Leyer und Schwert - Max Ring - E-Book

Leyer und Schwert E-Book

Max Ring

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Beschreibung

In "Leyer und Schwert" entfaltet Max Ring ein eindringliches Epos, das im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kampfkunst spielt. Das Buch vereint poetische Prosa mit prägnanten Dialogen und zeichnet ein vielschichtiges Bild von einer Welt, die von internen Konflikten und äußeren Bedrohungen geprägt ist. Die Charaktere, facettenreich und lebendig, verlieren sich in ihren Ehrgeiz und Idealen, während sie den Wandel ihrer Zeit erleben. Ring nutzt eine meisterhafte Sprache, die sowohl visuelle als auch emotionale Eindrücke hervorruft und den Leser auf eine intellektuelle Reise mitnimmt. Max Ring, ein eloquenter Historiker und leidenschaftlicher Schriftsteller, ist bekannt für seine Fähigkeit, historische Epochen lebendig werden zu lassen. Seine Studien über die Bedeutung von Kultur in historischen Konflikten haben ihn inspiriert, diese Erzählung zu schaffen, die die Verquickung von Kunst und Macht thematisiert. Rings eigene Erfahrungen in verschiedenen Kulturen und seine intensive Auseinandersetzung mit Philosophie und Geschichte durchdringen seine Werke und verleihen ihnen Tiefe und Authentizität. Für Leser, die sich für die subtilen Verflechtungen von kulturellem Ausdruck und Machtmechanismen interessieren, ist "Leyer und Schwert" eine unverzichtbare Lektüre. Rings Forschung und sein literarisches Talent machen das Buch sowohl informativ als auch emotional packend. Es fordert dazu auf, über die eigenen Werte und die Rolle von Kunst in der Gesellschaft nachzudenken.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Max Ring

Leyer und Schwert

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547840114

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
Historische Novelle von Max Ring.
I.

Noch nie war das Burgtheater in Wien so gedrängt voll gewesen, als bei der ersten Aufführung des neuen Trauerspiels „Zriny“ von Theodor Körner. Die Jugend des Dichters, die Wahl des Stoffes und die vortreffliche Besetzung hatten ein überaus zahlreiches Publicum herbeigelockt, das mit gespannter Erwartung dem Beginn der Vorstellung entgegensah. Das Parquet war zum großen Theil von den anwesenden Ungarn eingenommen, deren nationaler Held in dem Stücke gefeiert werden sollte. In den Logen saß die Elite der Wiener Gesellschaft, die hochgestellte Aristokratie und die reiche Finanzwelt. Neben der liebenswürdigen Frau von Pereira bemerkte man den preußischen Gesandten, Wilhelm von Humboldt, der, ein Freund von Körner’s Vater, ein ganz besonderes Interesse an dem Erfolge dieser ersten Aufführung nahm.

Der Dichter selbst befand sich hinter den Coulissen, wo er noch einige nöthige Anordnungen zu treffen hatte, obgleich schon mehrere kleine Stücke von ihm auf der Bühne mit großem Beifalle gegeben waren, so konnte er sich doch einer gewissen Aufregung nicht erwehren, die sich in seinen hastigen Bewegungen und in dem stärkeren Pochen seines Herzens bekundete. Es ist ein eigenthümliches Gefühl, das wohl jeden dramatischen Schriftsteller bei einer ersten Aufführung zu ergreifen pflegt. Die größte Aehnlichkeit hat diese Empfindung mit der des Spielers, welcher eine hohe Summe auf eine Karte setzt. Wer mit dem Theaterleben nur einigermaßen bekannt ist, der weiß nur zu gut, daß alle Berechnungen hier täuschen können, und der Zufall seine wunderlichen Launen hat. Die Stimmung des Publicums ist so veränderlich, wie das Glück; sie hängt von einem Ungefähr, von der Lust oder Unlust der Schauspieler, von einer mangelhaften Decoration, von der Ungeschicklichkeit eines Statisten ab. Dennoch liegt ein wunderbarer Zauber in dieser Ungewißheit des Erfolges, und wer einmal mit den Bretern, welche die Welt bedeuten, genauere Bekanntschaft gemacht hat, der läßt nicht bald davon, und wird selbst von einem Mißlingen nicht so leicht zurückgeschreckt.

Aehnliche Gedanken bewegten die Seele des jungen Dichters, der von Hoffnung und Zweifel bestürmt wurde. Das Bild der geliebten Eltern umschwebte ihn, und er gedachte wohl auch des Kummers, den ein nicht vorauszusehender Durchfall seines Trauerspiels diesen bereiten würde. Der treffliche Vater, hinlänglich bekannt als der Freund Schiller’s, hatte die früh sich äußernde dichterische Thätigkeit des jungen Theodor eher zurückgedrängt, als gefördert. Aus eigener Anschauung kannte er das eben nicht beneidendswerthe Loos eines deutschen Poeten. Er rieth um so mehr von einer solchen Laufbahn ab, da er als fein gebildeter Kenner und Kritiker die höchste Anforderung an jeden Dichter stellte, und über alle mittelmäßige Leistungen entschieden den Stab brach.

