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Ein schmerzfreies, aktives Leben ist möglich 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Arthrose. Was lange als unheilbar galt und mittelfristig in den OP-Saal führte, erscheint heute in einem anderen Licht: eine umfassende Therapie kann die Beschwerden drastisch senken. Doch noch immer ranken sich Irrtümer um das Krankheitsbild – und verzögern so den Weg zum schmerzfreien Leben. Prof. Dr. Krischak legt mit der ›Arthrose-Formel‹ ein Buch vor, das einen individuellen Weg aus den Schmerzen aufzeigt. Er bringt aktuelle medizinische Forschung verständlich auf den Punkt und hilft, den Kern der Krankheit zu verstehen. Nach den neuesten wissenschaftlichen Standards entwickelt er einen 100-Tage-Behandlungsplan, der ein bewegtes Leben ohne Schmerz ermöglicht – ganz ohne OP.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
»Der Titel dieses Buches ist kein leeres Versprechen. Er ist ein Anspruch. Die ›Arthrose-Formel‹ ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung an der Schnittstelle zwischen orthopädischer Praxis und wissenschaftlicher Forschung. Sie zeigt einen strukturierten Weg, der auf neueste und belastbare Daten, klinische Erfahrung und gesunden Menschenverstand setzt. Denn Arthrose, permanenter Schmerz und Einschränkungen im Alltag sind kein Schicksal. Es gibt ihn, den Weg zurück in ein bewegtes Leben.«
PROF. DR.GERT KRISCHAK
DIEARTHROSEFORMEL
Der Wegweiser in ein schmerzfreies Leben ohne Operation
»Manche Menschen träumen vom Erfolg, während andere jeden Morgen aufstehen und ihn verwirklichen.«
Wayne Huizenga
Ich habe mich in diesem Buch bewusst dafür entschieden, auf geschlechtergerechte Schreibweise zu verzichten und stattdessen das generische Maskulinum zu verwenden. Das bedeutet, dass bei Bezeichnungen wie »der Leser« oder »der Arzt« selbstverständlich alle Menschen gemeint sind, unabhängig von ihrem Geschlecht.
Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Womöglich fragen Sie sich, warum ich diesen Weg gewählt habe, obwohl mir die Bedeutung einer geschlechtergerechten Sprache sehr wohl bewusst ist. Die Antwort liegt hauptsächlich in der Lesefreundlichkeit. Texte sollen flüssig und verständlich sein – und nicht durch ständige Unterbrechungen, wie etwa Doppelnennungen (»Leserinnen und Leser«) oder Gender-Sternchen (»Leser*innen«), an Leichtigkeit verlieren.
Lassen Sie mich an dieser Stelle betonen: Diese Entscheidung bedeutet keineswegs, dass ich Diskriminierung in irgendeiner Form toleriere oder gutheiße – im Gegenteil. Ich distanziere mich ausdrücklich von jeder Form der Benachteiligung oder Herabsetzung aufgrund von Geschlecht, Identität, Herkunft oder Lebensweise. Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, und ich schätze den Einsatz geschlechtergerechter Formulierungen sehr. In diesem speziellen Fall habe ich jedoch zugunsten der Lesbarkeit für das generische Maskulinum entschieden, weil ich glaube, dass ein flüssiger, ungestörter Text für das Verständnis und den Genuss der Inhalte entscheidend ist. Die Wahl des generischen Maskulinums soll keineswegs Menschen ausschließen oder benachteiligen.
Mir ist bewusst, dass dieser Ansatz nicht jede Erwartung erfüllt. Falls Sie zu denen gehören, die die geschlechtergerechte Schreibweise bevorzugen oder sich mehr Inklusion in der Sprache wünschen, bitte ich sehr herzlich um Ihr Verständnis. Mein Anliegen ist es, mit dieser Entscheidung eine klare, gut lesbare und dennoch respektvolle Ansprache zu ermöglichen. Jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht oder Identität, ist in diesem Buch gleichermaßen gemeint und willkommen.
Vorwort
Einleitung
Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen
Wer kann mir sagen, was richtig und was falsch ist?
Medizin und die »Wahrheit«
Die wichtige Aufgabe der Wissenschaftler
Warum Vereinfachungen sein müssen – aber nie richtig sind
Teil 1 – Grundlagen
Was ist eigentlich Arthrose?
