Die andere Seite des Glücks - Seré Prince Halverson - E-Book
SONDERANGEBOT

Die andere Seite des Glücks E-Book

Seré Prince Halverson

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie weit gehen wir, um die zu schützen, die wir lieben? Dieser Frage geht Seré Prince Halverson, Autorin des Romans ›Das Haus der gefrorenen Träume‹, in ihrem Debütbestseller nach. Ein herzzerreißender, vielschichtig erzählter Roman. Ein Drama das unter die Haut geht. Eine Sommerlektüre, die Sehnsüchte weckt – und am Ende glücklich macht. Ella Beene kann sich glücklich schätzen mit ihrem wunderbaren Ehemann, zwei lebhaften Kindern und Schwiegereltern, die sie wie eine eigene Tochter betrachten. Aber als ihr Mann Joe bei einem Unfall ertrinkt, ist ihr Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt, und das Glück, das ewig dauern sollte, scheint vorbei zu sein. Als Joes schöne Exfrau, die ihn und die gemeinsamen Kinder drei Jahre zuvor verlassen hatte, plötzlich auf der Beerdigung auftaucht, fürchtet Ella das Schlimmste – zu Recht. Sie muss ihre eigene Trauer bewältigen, darum kämpfen, die Kinder zu behalten und sich um das wirtschaftliche Überleben der Familie kümmern. Aber während sie alles daran setzt, alles richtig zu machen und den Prozess um das Sorgerecht zu gewinnen, muss sie auch die Frage beantworten, ob sie die beste Mutter für die Kinder ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Seré Prince Halverson

Die andere Seite des Glücks

Roman

 

Aus dem Amerikanischen von Helga Augustin

 

Über dieses Buch

 

 

Ella Beene kann sich glücklich schätzen mit ihrem wunderbaren Ehemann, zwei lebhaften Kindern und Schwiegereltern, die sie wie eine eigene Tochter betrachten. Aber als ihr Mann Joe bei einem Unfall ertrinkt, ist ihr Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt, und das Glück, das ewig dauern sollte, scheint vorbei zu sein. Als Joes schöne Exfrau, die ihn und die gemeinsamen Kinder drei Jahre zuvor verlassen hatte, plötzlich auf der Beerdigung auftaucht, fürchtet Ella das Schlimmste – zu Recht. Sie muss ihre eigene Trauer bewältigen, darum kämpfen, die Kinder zu behalten und sich um das wirtschaftliche Überleben der Familie kümmern. Aber während sie alles daran setzt, alles richtig zu machen und den Prozess um das Sorgerecht zu gewinnen, muss sie auch die Frage beantworten, ob sie die beste Mutter für die Kinder ist.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Seré Prince Halversonist freie Texterin und Autorin und lebt mit ihrem Ehemann in Nordkalifornien. Sie haben vier erwachsene Kinder. Seré Prince Halverson ist selbst Mutter und Stiefmutter und auch mit einer Mutter und einer Stiefmutter aufgewachsen. ›Die andere Seite des Glücks‹ ist ihr erster Roman.

 

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Coverabbildung: Getty Images

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel ›The Underside of Joy‹

bei DUTTON, Penguin, New York.

Copyright © 2012 by Seré Prince Halverson

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401691-7

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

 

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.

Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.

Inhalt

Für Stan

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Epilog

Dank

Für Stan

1. Kapitel

Man wird als glücklicher Mensch geboren, nicht dazu gemacht. Das habe ich neulich in einer Studie gelesen. Glück, hieß es darin, ist nichts weiter als Genetik – ein fröhliches Gen wird fröhlich weitervererbt, von einer lächelnden Generation zur nächsten. Ich kenne das Leben gut genug, um die alten Redensarten, dass man Glück nicht kaufen oder dass ein Mensch einen anderen nicht glücklich machen kann, zu verstehen. Und doch halte ich nichts von der Theorie, dass das persönliche Glück nur so groß sein kann wie der eigene Genpool.

Drei Jahre lang schwelgte ich im Glück.

Meine Seligkeit war augenfällig und oft schrill. Doch manchmal auch zart und leise – Zachs milchiger Atem an meinem Hals, Annies seidiges Haar beim Flechten zwischen meinen Fingern oder Joe, der in der Dusche einen alten Crowded-House-Song trällerte, während ich mir die Zähne putzte. Der beschlagene Spiegel trübte meine Sicht, verschleierte mein Spiegelbild, glättete meine Falten wie ein unscharfes Foto. Doch selbst die hatten mich nicht gestört. Nur wer nicht lächelt, bekommt keine Krähenfüße. Und ich lächelte viel.

Aber jetzt, Jahre danach, weiß ich noch etwas anderes: Auch das größte Glück kann nicht so rein, so tief oder so blind sein.

 

In den frühen Morgenstunden jenes ersten Sommertages zog Joe mir die Bettdecke vom Kopf und küsste mich auf die Stirn. Ich schlug ein Auge auf. Er hatte sein graues Sweatshirt an, die Kameratasche über der Schulter, und flüsterte mit zahnpasta- und kaffeegeschwängertem Atem, dass er erst nach Bodega fahre und danach den Laden aufmache. Mit dem Finger zeichnete er an der Stelle meines Armes die Sommersprossen nach, wo sie seinen Namen buchstabierten, wie er gern behauptete. Und dass es so viele seien, dass er nicht nur die Buchstaben für Joe sehen könne, sondern seinen vollen Namen: Joseph Anthony Capozzi jr. – alle auf meinem Arm. An diesem Morgen fügte er noch hinzu: »Wow, und junior ist sogar ausgeschrieben.« Er zog mir die Bettdecke wieder über den Kopf. »Du bist ein Phänomen.«

»Und du bist ein Klugscheißer«, sagte ich, schon halb wieder eingedöst. Aber mit einem Lächeln im Gesicht. Wir hatten eine gute Nacht gehabt. Er flüsterte noch, dass er mir eine Nachricht hingelegt habe, und ich hörte ihn aus der Tür gehen, die Verandastufen hinunter. Dann ging die Autotür knarrend auf, der Motor wurde laut und lauter und wieder leiser, verklang langsam. Und schon war er weg.

Später an diesem Morgen kletterten die Kinder kichernd zu mir ins Bett. Zach hob das sonnengesprenkelte Laken hoch und hielt es wie ein Segel über seinen Kopf. Annie ernannte sich wie immer selbst zum Kapitän. Noch vor dem Frühstück brachen wir in fremde Gewässer auf, um uns herum unsichtbare, glitschige Wesen unter der glatten Oberfläche, Ziel unbekannt.

Aneinandergeklammert lagen wir auf dem alten, durchgelegenen Boxspringbett, hatten die alles verändernde Nachricht noch nicht gehört. Wir spielten Schiff.

Die Kinder verkündeten, dass wir einen brenzligen Morgen auf See vor uns hatten, doch ich brauchte einen Kaffee, und zwar dringend. Ich setzte mich auf und warf ihnen über das Segel hinweg einen kurzen Blick zu. Ihr goldblondes Haar war noch vom Schlaf zerzaust. »Ich rudere zur Kücheninsel und besorge Vorräte.«

»Nicht wenn so große Gefahr lauert«, warnte Annie. Lauert?, dachte ich. Hatte ich dieses Wort mit sechs überhaupt schon gekannt? Annie schoss hoch auf die Füße, die Hände in die Taille gestemmt, und balancierte auf der wackligen Matratze. »Wir könnten dich verlieren.«

Ich stand auf, froh, vor dem Einschlafen letzte Nacht meine Unterwäsche und Joes T-Shirt wieder angezogen zu haben. »Aber wie sollen wir denn ohne Plätzchen im Bauch mit den Piraten fertig werden?«

Die beiden sahen sich an, in den Augen die unausgesprochene Frage: Vor dem Frühstück? Hat sie den Verstand verloren?

Plätzchen vor dem Frühstück … warum denn nicht? Ich war ein bisschen in Feierlaune, auch wegen des ersten nebelfreien Morgens seit Wochen. Das ganze Haus erstrahlte mit der Rückkehr der verloren geglaubten Sonne, und die Angst, die mich die ganze Zeit bedrückt hatte, war gewichen. Ich nahm das Wasserglas und den Zettel, den Joe darunter gelegt hatte. Die Worte waren vom feuchten Glasabdruck leicht verwischt: Ella Bella, fahre zur Küste, um alles im Bild festzuhalten, und mache dann den Laden auf. Letzte Nacht war wunderbar. Küsse für A & Z. Komm doch später vorbei, wenn … aber seine letzten Worte verschwammen in Tintenflecken.

