Die Aufklärung - Damien Tricoire - E-Book

Die Aufklärung E-Book

Damien Tricoire

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Beschreibung

Die Aufklärung ist für das Selbstverständnis der liberalen Demokratie zentral. Dieses Buch bietet eine grundlegend neue Erzählung der Aufklärungsgeschichte, die sowohl in berühmte Werke (von Leibniz, Voltaire, Rousseau, Kant oder auch Adam Smith) und klassische Themenfelder (politische Theorie, Theologie, Toleranz) als auch in neue Fragenkomplexe (Gender, Rassismus, Kolonialismus) einführt. Kunst- und ideengeschichtliche Aspekte kommen hierbei ebenso zur Geltung wie Fragen der Politik- und Sozialgeschichte, die die Aufklärung als europäisches wie globales Phänomen fassbar werden lassen. Das Ergebnis ist überraschend: Anstatt die geistige Wiege der säkularen und liberalen Moderne zu sein, stand die Aufklärung in der Kontinuität mit der religiösen mittelalterlichen Gedankenwelt.

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Seitenzahl: 678

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Damien Tricoire

Die Aufklärung

BÖHLAU VERLAG KÖLN WIEN

Damien Tricoire hat die Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Trier inne.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb.de.

Umschlagabbildung:

Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

© 2023 Böhlau, Lindenstraße 14, D-50674 Köln, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike, V&R unipress und Wageningen Academic.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Korrektorat: Anja Borkam, Jena

Umschlaggestaltung: siegel konzeption | gestaltung, Stuttgart

Satz: büro mn, BielefeldEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

UTB-Band-Nr. 6036 | ISBN 978-3-8252-6036-1 | eISBN 978-3-8463-6036-1

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung: Neun Fragen zur Aufklärung

1 Das Genie im Morgenrock

1.1 Die philosophe-Persona

1.2 Rousseaus Hund: Der philosophe als Berühmtheit

1.3 Aufklärung zwischen Öffentlichkeit und Exklusivität

1.4 Philosophen und aufgeklärte Eliten

1.5 Repräsentation als aufgeklärte Herrscher

1.6 Gab es eine Gegenaufklärung?

2 Der Philosoph in der ständischen Gesellschaft

2.1 Staat, Hof und der langsame Aufstieg der gens de lettres

2.2 Sprachrohre der Granden

2.3 Warum Frankreich?

2.4 Lebenswege radikaler Aufklärer

2.5 Aufklärerinnen

2.6 Afrikanischstämmige Autoren im 18. Jahrhundert

3 Die Erfindung der Aufklärung

3.1 Ist der Mensch verdorben?

3.2 Kann Philosophie helfen?

3.3 Vom Remonstrantentum zur Aufklärungstheologie

3.4 Die Moral-Sense-Philosophie und die Rückkehr der scholastischen Moralphilosophie

3.5 Naturrecht und Moral in der lutherischen Welt

3.6 Das „Kleine Konzil“ und die Querelle des Anciens et des Modernes

3.7 Voltaires Synthese

4 Fortschritt

4.1 Moderne Gesellschaft und moralische Dekadenz

4.2 Zivilisationstheorien

4.3 Auf der Suche nach alter Weisheit

4.4 Debatten um Rückständigkeit

5 Natur

5.1 Vom Naturrecht zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

5.2 Naturrecht, Theokratie und Terror

5.3 Die Naturphilosophie als Magd der Religion und Moral

5.4 Naturgeschichte, Gotteslob und Moral

5.5 Die Entdeckung der Natur

5.6 Natürliche Kunst

5.7 Empfindsamkeit, Tugend und Natur in der Literatur

6 Res publica

6.1 Das humanistische Erbe im 18. Jahrhundert

6.2 Gemeinwohl und Fürstenherrschaft

6.3 Gemeinwohl und Reformen in Monarchien

6.4 Patriotismus und Nationalismus

6.5 Zwischen Verteidigung ständischer Privilegien und legaler Despotie

6.6 Demokratischer Republikanismus

6.7 „Gemischte Republik“ in Amerika

6.8 Klassisch-republikanische Kultur in der französischen Republik

7 Geschlecht

7.1 Männlichkeit zwischen Barbarei und Zivilisation

7.2 Auf der Suche nach der virilen Tugend

7.3 Der Ritter der Aufklärung

7.4 Die Frau in aufklärerischen Debatten

7.5 Der Ausschluss der Frauen aus Politik und Öffentlichkeit

7.6 Der Kampf um eine größere Gleichheit

8 Religion

8.1 Christliche Aufklärungstheologie

8.2 Haskala – die jüdische Aufklärung

8.3 Islamische Aufklärung?

8.4 Deismus

8.5 Der Deismus zwischen Esoterik und Reform in Freimaurerei und Revolution

8.6 Pantheismus und Materialismus

9 Toleranz

9.1 Was ist Toleranz?

9.2 War die Frühaufklärung eine Reaktion auf die Konfessionskriege?

9.3 Natürliche Religion und die Grenzen der Toleranz

9.4 Antijudaismus und Mendelssohns Toleranzlehre

9.5 Politik gegenüber religiösen Minderheiten

10 Lust und Sex

10.1 Rigorismus und Toleranz gegenüber außerehelichem Geschlechtsverkehr im 18. Jahrhundert

10.2 Physische Lust und Moral bei Aufklärern

10.3 Populationismus und Sexualmoral

10.4 Libertinismus und Moral

10.5 Pornographische Literatur und Philosophie

11 Rassismus

11.1 Die Geburt des modernen Antisemitismus

11.2 Rassismus und christliches Weltbild

11.3 Physiognomik

11.4 Monogenismus versus Polygenismus

11.5 Rassismus gegenüber Ureinwohnern Amerikas und Highlandern

11.6 Angst vor Degenerierung und Aufkommen der Eugenik

12 Kolonialismus

12.1 Kolonialreformen

12.2 Ein aufklärerischer Antikolonialismus?

12.3 Abolitionismus

12.4 Freiheit und Unfreiheit von Saint-Domingue bis Haiti

13 Ausblick: Der Verlust der Ganzheit

Abbildungsverzeichnis

Quellen

Forschungsliteratur

Personenregister

Vorwort

Als man mich vor einigen Jahren fragte, welches Handbuch ich Studierenden als Einführung in die Geschichte und Kultur des 18. Jahrhunderts zu lesen gebe, war ich etwas ratlos, denn ich greife in der Lehre selten auf Einführungsliteratur zurück. Der Grund ist eine gewisse Skepsis gegenüber dem Lehrbuch, wie es klassischerweise konzipiert wird: als geglättetes Kompendium von Fakten, aus dem die Unsicherheiten und Debatten der Forschung weitgehend ausgeklammert sind. Wenn man das Studium an der Universität vor allem als eine Auseinandersetzung mit der Entstehung von Wissen versteht, sind Handbücher, wie ich sie im Grundstudium las, nur bedingt hilfreich.

Das vorliegende Buch ist sicherlich nicht die erste Einführung in die Geschichte und Kultur des 18. Jahrhunderts, die Einblicke in die Forschung gibt. Dennoch glaube ich, dass es sich von den anderen Überblicksdarstellungen unterscheidet, weil es in einem besonderen Maße einen Spagat wagt: Das Buch versteht sich einerseits als eine Einleitung in die Geschichte und Ideenwelt der Aufklärung für Studierende, die – wie viele andere Einführungen auch – die meisten berühmten Protagonisten der Aufklärung und ihre Werke präsentiert. Andererseits durchziehen dieses Buch manche Thesen, die nicht zum Standardrepertoire in der universitären Lehre gehören und in der Forschung zum Teil umstritten sind. So wird man mir vielleicht mit einigem Recht vorwerfen können, dass ich mir in einem Lehrbuch die Freiheit genommen habe, jene Thesen zu verteidigen, die ich überzeugend finde. Meines Erachtens ist dies jedoch unausweichlich: Diesem Buch liegt die tiefe Überzeugung zugrunde, dass es so etwas wie eine neutrale Erzählung der Aufklärungsgeschichte nicht geben kann, das heißt, dass jede historiographische Erzählung zu diesem Thema zwangsweise eine Stellungnahme in Debatten impliziert. Die Aufklärungsforschung ist dafür allzu sehr mit erinnerungspolitischen Kontroversen verflochten. Um Studierenden und Nichtspezialisten eine Orientierung zu bieten, habe ich mich jedoch bemüht, meine Thesen immer als solche zu kennzeichnen und anderweitige Meinungen darzustellen.

Viele Kapitel sind durch meine eigene, mittlerweile mehr als zehnjährige Forschung zur Aufklärung geprägt. Während die Aufklärung meistens als historische Zäsur, als Neuanfang, als Ursprung vieler heutiger Ideen und Werte verstanden wird, plädiere ich für ein komplexeres Verhältnis zwischen Neuem und Altem. Für ein besseres Verständnis der Aufklärung scheint es mir geboten zu sein, stets zu bedenken, wie stark die Aufklärung von vormodernen sozialen Strukturen und Diskursen geprägt war. Deshalb richtet sich das vorliegende Buch nicht nur an Studierende, sondern es möchte auch dem Fachpublikum einen neuen Zugang zur Geschichte der Aufklärung vorstellen.

Dieser Ansatz – der eigentlich unter dem Begriff der Historisierung zu den Grundlagen historischen Arbeitens gehört – wird immer wieder mit einer Aufklärungskritik verwechselt. So hat der wissenschaftliche Essay Falsche Freunde, den ich zusammen mit Andreas Pečar verfasst habe, teils heftigen Protest sowohl im Fach als auch in der breiteren Öffentlichkeit hervorgerufen: Unser Plädoyer für eine weitergehende Historisierung und enge Kontextualisierung der Aufklärung, die eine Distanzierung sowohl gegenüber dem liberaldemokratischen Erinnerungsort „Aufklärung“ als auch gegenüber der postmodernen Aufklärungskritik impliziert, ist teilweise als gegenaufklärerisches Manifest missverstanden worden. Ich möchte an dieser Stelle betonen: Wenn ich zeige, wie Voltaire oder Diderot im Dienste von Höflingen arbeiteten oder wie Kant rassistische Ideen entwickelte, bezwecke ich keine Kritik der Aufklärung. Auch wenn der persönliche Wertehorizont – in meinem Fall der liberaldemokratische – niemals vollkommen ausgeblendet werden kann, habe ich mich bemüht, die Logiken hinter dem Denken und Handeln der Protagonisten der Aufklärung zu verstehen. Ich möchte ihre Hoffnungen und Befürchtungen nachvollziehbar machen und ihr großes Projekt eines moralischen Fortschritts, ihre Angst vor dem Versagen sowie die enormen Zwänge, mit denen sie konfrontiert waren, darstellen.