Von Stützpfeilern und Belastungskünstlern: Unsere Gelenke
Was Gelenkknorpel zu einem Super-Material macht
Wasser und Knorpel: Das unsichtbare Gelenkgeheimnis
Knorpel: Bewegung ist sein Lebenselixier
Knorpel-Heilung: Die Herausforderung der Regeneration
Was Knorpel mit Drahtseilen und Kirchenbögen gemeinsam hat
Knorpel: ein faszinierender Wasserspeicher
Zytokine – Postboten zwischen den Zellen
Arthrose von leicht bis schwer
Arthrose im Röntgenbild
Präzision in der Kernspintomografie (MRT)
Primäre und sekundäre Arthrose
Die vielfältigen Schmerzgesichter der Arthrose
Der Countdown zum Knorpelkollaps
Teil 2 – Wahrheit statt Mythen
Irrtümer gehören zur Medizin
Ist Arthrose eine Folge von Verschleiß?
Warum Arthrose keine Altersdegeneration ist
Arthrose – und doch schmerzfrei. Geht das überhaupt?
»Arthrose ist heilbar!« – wirklich?
Übergewicht ist der Feind der Gelenke
Der Knorpel liebt Belastung
Sport – ein Wundermittel oder ein schädliches Laster?
Was Ernährung mit Arthrose zu tun hat
Nahrungsergänzungsmittel – die schnelle Pille gegen Arthrose?
Sinnvolle Schmerzmittel, richtig eingesetzt
Gelenkspritzen – sinnvoll oder nicht?
Die Prothesenoperation – wenn nichts mehr hilft
Teil 3 – Die Arthrose-Therapie
Arthrose stoppen und den Schmerz besiegen
Die wirksamen Bausteine der Arthrose-Formel
Ein letzter Tipp, bevor Sie starten: Gehen Sie zum Arzt
Teil 4 – Der Behandlungsplan über 100 Tage
100 Tage gegen Arthrose – der Startschuss
Gesundheitscheck: Sicherheit vor dem Start
Der 100-Tage-Behandlungsplan
Anhang
Glossar
Literatur
Zwischen Irrtum und Erkenntnis – eine Reise durch Medizin, Mythos und moderne Wissenschaft
Wie viel Wahrheit steckt in einem Röntgenbild? Wie viel Hoffnung in einer Pille oder einer Spritze? Und wie viele Jahre kostbare Lebensqualität gehen verloren, weil wir glauben, dass Arthrose einfach zum Älterwerden dazugehört?
Wenn Sie dieses Buch in Händen halten, sind Sie vielleicht schon mitten in Ihrer persönlichen Geschichte mit Arthrose. Vielleicht tut es weh beim Aufstehen. Vielleicht zieht es bei der Arbeit im Garten. Vielleicht sind Sie auch einfach nur neugierig. Neugierig auf eine Lösung, die anders ist. Eine Lösung mit System. Eine Formel.
Der Titel dieses Buches ist kein leeres Versprechen. Er ist ein Anspruch. Die »Arthrose-Formel« ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung an der Schnittstelle zwischen orthopädischer Praxis und wissenschaftlicher Forschung. Keine Wunderheilung und kein Wundermittel verheißender Buchtitel. Sondern ein strukturierter Weg, der auf neueste und belastbare Daten, klinische Erfahrung und gesunden Menschenverstand setzt.
Ich bin Arzt – aber auch Wissenschaftler. Und dieser doppelte Blick ist oft ein Spagat. Denn während in der Praxis schnelle Hilfe gefragt ist, verlangt die Wissenschaft Geduld, Methodik und auch Zweifel. Ja, Zweifel sind das Fundament jeder guten Studie. Und sie sind es auch, die uns geholfen haben, Arthrose zu entschlüsseln und endlich besser zu verstehen.
Lange galt: Arthrose ist Verschleiß. Punkt. Doch dieses »Wissen« ist überholt. Neue Erkenntnisse zeigen: Die Entzündung spielt eine viel größere Rolle als gedacht. Und der Gelenkknorpel ist kein hilfloses Opfer der Zeit, sondern ein erstaunlich aktives Gewebe, das reagiert, heilt und kämpft. Wenn wir es lassen.
Dieses Buch ist kein dogmatischer Leitfaden. Es ist ein Kompass. Es nimmt Sie an die Hand, inmitten eines undurchdringlichen Dschungels aus gut gemeinten Ratschlägen, fragwürdigen Heilungsversprechen und Google-Diagnosen.
Hier finden Sie Klartext statt Fachjargon. Evidenz statt Esoterik. Und vor allem: eine Anleitung und einen strukturierten Behandlungsplan, der auf wissenschaftlicher Basis Ihre Lebensqualität zurückholen kann. Und das in 100 Tagen.
