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Als Monika Plessner 1951 ihren späteren Mann, den Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner, kennenlernte – mit seinem viel zitierten im Exil entstandenen Buch "Die verspätete Nation" bekam sein Name publizistische Verbreitung – tauchte sie in eine ihr bis dahin unbekannte Welt ein. Ihre Aufzeichnungen vergegenwärtigen die Welt des deutschen Exils: von Hannah Arendt bis Gershom Scholem, von Adorno bis Kracauer, von Löwith bis Horkheimer.Es ist eine intellektuelle Gemeinschaft, die einst die Weimarer Republik bestimmte. In der Nähe Sils Marias, im schweizerischen Graubünden, kamen sie wieder zusammen, die größtenteils jüdischen Emigranten, die im 20. Jahrhundert das intellektuelle Leben Deutschlands prägten. Eine Begegnung durchdrungen vom Festhalten und Wiedersuchen der Welt, aus der sie kamen – und die nicht zurückzuholen ist. Unvergessen bleibt ein Abend bei Adornos 1952, bei dem auch die Suhrkamps und Gershom Scholem eintreffen. Monika Plessner beobachtet genau, bemüht sich nicht, ihre Eindrücke nach Kriterien von Pietät und Gerechtigkeit zu ordnen, und auf diese Weise entstehen Bilder in kräftigen Farben. Das Grauen von Konzentrationslagern, Krieg und Exil schimmert durch, aber es werden nie belehrende Exerzitien.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Monika Plessner
Die Argonauten auf Long Island
Mit einem Nachwort von Detlev Claussen
CEP Europäische Verlagsanstalt
Umschlaggestaltung unter Verwendung des Mittelbildes aus dem Triptychon
„Argonauten“ von Max Beckmann, 1950
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015
© ebook-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2015
Neuausgabe mit einem Nachwort von Detlev Claussen
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ISBN 978-3-86393-533-7
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Inhalt
Vorwort
Ein neuer Tag
Der sechzigste Geburtstag
Mijnheer Jasper
Ein Abend bei Adornos
Gruppenbild mit Horkheimer
Die Argonauten auf Long Island
Mit Hannah Arendt bei Julie Braun Vogelstein
Pioneer’s Progress
Nicht in Andorra
Der neue Freund
Sils-Maria – zum letzten Mal
Der letzte Gast
Unterschiedliche Blickwinkel: Nachwort
Namenregister
Helmuth Plessner Vita
Vorwort
Während eines Empfangs, den die New Yorker «New School for Social Research» im September 1962 auf Long Island für ihren ersten Theodor-Heuss-Professor, Helmuth Plessner, gab, stand ich eine Weile allein und betrachtete das Gruppenbild vor mir: ein Fest, Willkommen und Wiedersehen. Die Gäste: deutsche Emigranten, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, die seit vielen Jahren in New York lebten. Dr. Alvin Johnson, Gründer der New School, der ihnen zu neuem Wirken verholfen hatte, nannte sie seine «Argonauten».
Ich glaube nicht, daß ich an den antiken Mythos dachte, als ich diese Argonauten mit ihren Damen vor mir hatte. Ohne noch zu wissen, warum, sah ich sie dennoch mit anderen Augen. Vor einer leeren Wand mir gegenüber saß, allein wie ich, ein alter Mann. Er sah müde aus und stützte sich mit beiden Armen auf eine Küchenleiter. Es muß diese Leiter gewesen sein, auf deren Sprossen ein Déjà-vu-Erlebnis aus der Tiefe aufstieg: Das Gruppenbild, das ich betrachtete, verwandelte sich in Max Beckmanns letztes Triptychon «Die Argonauten».