Es ist Zeit, dem Schlachtfeld, auf dem sich Freunde und Feinde der Aufklärung bekämpfen, den Rücken zu kehren. Der Philosoph Michel Foucault sprach von der „Erpressung der Aufklärung“ („chantage des Lumières“), das heißt von der bereits von Aufklärungsphilosophen vorgebrachten Forderung, man solle für oder gegen die Aufklärung Stellung nehmen und könne sich einer Positionierung nicht entziehen. Manche führenden Stimmen im Fach – etwa Antoine Lilti – glauben, die Geschichtswissenschaft könne dem Ping-Pong-Spiel zwischen Anklage und Apologetik nicht entkommen. Das Konzept der Aufklärung sei derart normativ aufgeladen, dass deren konsequente Historisierung zum Scheitern verurteilt sei. Das Beste, was man machen könne, sei, sich des eigenen normativen Bias bewusst zu werden. Folgt man diesem Ansatz, so bleibt nichts anderes übrig, als eine Bilanz der „Erbes der Aufklärung“ zu ziehen, in der positive Seiten den negativen gegenüberstehen.1 Meines Erachtens ist ein solcher Ansatz jedoch zu defätistisch und – in letzter Konsequenz – vielleicht sogar bedenklich. Die Geschichtswissenschaft sollte nicht das Ziel aufgeben, konsequent zu historisieren und anachronistische Interpretationen zu widerlegen. Das Produkt eines solchen Unternehmens wird zwar stets standort- und zeitgebunden sein, doch das Streben nach adäquaten Beschreibungen der Vergangenheit, das mit dem Historisierungsversuch einhergeht, bleibt ein wichtiges Regulativ jedweder Geschichtsschreibung; es ermöglicht wissenschaftliche Bewertungskriterien und also eine wissenschaftliche Diskussion.

Ich sehe zwei Möglichkeiten, der „Erpressung der Aufklärung“ zumindest ein Stück weit zu entkommen: erstens, indem man die Aussagen von Aufklärern eng kontextualisiert, das heißt, ihre Bedeutung im Rahmen der damaligen Gesellschaft zeigt – eine Bedeutung, die sich vielfach von derjenigen unterscheidet, die wir rückblickend hineinprojizieren. Zweitens kann man Kontinuitäten zwischen aufklärerischem Denken und älteren Traditionslinien thematisieren und sich dadurch der Distanz zu unserem modernen Denken bewusst werden. Diesem doppelten Ansatz bin ich hier gefolgt; und so hoffe ich, manche Denkanstöße zu geben, die zukünftig helfen können, eine konsequentere Historisierung der Aufklärung herbeizuführen.

Dieser Historisierungsversuch erklärt, weshalb ich keine Bilanz der Aufklärung ziehen möchte und nicht versuchen werde, positive und negative Seiten der Aufklärung auszumachen. Dies impliziert auch, dass ich nicht nach einem „Erbe“ der Aufklärung suchen werde. Da dies von vielen sicherlich erwartet wird, möchte ich meine Gründe klarstellen.

Ein „Erbe“ auszumachen heißt, das Feld der Geschichte des 18. Jahrhunderts zu verlassen. Es bedeutet, sich am Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses zu beteiligen, anstatt Geschichtsforschung zu betreiben. Es ist meine feste Überzeugung, dass ein solches Unterfangen das Verständnis der Kultur und Gesellschaft des 18. Jahrhunderts massiv erschwert hat und weiterhin erschwert. Zwar konnten Menschen aus späteren Epochen an bestimmte Ideen, die in der Aufklärung formuliert worden waren, anknüpfen. Man denke zum Beispiel an die Menschenrechte, an das Postulat einer Hierarchie zwischen „Menschenrassen“, an die Personalisierung und Sakralisierung der Natur, an die Betonung des natürlichen Moralsinns oder auch an die Vorstellung, dass Wissen von Erfahrungen herrühre, die durch der menschlichen Natur inhärente Wahrnehmungsstrukturen Formen annehmen. Doch die Anknüpfung an ältere Ideen bedeutet stets eine kreative Aneignung, die Begriffen eine neue Bedeutung verleiht und zur Formulierung neuer Gedanken führt. Man kann zwar Ursprünge heutiger Denkmuster in der Vergangenheit ausmachen, genauso wie man Ursprünge aufklärerischer Ideen in der Antike oder im Mittelalter erkennen kann. Diese Ursprünge sind aber nichts anderes als Vorbedingungen von etwas Neuem. Es ist wichtig, sich bewusst zu werden, dass wir nicht das Gleiche denken wie Menschen im 18. Jahrhundert, ja dass wir vermutlich den Menschen der Aufklärungszeit nicht näher stehen, als diese dem Mittelalter nahestanden.

Auch kann man solche Ursprünge der Moderne in jedem Jahrhundert erblicken. Historisch forschende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen tendieren teils aus Begeisterung für ihren Forschungsgegenstand, teils aus Marketingüberlegungen dazu, in „ihrem“ Jahrhundert die „Erfindung von …“ und die entscheidende historische Zäsur zu verorten. Diese Neigung ist in der Forschung zum 18. Jahrhundert besonders ausgeprägt. Eine solche Logik dient jedoch selten einem besseren Verständnis des eigenen Forschungsobjekts. Es gibt meines Erachtens keinen Grund anzunehmen, dass das 18. Jahrhundert in einem besonderen Maße das Fundament der Moderne – was auch immer darunter zu verstehen sei – gelegt hat. Das 16., das 17., das 19. oder auch das 20. Jahrhundert wären genauso gute Kandidaten. Wie ich zeigen werde, brachen zum Beispiel die Gelehrten des 17. Jahrhunderts in mancher Hinsicht stärker mit dem mittelalterlichen Denken als die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die oft an die Scholastik anknüpften. Auch in der Geschichte der Öffentlichkeit lassen sich im 17. und im 19. Jahrhundert genauso tiefgreifende Veränderungen ausmachen wie im Aufklärungszeitalter. Dementsprechend betrachte ich die Aufklärungszeit wie jede andere historische Epoche als abgeschlossen. Der Ausblick am Ende dieses Buches benennt einige Gründe, weshalb in meinen Augen zwischen den 1790er und den 1860er Jahren eine weitgehende Verabschiedung von der aufklärerischen Weltsicht stattfand.

Die vorliegende Einführung in die Geschichte und Ideenwelt der Aufklärung unterscheidet sich auch durch das abgedeckte Themenspektrum von anderen Handbüchern. Ohne die klassischen Forschungsfelder zu vernachlässigen, greift sie auch Themen auf, die heutzutage eine besondere politische Relevanz besitzen wie die Geschichte des Rassismus oder der Männlichkeit. Sie ist auch interdisziplinär konzipiert und gewährt Einblicke in die Geschichte der Literatur, der Kunst, der politischen Ideen, der Theologie und der Philosophie. Philosophisch Interessierte werden vielleicht eine ausführliche Darlegung der skeptizistischen Philosophie Humes oder der kritischen Philosophie Kants vermissen; ich habe mich dagegen entschieden, eine solche zu liefern, da diese Philosophien zwar sehr originell waren, doch im 18. Jahrhundert jenseits des Fachpublikums einen eher begrenzten Einfluss hatten. Dagegen werden manche dieses Buch vielleicht als zu sehr ideenhistorisch ausgerichtet wahrnehmen. Jedenfalls habe ich mich bemüht, Brücken zwischen Ideen und Praktiken (zum Beispiel in Umgangsformen, Kunst oder Politik) zu schlagen.

In der Genese dieses Buches haben Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen eine entscheidende Rolle gespielt. Es ist in erster Linie sehr stark von der engen Zusammenarbeit mit Andreas Pečar geprägt; manche der Ausführungen gehen unmittelbar auf seine Anregungen und kreativen Einfälle zurück. Andreas hat mich nicht nur auf meiner wissenschaftlichen Laufbahn unterstützt, sondern war in all den Jahren auch mein wichtigster Gesprächspartner und hat meine Sicht auf das 18. Jahrhundert stark beeinflusst. An der Universität Halle kamen viele Forschende zusammen, die das Interesse für die Aufklärung verband und denen ich wichtige Impulse zu verdanken habe. Allen voran seien hier Moritz Baumstark, Miriam Franchina, Karsten Holste, Benjamin Marschke und Mathias Sonnleithner genannt. Die Schriften von und die Gespräche mit Jeremy Popkin und Simon Burrows waren wichtige Inspirationsquellen für mich. Mein tiefer Dank geht an diejenigen, die sich die Mühe gemacht haben, das Manuskript zu lesen und zu kommentieren: David Bell, Simon Dagenais, Miriam Franchina, Simon Karstens, Stephan Laux, Matthew McDonald, Immo Meenken, Jeremy Popkin und Mathias Sonnleithner. Sarah Wieland und Ian Wolff danke ich für die Unterstützung der Buchproduktion. Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Ehefrau Daria Sambuk, die mit ihrer stets schonungslosen, zutreffenden und anregenden Kritik erheblich zur Verbesserung des Manuskripts beigetragen hat.

Ich habe mich bemüht, die Geschichte nüchtern zu erzählen. Ich hoffe, dass dabei ein Buch herausgekommen ist, das Einblick in die Kultur und die Gesellschaften Europas (und wenigstens punktuell darüber hinaus) im 18. Jahrhundert gewährt, das Neue und das Traditionelle am Aufklärungszeitalter zeigt, die Vielfalt und die Kohärenz der Aufklärung herausarbeitet und von erinnerungspolitischen Agenden Abschied nimmt – in Debatten nie neutral, aber sine ira et studio.

