büroräume in Gibraltar. Wenn man dort anrief, meldete sich jemand, und sein Name bzw. sein Pseudonym war an mehreren Orten durchaus bekannt. Außerdem hatte sie ein gemeinsamer spanischer Bekannter miteinander bekannt gemacht.

Wenn es sich also um eine Tarnung handelte, dann war es eine ganz hervorragende, denn Richard gab das Geld mit vollen Händen aus, wie man es von einem erfolgreichen Geschäftsmann erwartete. Er aß in den besten Restaurants und stieg in den renommiertesten Hotels ab, wenn er in Madrid war. Und die Ölfelder in den Republiken Tjumen und Komi waren zu jener Zeit wirklich das neue Klondike, wo Menschen mit den richtigen Beziehungen Millionen oder gar Milliarden scheffeln konnten. Was Richard brauchte, so meinte er, seien eben die richtigen Kontakte, um an das schwarze Gold heranzukommen. Mitte der 1990er-Jahre stand in Russland ohnehin alles zum Verkauf, oder zumindest schien es so. Kein Wunder also, dass da jemand mit von der Partie sein wollte.

Während sie so durch den Park schlenderten, unterhielten sie sich auf Englisch. Skripal sprach zwar leidlich Spanisch, doch Bagnall war zweisprachig. Sein Pseudonym, seine Kleidung und lockeres Auftreten ließen ihn vollkommen authentisch erscheinen. Auch hatte er eine ausgesprochen offene, arglose Art. Einmal hatte er auch Sergejs Frau Ljudmila und die Kinder zu einem Flamenconachmittag in einen Club eingeladen. Als der geheimnisvolle Typ Sergejs Familie ein paarmal getroffen hatte, hatte er sogar Geschenke für die Kinder Julija und Sascha mitgebracht. »Die Kinder liebten ihn«, sollte Skripal später sagen.

Als er von einer Stippvisite in London zurückkam, hatte er auch ein Geschenk für Skripal dabei. Ein kleines Modell eines typisch englischen Cottage. Es war so ein kleines Ding, wie man es für wenige Pfund in einem Souvenirladen fand. Vermutlich in China hergestellt, aber aus Gründen, die Sergej nicht genau benennen konnte, mochte er das buntbemalte Häuschen aus Kunstharz, das alles naturgetreu nachahmte: die Kletterpflanzen, das durchhängende Dach und die Eingangstür mit dem Rundbogen. Richard war auch ganz schön trinkfest – Gin Tonic, gläserweise spanischen Wein und Cognac. In den Augen eines Russen verlieh ihm auch dies eine gewisse Authentizität. So ein Verhalten passte nicht zu dem, was Sergej von Engländern oder Amerikanern erwartete, die einen anderen Agenten anwerben. In der GRU ging man davon aus, dass westliche Geheimdienstler einen Bogen um die Familie des Zielobjekts machten, und zwar mit gutem Grund. Allein schon, wenn ihr Kind seinen Schulkameraden von diesem lustigen Fremden erzählt, der ständig Geschenke mitbringt und Papas neuer bester Freund ist, stehen die Chancen gut, dass andere russische Diplomaten auf den Mann aufmerksam werden.

In einem Punkt aber war sich Sergej mittlerweile sicher: Falls Richard ein Spion war, dann kein spanischer. Angesichts der langen Rivalitäten um Gibraltar würde ein spanischer Geheimdienstler wohl kaum die Halbinsel als Basis wählen. Ob er wohl Amerikaner war? Eines war dem GRU-Oberst klar: Sollte sein hartnäckiger Verehrer von der CIA sein, wäre er nicht interessiert. Er wäre nicht bereit, das Risiko einzugehen, das ein Überlaufen zu den Amerikanern bedeutete, falls der nervöse junge Mann etwa darauf hinauswollte.

Als Richard sich an die »Anwerbung« machte – den Augenblick, in dem ein Spion jemanden fragt, ob er sein Land verraten würde – stieg die Spannung und mit ihr auch die Temperatur. So viel Training, so viel gedanklicher Aufwand, so viele Verhaltensratschläge kreisen exakt um diesen Moment. Er wird in Spionagekrimis romantisiert und im Fort Monckton am Solent, wo der britische Auslandsgeheimdienst Secret Intelligence Service (SIS, meist als MI6 bezeichnet) angehende Geheimdienstoffiziere schult, in Rollenspielen einstudiert – und nun sollte er, Richard Bagnall, der erst seit ein paar Jahren dabei war, einen russischen GRU-Oberst anwerben.

»Sergej, ich habe einen Freund, der Informationen darüber, was wirklich in Russland vorgeht, ehrlich zu schätzen wüsste. Er arbeitet für die britische Regierung. Denken Sie, Sie könnten das für uns tun? Natürlich würde man sich um Sie kümmern.«

»Okay«, dachte Sergej, »da haben wir’s. Der Typ ist ein britischer Geheimdienstler.« Ja, er würde ihn gerne wiedertreffen. »Ich war bereit«, würde Skripal Jahre später sagen. Aber wie war es zu dieser Bereitschaft gekommen? Wie war er vom eingefleischten Patrioten, Fallschirmspringer und verdienten GRU-Offizier zu dem Menschen geworden, der nun all dies an den MI6 verkaufen würde?

2

Sergejs langer Weg

Sergej und Richard trafen sich schon bald wieder. Die zweite Begegnung dauerte ebenfalls nicht sehr lange, und diesmal lagen die Karten auf dem Tisch. Auch die Bedingungen waren im Wesentlichen geklärt. Skripal war tatsächlich Oberst des russischen Militärnachrichtendiensts GRU, und sein Gesprächspartner arbeitete für die britische Regierung. Der Russe war bereit, gegen Geld Informationen zu liefern. Aber er brauchte ein paar Sicherheiten für den Fall, dass die Sache schiefging. »Ich wollte wissen, was der MI6 für mich tun würde, also Papiere, Pass, einen legalen Status.« Dass nicht jeder am Vauxhall Cross, in dem hässlichen neuen Bürobau des MI6 an der Themse, die angebahnte Beziehung so euphorisch sah wie er, wurde Richard klar, als er an jenem Tag im Juli von El Retiro zurückkam, um schnellstens die erfolgreiche Anwerbung zu melden. Der MI6 stellt einen Beamten eigens dafür ab, jeden neu rekrutierten Agenten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Er »mimt den Advocatus Diaboli von Berufs wegen«, erläutert ein ehemaliger Geheimdienstler. Allein eine Anfangszusage wie die von Skripal gewünschte würde die Regierung Ihrer Majestät einige Hunderttausend Pfund kosten. Der Kalte Krieg war doch vorbei, an russischer Spionage hatte die »Kundschaft« des Dienstes längst kein so großes Interesse mehr, wozu also der Aufwand?

