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Literatur ist die Antwort auf eine Frage, und zwar eine Antwort, die der Frage erst das richtige Profil verleiht. Diese funktionsgeschichtliche These wird hier in doppelter Weise entwickelt. Der erste Teil greift die auf R. G. Collingwood zurückgehende Logik von Frage und Antwort auf, stellt sie in den weiten Horizont von Collingwoods Philosophie insgesamt und ergänzt sie um Kernelemente der responsiven Phänomenologie von Bernhard Waldenfels. Der zweite Teil bietet eine detaillierte Analyse von vierzehn irischen Romanen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – von Maria Edgeworth über Lady Morgan, Michael Banim und Gerald Griffin bis zu Samuel Lover, Charles Lever und William Carleton –, die als Antworten auf die seit 1801 virulente Frage nach der verlorenen Identität Irlands fungieren. Jede dieser Antworten erstellt ein eigenes Irland-Modell, und zusammen verleihen diese Romane der Irland-Frage jene Dringlichkeit, die immer neue Antworten motiviert. Das Buch will, über diese funktionsgeschichtliche Problematik hinaus, exemplarisch zeigen, wie mit sub-kanonischen Texten literaturwissenschaftlich angemessen umzugehen ist.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Lobsien
—
Die Antworten und die Frage
text & theorie
herausgegeben von
Martin Middeke und Hubert Zapf
Band 15
Eckhard Lobsien
Funktionen der Literatur –Der irische Roman 1800 bis 1850
Königshausen & Neumann
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
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© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2014
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
Umschlag: skh-softics / coverart
Bindung: Zinn – Die Buchbinder GmbH, Kleinlüder
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
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Printed in Germany
ISBN 978-3-8260-5568-3
www.koenigshausen-neumann.dewww.libri.de
www.buchhandel.de
www.buchkatalog.de
Vorbemerkung
1 Collingwood und die Reichweiten der Funktionsgeschiche
1.1 Frage und Antwort I
1.2 Kunst und Religion
1.2.1 Funktionen der Imagination
1.2.2 Religiöses Bewusstsein
1.3 Wissenschaft und Geschichte
1.3.1 Historische Tatsachen
1.3.2 Historisches Denken
1.3.3 Geschichte und Literatur
1.4 Philosophie
1.4.1 Aufmerksamkeit und Präsupposition
1.4.2 Überlappungen
1.5 Frage und Antwort II: Das Antwortregister
1.6 Rekapitulation
2 Funktionen des irischen Romans 1800–1850
2.1 Funktionsgeschichte der Literatur
2.1.1 Zum Begriff der Funktionsgeschichte
2.1.2 Alte Perspektiven
2.1.3 Methodische Prämissen
2.2. Maria Edgeworth
2.2.1 Castle Rackrent (1800)
2.2.2 Zwei Reisende
2.2.3 Ormond (1817)
2.3 Lady Morgan (Sidney Owenson)
2.3.1 The Wild Irish Girl (1806)
2.3.2 John Gambles Sketches
2.3.3 The O’Briens and the O’Flahertys (1827)
2.4 Michael Banim
2.4.1 Crohoore of the Billhook (1825)
2.4.2 The Croppy (1828)
2.5 Gerald Griffin
2.5.1 The Collegians (1829)
2.5.2 The Invasion (1832)
2.6 Samuel Lover
2.6.1 Rory O’More (1837)
2.6.2 Handy Andy (1842)
2.7 Charles Lever
2.7.1. The O’Donoghue (1845)
2.7.2 The Knight of Gwynne (1847)
2.8 William Carleton
2.8.1 Valentine M’Clutchy (1845)
2.8.2 The Black Prophet (1847)
2.9 Rekapitulation
Literaturverzeichnis
Namenregister
Der Titel dieses Buches stellt mehrere Begriffe nebeneinander: Antwort, Frage, Funktion, Literatur. Das bedarf vorab der Erläuterung. Ich werde in dieser Einleitung einige erste Überlegungen und Thesen vorstellen, die in den beiden Hauptteilen über Collingwood und den irischen Roman dann aufgenommen und weitergeführt werden. Leitend hierbei bleibt durchweg der Literaturbegriff. Wenn man von Funktionen der Literatur spricht; wenn man Literatur versteht als Antwort auf eine Frage, dann muss man schlechterdings eine präzise Vorstellung von diesem Gegenstand haben, man muss wissen, was Literatur ist. Solches Wissen steht nicht nur tatsächlich zur Verfügung; es ist in einem solchen Übermaß zugänglich, dass es nachgerade schwer fällt, aus der Fülle der vorzüglichen systematischen Definitionen und historischen Explikationen zu wählen. Die Literaturwissenschaft leistet sich den Luxus eines embarras de richesse. Vor dieser Folie können wir beginnen.1
Jeder literarische Text lässt sich verstehen als Antwort auf eine Frage. Diese Frage stellt sich jeweils in einer bestimmten historischen Situation und wird mit den jeweils zur Verfügung stehenden (also historischen) künstlerischen Mitteln beantwortet. Diese ursprüngliche Frage nun — das ist ein Grundprinzip der literarischen Hermeneutik — kann auch die Frage einer sehr viel späteren Leserschaft sein, mehr oder minder gebrochen, vermittelt, transformiert; aber doch auffindbar und erkennbar als diese Frage. In hermeneutisch–phänomenologischer Metaphorik ausgedrückt: Unser Verstehenshorizont umfasst den früheren Fragehorizont, in welchem der Text als Antwort fungierte; beide Situationen, die heutige und die vergangene, können deshalb sowohl gegeneinander abgehoben wie miteinander vermittelt werden. Wir sind demzufolge imstande, die historische Frage–Antwort–Situation zu rekonstruieren und zu verstehen. Wir stellen an den Text die Frage, auf welche Frage er damals antwortete; und auf diese doppelte Frage erwarten wir eine doppelte Antwort; der Text wird uns zeigen, in welcher Weise er in einer bestimmten Situation respondierte und wie sich diese Situation daraufhin veränderte — gegebenenfalls.
Dieses sehr allgemeine hermeneutische Schema kann man hier noch etwas präzisieren; es muss dann aber doch ab einem bestimmten Punkt nachdrücklich hinterfragt und modifiziert werden. Zunächst: Die Frage, auf die der literarische Text antwortete, muss als eine tatsächlich vorliegende, offene, vielleicht bedrängende, jedenfalls mit genuin literarischen Mitteln beantwortbare Frage aufgezeigt werden. Sie liegt, auch wenn sie verändert, übersehen, verdrängt wurde, ja tatsächlich vor, einfach weil der Text als ihre Beantwortung vorliegt und uns in die ursprüngliche Situation zurückführt. Vom Text her gewinnen wir Zugang zu der Frage, mag sie nun nach wie vor virulent oder aber belanglos oder gar verschüttet sein. Das ist tautologisch gedacht, aber wie alle Tautologien unabweisbar.2 Und noch eine weitere Tautologie ist in diesem Frage–Antwort– Modell enthalten. Die Antwort, die der Text erteilt, weil und insofern er diese Antwort ist, ist immer triftig, stimmig, in sich geschlossen; es kann, so zeigt sich von jedem Text her, eigentlich gar keine andere Antwort geben. Der Text als Antwort beansprucht, die Frage in die einzig richtige Form gebracht zu haben; diese Frage wird gar nicht unabhängig von der besonderen Textantwort greifbar, sie tritt überhaupt nur zu den Bedingungen genau dieses Textes in den Blick: Das ist jedenfalls der Anspruch eines Textes, eines Romans etwa, der uns für die Dauer der Lektüre in seinem Binnenhorizont halten will. Aber kaum hat der eine Text sich als Antwort artikuliert, taucht die Frage wieder auf, erweist sich als nicht gänzlich und nicht wirklich befriedigend beantwortet, obschon es von dem gerade gelesenen Text her so scheinen mochte. Eine neue Antwort wird dringlich, die alte Frage stellt sich erneut, jetzt modifiziert und anders perspektiviert durch die bereits erteilten Antworten, also all jene Texte in Antwortfunktion für diese Frage (ohne Ansehung ihrer möglichen anderen Funktionen). Die Frage muss sich gar nicht eigens als Frage stellen — eine neue Antwort (ein neuer Text) zeigt an, dass sie neuerlich und immer noch virulent ist. Und so mag sich diese Frage, besser: dieser Komplex von lauter Frageaspekten, tatsächlich bis in die Gegenwart desjenigen fortsetzen, der an einer historischen Rekonstruktion der ‚ursprünglichen‘ Fragesituation interessiert ist; vielleicht ist er/sie an der Rekonstruktion interessiert, weil er/sie selber im Bann der Frage steht. Der hermeneutischen Vermittlung der Verstehenshorizonte bieten sich keine unüberwindbaren Hindernisse.