La Croix-Valmer, August 2021

_____________

1 Antoine LILTI, L’héritage des Lumières. Ambivalences de la modernité, Paris 2019.

Einleitung: Neun Fragen zur Aufklärung

1. Warum Aufklärung?

Im Oktober 2021 wurde während der Amtszeit des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier die Sammlung des Schlosses Bellevue umgestaltet, um „die Aussagekraft von Schloss Bellevue als Repräsentationsort der Demokratie noch deutlicher herauszustellen“, wie es auf der offiziellen Webseite heißt. Damit führte das Bundespräsidialamt die heutige deutsche Demokratie auf das Erbe der Aufklärung und insbesondere von Voltaire (1694–1778) zurück:

Der bisher sogenannte Gartensalon ist ab heute der Epoche der Aufklärung gewidmet und heißt jetzt Salon Voltaire. Friedrich II. von Preußen bekommt hier nun wieder die Gesellschaft seines Korrespondenzpartners und zeitweiligen Gastes, des französischen Philosophen Voltaire. Seine Büste erinnert an einen der einflussreichsten Vordenker der Aufklärung, Gegner des Feudalismus und des Absolutismus, beißender Kritiker aller Arten von Aberglauben – wir würden heute sagen: von Verschwörungstheorien –, von Unterwürfigkeit, Willkür und Herrschsucht.1

Dieses Stück Erinnerungspolitik zeigt, dass Aufklärung ein sogenannter Erinnerungsort ist,2 das heißt ein Schlagwort, dem gemeinschaftsstiftende Geschichtsbilder anhaften. Wie jeder Erinnerungsort erfüllt Aufklärung gesellschaftliche und politische Funktionen und geht mit der Produktion von Identität einher. Daher spielt die Aufklärung im Geschichtsunterricht in der Schule eine wichtige Rolle: Ein Ziel des Geschichtsunterrichts ist es, Geschichtsbilder zu vermitteln, die es den Bürgern und Bürgerinnen ermöglichen sollen, sich in politischen Debatten zu orientieren. Da politische Diskurse oft Bezug auf die Aufklärung nehmen, wird diese Epoche im Schulunterricht behandelt. Dabei bekommen Schüler und Schülerinnen nicht selten Stereotype vermittelt. Die Umgestaltung von Schloss Bellevue weist darauf hin, dass Aufklärung in Europa und Nordamerika vor allem ein zentraler Erinnerungsort der liberalen Demokratie ist, das heißt des politischen Systems, das freie Wahlen mit der Freiheit des Individuums, dem Schutz von Minderheiten, der Unabhängigkeit der Justiz und der Medien sowie der Rechtsstaatlichkeit kombiniert. Aufklärung gilt als die geistige Bewegung, die die ideellen Grundlagen für die heutige liberale Demokratie gelegt hat. Deshalb beschwören Politiker in ihren Reden häufig die Ideale der Aufklärung herauf, wie zum Beispiel der französische Präsident Emmanuel Macron, der sich gern auf den „Geist der Aufklärung“ („esprit des Lumières“) beruft.

Die Liste der liberaldemokratischen Ideen und Werte, die die Aufklärung hervorgebracht haben soll, ist lang. Man kann die etwas emphatische Zusammenfassung des berühmten französischen Aufklärungsforschers Jean Mondot zitieren: „Kritik. Toleranz. Meinungsfreiheit. Pressefreiheit. Öffentlichkeit. Menschenrechte. Menschenwürde. Rechtsgleichheit. Chancengleichheit. Glück. Republik. Kosmopolitismus. Weltbürgertum. Universalismus. Brüderlichkeit.“ 3 Aufklärung wird oft eher unkonkret mit Rationalität und Fortschritt assoziiert, wie zum Beispiel in Steven Pinkers vielbeachtetem Buch Enlightenment Now, in dem der US-amerikanische Psychologe die Fortschritte in den unterschiedlichen Bereichen seit 200 Jahren auf die Aufklärung zurückführt und zu dem Schluss kommt: „The Enlightenment has worked“.4 Und natürlich wird gerade im Schulunterricht immer wieder aus Immanuel Kants Schrift Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? zitiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“,5 womit ein Zusammenhang zwischen moderner Freiheit und Aufklärung suggeriert wird.

Die Aufklärung ist heute aber auch ein umstrittener Erinnerungsort. Sie gilt nicht mehr einhellig als ein Hort des Fortschritts. Dies ist zwar an sich kein neues Phänomen, denn sie war spätestens seit der Französischen Revolution umstritten. Neu ist jedoch, dass die Aufklärung vermehrt aus dem liberaldemokratischen Wertehorizont heraus kritisiert wird. Seit einigen Jahren ist in Teilen der Öffentlichkeit die Erkenntnis angekommen, dass viele Aufklärer Ideen vertraten, die keineswegs mit dem liberaldemokratischen Ideal der Gleichheit unter den Menschen kompatibel sind. So wird vermehrt auf sexistische und rassistische Zitate von berühmten Aufklärern hingewiesen, zum Beispiel im Gefolge der Black-Lives-Matter-Bewegung bis in die eher konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung hinein.6 Da die liberale Demokratie aber zugleich Angriffen ausgesetzt ist und es also ein ungebrochenes Bedürfnis gibt, nach geistigen Gründungsfiguren unseres politischen Systems zu suchen, wird die Aufklärung voraussichtlich auch künftig ein zentraler Erinnerungsort der liberalen Demokratie bleiben.

2. Ist Voltaire an der Revolution schuld?

Die heutige Aufklärungskritik unterscheidet sich von ihren früheren Formen, doch werden Aufklärungsbilder seit Langem politisiert. Die Aufklärung wurde von Anfang an als ein Erinnerungsort aufgebaut, um bestimmte politische Programme und Ereignisse zu rechtfertigen, allen voran die liberalen und republikanischen Revolutionen.

Im Roman Die Elenden (Les Misérables, 1862) lässt Victor Hugo (1802–1885) einen Straßenjungen namens Gavroche, der 1832 die republikanischen Revolutionäre im gescheiterten Aufstand gegen die französische Monarchie unterstützt, ein Lied singen, während die Soldaten auf ihn schießen. In Gavroches Lied kommen immer wieder folgende Worte vor: „C’est la faute à Voltaire […]. C’est la faute à Rousseau“ („Es ist die Schuld von Voltaire […]. Es ist die Schuld von Rousseau“). Diese einfachen Verse, die im Französischen zu einem geflügelten Wort geworden sind, spielen auf den Anspruch der französischen Revolutionäre von 1789 bis 1802 an, die Erben der Aufklärungsphilosophen zu sein. Die französische Nationalversammlung ließ 1791 die Überreste von Voltaire (und 1794 auch von Rousseau) in eine Kirche überführen, die sie kurz zuvor zu einem nationalen Ehrentempel umfunktioniert hatte: das Panthéon in Paris. Die Revolutionäre beriefen sich auf Voltaire als Vorkämpfer gegen den Aberglauben und den religiösen Fanatismus und auf Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) als geistigen Urvater der Republik und der moralischen Erneuerung, die die Revolution eingeleitet habe.

Auch wenn Voltaire und Rousseau in religiösen und moralischen Fragen tatsächlich einen großen Einfluss entfalteten: Der Anspruch der Revolutionäre auf dieses „Erbe“ war dabei alles andere als selbstverständlich. Das politische System, das die Revolution eingeleitet hatte, hatte wenig mit Voltaires oder auch Rousseaus Vorstellungen von guten politischen Institutionen gemein. Voltaire war – entgegen dem, was das deutsche Bundespräsidialamt annimmt – ein Anhänger der absoluten Monarchie gewesen, und Rousseau hatte der politischen Repräsentation – Parlamenten und somit der Nationalversammlung – kritisch gegenübergestanden. Dennoch war dieser Genealogie großer Erfolg beschieden. Anhänger wie Gegner der Revolution begannen sofort, die politischen Umstürze im Frankreich des ausgehenden 18. und etwas später die Revolutionen des 19. Jahrhunderts auf die Aufklärungsphilosophie zurückzuführen. Konservative und Katholiken warfen den französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts vielfach vor, jegliche staatliche und kirchliche Autorität sowie die Fundamente der gesellschaftlichen Ordnung untergraben zu haben. Somit hatte die Aufklärung in konservativen Kreisen in Europa bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine schlechte Presse.7 Dagegen berief sich die Dritte Französische Republik (1870–1940) auf die Französische Revolution und folglich auch auf die Aufklärung. Nicht nur wurde die aus der Revolution stammende Trikolore zur Nationalfahne und der 14. Juli (der Tag des Sturms auf die Bastille) zum Nationalfeiertag erklärt; das zwischenzeitlich wieder als Kirche genutzte Panthéon wurde erneut zu einer säkularen Ruhmeshalle für die „großen Männer“ umfunktioniert.

Diese Politisierung des Erinnerungsorts „Aufklärung“ hatte auch Konsequenzen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Epoche. Erinnerung (mémoire) und Historie (histoire) sind zweierlei Sachen 8 – oder sie sollten es zumindest sein, denn im Falle der Aufklärungsstudien vermischen sich die beiden bisweilen. Während das soziale Gedächtnis zu befürwortende oder abzulehnende Werte sowie Identitätsmuster definiert, geht es in der Geschichtswissenschaft und in benachbarten historisch arbeitenden Disziplinen um eine kritische Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten und Geschichtsbildern. Dass die Aufklärung in der Öffentlichkeit immer umstritten war, hat die Forschung jedoch oft dazu veranlasst, für oder gegen sie Partei zu ergreifen. Angesichts der Aufklärungsfeindlichkeit der Konservativen und Rechten war die frühe wissenschaftliche Beschäftigung mit der Aufklärung maßgeblich ein apologetisches Unterfangen, das heißt, sie zielte darauf, die Aufklärung vor der Kritik von rechts in Schutz zu nehmen. Die frühen Aufklärungsstudien hatten somit eine erinnerungspolitische Dimension, auch wenn sich ihre Leistungen nicht darin erschöpften. Intellektuelle der Dritten Französischen Republik definierten im frühen 20. Jahrhundert einen Kanon von vier philosophes – in der Forschung wird dieser französische Begriff gern als Synonym für die Aufklärungsphilosophen benutzt –, die das Ancien Régime infrage gestellt hätten und deren Erbe die französische Republik um 1900 weiterführe: Voltaire stand für die Religionstoleranz, Rousseau für die Volksherrschaft, Montesquieu für die Gewaltenteilung und Diderot für die Popularisierung von Philosophie in der Encyclopédie.9 Für die republikanischen Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts hatten diese Aufklärungsphilosophen einen geistigen Fortschritt eingeleitet und die Ideale formuliert, die die Patrioten von 1789 hätten verwirklichen wollen, bevor die Revolution unter dem Eindruck der Gegenrevolution und der ausländischen Invasion 1793/1794 „entgleist“ und in Gewalt ausgeartet sei.