Beckmanns Atelier in Amsterdam war nach dem Einmarsch der Deutschen ein Ort, an dem Helmuth in aller Vorsicht manchmal andere Emigranten treffen konnte, so seinen Studienfreund, den Filmregisseur Ludwig Berger, oder den Schriftsteller Wolfgang Frommel. Dreißig Jahre nach dem Fest auf Long Island schickte mir ein junger Verehrer von Frommel ein Reclambändchen: «Max Beckmann. Die Argonauten» von Erhard Göpel. Im Anhang gibt Göpel, der die Entstehungsgeschichte des Triptychons bis ins Detail verfolgt hat, Wolfgang Frommel das Wort. In Form eines Briefes schildert dieser sein «Argonautenerlebnis» mit Beckmann. Der Maler sei der Ansicht gewesen, so Frommel, er habe mit seinem Œuvre «den Grundgehalt seiner Epoche zu totalem Ausdruck gebracht». Frommel widersprach. Darauf Beckmann: «Und was fehlt nach Ihrer Ansicht? Was gibt es noch nach Ihrer Ansicht?» Antwort: «Uns.» Beckmann: «Und was verstehen Sie unter ‹uns›?» Frommel: «Ich verstehe darunter das, was das Leben meiner Freunde bestimmt und vielleicht nicht nur das ihre. Oder sagen wir es mythologischer, deutlicher: die Argonauten.»
Beckmann hat das Triptychon erst 1949 in Amerika begonnen. Im Tagebuch nennt er es «Die Künstler» – bis zum 9. Dezember 1950. In der Nacht vorher hatte er einen Traum, den er als Todesahnung empfand. In einem Brief an Göpel vom 26. April 1951 erzählt Quappi Beckmann dem Freund: «Am Morgen sagte er mir, er hätte von den Argonauten geträumt, nicht von der Legende, aber von den Gestalten auf seinem Bild. Auf meine Frage, was es gewesen sei, sagte er nur: ich weiß nicht mehr genau – es war nur sehr unheimlich – toll – sie sind einfach auf mich zugekommen (die Figuren) – sowas hab ich noch nie erlebt.» Seit dem 9. Dezember 1950 heißt das Triptychon im Tagebuch «Die Argonauten». Beckmann hat es am 26. Dezember 1950, am Vorabend seines Todestages, beendet.
Wahrscheinlich sind alle Argonauten, denen ich in 34 Jahren des Zusammenlebens mit einem von ihnen, Helmuth Plessner, begegnet bin, lange tot. Einige, von denen ich im folgenden erzähle, sind längst Idole einer jüngeren Generation geworden. Ohne ihre schöpferische Leistung würdigen zu können, habe ich sie in ihrer Menschlichkeit auftreten lassen, so wie ich sie erlebt habe, einen jeden an jedem neuen Tag, den er, lachend und weinend, der Vertreibung abgetrotzt hat. Idole sind leblos. Aber Lachen und Weinen sind Monopole des Menschen.
Ein neuer Tag
«Aus Lachen und Weinen ein neuer Tag» lautet die Widmung eines seiner Bücher, das Helmuth mir im Mai 1952 schenkte. Heute weiß ich, daß dem neuen Tag eine lange Dämmerung vorausgegangen war, die mit meiner Flucht aus Breslau Ende Januar 1945 begonnen hatte. Meine beiden kleinen Töchter und ich fanden Zuflucht bei einer Freundin in Thüringen. Ihr Mann, Hans Urban von Hirschfeld, starb in der Nacht nach unserer Ankunft an den Folgen eines Verhörs durch die Gestapo. Er hatte das Bewußtsein nicht wiedererlangt.
Im April kamen wir in Lemgo in Lippe, der Heimat meines ersten Mannes, an. Sein Vater, Lebensmittelgroßhändler, hatte ein Puddinglager für uns räumen lassen. Die Kinder, vier und acht Jahre alt, und ich haben darin über fünf Jahre lang gewohnt. Ihr Vater, Kunsthistoriker und Maler, zog nach Göttingen, sobald die Universität den Betrieb wiederaufnahm. Von Oktober 1945 an haben wir bei gutem Einvernehmen keinen gemeinsamen Haushalt mehr geführt.