Schon Mitte der 1990er-Jahre redeten hochrangige MI6-Mitarbeiter davon, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion dermaßen viele Möchtegern-Überläufer hervorgebracht habe, »dass wir sie wegschicken mussten«. Jemand, der für das ganze Umsiedlungspaket in Frage kommen wollte, müsste schon wahrhaft Bemerkenswertes zu bieten haben. Aber Sergej Skripal war kein Überläufer, sondern etwas sehr viel Wertvolleres: ein hochrangiger Agent des russischen Militärgeheimdienstes. Wie war der überhaupt ins Gespräch gekommen mit einem aufwendig legendierten MI6-Mann? Wieso wollte so jemand diesen Weg antreten, ein neues Leben fern von Russland, obwohl er doch eindeutig sein Land liebte?

Sergej Skripal hatte eine für die frühen Nachkriegsjahre der UdSSR typische Kindheit. Er wurde 1951 in Kaliningrad, der ehemaligen preußischen Festung Königsberg, geboren und wuchs zwischen den Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs auf. Sein Vater Wiktor Skripal hatte als Artillerieoffizier einige der größten Schlachten der Roten Armee mitgemacht, und was er davon erzählte, war noch direkt greifbar für seine Söhne, die beide in den 1950er-Jahren aufwuchsen. Bis in die frühen 1960er-Jahre hinein gab es noch überall Ruinen und ausgebombte Grundstücke, in denen Sergej und sein älterer Bruder Walerij herumstreunten und Krieg spielten. Kaliningrad war erst in den letzten Monaten des erbarmungslosen Krieges von der Roten Armee eingenommen worden, danach hatte Stalin die einheimischen Deutschen vertrieben und seine eigenen Leute an ihre Stelle gesetzt.

Der Tribut, den der Krieg gefordert hatte, war während Skripals Kinderjahren noch im ganzen Land und für jedermann sichtbar, verzweifelte Mütter, die ihre Söhne an der Front verloren hatten, ebenso wie ganz normale Nachbarn, die plötzlich höchste Orden und Auszeichnungen trugen. Auch Sergejs Eltern hatten kein leichtes Leben, man wohnte in einer Kommunalka, das heißt, man teilte sich eine Wohnung mit anderen jungen Familien, aber wer die 1940er-Jahre überlebt hatte, konnte in den 1960ern eine rapide Verbesserung des Lebensstandards erleben. Wer in diesen Jahren aufwuchs, war geprägt vom Sowjetstaat und seiner Stärke – sowohl bezogen auf die Abwehr der Bedrohung durch den Nationalsozialismus als auch auf die so rasche Erholung nach dem Krieg.

Sergej war ein guter Durchschnittsschüler, weder Genie noch Dummkopf, aber ein exzellenter Sportler. Wenn er mal ein, zwei Stunden allein in der Bibliothek war, las er am liebsten Geschichten von Rittern, Eroberungen und Heldentaten, vor allem hatte es ihm das Buch über Richard Löwenherz angetan, das er irgendwann entdeckt hatte. Zu Hause wurden Sergej und Walerij von Mutter Jelena verwöhnt und umsorgt, und sie impfte ihnen auch einen festen Glauben an sich selbst ein.

Angesichts seiner Neigungen kam Sergejs Idee, nach der Oberschule in die Fußstapfen seines Bruders zu treten und auch auf die Schdanow-Akademie für Militäringenieure zu gehen, nicht überraschend; er bewarb sich und wurde angenommen. Offizier der Sowjetarmee zu werden war nichts für Leute, die es eilig haben. Skripal absolvierte zunächst die Pionierausbildung. Das waren vier Jahre Theorie und Praxis des militärischen Pionierwesens, vom Errichten und Räumen von Hindernissen bis zum Zerstören, Brückenbauen und Bunkerstürmen, am Ende stand ein Abschluss, der dem Status eines Universitätsstudiums entsprach.

Nach all den Jahren Büffelei wurde Sergej zum Unterleutnant befördert und legte den Militäreid ab. Dieses feierliche Gelöbnis war die zweite emotionale Bindung, die er im Leben einging, die erste war die Treue zur Familie im Allgemeinen und zu seiner Mutter im Besonderen. Die Sowjetunion legte großen Wert auf die innere Verbundenheit mit dem Armeeleben. Die Zeremonien zur Vereidigung neuer Offiziere waren regelrechte Choreografien vor imposanten Kriegsdenkmälern, oft mit Fackeln und Flutlicht, Musik von Kapellen und den Familien als Zuschauern. Die zweite Hälfte des Gelöbnisses legte besondere Betonung auf die künftigen Pflichten für den einzelnen Soldaten und auf die Folgen, wenn er sie nicht erfüllte: »Ich werde stets bereit sein, meine Heimat, die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, auf Befehl der sowjetischen Regierung zu verteidigen, als Kämpfer der bewaffneten Truppe schwöre ich, sie mit Tapferkeit und Geschick, mit Würde und Ehre zu verteidigen, und mein Blut und mein Leben für den endgültigen Sieg über den Feind einzusetzen. Wenn ich diesen feierlichen Eid jedoch brechen sollte, sollen mich die harte Vergeltung der sowjetischen Gesetze und der Hass der ganzen Welt und die Verachtung der Werktätigen treffen.«

Als er sein Studium an der Akademie beendet und sich zum Militärdienst verpflichtet hatte, höchstwahrscheinlich auf Lebenszeit, fügte er seiner Zukunftsplanung den nächsten wichtigen Mosaikstein hinzu. Im Juli 1972 heiratete er seine Kaliningrader Jugendliebe Ljudmila Koschelnik. Auf einem Familienfoto steht sie ein paar Monate vor der Hochzeit neben ihm, eine hübsche junge Frau mit einem dichten, dunkelbraunen Bubikopf. Walerij, der seine Ausbildung schon abgeschlossen hat, ist Arm in Arm mit seiner Freundin und in Leutnantsuniform zu sehen. Sergej dagegen trägt nicht seine Kadettenuniform, sondern Zivil, vielleicht im Wissen, dass er mit seinem soldatisch glänzenden Bruder nicht konkurrieren kann.

Einem russischen Sprichwort zufolge liebt Gott die Dreifaltigkeit, und Dreiecke, das wird einem jeder Militäringenieur bestätigen, sind in der Tat die solidesten Strukturen, die es gibt. Sie geben Kränen Stabilität und finden sich vielfach wiederkehrend in der Struktur von Hausdächern oder auch militärischen Behelfsbrücken. Sergej war seiner Mutter, der Armee und Ljudmila in Treue und gegenseitiger Verantwortung verbunden, und diese Dreifaltigkeit wurde die Grundlage seines erwachsenen Lebens.

Damit schien sein Weg eigentlich schon mit zweiundzwanzig vorgezeichnet zu sein, aber die typische Pionierlaufbahn, in der er mit Ljudmila von einem weit abgelegenen Standort zum nächsten zu ziehen hatte, genügte ihm nicht. Er beschloss (genau wie sein Bruder Walerij zuvor), dass nur die Luftwaffe Ritterlichkeit und Heldentum in ihrer höchsten Form zu bieten hatte.