Auch mir hatte die Nacht gefallen. Nachdem die Kinder im Bett waren, hatten wir noch lange in der Küche gestanden und geredet, an die Unterschränke gelehnt und er wie stets mit den Händen in den Taschen. Wir hatten uns an die ungefährlichen Themen gehalten: Annie und Zach, das für Sonntag geplante Picknick sowie abstrusen Stadtklatsch, den er im Laden gehört hatte – aber kein Wort über den Laden selbst. Wegen einer Bemerkung von mir hatte er lachend den Kopf zurückgeworfen. Was hatte ich gesagt? Ich erinnerte mich nicht mehr.

Tags zuvor hatten wir gestritten. Neunundfünfzig Jahre nach der Gründung von Capozzi’s Market ging es mit dem Laden bergab. Ich wollte, dass Joe es seinem Vater sagte. Joe wollte weiter so tun, als wäre alles in Ordnung. Er konnte sich die Wahrheit kaum selbst eingestehen, geschweige denn seinem Vater von der schlechten Geschäftslage erzählen. Dann, in einem unbedachten Moment, hatte er etwas von einer überfälligen Rechnung gesagt und wie langsam die Inventur voranging, woraufhin ich ausflippte und er sofort zumachte – ein Muster, dem wir seit Monaten verfallen waren. Joe hatte sich vom Schrank abgestoßen, war zu mir gekommen, hatte meine Schultern umfasst und gesagt: »Wir müssen einen Weg finden, über die schwierigen Dinge zu reden.« Ich nickte. Wir waren uns einig, dass es bis vor kurzem kaum schwierige Dinge zu bereden gegeben hatte.

Ich zählte uns zu den Glücklichen. »Annie, Zach. Wir …« Anstatt in dem Moment das heikle Thema anzugehen, hatte ich ihn geküsst und ins Schlafzimmer geführt.

 

Ich tat, als ruderte ich durch den engen Flur, machte einen großen Schritt über Zachs Brontosaurus und ein halbfertiges Lego-Schloss hinweg, bis ich außer Sichtweite war. In der Küche flocht ich mein unbändiges rotes Haar im Nacken zu einem Zopf. Unser Haus war ein bisschen wie meine Haare – viel Farbe und Durcheinander. Wir hatten die Wand zwischen Küche und Wohnzimmer herausgerissen, so dass ich von hier aus die deckenhohen Regale sehen konnte, bis obenhin vollgestopft mit Büchern und Pflanzen und diversen Kunstprojekten – unter anderem einem gelb und lila angemalten Eisstiel und einer schiefen Tonvase, auf der mit Makkaroni Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag stand. Das M war schon lange abgefallen, aber die Vertiefung noch gut zu sehen. An den wenigen freien Stellen ohne Einbauten oder Fenster hingen patchworkartig Joes gerahmte Schwarzweißfotografien. Eine große Terrassentür führte auf die vordere Veranda und unser Grundstück. Das alte Glas schützte nur wenig vor Kälte, aber wir konnten uns einfach nicht davon trennen – die welligen Scheiben gefielen uns. Es war, als würde man durch einen Wasservorhang auf die Hortensien rund um die Veranda blicken, auf das Lavendelfeld, das bald abgeerntet werden musste, den Hühnerstall, die Brombeerbüsche und die alte, windschiefe Scheune. Die stammte noch aus der Zeit, bevor Großvater Sergio das Land in den dreißiger Jahren gekauft hatte. Und nicht zu vergessen der Gemüsegarten gegenüber der Wiese mit den Redwoods und Eichen, unser Stolz und Glück. Ungefähr einen Morgen groß, lag er über der Hochwassergrenze und größtenteils in der Sonne, und von einer Stelle aus konnte man sogar den Fluss sehen.

Joe und ich gärtnerten gern, und das war nicht zu übersehen. Aber weder wir noch die Kinder schafften es, im Haus Ordnung zu halten. Das störte mich jedoch nicht sonderlich. In meinem früheren Haus – und Leben – war ich extrem ordentlich gewesen, aber auch ernsthaft und leer, weshalb ich die Unordnung als notwendige Begleiterscheinung eines erfüllten Lebens betrachtete.

Ich nahm die Milch aus dem Kühlschrank und heftete Joes Nachricht mit einem Magnet an die Tür. Warum ich sie aufhob, weiß ich nicht; wahrscheinlich wollte ich die Erinnerung an unsere liebevolle Versöhnung der letzten Nacht festhalten, das Ella Bella …

Ich heiße Ella Beene, was mir, wie man sich leicht vorstellen kann, jede Menge Spitznamen eingebracht hat. Doch der von Joe hat mir sofort am besten gefallen. Ich bin keine Schönheit – zwar auch nicht hässlich, aber nicht annähernd so, wie ich aussehen würde, wenn ich dabei ein Wörtchen hätte mitreden können. Ich habe helle Haut und Sommersprossen, ein passables Gesicht – braune Augen, recht hübsche Lippen –, das besser aussieht, wenn ich daran denke, mich zu schminken, und bin manchen Leuten zu groß und zu dünn. Aber das Beste ist: Joe mochte alles an mir. Das Innen und das Außen, die Zwischenräume, die ganzen ein Meter siebenundsiebzig. Und da alle meine Spitznamen zur jeweiligen Zeit auf mich gepasst hatten, schwelgte ich in diesem: Bella. Das war ich also, fünfunddreißig Jahre alt, schön auf Italienisch und an einem Samstagmorgen dabei, mir einen starken Kaffee und unseren Kindern einen Teller mit Plätzchen und Milch hinzustellen.

»Plätzchen! Wir wollen Plätzchen!« Die Seefahrer hatten das sinkende Schiff verlassen und nahmen sich – mit weit aufgerissenen Augen, als wären sie am Verhungern – die Milch und Haferplätzchen von der Anrichte. Callie, unsere Hündin, eine gelbe Labrador-Husky-Mischung, die genau wusste, wie sie dreinschauen musste, um herzzerreißend einsam zu wirken, saß so lange da und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden, bis ich ihr einen Hundekeks gab und sie nach draußen ließ. Ich nippte an meinem Kaffee und sah Annie und Zach zu, wie sie sich schmatzend und reichlich krümelnd die Plätzchen in den Mund stopften. Das Vorbild des Krümelmonsters war das Einzige aus der ansonsten lehrreichen Sesamstraße, worauf ich gern verzichtet hätte.

Da uns die Sonne nach draußen lockte, bat ich die Kinder, sich mit dem Anziehen zu beeilen, schlüpfte in meine Shorts und füllte noch schnell die Waschmaschine mit dunkler Wäsche. Ich stopfte gerade die letzte Jeans hinein, als Zach splitternackt und mit seinem Schlafanzug in der Hand angelaufen kam. »Ich mach das selber«, sagte er. Beeindruckt, dass das Kleidungsstück ausnahmsweise mal nicht auf dem Fußboden gelandet war, nahm ich Zach auf den Arm, damit er es in die alte Toplader-Maschine werfen konnte. Sein Po fühlte sich kühl auf meiner Haut an. Bei geöffnetem Deckel sahen wir zu, wie der flauschige blaue Stoff mit den Feuerwehrautos im schaumigen Wasser hin- und hergeworfen wurde. Dann setzte ich Zach wieder ab, und er wackelte durch den Flur davon, wobei er mit den nackten Füßen auf den Holzboden patschte. Bis auf das Schnüren der Schuhe, das Zach erst in ein paar Jahren lernen würde, waren beide Kinder schon erschreckend eigenständig. Annie würde bald in die Grundschule und Zach in den Kindergarten kommen – auch wenn ich noch mit der Vorstellung haderte, sie gehen zu lassen.

Dieses Jahr sollte ein ganz besonderes werden: Joe würde den Lebensmittelladen, der seit drei Generationen in seiner Familie war, vor dem Untergang retten, und ich würde im Herbst einen Job als Naturführerin bei Fisch- und Wildbeobachtungen antreten. Annie und Zach würden jeden Morgen aus dem Haus gehen und mit immer länger werdenden Beinen immer größere Schritte auf dem Weg heraus aus ihrer Kindheit machen.

