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In "Die Auferstehung" entfaltet Max Ring ein vielschichtiges Narrativ, das sowohl philosophische als auch existenzielle Fragestellungen behandelt. Der Roman spannt einen Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart und führt die Leser durch die inneren Konflikte seiner Protagonisten, die sich mit Themen wie Schuld, Erlösung und der Suche nach Identität auseinandersetzen. Rings literarischer Stil ist geprägt von eindringlicher Bildsprache und psychologischer Tiefe, welches dem Werk eine dichte Atmosphären verleiht. In einem literarischen Kontext, der vom Einfluss der Romantik und Existentialismus geprägt ist, gelingt es Ring, emotionale Wahrheiten zu manifestieren, die universelle Resonanz finden. Max Ring ist ein vielseitiger Schriftsteller, der sich intensiv mit den menschlichen Abgründen und der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt. Beeinflusst von persönlichen Erfahrungen und einem tiefen Interesse an philosophischen Diskursen, reflektiert er in seinen Werken oft seine eigenen Reise durch Herausforderungen und Umbrüche. Sein profundes Wissen in Psychologie und Philosophie gibt seinen Charakteren eine bemerkenswerte Tiefe und Authentizität, die zum Nachdenken anregt. Für Leser, die sich nach einem eindrucksvollen literarischen Erlebnis sehnen, empfiehlt sich "Die Auferstehung" als zeitloses Werk. Es fordert seine Leser auf, sich mit grundlegenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen und bietet eine Reflexion über die Möglichkeit der Erneuerung. Ein Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch die Seele berührt und zum Nachdenken anregt, ist es ein bedeutendes Studium des menschlichen Daseins.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die reiche Commerzienräthin Bärmann hatte nur einen einzigen Sohn, den sie über Alles liebte. Theodor verdiente auch im vollsten Maße die Zärtlichkeit seiner Mutter; er war in jeder Beziehung ein trefflicher Mann, und sowohl körperlich wie geistig mit den schönsten Gaben und Anlagen ausgestattet. Um das Glück vollständig zu machen, hatte er vor einiger Zeit seine Mutter mit einem freudigen Geständniß überrascht. Die reifende Tochter des Regierungspräsidenten von Wilden, um deren Liebe er sich schon längst beworben hatte, willigte endlich ein, die Seinige zu werden.
Clementine war die gefeierte Schönheit der Residenz, eine ausgezeichnete Partie, um die der Assessor Bärmann von aller Welt beneidet wurde. Sie besaß eine Fülle glänzender Eigenschaften, welche durch ihr blendendes Licht so manche kleinern Schwächen und Fehler übersehen ließen, die ihrem Charakter anhafteten. Das scharfe Mutterauge der Commerzienräthin wurde dadurch nicht getäuscht, aber die würdige Frau kannte selbst aus eigener Erfahrung den günstigen Einfluß der Ehe auf derartige unbedeutendere Gebrechen, von denen Niemand gänzlich frei zu sprechen sein dürfte. Sie billigte daher von ganzem Herzen die Wahl ihres Sohnes und empfing die zukünftige Schwiegertochter aus seinen Händen mit der aufrichtigsten Liebe und Zärtlichkeit.
Für die Verlobten begann jetzt eine Zeit der rauschendsten Zerstreuungen, denen sich besonders Clementine mit verzeihlicher Lebenslust hingab. Sie liebte die Aufregung der Gesellschaft, den Tanz, das Vergnügen und sah sich gern bewundert und gefeiert. Theodor mißgönnte ihr nicht diese Lust, obgleich sein ernsterer Sinn sich mehr nach einem ruhigern Glücke, einem stilleren Genusse sehnte. Er freute sich sogar an den Triumphen seiner Braut, und seine uneigennützige Liebe fand in der Anerkennung, welche ihr von allen Seiten gezollt wurde, selbst die höchste Befriedigung. Ein Fest drängte das andere, da sowohl der Präsident wie die Commerzienräthin eine überaus zahlreiche Bekanntschaft und viele Verwandte besaßen, die sich beeilten, dem Brautpaare Bälle, Diners und Soupers zu geben. Außerdem bot die Residenz in diesem Winter die verführerischsten Genüsse; man lebte gerade im Carneval und auf der Höhe der diesmaligen überaus glänzenden Wintersaison. Die Krone sämmtlicher Vergnügungen, gleichsam die Quintessenz aller Lust, bildeten die prächtigen Opernbälle, welche selbst von dem Hofe und dem Fürsten regelmäßig besucht wurden. Clementine hatte den Wunsch geäußert, denselben beizuwohnen. Theodor selbst liebte nicht den Tanz, dennoch beeilte er sich, ihrem Wunsche zu entsprechen. Es war dies keine ganz kleine Aufgabe, denn der Andrang zu den Bällen war so groß, die Auswahl von Seiten der Intendanz so streng, daß es ganz besonderer Protection bedurfte, um sich den Zutritt zu verschaffen. Die Billete wurden im eigentlichen Werthsinne mit Gold aufgewogen; aber unbeachtet aller dieser Hindernisse war es dem Assessor gelungen, die genügende Anzahl zu erhalten, allerdings nicht ohne einen großen Aufwand von Beharrlichkeit und Geldkosten, die eines besseren Zweckes würdig waren.
Clementine dankte ihm mit dem bezauberndsten Lächeln und mit einem Kuß, welcher ihn seine ausgestandene Mühe vollkommen vergessen ließ, und wodurch er sich hinlänglich belohnt hielt. Die ganze Woche über befand sie sich in einem Zustande der freudigsten Aufregung und erwartungsvoller Ungeduld.