Walerij, der schneidigere von beiden, hatte es vorgemacht, er war zu den Fallschirmspringern der Schdanow-Akademie gegangen, in der die Offiziere für die Divisionen der WDW (Wosduschno Dessantnye Woiska), wie sie auf Russisch heißen, ausgebildet werden. Jede dieser Einheiten hat ihre eigenen Spezialisten, Artilleristen, Beschaffungstrupps und natürlich auch Pionierbataillone. Also meldete sich Sergej nach der Kaliningrader Akademie für eine weitere Ausbildung zum Fallschirmjäger, was ihm auch den Zutritt zur elitären WDW-Bruderschaft eröffnete.

Nachdem er sein Talent zum Abspringen aus Flugzeugen und seine Unerschrockenheit zur Genüge bewiesen hatte, wurde er in den fernen Osten versetzt, an die Grenze zu China. Dort hatte sich 1969 ein lange schwelender Konflikt zu Kampfhandlungen zwischen sowjetischen und chinesischen Truppen ausgewachsen, der Kreml hatte daraufhin die Grenzstandorte verstärkt und seine Kriegsplanungen aktualisiert. 1972 war es zu weiteren gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den beiden kommunistischen Mächten gekommen.

Der junge Fallschirm-Pionier wurde zur sogenannten Aufklärungs- und Ablenkungskompanie abkommandiert, und damit geriet er bald darauf in eine zwielichtige Welt – die Grauzone zwischen dem offiziellen Militär und den inoffiziellen Einsatzkommandos der GRU, den Speznas, die die heikleren Kriegsvorbereitungen erledigten. Spezialeinheiten bildeten die taktisch-operative unterste Ebene des militärischen Geheimdienstes GRU. Die Spezialeinheit, in der Sergej Dienst tun würde, war, wie er bald entdeckte, die letzte Station auf dem Weg von den regulären WDW-Truppen zu den Speznas-Kommandos.

Kaum angekommen, saß er schon an detaillierten Vorbereitungen für mögliche neue Zusammenstöße zwischen der UdSSR und China. Auf welchen Routen konnten sowjetische Truppen nach China vordringen? Waren die Brücken, Straßen und Gleisanlagen brauchbar? Was an Infrastruktur musste zerstört werden, damit China den Vormarsch nicht stoppen konnte? Der größte Teil der Planung ließ sich mittels Karten und Luftbildern erledigen – Aufnahmen aus Flugzeugen, die die Grenze abflogen und nach China spähten, oder von Satelliten. Manche wichtigen Brücken, Tunnel und Ähnliches dagegen mussten vor Ort inspiziert werden. Bald unternahm auch der junge Kaliningrader Offizier Mitte der 1970er-Jahre verdeckte Operationen in China. Er war Mitglied eingeschleuster kleiner Teams, die in der Volksrepublik Detailaufklärung betreiben sollten. »Ich war dreimal in China«, spöttelte Skripal später, »immer ohne Visum, aber nie ohne Kalaschnikow.«

Nach diesen lebensgefährlichen Einsätzen folgte eine Zeit im zentralasiatischen Usbekistan, das damals noch einer der treuen Sowjetstaaten war. Obwohl es jahrzehntelang unter dem Diktat des Kreml gestanden hatte, hatte es sich doch seine provinzielle Atmosphäre bewahrt. Jetzt lebte Sergej mit seiner Frau Ljudmila und dem kleinen Sohn Alexander – »Sascha« für die Familie, er war noch ein Säugling, geboren 1974 – in der festgefügten Gemeinschaft eines sowjetischen Luftwaffenstützpunkts am Rand der usbekischen Stadt Ferghana. Die Stadt und die gesamte Umgebung waren während der zaristischen Feldzüge in den 1860er- und 1870er-Jahren erobert worden. Die Zaren wollten ihren Einflussbereich ausdehnen, zum einen aus machtpolitischen Motiven wegen der Rivalität mit Großbritannien, zum anderen aus ökonomischen Interessen. Das Ferghanatal lag im Hochgebirge Mittelasiens wie eine fruchtbare Oase. Hier wurde der größte Teil der Baumwolle für das zaristische Russland und später die Sowjetunion produziert.

In diesem abgelegenen Landstrich war das 345. Gardeluftlanderegiment stationiert, in das Sergej Skripal versetzt wurde, eine der schnellen Einsatzeinheiten, die die WDW für den Kreml so besonders wertvoll machten. Für ihn und seine Luftwaffenkameraden war es das, wie manche es nannten, »Goldene Zeitalter« der sowjetischen Luftstreitkräfte. Unter General Wassilij Margelow, der sie gegründet hatte und erstaunliche dreiundzwanzig Jahre lang auch führte, erwarb sich die WDW einen guten Namen bei den Entscheidungsträgern und wurde Bestandteil der Militärkultur in der Sowjetunion, ähnlich wie das Marine Corps in den Vereinigten Staaten. Russland hatte keine Tradition als Seefahrernation, und so verfügte die Sowjetunion auch nicht über eine starke Militärmarine, aber Margelow hatte seinen Fallschirmtruppen das blaue Barett und das gestreifte Matrosenhemd verpasst, und so zogen sie, zum Schutz ihres Mutterlands, ausgerüstet wie moderne Marines, ihre Bahnen über den Erdball nicht zu Wasser, sondern in der Luft.

Die WDW war 1968 beim Einmarsch in die Tschechoslowakei als Speerspitze dabei, hatte 1973 in Flugbereitschaft gestanden, um Syrien gegen auf Damaskus vorrückende israelische Panzer zu unterstützen, und wurde immer wieder zur Verstärkung in militärische Spannungsgebiete hinzugezogen. Mit der nicht zu unterschätzenden operativen Rolle dieser Luftwaffeneinheiten entwickelte sich aber gleichzeitig auch ein gewaltiger Kult um die Organisation. Fallschirmjäger waren vom Augenblick ihres Gelöbnisses an geradezu aufgefordert, auf gewöhnliche Sterbliche herabzublicken, und dass sie in jedem August den Jahrestag der WDW mit Unmengen von Wodka feierten, sorgte für eine gewisse Unruhe bei den gesetzestreuen Bürgern quer durch die Sowjetunion von Witebsk bis Chabarowsk, also auch in Ferghana.

Körperliche Kondition und Tapferkeit spielten eine enorme Rolle für das Selbstbild – Angehörige der WDW hatten ihre eigenen Fitness-Center, trainierten ihre Art des unbewaffneten Kampfs bis zur Perfektion, auch auf Boxen wurde Wert gelegt, eine Sportart, in der Skripal brillierte. Er nahm sogar an nationalen Armeewettkämpfen teil.

Als wären Fitness, Kampftraining und Stabsarbeit nicht genug, erfreuten sich die Offiziere und ihre Familien in Ferghana auch intensiver sozialer Kontakte. Die Militärstandorte aus dem zaristischen 19. Jahrhundert waren noch immer Vorposten, umzingelt von kriegslüsternen Stämmen und Guerillabanden. Auch 1976, als Skripal in Ferghana ankam, war dort noch eine Art Wildwest-Grenzlandatmosphäre zu spüren. Die meisten Einheimischen waren Usbeken, mit den Offizieren und Mannschaften des 345. Regiments pflegten sie kaum Umgang.

