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Als die Amerikaner im Frühjahr 1945 in das Dorf einmarschieren, ist Steffen zehn Jahre alt. Er ist mit dem Krieg aufgewachsen, kennt die Angriffe von Tieffliegern, den Anblick ausgemergelter Kriegsgefangener, den Alltag ohne Vater. Und so sind es vielmehr die kleinen, vermeintlich nebensächlichen Dinge, die den Jungen nachhaltig beschäftigen - und die, deren Bilder von solch einer Intensität sind, dass sie sich nicht mehr aus der Erinnerung löschen lassen. Als Steffen das Studium aufnimmt, ist die Welt eine andere. Es herrscht Frieden, er hat seine eigene Wohnung, führt eine Beziehung. Doch bringt das erwachsene Leben neue Herausforderungen mit sich: Nun sind es seine ganz persönlichen Gefechte, die es auszutragen gilt.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Prolog
TEIL 1 – DAS KIND
Kapitel 1
Die Trennung
Kapitel 2
Steffen
Kapitel 3
Ort und Ereignisse – Kriegsende ohne »Endsieg«
Kapitel 4
Der Mord
Kapitel 5
Die Amis kamen um drei
Kapitel 6
Erste Kontakte
TEIL 2 – DER STUDENT
Kapitel 1
Der Zoo und die Menagerie
Kapitel 2
Die Clique
Kapitel 3
Anne
Kapitel 4
Das Komplott
Kapitel 5
Die Staatsprüfung
Kapitel 6
Silber
Kapitel 7
Rachegelüste
Epilog
Danksagung
Wenn uns das Alter erreicht, dann erinnern wir uns entweder an Dinge von essenzieller Wichtigkeit in unserem Leben oder wir erinnern uns an völlig triviale Begebenheiten, die merkwürdigerweise in unserem Gedächtnis verharren, obgleich ihre Unwichtigkeit dazu geführt haben müsste, sie zu vergessen. Während in der Weltgeschichte Kriege tobten, Revolutionen stattfanden und Millionen Menschen durch Gewalt ihr Leben verloren, verblieben wir in den leisen und wenig aufregenden Dingen unseres Lebens zumeist so, dass uns diese auf lange Zeit beeindruckt hielten. Wir lasen die Erinnerungen unseres unbedeutenden Lebens auf wie hübsche Kieselsteine am Wegesrand, wobei sie sogleich wie Perlen aufschimmerten, soweit uns die geschilderte Begebenheit von persönlicher Wichtigkeit oder persönlichen Eindrücken geprägt erschien. So war sicherlich die Begegnung als Kind mit dem Endstadium des Zweiten Weltkriegs und den Amerikanern, die auf unsere ruhige und geschützte Heimat zurückten, von minderer Bedeutung gegenüber beispielsweise den Lebenserfahrungen, die wir am Wegesrand unseres unbedeutenden Lebens, wie gesagt, wie bunte Steine aufgelesen haben. Sicherlich werden dem einen oder anderen Leser Parallelentwicklungen begegnen, die ihn aufmerken lassen und die nach dem bekannten Aha-Effekt wieder in die Archive der Erinnerung zurückkehren.
Nachstehend handelt es sich nicht um ein autografisches Werk. Falls Ähnlichkeiten mit einzelnen Personen der Erzählung gegeben sind, so sind sie rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Richard Philipp
Zuletzt war es ja doch nur noch die Gewohnheit, dachte er, als er von ihr wegging. Heute habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie leicht es ist, eine Gewohnheit abzulegen, ganz so, wie man einen alten Mantel beiseitelegt, um ihn niemals wieder anzuziehen. Es fehlt mir gar nichts ohne sie, wirklich nichts. Wie leicht das doch ist. Und sie ist nicht einmal wütend geworden, als ich ihr sagte, dass die Sache aus und vorbei sei. »So?«, hat sie gefragt und ihre grünen Augen bloß ein wenig weiter aufgemacht als sonst. Und dabei kann sie doch so leicht wütend werden. Komisch.