Die Antwort (der Text) zeigt: Die Frage hat sich tatsächlich gestellt, sonst wäre auf sie nicht geantwortet worden; sie war richtig gestellt, weil beantwortbar, und sie ist bis jetzt in der Antwort aufbewahrt, kann von ihr her rekonstruiert, mit anderen Antworten abgeglichen und hinsichtlich ihres Fortwirkens beurteilt werden. Jeder neue Text kann, kommt man von der erlebten Evidenz des alten her, insofern als Überraschung empfunden werden, als er nachweist, die bisherigen Antworten schöpften das Problempotential der Frage noch keineswegs aus, hätten es wohl perspektivisch verkürzt und deshalb weitere Antworten erforderlich gemacht. Kurz gefasst, jeder neue Text wirft die Frage nach der Frage auf, gerade weil sie doch schon beantwortet war. Ist diese Frage in sich selber komplex, dann lässt sich jede einzelne Textantwort als (produktive) Reduktion begreifen, und die Kette nachfolgender Textantworten wird verständlich. Ist die Frage einfach oder kann sie nur einfach formuliert sein, dann obliegt es den Antworten, einen Überschuss zu produzieren, also die Einfachheit der Frage aufzubrechen, ihr ein Problempotential nach– oder zuzuweisen, das in der Frageformulierung abgeschirmt war. Erst in den Antworten wird die gestellte Frage wirklich zur Frage. Es ist auch denkbar, dass die erteilten Antworten die Schwierigkeiten verdeutlichen, in die diese Frage unweigerlich führt, obwohl es sich um eine einfache Frage handelte. Jede Antwort verschafft der Frage eine neue Kontur, stellt sie hinein in einen Spielraum, in dem nun neue Antworten erarbeitet werden können. Es sind neue Antworten auf die alte Frage, die nun freilich nicht als eine invariante Frage, ein fixes Frageschema, sondern als variabler Komplex aus lauter Teilfragen zu verstehen ist; und die Antworten sind untereinander verbunden durch ein mehr oder minder offenes dialogisches Verhältnis.3
Das alles ist einleuchtend, aber umschifft doch das entscheidende Problem: die Frage nämlich, um was für Fragen es sich hier eigentlich handelt. Die literarische Hermeneutik hat damit kein Problem: Es sind durchweg „Fragen, wie sie sich im alltäglichen Lauf der Welt stellen“,4 also Fragen nach der Stellung des Einzelnen in der Welt, nach dem gelungenen Leben, nach Anfang und Ende, nach Identität, Schuld, Gerechtigkeit, Transzendenz, usw. Die Fragen, auf die literarische Texte antworten, wären demnach ‚inhaltliche‘ Probleme, die fiktional inszeniert, in Form möglicher Situationen und Konflikte durchgespielt und mit den begrenzten Möglichkeiten des jeweiligen Textes erledigt werden — bis sie sich als unerledigt erweisen und so neue Antworten provozieren. Es handelt sich offenkundig um die immer gleichen konstanten Probleme. Im Kern sind sie, so zeigen es hermeneutische Lektüren, in der Semantik der Literatur gut lesbar; von ihnen ist schlichtweg die Rede, über sie wird gesprochen. Es muss in einer Erzählung schlechterdings von Subjekt und Welt die Rede sein; ein Gedicht muss von Innen– und Außenräumen ‚handeln‘, um so seine spezifische Antwort auf das gestellte Problem zu artikulieren. Literatur wird, so betrachtet, zum Problemessay. Aber liegt die literarische Antwort wirklich so offenkundig schon in der Textsemantik zutage? Können wir sie dem Text schlicht thematisch– inhaltlich entnehmen? Bei literarischer Durchschnittsware scheint das der Fall zu sein. Hier nämlich, in Texten mäßigen Ranges, sind die thematischen Probleme mühelos lesbar, bis zur trivialen Geläufigkeit. Die Ordnung der Welt und die Impulse der Subjekte, um ein gängiges Beispiel zu nennen, geraten in ganz durchsichtige Konflikte; die Texte lassen uns nicht im Zweifel darüber, welches die gestellten Fragen sind und welche Antwort sie erhalten. Mittelmäßige Literatur scheint sich gut in das Frage–Antwort–Modell zu fügen; sie redet unverstellt. Ihre Antworten, so direkt entziffert, sind freilich wenig interessant, weil sie in immer die gleiche Topik verfallen und die ‚Fragen‘ als langweilige Liste ewig gleicher Grundprobleme zementieren. Man lernt weder aus diesen Fragen noch aus den Antworten und kann auch, anders als Becketts Hamm, an ihnen wenig Vergnügen finden: „Ah, les vieilles questions, les vieilles réponses, il n’y a que ça!“5 Zudem bleibt in dieser Sicht völlig unklar, was das spezifisch Literarische an den Antworten sein soll — Literatur wird zu einem bloßen Beleg und Dokument. Das schöne Frage–Antwort–Tableau droht, in ermüdenden Leerlauf zu geraten: eine wenig ermutigende Perspektive auf die irischen Romane des frühen 19. Jahrhunderts, die uns im zweiten Teil beschäftigen sollen. Man wird also wohl die Antwortqualität von Literatur anderswo suchen müssen als, nach Jauß, „im alltäglichen Lauf der Welt“.
Festzuhalten bleibt: Die Funktion von Literatur besteht darin, eine Antwort zu formulieren auf eine Frage, die (spätestens) von dieser Antwort her in den Blick tritt. Es handelt sich aber um eine literarische Antwort, eine Antwort also, die nur richtig gelesen werden kann unter Einbeziehung von Kernbestimmungen dessen, was Literatur ausmacht. Man muss schlechterdings wissen und definieren, worin sich Literatur (und somit auch das literarische Antworten) unterscheidet von anderen Antworten, anderen Artikulationsweisen und anderen Modi sprachlicher Signifikation. Ohne einen starken Literaturbegriff lässt sich Funktionsgeschichte nicht fundieren. Den Kern dessen, was Literatur als Literatur definiert, halte ich folglich in einer Doppelstimmung fest:
(1) Literatur ist ein Globalzeichen, das sich aus Teilzeichen aufbaut und eine singuläre komplexe Bezeichnungsfunktion trägt.
(2) Literatur ist Modellierung von Welt; sie erstellt zwischen ihrem Anfang und ihrem Ende in der Summe all ihrer Verfahren eine Weltform, und zwar eine je unverwechselbare.
Beide Definitionen hängen zusammen. Wir müssen fragen, was für Welten — Weltformen, Weltkonfigurationen, Weltmodelle — in den Texten mit genuin literarischen Mitteln erstellt werden und wie dabei ein Hyperzeichen entsteht, dessen Signifikationsleistung weit über jedes Einzelzeichen (jeden einzelnen Satz) hinausreicht. Wenn jeder literarische Text, unabhängig von seiner literarästhetischen Qualität, eine Antwort gibt auf die Frage: Wie sieht die Welt aus?, weil er schlechterdings zwischen seinem Anfang und seinem Ende eine Weltform ‚nachstellt‘, ein Weltmodell entwirft, seine vielen Teilbedeutungen in einem Globalsinn bündelt, dessen Referent die/eine Welt ist, ohne dass sich dies noch einmal paraphrasieren ließe —, dann ist es genau diese literarische Leistung, diese nur der Literatur mögliche Leistung, die wir verstehen müssen als Antwort auf eine historische Frage. Zugleich ist auch mit definiert, was literarisches Wissen ausmacht, das in der Antwort hinterlegt ist. Literatur kann jede Art von Wissen transportieren, jedes disziplinäre Wissen bearbeiten und vermitteln; sie erzeugt darüber hinaus aber ein eigenes Wissen, das jede Definition, jede Paraphrase, jede propositionale Darlegung übersteigt. Es ist das durch die literarischen Texte als Texte organisierte oder inszenierte oder modellierte Wissen — die Welt qua Text und der Text qua Welt —, jenes dynamische Wissen (man könnte auch sagen: Konstellationswissen), das durch das literarische Globalzeichen bezeichnet wird, und zwar so, dass es jenseits aller definiten Aussagesätze liegt. Man könnte auch von einem prozessualen Wissen sprechen, einem Wissen in Bewegung, das sämtliche assertorischen Sätze, transliterarischen Exkurse, expliziten Wissensbestände zwar darbietet, sie dann aber gleichsam depotenziert und als Komponenten dem Globalzeichen und seinem Globalsinn zuführt. Dieses literarische Wissen hat nichts mit einem Archiv zu tun und auch nichts mit einem Gedächtnisspeicher. Dieses Wissen ereignet sich in praesentia jeder einzelnen Lektüre.6 Jeder einzelne Text, auch der ganz schematisch und stereotyp verfahrende, der kanonisch mindere Text also, baut eine nur ihm eigene Weltform. Er lässt Welt in einer ganz bestimmten, literaturwissenschaftlich genau analysierbaren Weise vorstellig werden; das ist seine Grundfunktion. Eben diese Weltvorstellung, diese Weltmodellierung und komplexe Weltsignifizierung, stellt die Antwort der Literatur — die Antwort jedes einzelnen Textes in seiner Besonderheit — auf die fragliche Frage dar. In vielen Fällen können wir das an Texten mäßiger ästhetischer Qualität am besten beobachten; sie sind funktionsgeschichtlich oft ‚besser‘ als bessere Werke. Das ist leichthin formuliert, verdeckt aber natürlich eine Fülle heikler, teilweise ganz fundamentaler Probleme, die noch gründlicher Erörterung bedürfen.
Das vorliegende Buch besteht aus zwei selbständigen Teilen, die verklammert sind durch die Frage nach einer Funktionsgeschichte der Literatur, die aber nicht in einem Verhältnis von Modell und Applikation zueinander stehen. Der Eigensinn der Texte verweigert sich jeder bloß illustrierenden Nutzung; er bedarf aber, um als Eigensinn beschreibbar zu werden, einer Rahmung.
(I) Im ersten Teil wird die Frage nach dem Verhältnis von Frage und Antwort, diesem Grundmuster einer literarischen Funktionsgeschichte, noch einmal so aufgenommen, wie hier eben knapp skizziert, dann aber gegen die philosophische wie literarische Hermeneutik konturiert, gerade weil die klassischen Entwürfe von Hans–Georg Gadamer und Hans Robert Jauß so einleuchtend anmuten, immer noch. Einer der Gewährsmänner Gadamers, Robin George Collingwood, von Gadamer bereits in den 1950er Jahren entdeckt und hermeneutisch ‚domestiziert‘, stellt zu einer solchen Revision die geeigneten Mittel zur Verfügung. Es gilt, Collingwood über Gadamer und Jauß hinaus neu ins Recht zu setzen und mit ihm die Reichweiten einer Funktionsgeschichte der Literatur, einer emphatisch literarisch verstandenen Literatur, auszumessen — und, nebenbei, von diesem Autor ein anderes Bild zu zeichnen, als hierzulande kurrent ist oder in England unter dem Pauschaltitel philosophy of mind gehandelt wird. Insoweit kann dieser erste Teil auch als kleine Collingwood–Monographie gelesen werden, genauer: als eine Darstellung des noch wenig bekannten phänomenologischen Collingwood.