An freien Tagen und in den Ferien fuhr Skripals junge Familie an irgendein ruhiges Plätzchen zum gemeinsamen Picknick mit Offizierskameraden und deren Familien, man breitete Decken im Schatten aus und genoss Schaschlik, Melone und Bier.

Die Frau eines der anderen Offiziere erinnert sich an die Zeit dort: »Die 1970er-Jahre, als wir in Ferghana lebten, waren die besten Jahre meines Lebens … wir aßen oft erst spät, weil die Männer so viel arbeiteten. Aber wir Frauen kochten zusammen und lachten und plauderten dabei, und oft aßen wir dann draußen in der abendlichen Kühle. Wir hatten alle kleine Kinder, die wuchsen zusammen auf. Tagsüber gingen wir auf den Basar Obst und Gemüse kaufen.«

Eines Tages war Skripal vom Training nach Hause gekommen und hatte erfahren, dass ein paar neben dem Standort wohnende Usbeken Ljudmila und andere Offiziersfrauen bei einem der Marktbesuche im Vorbeigehen mit anzüglichen Rufen beleidigt hatten. Er und andere Offiziere beschlossen, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. »Ich zog mit ein paar Fallschirmkameraden zusammen los und fand die Typen«, erzählte er, »wir haben sie verprügelt – danach war die Lage entspannt.«

Die Fallschirmjägerzeit in Ferghana war die Chance für Sergej Skripal und seine Kindheitsträume, hier konnte man Ritterlichkeit und Heldentum ausleben. Außerdem bekam man bei der WDW alle Möglichkeiten, sich als Muschik zu beweisen – als echter Mann. Skripal sprang aus Flugzeugen, boxte zum Ruhm seines Elitecorps, genoss die Zeit mit seinem kleinen Sohn und verteidigte die Ehre seiner Frau. Und er war noch keine dreißig Jahre alt. Allerdings gab es seit Längerem Entwicklungen, die die Idylle in Ferghana bald beenden sollten.

Die Ereignisse im Süden, in Afghanistan, nahmen unversehens immer gewalttätigere Züge an. Im April 1978 hatte es einen Staatsstreich gegeben, den der Kreml begrüßt hatte. Durch ihn waren Kommunisten an die Macht gekommen – oder solche, die in Afghanistan am nächsten an Kommunisten herankamen. Diese Ereignisse wurden in Ferghana aufmerksam verfolgt. Die Aktivitäten der sozialistischen Verbündeten Moskaus in Afghanistan führten sehr bald zu Massendesertionen in der Armee und zu Revolten in dem gesamten von Bergen durchzogenen Land. Aufgestachelt von radikalen Geistlichen, sahen viele Afghanen in den Kommunisten eine existenzielle Bedrohung für den Islam und ihre traditionelle, vorwiegend ländliche Lebensweise.

Moskau hatte immer schon auf die »fortschrittlichen Kräfte« im Süden der Sowjetunion gesetzt, wollte sie an die Macht bringen und auch bewaffnen. Nur tauchte bald die Frage auf, wer das sein sollte. Innerhalb der herrschenden Partei in Afghanistan tobten gewalttätige Fraktionskämpfe. Die Russen schickten Berater nach Afghanistan und weiteten ihr dortiges Geheimdienstnetz aus, doch langsam dämmerte ihnen, dass das Ganze in einem Desaster enden könnte – die afghanische Revolution würde womöglich einfach untergehen wegen interner Kämpfe und wegen eines heiligen Kriegs der Bauern.

Die sowjetischen Nachrichtendienste hatten den afghanischen Verteidigungsminister Hafizullah Amin im Verdacht, er sei CIA-Agent und zudem ein machtversessener Abenteurer. Sie glaubten, dass er seine einflussreiche Schlüsselposition nutzte, um gegenüber dem Präsidenten und damit auch Moskau loyale Militärs kaltzustellen und durch eigene Getreue zu ersetzen. Nach Ansicht der GRU waren viele Offiziere in Amins Fraktion von Amerikanern trainiert worden, sie hatten in den 1950er- und 1960er-Jahren, als Afghanistan nach einem Mittelweg zwischen den Fronten des Kalten Kriegs suchte, an von den USA angebotenen Ausbildungsprogrammen teilgenommen.

Die GRU wollte unbedingt eine entscheidende Rolle in den afghanischen Fraktionskämpfen spielen, und damit geriet Sergej Skripal, inzwischen Hauptmann, in den »dunklen« Bereich von verdeckten Operationen und Geheimdienstarbeit.

Er war einem kleinen Team von Speznas-Agenten zugeteilt, und von einem ihrer Afghanistan-Trips hat er mir erzählt. Er meinte, es sei Ende 1978 gewesen, doch ich vermute, es war eher Anfang 1979. Sie waren per Linienflug und natürlich in salopper Zivilkleidung nach Afghanistan geflogen. Von diesem Einsatz bleibt vieles unklar – nicht zuletzt der Ort und der genaue Zeitpunkt, an dem das Team zuschlagen sollte. Angriffsziel waren jedoch hauptsächlich Piloten mit US-Ausbildung, weshalb man davon ausgehen kann, dass der Einsatz in oder nahe bei einem afghanischen Luftwaffenstützpunkt stattfand.

Auch viele Jahre später gab Skripal nur zurückhaltend Auskunft über Einzelheiten. Vielleicht hatte man ihm als Neuling für Aufträge dieser Art eine eher untergeordnete Funktion zugedacht. Ziel war jedenfalls die Tötung etlicher der von Amerikanern ausgebildeten afghanischen Offiziere.

Die GRU-Spitze hatte den Einsatz befohlen, weil sie anscheinend davon ausging, dass ein Erfolg die CIA von weiterer Einmischung abhalten und gleichzeitig ein paar der Pläne des afghanischen Verteidigungsministers Amin vereiteln würde. Fest steht jedenfalls, dass Skripal und das Speznas-Team den Auftrag ausführten und die Afghanen töteten. Das konnte allerdings weder Hafizullah Amins Machtergreifung im Oktober 1979 noch die sowjetische Großinvasion Ende desselben Jahres verhindern.

Bereits im Spätsommer 1979 war ein Bataillon des 345. Gardeluftlanderegiments von Ferghana zum Luftstützpunkt Bagram im Norden der afghanischen Hauptstadt verlegt worden, für den Schutz der sowjetischen Berater und Flugzeuge. Im Rahmen der Großinvasion rückte auch der Rest nach, und aus dem 345. Regiment wurde die Elite-»Feuerwehr« der Sowjetarmee in Afghanistan, beteiligt an etlichen der entscheidenden Kämpfe während des ganzen zehnjährigen Kriegs. Mit dem Kampfeinsatz waren die schönen sorglosen Tage in Ferghana zu Ende, bei den Waffengängen verlor das Regiment Hunderte seiner Soldaten. Aber viele wurden auch für heldenhaftes Kämpfen ausgezeichnet, manche sogar mit dem begehrten höchsten Orden »Held der Sowjetunion«.