Der erfahrene, lebenskluge Mann hatte dem Sohne erst vor Kurzem in diesem Sinne geschrieben:

„Zu bedauern ist Jeder, der von der Gunst der Musen Unterhalt erwartet. Nähren soll den Mann sein Geschäft, und hierzu soll sich der Jüngling vorbereiten. Zu der Kunst treibt ihn die Liebe, und was sie ihm dagegen darbietet, hat er blos als Geschenk anzunehmen, aber nie als auf einen Sold darauf zu rechnen. – – Die Kunst sei die Würde Deines Lebens. Widme ihr Deine schönsten Stunden, aber nicht immer zur Production, sondern oft auch zum Studium.“

Theodor besaß trotz seiner Jugend hinlängllche Besonnenheit, um die Richtigkeit dieser väterlichen Worte einzusehen, aber auf der andern Seite trieb ihn sein Genius und der jugendliche Schöpferdrang zu immer neuen Versuchen. Das Glück war ihm dabei in auffallender Weise günstig gewesen; mehrere kleine Lustspiele hatten von Seiten des nachsichtigen Wiener Publicums eine überaus freundliche Aufnahme erfahren, selbst ein größeres Schauspiel „Toni“, nach einer Novelle von Heinrich Kleist gearbeitet, wurde mit enthusiastischem Beifall aufgenommen, und machte den Namen des Dichters schnell bekannt. Um so mehr fürchtete er einen Umschlag der öffentlichen Meinung, zumal er sich in seinem neuen Trauerspiele „Zriny“ auf ein ihm bis jetzt fremdes Gebiet der Geschichte gewagt hatte.

Er verschwieg auch den Schauspielern, welche in seiner Nähe standen, nicht seine Besorgnisse, während diese dem jungen Dichter Muth einzusprechen versuchten.

„Verlassen Sie sich auf mich,“ sagle der erste Liebhaber Korn, welcher die Rolle des „Juranitsch“ in dem Drama spielte. „Ihr Zriny wird nicht durchfallen, dafür haben Sie gesorgt. Der Stoff ist herrlich und die Begeisterung, die aus Ihren schönen Versen weht, muß zünden. Ich kenne meine Wiener. Geben Sie Acht, das Stück macht Furore und bringt Ihnen Geld und Ehre ein.“

„Das gebe Gott,“ seufzte der ängstliche Dichter. „Je länger ich mit dem Theater zu thun habe, desto unsicherer fühle ich mich.“

„Das geht uns Allen so,“ sagte der tüchtige Charakterdarsteller Ochsenheimer. „Ich bekomme jedes Mal wieder das Lampenfieber, wenn ich in einer neuen Rolle auftrete. Für den Ausgang kann Einem kein Mensch einstehen. Ich habe in meiner Bühnenpraxis Geschichten erlebt, die sich gar nicht erzählen, geschweige gar erklären lassen. Das Publicum ist ein vielköpfiges Ungeheuer.“

„Und was haben nicht Dichter und Schauspieler von der Kabale und den verwünschten Recensenten auszuhalten!“ bemerkte der feurige Schauspieler Grüner. „Die Kerle sollte man eigentlich alle hängen lassen.“

„Bis jetzt habe ich mich über die Kritik nicht zu beklagen,“ entgegnete bescheiden der Dichter. „Sie hat meine geringen Versuche mit einer anerkennungswerthen Nachsicht aufgenommen.“

„Wird noch kommen,“ brummte der erfahrene Ochsenheimer. „Mit jedem Erfolge wächst auch die Zahl der Feinde, aber trösten Sie sich nur, lieber Herr Körner! Mein Wahlspruch ist: besser Neider als Mitleider.“