Vom 4. Januar 1950 an leitete ich die Volkshochschule der Stadt Lemgo. Gleich nach der Währungsreform hatte ich ein Modell entworfen, das Erwachsenenbildung bis ins letzte Dorf des ehemaligen Fürstentums Lippe-Detmold tragen sollte. Die kultur- und bildungspolitische Studie, die ich den Bürgermeistern und Landräten, dem Landesverband Lippe in Detmold und dem Kultusministerium in Düsseldorf einreichte, fand Anklang. Nur verlangte der Regierungspräsident von Detmold-Minden, Heinrich Drake, der in Personalunion Vorsteher des Landesverbandes Lippe war, ein wissenschaftliches Gutachten. Dr. Karl Pfauter, Kulturdezernent und Volkshochschulleiter in Göttingen, verschaffte mir einen Termin bei dem aus der Emigration zurückgekehrten Professor für Soziologie und Philosophie, Helmuth Plessner. Bevor ich ihn aufsuchte, schickte ich ihm eine Kopie meiner Studie.
Der Sturm der Befreiung hatte die ehrwürdige Georgia Augusta zwar kräftig geschüttelt. Aber 1951 wirbelte noch viel braunes Laub durch ihr Gehege. Um die Besetzung des neu geschaffenen Lehrstuhls für Soziologie war lange gerungen worden. Als Frucht der Aufklärung und der Republik war das Fach keineswegs jedermanns Sache. Die Berufung des 1933 aus Köln vertriebenen Philosophen Plessner war ein Kompromiß zwischen Streitern, die so gegensätzliche Geister beschworen wie Hans Freyer und Eugen Rosenstock-Huessy.
Das erste soziologische Institut lag im Hochparterre des Auditoriengebäudes an der Weender Straße. Es bestand aus zwei einfenstrigen Räumen, offenbar hatte man eine Wand durch einen kleinen Hörsaal gezogen. Im vorderen Raum stand ein Tisch für etwa zwölf Personen. An den Wänden gähnten leere Bücherregale. Eine junge Frau, die Sekretärin, begrüßte mich: «Der Herr Professor erwartet Sie. In einer halben Stunde beginnt sein Kolleg.» Das Zimmer, in das sie mich führte, war noch kleiner als das erste. Es wurde fast ausgefüllt von einem mächtigen Schreibtisch, dessen Platte wie ein gespannter Bogen geformt war. Die tiefstehende Sonne blendete mich, so daß ich nur die Umrisse des Herrn hinter dem Schreibtisch erkennen konnte. «Wechseln wir die Seiten», sagte er – ein Vorschlag, damals noch undenkbar bei einem «ordentlichen» deutschen Professor im Amt. Mir war, auf der anderen Seite des Schreibtischs, als befände ich mich in einem anderen Land.
Der Professor hatte sein Gutachten schon nach Detmold geschickt und, so erzählte er, sich selbst vorsorglich zur Gründungssitzung angemeldet. Während er über meine Arbeit sprach, fiel mein Blick auf ein Ölgemälde, das auf dem Fußboden an einem Wandschrank lehnte: das Brustbild eines Mannes in braunem Jackett vor grünem Hintergrund. Die gleichgültigen Augen waren ins Unbestimmte außerhalb des Rahmens gerichtet. Statt des rechten Unterarmes ruhte ein toter Fisch auf der Stuhllehne. «Beckmann?» fragte ich. Der Professor nickte, sah mich etwas verwundert an, zögerte einen Moment und begann zu erzählen. Er sei oft in Amsterdam bei Beckmann gewesen, in dessen Atelier zahlreiche deutsche Emigranten verkehrten. Das Bild des Mannes mit dem Fischarm habe er am Tag der Befreiung Amsterdams gegen einen kleinen Brillanten eingetauscht, seinen «letzten Heller», den er immer im Brustbeutel bei sich trug. Übrigens habe Beckmann ihn im Auftrag holländischer Freunde porträtieren sollen. Aber dazu war es nicht mehr gekommen, weil der Maler nach St. Louis berufen wurde.