Sie müssen kein Medizinstudium absolviert haben, um Arthrose zu verstehen. Aber Sie müssen bereit sein, mit gängigen Mythen aufzuräumen und sich selbst wieder Prioritäten zu setzen. Denn diese Reise beginnt nicht in der Klinik, sondern in Ihrem Alltag.
Arthrose ist keine Einbahnstraße. Es gibt eine Abzweigung. Und diese Formel zeigt Ihnen, wie und wo Sie sie finden.
Herzlich willkommen zu einem neuen Kapitel der Arthrosebehandlung.
Ihr
Prof. Dr. Gert Krischak
Wer sich aufmacht, um zum Thema Arthrose den Buchladen oder die digitale Welt des Internets zu durchforsten, der steht vor einer ungeheuren Masse an Informationen. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende der unterschiedlichsten Möglichkeiten zur Arthrosebehandlung werden angepriesen, die endlich Heilung und Linderung versprechen. Ratgeber, Heilpraktiker, selbst ernannte »Experten«, Bücher, Foren, Webinare – wie soll man da den Überblick behalten? Die HINTS-Germany-Studie hat sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Menschen in Deutschland heute über Gesundheit und Therapien informieren. Die Ergebnisse sind wenig überraschend. Nur die Hälfte vertraut ihrem Arzt – aber ein Drittel dafür dem Rat und der Hilfe aus dem Internet.1
Dieser Trend dürfte sich in den nächsten Jahren weiter verstärken. Der immense Einfluss von Social Media auch auf Gesundheitsinformationen ist ungebrochen und löst immer mehr klassische Informationsquellen ab. Doch Vorsicht ist geboten: Die Menge an irreführenden und falschen Informationen im Internet ist riesig. Jeder kann sich ungeschützt und ohne dass es einer beruflichen Qualifikation bedarf, zum »Experten« erklären. Studien und Quellen werden bewusst falsch gedeutet – oder einfach nicht verstanden – und wichtige Aspekte dabei verschwiegen oder verdreht. Hauptsache, es dient der eigenen Agenda – ob nun finanziell oder ideologisch motiviert. Obwohl wir heute über die digitalen Medien so leicht Zugang zu hochwertigen Informationen haben wie nie, ist das Wissen um das Thema Gesundheit deshalb auf einem noch nie da gewesenen niedrigen Niveau.
Im Jahr 2014 hatte noch rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung einen niedrigen Wissensstand bei Gesundheitsfragen. 2020 waren es sogar 60%, und das inmitten der Corona-Pandemie, wo der Bedarf an qualitativ guten Informationen zum Thema Gesundheit hoch war.2 Erschreckend ist, dass vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen und höherem Alter die größten Wissensdefizite aufweisen. Gerade diese bräuchten aber verlässliche und gute Ratgeber, denn bei ihnen sind Krankheiten häufiger und verlaufen schwerer.
Und noch etwas wurde in dieser Studie deutlich: Drei von vier Befragten geben an, dass sie Schwierigkeiten haben, vorhandene Informationen zur Gesundheit richtig einzuordnen. Sind sie richtig oder falsch?
Gerade zum Thema Arthrose ist in der Bevölkerung der Wissensstand besonders gering. Die größte Unsicherheit besteht – wenig überraschend – bei der Frage nach den Behandlungsmöglichkeiten: Was hilft mir, wie hilft es und wie muss ich es einsetzen?3 Die Forschung stellte zudem fest, dass die meisten Menschen bewährte Behandlungsmethoden falsch und damit nicht wirksam anwenden. Selbst während einer laufenden konservativen Behandlung durch einen Arzt wissen die meisten Patienten weder Bescheid über die Erkrankung noch über ihre Ursache. Sie wissen auch nicht, wo sie sich im Behandlungsprozess befinden. Gerade unter denjenigen, die angeben, gut über ihr Krankheitsbild Arthrose informiert zu sein, ist der Anteil an Unwissen und falschen Informationen besonders hoch.3
Dabei tragen auch wir Ärzte zur Verwirrung bei. Es erstaunt, wie viele unterschiedliche »richtige« Wege unseren Patienten angeboten werden. Hier bin ich immer wieder überrascht, wenn Patienten von ihren zurückliegenden Behandlungen berichten. Am meisten irritiert mich aber, dass die meisten Patienten glauben, dass sie nur mit Medikamenten oder Spritzen erfolgreich behandelt werden könnten, oder – wenn das alles nicht mehr hilft – mit einer Operation.