3. Leitete die Aufklärung eine Säkularisierung ein?

Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb eine Parteiergreifung für oder gegen die Aufklärung und die Französische Revolution ein Kennzeichen der Forschung. Die ersten großen Klassiker der Aufklärungsstudien wurden in der Zwischenkriegszeit verfasst und waren stark von dem geistigen Klima dieser Jahre geprägt. In den 1920er und 1930er Jahren entfaltete der Kampf zwischen Liberalismus und Totalitarismus in Europa eine ungeheure Heftigkeit. Namhafte Forscher verteidigten die Aufklärung als Ursprung von Demokratie und Liberalismus und verstanden sie deshalb als einen Motor des Fortschritts. Dabei sahen sie die Leistung der Aufklärung vor allem in einer Abkehr von der ihrer Meinung nach fortschrittshemmenden religiösen Dogmatik begründet. In seiner Monographie Die Krise des europäischen Geistes (La Crise de la conscience européenne, 1935) beschrieb der französische Historiker Paul Hazard, wie um 1700 alte Gewissheiten ins Wanken geraten seien. In dieser Zeit seien religiöse Glaubenssätze und konfessionelle Lehrgebäude hinterfragt worden und neue Normen wie das Naturrecht, die natürliche Religion, das Streben nach Glück im Diesseits, die Wissenschaftlichkeit und die Fortschrittsidee aufgekommen.10 Auch der deutsche Philosoph Ernst Cassirer glaubte in der Zwischenkriegszeit, die Aufklärer hätten die Philosophie von der vorherrschenden Dogmatik und vom Geist der Systeme – das heißt der Tendenz, abstrakte und lebensferne philosophische Systeme aufzubauen – befreit. Zwar habe die Aufklärung nur wenige neue Gedanken eingeführt, aber sie habe der Philosophie einen praktischeren Charakter verliehen und somit die Grundlage für gesellschaftlichen Fortschritt gelegt.11

Zur selben Zeit meldete jedoch der US-amerikanische Historiker Carl Lotus Becker Zweifel an den Darstellungen der Aufklärung als einer Epoche an, in der mit älteren Weltbildern radikal gebrochen worden sei. Becker zufolge hätten die philosophes eine im Christentum fest verankerte Weltsicht vertreten – selbst diejenigen, die das Christentum ablehnten.12 Ebenfalls in den 1930er Jahren entwarf ein weiterer US-amerikanischer Historiker, Robert Palmer, ein differenzierteres Bild des 18. Jahrhunderts. Ihm zufolge hätten nicht nur die philosophes alte Glaubenssätze hinterfragt, sondern auch katholische Kleriker. Der „Unglaube“ selbst habe somit „religiöse Ursprünge“, und die gemeinhin bekannten Aufklärer seien nicht die einzigen Vertreter neuer Ideen gewesen.13

Palmers oder Beckers Ziel war es nicht, gegen die Aufklärer zu polemisieren. Gleichwohl schockierten sie zahlreiche Anhänger der Aufklärung. Die Überwindung christlicher Deutungen von Natur und Gesellschaft galt als ein Kernphänomen der Modernisierung durch die Rationalisierung und die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber). Aus dieser Perspektive beruhten die Fortschritte der Moderne auf einem Säkularisierungsprozess, das heißt einer zunehmenden Trennung zwischen der Religion einerseits und der Politik, dem Recht und der Wissenschaft andererseits. Die Aufklärung habe entschieden zu diesem Fortschritt beigetragen, so die gängige Meinung. Vor dem Hintergrund dieser Grundauffassung empörten Beckers Thesen viele Forscher, darunter Peter Gay, der von Cassirer beeinflusst war und sich zu dem wohl berühmtesten Aufklärungsforscher seiner Generation entwickelte. Gay – der ursprünglich Peter Fröhlich hieß und zur Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigrieren musste – schrieb in den 1960er Jahren die erste umfassende Darstellung der Aufklärungsgeschichte: The Enlightenment – an Interpretation (zwei Bände, 1966–1969). Gays Argumentation im ersten Band lief den Thesen Beckers und Palmers diametral entgegen: Die Aufklärung sei „ein moderner Paganismus“ gewesen, das heißt eine durch die Rezeption antiker, „heidnischer“ Texte verursachte radikale Abkehr von christlichen Glaubensinhalten und Weltbildern. Genauer gesagt: Aufklärung war laut Gay ein Zusammentreffen der klassischen Kultur mit der modernen Wissenschaft. Dies habe es den Aufklärern ermöglicht, eine science of society zu entwickeln, die die Verbesserung diesseitiger Zustände zum Ziel gehabt und den Fortschritt vorangetrieben habe.14

In der Folgezeit setzte sich Gays These weitgehend durch: Die Aufklärung blieb nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch in der Forschung mit Säkularisierung im Sinne einer Abkehr vom Christentum und von religiösen Deutungen von Natur und Gesellschaft eng verbunden. Dennoch knüpften manche Forscher und Forscherinnen im späten 20. Jahrhundert an die Thesen Beckers und Palmers an, um den Beitrag der sogenannten Jansenisten zur Geistesgeschichte hervorzuheben. Jansenisten waren Katholiken, denen zufolge der Mensch durch die Erbsünde derart verdorben sei, dass er nicht aus eigenen Kräften zu Moral und Seelenheil gelangen könne. Der Mensch sei dafür zu sehr von seinen „Leidenschaften“ und der „Selbstliebe“ – das heißt der Verfolgung seines Eigeninteresses – geleitet. In dieser Idee erkannten Teile der Forschung die Ursprünge des modernen Wirtschaftsdenkens etwa Adam Smiths, das davon ausgeht, dass das Individuum stets seinen Profit zu maximieren suche. Somit betont diese Forschungsrichtung, manche zentralen Ideen der Aufklärungszeit hätten religiöse Wurzeln.15

Die jüngere Aufklärungsforschung hat den Fokus erneut verschoben: Unter Schlagwörtern wie „religiöse Aufklärung“, „jüdische Aufklärung“ oder „katholische Aufklärung“ werden seit dem späten 20. Jahrhundert vermehrt die Verbindungen zwischen der Aufklärung und den etablierten Konfessionen bzw. Religionen untersucht. Die Aufklärung gilt den meisten Forschern und Forscherinnen nicht mehr als eine Abkehr von den Offenbarungsreligionen, sondern als ein facettenreiches Phänomen, das auch religiös moderate Spielarten aufweise.16

Dennoch ist die Säkularisierungsthese keineswegs passé: Der kanadische Philosoph Charles Taylor etwa sieht die Aufklärung als den Ausgangspunkt einer Pluralisierung und Entdogmatisierung der Religion, die er als Säkularisierung versteht.17 Die US-amerikanische Historikerin Margaret Jacob hat 2019 die These vertreten, die Menschen in der Aufklärung hätten aufgehört, ständig an Gott zu denken, und sich immer stärker dem Diesseits und dem irdischen Glück zugewandt.18 Die Säkularisierungsthese dürfte also auch zukünftig für Kontroversen sorgen. Ob und in welchem Sinne die Aufklärung eine Säkularisierung einleitete, bleibt eine der relevantesten Fragen der Aufklärungsstudien.

4. Wurde in der Aufklärung die bürgerliche Gesellschaft geboren?

Die Säkularisierung galt im 20. Jahrhundert nicht nur in liberalen Milieus, sondern auch im linken Spektrum als ein Kennzeichen der Modernisierung. Die liberalen und die linken Vorstellungen des Modernisierungsprozesses waren aber nicht deckungsgleich. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts diskutierten Sozial- und Geisteswissenschaftler sowie die breitere Öffentlichkeit kontrovers über die Ursprünge und Ursachen von Modernisierung und Fortschritt.

Die linke, marxistische oder marxistisch inspirierte Fortschrittstheorie entfaltete vor allem in der Zeit des Kalten Krieges einen ungeheuren Einfluss. Diese als Historischer Materialismus bekannte Theorie klassifizierte Gesellschaften nach ihren dominanten Produktionsverhältnissen, das heißt anhand der Frage, welche Klasse die Produktionsmittel besaß und welche sozialen Gruppen ausgebeutet wurden. Menschen wurden je nach ihrer gesellschaftlichen Position als Inhaber von Produktionsmitteln oder als Ausgebeutete in soziale Klassen eingruppiert. In dieser Theorie waren wirtschaftliche Entwicklungen die Grundlage des Fortschritts: Eine Änderung der Produktionsverhältnisse führe zu einer Änderung im Klassengefüge und zeitversetzt zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und Kultur. Ideen und Kultur wurden dabei vor allem als Ausdruck entweder der etablierten Machtverhältnisse oder ihrer Herausforderung durch den Aufstieg einer neuen Klasse verstanden. Sie hatten entweder die Funktion, die Herrschaft der dominanten Klasse zu legitimieren, oder aber waren Instrumente in der Hand von Herausforderern, die gern die Position der herrschenden Klasse einnehmen wollten.