 

Als ich die beiden kennenlernte, war Annie drei Jahre alt und Zach sechs Monate. Ich hatte San Diego verlassen, um ein neues Leben zu beginnen, doch ohne genaue Vorstellung, wo und wie ich das bewerkstelligen sollte. In Nordkalifornien machte ich in einer kleinen, seltsamen Stadt namens Elbow halt. Elbow lag in einer Fünfundvierziggradbiegung des Redwoods River, was dem Ort den Namen – Ellbogen – eingebracht hatte, wobei Einheimische gern witzelten, er wäre nach den Hörnchennudeln benannt, weil so viele Italiener hier lebten. Ich wollte mir ein Sandwich und einen Eistee kaufen und vielleicht ein bisschen die Füße vertreten, denn ich hatte gelesen, dass es einen Weg hinunter zum Sandstrand am Fluss gab. Doch gerade, als ich zum Lebensmittelladen kam, war ein dunkelhaariger Mann mit einem Baby auf dem Arm im Begriff, die Tür abzuschließen. Das kleine Mädchen, das er an der anderen Hand hielt, riss sich los und lief schnurstracks in mich hinein. Lachend warf es den blonden Schopf nach hinten und streckte mir die Arme entgegen. »Hoch!«

»Annie!«, rief der Mann. Er war schlank, etwas zerzaust und angespannt, aber definitiv ein schöner Anblick.

»Ist das in Ordnung?«, fragte ich ihn.

Er lachte erleichtert. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht?« Mir etwas ausmachen? Ich nahm die Kleine auf den Arm, und sie fing sofort an, mit meinem Zopf zu spielen. »Wirklich kein bisschen schüchtern, das Kind«, sagte er. Sie hatte ihre strammen Beinchen um meine Hüften geschlungen, und der Duft von Babyshampoo, von frisch gemähtem Gras, Holzfeuerrauch und Erde stieg mir in die Nase. Ihr nach Traubensaft riechender Atem strich mir über die Wange, und sie hielt meinen Zopf fest in der Faust, aber ohne daran zu ziehen.

 

Callie bellte, und beim Blick aus dem Küchenfenster sah ich Frank Civilettis Streifenwagen. Das war merkwürdig, denn Frank wusste, dass Joe nicht zu Hause sein würde. Sie waren seit ihrer Grundschulzeit Freunde und tranken jeden Morgen im Laden einen Kaffee. Ich hatte Frank nicht kommen hören, doch er war es wirklich, fuhr langsam und mit knirschenden Reifen die Kieseinfahrt hoch. Das war auch seltsam: Frank fuhr niemals langsam. Und er stellte auch immer das Martinshorn an, wenn er von der Hauptstraße auf unser Grundstück einbog, extra für die Kinder. Ich sah auf die Uhr an der Mikrowelle: 8:53. Schon? Ich griff zum Telefon, legte es wieder zurück. Joe hatte nicht angerufen, als er im Laden angekommen war. Joe rief immer an.

»Hier.« Ich nahm den Eierkorb und gab ihn den Kindern. »Seht mal bei den Hühnerdamen nach und bringt was zum Frühstück mit.« Ich öffnete die Küchentür und blickte ihnen nach, als sie winkend zum Hühnerstall liefen und riefen: »Onkel Frank! Mach die Sirene an!«

Doch das machte er nicht. Er parkte den Wagen. Ich stand in der Küche, starrte den Kompostbehälter mit Joes morgendlichem Kaffeesatz und der Bananenschale von seinem Frühstück auf der Küchentheke an. Die Enden meines Glücks begannen braun zu werden, sich langsam aufzurollen.

Ich hörte Franks Autotür auf- und wieder zuklappen, seine Schritte auf dem Kies, der Veranda. Das Klopfen an der Haustürscheibe. Annie und Zach waren damit beschäftigt, im Hühnerstall nach Eiern zu suchen. Zach lachte ausgelassen, und ich wollte die Welt anhalten und unser Leben in sein Lachen einpacken, damit es heil und unbeschädigt blieb. Ich zwang mich, aus der Küche zu gehen, den Flur entlang, den Spielsachen am Boden auszuweichen. Durch die wellige Glasscheibe sah ich Frank, der nach unten auf seine Uniform starrte. Sieh mich an, schenk mir dein Jim-Carrey-Grinsen. Komm einfach rein, so wie du es immer tust, du Mistkerl. Plündere den Kühlschrank noch vor der Begrüßung. Doch wir standen nur da, die Tür zwischen uns. Dann blickte er auf. Ich drehte mich um, ging den Flur wieder zurück, hörte ihn die Tür öffnen.

»Ella«, sagte er. »Komm, wir setzen uns hin.«

»Nein.« Seine Schritte folgten mir. Ohne mich umzudrehen, machte ich eine abwehrende Handbewegung. Er sollte wieder gehen. »Nein.«

»Ella. Es war eine Monsterwelle, draußen bei Bodega Head«, erklärte er meinem Rücken. »Sie kam aus dem Nichts.«

Er sagte, Joe hätte das Kliff draußen am First Rock fotografiert. Zeugen hätten berichtet, sie hätten ihn laut schreiend gewarnt, doch er hatte sie nicht gehört – der Wind, das Meer … Die Welle hatte ihn umgeworfen und hinausgetragen. Er war verschwunden, noch bevor irgendjemand zu Hilfe kommen konnte.

»Wo ist er?« Als Frank nicht antwortete, drehte ich mich um und packte ihn am Kragen. »Wo?«

Wieder senkte er den Blick, zwang sich dann aber, mich anzusehen. »Wir wissen es nicht. Er ist noch nicht wieder aufgetaucht.«

Eine kleine Hoffnung keimte in mir auf, begann sofort zu wachsen. »Er lebt noch. Bestimmt! Ich muss dahin. Wir müssen dahin. Ich rufe Marcella an. Wo ist das Telefon? Wo sind meine Schuhe?«

»Lizzie ist schon auf dem Weg hierher, um die Kinder abzuholen.«

Ich lief zum Schlafzimmer, trat auf den Brontosaurus, fiel auf die Knie und stand wieder auf, noch bevor Frank mir helfen konnte.

»El, hör mir zu. Wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, dass er noch lebt, würde ich das jetzt nicht sagen. Aber jemand hat sogar Blut gesehen. Wir glauben, er ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Er ist nie zum Luftholen aufgetaucht.« Dann sagte er noch, dass so etwas jedes Jahr passiere, als wäre ich irgendeine Touristin. Als wäre Joe nicht von hier.

»Joe passiert so etwas nicht.«

Joe konnte meilenweit schwimmen. Er hatte zwei Kinder, die ihn brauchten. Er hatte mich. Ich wühlte im Schrank nach meinen Wanderstiefeln. Joe lebte, und ich musste ihn finden. »Ein bisschen Blut? Wahrscheinlich hat er sich den Arm aufgeschürft.« Ich fand die Stiefel, zog die warme Decke vom Bett. Er fror bestimmt. Ich riss das Fernglas von der Garderobe, machte die Fliegengittertür auf und trat auf die Veranda, stolperte über die am Boden schleifende Decke. »Soll ich allein fahren? Oder kommst du mit?«, rief ich nach hinten.

Franks Frau, Lizzie, setzte Zach zu ihrer Tochter Molly in den Bollerwagen, während Annie ihren Arm durch den Zuggriff schob, die Hände um den Mund legte und rief: »Wir rudern mit dem Boot an Land. Vorsicht vor Piraten.«

Ich winkte und bemühte mich, fröhlich zu klingen. »Verstanden. Danke, Lizzie.« Sie nickte ernst. Lizzie Civiletti war keineswegs meine Freundin, was sie mir schon bald nach meiner Ankunft in der Stadt klargemacht hatte. Gleichwohl war sie nicht unfreundlich. Sie würde nicht zulassen, dass die Kinder meine Panik spürten. Und so sehr ich zu ihnen gehen und sie an mich drücken wollte, lächelte ich doch nur, winkte noch einmal und pustete ihnen Luftküsschen zu.