Wie jeder kämpfende Soldat, und vor allem, da er mit vielen seines Regiments enge persönliche Beziehungen geknüpft hatte, wäre Skripal liebend gern gemeinsam mit seinen Kameraden an die Front gegangen. Aber er war bereits ein paar Monate vor der Invasion an eine andere Stelle beordert worden. Er sollte eine weitere Phase seiner Metamorphose vom Kampfpionier zum GRU-Spion durchlaufen.

3

Ins Dunkel

Im sowjetischen bzw. russischen Militär bezeichnet Raswedka nicht nur die Kundschaftertätigkeit eines Soldaten, der heimlich ins Niemandsland vordringt, sondern z.B. auch einen Oberst, der unter diplomatischem Deckmantel seinen Dienst in Madrid versieht. In jedem Fall lautet der Auftrag, Informationen zu sammeln, die dem Generalstab und somit dem Land nützlich sein könnten. »Die GRU hat zwei Ebenen«, erklärte Skripal, »die taktische – Soldaten und Speznas – und die höher angesiedelte strategische Ebene.« Mit seiner Ausbildung bei den Fallschirmjägern, mit Aufklärungseinsätzen in China und einer Undercover-Mission in Afghanistan hatte er die »taktischen« Ebenen der militärischen Informationserfassung durchlaufen und wurde 1979, mit Ende zwanzig zu Höherem berufen. Die Konsequenzen für ihn und seine Familie sollten erheblich sein.

Nach Skripals Schätzung hatte die GRU zur Zeit seines Eintritts 35000 Mitarbeiter. Ein großer Teil davon arbeitete auf der taktischen Ebene – Sondereinsatzbrigaden in verschiedenen Militärbezirken, andere bei der Sigint, der elektronischen Aufklärung per Satellit. Die »strategischen« Arbeiter stellten innerhalb der GRU eine mehrere Tausend Mann starke Elite dar.

Der Dienst galt in der Sowjetarmee als besonders ehrenvoll; die Auswahlkriterien waren streng; wer dort hineinkam, genoss so manche Privilegien. Was Freunde und Angehörige betraf, kam noch etwas anderes hinzu: Dies war wichtige nationale Arbeit, frei von dem Makel, man sei Tschekist oder Mitglied des KGB, des Komitees für Staatssicherheit gewesen. Obwohl die nach der Revolution eingesetzte Geheimpolizei bald in GPU umbenannt wurde, lebte ihr ursprünglicher Name WeTscheKa in dem Begriff »Tschekist« weiter, der von denen, die in der Sowjetzeit Mitglieder gewesen waren, geradezu mit Stolz getragen wurde.

Auch wenn der Auslandsgeheimdienst des KGB ganz andere und alles in allem besser ausgebildete Leute beschäftigt hatte als die Schläger, die sich mit einheimischen Abweichlern befassten, konnten doch viele Sowjetbürger die beiden nie ganz auseinanderhalten. Die Armee und auch die GRU zählten hingegen zu den Opfern des Großen Terrors der 1930er-Jahre, nicht zu den Tätern. Neulinge im militärischen Geheimdienst erfuhren bald, dass dieser besonders stolz darauf war, keine KGB-»Spezialabteilung« zu haben, und dass die Partei großes Vertrauen in seine verdeckten Operationen setzte. Aus sowjetischer Sicht, dem Bezugssystem, in dem Sergej und Ljudmila aufwuchsen, betrieb die GRU eine durchaus ehrbare Form der Spionage.

KGB-Leute hatten natürlich ihre eigene Sicht auf diese Beziehung; wenn sie Bewerber für den militärischen Geheimdienst durchleuchteten und sich dabei schwerwiegende Hinweise darauf ergaben, dass irgendein GRU-Mann der Spionage schuldig sein könnte, waren ihre Vernehmungsbeamten bald zur Stelle. Wladimir Kusichkin, ein KGB-Offizier, der 1971 zu Großbritannien überlief und dessen Urteil beim MI6 hoch in Kurs stand, weil er ausführlich über die zur Rekrutierung ausgewählten Zielpersonen zu berichten wusste, fasste die Beziehung so zusammen: »Die GRU hasst den KGB. Der KGB hat keine vergleichbaren Gefühle gegenüber seinen ›fernen Nachbarn‹, wie der Codename der GRU in KGB-Dokumenten lautet. Der KGB nimmt gegenüber der GRU eine herablassende Haltung ein … etwa so, wie ein älterer Mann sich gegenüber einem jüngeren mit feurigem Temperament verhält, der noch viel zu lernen hat.«

Dies galt mit Sicherheit auch für Skripal, als er von seiner Garnison in Usbekistan in die weltläufige Eleganz der Hauptstadt versetzt wurde. Neues und ungeheuer Aufregendes kam auf ihn zu – eine große Aufgabe, wie er es ausdrückte, aber auch eine achtbare, da er sich nicht an den KGB zu verkaufen brauchte. Der Vorgang, ein GRU-Agent zu werden, verlief weder rasch noch gefahrlos. Zunächst wurde man zu einer Überprüfung eingeladen wie Skripal seinerzeit in Ferghana. Bestand man die, ging es weiter nach Moskau, wo eine ganze Reihe von Hindernissen überwunden werden musste, bevor man für einen Auslandseinsatz überhaupt in Erwägung gezogen wurde.

Zur Vorbereitung auf seine Aufgaben als Nachrichtenoffizier hatte Skripal eine langwierige Spezialausbildung zu absolvieren. Dazu gehörte ein vierjähriges Studium an der Militärisch-Diplomatischen Akademie in der Moskauer Narodnogo Opoltschenija (Straße der Volksmiliz). Als Skripal Ende der 1970er-Jahre dorthin berufen wurde, war diese Institution wie auch die gesamte GRU in Dunkel gehüllt und von vielen gefürchtet. Offiziere bewarben sich nicht selbst, denn dies hätte zu der unangenehmen Frage führen können, wie sie von der Akademie oder überhaupt von der GRU erfahren hatten. Stattdessen wurden passende Kandidaten eingeladen. Die Organisation speiste sich aus Angehörigen des gesamten Spektrums der Streitkräfte, es gab dort Abfangjäger-Leitoffiziere, Fallschirmjäger und U-Boot-Kommandanten. Nach seiner Teilnahme an Geheimoperationen in China und Afghanistan kam die Einladung, die geheimnisumwobene Prüfung abzulegen, für Skripal vermutlich weniger überraschend als für viele andere.