(II) Im längeren zweiten Teil findet sich eine Funktionsgeschichte (oder auch Funktionslogik) des irischen Romans in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Frage, auf die die ausgewählten vierzehn Romane je spezifisch antworten, lautet, pointiert gefasst: Was ist ‚Irland‘, wenn es nicht mehr Irland sein kann? Oder historisch präzisiert: Was kann ‚Irland‘ nach dem Verlust seiner politischen Identität durch die Union mit Großbritannien 1800/01 überhaupt noch sein? Irland wird zum Namen für eine Hohlform von Welt, für eine ausgehöhlte Entität, die in jedem einzelnen Text eine partielle Füllung erfährt und dadurch andere Antworten motiviert. Diese Antworten, diese Weltmodelle, diese ‚Irland‘–Konfigurationen, richten sich an ein Lesepublikum, dem die Frage Was ist Irland, nachdem es nicht mehr Irland sein darf? eine gleichermaßen historische wie aktuelle war, ein Publikum zudem, das festgefügte Erwartungen an Literatur und ihre Antwort–Funktionen herantrug. In jedem Roman sehen wir uns hineinversetzt in eine ‚Irland‘–Welt, gebaut mit den kurrenten Möglichkeiten narrativer Literatur des frühen 19. Jahrhunderts, in diesem Sinne also vorab vertraut und doch immer wieder und immer wieder anders verfremdet. Jede einzelne Text–Antwort durchbricht in irritierender Weise den historischen Erwartungshorizont der Antwortmöglichkeiten. Die Antwort auf die gestellte Frage affirmiert die schon erteilten zahlreichen Antworten, nur um sie unverhofft, unabsehbar zu alterieren. Diese Insuffizienz der Antworten hat nichts zu tun mit mangelnder literarischer Qualität; sie ist selber die beste Antwort, die sich denken lässt: als antwortende Verfehlung, einfallsreiche Unterbietung der Frage, die in Geltung bleibt und sich in Mutationen immer wieder neu stellt. Das muss hier, ohne jede Anschauung am Text, beinahe unsinnig klingen, so leer möglicherweise wie die vorhin kurz angerissene Rede von Antwort und Frage; auf sie ist nun im ersten Teil genauer einzugehen. Zu Beginn des zweiten Teils werden wir das Problem einer Funktionsgeschichte der Literatur, Collingwood im Rücken, dann noch einmal angehen, um es von der Modellebene auf die der methodisch ‚disziplinierten‘ Textanalyse zu transformieren.
1 Ich nehme implizit wie teilweise explizit Argumentationsgänge in Anspruch, die in meinen letzten Büchern in extenso entfaltet wurden; vgl. Eckhard Lobsien, Dogma / Literatur: Ein Lernversuch (München: W. Fink, 2014), Kap. 1: „Literaturbegriff und Grenzüberschreitung“; Schematisierte Ansichten: Literaturtheorie mit Husserl, Ingarden, Blumenberg (München: W. Fink, 2012), Kap. 1: „Der Begriff der Literatur“, Kap. 3: „Kontingenz und Konsistenz“. Vgl. auch Jan Urbich, „Der Begriff der Literatur, das epistemische Feld des Literarischen und die Sprachlichkeit der Literatur“, Der Begriff der Literatur. Transdisziplinäre Perspektiven, eds. Alexander Löck und Jan Urbich (Berlin: De Gruyter, 2010) 9-62. – Ganz bewusst verzichte ich darauf, die Frage einer Funktionsgeschichte der Literatur mit systemtheoretischen Mitteln anzugehen. Der hier gewählte hermeneutisch–phänomenologische Ansatz scheint mir immer noch hinreichend leistungsfähig zu sein, vor allem dann, wenn er offen bleibt für Erweiterungen des klassischen husserlschen Modells. Der Name Bernhard Waldenfels steht für solche Öffnung.
2 Wir werden noch Gelegenheit haben, auf die ‚Logik‘ der Tautologie (der konstruktiven, ‚guten‘ Tautologie) einzugehen und sie funktionsgeschichtlich aufzuklären.
3 Hans Robert Jauß formuliert bündig: „Rezeptionsprozesse sind notwendig selektiv, sie setzen Vorgänge der Verkürzung und Umgewichtung voraus, die vereinfachend, aber auch wieder verkomplizierend sein können, sofern es sich um eine produktive Rezeption von verjüngender Kraft und nicht nur um eine unselbständige Nachahmung handelt, die der Tradition gegenüber keine neuen Fragen aufwirft. Solche Fragen, die den Sinn der Selektion in einem Rezeptionsprozeß erschließen lassen, müssen erst wiedergewonnen werden, damit aus den Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten von Vorgabe und Reprise die Bedeutung solcher Werke in ihrer dialogischen Beziehung zutage gebracht werden kann“: H. R. Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982) 507.
4 Jauß 407.
5 Samuel Beckett, Fin de partie, in Dramatische Dichtungen, Bd. 1 (Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1963) 254.
6 Das ist eine Problemdimension, die in einem neuen einschlägigen Sammelband sträflich vernachlässigt wird; s. Roland Borgards et al., eds., Literatur und Wissen: Ein interdisziplinäres Handbuch (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013). – Wenn man den schwer dingfest zu machenden Begriff des Wissens hier überhaupt gebrauchen will, dann wäre literarisches Wissen als Generierung einer Einsicht zu bestimmen. Literarische Texte lassen sich, weil sie Welt modellieren und Welt hyperkomplex bezeichnen, Metaphern vergleichen, die ja auch diesseits definierter Begrifflichkeit eine Einsicht festhalten, die sich erschließt, ohne verlustfrei anders ausgesagt werden zu können. Texte sind Globalmetaphern. Der Wissensprozess, den ein literarischer Text absolviert, so ließe sich auch sagen, stellt einen sich selber reflektierenden Verlauf dar; und doch erlaubt es diese mitlaufende Reflexion des literarischen Diskurses nicht, ihn in einen anderen zu übersetzen.
R. G. Collingwood ist, wie einleitend bemerkt, durch Hans–Georg Gadamer in Deutschland bekannt geworden:1 als Vertreter einer hermeneutischen Logik von Frage und Antwort. Bereits 1955 hob Gadamer in seiner Einleitung zu der von ihm veranlassten deutschen Übersetzung von Collingwoods Autobiographie dieses Frage–Antwort–Modell besonders hervor, um es fünf Jahre später in Wahrheit und Methode zu integrieren. Es ist in der Tat von bleibendem Interesse, gerade dann, wenn man es über seine engere hermeneutische Relevanz hinaus erweitert und in Beziehung bringt mit jenen besonderen Voraussetzungen, Kontexten, Tiefenschichten, die Collingwoods ebenso breit gefächertes wie eigenwilliges Œuvre anbietet. Dann gewinnt der hermeneutische Frage–Antwort–Gedanke weitere Resonanzen, die unwahrnehmbar blieben, verengte man den Blick allein auf das kurrente Schlagwort einer logic of question and answer. Am Ende dieses ersten Teils unserer Funktionsgeschichte werden wir eine differenzierte und erweiterte Ansicht dieser ‚Logik‘ gewonnen haben, sie um ein entscheidendes phänomenologisches Stück ergänzen und so zu einem Begriff von Funktionsgeschichte (und insbesondere literarischer Funktionsgeschichte) gelangen, der tragfähig erscheint, weil und insoweit er die möglichen Leistungen von Literatur (oder Kunst) fundiert in Kernbestimmungen des Literarischen, kann doch Literatur wohl nur in solche Funktionen eintreten, die in dem, was Literatur ist, ihren Grund haben. Eine Literatur, von der man behauptete, sie übe nicht–literarische Funktionen aus, wäre ein Unding.
Die Abschnitte dazwischen folgen dem Grundriss menschlicher Geistes–, Wissens– und Erkenntnisformen, den Collingwood in seinem frühen Werk Speculum Mentis 1924 entworfen hat. Er diskutiert dort fünf Konstitutionsformen des menschlichen Geistes bzw. fünf ausgezeichnete Erfahrungstypen, die sich historisch und disziplinär unterschiedlich manifestieren, in ihrer Aufeinanderfolge aber eine klare dialektische Teleologie freilegen: Kunst — Religion — Wissenschaft — Geschichte — Philosophie. Den Erörterungen im Speculum, die wir auf ihre (phänomenologischen) Kernbestimmungen reduzieren und von allen teleologisch–dialektischen, quasi–hegelianischen Momenten entlasten, sind andere, teilweise erst posthum publizierte Werke Collingwoods vertiefend oder korrigierend zuzuordnen. Wie gesagt, ohne den Parcours durch diese Schriften bliebe die Logik von Frage und Antwort, so wie sie in der Autobiographie von 1939 und in den Schriften zur Historiographie formuliert ist und von dort her ihre Schlagwort–Karriere antrat, unterbestimmt, und es ließe sich wohl fragen, ob es denn der Mühe wert sei, sie nochmals aufzurufen. Es ergibt sich für uns also der folgende Durchgang:
KUNST:
Outlines of a Philosophy of Art
The Principles of Art
RELIGION:
Religion and Philosophy
Faith and Reason
The Philosophy of Enchantment
WISSENSCHAFT UND GESCHICHTE:
The Idea of Nature
The Idea of History
The Principles of History
Essays in the Philosophy of History
PHILOSOPHIE:
An Essay on Philosophical Method
An Essay on Metaphysics
The New Leviathan
Zunächst aber zu einer ersten Version des Verhältnisses von Frage und Antwort, wie es sich von Collingwoods Autobiographie sowie von Gadamers Hemeneutik her erschließt. Was meint diese ‚Logik‘?