Nicht einmal dieser verdammte ewig-schläfrige Ausdruck ist von ihrem Gesicht gewichen; sie hat anscheinend überhaupt keine Erregung gespürt; ganz ruhig sind wir voneinander weggegangen.
Ob sie jetzt immer noch am Fenster steht und über die Straße blickt, hinüber zu den grauen Fronten der Kliniken? Seltsam, wie klein sie aussieht, wenn sie in das helle Viereck des Fensters eingeschnitten steht, und sie reicht mir doch bis an die Augen. Grüne Augen hat sie. Richtig hellgrün sind sie. Und jetzt haben wir nur noch mit einer alten Gewohnheit aufgehört. Wie leicht das doch alles ist.
Steffen ging über die Neue Brücke, wo der Wind ungehindert über den Fluss heraufkam. Er hatte den Kragen des Trenchcoats hochgeschlagen und die Hände in den Taschen vergraben. Er ging sehr aufrecht, denn er liebte den mit Sprühregen vermischten Wind, der ihm das Gesicht feuchtete. Von Zeit zu Zeit schleuderte er ein paar Wassertropfen aus seinen kurzen Haaren mit jener eigentümlichen, schnellen Kopfbewegung, die Margot so gern an ihm gemocht hatte. Du schüttelst den Kopf wie ein unwilliges Pferd im Geschirr, bloß die Mähne ist viel zu kurz für ein schönes Pferd, spöttelte sie stets. Ja, sie hat mein gestutztes Haar nie gemocht, dachte er jetzt und lächelte vor sich hin. Aber ich hasse lange Haare an Männern.
Noch zehn Minuten bis zum Zug, das schaffe ich längst, es ist ja bloß noch die eine Verkehrsampel zwischen der Brücke und dem Bahnhof. Schön ist der Wind, warm und feucht – warum sie nie wollte, dass ihre Haare feucht wurden? Ich hatte es gern, wenn sie mit nassen Haaren aus der Dusche kam; diesen metallischen Schimmer hat ihr Haar nur, wenn es feucht ist.
Er bog eilig zum Bahnhofsplatz ein, aber mit einer Eile, die fast gemessen zu nennen war, mit der Eile eines Menschen, der diesen Weg schon unzählige Male zurückgelegt hatte. Er hätte mit geschlossenen Augen gewusst, dass es hier zwölf Minuten vor fünf war, auch ohne das weiße Auge der Uhr, das von der Stirn des Bahnhofs auf ihn herunterleuchtete. Schon auf dem Weg durch die große Halle griff er in die Tasche, um die Monatskarte hervorzuholen. Den zerknüllten Fahrschein aus der Straßenbahn warf er wie immer links in den Papierkorb an der Sperre zu Gleis 16. Selbst diese Handbewegung war so mechanisch erfolgt, wie sie nur lange Übung und Vertrautheit hervorrufen. Gewohnheit, dachte er wieder, reine Gewohnheit.
Er ging den Bahnsteig entlang und stieg in den ersten Wagen hinter der Lokomotive. Bis hierher kamen die meisten Reisenden nicht, denn der fünfte Wagen war der Packwagen und an dieser Stelle kehrten die anderen immer um und zwängten sich in die vollen Abteile. Nur wer schon seit langer Zeit diese Strecke und diesen Zug benutzte, kannte die halbleeren Abteile des ersten Wagens.
Willi war heute früher nach Hause gefahren, stellte er fest, als er seinen Blick durch die Sitzreihen schweifen ließ; mittwochs hat er manchmal keine Lust, die Nachmittagsvorlesungen zu besuchen. Er streckte die Füße unter die gegenüberliegende Bank und lehnte sich in seine Ecke. Pünktlich ruckte der Zug an. Jetzt regnete es tatsächlich stärker, dache er müde und suchte in seinen Taschen nach den Zigaretten.