Mehr noch: Sobald ein Arzt einmal ausgesprochen hat: »Probieren Sie ruhig alles Mögliche aus, am Ende werden Sie sich doch operieren lassen!«, ist das Vertrauen in die nicht-operative Therapie Geschichte.
Die Wahrheit ist aber eine andere. Selbst eine fortgeschrittene Arthrose kann erfolgreich und wirksam behandelt werden. Medikamente und Spritzen spielen hier eine Rolle, aber sie stehen keinesfalls im Zentrum der wirksamen Therapie.
Wer berät nun zuverlässig, was wirklich hilft? Auf wen soll man denn nun hören? Die Antwort ist so einfach wie herausfordernd: auf die Wissenschaft.
Die Wahrheit für sich zu beanspruchen ist vermessen. In der Medizin gibt es– anders als in anderen Wissenschaften– keine absolute Wahrheit. Ein Mathematiker kennt ein sicheres Richtig oder Falsch. Auch der Jurist kennt eine solche Wahrheit, nämlich das Gesetz. In der Medizin aber ist das anders. Ihre Basis ist die Beobachtung. Und die kann mal so und mal so sein– je nach Beobachter, Umständen und so weiter. Medizin ist eine Beobachtungswissenschaft.
Schon seit über 2000 Jahren haben weise Menschen die Auswirkungen ihrer Behandlungen von Krankheiten beobachtet. Sie haben erforscht, welche Einflüsse ihre Methoden auf den Verlauf von Krankheiten haben. Das gilt auch für die Arthrose. Schon seit Hunderten von Jahren wird über sie geforscht. Eigentlich sollten wir also längst umfassend über die Wahrheit der Arthrose und ihrer Behandlungsmöglichkeiten Bescheid wissen.
Doch auch heute noch wird in Expertengremien, in wissenschaftlichen Fachgesellschaften und auf Fachkongressen trefflich über die Ursachen von Erkrankungen gerungen und über die richtigen Wege ihrer Behandlung gestritten.
Das liegt daran, dass sich Wahrheit aus der Summe der einzelnen, tatsächlichen Beobachtungen zusammensetzt. Fügt man Tausende oder Hunderttausende von Einzelinformationen und -beobachtungen zu einem Ganzen zusammen, dann bekommt man einen immer schärferen Blick auf das wahrscheinlich »Wahre«.
Ich nehme hier gerne einen PC-Monitor als Beispiel: Ein einzelner Bildpunkt des Monitors hat einzelne Abstufungen von Blau, Grün oder Rot. Sehe ich auf einem Abschnitt nun, dass eine Farbe dominiert, muss deswegen das Gesamtbild aber nicht blau, grün oder rot sein. Erst mit dem Gesamteindruck aller blauen, roten und grünen Punkte auf dem Monitor zusammen ergibt sich das tatsächliche Bild.
Bis heute ist es in noch keinem einzigen wissenschaftlichen Gebiet gelungen, alle Punkte zu identifizieren. Aber in vielen Bereichen ist man dank jahrelanger mühevoller wissenschaftlicher Arbeit damit schon recht weit.
Um sich mit dem großen und komplexen Thema der Arthrose auseinanderzusetzen, ist es notwendig, sich intensiv und umfassend mit dem verfügbaren Wissen zu befassen. Erreichen wir damit den Grad der absoluten Wahrheit? Nein, doch kommen ihr bestmöglich nahe.
Allein in der digitalen Datenbank MedLine finden sich mehr als 30 Mio. wissenschaftliche Fachartikel, und pro Jahr kommen ca. 2,5 Mio. hinzu– das sind 6000 Artikel pro Tag. Allein zum Thema Arthrose findet man in MedLine circa 130000 Arbeiten, dazu kommen Tausende Buchbeiträge zu diesem Thema.
Wer kann in diesem Dschungel der Informationen den Überblick behalten? Genau dafür gibt es Experten, die Wissenschaftler für die einzelnen Fach- und Spezialgebiete. Sie haben gelernt, diese Tausende Einzelinformationen zu bewerten. Sie verwenden dafür komplexe Methoden zur Beurteilung und Einordnung. Diese zu lernen, dauert viele, oft anstrengende Jahre.
Doch deren Arbeit ist unerlässlich. Nicht jede wissenschaftliche Untersuchung verändert den Lauf der Dinge, andere wiederum haben das Potenzial, völlig neue Therapien und Ansätze zu finden. Der Teufel steckt oft im Detail und erst die exakte wissenschaftliche Überprüfung von Informationen lässt eine Bewertung einer solchen Arbeit zu. Die jahrelange und oft mühsame Praxis schärft das Auge des Wissenschaftlers für Studien und Arbeiten von hoher methodischer Güte.
