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Martin Horus ist melancholisch, müde vom Leben und so dünnhäutig, dass er manchmal tagelang im Bett liegen bleibt. Sein Auftraggeber sind die Vereinten Nationen, doch er spürt irgendwann, dass etwas geschehen muss, Länder mit nationalem Denken und Konzerne, mit globalem Wachstums-Hunger, werden die Menschheit in den Ruin treiben. Gesetze und Ländergrenzen existieren nur noch in Geschichtsbüchern, globale Richtlinien müssen neu defi-niert werden - Ökonomie und Menschenrechte sind schon lange nicht mehr im Gleichgewicht. Das End-Spiel hat be-gonnen und Martin Horus lässt Taten sprechen, darin ist er der Beste.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2023
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„Dieses Buch widme ich allen Menschen, die Hilfe und Beistand im Kampf „Arm gegen Reich“ brauchen, die täglich versuchen ihren Egoismus einzufangen und für die Werte wie Toleranz, Ethik, Moral und Respekt alternativlose Lebensbedingungen und keine Optionen sind.“
„Mein Dank gilt allen, die mir täglich helfen weiterzumachen und mit ihrem Optimismus mein Leben verschönern, sowie meinen Freunden, die ich nicht alle aufzähle, um keinem vor den Kopf zu stoßen, falls ich einen vergessen sollte. Schön, dass es euch gibt!“
D.T.
Martin Horus ist Mitte 40, melancholisch, müde vom Leben und so dünnhäutig, dass er manchmal tagelang im Bett liegen bleibt. Er arbeitet im Auftrag der Vereinten Nationen und spürt, dass etwas geschehen muss.
Seit Jahren treiben Konzerne mit globalem Wachstums-Hunger Menschen und ihre Nationen in den Ruin, deren Gesetze und Ländergrenzen nur noch in Geschichtsbüchern existieren.
Globale Richtlinien müssen neu definiert werden, weil Ökonomie und Menschenrechte nicht mehr im Gleichgewicht sind - das End-Spiel hat begonnen und Martin Horus lässt Taten sprechen.
Don Tango lebt auf Mallorca. Nachdem er sich erfolglos als Schäfer und Olivenbauer versuchte, und Abdeckereien seine Seele beinah verschlangen, begann er als unbekannter Autor zu schreiben und veröffentlichte erste Bücher.
„Figur und Story sind mir durch einen Einfall zugeflogen. Keine Ahnung woher sie kamen – so in etwa wollte ich die Einleitung erklingen lassen – aber das stimmt nur zum Teil. Wahr ist, dass sich die gesamte Weltwirtschaft in einer ethisch-moralischen und menschenverachtenden Abwärtsspirale befindet, dass wir heute darüber reden müssen, wie wir morgen leben wollen. Womit ernähren und beschäftigen wir die Menschen der Erde, wenn wir immer effizientere Technologien entwickeln, bei stetig wachsender Weltbevölkerung?
Wenn man sehen möchte, hilft es den Augen zu trauen, denn dann erkennt man schnell, dass die Realität viel intensiver ist, als jegliche Belletristik zusammengenommen, weshalb es nicht überrascht, wenn man beim Lesen den Eindruck gewinnt, Ähnlichkeiten zu Geschehnissen in der Wirklichkeit herstellen zu können. Doch gerade deswegen soll an dieser Stelle noch einmal daran erinnert werden, dass alle Namen, Gestalten und Situationen dieses Romans, meiner Fantasie entsprangen.“
D.T.
Prolog
Wie es begann
Die Suche nach dem rechten Weg
Ein paar Flaschen Wein
Alles muss sich ändern
Ein Mann der Macht
Operation schwarzer Schwan
Nummer Eins
Gleißender Strahl
Ewiger Großstadtzirkus
Etwas Urlaub
Freunde in Paris
Neue Nummer Eins
Ruhe vor dem Sturm
2030 - seit Jahren zehren langanhaltende Monsunregen, Killerviren, Finanzkrisen und unerträgliche Dürreperioden unsere Erde aus. Moral und Ressourcen sind nahezu restlos zerstört.
Zusammenbrechende Währungen und Volkswirtschaften, Volksaufstände sowie genmanipulierte Nahrungsmittel stellen die Menschen vor große Probleme – immer schneller mutierende Viren beuteln die Menschheit und fördern die Ausgrenzung der Alten und Schwachen – und dennoch dreht sich die Spirale von Konsum und Kapitalismus schneller und schneller. Kann niemand den erneuten Untergang der Menschheit verhindern?
In allergrößter Not beschließen die Vereinten Nationen, eine staatenunabhängige globale Instanz zu gründen, die verantwortlich ist für Ethik und Moral bei globalen Finanztransaktionen und Investment, um menschliche Gier, Macht und Reichtum im Zaum zu halten.
Irgendwann mitten in der Nacht. Ein Mann rennt wilde Haken schlagend durchs Unterholz eines tiefen Waldes. Jede Sekunde läuft er Gefahr sein Gleichgewicht zu verlieren und schwer zu Boden zu gehen. Immer wieder dreht er sich panisch nach Verfolgern um.
Mehrere Male streift er nasse Bäume, kommt ins Straucheln und kann in letzter Sekunde seinen Sturz verhindern. Plötzlich wird es heller. Langsam erhebt sich morgendlicher Horizont vom Boden und lässt erstes Sonnenlicht erahnen; da vorne scheint der Wald zu enden, denkt er sich und spürt erste Hoffnung für leuchtende Veränderungen und Neubeginne keimen; ein letztes Mal schaut er hinter sich; vereinzelt aufflammende Freude lassen sein Gesicht heller scheinen, als er in vollem Lauf über ein letztes Hindernis springt und zu spät erkennt, dass just dahinter eine gewaltige Schlucht ihren unendlich schwarzen Rachen aufreißt, in den er schreiend-weiß vor Angst hinunterstürzt!