Der Historische Materialismus beeinflusste den Blick auf das 18. Jahrhundert: Die Aufklärung galt als eine bürgerliche (in der marxistischen Terminologie: eine „bourgeoise“) Bewegung. Damit war sowohl gemeint, dass das Bürgertum eine führende Rolle in der Aufklärung gespielt habe, als auch, dass es danach getrachtet habe, eine bürgerliche (eine „bourgeoise“) Gesellschaft durchzusetzen, in der die Dominanz der feudalen herrschenden Klasse, des Adels, gebrochen sein werde. Manche Anhänger des Historischen Materialismus wie zum Beispiel der französische Historiker Albert Soboul betonten die aufklärerische Kritik an den Privilegien von Adel und Kirche und begründeten dadurch den Zusammenhang zwischen Aufklärung und Französischer Revolution auf eine neue Weise.19 Andere wie Lucien Goldmann sahen eine tiefe Affinität zwischen Marktwirtschaft einerseits und Rationalismus und Empirismus andererseits, die sie für Kennzeichen aufklärerischen Denkens hielten. Die Aufklärung verstanden sie als das Produkt einer Gesellschaft, in der der entgeltliche Tausch von Gütern und Dienstleistungen eine zentrale Stellung in der Distribution von Ressourcen einnahm.20

Besondere Impulse bekam die Suche nach den Ursprüngen der bürgerlichen bzw. bourgeoisen Gesellschaft von der deutschen Forschung. Den größten internationalen Einfluss entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Jürgen Habermas’ Monographie Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962). Habermas verteidigte darin die These, im 18. Jahrhundert sei eine neue „bürgerliche Öffentlichkeit“ neben der älteren „repräsentativen Öffentlichkeit“ entstanden. Mit dem Begriff „repräsentative Öffentlichkeit“ bezeichnete Habermas eine weitgehend höfische Öffentlichkeit, in der es um die Repräsentation von Rang und Herrschaft gegangen sei. Die „bürgerliche Öffentlichkeit“ sei dagegen ein Ort der Ausübung der Vernunft und der Kritik an der Gesellschaft des Ancien Régime gewesen. Sie habe sich dank neuartiger sozialer Orte wie der Kaffeehäuser, der Sozietäten, der Salons und der Freimaurerlogen entwickelt, wo sich eine relativ egalitäre und sachlich orientierte Konversationskultur fernab von höfischem Zeremoniell entfaltet habe.21 Habermas formulierte damit die Theorie der Aufklärung als Ursprung der bürgerlichen Gesellschaft und der Kritik am Feudalismus neu; entscheidend waren nicht mehr die „großen Autoren“, sondern die neuen sozialen Strukturen, die eine Entfaltung neuer Ideen überhaupt erst ermöglichten. Diese These ist bis weit ins 21. Jahrhundert hinein breit rezipiert worden.22 Sie inspirierte unter anderem die in Deutschland besonders aktive Sozietätsforschung, die das Vereinswesen im 18. Jahrhundert als die Kernstruktur einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit interpretierte.23

Dieser Forschungsrichtung zufolge war das Aufkommen einer kritischen Öffentlichkeit eine zentrale Ursache der Französischen Revolution. Diese Idee modifizierte im späten 20. Jahrhundert Robert Darnton. Im Unterschied zu Habermas betrachtete Darnton nicht die gesamte aufklärerische Öffentlichkeit als kritisch oder egalitär. Er betonte, dass die etablierten Aufklärer sich in sozialen Strukturen des Ancien Régime bewegt hätten. Nicht die berühmten philosophes hätten das Ancien Régime destabilisiert, sondern weniger erfolgreiche Autoren der „Untergrundliteratur“ (auch „Grub-Street“-Literatur genannt). Diese Autoren hätten es im Gegensatz zu den berühmten philosophes nicht geschafft, Protektion von Höflingen zu erlangen. Während das philosophische Establishment bei allem Reformeifer tendenziell konservativ gewesen sei, hätten die Autoren des Untergrunds radikalere Texte verfasst. Von Ärger und Frust angetrieben, hätten sie Pamphlete veröffentlicht, um die Korruption der höfischen Eliten bloßzustellen. Darnton lenkte damit den Blick auf Schriften, die in ihrer Zeit große Beachtung gefunden, aber keinen Platz im Kanon der Aufklärungsgeschichte erlangt hatten: Er legte einen besonderen Akzent auf die „pornographische“ Literatur, die Hofmitglieder, den Klerus oder religiöse Glaubenssätze angriff. Durch eine Analyse der Bestellungen an einen Schweizer Verlag, die Société Typographique de Neufchâtel, kam er zu der Annahme, solche vernachlässigten Pamphlete und pornographischen Schriften hätten zu den meistverkauften Büchern gezählt.24 Damit lieferte er ein neues Bild der Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

In der neueren Forschung sind jedoch die Thesen Habermas’ in die Kritik geraten. Manche Forschenden, wie Joan Landes, betonen den Ausschluss der Frauen aus der neuen bürgerlichen Öffentlichkeit 25 oder unterstreichen, wie Arlette Farge, dass die neue politische Öffentlichkeit keineswegs ausschließlich „bürgerlich“ gewesen sei, sondern auch die unteren Schichten involviert habe.26 Andere wiederum verteidigen die These, die Öffentlichkeit sei lange vor dem 18. Jahrhundert entstanden.27 Eine weitere Kritik besagt, die Orte der Öffentlichkeit hätten im 18. Jahrhundert keinen so neuartigen Charakter aufgewiesen, wie von Habermas behauptet. Kaffeehäuser hätten sich nicht radikal von Schenken unterschieden,28 und die Freimaurerlogen oder die Salons seien stärker als angenommen von den traditionellen Hierarchien geprägt gewesen; der Hochadel habe diese Soziabilitätsorte dominiert.29

Auch Darntons Thesen sind teilweise einer Revision unterzogen worden. Zwar ist unbestritten, dass die namhaften Autoren der französischen Aufklärung in aller Regel gut in den Eliten ihrer Zeit integriert waren und deshalb die soziale und politische Ordnung nur selten radikal infrage stellten. Höfische Patronage (das heißt Protektion) übte einen gewaltigen Einfluss auf den Inhalt zahlreicher aufklärerischer Texte aus, denn berühmte Aufklärer wie Voltaire richteten ihre Äußerungen vielfach nach dem, was bestimmte Höflinge gedruckt sehen wollten.30 Doch stellt sich die Frage, inwieweit der Fall der Pamphletisten wirklich anders gelagert war. Der US-amerikanische Historiker Jeremy Popkin hat betont, viele Pamphletisten seien mitnichten politische Outsider, sondern erfolgreiche Unternehmer gewesen, die Protektion von zumindest einzelnen Höflingen genossen hätten.31 Die Pamphletautoren agierten nicht außerhalb des Systems, sie bezogen nur selten gegen den gesamten Hof Stellung, sondern nahmen in der Regel an innerhöfischen Kämpfen teil. Schließlich gibt es erhebliche Zweifel in der Frage, ob manche besonders aggressiven Pamphlete, die der Forschung zufolge maßgeblich zur Destabilisierung des Ancien Régime und somit zum Ausbruch der Französischen Revolution beigetragen hätten, überhaupt Verbreitung fanden. So dürften etwa die berühmten pornographischen Schriften gegen Marie-Antoinette vor 1789 nur einigen wenigen Zeitgenossen zu Gesicht gekommen sein.32 Neue, systematischere Analysen des Buchmarkts im 18. Jahrhundert zeigen, dass Franzosen und Französinnen viel mehr traditionelle Literatur kauften, als lange angenommen worden ist. Der Stellenwert der von Darnton identifizierten „Bestseller“ für den Buchmarkt war viel kleiner, als die Analyse der Bestellungen an die Société Typographique de Neufchâtel es vermuten ließ.33 Somit kann die These, im 18. Jahrhundert sei eine neuartige, bürgerliche und kritische Öffentlichkeit entstanden, nur eingeschränkt gelten.

5. Hatte die Aufklärung eine Schattenseite?

Die Forschung zur Säkularisierung oder zur Öffentlichkeit ging im 20. Jahrhundert in der Regel von der Prämisse aus, die Aufklärung habe einen geistigen Fortschritt eingeleitet. Sowohl aus der liberalen als auch aus der marxistischen oder marxistisch inspirierten Perspektive galt die Aufklärung als eine fortschrittliche Bewegung. Der Tenor der Forschung war damit in beiden großen Lagern des Kalten Krieges tendenziell apologetisch. Dennoch gab es auch Stimmen von links, die sich kritisch mit der Aufklärung auseinandersetzten. Dies war zunächst vor allem in der Philosophie der Fall.

Bereits während des Zweiten Weltkrieges verfassten die im Exil weilenden deutschen Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer unter dem Titel Dialektik der Aufklärung eine marxistisch inspirierte Aufklärungskritik, deren Ziel es war, den Zusammenbruch der Zivilisation im 20. Jahrhundert zu erklären. Adorno und Horkheimer hatten ein sehr abstraktes Verständnis von Aufklärung, die sie mit der „Entzauberung der Welt“ weitgehend gleichsetzten, oder präziser: mit der Idee, dass der Verstand über den Aberglauben siegen und der Mensch über die entzauberte Natur herrschen könne und solle. Das 18. Jahrhundert sahen sie lediglich als eine Etappe in einem großen Rationalisierungsprozess, der zum Triumph des Menschen über die Natur geführt habe. Der Glaube an die Berechenbarkeit der Natur habe im 18. Jahrhundert eine emanzipatorische Dimension gehabt, sich aber in den folgenden Jahrhunderten in den Dienst der Mächtigen gestellt. Der Faschismus sei konsequenterweise ein Kind der Aufklärung.34

Obwohl sie den berühmten Aufklärern emanzipatorische Absichten unterstellten, waren Adorno und Horkheimer von ursprünglich eher konservativen, aufklärungskritischen Bildern aus dem 19. Jahrhundert beeinflusst, die in der Philosophie des 18. Jahrhunderts vor allem eine – aus religiöser Sicht gefährliche – Behauptung der Vernunft gegen den Glauben sahen. Diese Gleichsetzung von Aufklärung mit Rationalismus, das heißt der Überzeugung, dass die Vernunft der Moral und der Gesellschaft als eine Richtschnur dienen solle, inspirierte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend eine Kritik, die weder marxistisch noch konservativ war. Das vermeintlich aufklärerische Vertrauen in die Vernunft kam in Teilen der Moralphilosophie in Verruf. Ähnlich wie Adorno und Horkheimer sah zum Beispiel der schottisch-amerikanische Moralphilosoph Alasdair MacIntyre in der Aufklärung eine Bewegung, die die Idee der Tugend zugunsten eines kaltherzigen Rationalismus aufgegeben habe.35

Diese moralphilosophische Kritik beeinflusste in einem stärkeren Maße als Adornos und Horkheimers sehr abstrakte Dialektik der Aufklärung die Geschichtsschreibung. Einer der berühmtesten Ideenhistoriker des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, Quentin Skinner, schloss sich dieser Aufklärungskritik an. Skinner hat einen bedeutenden Teil seiner Karriere der Erforschung des „klassischen Republikanismus“ in der Frühen Neuzeit gewidmet, der lange Zeit in der Forschung vernachlässigt worden war. Unter diesem Begriff wird eine auf antike römische Autoren zurückgehende Denktradition verstanden, die – anders als im später entstandenen Liberalismus – das Gemeinwohl und die Bürgertugend über das persönliche Interesse und die individuelle Freiheit stellte. Skinner assoziierte die Aufklärung dagegen mit dem Aufkommen des liberalen Denkens und diagnostizierte wie MacIntyre einen dadurch verursachten Niedergang des Tugendideals.36 Dieser These ist entgegnet worden, dass die meisten Aufklärer durchaus am republikanischen Gedankengut festgehalten hätten.37