Wissenschaftler wenden Methoden an, um aus vielen Studien ein Gesamtbild zu erstellen.
Ein solches Instrument sind Metaanalysen, die Ergebnisse aus zahlreichen Veröffentlichungen zusammenfassen und damit eine solide Bewertung einer Forschungsfrage überhaupt erst zulassen.
Manche Studien bestätigen bisherige Annahmen, manche widerlegen sie. Und manche zeigen, dass es unterschiedlichen Bedingungen gibt: Was für die eine Gruppe helfen mag, kann für die andere wirkungslos sein. Wissenschaftler hüten sich davor, Rückschlüsse aus Einzelbeobachtungen zu ziehen. Was bei einigen wenigen Fällen geholfen haben mag, kann in Wahrheit für viele hochproblematisch oder sogar gefährlich sein.
Gerade in der Wissenschaft sind Vereinfachungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ohne sie kommen wir nicht aus. Komplexe Inhalte und Zusammenhänge sind– außer für ein paar wenige Experten– schwer zu verstehen, und vor allem sind sie unmöglich zu vermitteln. Als Arzt werde ich oft nach Erklärungen gefragt und meine Antworten streifen dann höchstens hier und da die Tiefe. Bin ich selbst damit zufrieden? Nun, wenn die Botschaft dahinter richtig ist und der Patient am Ende verstanden hat, um was es im Wesentlichen geht, dann ist eine solche Vereinfachung sicherlich vernünftig. Muss ich wirklich wissen, warum und wie ein Flugzeug fliegt, um es zu betreten? Oder reicht mir nicht auch die Vorstellung von Wind und Gegenwind, von Geschwindigkeit und dem Gleiten über Hunderte von Kilometern aus?
Vereinfachungen helfen uns, schwierige Inhalte zu vermitteln, sodass deren Grundsätze verstanden werden. Problematisch wird es erst dann, wenn wir annehmen, dass diese Vereinfachungen Realität sind. Die Schlüsse, die wir dann daraus ziehen, müssen zwangsläufig falsch sein. Wenn Gelenke »zerrieben werden«, Bänder und Faszien »verfilzen« oder Gelenke »verrenken«, muss das Krankheitsmodell hinter diesen Formulierungen falsch sein– und konsequenterweise auch die davon abgeleitete Therapie. Vereinfachungen sind nur dann richtig, wenn sie die Realität– im übertragenen Sinne– auch korrekt abbilden.
Einfache Antworten auf ein komplexes Problem– wie die Arthrose–gibt es nicht.
Es ist daher entscheidend, zu verstehen, welche Faktoren die Arthrose tatsächlich verursachen, welche Mechanismen sie vorantreiben. Hier helfen uns Vereinfachungen eher nicht. Wir müssen mit dem Blick der Wissenschaft auf die Arthrose blicken und daraus eine schlüssige Therapie ableiten– und mit den Irrtümern rund um die Arthrose aufräumen.
Grundlagen
Medizin ist die Kunst, die Wissenschaft für den Menschen zu übersetzen.
Unbekannt
6:45 Uhr. Der Wecker klingelt– doch Martina ist schon eine Weile wach. Immer wieder war sie in der Nacht wach geworden, wegen ihrer rechten Schulter. Jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war da dieser stechende und bohrende, tiefsitzende Schmerz, als würde jemand mit einem Schraubenzieher im Gelenk bohren.
Ruhig liegen? Unmöglich. Und jetzt fühlt sie sich, als hätte sie gar nicht geschlafen– müde, zerschlagen, dünnhäutig. Sie setzt sich langsam auf, stützt sich mit der linken Hand ab. Der rechte Arm fühlt sich an wie ein widerspenstiger Fremdkörper. Schon die Bewegung, mit der sie sich das T-Shirt über den Kopf zu ziehen versucht, lässt sie scharf einatmen. Dabei hatte sie sich so viel vorgenommen für heute: Fenster putzen! Endlich! Die Sonne scheint, der Tag wäre perfekt. Sie hatte sich gestern sogar extra neue Gummihandschuhe gekauft. Aber schon der Gedanke, den Arm über Schulterhöhe zu heben, lässt sie zusammenzucken. Sie probiert es trotzdem– ein vorsichtiger Versuch, das Reinigungsmittel aus dem Regal zu holen. Der Schmerz bohrt sich in ihr Gelenk und lässt sie flach atmen.