Lernen, so Collingwood, setzt Fragen voraus, gezieltes Fragen, auf das es gezielte Antworten geben kann. In der Antwort bleibt die Frage erhalten, sie ist mit der Antwort nicht einfach verschwunden. Denn die Frage war eine motivierte, sinnvolle Frage. Die Antwort löst sich nicht einfach als kontextlose Aussage ab von ihrer Frage und deren Motivationshintergrund; als isolierte Proposition wäre sie unverständlich. Das gilt nun nicht allein für verbalisierte Antworten, sondern für alle Dinge, die wir verstehen wollen. Gegenstände, Dokumente, Äußerungen, Kunstwerke, Theorien sind nichts, was einfach vorliegt und als vorliegendes Material beurteilt werden könnte, nichts, an das man fixe externe Maßstäbe einfach anlegt. Man sieht es einem Objekt nicht an, was es ist, welche Funktion es besaß, was es bedeutet, ob es ‚wahr‘ ist. Dies erschließt sich erst, wenn man das Objekt befragt, und zwar so, dass es als (möglichst präzise) Antwort auf eine (möglichst präzise) Frage zu begreifen ist. Wir müssen uns in die Situation hineinversetzen, aus der heraus diese Antwort erfolgte; wir müssen versuchen, das Problem, das nach einer Antwort verlangte, möglichst genau zu identifizieren; wir müssen in die Situation der Frage — geleitet allein oder doch primär durch die vorliegende Antwort — gelangen, und uns in ihr (idealerweise) so orientieren, als wäre die Antwort noch gar nicht erfolgt. Erst dann erlangen wir historisches Wissen. “The historian has to decide exactly what it is that he wants to know; […]”.2 Wissen und Verstehen entstehen aus der Beantwortung von Fragen, aus einer “questioning activity”.3
I began by observing that you cannot find out what a man means by simply studying his spoken or written statements […]. In order to find out his meaning you must also know what the question was (a question in his own mind, and presumed by him to be in yours) to which the thing he has said or written was meant as an answer.4
Was uns vorliegt, ist ein Objekt oder eine Artikulation, deren Sinn darin besteht, auf eine vorangehende Situation, eine Problemlage, eben eine sich stellende Frage eine adäquate Antwort zu geben. Der Detailliertheit der Antwort entspricht eine proportionale Beschaffenheit der Frage. Beschränkte man sich auf den puren Aussagegehalt einer historischen Äußerung, müsste man einander widersprechende Aussagen bereinigen. Aber unter Voraussetzung der Frage–Antwort–Logik ist das anders: Zwei Aussagen, die sich formallogisch widersprechen, können doch beide richtig und wahr sein — dann nämlich, wenn sie als Antworten auf zwei verschiedene Fragen gelesen werden. Sie widersprechen einander nur dann, wenn sie die gleiche Frage beantworten. “If you cannot tell what a proposition means unless you know what question it is meant to answer, you will mistake its meaning if you make a mistake about that question.”5 Das ganze historische Verstehens– und Wahrheitsproblem löst sich auf in diese bewegliche “logic of question and answer”.6 Eine Aussage, die formal betrachtet als wahr erscheint, kann sich als unwahr erweisen, wenn sie eine Frage verfehlt, auf die sie offenkundig zu replizieren sucht(e); sie unterliegt einem ‚situativen‘ Selbstmissverständnis. Das festzustellen ist freilich schwierig, gewinnen wir die richtige Frage doch erst von der Antwort her.
Die Frage liegt vor der Antwort; sie müsste — denkt man an Situationen des Alltagslebens —eigentlich separat von dieser zu erkennen sein, aber das ist nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Der Weg zu der Fragesituation ist allein durch die Antwort hindurch möglich: “The fact that we can identify his [an author's] problem is proof that he has solved it; for we only know what the problem was by arguing back from the solution.”7 Zwischen Antwort und Frage herrscht ein striktes rücklaufendes Korrelationsverhältnis. Die Antwort muss hinreichend ‚Material‘ liefern für die Rekonstruktion der Frage, die aber mehr und etwas anderes sein sollte als eine rein tautologische Variante oder Rückprojektion der Antwort; jedenfalls müsste es sich um eine ‚gute‘ Tautologie handeln. Darin stecken drei Probleme.
(1) Die Frage, auf die ein Text (um gleich unseren Fall zu nehmen) antwortet, ist nur von dieser Antwort her zu gewinnen. Ob die Antwort in einem angemessenen Verhältnis zur Frage steht; ob sie deren Anspruch einlöst oder verfehlt; ob sie die Frage simplifiziert oder umgekehrt die Frage durch ihre Komplexität als allzu schlicht ausweist: All dies lässt sich nicht von jenseits der Frage–Antwort–Abfolge ausmachen (dies wäre wieder falsche, positivistische Logik). Die Antwort und nur sie gibt die Aspekte und Kriterien für die Rekonstruktion der Frage vor; die Frage ist nur zu genau den Bedingungen, die wir der Antwort entnehmen, formulierbar. Das läuft in der Tat auf eine perfekte Tautologie hinaus: Die Frage, das Problem, die offene Situation, ist eine Teilmenge der Antwort, des Werks, der kulturellen Artikulation. Will man die Tautologie öffnen, dann muss die Frage aus der Antwort so rekonstruiert werden, dass ein Spielraum erkennbar wird, ein Spielraum möglicher anderer Antworten, unter denen die vorliegende ihren besondern Wert, ihren Grund hat, wiewohl sie nicht die einzig mögliche war. Die reale Antwort sollte den Blick auf diese anderen Möglichkeiten nicht versperren, dann wird ihre besondere Funktion im Spektrum der Möglichkeiten einsichtig. Aber natürlich lässt sich die methodische Tautologie nicht wirklich aufheben; dies ist auch nicht erforderlich.8
(2) Die ursprüngliche Situation, die Frage vor der Antwort, ist offen, dynamisch, in ihrem Fortgang unabsehbar. Eine Frage ruft eine Vielzahl möglicher Antworten herauf, unter denen sich schließlich diese eine, die uns überliefert ist, durchsetzt. Deren besonderer Vorzug lässt sich nun aber nicht mehr unmittelbar abschätzen, fehlt uns doch die Möglichkeit des Vergleichs aller denkbaren, nie verwirklichten Antworten untereinander; wir müssen die Fülle dieser anderen Möglichkeiten imaginieren. Das erinnert an die Phänomenologie der Protention, der zwar thematisch motivierten, aber noch unentschiedenen Vorerwartungen: In die Zukunft hinein baut sich ein ganzes Bündel von Möglichkeiten des Kommenden auf, und es schrumpft jäh zusammen, wenn daraus die eine Möglichkeit wirklich wird und alle anderen verschwinden. Diese Lage, in der sich die noch unentschiedenen Möglichkeiten anstauten, kann man, nachdem die Antwort auf die Frage nun artikuliert ist, nicht mehr wirklich greifen, man kann sie nur noch hypothetisch rekonstruieren, fingieren. Da die eine Antwort, nachdem sie einmal real geworden ist, alle Alternativen abgeblendet hat, droht die Frage engstirnig zu wirken, so als habe sie nur diese eine Antwort ‚gewollt‘. Das aber ist nicht der Fall. Eine gehaltvolle Frage verträgt mehrere Antworten.
(3) Was passiert eigentlich, wenn die — sei es eng umgrenzte, sei es epochale — Frage befriedigend beantwortet wurde? “A question answered causes another question to arise.”9 Aber wie kommt es zu neuen Fragen? Spielt hierbei die Kongruenz oder Inkongruenz zwischen Frage und Antwort eine Rolle? Fragen und Antworten sind situiert; d.h. sie bilden keine abgezirkelten 1–1–Formationen, sondern sie gehören einem Kontext zu. Aus der Entzifferung der richtigen Frage durch die Antwort hindurch müssen neue Frage–Antwort–Korrelationen erwachsen, dafür muss die historische Phantasie sorgen. Das kann nun unterschiedlich erfolgen. Die Antwort könnte den Skopus der Frage unterbieten, es bliebe ein unerledigter Rest, der sich nach erteilter Antwort weiter entwickelt, sich auswächst zu einer neuen Problemsituation, die neue Antworten anfordert. Es könnte auch so sein, dass die Antwort viel zu umfassend ausfällt, einen Überschuss erzeugt, zu dem gleichsam nachträglich Fragen beigebracht werden müssen; das könnte bei literarischen Antworten gut der Fall sein. Oder die Antwort fällt so aus, dass sich die Frage qualitativ verändert, aus ihrer alten, unzulänglichen Form heraus zu expandieren beginnt, aber doch in dieser Modifikation weiter virulent bleibt. Wie auch immer: Das Verhältnis zwischen Frage und Antwort ist kein statisches, sondern ein Verhältnis wechselseitiger Modifikation oder Adaptation, Über– und Unterbietung. Die Antworten ‚machen‘ die Fragen, die Fragen bleiben auf der Suche nach immer noch anderen Antworten, je nach ihrem Gewicht und ihrer Reichweite.
Warum beschäftigt uns dieses Frage–Antwort–Verhältnis, über ein pures antiquarisches Interesse hinaus? Nicht alle Fragen sind noch relevant, einige aber sehr wohl; nicht alle Antworten sind noch adäquat, vielleicht nicht einmal mehr verständlich. Nicht alles, was wir historisch vorfinden, lässt sich sinnvoll als erteilte Antwort fassen; und es mag Fragen geben, die diesseits jeder Beantwortbarkeit bleiben, also von vermeintlichen Antworten her gar nicht oder nur verzerrt in den Blick treten können. Vielleicht öffnet sich in solchem Fall anhand der historischen Antwort, die die Frage gar nicht recht trifft, der Blick auf eine fortbestehende Problematik, die paradigmatisch unzählige Antworten bündelt. Oder wir lesen umgekehrt einer überdimensionierten Antwort ab, welches Bündel von Fragen dahinter verborgen liegt. Hier wäre eine ganze detaillierte Kasuistik auszuarbeiten — eine Blaupause für (literar–)historische Exempla.