Nächsten Monat werde ich mir ein Zimmer in der Stadt suchen, es hatte lange gedauert, bis der Vater die Einwilligung dazu gegeben hatte. Aber Steffen hatte ihm ruhig erklärt, wie wichtig es sei, am Hochschulort selbst zu wohnen und wie gut er die Stunden, die er sonst in der Bahn verbringen würde, zum Studium brauchen könne, und nun hatte der Vater zögernd und misstrauisch zugestimmt, denn das »intensive Studium« war für ihn ein Zauberwort.
Der Regen floss unablässig die Fenster herunter und überzog sie mit einer zitternden Spiegelfläche. Sein Gesicht tauchte wie ein grauer Schemen aus dem Glas herauf und gab ihm das Gefühl der Einsamkeit wieder, das ihn stets ergriff, wenn er das schmale Gesicht mit den hellen Augen darin sah. Du bist ich selbst und doch bis du mir ein Fremder, dachte er ernsthaft vor sich hin und nickte dem Schatten im Fenster zu. Nur dass wir stets durch eine zerbrechliche Wand voneinander getrennt sind. Und erst wenn diese dünne Trennwand einmal fällt, dann hörst du auf zu existieren, du oder auch ich.
Nächsten Monat habe ich mein eigenes Zimmer in der Stadt – der Gedanke brachte ihn mit einem Ruck zurück in das Bahnabteil. Dann hört dieser ewige Trott auf, dieser Rhythmus, der gar keiner ist: jeden Tag derselbe Weg, derselbe Bahnsteig, dasselbe Abteil, die gleichen grauen und müden Gesichter um mich herum. Man muss nur mit den Gewohnheiten brechen, die unser Dasein ausmachen, einfach aufhören damit, vielleicht beginnt man dann zu leben. Vielleicht.
Er freute sich auf die kommenden Veränderungen. Flüchtig dachte er daran, dass Willi ja dann allein fahren würde, aber er gab dem Gedanken in sich keinen Raum und keine Dauer. Im Grunde waren sie immer schon allein gefahren, jeder für sich, auch wenn sie auf gegenüberliegenden Sitzen im gleichen Abteil fuhren. Jeder fährt mit sich allein, die Nähe des anderen reicht nie bis in die eigenen Gedanken, nie bricht der andere wirklich in den inneren Kreis ein. Man fühlt doch gar nicht, dass er tatsächlich da ist, man sieht es bloß – er sitzt mir gegenüber und erzählt etwas, irgendetwas. Er ist mir genau so nahe wie der Ansager auf dem Fernsehschirm. Und jetzt werde ich ihn eben nur noch auf der Universität im Kolleg, im Seminar oder beim Mittagessen in der Mensa sehen, das ist der ganze Unterschied. Und wieder erkannte Steffen verwundert, wie leicht man sich aus alten Gewohnheiten lösen konnte, aus all den täglichen Gewohnheiten, die man bis jetzt für sein Leben gehalten hatte.
Deswegen hat sie auch heute nichts gesagt, als ich von ihr weggegangen bin; hat sie nichts gefühlt – es war ja auch für sie nur der Bruch mit einer alten, vertrauten Lebensweise, nein, nicht einmal ein Bruch, ein ganz ruhiges Aufhören, das war alles.
Draußen zogen die Felder wie ein straffgezogenes graues Band vorüber, stetig zerhackt von den vorbeihuschenden Telegrafenstangen. Hier und da krümmte sich ein Heuschober auf dem Feld zusammen oder ein einzelner Baum sägte sich in den Himmel.
Wieder ratterte der Zug über ein paar Weichen und stürzte sich durch die Lichtflecken eines Bahnhofs. Hier halten wir nie, dachte er, jedenfalls nicht mit den Eilzügen. Die Lichter tun weh, wenn sie so plötzlich aus der graubraunen Dämmerlandschaft emporschwimmen und vor den Abteilfenstern explodieren. Nur noch zehn Minuten … Nächsten Monat habe ich mein Zimmer … Grüne Augen hat sie und schimmerndes Haar …
Ich denke viel zu viel an das Gestrige. Gestern und heute, das sind doch nur Augenblicke des Hindurchtreibens, in Wirklichkeit leben wir ja alle für morgen. Morgen ändert sich immer alles. Unsere Hoffnung heißt morgen.