2. Kapitel

Das Blaulicht auf Franks Wagen warf Kreise auf die kurvenreiche Straße. Ich schloss die Augen, wollte die sanft geschwungenen Hügel nicht sehen, die jetzt in der Sonne leuchteten und mit »überaus glücklichen kalifornischen Kühen« gesprenkelt waren, wie Joe immer sagte. Es geht ihm gut. Es geht ihm gut. Er ist bloß desorientiert. Er hat sich den Kopf angeschlagen. Er weiß nicht, wo er ist, hat vielleicht eine Gehirnerschütterung. Er irrt am Strand von Salmon Creek umher. Genau! So ist es! Die Welle hat ihn hinausgetragen und weiter unten an der Küste wieder angespült, und da ist er jetzt. Redet mit irgendwelchen Jungs mit Surfbrettern. Wow, Sie sind auf der Riesenwelle geritten? Die Jungen haben ein Feuer gemacht, obwohl überall Verbotsschilder stehen. Sie geben ihm Bier und Hotdogs. Die Brötchen haben sie vergessen, aber es gibt Senf. Er ist ausgehungert. Erinnerungsfetzen blitzen auf. Nach und nach fällt ihm alles wieder ein.

Wir. Unsere Versöhnung letzte Nacht. Wie wir in der Küche standen und vorsichtig wieder zueinanderfanden, schließlich erleichtert ins Bett fielen. Im Streiten waren wir schlecht, dafür beim Versöhnen medaillenverdächtig. Er hatte mich vom Bauch abwärts geküsst, bis ich stöhnte, meine Schenkel, bis ich wimmerte, und schließlich hatten wir beide der Lust nachgegeben. Später, als ich schon wegdämmerte, hatte er mich auf den Ellbogen gestützt angesehen. »Ich muss dir etwas sagen.«

Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. »Du willst reden? Jetzt?« Natürlich war es lobenswert, dass er offener sein wollte, aber mein Gott, gleich nach dem Sex? War das nicht eine der nervigsten Taktiken des weiblichen Geschlechts? Ich verhielt mich also wie ein Mann und sagte: »Du kannst mir nicht höchste Wonnen schenken und dann sagen, dass wir reden müssen.« Vermutlich ging es wieder um den Laden, um mehr schlechte Nachrichten.

»Also gut«, sagte er. »Dann morgen. Lass uns einen Termin festlegen. Ich frage meine Mutter, ob sie die Kinder nehmen kann.«

»Ohhh. Wir brauchen einen Termin.« Vielleicht ging es ja gar nicht um den Laden, dachte ich, vielleicht gab es ja gute Neuigkeiten.

Er lächelte und tippte mit dem Finger auf meine Nase. Ich hatte nicht Nein, wir müssen gleich reden gesagt. Ich war nicht verärgert. Ich war sofort eingeschlafen.

Joe konnte gar nicht tot sein, nein, unmöglich. Er aß Hotdogs, trank Bier und unterhielt sich übers Surfen. Er hatte noch etwas mit mir zu bereden. Ich öffnete die Augen.

Frank raste durch Bodega Bay, vorbei an Fischrestaurants und Souvenirläden und dem weißrosa gestrichenen Süßwarenladen mit Saltwater-Taffys, an dem die Kinder niemals vorbeikamen, ohne stehenzubleiben, und weiter die kurvenreiche Straße entlang der Bucht, wo handgemalte Schilder den fangfrischen Fisch anpriesen und es nach geräuchertem Lachs und Meer und Wildblumen duftete, dann den geschwungenen Kamm hinauf nach Bodega Head, dem Ort, den Joe auf der ganzen Welt am meisten liebte.

Hier begann der Weg entlang der Klippen, den wir so oft zusammen gegangen waren, auf der einen Seite tief unten das Meer und auf der anderen die Grasebene mit Küstenblumen – Schafgarbe oder Achillea borealis, Rosafarbene Sandverbene oder Abronia umbellata –, bis zu den grasbewachsenen Dünen. Joe staunte immer wieder, dass ich nicht nur alle Vögel und Wildblumen kannte, sondern auch ihre lateinischen Namen herunterrasseln konnte – eine Fähigkeit, die ich von meinem Vater geerbt hatte.

Der Parkplatz war voller Autos, darunter mehrere Streifenwagen, ein Feuerwehrauto, ein Krankenwagen. Am Beginn des Wanderweges stand Joes alter Pick-up, seine »Grüne Hornisse«. Ich nahm das Fernglas, stieg aus Franks Streifenwagen und schlug die Tür zu. Ein Hubschrauber flog mit dröhnenden Rotoren die Küste entlang Richtung Norden – es klang wie ein donnernder, zu schneller und langsam schwächer werdender Herzschlag.

Ich hatte keine Jacke dabei, und der Wind peitschte gegen meine nackten Arme, trieb mir Tränen in die Augen. Frank legte mir die Decke um die Schultern. »Bitte verlang nicht, dass ich mit jemandem rede«, sagte ich.

»Versprochen.«

»Ich muss allein dahin.« Er legte den Arm um meine Schultern, drückte mich kurz an seine Seite und ließ mich dann los. Ich ging zu Joes Pick-up. Natürlich war er nicht abgeschlossen. Seine blaue Daunenjacke, fleckig und abgetragen, genau wie er es mochte. Ich schlüpfte hinein. Sie war sonnengewärmt. Die Decke ließ ich im Wagen, damit sie warm war, wenn er sie brauchte. Die Thermoskanne lag auf dem Boden. Ich schüttelte sie: leer. Ich hob die Gummimatte hoch. Wie erwartet lagen seine Schlüssel darunter, und ich steckte sie in die Tasche.

Durch das Fernglas sah ich im Wasser zahllose Lichter aufblitzen, als mache das Meer Fotos von seinem eigenen Tatort.

Im März und April hatten wir Picknicksachen eingepackt und waren mit den Kindern hierhergefahren, um Wale zu beobachten. Genau mit diesem Fernglas hatten wir den Horizont abgesucht und die grauen Wale bestaunt, die elegant aus dem Wasser glitten und platschend wieder darin verschwanden. Wir hatten den Kindern die Geschichte von Jonas und dem Wal erzählt, wie er ins Meer geworfen und von einem Wal verschlungen worden war und dann in dessen Bauch mit ihm reiste. Annie hatte die Augen gerollt und gesagt: »Ja, klaaar.« Ich hatte gelacht und ihnen gestanden, dass ich als Kind in der Sonntagsschule auch Mühe gehabt hatte, die Geschichte zu glauben.

Doch jetzt war ich bereit, alles zu glauben, alles zu beten, alles zu versprechen. »Bitte, bitte, bitte, bitte …«

Ich ging zum unteren Weg, Joe vor Augen, der mit festem Schritt marschierte, am Leben war. Ein leichter Aufstieg am First Rock, die weißen Wasserstrudel tief unten und nicht bedrohlich. Aber du hast deine eigene Regel gebrochen, Joe, stimmt’s? Die du mir und Annie und Zach immer wieder eingeimpft hast: Kehr dem Meer niemals den Rücken zu. Ein Boot der Küstenwache bewegte sich kontinuierlich weiter, ohne anzuhalten. Ich warf einen Blick über die Schulter zum Kliff. Es sah aus wie die geballte Faust Gottes, die anhaftenden rötlichen Seefeigen wie seine zerkratzten, blutigen Knöchel. Bitte, bitte, sag mir, wo er ist.

Ich stieg den Felsen hinab. Die Sonnenspiegelung im Wasser ließ mich zusammenzucken. Doch weiter unten sah ich, dass nicht das Wasser die Sonne reflektierte, sondern ein Stück Metall, das zwischen zwei Felsen eingeklemmt war. War das …? Ich kletterte näher heran, und da, als warte es darauf, von mir entdeckt zu werden, lag Joes Stativ. Ohne die Kamera.

Aber ja, das ist es! Du bist auf der Suche nach deiner Kamera. Du bist ganz krank deswegen und läufst irgendwo desorientiert in den Dünen umher. Jede Menge Wildspuren, sehr verwirrend, irgendwann sehen alle Dünen gleich aus, du weißt nicht mehr, wo du schon gesucht hast, und dann der peitschende Wind, und du bist müde und musst dich hinlegen. So kalt. Ein Reh beäugt dich argwöhnisch, doch dann merkt es, dass du verzweifelt bist, und es kommt näher, legt sich wärmend neben dich und leckt dir das Salz von der Nase.

Es geht dir gut! Du versuchst nur, den Weg zurückzufinden. »Sei mir nicht böse«, wirst du sagen und mir die Tränen mit dem Daumen wegwischen, mein Gesicht in beiden Händen und die Finger in meinen Haaren. »Es tut mir so leid«, wirst du sagen. Ich werde den Kopf schütteln zum Zeichen, dass ich dir vergebe und danke, dass du gegen die Welle angekämpft hast und zu uns zurückgekommen bist. Ich drücke meine Nase in deinen Hals, das Salz reibt auf meiner Wange. Du wirst nach getrocknetem Blut und Fisch und Seetang und Wild und Holzrauch und Leben riechen.