Ein zweites, mit dieser Frage–Antwort–Logik eng verbundenes bekanntes Lehrstück Collingwoods behandelt die ‚Einkapselung‘. Die Frage nach der historischen Frage, auf die ein Dokument oder eine Handlung die Antwort bildeten, kommt überhaupt nur auf, wenn die Antwort–Vergangenheit in der Gegenwart enthalten ist, wenn es eine Spur, ein Indiz, einen gegenwärtigen Anhaltspunkt gibt, nach der historischen Fragesituation zu fragen.10 Denn wir müssen ja in die Frageposition zurück kommen können. Eine historische Antwort ist umso aktueller, je erkennbarer das alte Problem in der späteren (also heutigen) Situation eingekapselt, als es selber auffindbar ist, wie verwandelt auch immer; wenn wir uns also die alte Frage, auf welche die Antwort vorliegt, selber stellen und dann die Antwort als Antwort erkennen können (die wir evtl. zuvor positivistisch außerhalb des Frage–Antwort–Systems als einen bloßen Sachverhalt wahrgenommen hatten); oder wenn wir sehen, dass die Antwort auf ein altes Problem gut und gerne immer noch eine Antwort auf ein ähnliches aktuelles sein könnte oder ist. Geschichte besteht nicht aus gegeneinander abgegrenzten Ereignissen, sondern aus Prozessen, die transformierend ineinander übergehen, ohne identifizierbaren Anfang und ohne Ende. Deshalb können wir den alten Prozess P1, den wir verstehen wollen in seiner Frage–Antwort–Logik, verwandelt im heutigen historischen Geschehen P2 wiederfinden, als Spur:
If P1 has left traces of itself in P2 so that an historian living in P2 can discover by the interpretation of evidence that what is now P2 was once P1, it follows that the ‚traces‘ of P1 in the present are not, so to speak, the corpse of a dead P1 but rather the real P1 itself, living and active though incapsulated within the other form of itself P2. And P2 is not opaque, it is transparent, so that P1 shines through it and their colours combine into one.11
Es gibt keine scharfen historischen Trennlinien, sondern transformierende Verläufe und Kontinuitäten. Die prozesshafte Situation P2, in der der Historiker arbeitet, ist niemals nur rein diese P2, sondern in ihr ist ein Rest von P1 ‚eingekapselt‘. Wir können dann die Antwort, die einmal auf oder in P1 gegeben wurde, so auch (partiell) als aktuell für P2 betrachten. Eingekapselt heißt aber auch: markiert als historisches, insofern gesondertes, fremdes Element. Deshalb ja setzt hier die historische Frage nach der Frage an. Diesem Problem werden wir später noch einige Aufmerksamkeit widmen müssen, ist doch vorderhand nicht recht ersichtlich, wie eine funktionale Literaturgeschichte hier ihren methodischen Ort finden sollte.
Gadamer hat in seiner Einleitung zur deutschen Ausgabe der Autobiographie darauf hingewiesen, dass Collinwoods radikale Historisierung der Fragen, auf die (philosophische, literarische, historische) ‚Sätze‘ antworten, auch die alte Problemgeschichte erledigt.12 Denn man kann nicht mehr behaupten, es gäbe einen Kanon immer gleicher Probleme (Fragen im Sinne der berüchtigten anthropologischen Konstanten), die historisch wechselnd beantwortet würden. Wenn die Frage nur von der historischen Antwort her zugänglich ist, dann ist sie auch nur als besondere historische Frage (be)greifbar; und ihre Einkapselung in einem späteren Horizont ist ja auch nicht zu verstehen als Konservierung, sondern als Fortwirken unter gewandelten Umständen. Die Frage, deren Beantwortung uns vorliegt, erhält ihren Sinn im gleichen Maße von dieser Antwort, wie der Sinn der Antwort sich von der Frage her erhellt. Löste man diesen historischen Bedingungszusammenhang auf, endete man bei einer Liste banalisierter, schematischer Probleme.
In Wahrheit und Methode hat Gadamer Collingwood noch etwas anders dargestellt und damit das Konzept der Logik von Frage und Antwort jedenfalls in Deutschland für lange Zeit festgelegt — H. R. Jauß bietet dafür, wie wir schon sahen, ein repräsentatives Beispiel. Gadamer erweitert jetzt die Frage–Antwort–Konstellation so, dass die historische Tatsache oder der Text (also die überlieferte alte Antwort auf eine Frage) selber zu einer Frage wird, die sich an uns richtet; und unser Verstehen ist dann die Antwort auf diese Frage. „Daß ein überlieferter Text Gegenstand der Auslegung wird, heißt bereits, daß er eine Frage an den Interpreten stellt. Auslegung enthält insofern stets den Wesensbezug auf die Frage, die einem gestellt ist. Einen Text verstehen, heißt diese Frage verstehen.“13 Nun stellt uns der Text keine beliebige Frage, auf die wir mit einem beliebigen Verstehen, irgendeiner Sinnzuweisung, antworten könnten. Seine Frage, den Text als Frage, verstehen wir nur, wenn wir ihn in einen „Fragehorizont“ stellen.14 Das ist der Anschlusspunkt für Collingwood: Man muss den Horizont, aus dem heraus der Text sich als Frage an uns wendet, gewinnen; und das heißt, dass wir den Text, der uns fragt, selber auf eine Frage zurückführen, auf die er die Antwort darstellt. Wenn wir den Text als eine solche Antwort verstehen, haben wir ihn in seinem historischen Horizont platziert und können dann unsererseits die Antwort auf seine Frage geben; also unsere verstehende, auslegende Antwortversion jener Antwort, die der Text gab, die aber nichts objektiv Feststehendes sein kann, weil er uns sonst ja gar nicht als Frage begegnete. Die Horizont–Metapher hält gut (phänomenologisch) fest, wie hier mit wechselnden Perspektiven, labilen Bezügen und offenen Übergängen zu rechnen ist. Die Frage, auf die der Text reagierte und die er — als Antwort — nun an uns weiterreicht, wie verdeckt auch immer, steht nicht in einem stabilen System. Sie muss von uns, indem wir eine Antwort auf die Text–Frage geben, rekonstruiert werden. Wir antworten auf den Text und begreifen ihn genau damit selber als eine Antwort, eine Antwort in beweglichen Horizonten. „Die Rekonstruktion der Frage, auf die der Text die Antwort sein soll, steht selbst innerhalb eines Fragens, durch das wir die Antwort auf die uns von der Überlieferung gestellte Frage suchen. Eine rekonstruierte Frage kann eben niemals in ihrem ursprünglichen Horizont stehen.“15
Diese schon längst klassisch gewordene hermeneutische Argumentation ist in sich einleuchtend, aber es fällt nicht leicht, konkretes literaturwissenschaftliches Arbeiten in ihr wiederzuerkennen. Hier wird doch eher eine Substruktur dessen beschrieben, was wir tun, wenn wir lesen und das Gelesene in seinen historischen Horizont stellen, indem wir eben vom Text in einen historischen Horizont verwiesen werden. Die Frage, die der Text an uns richtet, ist doch ganz konkret: Was für eine Welt wird hier, zwischen Anfang und Ende des Textes, ausgeformt? Und warum ist das so, was zeigt sich darin an? Dies ist die Frage des Textes, weil es unsere Frage an ihn ist, weil wir im Lesevorgang beteiligt sind an der Konstitution einer Welt, die immer wieder die Frage nach ihrer Beschaffenheit und deren Grund aufwirft. Wenn wir diesen Sinnkonstitutionsprozess insgesamt als Rekonstruktion jener Antwort verstehen, die der Text auf eine Frage erteilte, dann muss gezeigt werden können, inwiefern die Text–Welt in genau der von uns konkretisierten Form auf eine Problemlage (eine Frage) replizierte; und das heißt: in was für eine Weltform der Text die Welt, die ihn zur Antwort motivierte, brachte, um aus ihr jene andere extra–textuelle Welt in besonderer Weise in den Blick zu bringen. Oder noch anders: Die Welt als Frage, auf die die Literatur mit ihrer Weltmodellproduktion antwortet, ist kein irgendwie amorph gegebener Horizont, sondern ein bewusstseinsmäßig konstituierter Horizont; und auch die Texte mit ihren Welten sind Korrelate von Akten des Bewusstseins. Nur so können sie in ein Antwort–Frage–Verhältnis eintreten, das sie an uns, historisch viel später, übermitteln und uns nun selber in ein Fragen nach der Frage hinter der manifesten Antwort versetzen.