Er erhob sich schwerfällig und kämpfte sich durch den Zug. »’tschuldigen Sie«, murmelte er zerstreut und zwängte sich durch die Stehenden der mittleren Wagen. Man musste direkt vor dem Packwagen aussteigen, der hielt stets am genauesten vor dem Niedergang des Bahnsteigs. Wie verdammt voll doch immer diese Züge zwischen fünf und sechs Uhr sind! Und als der Zug mit einem nervösen Rucken hielt, ließ er sich mit einer Menschentraube über die wenigen Meter Bahnsteig und die Treppe hinabtreiben. Den Lärm und die heiße, verbrauchte Luft, die ihm aus der Bahnhofshalle entgegenschlug, empfand er mit dem Unbehagen eines Menschen, der täglich durch die gleiche Pfütze vor seiner Haustür waten muss.
Draußen schaute er kurz zum Himmel empor; es regnete kaum noch. Er stand einen Augenblick wie verloren auf der Hauptstraße umher, dann aber fiel er wieder in jenen eiligen Schritt, den seine Schwester spöttisch mit »Pennälerhast« bezeichnete. Es wird immer noch so früh dunkel und wir haben doch schon März. Aus den Laternen quoll das milchige Licht über die Straße und zeichnete schmierige, gelbe Streifen auf den nassen Asphalt. Vor ihrem Haus steht auch eine dieser schlanken Straßenleuchten, die aber hat so ein kaltes, bläuliches Licht wie eine Neonreklame. Unter ihrem Licht bekommt die Haut eine widerlich blaugrüne Färbung. Dies Licht hier ist freundlich und trotzdem mag ich es nicht.
Er empfand wieder die dumpfe Abneigung gegen alles in dieser Kleinstadt, in der er jetzt schon seit mehr als sechs Jahren lebte.
Wenn ich erst mein Zimmer habe … es sind ja nur noch ein paar Tage.
Auch der tägliche Heimweg gehörte zu seinem bisherigen Leben, das er jetzt beiseitelegen wollte wie den besagten alten Mantel. Zu dem bisherigen Leben, das sich aus tausend kleinen Gewohnheiten zusammensetzte, bis es selbst nur noch eine einzige, große Gewohnheit war, aus den Gewohnheiten, die er so hasste, weil sie keine Empfindung hinterließen, weil sie waren wie ein Glas abgestandenes Wasser. Heute hatte er den ersten Schritt von der Gewohnheit weg getan – ganz leicht war es gewesen. Er freute sich bei diesem Gedanken, es gab ihm ein Gefühl der inneren Sicherheit, dass er aus seinem Lebenskreis heraustreten konnte, wie und sobald er es wollte. Noch neun Tage – und alles ist anders. Es ist im Grunde ganz egal, ob es schöner oder unangenehmer wird, es muss nur anders als bisher sein.
Und schon hatte ihn der dunkle Hausflur eingesogen, wie all die gleichen langen Abende bisher.
Steffen war das älteste von drei Kindern, der Vater war Angestellter einer Bank, in einem jener unsäglichen Bauklötze, die auf lange Zeit die Silhouette von Frankfurt prägen sollten. Den Geschwistern wurde von frühester Jugend an klargemacht, dass das Einkommen des Vaters wohl kaum ausreiche, eine fünfköpfige Familie auf Dauer zu unterhalten, sodass nur eines der drei Kinder höhere Schuldbildung oder Studium erwarten dürfe. Die beiden übrigen mussten nach Entscheidung des Vaters eine möglichst schnelle praktische Berufsausbildung durchlaufen, damit das Familienbudget nicht über Gebühr belastet werde. Steffen hatte den familieninternen Wettbewerb gewonnen, weil er nach Auffassung des Familienoberhauptes die besten Zensuren nach Hause brachte. Das war eine Ungerechtigkeit gegenüber den beiden Schwestern von Steffen, die ebenso gut in der Schule abschnitten, aber von Anfang an mehr oder weniger dazu ausersehen waren, sich den Gedanken an eine Universitätsausbildung abzuschminken.