Wie in Zeitlupe fällt er tiefer und tiefer, sein Herz erstarrt vor Angst; kalter Schweiß rinnt ihm in Sturzbächen über den Körper, während er unaufhaltsam in die gähnend tiefe Dunkelheit stürzt, die sein Schreien bis zum Aufschlag verschlingt, als plötzlich………
Piep-piep-Piep! piep-piep-piep! Schweißgebadet schoss Martin hoch. Unbarmherzig laut schepperte der Wecker. Früher Morgen, sieben Uhr. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Schuppig wie ein zappelnder Fisch glänzte seine blasse Haut. Wieder der furchtbare Albtraum, der ihn seit seiner Kindheit verfolgte. Langsam blickte er sich um, während sein Herz rauf und runter raste. Nach und nach entspannten sich seine Hände, die sich bis vor wenigen Sekunden noch panisch in die Bettdecke krallten. Langsam normalisierte sich sein Puls. Er blickte sich um und roch kalten Rauch. Wieder hatte er gestern vergessen das Fenster zu öffnen. Ein randvoll gefülltes Bullauge der Waschmaschine erinnerte ebenfalls daran, dass mehr auf seiner Liste stand. Gedankenverloren sah Martin sich im Schlafzimmer um und kratzte seinen Kopf, als ihm einfiel, dass er folglich auch nicht mehr einkaufen gegangen sein konnte. Seit einiger Zeit machte sich merkwürdige Unordnung in seinem Leben breit. Schon die Nacht davor hatte Martin Schockierendes geträumt. „Wo kommt all der Kram her“ dachte er besorgt, litt er doch früher nicht darunter. Warum jetzt? Ein paar Minuten ließ er sich von seinen morgendlichen Fragezeichen terrorisieren, während er den weltlichen Geräuschen lauschte. „Hör dir die Elefanten an, wie sie durchs Treppenhaus poltern; Blechmarionetten mit Gummifäden, geradezu unheimlich, dass denen nichts Schlimmeres passiert“, murmelte er leise vor sich hin. Seit einiger Zeit fühlte sich vieles falsch an, aber es ließ sich nicht greifen. Vielleicht überkam ihn Gleichgültigkeit, so wie alle.
Martin ging ins Wohnzimmer, um mit seinem allmorgendlichen Sport zu beginnen. Langsam begann er mit ein paar Dehnübungen, während er die blass-beigegebeizten Eichenholzdielen teilnahmslos anstarrte. Dann fing er mit Hampelmann an. „Zwanzig“ Martin spürte jeden einzelnen Knochen. Danach folgte diszipliniertes Schulterkreisen. Dann Arme, Beine und Kopf. „Los doch, schön überstrecken“, feuerte er sich an und klang dabei wie Turnvater Jahn. „Fünfzig“ Sandfarbene Wände sahen ihm gelangweilt dabei zu. „Sechzig“ Martin mochte die skandinavische Gemütlichkeit in seiner Wohnung und erinnerte ihn daran, wie er früher mit hochgekrempelten Hosen durch Dünen lief. „Achtzig“ Dekorationen lösten bei ihm Beklemmung aus; die vielen Erinnerungsstücke drängten ihn so sehr an die Wand, dass er kaum Luft bekam. „Hübsch-geformte Gegenstände in schrillen Farben, als stünde man in einer Puppenstube“, unkte Martin herum. Hundert. Fertig. Langsam wie ein alter Bibliothekar quälte er sich hoch und fuhr wie eine quietschende Raupe umher, bis er Richtung Bad schlingerte und sich unter der Dusche verkroch.
Hier begann sein zweites Morgenritual, dass aus heißem und kaltem Duschen bestand. Wachwerden, stark und gesund sein, morgendliche starke Worte, die auf einen abschreckenden Abschluss vorbereiteten. „Scheiße ist das kalt! Bei allen griechischen Göttern!“ Er hasste das kalte Wasser am Ende seiner morgendlichen Prozedur. Nur fluchend überstand er es, um mies gelaunt, aber wach, aus der Dusche zu steigen.
Dezent gerahmte Bilder hingen an der Wand und schunkelten verschlafen im Takt, Geschenke eines befreundeten Künstlers. Sein üblicherweise blank-geputzter Wohnzimmertisch erinnerte an den Ätna, der am gestrigen Abend unregelmäßige Eruptionswolken und Aschebrocken ausgestoßen hatte. „Klapprige Marionette der Absurdität, die nicht will, aber muss“, schleppte er sich lamentierend in die Küche, griff nach einer Flasche Wasser, einem Glas und nahm einen gierigen Schluck, während er verschwommene Blicke hinaus in den stählernen Regen schoss.
Grau, nass, kalt und fahl, glich dieser dem jüngsten Tag. Trostlos, wie er Sicht, Atem und letzten Mut raubte und alles Licht im Keim erstickte. Als schienen sie nicht Martin zu gehören, griff ein Arm nach der Kleidung, während der andere die Espresso-Maschine bediente. Draußen herrschte bereits geschäftiges Treiben. Leben, zu einer eindrucksvollen Suppe aus Dreck, Alltagsverzweiflung, Verkehrslärm, Anfahren und Hupen vermischt, garniert vom täglichen Großstadt-Wahnsinn. Wespennester der Neuzeit. Fast zehn Stunden hatte Martin geschlafen, trotzdem fühlte er sich verbrannt und brüchig, wie zu lang geröstetes Toastbrot.
Mechanisch schlüpfte er in Schuhe, die er vor Jahren in Kuba kaufte und streifte sich sein abgewetztes Leinen-Jacket über, dass ihm mit dem knittrigen Hemd und grau-werdenden Schläfen Vintage-Ambiente gab.