Ich wanderte bis nach Einbruch der Dunkelheit in den Dünen umher, lange nachdem sie die Suche für den Tag abgebrochen hatten. Der Halbmond gab nichts preis. Frank sagte kaum etwas. Normalerweise redete er ununterbrochen.

Joes Grüne Hornisse war neben Franks Streifenwagen noch das einzige Auto auf dem Parkplatz. Ich wollte den Pick-up für Joe dort stehenlassen, schloss ihn aber auf und legte den Schlüssel wieder unter die Fußmatte. Ich zog seine Jacke aus und ließ sie ebenfalls zurück, zusammen mit der Decke.

Ich stieg zu Frank in den Streifenwagen, hörte stumm zu, wie die Zentrale über Funk eine häusliche Auseinandersetzung meldete und die Adresse durchgab. Ich wollte bei den Kindern sein, doch ich hatte Angst, dass mein Gesicht mich verriet und einen Stachel in ihre glückliche Ahnungslosigkeit trieb. Frank bot an, Joes Eltern und Verwandte mindestens bis zum nächsten Morgen fernzuhalten. Ich nickte, wollte weder seine Eltern noch seinen Bruder oder sonst jemanden weinen sehen oder irgendetwas hören, das nach Niederlage klang. Wir mussten uns darauf konzentrieren, ihn zu finden.

Zu Hause rief ich als Erstes die Kinder an. »Habt ihr Spaß?«, fragte ich Annie.

»O ja«, sagte sie. »Lizzie hat uns erlaubt, alle Kissen von den Möbeln zu nehmen und damit ein Haus zu bauen. Und wir dürfen heute Nacht sogar darin schlafen!«

»Echt cool. Ihr wollt die Nacht also dort bleiben?«

»Ist wahrscheinlich besser so. Molly will nur in unserem Kissenhaus schlafen, wenn ich bei ihr bleibe. Du kennst ja Molly.«

»Ja, ist wahrscheinlich besser so.«

»Gute Nacht, Mommy. Kannst du mir Daddy geben?«

Ich beugte mich auf dem Sofa vor, zog die Schnürsenkel meiner Stiefel auf, schluckte, zwang mich zu einem lockeren Tonfall. »Er ist noch nicht da, Banannie.«

»Okay, dann gib ihm das.« Ich wusste, dass sie jetzt das Telefon an sich drückte. »Und das ist für dich … Tschüs.«

Zach kam gerade lange genug ans Telefon, um zu sagen: »Ich liebe dich ganz doll.«

Ich legte auf, rührte mich nicht von der Stelle. Callie legte sich mir zu Füßen und stieß einen tiefen Seufzer aus. Die Flurlampe warf Licht ins dunkle Zimmer. Ich hatte Joes Stativ in der Ecke aufgestellt, als Begrüßung, wenn er heimkam, doch plötzlich kamen mir die drei Beine und die fehlende Kamera wie ein böses Omen vor. Ich starrte die Uhr auf dem Beistelltisch an, ein Erbstück der Capozzi-Familie. Sie tickte ja, nein, ja, nein. Ich ging hin und machte das Glastürchen auf, hielt den Finger zwischen das hin und her schwingende Pendel, brachte es zum Stehen. Stille. Mit der Fingerspitze schob ich den Stundenzeiger zurück zu der Morgenstunde, als Joe sich neben mir zu regen begann. Ich hatte seine weichen Brusthaare geküsst, seine warme Schulter umfasst und gesagt: »Bleib. Geh nicht. Bleib hier bei uns.«

 

Am nächsten Tag fand ein Schweizer Tourist Joes Leiche, aufgedunsen und in Seetang gehüllt, als hätte ihn das Meer mumifiziert, in dem vergeblichen Versuch, sich zu entschuldigen. Diesmal öffnete ich Frank die Tür und umarmte ihn, bevor er etwas sagen konnte. Doch einen Moment später lehnte er sich zurück und schüttelte nur den Kopf. Ich machte den Mund auf, um Nein zu sagen, doch das Wort verklang tonlos.

 

Ich bestand darauf, ihn zu sehen. Allein. Frank fuhr mich zu McCready’s Bestattungsinstitut und stand neben mir, als eine grauhaarige Frau mit orange verfärbten Händen erklärte, Joe sei noch nicht so weit, ich könne ihn noch nicht sehen.

»Nicht so weit?« Ein seltsames, schrilles Lachen schob sich an dem Kloß in meinem Hals vorbei.

Frank neigte mir den Kopf zu. »Ella …«

»Na und? Wer zum Teufel ist denn je so weit?«

»Entschuldigen Sie, junge –« Doch dann schüttelte sie den Kopf, nahm meine Hände und sagte: »Kommen Sie mit, meine Liebe.« Sie führte mich vom noblen Empfangsbereich durch den ebenso stilvollen Flur mit Teppichboden, Magnolientapete und Mahagonitäfelung in den hinteren Teil mit den Arbeitsräumen, wo der heruntergekommene Korridor mit fleckigem, schadhaftem grünen Linoleum ausgelegt war.

Wie war das möglich? Dass er auf dem Tisch in diesem kühlen Raum lag, der einer überdimensionalen Edelstahlküche glich? Jemand hatte ihn gekämmt, den Scheitel auf der falschen Seite gezogen, vielleicht um die Wunde am Kopf zu verdecken, und ihn bis zum Hals mit einem Laken bedeckt – mehr nicht. Ich zog meine Jacke aus und breitete sie über seine Schultern und Brust, sagte seinen Namen immer und immer wieder.

Sie hatten ihm die Augen geschlossen, aber sein rechtes Lid war eingesunken, und ich begriff, dass das Auge fehlte.

Seine Augen seien Satellitenbilder von der Erde, hatte ich immer gesagt, ozeanblau mit hellgrünen Tupfen – ein Spiegel, in dem ich die ganze Welt sehen könne. In drei Sekunden konnte der Kummer darin in übermütigen Schalk umschlagen, und noch schneller schafften sie es, mich von der Hausarbeit weg ins Bett zu locken. Andererseits brauchte er sie nur sarkastisch zu rollen, um mich im Nu wütend zu machen.

Sein erstaunliches Fotografenauge mit dem besonderen Blick auf die Dinge – wo war es hin? Würde Joes Sichtweise durch die Lüfte schwingend in einer Möwe weiterleben, oder seitwärts flitzend in einem kurzsichtigen Taschenkrebs?

Sein Haar zwischen meinen Fingern war hart vom Salz, nicht weich und lockig. Ich legte es auf die richtige Seite. »So, mein Liebling«, sagte ich, wischte mir mit dem Ärmel über die Nase. »So ist es richtig.« Sein kaltes Kinn hatte einen Dreitagebart – Joe musste sich nur alle paar Tage rasieren und sagte immer, er könne unmöglich Italiener sein, wäre bestimmt adoptiert. Woraufhin er sich meist übers Kinn strich und meinte: »Muss mich jede verdammte Woche rasieren.«

In seiner Unvollkommenheit war er schön und sexy. Ich strich mit dem Finger über die leicht schiefe Nase, die etwas zu große Ohrmuschel. Als wir uns kennenlernten, hatte ich vermutet, dass er als Teenager unbeholfen war, ein Spätentwickler. Und ich hatte recht gehabt. Noch immer besaß er jene gewinnende Schüchternheit, mit der er schon in der siebten Klasse die Herzen der Mädchen gebrochen hatte und die man einfach nicht vortäuschen konnte. Er war stets ehrlich überrascht, dass Frauen ihn attraktiv fanden.

Ich schob meine Hand unter das Laken und hielt seinen furchtbar kalten Arm, wollte ihn mit meiner Willenskraft dazu bringen, die sehnigen Muskeln anzuspannen, zu lachen und mit dem Akzent seiner Großmutter zu sagen: Dir gefällt, Bella? Stattdessen glaubte ich fast die Worte Pass gut auf Annie und Zach auf zu hören. Fast, nicht ganz.