Der Körper diktiert heute die Regeln, nicht der Kalender. Martina ist frustriert– nicht wütend, eher enttäuscht. Von sich? Nein, nicht wirklich. Vom Zustand und dem zermürbenden Schmerz.
Sie schaut zum Fenster. Die Sonne funkelt durch die Schlieren auf der Scheibe. »Dann eben morgen«, murmelt sie. In diesem Moment spürt sie deutlich: Sieist nicht mehr die Alte– und die Arthrose ist jetzt ein Teil ihres Lebens geworden.
Arthrose. Sie fängt leicht und unbekümmert an und am Ende hadern wir mit jeder Bewegung, die schmerzt und uns das Leben erschwert. Doch was ist Arthrose eigentlich? Wir merken schnell, Arthrose ist ein Problem eines Gelenks. Wenn wir es belasten, bewegen, uns fortbewegen, dann macht es sich durch typische Schmerzen bemerkbar. Aber welches Problem hat das Gelenk, dass es uns solche Schwierigkeiten macht?
Einfach ausgedrückt könnte man sagen, das Gelenk hat ein »Knorpelproblem«. Aber wir werden sehen: Das ist nur die halbe Wahrheit. Der Knorpel, die glatte Schutzschicht auf den Gelenkflächen, baut sich bei Arthrose langsam ab. Und was dann? Ist es die Reibung, die nun nicht mehr glatt und wie geschmiert verläuft, oder passieren vielmehr ganz andere Vorgänge, die wir erst erkennen und verstehen müssen?
Überall in unserem Körper befinden sich Knochenenden, die sich gegeneinander bewegen können. Dort, wo zwei Knochenenden aufeinandertreffen, bilden sie miteinander ein Gelenk. Gelenke sind die wichtigen Strukturen, die uns ein Leben in Bewegung erst ermöglichen.
Stellen Sie sich einmal kurz vor, wie es wäre, keine Kniegelenke zu haben. Stattdessen wären unsere Beine von der Hüfte bis zu den Füßen ein durchgehender Knochenstab. Bereits das einfache Gehen wäre eine Herausforderung und sogar Stehen könnte schwierig werden. Ohne Ellenbogen- und Handgelenke wäre es uns kaum möglich, nach einem Glas Wasser zu greifen. Gelenke sind also essenziell für ein aktives und glückliches Leben.
Gesunde, funktionierende Gelenke und Lebensqualität gehören fest zusammen.
Wir haben rund 210 Gelenke in unserem Körper. Die meisten davon sind ausgesprochen mobil und erlauben teils sehr umfangreiche Bewegungen der Knochen gegeneinander. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Schultergelenk. Es ist sehr beweglich. Der Knochen des Schulterblatts endet in einer flachen Gelenkpfanne, in der der runde Kopf des Oberarms ungestört gleiten kann. Das führt dazu, dass wir den herabhängenden Arm nahezu senkrecht anheben können. Ganz anders die Hüfte: Ihre Gelenkpfanne hat einen hohen Kragen, der das ebenfalls kugelige Ende des Oberschenkelknochens weit umschließt und dadurch nur sehr wenig Beweglichkeit zulässt.
Abb. 1 Großer Bewegungsumfang des Schultergelenks, da es überwiegend durch Weichteile (Sehnen und Muskel) geführt ist.
Abb. 2 Kleinerer Bewegungsumfang des Hüftgelenks, da es überwiegend knöchern geführt ist.
Gelenke müssen sehr lange beansprucht werden können und dürfen unter den vielen Belastungen nicht zugrunde gehen. Auf ein Gelenk treffen über die Dauer des gesamten Lebens circa 1–4 Mio. Belastungszyklen.4,5 Das ist eine ganze Menge. In der Materialprüfung gibt es den Begriff der »Lebensdauer«. Diese Zahl sagt aus, wie viel Belastung ein Material aushält, bis es unter der wiederholten Last zusammenbricht. Ingenieure sprechen hier auch vom »Materialversagen«. Ein unlegierter Baustahl hat eine Lebensdauer in einem Bereich von 1–10 Mio. Belastungszyklen. Unsere Gelenke müssen also mindestens so widerstandsfähig sein wie Baustahl.