Wie jeden Morgen begann Martin nach dem Autoschlüssel zu suchen, den er aus irgendeinem Grund regelmäßig verlegte. Routiniert blickte Martin aufs Display seines Smartphones, um Termine zu überfliegen. Mensch-sein, was bedeutete das? Er wusste es nicht. Längst war Martin der Meinung, dass man zu absurden Erledigungsrobotern verkam. Wer kontrollierte eigentlich wen? Oder war es schon das Jüngste Gericht? Martin hasste Kadavergehorsam. Seit er selbstständig denken konnte, brannte in ihm eine leidenschaftliche Gegnerschaft zu Konformität, Gleichschaltung und Gleichmacherei. Nachdenklich nippte er am Café und spielte mit dem Gedanken, seine erste Zigarette anzustecken.
„Du rauchst und trinkst zu viel“, murmelte er. Plötzlich ertönte zum zweiten Mal ein hässlicher Sirenenklang. Mürrisch sah Martin auf das Smartphone, Zeit loszufahren, sonst drohte Stau. Martin hasste Fremd-bestimmt-sein. Alle Welt redete von Effizienzsteigerung und Quality-Time. „Alles Blödsinn“, aus seiner Sicht. Schon länger dachte er darüber nach, auf Roller oder Motorrad umzusteigen und fragte sich, was ihn davon abhielt. Staustehen fand er furchtbar.
All die beschlagenen Scheiben und stinkenden Abgase, der dröhnenden Motoren. Die ganze Welt schien eine vibrierende Kriegsmaschine geworden zu sein, durchzogen von schlecht verheilten Wunden der archaischen Vergangenheit. Graue Karossen reihten sich in endlosen Schlangenlinien in Reih und Glied. Qualm, Gestank und Lärm gesellte sich dazu. Überall tropfende Auspuffrohre, die an Schnupfnasen erinnerten, alle zu Dauerkunden der Ärzte und Pharma-Industrie machend. Letzte Überreste herrschaftlichen Glanzes erinnerten an vergangene Zeiten, als alles groß, bunt und mächtig erstrahlte. Längst war die Zeit der Imperien und Autokraten vorbei, auch wenn immer noch manche der aussterbenden Fossilien über die Erde krabbelten.
Martin blickte sich um und sah die hypnotisierten Augen, wie sie Stoßstangen anstarrten. Madengleich schob sich der nass-glänzende Verkehr durch die verstopften Straßen und fraß sich langsam durch das Großstadtdickicht.
„Triefender Bedürfnisdschungel, in den wir Überfluss und Überdruss kippen!“, sang Martin den Blues, der ihn wieder erwischt hatte. Fahrradkuriere sausten wie Satelliten links und rechtsvorbei; unruhig trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad und schaltete Nachrichten ein.
„Tja, wer sagt’s denn, alles wie immer. Nahost blieb ein Hexenkessel, während die USA untergingen und Europa gegen den Rest der Welt kämpfte. Wir müssen endlich handeln“, ermahnte er sich.
Hinter Martins Melancholie hauste ein Idealist, der Ärger und Verwunderung verbreitete. Müde betrachtete er die grauen Wassermassen, die vom Himmel fielen und murmelte weiter vor sich hin. „Mein liebes Europa, ich bin gespannt, ob du die Kurve bekommst; wird schwer werden, den egoistischen Mächten die Wettstreiterei abzutrainieren. Kanonen und Waffen. Krieg, Gier und Egoismus. Zerstören, um aufzubauen und doppelt und dreifach Geld verdienen, was für eine Old-School. Kann nicht irgendjemand nachhaltigeres Investment erfinden?“
Langsam ließ er das Fenster runter und zündete sich eine Zigarette an. Ein paar Mal bog er links und rechts ab. Wohin er auch sah, überall prasselte Regen wie während der Sintflut. Menschen rannten geduckt herum, Schirme und Zeitungen über Köpfe haltend.
Am Morgen hatte Martin über sein Leben nachgedacht. Dreißig Minuten kam er zu spät los. Auch seine Überweisung und den Monatsbericht hatte er vergessen. Sein letzter Albtraum machte ihm mächtig zu schaffen. Er kam und ging wann er wollte.
Schon in der Grundschule fiel Martin auf. Er schien anders zu sein, als der Rest der Klasse und lachte zum Beispiel nicht, wenn die anderen sich die Bäuche hielten. Oft wählte man ihn daher bei Mannschaftssportarten als Letzten aus. Anfangs dachte er sich nichts dabei. Doch als keine Veränderungen kamen, fing er an sich Fragen zu stellen, wie zum Beispiel, ob er von Natur aus vielleicht dumm und einfältig war und deswegen nichts verstand. Verzweifelt suchte er in seinem jungen Körper nach etwas Unbekanntem, was er vielleicht übersehen hatte. Irgendwann bildete er sich ein, dass es womöglich daran lag, dass er nichts fühlte. Ständig fühlten die Menschen was, weswegen er oft in sich hineinhorchte und wartete. Doch da war nichts. Als er lesen und schreiben lernte, stolperte er über das Wort Mitgefühl. Angeblich hatten Menschen sowas und er machte sich auf die Reise zu seinem jungen Selbst, fand jedoch - nichts. So begann Martin zu beobachten. Erst nur, um die Menschen zu verstehen, bald schon, um all ihre Eigenarten und Verhaltensweisen zu studieren. Nach nicht allzu langer Zeit gelang es ihm im Voraus zu wissen, wann man lachte.
Endlich fühlte er sich etwas dazugehörig, spürte aber immer noch, dass ihm etwas fehlte, als hätte sein Körper ein Loch. Eines schönen Tages, es war Freitag und ein harter kalter Winter, da schneite es dicke schwere Flocken und es wurde so schnell dunkel, dass man den Eindruck bekam, dass später Abend wäre. Während des Sports in der beheizten Turnhalle bemerkte die Klasse, dass Martins Bewegungsabläufe einer Katze glichen, was einige Jungs und charakterstarke Mädchen einlud, ihm eine Lektion zu erteilen.
Auf dem Heimweg musste er lange am Waldrand gehen. Dort warteten sie auf ihn, hatten jedoch ihre Rechnung ohne Martins blitzschnelle Reaktionen gemacht. Sofort roch er die Falle und lief hinein in den dunklen Wald. Immer tiefer und tiefer drang er vor, drehte sich immer wieder um und hörte ihre höhnische Forderung, um ihm eine Abreibung zu verpassen.