Wladimir Resun, Deckname Wiktor Suworow, der einige Jahre vor Skripal in die Mysterien der GRU eingeweiht wurde, schrieb darüber, wie es einem Armeeoffizier bei der Ankunft an der Militärisch-Diplomatischen Akademie ergeht: »Mit einem Mal findet man sich in Moskau, im Besitz einer permanenten Aufenthaltserlaubnis … es ist, als wäre man in eine höhere Sphäre aufgestiegen, als wäre man mitsamt seiner Familie plötzlich geadelt worden.«

Für Sergej und Ljudmila Skripal bedeutete dieser Aufstieg in die höheren Sphären der sowjetischen Militärgesellschaft einen radikalen Wandel der Lebensumstände. Nach einer Kindheit in Kaliningrad und Jahren in Kommunalkas im Fernen Osten oder Zentralasien fanden sie (nach einigen Jahren auf seinem neuen Posten) eine eigene Wohnung in Krylatskoje, einem Moskauer Vorort nur wenige Kilometer westlich der Akademie, wo Hunderte Wohnungen für GRU- und andere Armeeoffiziere vorgehalten wurden. Als Saschas Einschulung nahte, wussten sie, dass ihm der Platz auf einer guten Schule in der Nähe sicher war und dass Sergejs Zugang zu den speziellen, den Nachrichtendienstoffizieren vorbehaltenen Geschäften ihnen erlauben würde, ein gutes Lebens zu führen.

Als Gegenleistung für seinen Eintritt in die Welt sowjetischer Privilegien hatte er sich für mindestens vier Jahre seinem Studium zu widmen. Wenn es gut ging, winkte am Ende des Tunnels ein weiterer Bonus: die Aussicht auf einen Posten im Ausland, ein exotisches Leben, von dem weder er noch Ljudmila damals im von Bomben zerstörten Kaliningrad hatten träumen können.

Der Lehrplan an der Militärisch-Diplomatischen Akademie bereitete die Studenten im Wesentlichen auf eine Tätigkeit als Nachrichtendienstoffizier vor, also auf das Rekrutieren und Führen von Agenten im Ausland. Sie erlernten die ganze Bandbreite von Spionagetechniken, von uralten wie dem Schreiben mit unsichtbarer Tinte über die Einmalverschlüsselung von Nachrichten bis zur Gegenüberwachung und zum Leiten einer typischen GRU-Niederlassung (Residentura). Zusätzlich mussten sie sich diverse Soft Skills zulegen, etwa die Kunst höflicher Konversation unter Diplomaten; ablegen mussten sie typisch russische Kleidungs- und Umgangsgewohnheiten, die sie im Westen womöglich verraten hätten.

Zum Thema Agentenrekrutierung erhielten die Studenten Vorträge von GRU-Legenden über die schwierige Kunst erfolgreicher Verführung. Wjatscheslaw Baranow, ein Jagdflieger, dessen Zeit an der Militärisch-Diplomatischen Akademie sich mit der Skripals überschnitt (beider Lebenswege kreuzten sich auch später immer wieder), erinnert sich an Erzählungen von Ausbildern, wonach nur 10 Prozent der im Ausland stationierten Offiziere erfolgreich Spione anwarben: »Einen Mann zum Verrat an seinem Land zu überreden, das ist nun mal nicht so einfach.«

Neulinge im GRU-Ausbildungszentrum stellten bald fest, dass der Eintritt in die Akademie, den sie für einen gewaltigen Schritt gehalten haben mochten, nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu weiteren Auswahlverfahren war: Die einen bekamen Schreibtischjobs, andere wurden im Ausland stationiert; einige wurden in verschlafene Nester in der Dritten Welt geschickt, andere an wichtige Schauplätze des Ost-West-Spionagekriegs; und wer im Ausland keine bedeutsame Rekrutierung zustande brachte, verringerte seine Chancen auf weitere Einsätze, falls er nicht gar vorzeitig nach Hause zurückbeordert wurde.

Um zu verdeutlichen, dass man als erfolgreicher Führungsoffizier im Ausland zur Elite innerhalb einer Elite wurde, zitierte ein GRU-Mann einen Jagdflieger, der nach dem Krieg einen hohen Rang im militärischen Nachrichtendienst bekleidete: »Zwischen unserer nachrichtendienstlichen Arbeit und einem Luftkampf gibt es kaum einen Unterschied. Der sowjetische militärische Nachrichtendienst bildet Tausende Offiziere aus und wirft sie in die Schlacht. Dort, im wirklichen Leben, scheiden sie sich bald in aktive und passive Offiziere. Manche steigen zu höchsten Ehren auf, während andere bei ihrem ersten Auslandseinsatz verglühen.«

Im Lauf ihrer Ausbildung mussten die für den Einsatz im Ausland vorgesehenen Offiziere auch lernen, ihre Rolle zu spielen. Die GRU nutzte genau wie der KGB Diplomatenfunktionen in Handelsvertretungen und Botschaften, tarnte aber auch manche ihrer Leute im Ausland als Angestellte von Aeroflot oder Morflot, der sowjetischen Handelsschifffahrtsgesellschaft, oder auch als Handelsdelegierte oder Journalisten. Die am besten Ausgebildeten von allen – mit oft über zehn Jahren Vorbereitungszeit – waren Illegale, die ohne offizielle Deckung jedweder Art zum Leben in das jeweilige Zielland geschickt wurden. Sie wurden in der Regel vom KGB geführt, aber auch die GRU leitete solche »illegale« Operationen, die jedoch gegen Ende des Kalten Kriegs allmählich eingestellt wurden.

Skripal schnitt an der Akademie so gut ab, dass er für eine Auslandsvertretung ausgewählt wurde. Während er Monat für Monat, Jahr für Jahr, hinter der diskreten Fassade der Akademie seine Vorlesungen hörte, vollzogen sich in der Sowjetunion ganz allmählich Änderungen. In Moskau fanden die Olympischen Spiele statt, ein wenig getrübt durch politische Spielchen der Westmächte. Leonid Breschnew segnete endlich das Zeitliche, ihm folgte Parteichef Jurij Andropow und diesem Konstantin Tschernenko. Selbst in offiziellen Kreisen war jetzt von der »Stagnation« in der Spätphase der Breschnew-Ära die Rede, vom Abflauen des berauschenden Wachstums der 1950er- und 1960er-Jahre und von dem Unmut, der sich in der Bevölkerung ausbreitete. Im Westen schien es voranzugehen, und der Kreml verlangte von seinen Spionen Lösungen für die brennenden Probleme. Welche politischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen waren zu erwarten? KGB und GRU sollten sicherstellen, dass man die Nase weiter vorn hatte – die Führung war über die Kriegspläne Reagans auf dem Laufenden zu halten, zum Nutzen der Sowjetindustrie waren Blaupausen neuer Erfindungen zu beschaffen.

Für Skripal führte die letzte Phase seines Studiums zu einer Enttäuschung, wie sie in der Welt der sowjetischen Nachrichtendienste nicht unüblich war. Nach Abschluss seiner Ausbildung zum Spion wurde ihm gesagt, er solle sich auf einen Einsatz in Mosambik vorbereiten. Für einen ersten Auslandseinsatz kam in der Regel nur ein Entwicklungsland infrage − und solch ein Posten war längst nicht so prestigeträchtig wie an der Front eines NATO-Staats. Zudem gab es dort weder eine nennenswerte Spionageabwehr noch genügend Mittel zur Anwerbung von Agenten.