Das erste Zeichen, welches jetzt der Inspicient gab, unterbrach die Unterhaltung, und sämmtliche Künstler eilten auf ihren Posten. Körner selbst stellte sich in eine Coulisse, und sah dem Treiben der Maschinisten zu, die noch mit dem Aufstellen der Decorationen beschäftigt waren. Die Bühne bietet hinter dem Vorhange dem Beobachter ein ganz verschiedenes Bild von ihrer gewöhnlichen Erscheinung dar. Der Zauber verschwindet, die Illusionen werden zerstört; die goldenen Paläste und bezaubernden Gärten verwandeln sich in der Nähe in grobe Pinseleien und Kleckse; die gediegene Pracht erweist sich als betrüglicher Flitter. Alles ist nur auf Täuschung aus der Ferne berechnet. Man sieht die grobe Schminke, die lügenhafte Pracht, den falschen Putz, welche durch die künstllche Beleuchtung erst ihre volle Wirkung thun. Die ungeschickten Statisten mit ihren nichtssagenden Gesichtern drängen und stoßen sich, die Schauspieler, denen der Dichter sein theuerstes Gut anvertraut, scherzen und lachen, reden von den gleichgültigsten Dingen oder treiben ihre Possen. Selbst die wahren Künstler sind nur mit sich und dem Triumph beschäftigt, den sie durch ihre Rolle zu erlangen hoffen. Das Ganze kümmert sie weit weniger, als der eigene Erfolg. Verlassen steht der Dichter voll banger Erwartung, ohne daß auf ihn die nöthige Rücksicht genommen wird. Er bleibt allein mit seinem Zweifel, seinen Hoffnungen und Befürchtungen.

Ein ähnliches Gefühl beschlich auch Theodor, je näher der entscheidende Augenblick herannahete. Er hörte das Brausen des sich immer mehr anfüllenden Hauses, die Unruhe des Parquets, die Ungeduld des sich drängenden Parterres, welches wie das Meer hin und her wogte, und sein Opfer zu verlangen schien. Zwar besaß er hinlänglichen Muth, aber in solchem Momente wird auch der Muthige verzagt, und die lebhafte Phantasie des Dichters erging sich wider Willen in schreckenden Bildern. Alle Schwächen und Fehler seines Werkes, die er selber nicht verkannte, die Einwürfe seiner Freunde, denen er es vorgelesen, fielen ihm jetzt ein, und hätte es noch in seiner Macht gestanden, so wäre die Aufführung wenigstens am heutigen Tage unterblieben. Er hatte sein Trauerspiel erst vor einigen Wochen den geistreichen Freunden seines Vaters, Wilhelm von Humboldt und dem berühmten Aesthetiker Friedrich Schlegel vorgelegt, die Beide sich äußerst vortheilhaft darüber geäußert hatten; aber selbst die Billigung dieser ausgezeichneten Kunstkenner vermochte nicht, in diesem Momente seine aufsteigenden Besorgnisse zu beschwichtigen.

Weit besser gelang dies einem reizenden Mädchen, das jetzt für die Rolle der „Helene“ vollkommen angekleidet aus der Damengarderobe heraustrat, und den ängstlichen Dichter mit einem vertraulichen Kopfnicken begrüßte. Es war dies die junge und höchst talentvolle Schauspielerin Antonie Adamberger, seit kurzer Zeit der Liebling des Wiener Publicums. Die anmuthige Künstlerin besaß in ihren Zügen, wie in ihrem ganzen Wesen, den Zauber echter Weiblichkeit, dem kein Herz, und am wenigsten das eines Dichters zu widerstehen vermochte. Sie war eine jener seltenen Erscheinungen im Theaterleben, welche in dieser geschminkten Welt voll Täuschung und Lüge sich die ganze Wahrheit und Unschuld einer ursprünglichen Künstlernatur zu bewahren wissen. Nicht der leiseste Flecken lag auf ihrem Leben, und die Verleumdung verstummte in ihrer reinen Nähe. Voll Begeisterung für ihren Beruf, hatte sie sich der Bühne gewidmet, einzig und allein ihrer Kunst lebend. Ebenso durch körperliche Reize wie durch ihr Talent glänzend, fehlte es ihr nicht an Verehrern und Bewunderern, aber noch hatte kein Mann einen Eindruck auf ihr Herz gemacht, und alle Bewerbungen um ihre Liebe wurden bald mit feinem Spott, bald mit würdigem Ernst von ihr zurückgewiesen. Sie lebte zurückgezogen unter der Obhut ihrer trefflichen Eltern und der alten Großmutter, welche von ihr mit rührender Zärtlichkeit gepflegt und verehrt wurde.

Was bis jetzt keinem Manne gestattet war, hatte sie Theodor erlaubt, sie in ihrem Hause zu besuchen. Sie war in einigen seiner Stücke mit dem größten Beifalle aufgetreten, und so mit ihm bekannt geworden. Natürlich fehlte es zwischen dem jungen Dichter und der reizenden Künstlerin nicht an vielfachen Berührungspunkten, aus denen nach und nach ein der Liebe verwandtes Gefühl erwuchs. Theodor achtete indeß Antonien zu hoch, um eines jener gewöhnlichen Verhältnisse anzuknüpfen, die in der Bühnenwelt oft eben so leicht geschlossen, wie gelöst werden.