Plötzlich stolperte Martin und fiel in tiefen Schnee. Einer der großen Jungen kam angerannt und sprang sofort auf ihn drauf. Am Anfang zappelte Martin wie ein Fisch an der Angel, bis er unter dem Gewicht einsah, dass er keine Chance hatte. Minutenlang seiften sie ihn ein, erst Gesicht, dann Ohren; auch stopften sie ihm reichlich Schnee in Rücken und Kragen, bis Martin gar nichts mehr fühlte und regungslos liegenblieb, bis es vorbei war.
Wieder zurück in der Gegenwart.
Martin saß immer noch im Auto und kurvte mehrere Minuten im dichtgeparkten Stadtzentrum herum, bis ihn irgendwann die Tiefgarage schluckte, die wie ein umgestülpter gekachelter Blauwal vor ihm lag und seinen hungrigen Hochglanz-Uterus öffnete, der mit glänzendem Zwei-Komponenten-Lack ausgepinselt war, dass alle Autoreifen bei Lenkbewegungen erbärmlich quietschten. Martin erinnerte das Kreischen an sterbende Ratten, die man langsam überfuhr und deren Atem man aus ihren plattgefahrenen Körpern quetschte, wie Reste von Zahnpasta-Tuben.
Langsam stieg er aus, lauschte dem Atem der Tiefgarage und schlenderte gedankenverloren zum Fahrstuhl. Zehn Minuten später saß Martin in seinem Büro, welches aus Konferenzraum und Grübelzimmer mit Bar bestand. Auch hier hingen Bilder vom gleichen Künstler wie in seiner Wohnung. Einige verstreut herumliegende Statistiken machten einen unaufgeräumten Eindruck.
Zwei zerfledderte Palmen, eine Standvase mit Plastikblumen und seine am Boden liegende Jacke, die lautlos, wie ein unschuldiger Papierdrachen, am Kleiderständer vorbeisegelte, erinnerten an das Wartezimmer eines Proktologen, kurz vor der Rente.
„Nichts, bleibt einem erspart“ ächzte er beim Hinhocken, griff sich Zigaretten und Laptop und setzte seinen stillen Monolog fort. „Sieh an! Forcierte Kryptowährung. Russland, China und Indien, eindrucksvolle tripolare Staaten. Bodenschätze, Historie mit Macht oder Population. Nordamerika und Lateinamerika, monopolar, Bodenschätze mit zu viel Selbstbewusstsein, echte Bipolarität verhindernd.“ Martin betrachtete Zahlen und Kurven und dachte an die untergehenden Vereinigten Staaten, die während der Corona-Krise alles verloren hatten und wo heute ein Bürgerkrieg wütete. Seiner Ansicht nach hielten Europa und Afrika ihre Tripolarität mit Wissen, Vielfalt und Historie. Nahost, das alte Zweistromland hatte seinen Vorträgen zufolge ein klares tripple vor WW1, aber nachdem Franzosen und Briten bewusst neue Grenzen gezogen hatten, die Ethnien und ihre Kulturen zerschnitten, hatten sie genug mit sich selbst zu tun, dass sie zu spät merkten, wie sie nur noch bipolare Opferanode für Rohstoffgeier spielten.
Früh fing Martin an, alltägliche Dinge in seinem Leben zu ändern. „Wir müssen wieder bei den kleinen Läden in der Nachbarschaft kaufen.“ ermahnte er Freunde und Mitmenschen. „Wir müssen weniger Abfall produzieren und unseren Konsum runterschrauben.“ Bald saß er in seiner kauzigen Altbauwohnung und aß mit Holzbesteck, das er auf Dienstreisen sammelte. Sein Lebensstil passte zu seinem Auftreten, als graumelierter Kater, dessen Augen immer noch lebendig funkelten und ließ ihn wie einen hageren, nicht mehr ganz jungen kubanischen Geheimagenten aussehen.
Bald reparierte er alles was kaputt ging, Einfluss der sechs Monate Kuba. „Es gibt zu viel Elend, Armut, Müll und Kriegsschauplätze auf der Welt“ dozierte er, wenn man ihn darauf ansprach. Doch weiterhin spielten kapitalregierte Staaten Herrscher des Weltenhandels, doch wie lange noch? Und was war mit Europa? Aus Martins Sicht hatten sie immer noch ihre Vermittler-Rolle inne und merkten nicht, dass man sie ausspielte. „Haben immer noch zu viel mit sich selbst zu tun, allen voran „vive La France.“ Elf Uhr. Seine früh erhitzten Gemüter brauchten Abkühlung. Eher als sonst machte er sich einen Scotch auf Eis. Plötzlich klingelte das Smartphone. Normalerweise mochte er nicht gerne telefonieren, sah aber dass es wichtig war und ging sofort ran. „Marty?“, Eduardo, sein Chef, der Martin auf ungünstigem Fuß erwischte. „Nein, hier ist Warren Buffet! Welche dämliche Frage, Eduardo! Wer soll schon dran sein, du weißt wessen Nummer du gewählt hast.“
Eduardo kannte Martins borstige Widerspenstigkeit, hatte aber weder Lust noch Zeit für Albernheiten. „Bist du in deinem Büro?“, Eduardo rief ihn eigentlich nie an. „Seit einer halben Stunde, wieso?“ Martin beschleunigte das Tempo. „Kannst du jetzt vorbeikommen? Es ist dringend!“ Martin erschien das merkwürdig und dachte plötzlich an seine Urgroßmutter, wie sie in ihrer Küche voller Pfannen und Töpfe stand.