Das Bild der Aufklärung als einer rationalistischen Geistesbewegung prägte die Forschung der sogenannten Postmoderne, das heißt der geisteshistorischen Epoche, die in den 1970er Jahren die kritische Auseinandersetzung mit der Moderne und Modernisierungstheorien einleitete. In der Postmoderne wurden vielleicht stärker als je zuvor die Schattenseiten der Aufklärung ausgeleuchtet. Diese Denkströmung, die heute einflussreicher denn je ist, sieht in modernen Ideen und Institutionen vielfach Herrschaftsinstrumente von dominanten sozialen Gruppen: Männern, Heterosexuellen, „Weißen“ oder auch westlichen Nationen. Die Aufklärung steht als (vermeintliche) Ursprungsepoche modernen Denkens stark unter Beschuss. Ihr wird insbesondere vorgeworfen, unter der Maske der Vernunft angeblich universale Normen aufzustellen, die die kulturelle Vielfalt negierten und die westliche Zivilisation zur einzig fortschrittlichen erklärten. So sieht der englische Philosoph John Gray im seiner Meinung nach rationalistischen „Enlightenment project“ einen „homogenisierenden und totalitären Diskurs“, eine „abstrakte und imperialistische Fiktion“ und einen Willen, gegen die Vielfalt der Welt vorzugehen. Gray behauptet, dass bei allen Unterschieden in ihrem Denken die Aufklärer das „Kernprojekt“ verteidigt hätten, die lokalen, traditionalen und religiösen Normen, Glaubenssätze und Identitäten durch eine kritische, vernunftbasierte Moral zu ersetzen, die als Grundlage einer universalen Zivilisation dienen sollte.38

Diese postmoderne Aufklärungskritik ist stark von zwei politischen Bewegungen geprägt: dem Feminismus und dem Postkolonialismus, die ab den 1970er Jahren einen enormen Einfluss entfalteten. Diese Strömungen gaben auch der Aufklärungsforschung wichtige Impulse. Die feministisch beeinflusste Forschung arbeitete heraus, dass zahlreiche Aufklärer Frauen für weniger rational gehalten und ihnen vorgeworfen hätten, die öffentliche Tugend zu korrumpieren. Der „natürliche“ Platz der Frauen war diesen Aufklärern zufolge der Haushalt.39 Die postkolonialen Aufklärungsstudien bilden entgegen dem, was der vielfach benutzte Begriff „postkoloniale Theorie“ suggeriert, keine kohärente Denkströmung. Vielmehr sind unter diesem Schlagwort verschiedene Ansätze vereint, die sich durch eine Sensibilität für die subkutane Produktion von kolonialen und rassistischen Machtansprüchen in aufklärerischen Texten auszeichnen.

Einer der wichtigsten Klassiker der postkolonialen Studien ist Orientalismus (1978) des palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Edward Said. Darin zeigte Said, wie Beschreibungen des „Orients“ bereits vor der europäischen Kolonialexpansion in diese Region von einem kolonialen Blick geprägt waren. Die westlichen Orientwissenschaftler und Publizisten hätten den „Orient“ als eine rückständige Region konstruiert, die der europäischen Leitung bedurft habe, um sich zu modernisieren. Sie hätten dabei nichtwestliche Stimmen marginalisiert und die islamische Welt zuerst geistig und schließlich auch politisch unterworfen. Said – genauso wie der französische Philosoph Michel Foucault, an den er methodologisch anknüpfte – sah die Anfänge dieses geistigen Unterwerfungsprozesses erst um 1800, also gegen Ende der Aufklärungszeit. In seiner Monographie kritisierte er das koloniale Denken, nicht die Aufklärung.40 Dennoch übertrugen andere Forscher und Forscherinnen diese These bald auf das 18. Jahrhundert: Der aufklärerische Anspruch, an der Spitze des Fortschritts zu stehen, habe eine Abwertung anderer Kulturen und Völker mit sich gebracht, so eine gängige Kritik.41 Viele Aufklärer hätten rassistisches Gedankengut vertreten.42 Angesichts dieser Erkenntnisse ist es heute schwierig, Aufklärung einfach mit Fortschritt zu assoziieren.

6. Kann man einen Gegensatz zwischen einer radikalen und einer moderaten Aufklärung ausmachen?

Obwohl sich die Forschung heute der Schattenseiten der Aufklärung bewusster ist als früher, zeichnen sich viele Fachbeiträge weiterhin durch ein positives Aufklärungsbild aus. Auf die im späten 20. Jahrhundert laut werdende postkoloniale und feministische Aufklärungskritik antworteten Teile der Aufklärungsforschung mit einer erneuten Apologetik. Der führende deutsche China- und Globalhistoriker Jürgen Osterhammel entgegnete der postkolonialen Kritik, die Aufklärer seien in einen wahrhaftigen Dialog auf Augenhöhe mit asiatischen Zivilisationen getreten.43 Darnton verteidigte in seinem vielbeachteten Essay George Washingtons falsche Zähne (George Washington’s False Teeth, 1997) das etablierte Bild der Aufklärung als liberale und fortschrittliche Bewegung. Die philosophes hätten Anstrengungen unternommen, das Los fremder Völker zu verbessern; sie seien keine Imperialisten und keine Rassisten gewesen. Sie hätten schließlich für die Emanzipation der Sklaven und der Frauen gekämpft.44 Noch heute bemühen sich einzelne Forscher, möglichst viel von diesem Bild zu retten: Zum Beispiel glaubt der Ideenhistoriker Anthony Pagden, die Aufklärung habe den Kosmopolitismus verbreitet.45

Solche Verallgemeinerungen sind angesichts neuerer Erkenntnisse immer schwieriger zu halten. Daher wählen moderne Apologeten oft eine andere Strategie: Sie antworten auf die postmoderne Kritik, indem sie zwischen einer moderaten und einer radikalen Aufklärung differenzieren. Den Begriff „radikale Aufklärung“ hat die US-amerikanische Historikerin Margaret Jacob in den 1970er Jahren geprägt, um religiös heterodoxe Strömungen zu bezeichnen, die ihrer Meinung nach meist zugleich demokratische Ideale vertraten.46 Im Kontext der postkolonialen Aufklärungskritik gewann er eine neue Relevanz. Die neuen Verteidiger der Aufklärung stimmen zwar mit den Kritikern darin überein, dass ein Großteil der Aufklärer sexistisch, imperialistisch oder rassistisch eingestellt gewesen sei. Jedoch behaupten sie gleichzeitig, eine Minderheit unter ihnen, die Radikalen, habe tatsächlich für die Gleichheit aller Menschen gekämpft.

Am öffentlichkeitswirksamsten hat diese These der britische Historiker Jonathan Israel vertreten, der von 2001 bis 2019 fünf voluminöse Monographien zur Aufklärung veröffentlicht hat. Israel unterscheidet zwischen zwei Strömungen, der moderaten und der radikalen Aufklärung. Er unterstellt beiden eine große Divergenz entlang der entscheidenden politischen und religiösen Fragen. Die radikale Aufklärung sei atheistisch (oder zumindest pantheistisch), religiös tolerant und prodemokratisch gewesen. Sie sei für die Gleichheit zwischen den Geschlechtern, zwischen den Völkern und den „Rassen“ eingetreten. Die Moderaten hätten dagegen Kompromisse mit der vorherrschenden Ordnung geschlossen und seien deswegen oft monarchistisch und nur begrenzt religiös tolerant eingestellt gewesen. Sie hätten gegen die Gleichheit zwischen den Geschlechtern, gegen die Abschaffung der Sklaverei und für die koloniale Expansion plädiert sowie rassistische Ideen vertreten. Langfristig habe die radikale Aufklärung die Oberhand gewonnen und die liberale Moderne hervorgebracht.47

Jonathan Israels Thesen haben eine Welle von Kritik hervorgerufen. Bemängelt wurden unter anderem die allzu starre und künstliche Zweiteilung der Aufklärung, die sinnentstellende unzureichende Kontextualisierung aufklärerischer Texte, die Vernachlässigung der Rezeption und Verbreitung der Schriften sowie der beinahe religiöse Glaube an die Notwendigkeit eines Sieges der liberaldemokratischen Werte.48 Dennoch: Auch wenn sich neuere Studien von Israels steifem Schema lösen – geblieben ist die Unterscheidung zwischen radikaler und moderater Aufklärung.49 Obwohl diese Begriffe suggerieren, es habe zwei kohärente Bewegungen gegeben – was sicherlich irreführend ist –, haben sie immerhin den Vorteil, die Diversität von Positionen in religiösen, sozialen und politischen Angelegenheiten zu unterstreichen und daran zu erinnern, dass die meisten Aufklärer (die „Moderaten“) keinen Umsturz der Verhältnisse anstrebten.

7. Wo hat sich die Aufklärung entwickelt?

Mit den Debatten um Einheit und Vielfalt der Aufklärung waren oft Diskussionen über das Ursprungsland und die nationalen Spielarten der Aufklärung verbunden.50 Da die Aufklärung bereits im späten 18. Jahrhundert als die Epoche konstruiert wurde, die die geistigen Grundlagen für die Französische Revolution gelegt habe, ist die Aufklärungsforschung traditionell sehr frankreichzentriert – zumindest wenn man von philosophiehistorischen Untersuchungen absieht, die sich mit den Denksystemen herausragender Philosophen wie David Hume (1711–1776) und Immanuel Kant (1724–1804) auseinandersetzen. Hazard, Becker, Palmer, Gay oder auch Darnton interessierten sich in erster Linie für französische Autoren und Schriften. Israel verortet zwar den Ursprung der Radikalaufklärung in den Niederlanden – genauer: in den Schriften Baruch Spinozas –, geht jedoch davon aus, dass sich radikalaufklärerische Ideen anschließend vor allem in Frankreich entwickelt hätten.