In seinem Speculum Mentis hat Collingwood, wie eingangs angedeutet, eine dialektisch–hegelianisch anmutende, im Kern aber phänomenologische Entwicklungslogik der Grundformen menschlicher Welterfahrung ausgearbeitet.16 Kunst, Religion, Wissenschaft, Geschichte sind Namen für die historisch manifest gewordenen wichtigsten Bewusstseinshaltungen.17 Sie bringen die Welt in eine bestimmte Gestalt, bestreiten einander den Wahrheitsanspruch, den sie für sich selber freilich reklamieren; und sie neigen zur dogmatischen Verfestigung in theoretischen Selbstbegründungen — Kunst wird in Ästhetik, Religion in Theologie, Wissenschaft in Logik, Geschichte in Geschichtsphilosophie fundiert und geschlossen. Damit aber, so Collingwoods Einwand, ergibt sich ein Ensemble von Verfehlungen und Selbstverkennungen, das eine dialektische Entwicklungsdynamik freisetzt. Und es ist nach Collingwood Aufgabe der Philosophie, den Schein zu vertreiben, diese Bewusstseinslagen seien je für sich hinreichend leistungsfähig, aufzuzeigen, dass es sich hier um ‚physiognomisch‘ zwar sehr unterschiedliche, doch an ihrer Basis gleichartige Phänomene handelt. Fragt man nämlich zurück von dem, was uns als Kunst, Religion, Wissenschaft und Geschichte vorliegt, dann stößt man auf jene Konstitutionsakte des Bewusstseins, in denen diese Wissensformen fundiert sind. Die Welt kann sich nur zu Bedingungen des so und so arbeitenden Bewusstseins zeigen, sie begegnet diesem in Spiegelungen seiner selbst. All die Selbstverkennungen, denen die Vertreter der genannten ‚Disziplinen‘ Kunst, Religion, Geschichte, Wissenschaft unterliegen, beruhen auf schlechten Abstraktionen, schlechten Verdinglichungen, auf Verkennungen der basalen Konstitutionsarbeit. Das Verhältnis zwischen dem konstituierenden Bewusstsein und der Welt, die sich zu dessen Bedingungen zeigt, ist selber ganz konkret und transparent. Wissen von einem Objekt ist stets implizites Selbstwissen des Konstitutionsbewusstseins. Dieses Bewusstsein begegnet sich in seinem Tun, also in der Welt, die es wahrnimmt, imaginiert, denkt, beurteilt — mal künstlerisch, mal religiös, wissenschaftlich oder historisch. Die Welt kann das wirklich sein, als das sie uns begegnet; und in den vier großen kulturellen ‚Institutionen‘ oder Habitus begegnet sie uns jeweils so, wie sie sein kann, freilich jeweils nur in einer ihrer Möglichkeiten.
Wenn aber Bewusstsein weltkonstituierendes Tun ist und in diesem Tun eine wahre, weil ganz konkrete Abschauung seiner gewinnt (das will die speculum–Metapher festhalten), dann ist es wichtig, viele verschiedenartige ‚Welten‘ zu konstruieren.18 Jede dieser Welten bringt das Bewusstsein in ein Verhältnis zu sich selber — es sei denn, die aufklärende Rückspiegelung werde blockiert durch eine objektivistische Verhärtung dieser Welten, die den Schein erwecken, sie seien mit der objektiven Welt selber identisch, sie hielten die Tatsachen dieser Welt in wahrer Form fest. Diesen Schein aufzulösen ist Aufgabe der Philosophie. Kunst, Religion, Wissenschaft und Geschichte verschwinden dabei nicht einfach als illusionäre Erscheinungen; sie werden nun erst in ihrer Funktion einsehbar, Welt in einer besonderen Form zu öffnen, dabei als Korrelate des konstituierenden Bewusstseins diesem zum Selbstwissen zu verhelfen und genau damit Antwort auf die Frage zu geben, was die Dinge der Welt und was diese Welt in Wirklichkeit (besser: in ihren verschiedenen Wirklichkeiten) sein mögen. Das ist nach Collingwood die letzte Stufe philosophischer Aufklärung.
Aus der Sicht der vier Denkformen, also vor der letzten philosophischen Aufklärung ihrer Grenzen, lässt sich die hier entfaltete Lage auch ‚konstruktivistisch‘ so darstellen. Wie immer wir uns über Welt und Wirklichkeit äußern; welche Einstellung (künstlerisch, religiös, usw.) auf Welt und Wirklichkeit wir auch einnehmen; über welches Weltwissen wir zu verfügen meinen: Stets finden wir (in der Metareflexion) ein Gefälle vor zwischen der Komplexität dessen, was die Begriffe ‚Welt‘ oder ‚Wirklichkeit‘ bezeichnen, und dem, was Inhalt von Erfahrung, Wissen, Prädikation sein kann. Unsere Erfahrungen, Wahrnehmungen, Wirklichkeitshaltungen und alle darin fundierten Artikulationsweisen sind ‚nur‘ Perspektiven — perpektivierende, verkürzende Zurechtmachungen diffuser, komplex verflochtener und fluktuierender Gegebenheiten, funktional–pragmatisch motivierte und interessengebundene Selektionen aus dem, was sich jeder selektiven Verfügung entzieht, weil es gar nicht als Reservoir perspektivischer Zugriffe dasteht, sondern sich bereits in der Zuwendung vor jedem Selektionsakt verwandelt hat in etwas, das nun scheinbar für Selektionen verfügbar ist: eine Perspektivierung vor allen perspektivischen Versionen. Diese epistemologische Basiskonstellation kann man historisch und systematisch rekonstruieren, als ‚aufsteigende‘ Folge von Erkenntnis– und Artikulationsstufen, die ‚scheitern‘ und sich durch andere überboten finden, weil sie in sich eine unlösbare Spannung zwischen dem aushalten müssen, was sie leisten, und dem, was sie eben wegen dieser Leistung abblenden. Jede form of consciousness desavouiert sich, sieht sich unausweichlich überholt durch andere, die sich ihrerseits in das gleiche Dilemma von ‚Einsicht durch Blindheit‘ manövrieren; und so zeigt jede in ihrem Ungenügen beharrlich ihre Unentbehrlichkeit.
Mögen die Defizite und blinden Stellen von Kunst oder Religion auch noch so offen zutage liegen: Ihre Leistungsstärke bleibt auch dann ungemindert, wenn von den anderen ‚Geistesbeschäftigungen‘ (Wissenschaft oder Geschichte) her die perspektivischen Limitierungen (oder, phänomenologisch gewendet, die anderen Konstitutionsweisen) dieser ‚Vorgänger‘ oder ‚Konkurrenten‘ deutlich sind. Sie alle sind ja unverzichtbar als Spiegel des sie konstituierenden, also hervorbringenden und beständig erhaltenden Bewusstseins; und sie sind unverzichtbar, weil sie Welt und Wirklichkeit in denkbar unterschiedlichen Versionen modellieren. Die Welt der Kunst ist von durchaus anderer Art als die Welt der Wissenschaft. Beide werden falsch, wenn sie sich als die Welt schlechthin zu gerieren suchen. Beide bleiben wahr, wenn sie sich transparent halten auf die Konstitutionsprozesse, aus denen sie hervorgehen und in die sie immer neu (als specula) hineinführen. Nicht zuletzt: Jede dieser ‚Wissensregionen‘ beansprucht die geistigen Vermögen (die intentionalen Modi) insgesamt, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten; jede zeigt sich und konstituiert sich vermöge eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Kräfte. Dabei dominiert mal die Imagination, mal die Urteilskraft, mal die dingliche Wahrnehmung. Aber dominieren bedeutet eben: Die anderen Vermögen bleiben mit im Spiel, und zwar keineswegs in fixer Subordination, sondern in labilen Schichtungen. Die einzelnen Perspektiven auf ‚Wirklichkeit‘ erweisen sich so nicht als feste Blicktunnel mit definiertem Tunnelblick, sondern als Korrelate der lebendigen Arbeit des Bewusstseins in beweglichen Horizonten. Und: Sie bieten zwar defizitäre, aber unersetzbare Antworten auf eine Frage, die erst im Lichte dieser Antworten in ihrer Beantwortbarkeit bzw. Unbeantwortbarkeit erkennbar wird. Von der Komplexität der Welt, aus der ständig Fragen hervorgehen, wissen wir erst, wenn uns die darauf erteilten Antworten vorliegen; und in diesen kommt, theoretisch aufgeklärt, das Konstitutionsbewusstsein, das sowohl die Weltkomplexität wie die Weltperspektiven ‚trägt‘, zum Begriff und zur Anschauung seiner selbst. Das wäre ein Grundriss von Collingwoods phänomenologischem Denken, dessen Sektionen in den folgenden Abschnitten genauer nachzugehen sein wird.
1 Robin George Collingwood, 22.02.1889 bis 09.01.1943. Vgl. zur Vita Fred Inglis, History Man: The Life of R. G. Collingwood (Princeton: University Press, 2009).
2 R. G. Collingwood, An Autobiography (London: Oxford University Press, 1939, 1970) 81.
3 Collingwood, Autobiography 30.
4 Collingwood, Autobiography 31.
5 Collingwood, Autobiography 33.
6 Collingwood, Autobiography 37.
7 Collingwood, Autobiography 70.
8 Vgl. dazu Louis O. Mink, Mind, History, and Dialectic: The Philosophy of R. G. Collingwood (Bloomington: Indiana University Press, 1969) 131–139. “Thus the possibility of answers, seen from the standpoint of the question, is multivalent; but the reconstruction of the question, seen from the standpoint of a given answer, is univalent” (133). Wenn wir nur die Antwort vorliegen haben, durch die hindurch die alte Frage wiederzugewinnen ist, dann besteht das methodische Problem darin, die ‚Univalenz‘ wieder in eine ‚Multivalenz‘ zu verwandeln, was natürlich nur zirkulär möglich ist; die Antwort definiert die Möglichkeiten der Frage–Rekonstruktion. Sobald man freilich plausibel machen kann, welche anderen Antworten auf die so rekonstruierte Frage möglich gewesen wären oder immer noch möglich sind, öffnet sich der Zirkel, und die schlechte Tautologie (in dem Zirkel: die Frage ist die Antwort ist die Frage – die Antwort ist die Frage ist die Antwort) wird zu einer ‚guten‘, konstruktiven, nicht zuletzt historisch belehrenden.
9 Collingwood, Autobiography 129.
10 Aus dieser zumindest rudimentären Präsenz des Vergangenen in der Gegenwart hatte schon 1814 Walter Scott den historischen Roman begründet; vgl. Ch. 1 (“Introductory”) zu Waverley, or ’Tis Sixty Years Since (London: John C. Nimmo, 1892) 2-4.