Noch heute hatte er den Duft ihrer frisch gebratenen Nieren in der Nase, zart-schmorender Urinduft, von Salz, Pfeffer und schwitzender Butter umflort, der seine kleine Welt in ein erdiges Aquarelle verwandelte. Martin merkte, wie seine Gedanken abschweiften. „Hast du Anhaltspunkte für mich?“ Martin ärgerte sich, dass jeder Aufmerksamkeit voraussetzte, um seine Füllhörner entleeren zu können, bei gleichzeitigem Desinteresse selber aktiv zuzuhören. „Komm bitte her!“
Sowas aber auch, Eduardo konnte ein Rüpel sein, wenn er die Geduld verlor. Klang da Stress, Wut oder Zorn in seiner Stimme? „Okay, bis gleich.“ Es knackte in der Leitung. Eduardo klang angespannt. Martins Neugier wuchs wie Unkraut, während er vom Treppenhaus in die Tiefgarage runter rannte, ins Auto sprang und sich in den zähen Verkehr einfädelte, der zähnefletschend am Bordstein vorbeiströmte. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Endlich kam die Sonne wieder raus. Fast eine Stunde brauchte er in die Zentrale der Vereinten Nationen, vorbei an Bussen, Ampeln, Kiosken und Großstadtmüll. Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein Lieferwagen einen Motorradfahrer übersah, der in hohem Bogen zwischen welken Zeitungen niederging und sie aufwirbelte, wie traurige Straßenblumen der Großstadt. Schnell drängelten sich Blaulichter vorbei.
Irgendwann hielt Martin vor der Sicherheits-Schranke, sah sich aufmerksam um und hielt seinen Ausweis vor das Lesegerät, als sie sich schon lautlos hob. Behutsam fuhr er in die weiß lackierte Tiefgarage, schälte sich aus dem Wagen und eilte zum Fahrstuhl. Eine gläserne Kabine kam summend herangesaust.
Eine rote Lampe leuchtete auf, eine Frauen-Stimme ertönte. „Sie haben die Vorstandsetage angefordert, bitte identifizieren Sie sich; halten sie ihren Ausweis neben ihren Kopf, schauen sie in die Kamera, einen Augenblick bitte: Danke. Identifikation abgeschlossen. Guten Morgen, Martin.“
Vorsichtig stieg er in die gläserne Gondel und dachte an das Gebäck, dass es dort oben gab. Er liebte die dänischen Butterkekse. Aus seiner Sicht, die einzige ernstzunehmende skandinavische Antwort auf französische Madeleines. In Tee gedippt zum Frühstück, einfach wunderbar.
Martin bevorzugte eine Mischung aus Earlgrey und englischem Frühstückstee. Er liebte Bergamotte, aber nicht zu viel. Man musste aus seiner Sicht die Zitrusfrucht mit schwarzem Tee ausbalancieren, sonst hinterließ sie einen schweren Teppich auf der Zunge. Lautlos schlossen die gläsernen Schiebetüren.
Ein leichter Ruck und es ging nach oben. Bald flogen die Etagen im Sekundentakt vorbei. Husch, husch, husch, husch. Kurz darauf hielt die Kabine mit zischendem Türenöffnen. Martin sah vorsichtig auf den Flur. Gedämpftes Licht machte ihn befangen. Weite Flure, alles hell mit Pastell. Obwohl er sich hier oben auskannte sah er sich auch heute aufmerksam um.
Viel Kunst hing an den Wänden. Martin fühlte sich unwohl so weit oben, konnte aber nicht sagen warum „Heeresführung mit Kultur, Gediegenheit und Generosität, was ist die Botschaft? Das man vorsichtig mit Macht umgeht und dabei Bescheidenheit und Seriosität zeigt?“ Martin glaubte nicht an Verschwörungstheorien, blieb jedoch der Meinung, dass der Unterschied zwischen Sein und Schein, reich und arm überall zu groß geworden war.
Gerade hing er seinen Gedanken nach, als eine schlanke attraktive Frau auf ihn zukam. „Guten Morgen Martin, geh bitte gleich rein.“ Isabella war die angenehme Stimme aus dem Fahrstuhl und Eduardos Assistentin. Martin fand nicht nur ihre Stimme samtig und elegant. Er schätzte sie auf eins-fünfundsiebzig, vermutlich aus Norditalien, Milano. Dunkelblond, mit Rotstich. Martin spürte, wie ihn Sommersprossen und grüne Augen gefangen nahmen und versuchte nicht auf ihre Stilettos zu achten, die ihr weitere zehn Zentimeter Sexappeal verabreichten. Eine durch und durch beeindruckende Erscheinung, wie Martin fand. „Ciao Isabella, wie war dein Wochenende?“
Eigentlich lag Martin kein Smalltalk. „Wie man’s nimmt, ich habe gearbeitet!“ Martin war kein Lebemann, genoss Selbiges dennoch in vollen Zügen. Seiner Ansicht nach war es gestattet, das Leben zu genießen. Martin fand Isabella anziehend, sah sie von der Seite an und hatte den Eindruck, dass sie besorgt war. Bald würde er hoffentlich mehr erfahren. Als er das weitläufige Büro betrat, ließ er die Tür hinter sich geöffnet und spürte, dass Isabella ihm folgte und jetzt hinter ihm stand.
Martin roch Baumwolle, mit einem Hauch Zimt und Vanille. Eine Nuance Rosenwasser schien auch dabei zu sein. „Konzentriere dich“ Martin musste Abstand zum Duft-Ensemble bekommen und spürte die erotische Anziehung. Er ging einen Schritt zur Seite und drehte sich zu ihr um. Sie lächelte zurück, als die überschäumende Ungeduld des Chefs sie unsanft wegschob.
„Martin, schön dass du da bist“, Eduardo schien außer sich zu sein. „Natürlich“, entgegne Martin und wartete ab. „Setz dich, möchtest du einen Café?“ Langsam ließ Martin seinen Blick herumschweifen und betrachtete das große Sofa im Zentrum, sowie die bodentiefe Glasfront. „Schluss jetzt“, ermahnte sich Martin. „Du bist nicht in einer Ausstellung! Naja, ein wenig schon, sieh dich mal um, alles stellen wir aus, unsere Herkunft und all unsere Auszeichnungen, die wir wie Tapferkeitsmedaillen an stolz geschwellter Brust tragen und uns als Qualitätsprodukt brandmarken“, setzte er seinen inneren Dialog fort.