Nichtsdestotrotz erfuhr die Aufklärungsgeschichte in unterschiedlichen europäischen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine immer größere Aufmerksamkeit. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der italienische Historiker Franco Venturi, der im Laufe seiner Karriere seinen Interessenschwerpunkt von einer Erforschung der französischen hin zu einer Untersuchung der italienischen Aufklärung verlagerte. Venturi verfasste von 1969 bis 1990 in sechs Bänden die erste umfassende Darstellung der aufklärerischen Ideen und Reformen auf der Apenninhalbinsel.51 Etwa zeitgleich bekam die Erforschung der Aufklärung in Spanien Aufwind, die lange durch das aufklärungsfeindliche rechte Franco-Regime gehemmt worden war. Während sich anfangs die Frage stellte, ob es überhaupt eine Aufklärung in Spanien gegeben habe – vor allem ausländische Forscher gaben eine positive Antwort auf diese Frage –, verflogen bald diese Zweifel weitgehend, als die reiche Geschichte des aufklärerischen Denkens auf der Iberischen Halbinsel zutage gefördert wurde.52 Auf beiden südeuropäischen Halbinseln, betonen die Forscher, hätten aufgeklärte Machthaber ab den 1740er Jahren wichtige Impulse zur Modernisierung ihres jeweiligen Landes (und ihrer Kolonien) gegeben. Dieses Streben nach Modernisierung habe das Aufkommen und die Entfaltung moderater Spielarten der Aufklärung begünstigt.

Die sich zur selben Zeit rasant entwickelnde Forschung zur schottischen Aufklärung setzte etwas andere Akzente. Im 18. Jahrhundert wurden in Schottland im Gegensatz etwa zu Spanien keine weitgehenden Reformen in Angriff genommen. Dagegen formulierte eine Reihe von meist an Universitäten lehrenden Autoren wie Adam Smith originelle Theorien zur historischen Entwicklung von Gesellschaften. Die Forscher interessierten sich deshalb vor allem für die moralphilosophischen Systeme und Gesellschaftstheorien dieser Philosophen – so sehr, dass Schottland seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Frankreich zum zweiten geographischen Schwerpunkt der Aufklärungsstudien wurde.53

Auch die Erforschung der deutschen Aufklärung entwickelte sich stark: Die Anzahl der Untersuchungen zum Werk der Hallenser Christian Thomasius, Christian Wolff und Siegmund Jakob Baumgarten, der Berliner Moses Mendelssohn und Christian Wilhelm von Dohm, der Göttinger Johann Christoph Gatterer und Christoph Meiners oder auch der Wiener Johann Heinrich Gottlob von Justi und Joseph von Sonnenfels wuchs rasant.54 Im Kontext der liberalen Demokratie interessierten sich Forschung und Öffentlichkeit gleichermaßen für demokratische Autoren wie Georg Forster.55 Im 21. Jahrhundert galt die Aufmerksamkeit der Forschung auch weniger bekannten Figuren, die gemeinhin zur radikalen Aufklärung gezählt werden.56

Die Spezialisten der italienischen, spanischen oder deutschen Aufklärungsgeschichte streben in der Regel nicht danach, den zentralen Stellenwert der französischen Aufklärung anzuzweifeln. Kritik an dem Narrativ, das die französische Aufklärung zum Ursprung der Moderne erklärt, kam vor allem aus England. Roy Porter verteidigte im Jahr 2000 die These, die französischen Autoren des 18. Jahrhunderts seien nur deshalb so radikal gewesen, weil Frankreich gesellschaftlich und kulturell rückständig gewesen sei. Den französischen philosophes sei es vor allem darum gegangen, in Frankreich Zustände wie in England einzuführen. Die moderne Welt – die religiöse Toleranz, die politische Freiheit, die moderne Wissenschaft – sei vor allem eine britische Erfindung. Die Briten des 18. Jahrhunderts hätten mit sich selbst zu Recht zufrieden sein können und deshalb keine radikalen Umwälzungsphantasien gebraucht. Während die Forschung im 20. Jahrhundert daran zweifelte, ob man überhaupt von einer englischen Aufklärung sprechen könne, rückte Porter die englischen Autoren des 18. Jahrhunderts ganz ins Zentrum des Geschehens.57 Darauf antwortete der Romanist und Ideenhistoriker Dan Edelstein, dass die französischen Autoren zwar wenig neue Ideen, jedoch eine neue Erzählung über den Fortschritt durch die neue Philosophie erfunden hätten.58

Die jüngere Forschung zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass sie ein lebhaftes Interesse für die Aufklärung in Südost- und Osteuropa 59 sowie außerhalb Europas hervorgebracht hat. Unter dem Stichwort „koloniale Aufklärung“ werden in der jüngeren Literatur die Schriften von Autoren untersucht, die in Überseeterritorien europäischer Imperien tätig waren.60 Die deutschsprachige Islamwissenschaft hat zudem im späten 20. Jahrhundert sehr kontrovers diskutiert, ob es eine muslimische Aufklärung gegeben habe. Reinhard Schulze vertrat die These, in der islamischen Welt seien im 18. Jahrhundert sowohl islamische rationalistische Traditionen als auch westliches aufklärerisches Gedankengut rezipiert worden. Dieser Befund wich stark von der damals dominanten Forschungsmeinung ab, die islamische Welt und das christliche Europa seien in der Vormoderne zwei weitgehend getrennte Kulturregionen gewesen. Schulzes Kontrahent Bernd Radtke warf ihm allerdings unsaubere philologische Arbeit vor.61 Obwohl Radtke in Detailfragen Recht gehabt haben mag, bestätigt die neuere Forschung Schulzes These, Europa und die islamische Welt seien viel enger miteinander verbunden gewesen als lange Zeit angenommen.62 Manche Forscherinnen und Forscher streben sogar danach, den Konnex zwischen Europa und Aufklärung gänzlich aufzulösen: Die Rationalisierung der Welt habe Wurzeln auf unterschiedlichen Kontinenten und sei ein Ergebnis der Interaktionen zwischen Weltteilen.63

Die Aufklärung hat somit in den letzten Jahrzehnten ihr Zentrum, Paris, verloren. Dennoch bleibt unbestritten, dass die meisten berühmten philosophes im 18. Jahrhundert Franzosen waren und die Bestseller der Aufklärung beinahe alle in französischer Sprache verfasst wurden.

8. Gab es die Aufklärung?

Die Definition von säkularen oder religiösen, liberalen oder republikanischen, moderaten oder radikalen sowie nationalen Spielarten der Aufklärung hat Teile der Forschung dazu animiert, die Vorstellung, es habe die Aufklärung gegeben, anzuzweifeln. Sie sprechen nur noch von Aufklärungen im Plural oder, mit den Worten des berühmten britischen Ideenhistorikers John Pocock: Es habe „enlightenments“, nicht „the Enlightenment“ gegeben (man achte auf die Kleinschreibung und die Pluralform anstelle der sonst üblichen Großschreibung im Singular samt bestimmtem Artikel).64 Alles andere sei eine Missachtung der großen Vielfalt aufklärerischer Ideen, so Pocock.

Die Betonung der Vielfalt aufklärerischer Ideen hat sicherlich unser Bild des 18. Jahrhunderts sehr bereichert. Daraus ergibt sich allerdings die Frage, was uns dazu berechtigt, den Begriff Aufklärung – sei es im Singular oder im Plural – überhaupt zu benutzen. Hierfür bieten die Studien einen Ausweg, die sich mit dem Geschichtsverständnis der Intellektuellen des 18. Jahrhunderts beschäftigen. Bereits Foucault hat in seinem Klassiker Die Ordnung der Dinge (1966) die These vertreten, das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts habe eine Historisierung des Denkens hervorgebracht. In den sich damals formierenden Wissenschaften Biologie, Volkswirtschaftslehre und Linguistik sei es nun um die Frage gegangen, wie Leben, Reichtum bzw. Sprachen entstehen.65 Der deutsche Historiker Reinhart Koselleck sah in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine einsetzende Dynamisierung und „Verzeitlichung“ der „Erfahrungswelt“. Der Ist-Zustand der Welt sei ab etwa 1750 nicht mehr als zeitlos und permanent aufgefasst worden, sondern als ein vorübergehendes Ergebnis von fortdauernden Entwicklungen. Die Geschichte sei von nun an als etwas verstanden worden, das stets Neues hervorbringe. Die Menschen hätten angefangen, sich die Zukunft als etwas weitgehend Unbekanntes vorzustellen. Daraus sei ein Gefühl der Beschleunigung entstanden, verbunden mit der Aufgabe, die Zukunft – die nun als „offen“ wahrgenommen worden sei – zu gestalten.66 In der Forschung bleibt umstritten, wann sich die Vorstellung der „offenen Zukunft“ durchsetzte. Während zum Beispiel der Literaturwissenschaftler Daniel Fulda erste Ansätze einer solchen Historisierung bereits im späten 17. Jahrhundert sieht, meint der Historiker Andreas Pečar, eine Vorstellung der „offenen Zukunft“ lasse sich in der Aufklärung nicht belegen.67 Die Lösung dieser Frage könnte darin liegen, dass in der Tat bereits im späten 17. Jahrhundert eine Verzeitlichung des Denkens einsetzte, diese jedoch bei fortschrittsgläubigen Autoren nur bedingt zu der Vorstellung führte, die Zukunft sei unbekannt.

Dass das 18. Jahrhundert eine Historisierung des Denkens einleitete, dürfte im Großen und Ganzen Konsens sein.68 Gerade das Konzept eines „Jahrhunderts der Aufklärung“ („Siècle des Lumières“), das der Sekretär der französischen Akademie der Wissenschaften Bernard Fontenelle (1657–1757) in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts formulierte, weist darauf hin, dass Intellektuelle vermehrt glaubten, ihre Zeit bringe Neues hervor, nämlich Fortschritt durch „Philosophie“. Diese Idee stellen manche ins Zentrum ihrer Aufklärungsdefinition: So vertritt Dan Edelstein die These, die Aufklärung sei nichts anderes als eine in Frankreich erfundene Erzählung über den Fortschritt der Menschheit durch neues Wissen.69 Andere wie Andreas Pečar und ich selbst haben die auf der Grundlage dieses Narrativs formulierte Selbstinszenierung der Autoren des 18. Jahrhunderts als fortschrittsbringende philosophes zu einem zentralen Phänomen der Aufklärung erklärt.70

Diese Definitionen lassen sich noch erweitern und präzisieren: Aufklärung war der Anspruch, durch Philosophie am sozialen und politischen Fortschritt mitzuwirken, sowie damit verknüpfte Ideen, Symbole und soziale Praktiken. Eine solche Definition hat den Vorteil, dass sie das verbindende Element zwischen den Aufklärern hervorhebt und somit das Forschungsobjekt „Aufklärung“ nicht auseinanderfallen lässt, ohne auf die Vielfalt der aufklärerischen Ideen zu verzichten. Dieses Buch wird ihr deshalb folgen.