Dann erzählte ich: vom Kunsthändler Wiese im Riesengebirge, bei dem sich manche Gesinnungsgenossen getroffen hatten. Er war als Museumsdirektor in Breslau entlassen worden, weil er sich in seinem Eintreten für die «entartete» Kunst nicht beirren ließ. Ich hatte in seinem Antiquitätengeschäft in Hirschberg ein Selbstbildnis von Beckmann erstanden, eine Kaltnadelradierung. Sie ist in Breslau geblieben und hat hoffentlich einen polnischen Liebhaber gefunden. Herr Plessner sah, während er mir zuhörte, nachdenklich aus dem Fenster. So hätte Beckmann ihn malen können. Merkwürdig, wie ähnlich sein Kopf dem auf meiner verlorenen Kaltnadelradierung sah. Draußen lag ein verkrauteter Behördengarten. Die Sonne stellte seine Freudlosigkeit erbarmungslos bloß.
Plötzlich sprang er auf: «Das Kolleg. Es ist höchste Zeit.» Erst jetzt sah ich, daß der rechte Arm verkürzt, die Hand kleiner, die Schulter schmaler war. Er mußte einen sehr geschickten Schneider haben. «Darf ich mit ins Kolleg kommen?» fragte ich. Wir stiegen zusammen die Treppe zum Auditorium maximum hinauf.
Er las im Wintersemester 1951/52 «Einführung in die Soziologie» und «Philosophische Anthropologie». Die soziologische Vorlesung war so überfüllt, daß ich nur noch ganz oben in der hintersten Reihe Platz fand. Die Studenten, die Hitlerjugend, Krieg, Lazarett, Gefangenschaft hinter sich hatten, drängten zu den Vorlesungen, viele in der Hoffnung, Klarheit über ihre aus den Fugen geratene Existenz zu gewinnen. Auch vor mir öffnete sich ganz neues Gelände, besonders in der philosophischen Vorlesung. Die Leibhaftigkeit des Menschen, seine Eingebundenheit in Natur und Lebenswelt, seine Sonderstellung in der Vielfalt der Arten – all das war in der Klosterschule und im Studium der Kunstgeschichte kein Thema gewesen. Auch die Art des Vortrags war neu. Ich hatte noch nie einen Dozenten erlebt, der ganz ohne Manuskript auskam. Dieser sprach frei und unpathetisch. Hin und wieder griff er nach einem Zettel mit Quellenangaben oder nahm ein Buch von dem Stapel neben dem Katheder. Eine solche Vortragsweise schafft direkten Kontakt zu den Hörern. Kant, Hegel und Marx, Herder und Husserl schienen selbst zu sprechen und einzugreifen in die Auseinandersetzungen der Gegenwart.
Während er sprach, prägte sich mir das Äußere des Vortragenden ein. Er war etwas über mittelgroß und stämmig, hatte eine gesunde braune Farbe und glänzende dunkle Augen. Der Haarkranz, unterbrochen von weit abstehenden Ohren, war weiß gesprenkelt. Die breite Stirn über großzügigen schwarzen Brauen verlief kantenlos auf dem kahlen Schädel. Das breite Gesicht, beherrscht von den Augen – daß ihr Schnitt die Herkunft von sephardischen Juden verriet, lernte ich erst später –, verjüngte sich drastisch in der unteren Hälfte. Der schmallippige Mund mit den beweglichen Winkeln verriet Menschenfreundlichkeit und Skepsis, aber auch Genußfähigkeit und Humor. Die Körperhaltung war erstaunlich gleichbleibend. Der rechte Arm stützte sich angewinkelt auf das Katheder, während der linke gestikulierte. Als wir uns besser kannten, erzählte Helmuth mir, daß ihm ein väterlicher Freund, der Philosoph Nikolai Hartmann, den Rat gegeben habe, sich im Kolleg möglichst wenig zu bewegen und den Studenten immer frontal gegenüberzustehen. Einen anderen Rat Hartmanns hat er allerdings nicht befolgt: immer denselben, möglichst dunklen Anzug in der Vorlesung zu tragen – «Ich mag halt keine Uniformen».