Martins Blicke entdeckten den Glastisch vor der Couch, Skulpturen und Bilder und eine dezente Bücherwand. Eduardos Schreibtisch war bedeckt von Dokumenten. Zwei Bildschirme auf der einen, ein voller Aschenbecher auf der anderen Seite.
Anzug und Gesicht schienen stark zerknittert, mit Augenringen und aufgeknöpftem Hemd. Seine grauen Haare kombiniert mit Vollbart, ließen Eduardo wie eine Eule aussehen. Ein Whiteboard voller Kurven und Zahlen stand im Raum. Hier und da gab es Schnittpunkte und bunte Pfeile.
Schweigend gingen sie aufeinander zu und umarmten sich. Martin bemerkte seine kräftige Fahne. Eduardo schob alle Höflichkeit beiseite und wartete Martins Antwort nicht weiter ab. „Isabella, mach uns bitte zwei doppelte Espresso!“ und gab der Tür einen schwungvollen Schubs, dass sie krachend ins Schloss fiel. Beide wichen den Blicken nicht aus. Eduardo stützte sich am Tisch ab und sah Martin direkt in die Augen.
Irgendetwas versuchte er in ihnen zu finden und hatte offensichtlich Erfolg. Langsam begann er zu lächeln. Im selben Moment kam Isabella wieder zur Tür rein und stellte zwei Tassen auf den Tisch. „Danke“, sagten sie im Chor. Wie ein Leuchtturm stand Martin in Eduardos herrschaftlichem Büro und merkte, wie er unruhig wurde und ungeachtet dieser Beobachtung seinen inneren Monolog fortsetzte.
„Diese blöde Exzellenz-Geschichte, zeige mir deine Schwächen und ich erklär dir, ob du gewalttätig warst.“ Eduardo machte eine weit ausholende Geste. „Setz dich, Martin“, wiederholte er etwas energischer. Oft störte sich Eduardo an Martins gemächlicher Art, was dieser wiederum großartig fand, weil es Martin bewies, dass Eduardos Geduld antrainiert, also gespielt war.
Eduardo blieb ein daueraktiver Vulkan, mühselig unter Kontrolle gebracht durch Disziplin, Zigaretten und Alkohol. Martin mochte es, wenn seine eigenen Gedanken abschweiften und auf Reisen gingen. So wie damals, als die Familie in Urlaub fuhr und er die vorbeirauschende Landschaft beobachtete. Martin dachte an seinen Vater; nur einmal schlug er den Sohn. Martin grübelte, gab es ein zweites Mal?
Am laufenden Band stellte er dummes Zeug an. Einmal warf er mutwillig Scheiben ein und dann war da die Sache mit dem brennenden Schuppen. Also doch zweimal. Martin hätte sich für diese Dummheit selber ohrfeigen können. Eine Woche Stubenarrest bekam er.
Noch heute konnte er das Knallen und Knacken hören, wenn sein Vater Fußnägel schnitt. Oder das Papier-Geraschel und der Zeitungsgeruch, wenn er lange Sitzungen hielt, mit dem warm aufsteigenden, den kleinen Raum ausfüllenden Duft längst vergangener Mahlzeiten. Wie oft vergaß sein Vater, die Tür zu schließen. Wie sehr hasste es die Mutter, ihn mit runtergelassenen Hosen zu ertappen und prallte dann kopfschüttelnd zurück. Wie sehr sich dies unvergleichliche Stillleben in seinen Kopf brannte; Vater auf Klo, die schwere Zeitung auf dem Rand der mintgrünen Badewanne ausgebreitet.
Gemeinsam gingen Eduardo und Martin zur Sofaecke und setzten sich auf das weiche Polster. Eduardos Anspannung war unübersehbar. Minütlich wischte er sich Schweiß aus der Stirn, obwohl sein Büro kalt wie ein Kühlschrank war. Martin konnte sich keinen Reim darauf machen, was für Neuigkeiten Eduardo hatte, weswegen er schwieg, hin und wieder an der Tasse nippte, eine Schachtel aus dem verbeulten Sakko zog und eine Zigarette herausnestelte.
Jetzt war es soweit.
Länger anzuhalten schien Eduardo unmöglich. „Erinnerst du dich an unser letztes Treffen?“ Bedeutsam formte und faltete der Generalsekretär der Vereinten Nationen seine Hände „Natürlich, wieso?“ Martin atmete langsam, doch Neugier und Spannung sprossen gleichermaßen wie Unkraut. „Erinnerst du unsere Bestürzung, als wir unseren schwindenden Einfluss erkannten, dass es aus deiner Sicht am weichen Mandat läge und wir daher in der Klemme stecken?“ Martin runzelte die Stirn und dachte an den kalten Winter, als die großen Jungs den kleinen Martin einseiften.
„Ja, natürlich.“ Martin hasste Eduardos lange Ausschweifungen. Immer musste er große Geschichten aus Allem machen. Nicht nur, weil er Spaß daran hatte, sondern vor Allem, weil er gern beeindruckte. Martin gegenüber pflegte er diese Ader besonders intensiv, weswegen dieser sich bemühte, höflich und geduldig zu bleiben, was ihm nicht immer gelang, was auch daran lag, das Eduardo sofort merkte, wenn Martin abschaltete und geistig woanders war. Dabei ertappt zu werden, blieb Martins Albtraum, wenn er in der Schule zum Beispiel Vorlesen musste und keine Ahnung hatte, wo er weitermachen sollte.
Oh, welche Scham!