9. Wie soll man aufklärerische Texte lesen?

Die Aufklärungsstudien sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das die Literatur- und die Geschichtswissenschaft mit der Philosophie, der Theologie, der Politologie, der Soziologie und der Kunstgeschichte zusammenbringt. Diese Disziplinen haben nicht immer das gleiche Erkenntnisinteresse und wenden teilweise unterschiedliche Methoden an. Während für die Geschichtswissenschaft meist vergangene soziale und politische Phänomene im Vordergrund stehen, interessieren sich Politikwissenschaft und Philosophie häufig für Denksysteme an sich. Im politikwissenschaftlichen Fach Politische Theorie und in der Systematischen Philosophie geht es in der Regel darum, die Ideen herausragender Geister zu analysieren und deren Relevanz für die heutige Welt herauszuarbeiten. Aufklärerische Texte werden dann thematisiert, wenn sie einen theoretischen Beitrag leisten. Die Forschenden vergleichen sie mit anderen Texten, um die Entwicklung, die Kohärenz oder die Originalität von Denksystemen herauszuarbeiten. Die Wirkungsabsichten der Autoren, der genaue Kontext, in dem sie ihre Schriften verfassten, deren Beziehung zu ideenhistorisch weniger markanten Texten sowie ihre Rezeption durch die Zeitgenossen stehen dagegen weniger im Fokus.

Ein gutes Beispiel für diese Herangehensweise ist folgendes Urteil über Rousseau, das der einflussreiche britische Philosoph Bertrand Russell Mitte des 20. Jahrhundert fällte:

[Rousseau] ist […] der Erfinder der politischen Philosophie pseudo-demokratischer Diktaturen im Gegensatz zur traditionellen Monarchie. Seither haben die Menschen, die sich für Reformatoren hielten, stets zwei unterschiedlichen Gruppen angehört: Die einen folgten Rousseau, die anderen Locke. […] In unserer Zeit ist Hitler eine Folgeerscheinung Rousseaus; hinter Roosevelt und Churchill steht der Geist Lockes.71

Russell präsentiert hier die Ideengeschichte implizit als eine Geschichte großer Geister; er vergleicht ihre Denksysteme und arbeitet ihre Originalität heraus; er schreibt ihnen eine enorme historische Wirkung zu, ohne die Rezeption ihrer Werke detailliert zu untersuchen; er beachtet weder den genauen Entstehungskontext dieser Schriften noch die mit ihnen verbundenen Wirkungsabsichten. Auf diese Weise wird Rousseaus Werk Vom Gesellschaftsvertrag (Du Contrat social, 1762) zu einer Quelle des Nationalsozialismus.

Da dieser Ansatz leicht zu Anachronismen führen kann – laut Lucien Fèbvre eine „Todsünde“ für Historiker –, ist er für die Geschichtswissenschaft problematisch. Für die Geschichtsschreibung (und teilweise die Literaturwissenschaft) sind vor allem die folgenden drei Ansätze relevant:

1. Die Diskursgeschichte geht auf Michel Foucault zurück. Sie nimmt den discours (frz. für Rede, nicht für Diskussion) in den Blick. Diskurse sind etablierte Arten und Weisen, sich über einen Gegenstand zu äußern. Diese stehen, so eine geläufige Annahme im postmodernen Denken, in einem engen Zusammenhang mit den Machtstrukturen einer Gesellschaft. Die Macht manifestiere sich im Kleinen, in alltäglichen Interaktionen (micropouvoirs, wörtlich: Mikromächte). Sprache und Wissen seien somit von der Macht (oder zumindest von Machtansprüchen) untrennbar. Zum Beispiel sei die Art und Weise, wie über Sexualität oder Krankheit gesprochen werde, eng mit den Machtansprüchen bestimmter Gruppen wie heterosexuelle Männer oder Ärzte verbunden. Die Wissenschaft habe die Aufgabe, diesen Zusammenhang zum Vorschein zu bringen (was Foucault eine „Archäologie des Wissens“ nannte). Diesem Ansatz zufolge sind also aufklärerische Texte insofern relevant, als sie gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegeln, bestätigen oder hervorbringen. Nicht der originelle Gedanke eines Genies oder die künstlerische Qualität eines Werkes stehen im Vordergrund des Erkenntnisinteresses, sondern das geradezu Typische an den Texten. Nicht nur qualitätsvolle Schriften, die großen Klassiker, sind für die Analyse von Bedeutung, sondern auch diejenigen, die es nicht in den Kanon geschafft haben.72

2. Die Geschichte politischer Sprachen ist ein Ansatz, den vor allem der britische Historiker John Pocock geprägt hat, einer der beiden Begründer der Cambridge School of Intellectual History. Wie die Diskursgeschichte sucht die Geschichte politischer Sprachen in Texten nicht nach originellen Gedanken, sondern nach Textbausteinen, auf die andere Autoren ebenfalls zurückgreifen. Die zentrale Annahme ist, dass „politische Sprachen“ Denkfiguren, Argumente, Feindbilder, Stereotype, Wertvorstellungen und Autoritätsquellen transportierten, derer sich Autoren bedienten, um etwas zu erreichen. So hat die Cambridge School den andauernden Einfluss des klassischen Republikanismus als eine politische Sprache über Jahrhunderte hinweg nachgewiesen.73

3. Die geschichtswissenschaftliche Anwendung der Sprechakttheorie geht vornehmlich auf den zweiten Begründer der Cambridge School zurück, Quentin Skinner. Die Sprechakttheorie besagt, man solle Texte nicht lediglich als Beiträge zur Theoriebildung betrachten, sondern neben der „lokutionären Sinnebene“ – also den Aussagen selbst, die in der klassischen Ideengeschichte beschrieben würden – auch die „illokutionäre Sinnebene“ berücksichtigen, das heißt: die mit den Aussagen implizit verbundenen Aufforderungen zum Handeln. Autoren möchten diesem Ansatz zufolge mit ihren Texten nicht nur der Welt interessante Gedanken mitteilen, sondern auch in einem bestimmten Kontext politisch und gesellschaftlich wirken. Mit aufklärerischen Schriften seien somit mehr oder weniger implizit bleibende Wirkungsabsichten verbunden, die die Forschung zu entziffern habe.74

Thesen und Gliederung

Im Folgenden wird es, den drei zusammengefassten Ansätzen entsprechend, weniger darum gehen, die Feinheiten philosophischer Systeme herauszuarbeiten. Vielmehr soll dargelegt werden, welche Vorstellungen, Ideen, Debatten, Institutionen, Praktiken und Strategien sich im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Aufklärung etablierten. Durch Historisierung soll dabei das uns am 18. Jahrhundert fremd Gewordene hervorgehoben und verständlich gemacht werden. In diesem Buch wird die Aufklärung weder als Gründungsperiode der liberalen Demokratie verstanden, noch gelten ihre Ideen als Quelle der Schattenseiten der Moderne. Vielmehr werden die folgenden sieben Thesen vertreten:

1. Die Aufklärung gründete auf einer Erzählung über den moralischen Fortschritt durch Philosophie, der Aufklärungserzählung.

2. Die Aufklärung war nicht bloß rationalistisch. Aufklärer suchten vielfach, den moralischen Fortschritt durch ein Zusammenwirken von Herz und Vernunft herbeizuführen.

3. Obwohl die Aufklärer Fortschritte einleiten wollten, waren sie in der Regel nicht fortschrittsgläubig; ihre Schriften sind oft von Verunsicherung und Ängsten vor dem Scheitern des Projekts einer moralischen Besserung durchzogen.

4. Die Aufklärung war divers, aber ihre Hauptströmungen wiesen dennoch eine Kohärenz auf. Aufklärer vertraten oft gegensätzliche Visionen von Politik, Gesellschaft, Moral, Religion oder Kunst. Doch in aller Regel bauten sie diese divergierenden, teils widersprüchlichen Ideen auf einem ähnlichen Weltbild auf.

5. Dieses Weltbild war nicht säkular. Die Aufklärung leitete keinen Niedergang religiöser Weltbilder oder ihrer gesellschaftlichen und politischen Relevanz ein. Sie ließ im Gegenteil in vielen Kontexten die Bedeutung religiöser Weltbilder wachsen. Die einflussreichsten Denkschulen der Aufklärung gingen von der Prämisse aus, Gott habe das Universum wohlgeordnet. Sie folgten einer teleologischen Weltanschauung, das heißt der Vorstellung, die einzelnen Elemente der Natur (darunter der Mensch) erfüllten einen Zweck. Der Mensch solle mittels der Philosophie seine fehlgeleiteten, unnatürlichen Vorstellungen abschütteln sowie dank seiner Vernunft und seines Herzens die gottgewollte natürliche Ordnung erkennen und den natürlichen Normen folgen.

6. Die Aufklärung kann man nicht als Bruch mit dem mittelalterlichen Denken verstehen. Ihre Hauptströmungen hatten ideenhistorische Ursprünge in der aristotelisch-scholastischen Philosophie des 13. Jahrhunderts. Genauer gesagt stellte eine Mischung aus hochmittelalterlichen scholastischen und spätmittelalterlichen humanistischen Vorstellungen das ideenhistorische Fundament der Aufklärung dar. Der aufklärerische Mainstream leitete eine Abkehr von innovativen Theorien und Deutungen aus dem 17. Jahrhundert und eine Rückkehr zu älteren Weltanschauungen ein. Dies heißt nicht, dass Aufklärer keine neuen Ideen, Vorstellungen und Praktiken entwickelt hätten, sondern dass sie diese vielfach auf der Grundlage eines althergebrachten Weltbilds erfanden.

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