Endlich schlug die ersehnte Stunde; sie hatte die ausgesuchteste Toilette gemacht, und Theodor wurde von ihrer strahlenden Schönheit, die ihm nie zuvor in so reizendem Lichte erschienen war, unwillkürlich hingerissen. Er empfand mit einer Art von Wonneschauer jene bezaubernde Macht, welche das vollendete Weib über den liebenden Mann ausübt, selbst dann, wenn derselbe auf andere Gaben, als den bloßen sinnlichen Reiz vorzugsweise sieht. Mit einem nie gekannten Stolz hob er das schöne Mädchen in den Wagen, wo bereits seine Mutter saß. Die Berührung ihrer schlanken Taille, der sanfte Druck ihrer Hand, der Duft ihrer ganzen jugendlichen Erscheinung, versetzten ihn in eine Art von freudigem Rausch. Er fühlte sich überglücklich in dem gesicherten Besitze eines so herrlichen Wesens, das er voll Bescheidenheit nicht zu verdienen glaubte.
Unterdeß rollte die elegante Equipage der Commerzienräthin durch die breiten Straßen der Residenz dem hell erleuchteten Opernhause zu. Der Kutscher trieb die feurig dampfenden Pferde zur Eile an, aber immer noch nicht schnell genug für Clementinens steigende Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen verrieth. Zuweilen erhob sie sich leise von dem elastischen Sitz, und versuchte durch die von Frost angelaufenen Scheiben des Wagens zu blicken, dann sank sie wieder träumerisch in die weichen Seidenpolster zurück, und schloß ihre funkelnden Augen, als wollte sie das in ihrer leicht bewegten Phantasie entstandene Bild der ihrer harrenden Freuden durch diese körperliche Bewegung festhalten. Dazu lächelte sie überselig in sich hinein, bereits schwelgend im Vorgenusse des ihr bevorstehenden Triumphes. Die kleinen Füße tanzten im Gedanken auf dem Boden des Wagens verschiedene Walzer und Galloppaden, deren Melodieen durch das liebliche Köpfchen summten. Sie sprach auch dazwischen bald mit ihrem Verlobten, bald mit seiner Mutter, doch zerstreut und abgebrochen, weil die Aufgeregtheit ihres ganzen Wesens keine längere und zusammenhängende Unterredung zuließ. Theodor war auffallend still und in sich gekehrt, da er sich schon am Morgen nicht wohl gefühlt hatte. Auf Clementinens wiederholte Fragen über sein Schweigen antwortete er ausweichend, um ihr Vergnügen nicht durch unzeitige Besorgnisse zu stören und seine Mutter nicht erst unnöthiger Weise zu beunruhigen. Seine Rücksicht in dieser Beziehung ging sogar so weit, daß er eine unnatürliche Heiterkeit heuchelte, und Clementinen das Versprechen gab, heute ausnahmsweise recht viel zu tanzen, worüber sie laut ihre unverstellte Freude zu erkennen gab.
Endlich hielt die Equipage vor dem geöffneten Portale des Opernhauses. Ehe der reich gallonirte Bediente herbeigeeilt war, hatte der Assessor die Thüre des Wagens geöffnet, und den Schlag herabgelassen. Auf seinen Arm gestützt, stieg die Commerzienräthin aus, gefolgt von Clementinen, die mit ihren flüchtigen Füßen kaum den Boden zu berühren schien. In der Garderobe wurden die schützenden Mäntel, Hüllen und Tücher abgelegt, und der reizendste Schmetterling schlüpfte aus seiner Verpuppung hervor. Natürliche Camelien schlangen sich durch ihr blondes, wellenförmiges Haar, das in üppiger Fülle wie ein goldener Kranz auf der weißen Stirn ruhte, und in wogenden Locken bis zu dem antik geformten Nacken herabflog. Rauschende Seide umgab die schlanke, anmuthige Gestalt, die ihre vollendeten Formen in jeder Bewegung voll Grazie verrieth. Auf dem Hals und um die fein gebildeten Arme, welche mit dem blendenden Schnee wetteifern konnten, glänzte ein kostbarer Brillantschmuck, ein Geschenk der Commerzienräthin für die Braut ihres Sohnes. Sie war in dieser Toilette bezaubernd schön, und selbst die kluge Mutter schien stolz auf eine solche Schwiegertochter und glücklich mit dem Glücke ihres Sohnes.
Um einige Kleinigkeiten zu ordnen, welche sich an ihrer Toilette während des Fahrens verschoben hatten, trat Clementine vor den Spiegel der Garderobe, wobei sie ihrem Verlobten den vergoldeten Fächer und das duftende Ballbouquet zum Halten gab. Ein selbstgefälliges Lächeln schwebte um ihre Lippen, als ihr aus dem Glase ihr Bild entgegenleuchtete, und ihr Auge blickte mit stolzer Siegesgewißheit. Vielleicht hatte Theodor diesen Blick mißfällig bemerkt; eine Wolke zeigte sich auf seiner männlichen Stirn und trübte seine ohnehin nur erkünstelte Heiterkeit. Eine Stimme in seinem Innern schien ihm plötzlich zuzurufen: Sie hat kein Herz! Er suchte diesen von Zeit zu Zeit in ihm auftauchenden Gedanken auch jetzt wieder zu bekämpfen, obgleich dies ihm nicht so leicht, wie sonst, gelingen wollte. Das körperliche Mißbehagen, welches er seit heute früh empfand, hatte sich wahrscheinlich seinem Geiste mitgetheilt, und eine gewisse Reizbarkeit hervorgerufen. Er liebte seine Braut in so hohem Maße, daß er ihr gegenüber anspruchsvoller sich zeigte, als anderen Menschen gegenüber, die ihm weniger nahe standen.