Wenn seine Mitschüler bemerkten, dass er Mathematik-Aufgaben oder Grammatik-Regeln nicht verstand, konnte er vor Schamgefühl in das nächste schwarze Loch springen. Eduardo hatte bemerkt, wie seine Augen die Ferne fokussierten und sich Erleichterung auf seinem Gesicht breit machte. „Sicherlich, das sind, wenn ich mich nicht irre, meine eigenen Worte, warum fragst du?“ Unterhaltungen mit Eduardo waren für Martin schwer, weil sie so ein vertrautes Verhältnis zueinander hatten und ineinander wie in offenen Büchern lasen, weshalb Martin sich maximal konzentrieren musste, um nicht den Faden zu verlieren.
„Jetzt haben wir den Notfall!“
Wie von einem Stromschlag getroffen durchfuhr es Martin. Er spürte, wie es zwischen seinen Ohren, bis hinauf in die Haarspitzen knisterte. Nur schwer konnte er seine aufflammende Anspannung und Neugier unterdrücken. Seit Jahren traf Martin sich mit Chaostheoretikern, Mathematikern, Professoren und Dozenten jeder Disziplin. Mit CEO’s, schwerreichen Investoren und mächtigen Familien, was in Wahrheit, wenn Martin darüber nachdachte, nichts Ungewöhnliches für den Chef für Investor Relation der Vereinten Nationen war.
„Vor einiger Zeit hast du unsere Strategie-Abteilung mit einem drakonischen Batzen Daten gefüttert, erinnerst du dich?“ Martin lief Gefahr, einen langweiligen Gesichtsausdruck zu machen, weil er sich keinen Reim darauf machen konnte, warum Eduardo die Geschichte wiederholte. Worauf wollte er hinaus? Martin versuchte Unwissenheit, Ungeduld und Neugier zu verstecken.
„Selbstverständlich! Es ist schon eine Weile her, vielleicht vier Monate, oder mehr, warum fragst du? Wir tappen im Dunkeln, du weißt das, Eduardo. Bis heute haben wir unseren Einfluss nicht bündeln können. Wir müssen ein Cockpit entwickeln, wo wir alle Informationen ablesen können und eine proaktive Ethik-Kommission platzieren, die einschreitet, wenn Investoren gegen Ethik und Moral verstoßen! Warum fragst du?“
Martin verstand immer noch nicht und kaschierte es, indem er den Spieß umdrehte und die Augenbrauen skeptisch hochzog. Es klappte. Eduardo strahlte vor Glück, weil er sich durch Martins offensichtlichen Zweifel eingeladen fühlte, weiter auszuholen.
„Einfach alles, Marty! Erinnerst du, was du Nick, Chef der Data-Analytik, für einen Rat gabst?“ Martin bohrte tief im Innersten, fand aber nichts, was er in Zusammenhang bringen konnte. Langsam überkam ihn erste Unruhe. Eduardo preschte vor.
„Damals sagtest du dem Team, das wir lernfähige Algorithmen brauchen, um Wachstums-Mechanismen der jeweiligen Konzerne im Verhältnis zu ihren Chefs zu setzen. Du warst überzeugt, dass wir so den Einfluss eines CEOs auf seinen Konzern und den Weltmarkt sichtbar machen.“ Martin atmete auf, erste Erinnerungen kamen zurück. Was dachte sich Eduardo denn? Sie blieben zahnlose Tiger.
Die Frage war nur, wie sah ihr hartes zukünftiges Mandat aus. Währenddessen lief Eduardos Vortrag weiter. „Und zwar im wahrsten Sinne: Einfluss und Verantwortung, im Verhältnis zur globalen Weltwirtschaft, das war deine Theorie!“ Martin erinnerte sich. Sie mussten eingreifen und zwar schnell, sonst flog ihnen der ganze Planet um die Ohren.
Gespannt wie ein Flitzebogen fragte er nach, ob sie irgendetwas gefunden hatten. Eduardo lief zur Höchstform auf. „Viel besser als das! Schau dir den Bericht an! Gestern habe ich ihn auf den Tisch bekommen. Eigentlich wollte ich nur kurz drüber-fliegen. Als ich aber anfing darin zu stöbern, habe ich die ganze Nacht durchgelesen.“ Jetzt konnte Martin nicht mehr an sich halten und lächelte verschmitzt zurück.
„Entschuldige bitte, Eduardo, aber das sieht man!“ Der nahm es mit Fassung. „Ich weiß! Die ganze Nacht habe ich damit verbracht, bis ich einschlief“ Martin überging den Punkt und konnte sich Isabellas Geschmunzel vorstellen. Nur kurz lächelte Eduardo müde und freundlich, blickt jedoch schnell wieder ernst drein.
„Schau sie dir an, Marty“, der griff nach der Akte, um sie aufzuschlagen, hielt aber kritisch inne. „Bringt es den Kern unseres Problems auf den Punkt?“ Eduardo schien sehr zufrieden, was er sich nicht nehmen ließ, zu zeigen. Mit stolzgeschwellter Brust hielt er Martin die Akte hin. „Monatelang liefen unsere Großrechner heiß. Wieder und wieder haben wir sie gefüttert“, er hielt Martin das Dossier vors Gesicht und redete wie ein Wasserfall weiter. „Die Liste ist beängstigend. Schau mal, wer Nummer eins ist!“ Erleichtert zeigte Eduardo auf das Foto, endlich war er es los. Martin nickte dankend und zwinkerte Eduardo erleichtert an. „ So-so, das ist unsere Nummer eins?“
Martin ließ seinen Gedächtnispalast ausschwärmen, um Szenarien und Wahrscheinlichkeiten abzuklappern, dachte über Eduardo nach, weshalb er wohl so erleichtert ausgesehen hatte, warum er so angespannt war und eine Unzahl anderer Dinge und entschloss ihn zu testen. Martin hatte einen Riecher für solche Dinge und war davon überzeugt, dass Eduardo Nummer eins kannte und baute seine Fragemaschinerie vor ihm auf. „Kennst du ihn?“, worauf Eduardo lapidar zurückgabt, „Natürlich! Wer nicht.“ Was Martin einen Stich versetzte, weil entweder wollte Eduardo nichts erzählen, oder er kannte ihn tatsächlich nicht, weswegen er auf Ersteres tippte und nachfasste.