Mit der Zeit aber wurde die Enge der elterlichen Wohnung für Steffen unerträglich, da er zur Universität jeden Tag mit dem Zug aus der Kreisstadt fahren musste, in der die Familie seit Jahren wohnte.
Er bat, bettelte und drängte daher nach Erreichen des zweiten Semesters, dass er eine eigene Studentenbude in der Universitätsstadt haben müsse, um ausreichend Gelegenheit zu ruhigem Lernen zu haben. Seine dringlich vorgebrachte Forderung wurde schließlich vom Vater erhört, zumal das scheinheilige Argument angeführt wurde, ein Student benötige zu dem notwendigen Studienerfolg auch ein Zimmer, in dem er ungestört seinen Aufgaben nachgehen könnte. Darüber hinaus war die eigene Wohnung beziehungsweise die eigene Studentenbude schlichtweg ein Statussymbol. Es wurde immer wieder nachgefragt, wann endlich Steffen auch in der Stadt wohnen werde, ein Umstand, den seine Kollegen und Freunde schon erreicht hatten. Steffen versäumte es auch niemals, mit sanftem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass man inzwischen die Fünfzigerjahre schreibe und der Vater jetzt wieder einigermaßen Geld verdiene.
Fast vergessen waren die schweren Jahre zwischen 1945 und 1948, für Tausende traten sie langsam, aber stetig in den Hintergrund des Alltags. Nicht so ihre Belastung für die Familie. Insbesondere verblasste die Erinnerung an den gemeinschaftlich erlittenen Hunger nach Kriegsende nicht, was dazu führte, dass das »Hamstern« sowie das »Kartoffelstoppeln« zwangsläufige Folgen der auch später sogenannten Hungerjahre waren. Als der Vater vor Kriegsende noch kurz in Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er Anfang 1946 zurückkehrte, hatten Steffen und seine beiden Schwestern das Handwerk des Kartoffelstoppelns bereits gelernt, schwärmten wie viele andere Kinder über die abgeernteten Felder, um kümmerliche Reste zu ergattern.
Besonders schwer hatte es die Mutter, Lebensmittel zu beschaffen, da bloße Bitten die Bauern nicht dazu erweichen konnten, etwas für die darbenden Städter herauszurücken. Auch das Angebot, Wertsachen wie altes Silberbesteck oder Teppiche im Tausch gegen die dringend benötigten Lebensmittel zu geben, führte oft zu nichts. Welcher Bauer konnte nicht darauf hinweisen, dass er schon drei komplette Silberbestecke habe und echte Teppiche sowie Brücken auch in doppelter Lage das bäuerliche Wohnzimmer zierten? Steffen hatte aber zur Genüge erlebt, wie verschieden die Charaktere der Menschen waren und dass es auch gutherzige Landwirte gab, die von ihrem empfundenen Überfluss freiwillig und ohne Gegenleistung abgaben.
Wichtig war auch der Wettbewerb bei den Schulbroten. Der Neugier der ländlichen Kinder, was wohl das städtische Gegenüber auf seinem Brot habe, konnte leicht begegnet werden. Mangels Wurst, Schinken oder ähnlichen Köstlichkeiten befanden sich auf dem Schulbrot von Steffens Schulkameraden, wie auch auf seinem, fantasievolle Brotbeläge wie gekochte Zwiebelschlotten oder die berühmte 4-Frucht-Marmelade. Gott sei Dank, dachte Steffen, lagen diese Zeiten jetzt doch rund zehn Jahre zurück.