11 Collingwood, Autobiography 98.
12 Vgl. „Einleitung“ zu R. G. Collingwood, Denken: Eine Autobiographie (Stuttgart: K. F. Koehler, 1955) XI.
13 H.–G. Gadamer, Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (Tübingen: Mohr Siebeck, 1960) 351.
14 Gadamer, Wahrheit und Methode 352.
15 Gadamer, Wahrheit und Methode 356.
16 Terminologisch dort recht zwanglos mal als “chief forms of human experience”, “activities of the human mind”, “forms of consciousness”, “type of thought”, “forms of thought” oder “types of experience” bezeichnet: R. G. Collingwood, Speculum Mentis, or The Map of Knowledge (Oxford: Clarendon, 1970) 9, 20, 219, 243, 252, 255. Es liegt nahe, auf den von André Jolles wenig später (1930) geprägten Begriff der ‚Geistesbeschäftigung‘ zu verweisen, der – kombiniert mit dem der ‚Sprachgebärde‘ – das gleiche meint wie Collingwoods forms of consciousness. Jolles definiert: „Wo also unter Herrschaft einer Geistesbeschäftigung die Vielheit und Mannigfaltigkeit des Seins und des Geschehens sich verdichtet und gestaltet, wo dieses von der Sprache in seinen letzten, nicht teilbaren Einheiten ergriffen, in sprachlichen Gebilden wiederum Sein und Geschehen zugleich meint und bedeutet, da reden wir von der Entstehung der Einfachen Form“: A. Jolles, Einfache Formen: Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz (Halle: Niemeyer, 1930, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968) 45. Bei Jolles fundiert die jeweilige Geistesbeschäftigung eine der einfachen Formen, eine basale sprachliche Weltversion (die sich dann zu einer literarischen Gattung bzw. einer literarischen Schreibweise entwickeln kann), bei Collingwood eine der fünf kulturellen ‚Institutionen‘. Geistesbeschäftigung ist natürlich nur eine Metapher für die Intentionalität des Bewusstseins (“activities of the human mind”), die sich in diversen Modi konkretisiert. Wir werden Collingwood häufiger in diesen phänomenologischen Rahmen und, nicht zuletzt, die ihm gemäße Terminologie zu übersetzen haben: nicht als Besserwisserei, sondern zur Verdeutlichung dessen, was der Autor im Blick hat.
17 Engl. mind oder spirit gebe ich durchweg als Bewusstsein wieder; das ist gewiss eine phänomenologische Interpretation und vielleicht Reduktion, die aber sichere Anhaltspunkte in Collingwoods Texten hat; vgl. etwa seine Definition von Intentionalität: “Fundamentally, the spirit is awareness or consciousness, which implies a prima facie distinction between the conscious spirit and the world of which it is conscious; […]”: R. G. Collingwood, Outlines of a Philosophy of Art (London: Oxford University Press, 1925) 88. – Uns kann es nur um den Kern der Collingwoodschen Überlegungen gehen, nicht um seine bemerkenswerte Schreibweise mit ihren abrupten Wechseln zwischen genauen begrifflichen Distinktionen, lockeren essayistischen Abschweifungen und unverblümten Invektiven (kaum ein anderer neuerer englischer Autor dürfe das schöne Attribut idiotic so häufig verwenden wie Collingwood).
18 “Hence the construction of external worlds – works of art, religions, sciences, structures of historical fact, codes of law, systems of philosophy and so forth ad infinitum – is the only way by which the mind can possibly come to that self–knowledge which is its end.”: Collingwood, Speculum Mentis 315.
Gadamer hat einleuchtend herausgestellt, dass die Positionen von Frage und Antwort beweglich sind. Jede Antwort auf eine Frage besitzt ihrerseits Fragecharakter — sei es wegen ihrer Asymmetrie zur gestellten Frage, die über– oder unterboten wurde, sei es wegen ihrer unausgeschöpften Dichte, die es schwer macht, den Bezug zur Frage eindeutig zu erkennen (und der deshalb ein Interpretament bleibt), sei es wegen ihres schwer kalkulierbaren Adressatenbezugs wie im Fall der Kunst. Kunstwerke sind immer Antworten mit eigenem Fragecharakter. Ihre Antworten sind fraglich, fragwürdig, befragbar. Deshalb ist die Logik von Frage und Antwort eigentlich stets ein ‚logischer‘ Dreischritt von Frage und Antwort und Frage. Gadamer stellt die Abfolge beider Positionen hier still; aber der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, diese Positionswechsel von Fragen und Antworten, die immer auch Antworten und Fragen sind, könnten ständig weitergehen, womöglich mit wachsenden metaphorischen Resonanzen. Und tatsächlich ist das bei Collingwood der Fall. Wir geraten, von unserer funktionsgeschichtlichen Problemstellung herkommend, geradezu in schwer durchdringliche Verschränkungen von Frage– und Antwortfunktionen. Man muss vorübergehend bereit sein, auf eine klare Festlegung dessen zu verzichten, was eine Frage und was eine Antwort im Bereich der Kunst sein soll, in der Hoffnung, der Zugriff einer Funktionsgeschichte bleibe dennoch plausibel und tragfähig. Und tatsächlich kommt gerade in den instabilen Positionen von Fragen und Antworten, ihrer Nicht–Feststellbarkeit, dem Kippen des einen ins andere, etwas zum Vorschein, das funktionsgeschichtlich von Belang ist.
Zunächst zu den frühen Überlegungen Collingwoods im Speculum Mentis und in den Outlines of a Philosophy of Art, die die Orte von Frage und Antwort gleich mehrfach besetzen.
Kunst oder besser: das Kunstbewusstsein bietet, wie die anderen Bewusstseinshaltungen auch, zwei Seiten dar: eine Binnensicht, die Sicht der lebendigen produktiven und rezeptiven ästhetischen Erfahrung, und eine Außensicht, die Sicht der kritischen theoretischen Analyse. Collingwood diskutiert sie im Speculum Mentis separat nacheinander. — Zunächst: In Kunst wird nichts behauptet, es werden keine Urteile gefällt und keine Gedanken elaboriert. Für die Kunst existieren Unterscheidungen wie wahr vs. falsch oder real vs. irreal nicht. Das kunstproduzierende Bewusstsein ist allein gerichtet auf die Konsistenz des Werkes, die innere Stimmigkeit dessen, was die Imagination da konstituiert (wie immer diese Stimmigkeit näherhin aussehen mag). Die Welt wird allein imaginativ (oder imaginierend) erfasst: also nicht zunächst hinsichtlich ihrer Faktizität, als Erfahrung der wirklichen Dinge dieser Welt, die in einem zweiten Schritt dann imaginativ irrealisiert und transformiert würden. Für das Kunstbewusstsein erscheint alles Wirkliche von vornherein in einem neuen, anderen, in sich geschlossenen Modus des Sehens–als. Die Welt wird imaginiert als etwas so und so Beschaffenes; sie kommt gar nicht anders in den Blick, kann nicht in verschiedenen Versionen kritisch durchgespielt werden: das käme einer Aufhebung der ästhetischen Erfahrung gleich. “Everything we imagine either is so or is not so: but to imagine it means refraining from asking which it is.”1 Wir sind gänzlich im Horizont des sich voranbringenden und vollendenden Werkes; jedes Werk ist, so lange eben die ästhetische Erfahrung besteht und durchgehalten wird, eine abgeschlossene Welt, eine Welt zu Bedingungen einer so und nicht anders verfahrenden Imagination. Natürlich zählt das Werk, auch in der rezeptiven Haltung, als realer Bestandteil zur realen Welt, es ist eine Tatsache unter allen anderen Tatsachen, mit denen es verglichen werden kann. Aber das spielt im Horizont der arbeitenden Imagination keine Rolle; diese andere mögliche Einstellung wird hier schlichtweg abgeblendet.
Eine weitere Konsequenz der imaginativen Haltung, aus der Kunst hervorgeht, ist die Diskontinuität zwischen den Kunstwerken. Die produktiv und rezeptiv arbeitende Imagination bewegt sich in einer kohärenten Immanenz, Werk für Werk, ohne Rückblicke oder Vorwegnahmen. Dem kritisch analysierenden Blick (z.B. dem der Kunstgeschichte) sind gerade diese Verkettungen, die historischen Reihen mit ihren Transformationen und intertextuellen Resonanzen wichtig; dem aktiven ästhetischen Bewusstsein sind sie gänzlich fremd. Es ist an historischen Kontexten des Werkes so wenig interessiert wie an einer Reflexion auf den Akt des Imaginierens selber; denn sogleich würde dieser in Kontrast treten zu anderen Bewusstseinsmodi und so nicht mehr jene fraglose Orientierung gewähren können, in der sich die ästhetische Erfahrung bewegt. Im Imaginieren sind alle anderen möglichen Akte neutralisiert, insbesondere wahrheitsfähige Akte des Behauptens und Negierens (assertorische Akte).
Noch anders gewendet: Kunstwerke sind Annahmen über die Welt; sie erkunden, je einzeln, die Welt im Modus des Als–ob. Sie stellen eine Hypothese auf: die nämlich, dass die Welt so beschaffen sein könnte, wie hier gezeigt und ausgeführt wird, verbunden mit der (meist implizit) mitlaufenden Überlegung, worin der Vorzug gerade dieser Beschaffenheit liegen könnte. Die Hypothese wird mit Gehalt gefüllt, insoweit das Werk in der Tat die Welt in einem imaginativen Modus des ‚Welt–als–X‘ darbietet und ggf. überzeugend darbietet; sie bleibt aber offen, weil jede Auseinandersetzung mit der Hypothese eine Preisgabe der imaginativen Immanenz erforderte, einen Blick auf die Kunstwelt von einem Weltwissen her, das die je besondere Welt–Kunstversion von außen einschätzte. Für Collingwood ist diese Drinnen–Draußen–Opposition grundlegend. Das ästhetische Bewusstsein stellt sich, so lange es auf seine imaginäre Gegenständlichkeit gerichtet ist — also wahrhaft lebendiges ästhetisches Bewusstsein ist —, die Realitätsfrage nicht; es kennt keinen Gegensatz zwischen imaginären und realen Dingen; Reales und Fiktives stehen gänzlich indifferent zueinander, sie unterhalten überhaupt keine Beziehung. Aber natürlich ist der Wechsel aus der Binnen– in die Außenorientierung jederzeit mühelos möglich und ereignet sich auch tatsächlich; denn jeder Gedanke an andere Werke, jede assoziative (intertextuelle) Resonanz von jenseits der Werkgrenzen, jeder Blick in den außerliterarischen Kontext beendet die rein ästhetische Bewusstseinshaltung, die über solch öffnende Zäsuren hinweg sich immer wieder neu einpegeln muss. Dass sie derart unterbrochen wird, mag sogar ihr faktischer Normalzustand in Prozessen der Kunstrezeption sein; das kann aber nicht daran hindern, sie zunächst in ihrer ‚puren‘ besonderen Intentionalität zu charakterisieren.