Ich nickte trotzdem. »Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst, okay?«

Ich küsste sein kaltes Gesicht und legte den Kopf auf seine eingefallene Brust, in der seine Lungen sich mit Wasser gefüllt und aus seinem Herz eine Insel gemacht hatten. So verharrte ich für lange Zeit. Die Tür ging auf, aber nicht wieder zu. Jemand wartete, vergewisserte sich, dass ich nicht zusammenbrach. Ich würde nicht zusammenbrechen. Ich musste Annie und Zach helfen, hiermit klarzukommen. Ich flüsterte: »Leb wohl, Liebster, leb wohl.«

 

Ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, was nach dem Tod mit uns passiert, denn es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Ich habe Biologie studiert und fühle mich in der Natur zu Hause, und doch verstört mich die menschliche Natur, verwirren mich all die Dinge, die nicht beobachtet, benannt und katalogisiert werden können. Ich bin eine Frau der Wissenschaft, die sich auf einmal mit dem Unerklärlichen und abergläubischen Vorstellungen herumquält. So frage ich mich oft, ob Joe uns an jenem Morgen beim Schiffspielen zugesehen hat, in jener Übergangsphase vom Davor zum Danach. Hat er uns von seinen geliebten Mammutbäumen aus beobachtet, und dann von einer Wolke? Von einem Stern? Seine Fotografenseele hätte die neuen Perspektiven sicher zu schätzen gewusst, diese posthume Chance, einen Blick auf das zu werfen, was zu mächtig und zu groß war, um in ein Bild gezwängt zu werden. Oder war er der männliche Annakolibri mit der purpurroten Kehle gewesen, Calypte anna, der hier tagelang umherflatterte? Einmal, als ich auf der Veranda saß, flog er nur Zentimeter an meiner Nase vorbei, so nahe, dass ich den Luftschlag seiner Flügel an meiner Wange spürte.

»Joe?« Plötzlich schoss er hoch in die Luft, und es war, als schreibe er mit seinem Auf und Ab etwas in den Himmel. Ich weiß, dass solche Sturzflüge zum Balzritual der Kolibris gehören, und doch frage ich mich jetzt, ob es Joe war, der verzweifelt versuchte, mir eine Nachricht zukommen zu lassen. Der mir hektisch seine vielen Geheimnisse mitteilen und mich warnen wollte vor dem, was er mir nie erzählt hatte.

3. Kapitel

Frank fuhr mich vom Bestattungsinstitut nach Hause und dann weiter, um die Kinder abzuholen. Ich saß am Küchentisch und starrte die Pfeffermühle an, ein Hochzeitsgeschenk von irgendwem, ich glaube, einer Collegefreundin von mir. Joe hatte jede Menge Wind um das Geschenk gemacht, für ihn war es die perfekte Pfeffermühle, worauf ich spöttisch meinte: »Wer hätte jemals geahnt, dass es irgendwo auf der Welt eine perfekte Pfeffermühle gibt und wir die stolzen Besitzer sein würden?«

Zach und Annie kamen hüpfend über die Veranda zur Vordertür herein. Ihr gesungenes Mommymommymommy! drang in meine neue verschwommene und gedämpfte Welt ein und brachte eine schneidende Klarheit mit sich. Ich zwang mich aufzustehen, Rücken gerade, fester Stand. Ich sagte ihre Namen. »Annie. Zach.« Joe hatte mir einmal erzählt, sie wären sein A bis Z, sein Alpha bis Omega. »Kommt zu mir, ihr beiden.« Frank stand hinter ihnen. Ich wusste, was ich zu sagen hatte. Ich würde nichts schönreden, so wie es meine Verwandten mir gegenüber getan hatten, als ich mit acht Jahren meinen Vater verlor. Ich würde nicht sagen, Joe wäre eingeschlafen und würde jetzt bei Jesus wohnen, oder er wäre jetzt ein Engel, weißgekleidet und mit Federflügeln. Es wäre einfacher gewesen, wenn irgendein Glaube mich erfüllt hätte, aber mein Glaube war in einem desolaten Zustand, ein wirrer Haufen, der ständig neue Formen annahm, wie Wäsche in der Waschtrommel.

Annie sagte: »Was ist mit deinem Knie passiert?«

Ich berührte es, doch ich konnte den Bluterguss nicht spüren, den ich mir am Vortag bei dem Sturz im Flur zugezogen hatte.

»Da musst du ein Pflaster draufmachen.« Sie sah mich eindringlich an.

Ich kniete mit dem anderen Bein auf dem Boden, zog beide Kinder zu mir heran und hielt sie fest. »Daddy hatte einen Unfall.« Sie warteten, regungslos, stumm. Warteten darauf, dass ich sie beruhigte, ihnen sagte, wo er war, wann sie ihm einen Kuss geben durften. Wann sie ihm eine Gute-Besserung-Karte basteln und aufs Frühstückstablett legen konnten. Sag es. Sie müssen es von dir erfahren. Sag ihnen: »Und er … Daddy … ist gestorben.«

Ihre Gesichter. Meine Worte gruben sich in ihre zarte, makellose Haut. Annie fing an zu weinen. Zach sah sie an, sagte fast belustigt: »Nein, das stimmt nicht!«

Ich strich ihm über den Rücken. »Doch, mein Schatz. Er war am Meer. Er ist ertrunken.«

»Nie im Leben. Daddy schwimmt schnell.« Er lachte.

Ich blickte zu Frank auf, und er kniete sich zu uns nieder. »Du hast recht«, sagte er. »Daddy ist ein guter Schwimmer … war es. Aber hör mir jetzt zu, ja? Eine riesengroße Welle hat ihn überrascht und vom Felsen gestoßen. Vielleicht hat er sich den Kopf angeschlagen, wir wissen es nicht.«

Annie rang die Hände und schluchzte: »Ich will meinen Daddy. Ich will meinen Daddy!«

»Ich weiß, Banannie, ich weiß das doch«, flüsterte ich ihr ins Haar.

Zach sagte zu Frank: »Das stimmt nicht. Er schwimmt bestimmt zurück, nicht wahr, Onkel Frank?«

Frank fuhr sich mit der Hand über den Bürstenschnitt, über die Augen, hockte sich zurück auf die Fersen und nahm Zach auf den Schoß. Drückte ihn an sich. »Nein, mein Kleiner, er kommt nicht zurück.« Zach wimmerte an Franks Brust, dann warf er sich plötzlich nach hinten und stieß einen Schmerzensschrei aus, in dem der ganze unfassbare Verlust zum Ausdruck kam.

 

Ich habe keine Erinnerung daran, was als Nächstes passierte, oder besser gesagt, an die Abfolge der Ereignisse. Es war, als stünde unsere Einfahrt plötzlich voller Autos, als füllten sich das Haus und der Garten mit Menschen, der Kühlschank mit Chicken Cacciatore, Auberginenauflauf und Lasagne. Joes Familie war überall. Meine Familie bestand nur noch aus meiner Mutter, und die saß gerade im Flugzeug aus Seattle. Auf befremdliche, traurige Weise erinnerte mich der Tag an unsere Hochzeit vor zwei Jahren, das letzte Mal, als alle diese Menschen die Einfahrt mit ihren Autos vollgestellt und sich hier versammelt hatten, Speisen und Getränke im Gepäck.

Joes Familie war laut – wie bei der Hochzeitsfeier, so auch jetzt in ihrer Trauer; und selbst die ersten Stunden der Fassungslosigkeit waren davon nicht ausgenommen. Seine Großtante, schon ganz in Schwarz, sprach als einziges Familienmitglied noch immer italienisch. Sie schlug sich auf die runzlige Brust und wehklagte: »Caro Dio, non Giuseppe.«

Doch es gab auch Phasen ungläubigen Schweigens, wenn alle stumm dasaßen, den Blick auf verschiedene Objekte geheftet – eine Lampe, einen Untersetzer, einen Schuh –, als suchte man bei den Dingen die Antwort auf die Frage: Warum Joe?

Sein Onkel Rick schenkte hochprozentige Getränke aus. Sein Vater, Joe senior, trank viel und fing an, Gott zu verfluchen. Seine Mutter, Marcella, mit Annie und Zach rechts und links auf ihren mächtigen Schenkeln, sagte zu ihrem Mann: »Hüte deine Zunge, Joseph. Deine Enkel sind in diesem Zimmer, und Pfarrer Mike wird jeden verdammten Moment zur Tür reinkommen.«

Ich saß in Joes altem Lieblingssessel aus Leder, ein Erbstück von seinem Großvater Sergio. Annie und Zach kamen und kletterten auf meinen Schoß, schmiegten sich unter meinen Armen an mich, das Gewicht ihrer kleinen Körper wie perfekte Briefbeschwerer, um mich auf meinem Platz festzuhalten. Joes Bruder David rief immer wieder mit tränenerstickter Stimme vom Mobiltelefon aus an, denn er und Gil, sein Lebensgefährte, kamen nur schleichend auf dem Highway 101 voran.