Er konnte sich die Rückkehr des Vaters aus Gefangenschaft und Krieg jederzeit aus der Erinnerung abrufen, insbesondere erinnerte er sich an die Gestalt des Vaters, die bei dem damals Zehnjährigen einen erheblichen Schock ausgelöst hatte. Es war an einem der schönen Frühlingstage 1945 und die Mutter stand gerade draußen beim Wäscheaufhängen, während Steffen mit den Formulierungen eines kurzen Englischaufsatzes für einen Nachbarbuben gegen Blutwust beschäftigt war. Er sah, wie die Mutter plötzlich mit einem erstickten kleinen Schrei die Wäsche, die sie gerade in der Hand hielt, fallen ließ und in einer seltsamen starren Haltung jemandem entgegenging, der die Straße zum Haus emporkam. Es war eine abgemagerte, in einer zu großen alten schlabberigen Uniform daherkommende Gestalt, die besonders dadurch auffiel, dass sie einen mageren, kahlrasierten Schädel besaß, sodass die totenkopfähnlichen Gesichtszüge umso deutlicher hervorstachen. Erst als die Mutter begann, dem Mann entgegenzurennen, dämmerte es Steffen, dass es sich hierbei tatsächlich um seinen Vater handeln könnte, dessen Entlassung aus einem Kriegsgefangenenlager angekündigt worden war. Eine Erinnerung an dessen Aussehen, als er von zu Hause weggehen musste, kam Steffen nicht. Wie er aus den Erzählungen des Vaters später erfuhr, hatten die Amerikaner sämtlichen deutschen Kriegsgefangenen vor der Entlassung aus dem Lager die Schädel rasiert. Hierdurch waren die Köpfe in der oberen Hälfte in einem gespenstigen Weiß und der untere Teil des Gesichts in einem durch die Sonne verursachten kräftigen Braun zu sehen. Die halben Totenkopfschädel, die ausgehungerten Gesichter und die großen Augen, die in tiefen Höhlen lagen, machten einen unheimlichen Eindruck, der bei den Kindern lange nachwirkte. Der Vater murrte auch später, die Amis hätten dies absichtlich getan, da das Kahlrasieren der Schädel, gerade vor der Entlassung, und die Einstäubung des gesamten Körpers mit DDT oder etwas Ähnlichem gegen Läusebefall den Siegern offensichtlich eine gewisse Genugtuung oder einen gewissen Genuss bedeutete; einen Sinn vermochte man in dieser Aktion nicht zu erkennen.
Es dauerte einige Tage, bis sich Steffen daran gewöhnt hatte, dass der Vater wieder im Hause war. Auch die Schlafordnung im Schlafzimmer wurde jetzt wieder hergestellt. Der Vater hatte keine Arbeit, weder in seinem angestammten Beruf bei der Bank noch in einer sonstigen Tätigkeit, sodass er zunächst an den primitivsten Nahrungssorgen beteiligt werden musste. Wie festzustellen war, führten der Bekanntheitsgrad und gute Ruf des Vaters doch dazu, dass er bei den Bauern, soweit er sie in den Bereichen Vogelsberg und Wetterau aufsuchte, ab und zu etwas an Butter oder Speck ergattern konnte. Allmählich gingen dann die »Hungerjahre« dahin, später auch die Erinnerungen, indem sie an Kontur und Farbe verloren.
Die allgemeine Not zwischen 1945 und 1947 hatte auch die Erscheinungen des »Kartoffelstoppelns« und der »Hamsterfahrten« der Städter auf das flache Land hervorgebracht. Das Kartoffelstoppeln war die mühsame Arbeit, auf bereits abgeernteten Feldern durch sorgfältige Handarbeit noch schäbige Reste von Kartoffeln mit einer kleinen Hacke aus dem Boden zu bringen. Wenn man nach harter Arbeit eines ganzen Tages dann einen kleinen Rucksack Kartoffeln oder Kartoffelstücke hatte, konnte man froh sein. Diese Methode der Beschaffung einfachster Nahrungsmittel wurde allgemein praktiziert.
Ähnlich ging es zu mit den sogenannten Hamsterfahrten. Es waren nicht mehr und nicht weniger aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Not verbrämte Bettelfahrten. Schließlich hatten die Städter zwar Hunger, aber nichts mehr zum Tausch oder Verkauf anzubieten. Mancher Bauer hatte im Kuhstall den echten Perserteppich liegen; mangels normaler Verwendung und horrender Wertunterschiede waren Butter, Schmalz, Eier oder Ähnliches grundsätzlich nur mit gewaltigen Wertverlusten erwerbbar.