Alle Gelenke sind gleich aufgebaut. Zwei knöcherne Enden werden von einer festen Gelenkkapsel umschlossen. Sie bildet die äußere Begrenzung des Gelenks. Die Innenseite der Kapsel ist ausgekleidet mit einer stark durchbluteten Gelenkinnenhaut, die wir Synovialis nennen. Ihr kommt eine wichtige Rolle bei der Arthrose und den Therapiemöglichkeiten zu. Das Innere des Gelenks ist mit Gelenkflüssigkeit gefüllt, die von der Synovialis gebildet wird. Diese ist sehr zähflüssig. Wie ein Gleitfilm legt sie sich über die Gelenkenden und wirkt dabei wie ein Schmiermittel.
Abb. 3 Bestandteile eines Gelenks
Bei einem Gelenk bewegt sich ein Knochen gegen den anderen. Doch wenn Knochen auf Knochen reibt, ist eine reibungslose Beweglichkeit nicht mehr möglich. Deshalb gibt es den Knorpel. Müssen sich Knochenenden gegeneinander bewegen, sind sie mit einer stabilen, glatten Schicht überzogen – der Knorpelschicht. Diese Schicht gleicht perfekt die Unebenheiten der Knochenoberfläche aus – ähnlich wie eine dicke Schneedecke zwischen der zerklüfteten und felsigen Oberfläche eines Berges.
Aber Knorpel kann noch so viel mehr. Seine Eigenschaften belegen eindrucksvoll, mit welcher Perfektion der menschliche Körper auch an schwierigste Anforderungen angepasst ist. Knorpel ist in der Kombination mit Gelenkflüssigkeit nämlich unfassbar glatt. Tatsächlich ist es bis heute nicht gelungen, technisch ein Material herzustellen, das eine ähnlich geringe Reibung hat wie Gelenkknorpel. Sein sogenannter Reibungskoeffizient liegt zwischen 0,005–0,02.6 Der niedrigste Reibungskoeffizient eines uns bekannten technischen Materials entspricht der Reibung von nassem Eis auf Eis. Dieser beträgt 0,01 und ist damit noch um den Faktor 5 höher als die Reibung des Gelenkknorpels. Man spricht also zu Recht von einem »reibungslosen« Gelenk.
Mit Gelenkflüssigkeit getränkter Knorpel hat die niedrigste uns bekannte Reibung.
Knorpel ist dazu ausgesprochen fest. Er hält Spitzenbelastungen von bis zu 18 Mega-Pascal aus, was dem Wasserdruck in 1,8km Tiefe entspricht! Doch damit nicht genug. Wäre Knorpel nur fest, würde er mit der Zeit spröde werden. Das wird verhindert durch eine weitere Eigenschaft, die den Knorpel zu einem perfekten Material macht: Er ist elastisch. Dadurch kann er sich verformen und ausdehnen und läuft dadurch nicht Gefahr, unter Belastung zu zerreißen. Diese Eigenschaft verdankt er seinem hohen Wassergehalt von 80%.
Seine herausragenden Eigenschaften verdankt der Knorpel seiner Zusammensetzung und der Anordnung des Bindegewebes im Knorpel. Dieses verleiht ihm eine hohe Zug- und Reißfestigkeit, um selbst stärksten Belastungen entgegenzuwirken. Die Last, die Knorpel aushalten muss, kann gewaltig sein – auf eine Knorpeloberfläche von gerade einmal 1cm2 wirken bis zu 400kg Gewicht ein.7
Knorpel ist ausgesprochen druckfest und elastisch zugleich.
Mit solchen Superkräften ausgestattet sollte Knorpel allen äußeren Kräften widerstehen können. Das kann er auch – doch wehe, wenn er von innen geschwächt wird.
Über Millionen von Jahren hat sich der Gelenkknorpel ständig an wechselnde Bedingungen angepasst. Vor allem mit dem Übergang vom Vierfüßlergang zum aufrechten Gang haben sich die Belastungen auf die Gelenke um ein Vielfaches erhöht. Durch das aufrechte Gehen werden vor allem die Gelenke der Beine und der unteren Wirbelsäule sehr stark belastet.
Wie jedes Gewebe in unserem Körper ist auch Knorpel aus Zellen aufgebaut, die jeweils – wie Ameisen in einem Bau – eine gemeinsame Aufgabe wahrnehmen. Sie sind die kleinste Einheit in den Gewebeverbänden. In den Zellen wird produziert, transformiert und kommuniziert. Je mehr Leistung wir von einem Gewebe erwarten, desto mehr Zellen sind erforderlich. Verschiedene Zellstrukturen übernehmen verschiedene Aufgaben. Doch nur gemeinsam sind sie in der Lage, ihre für sie vorgesehene Funktion zu erfüllen.