Später, als die Kinder eingedöst waren, merkte David, dass ich mich auf der Toilette eingeschlossen hatte, und sagte durch die Tür hindurch: »Meine Liebe, machst du Pipi oder weinst du oder beides?«

Nichts davon. Ich hatte mich für ein paar Minuten weggestohlen und starrte mein Spiegelbild an, verwundert, dass alles in meinem Gesicht noch genauso war wie immer: Die Augen an der ihnen zugewiesenen Stelle über der Nase, der Mund darunter. Ich schloss die Tür auf, er kam herein und schloss sie wieder zu, stand da, die Arme seitlich am Körper, die Handflächen nach außen gedreht. Sein vom Schmerz gezeichnetes Gesicht war unrasiert und doch wie immer wunderschön. Er hatte das perfekt gemeißelte Antlitz und den wohlgeformten Körper einer römischen Statue, so dass er für seine Freunde nur »der David« war. Wir hielten uns in den Armen, und er flüsterte: »Was sollen wir nur ohne ihn machen?« Ich schüttelte den Kopf und tat nichts dagegen, dass meine Nase tropfte und seine Schulter nass wurde.

 

In dieser Nacht, mit einem schlafenden Kind in jedem Arm und Tränen, die mir in die Ohren liefen, fragte ich mich, wie wir das alles überstehen sollten. Doch dann machte ich mir bewusst, dass ich schon einmal ein großes Leid, das mich zu zerstören drohte, überlebt hatte.

 

Wenn ich heute an meine siebenjährige Ehe mit Henry zurückdenke, dann als an »die Jahre der Versuche«. Den Versuch, einen Felsbrocken den Berg hinaufzurollen. Den Versuch, Henrys träges Sperma in meinen Uterus zu befördern. Den Versuch, meine sturen Eier durch das Eileiterwirrwarr meines Unterleibs zu manövrieren. Die Anrufe bei Henry, er müsse dringend zum Mittagessen nach Hause kommen. Der schwierige Sex nach Plan. Und hinterher, auf dem Rücken liegend und die Füße in der Luft, der Versuch, Ei und Samen qua Willenskraft zusammenzuführen: Trefft euch. Kommt zusammen! Vereinigt euch! (An dem Punkt war ich überzeugt, dass meine Eier Schalen hatten, die schwer kaputtzukriegen waren.) Mein Wunsch nach einem Kind war so groß, dass er mich vollkommen beherrschte. Er nahm mich in Geiselhaft; meine Tage waren so dunkel und in sich verknotet wie die Vorstellung, die ich von meinem Uterus hatte: eine unheimliche, wenig einladende Höhle.

Dann war ich endlich schwanger.

Und verlor das Baby.

Ich lag auf dem Sofa, unter mir alte Handtücher, und hörte, wie Henry in der Küche die nötigen Anrufe machte, fühlte mich so unzulänglich, wie die entsprechende Terminologie es nahelegte. Ich hatte das Kind verloren – wie Schlüssel oder einen Perlmuttohrring. Oder Spontanabort, was klang, als hätten wir das Kind plötzlich nicht mehr gewollt und das einfach beschlossen. Und schließlich Fehlgeburt – eine Geburt, bei der mir ein Fehler unterlaufen war.

Weitermachen. Versuchen, schwanger zu werden, versuchen, schwanger zu bleiben. Versuche mit Spritzen, Gels, Pillen, Hoffnung, Euphorie, Bettruhe, mehr Bettruhe. Am Ende Verzweiflung.

Immer und immer wieder. Insgesamt fünfmal.

Und dann, eines Ostermorgens – während die Nachbarkinder in ihren neuen pastellfarbenen Kleidern auf den schmalen Rasenstreifen auf und ab liefen und ihre Körbchen mit Eiern füllten, die glockenklaren Stimmen voll süßer Freude und die Gesichter schokoladeverschmiert –, saßen Henry und ich an unserem langen, leeren Esstisch und beschlossen aufzugeben. Wir wollten nicht länger ein Kind bekommen und auch keine Ehe mehr führen. Henry war derjenige, der den Mut fand, die Worte auszusprechen: Es gab kein Wir mehr, nur noch die Obsession, und vielleicht war das der Grund, warum wir so hartnäckig am Kinderwunsch festgehalten hatten.

Damals schien es, als würde ich mein Leben lang traurig sein. Wie sollte ich auch wissen, dass das Universum nur sechs Monate später den Schalter umlegen würde? Ich war auf der kurvenreichen Straße – trefflich Bohemian Highway genannt – durch Sonoma County gefahren und hatte den Redwoods, die wie ein Begrüßungskomitee die Straße säumten, »Adieu, Bio-Tech Boulevard!« zugerufen. An der Brücke wartete ich, bis ein paar junge Typen mit Rastalocken und Gitarren die Straße überquerten, um runter zum Flussufer zu gelangen, und sie winkten, als hätten sie mich erwartet. Ich folgte dem Schild nach Elbow und hielt vor Capozzi’s Market. »Adieu, Tristesse in San Diego.«

Joe und ich waren gleich groß. Wir sahen die Welt auf die gleiche Weise und schmiegten uns so einfach in das Leben des anderen, wie Annies Hand sich an jenem Tag vor dem Laden in meine Hand geschmiegt hatte. Wir schliefen nicht an unserem ersten Date miteinander – so lange warteten wir nicht. Ich folgte ihm vom Parkplatz zu seinem Haus, half ihm beim Windelwechseln und Füttern des kleinen Zach, erzählte Annie eine Geschichte und gab den Kindern einen Gutenachtkuss, als machten wir das seit Jahren so. Keiner versicherte flüsternd dem anderen, dass er so etwas normalerweise nicht tue, das gestanden wir uns erst später ein. Doch tiefe Verletzungen bewirken manchmal eine gewisse Hemmungslosigkeit. Joe half, meinen Koffer ins Haus zu tragen, fand eine Vase für den Eimer voll Kornblumen – meine Centaurea cyanus, die auf dem Boden vor dem Beifahrersitz gestanden hatten und mir Glück bringen sollten. Wir redeten bis Mitternacht, und ich erfuhr, dass die Frau, deren Paisley-Morgenmantel noch immer am Haken der Badezimmertür hing, ihn vor vier Monaten verlassen hatte, dass ihr Name Paige war und sie seither nur einmal angerufen hatte, um sich nach Annie und Zach zu erkundigen. In unseren gemeinsamen Jahren danach rief sie nicht an. Kein einziges Mal. Wir liebten uns in Paiges und Joes Bett. Ja, es war hungriger Sex. Phantastischer hungriger Sex.

 

Aber jetzt liege ich im Bett und denke: Ich will nur die Zeit zurückdrehen, sonst nichts. »Wir wollen dich wiederhaben«, flüsterte ich, zog die Arme sacht unter Annies und Zachs schweren Köpfen weg und ging auf Zehenspitzen ins Bad. Da stand Joes Aftershave, Cedarwood Sage. Ich öffnete die Flasche und sog den Duft tief ein, tupfte es auf mein Handgelenk, hinter die Ohren, neben den Kloß in meinem Hals. Sein Rasierer. Ich fuhr mit dem Finger über die Klinge und beobachtete, wie sich eine feine, sich mit den Resten seiner Barthaare vermischende Blutlinie bildete.

Ich drehte den Hahn am Waschbecken auf, damit die Kinder mich nicht hörten. »Joe? Du musst unbedingt zurückkommen. Hör mir zu. Ich schaffe das nicht.« Die Monsterwelle war wie aus dem Nichts gekommen, und sie traf mich jetzt hier im Badezimmer. Ich bekam keine Luft, kämpfte gegen die tosende Kraft, die uns Joe entrissen hatte … Annies und Zachs Daddy. Schon einmal waren sie verlassen worden, von ihrer leiblichen Mutter. Wie viel konnten sie ertragen? Ich musste ihnen jetzt da durchhelfen. Doch gleichzeitig wusste ich, dass ihre bloße Existenz auch mich zusammenhalten und verhindern würde, dass ich zerbrach.