Zur Vorbereitung lernte Skripal monatelang Portugiesisch und las sich in die Geschichte Mosambiks ein. Dann aber kam die Mitteilung, der Posten werde mit jemand anderem besetzt, für seinen ersten Auslandseinsatz habe man neue Pläne, er solle in diplomatischer Funktion nach Malta gehen.

Nach einer weiteren Ausbildungsphase (unter anderem in Englisch) für den Dienst in dem kleinen diplomatischen Corps auf der Insel im Mittelmeer traf er 1984 dort ein, nicht lange bevor Michail Gorbatschow die Führung der Kommunistischen Partei übernahm. Skripal blieb über fünf Jahre dort, eine ungewöhnlich lange Zeit, was dafür sprach, dass die Zentrale mit seiner Arbeit zufrieden war.

Skripals Tarntätigkeit in der Botschaft war die eines Attachés für Sport und Kultur. Diese Legende erforderte, dass er wöchentlich viele Stunden der Förderung guter Beziehungen zum maltesischen Volk widmete.

In den damaligen Zeitungen wird Skripal mehrmals erwähnt: vom Organisieren des Trainings einer maltesischen Wasserballmannschaft, dem Ausrichten von Spielen einer russischen Fußballmannschaft bis hin zur Förderung eines Erfahrungsaustauschs von Augenchirurgen. Fotos in einigen Artikeln zeigen ihn in einem hellbraunen Anzug, elegant und aufmerksam bei Treffen mit Sportfunktionären und Politikern der Insel. Dies war die einzige Art von Publicity, mit der ein Spion gut leben kann, die seine Legende stützt und seine wahre Tätigkeit verschleiert. Die kleine Residentura der GRU auf Malta war ein strategisch wichtiger Posten im großen Spiel um das Mittelmeer. Die Neutralität der Insel im Ost-West-Konflikt machte sie zu einem relativ günstigen Standort für Spionagetätigkeit. Skripal wusste, wenn er sich einen Namen machen und seinen ersten Auslandsposten mit Erfolg absolvieren wollte, musste er Agenten rekrutieren. Und so sah er sich nicht nur in den »herrschenden Kreisen« der Insel um, sondern versuchte nach Möglichkeit auch noch geeignete westliche Diplomaten, Militärs oder Spitzel ins Netz zu locken.

Eine Zielgruppe interessierte den GRU-Posten auf Malta besonders, eine ungewöhnliche Sorte von Touristen. Die Russen hatten bemerkt, dass zahlreiche Angehörige der in Süditalien stationierten US-Armee auf der Insel Urlaub machten. Mitte der 1980er-Jahre waren auf dem sizilianischen Flughafen Comiso Tomahawk-Marschflugkörper eingetroffen; der Luftstützpunkt Sigonella war eine der aktivsten U-Boot-Abwehrbasen der NATO, und die amerikanische Mittelmeerflotte hatte ihr Hauptquartier in Gaeta bei Neapel.

Amerikaner in der Nähe dieser Stützpunkte, insbesondere auf Sizilien, zu rekrutieren, war nahezu unmöglich. Es gab dort keine GRU-Posten, und die US-Navy sowie die Italiener selbst verfügten über eine qualifizierte Spionageabwehr, die auf genau solche Aktivitäten ein wachsames Auge hatte. In den Kneipen Maltas hingegen war die Gelegenheit günstiger. Und so verbrachte Skripal manchen Abend dort, versuchte sich mit Matrosen und Fliegern anzufreunden, spendierte Drinks und spielte den netten Mann von nebenan.

Zu dieser Zeit keimten in Skripal kritische Gedanken auf – oder zumindest erste Ideen, die seine ideologische Konditionierung während der ersten siebzehn oder achtzehn Jahre im Dienst der UdSSR zu untergraben begannen. Schon vor der GRU-Akademie hatte man ihn gelehrt, sich als Kämpfer gegen den westlichen Imperialismus zu sehen. Er musste bereit sein – und hatte seine Bereitschaft dazu in Afghanistan bewiesen –, nicht nur sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, sondern in dem gewaltigen Kampf, auf den seine Nation sich eingelassen hatte, auch anderen das Leben zu nehmen. Als er nach all den Jahren der Vorbereitung auf jener kleinen Insel im Westen ankam, befand er: »Es war ein wunderbarer Ort, alle waren sich so nahe. Die diplomatische Gemeinschaft war klein, aber sehr freundschaftlich.«

Nur wenige Jahre zuvor hatte er sich in Afghanistan an der Ermordung von Leuten beteiligt, die bloß im Verdacht standen, für die CIA zu arbeiten. Auf Malta plauderte er von Angesicht zu Angesicht mit CIA- und MI6-Agenten oder jungen amerikanischen Matrosen und fand sie ausgesprochen charmant und freundlich. Das waren Menschen. Auch sie hatten Kinder. Warum sollte er sie hassen?

Natürlich vollzog sich für ihn auf Malta keine dramatische Umkehr, doch meldeten sich erste Zweifel. Und ein wenig unwohl war ihm durchaus, als er sich dessen bewusst wurde.

Das sowjetische Diplomaten-Corps war so klein, dass es nach dem Fortgang eines GRU-Offiziers recht einfach war, das Eintreffen seines Nachfolgers mitzubekommen. In welcher Tarnung auch immer. Den Russen ihrerseits war die kleine Schar westlicher Nachrichtendienstler genauso gut bekannt. Und weil beide Seiten übereinander im Bilde waren und die Spielregeln kannten, gab es kaum eine Chance, da oder dort einen dicken Fisch an Land zu ziehen.

Ein CIA-Agent schrieb über die Absurdität der Spionage im Kalten Krieg auf einem (anderen) kleinen Mittelmeerposten: »Die Amtsträger in den Konsulaten, die man zu sich nach Hause oder irgendwo zum Essen einladen konnte – der übliche erste Schritt bei dem Versuch, sie zu rekrutieren –, waren fast ausnahmslos selbst verdeckte Mitarbeiter von anderen Nachrichtendiensten. Sie nahmen die Einladung an, weil sie darin einen ersten Schritt bei ihrem Versuch sahen, einen zu rekrutieren. Kurz, sie machten mit einem dasselbe, was man mit ihnen machte.«

Die Frage, wer hier eigentlich wen bearbeitete, bedeutete für einen GRU-Offizier eine enorme Belastung. Das Spiel »Spion gegen Spion« war äußerst vertrackt. Wenn ein CIA-Agent nach Langley berichtete – wahrheitsgemäß oder nicht –, er mache große Fortschritte bei der Rekrutierung eines GRU-Manns auf Malta, konnte dies ohne Weiteres von einem sowjetischen Agenten aufgeschnappt und nach Moskau weitergeleitet werden, mit möglicherweise furchtbaren Konsequenzen. Ohne dass sie es sich eingestehen mussten, war allen am Spionagespiel auf der kleinen Insel Malta Beteiligten bewusst, dass es sich nicht lohnte, dieses Risiko einzugehen. Statt sich auf fruchtlose Versuche zur Rekrutierung westlicher Spione einzulassen, richtete Skripal sein Augenmerk daher auf Einheimische sowie auf urlaubende US-Soldaten und erfreute sich im Übrigen an Sonnenschein und Familienleben. Seine Tochter Julija war vor Kurzem zur Welt gekommen, Sascha war jetzt elf, und auf einer so kleinen Insel ging man abends selten aus.