Abb. 4 Mikroskopisches Bild eines Gelenkknorpels. Man sieht die wenigen Knorpelzellen (dunkelblau) inmitten größerer Flächen von extrazellulärer Matrix.
Unser Körper besteht aus ungefähr 30 Billionen Zellen.8 Doch während andere Gewebe fast nur aus Zellen bestehen, die dicht an dicht gereiht sind, müssen wir diese im Knorpel geradezu suchen. Sie liegen weit verstreut in Form kleiner Zellnester aus 3–5 Zellen. An der gesamten Knorpelsubstanz machen die Knorpelzellen gerade einmal einen Anteil von circa 10% aus. Das dazwischenliegende Bindegewebe, v.a. aus Kollagen, macht noch einmal einen Anteil von 10% aus.9
Der Rest, also circa 80%, ist Wasser. Warum benötigt Knorpel so viel Wasser in einer Struktur, die doch eigentlich widerstandsfähig und fest sein muss? Sind es nicht gerade die Massen an Zellen, die ein Gewebe leistungsfähig und stark machen?
Nicht beim Knorpel. Es ist das Wasser, das ihm seine Elastizität verleiht und ihn damit zu einer Art Stoßdämpfer macht. Wirkt eine Last auf den Knorpel ein, zum Beispiel beim Gehen oder Springen, wird das Wasser aus dem Knorpelgewebe herausgedrückt. Das schützt den Knorpel, der dadurch nicht zerquetscht wird. Nach der Belastung wird das Wasser wieder in den Knorpel aufgesogen. Knorpel hat also die einmalige Fähigkeit, Wasser abzugeben und wieder aufzunehmen. Das macht ihn zu einem »atmenden« Stoßdämpfer.
Durch Wasser erhält Knorpel die Eigenschaft eines »atmenden« Stoßdämpfers.
Damit unterscheidet sich Knorpel wesentlich von anderen Körperstrukturen. Zwar hat die Bandscheibe an der Wirbelsäule ebenfalls die Funktion eines Stoßdämpfers. Doch wird der Druck in der Bandscheibe zu hoch, zerreißt der Ring um die Bandscheibe, und das Gewebe kann austreten. Ein Bandscheibenvorfall ist die Folge. Ein solches Szenario ist am Knorpel nicht möglich. Die Wasserverlagerung schützt den Knorpel also hocheffektiv vor Überlastung.
Das Aus- und Wiedereintreten des Wassers in das Knorpelgewebe hat noch eine weitere wichtige Aufgabe. Knorpel besitzt keine Blutgefäße. Damit ist er von der Nährstoffversorgung abgeschnitten. Bei allen anderen Gewebearten würde dies innerhalb von Tagen zum Absterben des Gewebes führen. Doch Knorpelzellen scheinen trotz ihrer Isolation lebensfähig. Wie kann das funktionieren?
Die Zellen des Knorpels haben gelernt, sich über die Bestandteile zu ernähren, die im Wasser gelöst sind. Die Gelenkflüssigkeit, die von der Synovialis an der Gelenkinnenhaut gebildet wird, ist mit Glukose, Aminosäuren und Elektrolyten angereichert. Der Knorpel braucht diese Nährstoffe zum Überleben, genauso wie wir atmen müssen und Sauerstoff zum Leben brauchen. Und genauso wie wir einatmen, die Brust anheben und dadurch Luft in unsere Bronchien ziehen, wird auch das Wasser in den Knorpel hinein- und wieder herausgepresst.
Abb. 5 Prinzip der Knorpelernährung: a. Bei Gewichtsbelastung auf den Knorpel wird dieser eingedrückt, wodurch die darin gelöste Flüssigkeit herausgepresst wird. Abfallstoffe aus dem Knorpelgewebe werden so entsorgt. b. Lässt der Druck nach, richtet sich das Knorpelgewebe wieder auf, dabei saugt es sich mit frischer Flüssigkeit voll. Hierdurch wird der Knorpel ernährt.
Doch diese Wasserbewegung braucht einen Antrieb: Bewegung. Beim Bewegen und Belasten des Gelenks steigt der Druck auf den Knorpel. Das Wasser wird herausgepresst, dabei werden auch Abfallstoffe ausgeschwemmt. Wenn die Belastung abnimmt, dehnt sich die Knorpelschicht wieder aus. Das Wasser wird in den Knorpel aufgesogen, wie bei einem Schwamm. Dabei umspült die Gelenkflüssigkeit die Knorpelzellen und versorgt sie mit Nährstoffen.
Durch Bewegung wird der Knorpel ernährt. Bei zu wenig Bewegung geht er unter.