Ich trocknete mir das Gesicht, atmete ein paarmal tief durch und öffnete die Tür. Callie drückte ihre kalte schwarze Nase in meine Hand, drehte sich um und wedelte mir mit dem Schwanz um die Beine, leckte mein Gesicht, als ich mich hinunterbeugte und ihren Rücken tätschelte. Ich wollte für die Kinder da sein, wenn sie aufwachten, also ging ich zurück ins Bett und wartete auf die Morgendämmerung, auf den Moment, wenn sie erwachten.

 

Annie stand auf einem Stuhl und schlug Eier auf. Joes Mutter machte sich mit einer Sprühflasche über meinen Kühlschrank her, daneben war der Mülleimer, randvoll mit verdorbenen Lebensmitteln. Ich ging zu Annie und nahm sie von hinten in die Arme. Die Eidotter schwammen in der Schüssel, vier helle, makellose Sonnen. Sie machte sie mit dem Schneebesen kaputt und fing an, sie kräftig und konzentriert zu schlagen.

Auf einmal drehte sie sich zu mir um und sagte: »Mommy? Du stirbst doch nicht, oder?«

O Gott, jetzt kommen die Fragen. Ich drückte meine Stirn an ihre. »Herzchen, irgendwann sterbe ich auch. Alle müssen sterben. Aber jetzt habe ich erst einmal vor, noch ganz ganz lange hier zu sein.«

Sie nickte mehrmals, wobei unsere beiden Stirnen hoch und runter wippten. Dann wandte sie sich wieder ihren Eiern zu und sagte: »Hast du … na ja … vor, irgendwann bald wegzugehen?«

Ich wusste genau, was sie dachte. An wen sie dachte. Ich drehte sie zu mir herum. »O Banannie, nein! Ich werde euch nie verlassen, das verspreche ich, okay?«

»Du versprichst es? Mit deinem kleinen Finger?«

Sie hielt mir ihren kleinen Finger hin, und ich verhakte meinen damit.

»Ich verspreche es sogar noch mit viel mehr als meinem kleinen Finger, ich verspreche es mit meinem ganzen großen Ich.«

Sie wischte sich über die Augen und nickte noch einmal. Dann widmete sie sich wieder ihren Rühreiern.

Immer mehr Leute trafen ein, die alles Mögliche reparierten: die aus den Angeln gerissene Hühnerstalltür, den Zaunpfosten, der schon vor Monaten bei einem Sturm umgeknickt war. Jemand wechselte das Öl vom Pick-up. Wer hatte ihn aus Bodega Bay hierhergefahren? Wer hatte Joes Jacke zurück an den Haken gehängt, die Decke zurück auf unser Bett gelegt, und wann? Die Rückkehr zur Normalität hatte begonnen. Das Haus roch wie ein italienisches Restaurant. Wie konnte jetzt jemand an Essen denken? David, der Schriftsteller in der Familie und gleichzeitig ein hervorragender Koch, saß im Garten auf der Bank, die er uns zur Hochzeit geschenkt hatte, und arbeitete an der Trauerrede. Gleichzeitig standen einige seiner kulinarischen Köstlichkeiten auf dem Tisch. Alle schienen etwas Konstruktives zu tun – alle außer mir. Immer wieder sagte ich mir, ich muss stark sein für die Kinder, doch ich fühlte mich nicht stark.

Meine Mutter, die aus Seattle eingetroffen war, kümmerte sich hingebungsvoll um Zach und buddelte mit ihm und seinem Konvoi aus Tonka-Traktoren und Action-Figuren in der Erde. Joes Mutter und Annie beschäftigten sich mit Saubermachen, was sie nur unterbrachen, um sich gegenseitig die Tränen wegzuwischen, um dann wieder alles zu wienern, was sie finden konnten. Ich selbst wanderte zwischen Annie und Zach hin und her, zog sie auf meinen Schoß, um sie zu drücken oder einen Seufzer auszustoßen, bis sie sich losmachten und ihre jeweilige Beschäftigung wieder aufnahmen.

Marcella sang beim Putzen. Marcella sang immer, sie war stolz auf ihre Stimme, und ganz zu Recht. Doch sie sang niemals Lieder von Sinatra oder anderen Musikern ihrer eigenen Generation; sie sang Lieder aus der Generation ihrer Kinder. Sie liebte Madonna, Prince, Michael Jackson, Cyndi Lauper – welchen 80er-Jahre-Song man auch nannte, sie konnte ihn singen. Joe und David hatten mir erzählt, dass sie als Teenager in ihrem Zimmer manchmal laute Musik gehört hatten und Marcella dann von unten aus der Küche rief: »Kinder! Macht den Mist lauter!«

Während sie jetzt die schmutzigen Fugen der Küchenfliesen mit der Zahnbürste schrubbte, stimmte sie mit einer schmerzvollen Sopranstimme »Like a virgin … for the very first time« an. Ein seltsames, hartes Lachen entschlüpfte meinem Mund, und sie sah mich betroffen an. »Was ist, Liebes? Alles in Ordnung?« Ich bin sicher, sie wollte keine Kritik an meiner Haushaltsführung üben, und sie war so in ihre Trauer versunken, dass sie nicht merkte, was sie da sang. Joe hätte das lustig gefunden, und an einem anderen Tag – in einer anderen Zeitebene – hätten wir sie auf den Text aufmerksam gemacht, gelacht und sie aufgezogen. Woraufhin sie ihr ausladendes Hinterteil hin- und herschwenkend geantwortet hätte: »Ach ja? Und wie findet ihr das: The kid is not my son …« Aber jetzt suchte sie in meinem Gesicht nach weiteren Anzeichen vom Kummer verursachten Wahnsinns, der hinter meinem schrillen Lachen stecken könnte. Ich schüttelte den Kopf, gab ihr abwinkend zu verstehen, sie solle es gut sein lassen. Marcella kam zu mir, umfasste mein Gesicht mit ihren dicken Händen. »Ich danke Gott, dass meine Enkel dich als Mutter haben. Jeden Tag danke ich Gott für dich, Ella Beene.« Ich schlang die Arme um ihren gewaltigen Körper.

»Setz dich doch hin«, sagte ich und griff nach dem Putzmittel in ihrer Hand. »Ruh dich aus. Ich mache dir einen Kaffee.«

Doch sie zog die Hand zurück. »Nein. Ich brauche das. Ich kann nicht anders. Ausruhen macht für mich alles noch schlimmer.«

Ich nickte, drückte sie noch einmal. »Natürlich.« Marcella glaubte seit jeher an die Klarheit von Fensterputzmitteln.

 

Am nächsten Morgen nahm ich mein schwarzes Kleid aus der Plastikhülle der Reinigung, hob die Arme und spürte das kühle Futter über meinen Kopf gleiten. Ich überlegte, stattdessen die Plastikfolie überzustreifen und zu warten, bis sie sich fest um Mund und Nase schloss, um mich neben Joe in die dunkle Grube legen zu lassen. Doch der Gedanke an die Kinder half mir, die Füße in die schwarzen Slingpumps zu stecken, die Lucy, meine beste Freundin, mir gekauft hatte – »Du kannst auf eine Beerdigung keine Birkenstocks anziehen, Bella, nicht einmal in Nordkalifornien« –, und die beiden Tropfenohrringe aus Silber und Aquamarin zu finden, die Joe mir an unserem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hatte.

In der Kirche sprachen sechsunddreißig Leute. Wir weinten, aber wir lachten auch. Die meisten Geschichten stammten aus der Zeit vor mir. Es kam mir seltsam vor, dass fast alle in der Kirche ihn länger gekannt hatten als ich. Ich war die Neue unter ihnen, doch ich fand Trost in der Vorstellung, dass sie Joe nicht auf die gleiche Weise verbunden waren wie ich.

Hinterher gab es Gespräche, die kaum zu mir durchdrangen, Umarmungen, die ich kaum wahrnahm – als wäre ich am Ende doch in die Plastikfolie geschlüpft. Nur Annies und Zachs Hand spürte ich deutlich, die Zartheit ihrer Haut, den festen Druck ihrer kleinen Finger, als wir aus der Kirche schritten, am Grab auf dem Hügel standen, zum Auto gingen. Und dann ließ Annie meine Hand los. Sie bewegte sich auf eine beeindruckend schöne, blonde Frau zu, die ich nicht kannte und die am Rande des Friedhofs stand. Vielleicht eine von Joes ehemaligen Mitschülerinnen, dachte ich. Die Frau beugte sich hinab, und Annie streckte die Hand aus, berührte ihre Schulter.