Skripal verbrachte die Sonntage am Strand und schöne Stunden beim Erkunden der barocken Architektur und spektakulären Landschaft seiner Insel. An jeder Ecke gab es frische Meeresfrüchte und traditionelle maltesische Spezialitäten wie Fischpastete und Kanincheneintopf. Dazu kamen westliche Speisen und Barbecues bei diplomatischen Empfängen – alles in allem ein Leben, das sich vom Auf und Ab des Garnisonsalltags stark unterschied.

Ende 1989 bestimmten Michail Gorbatschow und George W. Bush die Insel Malta zum Schauplatz eines Gipfeltreffens von hohem Symbolwert. Auf der abschließenden Pressekonferenz nach dem verregneten zweitägigen Gipfel, der ohne Vereinbarung konkreter neuer Schritte zur Entspannung zwischen den beiden Lagern zu Ende ging, erklärte Gorbatschow: »Wir haben nach der Antwort auf die Frage gesucht, wo wir jetzt stehen. Wir sind beide zu dem Schluss gekommen, dass die Welt eine Epoche, die des Kalten Kriegs, hinter sich lässt und in eine neue Epoche eintritt.« Damit hatten die Zeitungskorrespondenten ihre Schlagzeile – Malta wurde zu dem Ort, an dem der Kalte Krieg für beendet erklärt worden war.

Im selben Jahr ging auch das Kapitel Malta im Leben der Skripals zu Ende. Sie kehrten in ihre Moskauer Wohnung in Krylatskoje zurück. Wie viele Rückkehrer von Auslandseinsätzen hatten sie eine Menge westlicher Elektronik, Modeartikel und schöner Erinnerungen im Gepäck. Ihm wurde ein Schreibtischjob in der Zentrale zugewiesen, und damit lag eine der bemerkenswerteren Etappen seiner Karriere hinter ihm.

Kurz nach Skripals Rückkehr aus Malta wurde ein anderer aus dem Ausland zurückgekehrter GRU-Offizier, Oberst Wjatscheslaw Baranow, zum Ziel einer Spionageabwehroperation. Baranow hatte als Attaché für Wissenschaft und Technik in Dhaka gearbeitet, der Hauptstadt von Bangladesch. 1989, gegen Ende seiner dortigen Stationierung, hatte er der CIA seine Dienste angeboten.

Die Beziehung bereitete beiden Seiten Kopfschmerzen. Die CIA war vom Verlust vieler wichtiger russischer Quellen erschüttert, die, wie sich herausstellte, aus dem Inneren der amerikanischen Nachrichtendienste heraus verraten worden waren. Baranow seinerseits bot der CIA als Beweis für seine Glaubwürdigkeit Informationen über den ein paar Jahre zuvor erfolgten Abschuss eines koreanischen Passagierflugzeugs an, zögerte dann aber, etwas Gehaltvolleres zu liefern. Für die CIA-Leute stellte er ein Rätsel dar – war der Ex-Jagdflieger und GRU-Mann echt, oder war er ein Köder, den man ihnen mit wenig brauchbaren Informationen hinhielt, um die amerikanische Operation in Dhaka aufzudecken?

Zurück in Moskau, wurde Baranow instruiert, Kontakt mit den CIA-Leuten in der amerikanischen Botschaft aufzunehmen. Nachdem er sich einige Monate lang bedeckt gehalten hatte, sandte er Anfang 1990, wie man es ihm beigebracht hatte, die ersten Signale aus – eine Zahl, die in ein Telefonbuch zu schreiben war; Kreidezeichen an einer Mauer in einer bestimmten Gasse.

Baranow, der seine Geschichte später einem amerikanischen Journalisten erzählte, fand die CIA-Leute in Moskau ängstlich und inkompetent. Sie waren nicht nur, wie zu erwarten, extrem misstrauisch wegen Überwachung durch den KGB, sondern auch ziemlich schlecht, wenn es darum ging, auf seine Versuche zur Kontaktaufnahme zu reagieren. Offenkundig fürchteten sie Infiltrierung und Provokation gleichermaßen.

Im August 1992, nach einer Spionage-Komödie der Irrungen, nach gut zwei Jahren, in denen er lediglich ein einziges Mal einen in Moskau stationierten Führungsagenten getroffen hatte, wurde Baranow am Scheremetjewo-Flughafen festgenommen, von wo er nach Wien fliegen wollte, um wieder Kontakt mit den Amerikanern aufzunehmen. 1993 wurde er zu sechs Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er saß seine Strafe ab, und 2002 schließlich gelang es ihm mit CIA-Unterstützung, Russland zu verlassen. Während der Gefangenschaft entwickelte Baranow die fixe Idee, ein Maulwurf innerhalb der amerikanischen Geheimdienste habe ihn verraten. Anfangs hatte er den 1994 verhafteten CIA-Mann Aldrich Ames in Verdacht, dann einen später verhafteten FBI-Mann. Als er sich nach seiner Entlassung mit den Einzelheiten dieser beiden Infiltrierungsszenarien befasste, ergab sich kein zusammenhängendes Bild. Bis heute ist nicht klar, was damals wirklich gelaufen ist.

Bei einem Besuch von mir viele Jahre später brachte Sergej Skripal, als ich gerade am Gehen war, den Fall Baranow aufs Tapet. Darauf war ich nicht vorbereitet, Details waren mir nicht bekannt. Sergej sagte: »Ich war es, der ihn enttarnt hat.« Mehr verriet er nicht, und ich hatte keine Zeit, weiter nachzuhaken. Leider verhinderten die späteren Ereignisse eine Fortsetzung unseres Gesprächs.

Sergejs Enthüllung lässt verschiedene Schlüsse zu: Entweder war die Enttarnung Baranows nicht das Ergebnis von Infiltrierung, sondern ging auf etwas anderes zurück (etwa auf den Hinweis eines misstrauischen Kollegen in Dhaka); oder es gab tatsächlich irgendwelche vagen Hinweise auf Infiltrierung, und Skripal half dabei zu ermitteln, auf wen sie sich bezogen.

Im Kontext dieser Geschichte ist Baranow aus mehreren Gründen interessant. Ich sprach darüber und über Sergejs Rolle dabei mit jemandem, der zu der Zeit bei der CIA