Nach dem Kolleg bat er mich noch einmal in sein Zimmer. Er wirkte etwas befangen, als er sagte, er habe vorhin vergessen, mich etwas zu fragen. Ob ich zufällig in Lemgo die Brüder Fritz und Carl Wagener kenne. Sie seien Vettern von ihm, Söhne einer Schwester seiner Mutter, die aus Schaumburg-Lippe stammte. Seit 1933 habe er zwar nichts mehr von ihnen gehört, aber… Ich spürte, worauf er hinauswollte. Über Fritz Wagener konnte ich nichts berichten. Um so mehr über Carl, den Fraktionsführer der CDU im Kreistag. Er hatte mir tatkräftig beim Aufbau der Volkshochschule geholfen. Die ersten Programme hatte mir seine Druckerei umsonst geliefert, und auch jetzt setzte er sich für das neue Projekt ein. Mein Gegenüber sah wieder nachdenklich aus dem Fenster, sprang dann auf und fragte, ob ich Herrn Wagener ein paar Zeilen von ihm überbringen würde. Aber selbstverständlich.
Allerdings wohnte ich seit Anfang Oktober nicht mehr in Lemgo, sondern pendelte zwischen Detmold, Lemgo und Göttingen hin und her. Mein Schwiegervater, dem meine Arbeit noch suspekter war als die seines aus der guten, alten Kaufmannsart geschlagenen Sohnes, hatte uns das Puddinglager gekündigt. Die Kinder, mittlerweile zehn und vierzehn Jahre alt, waren daraufhin zu ihrem Vater gezogen. Hatte er sie bisher in Lemgo besucht, so besuchte nun ich sie in Göttingen. Für die Leitung der Volkshochschule hatte ich zum Jahreswechsel einen Nachfolger gefunden, so daß ich mich ganz der neuen Aufgabe widmen konnte. Fürs erste wohnte ich bei Freunden in Detmold, von wo ich alle Kleinstädte und Dörfer meines Gebietes bequem per Bahn und Bus erreichen konnte.
Die frischgeknüpften verwandtschaftlichen Bande zwischen Herrn Plessner und dem Hause Wagener in Lemgo entwickelten sich offenbar so erfreulich, daß ich ihn hin und wieder auf dem Bahnhof in Detmold traf und die komplizierte Fahrt nach Göttingen – man mußte damals noch dreimal umsteigen – mit ihm zusammen machte. Auch in Göttingen sahen wir uns: im Deutschen Theater mit Heinz Hilpert, Hellmut Henrichs, Erich Ponto, Johanna Terwin-Moissi, Elisabeth Müller – Bekanntschaften, dank derer im Sommer 1951 Hofmannsthals «Jedermann» auf dem mittelalterlichen Marktplatz von Lemgo aufgeführt worden war.
Am letzten Adventssonntag gab mein Mann eine kleine Gesellschaft, zu der er auch Herrn Plessner einlud. Die anderen Gäste waren «Mama» Oncken, Witwe des Historikers Hermann Oncken, mit Tochter Alste, einer Freundin von mir, und Schwiegersohn Rudolf Horn, dem Göttinger Archäologen.
Das übliche Getränk in dieser bescheidenen Zeit war Cinzano, zu dem es fast überall selbstgebakkene Waffeln gab. Ich fand in der Küche kein Waffeleisen und entschuldigte mich. Herr Plessner atmete auf und sagte: «Die Waffeln nieder.» Der Abend fing gut an. Mama Oncken, eine vitale Siebzigerin, ihres Mutterwitzes wegen bewundert und gefürchtet, weil sie nie ein Blatt vor den Mund nahm, schien sich wohl zu fühlen und in Herrn Plessner einen ebenbürtigen Gesprächspartner zu sehen. Nach einem besonders gelungenen Ballwechsel mit ihm lehnte sie sich erschöpft zurück und rief: «Kinder, bei euch ist es wieder wie früher in Berlin.» Ich dagegen kannte meinen ernsten Reisegefährten kaum wieder. Gewiß, die Fragen, die uns Deutschen auf den Nägeln brannten, waren kein Gesprächsstoff für einen solchen Abend. Aber war es denn wirklich, konnte es denn je wieder sein «wie früher in Berlin»?