So weit Collingwoods idealtypische Erläuterung des Kunstbewusstseins von innen. Diese Perspektive muss nun, in einem zweiten Schritt, geöffnet werden. Und da zeigt sich, dass der Akt des Imaginierens gleichermaßen ein Akt des Fragens und ein Akt des Behauptens oder Antwortens ist. Kunstwerke sind keineswegs selbstgenügsame Spielwelten, Refugien entlasteter und entlastender Imagination, Trauminseln (oder Tagträume) in der Flut pragmatischer Zwänge. Eine kurze Blickwendung genügt, um konstatieren zu können: Auch als Produkte (Korrelate) ‚reiner‘ Imaginationsarbeit besitzen Kunstwerke einen realen Welthintergrund — den der Erfahrungswelt der konkret imaginierenden Person. Sie bleibt beständig präsent. Das impliziert noch keine These hinsichtlich der Herkunft und Bearbeitung des ‚Materials‘ von Kunst. Aber es lässt erkennen, wie und als was der Bewusstseinsmodus des Imaginierens fungiert. Dieser Modus nutzt das Kunstwerk zur hypothetischen Exploration von Weltmöglichkeiten, und zwar von einer bestimmten Ausgangsposition her. Die Imagination greift aus von dem je Gegebenen ins Offene, Unbekannte, Andere. Sie fragt, indem sie anders und anderes vergegenwärtigt, nach dem, was uns noch nicht vertraut ist. Begreift man aber das Imaginieren und mit ihm die Produktion und Rezeption von Kunst als konstruktives (konstruierendes) Fragen ins Offene, dann sieht man leicht, dass eine derartige fragende Öffnung Ingrediens allen lebendigen Wissens ist. Die Imagination als Fragen zielt zwar nicht ab auf eine bestimmte Antwort, aber sie öffnet doch einen Raum möglicher Antworten, sie evoziert Beantwortbarkeit. Die Imagination nimmt immer ein gewisses, vielleicht ganz diffuses Weltwissen in Anspruch, von dem aus sie innovativ fragt; solches Wissen bliebe totes Archivmaterial, wäre es nicht immer wieder geöffnet durch imaginative Ausgriffe. “Imagination does not exist in the free state, and itself requires a basis of fact. This basis of fact in turn requires a basis of imagination, for no fact can be known until it has been sought by the imaginative act of questioning, and this question itself requires a further basis of fact, and so ad infinitum.”2 Wenn Kunst den Charakter des Fragens hat, wenn sie als phantasierte Annahme über die Welt vorausgehendes Wissen fragend, mutmaßend, hypothesenbildend übersteigt (aber genau darin dieses Wissen aufruft, und sei es als undifferenziert pauschalen Hintergrund sedimentierter früherer Erfahrungen), dann mag sie es — als ‚reines‘ Imaginieren — bei diesem Fragegestus belassen wollen, mag offen hineinfragen in den unerschöpflichen Raum aller denkbaren Möglichkeiten: Aber die zirkuläre Verflechtung von Wissen und Fragen ist doch ins Spiel gesetzt.
Kunst als fragendes Imaginieren steht auch dann im Zusammenhang mit nicht–imaginativen Kontexten, ist auch dann reziprok eingebunden in andere Einstellungen, wenn in dem lebendigen imaginierenden Sehen–als all diese Alternativen ausgeblendet scheinen. Diese Immanenz ist wichtig, sie stellt den unverwechselbaren Nukleus ästhetischer Erfahrung dar; aber eine leichte Wendung der Perspektive, und schon wird der Fragecharakter des Ästhetischen offenbar: Können wir uns und wie können wir uns die Welt umdenken? Und zwar die Welt, in der die Frage nach ihren anderen möglichen Versionen konkret verwurzelt ist? Diese Frage weckt nicht nur die Erwartung möglicher Antworten, sie impliziert, einmal gestellt, bereits eine Antwort. Kunst ist radikale Frage nach dem Möglichen; aber sie ist immer auch schon Antwort, weil das Mögliche immer nur möglich ist in Bezug auf etwas Vorfindliches und leer gar nicht sinnvoll abgefragt werden kann.
Wenn das so ist, dann sind, entgegen der zunächst vorgestellten Imaginationsimmanenz, in jeder Kunst assertorische Momente enthalten: zum einen als (vielleicht streng abgeblendeter, in Phantasiegestalten praktisch unkenntlicher) Hintergrund des Weltwissens und der Situiertheit der produzierenden Imagination (des Künstlers) in der Welt; zum anderen als potentielle Erwartung einer Antwort auf die Frage, die das Imaginieren stellt, sicher auch als Vorgriff darauf, dass sich jede Frage einmal verbraucht hat und von den Antworten her neu zu stellen ist. Eine Frage ohne Verweis auf eine Antwort (oder Antwortinstanz) wäre sinnlos. Kunst als Frage(n) generiert ihre Überholbarkeit; irgendwann wird es Antworten geben, ein verändertes Wissen über die (mögliche) Welt wird da sein, und dann werden neue Fragen zu stellen sein, neue Imaginationen erforderlich werden. “Strictly speaking all experience is aesthetic, because imagination is a factor in every single cognitive act; and no experience is purely aesthetic, because there is no concrete experience from which the logical act of assertion is wholly absent.”3 Kunst fragt, sie ist das radikale, weil auf keine Regeln verpflichtete Fragen schlechthin; sie erfragt, als Möglichkeiten, Wahrheiten über die Welt; und die sind da, auch wenn sie (zunächst) nicht beantwortet werden: “by being that of which we can only say that we know it is there but cannot tell what it is.”4 Dieses Fragen generiert ein Wissen eigener Art, ein intuitives, vor–assertorisches, nicht–propositionales Wissen, das mehr oder weniger deutlich auf Explikation drängt, jenseits der imaginativ–ästhetischen Immanenz, das aber in seiner rein hypothetischen Gestalt für sich belangvoll ist. Wollte man es ausformulieren, ginge sein Gehalt verloren.
Man kann mit Collingwood noch einmal ansetzen bei der Einsicht, dass das Kunstwerk als Ganzes eine Frage (Vermutung, Annahme) ist und eine Frage stellt (die Frage nach der möglichen Anders–Beschaffenheit der Welt). Dies bedeutet nichts anderes, als dass das Werk als Produkt und Medium des Imaginierens nicht zerlegt werden kann in Einzelaussagen oder Einzelbezeichnungen. Das imaginierende Bewusstsein ist an nichts so interessiert wie an immanenter Kohärenz und Abgeschlossenheit seines Gegenstands. Es reguliert sich aus seiner eigenen Arbeit, gibt sich selber die Regeln vor; es ist Ganzheitsbewusstsein. Orientieren wir uns im Horizont des jeweiligen Werkes, dann ist alles andere schlicht absent; in leibnizscher Terminologie: “This may be expressed by saying that every work of art is a monad, a windowless and self–contained world which mirrors the universe from its own point of view, and indeed is nothing but a vision or perspective of the universe, and of a universe which is just itself.”5 Der gleiche Sachverhalt lässt sich semiotisch so ausdrücken: Was das Kunstwerk als Frage erfragt, kommt in den Blick erst dann, wenn das Werk insgesamt als ein Zeichen begriffen wird, ein Zeichen, dessen Sinn nicht ablösbar ist von genau der Gestalt, die das Werk als Ganzes hat. Das Werk–Zeichen bezeichnet etwas, was sich gar nicht anders sagen lässt als eben mittels genau dieser ‚monadischen‘ Zeichengestalt. “Art lives, as art, by keeping the meaning and the words together in an immediate unity.”6 Der Sinn dieses Zeichens ist weder übersetzbar noch überhaupt ausformulierbar; er löst sich nicht ab von seiner Signifikation — und ist doch zweifelsfrei erschlossen und präsent. Damit aber ist auch klar, warum die Frage, die das Kunstwerk stellt und die es ist, nicht geradenwegs auf Antworten abzielt; warum zwar ein Horizont des Antwortens sich öffnet, jedoch keine Einzelantwort herandrängt. Sie würde, als ausformulierter Satz, die Komplexität der Frage drastisch unterbieten. Deshalb bleibt die Frage als Frage ohne Antwort interessant und relevant. Sie wird beantwortet werden, spätestens dann, wenn eine ganz anders konstituierte neue Frage auftaucht, die indiziert, die alte Frage sei, wie und warum auch immer, erledigt.
Man sieht: Das Verhältnis von Frage und Antwort hat sich in Collingwoods Ästhetik verkehrt, besser verdoppelt. Funktionsgeschichtlich wollen wir wissen, auf welche Frage das Kunstwerk antwortet. Nun führt Collingwood die Besonderheit von Kunst jeder Art zurück auf den Akt des Imaginierens; und der hat sich erwiesen als ein Akt des Fragens, eines Fragens nämlich nach möglichen anderen Welten und anderen Möglichkeiten von Welt. Kunstwerke sind tentative Ausgriffe auf noch unverwirklichte Weltformen. Sie stellen diese vor, beantworten damit die Frage, wie die Welt auch noch gedacht werden könnte, und sie reagieren mit dieser Antwort auf die allgemeinste Frage, was denn und wie