„Ich denke, du hast mich nicht verstanden, Eduardo! Die ganze Welt kennt ihn, natürlich, womit ich eine ziemlich dämliche Frage gestellt hätte, was kaum mein Ansinnen gewesen sein konnte, ich meine, ob ihr beide euch persönlich kennt!“ Eduardo ging nicht darauf ein und ließ stattdessen seine Schallplatten weiterlaufen. „Er Ist schwer reich, mach dir ein Bild von ihm.“ Was nebensächlich und abgeklärt klingen sollte, hörte sich für Martin vielmehr nach dem Gegenteil an!
Eduardo merkte nicht mal, wie offensichtlich er log, wenn er das Rätsel nicht schnell auflöste. Wer angespannt, wie ein überdehnter Flitzebogen daherredete, hatte vermutlich noch unbeglichene Rechnungen offen.
Hatte Eduardo vielleicht Angst, und der Kerl zu viel Einfluss? Konnte, oder wollte er sich daher nicht mit ihm einigen? Vielleicht. Martin hatte ein ungutes Gefühl, als läge vor ihm eine Falle, eine dieser getarnten Schlingen, in die man leicht trat und einen an den Beinen aufhängte. Sowas ging schnell.
Plötzlich spürte Martin das Gewicht des großen Jungen von damals auf sich, der auf Brustkorb und seinen nach hinten gedrehten Armen saß und ihn diese Ewigkeit lang einseifte, bis sein Gesicht puterrot war. Martin lächelte, bei den lebendigen Bildern. Mehr denn je, musste er aufpassen, mit wem er sich umgab und was hinter der nächsten Ecke lauerte.
Aus seiner Sicht stank es schon jetzt fürchterlich zum Himmel, ließ sich aber vorerst nichts anmerken, blätterte weiter in der Akte herum, staunte über die vielen Fotos, die Unmengen von Daten und Kurven und entschied sich, fürs Erste abzuwarten und mit seinem Wissen zu taktieren. Vielleicht käme er damit weiter.
„Das ist John Stiffort“, erwähnte Martin nebenher, „Korrekt! Was weißt du über ihn?“, Eduardo drehte den Spieß um, Martin ließ ihn gewähren, „Er ist CEO der Andromeda Group und Herrscher über Hundertschaften von Firmen und Funktionären, die helfen, Politiker, Lobbyisten und Aktionäre gefügig zu machen, meistens mit Geld und Macht.“ Martins Gegenüber setzte aufgeregt nach, „Was weißt du noch?“, es artete in eine Art Ping-Pong aus. „Wieso fragst du? Warum erzählst du nicht, was DU weißt?“
Martin spürte, wie Eduardo sich langsam öffnete. Er mochte es, wenn Menschen sich offenbarten. „Er ist ein Machtmensch, legt hohen Wert auf Loyalität und Gehorsam und hat seine Finger überall drin. Flugzeuge, Satelliten, Waffen, Rating-Agenturen, Banken, Lebensmittel, Kleidung, Nachrichtensender einfach alles.“ Eduardo lief warm, „Klingt nach einem eindrucksvollen Gemischtwarenladen.“, lächelte Martin zurück. Eduardos Stimmung lockerte sich, dennoch blieb er ernst, als er anfing zu flüstern.
„Er hat mich um Mitternacht angerufen!“ Martin bemerkte, wie Eduardos Stimme zitterte, als ob er den Leibhaftigen am Telefon hatte und dachte sich verhört zu haben. „Wie bitte? Woher kennt er dich? Wieso ruft er nachts an, in dem Moment, wo du über seinem Dossier brütest und wieso überhaupt hat er deine Nummer?“ Martins Stimme schwoll an, wie ein Taifun.
„Kennt ihr euch von früher? Eduardo, du musst mir alles erzählen!“ Martin war außer sich. Äußerlich hatte er sich zwar noch unter Kontrolle, doch es kostete ihn reichlich Mühe, seine aufbäumende Stimme im Zaum zu halten, was ihm nur gelang, weil er entschlossen an den Zügeln zog. Eduardo hingegen fühlte sich erleichtert. Welche gewaltige Last fiel ihm von den Schultern, auch sein Gesicht verlor seine Scharfkantigkeit und lächelte weich und friedlich, wie ein Daunenbett.
Das also war es, dachte Martin, was ihn schlaflos im Büro hat sitzen lassen, bis ihn Schlaf heimsuchte, was nichts daran änderte, dass er davon überzeugt blieb, dass Eduardo immer noch etwas verbarg, was dieser spürte und zu erzählen begann. „Wir kennen uns vom Studium, haben damals viel zusammen gefeiert.“
„Was? Von der Uni?“, schob Martin völlig entgeistert hinterher. „Ja, genau, wir machten den Abschluss im gleichen Jahr; später jedoch sahen wir uns immer seltener, bis wir uns aus den Augen verloren; zu schnell war sein Aufstieg.“
Martin bemerkte, dass er Eduardo in einem dieser seltenen Augenblicke zu fassen hatte, wenn sich tiefliegende Erdschichten aufwarfen und sich an der Erdoberfläche auftürmten. Es schien fast so, als würde er beichten. Martin ließ keine kostbare Zeit verstreichen und setzte nach.
„Ich sehe dir an, dass dich irgendetwas immer noch mitnimmt; was ist es und warum beschäftigt es dich sogar heute noch? Wieso ruft er dich an? Und warum jetzt, vor Allem nachdem du ihn als Nummer eins bei unserer Tombola gezogen hast; Eduardo, es gibt keine Zufälle, du weißt das!“ Beiden war das sofort klar! Hier war etwas Großes am Werke, das mit aller Wucht und Präzision sämtliche Mitspieler sekundengenau wie Marionetten bewegte. Eduardo schob weiter nach.
„Er sagte, dass er Ideen hat, um den weltweiten Handel gerechter zu fördern und um allen Menschen Zugriff auf faire Wertschöpfungs-Anteile zu geben!“ Innerlich begann Martin zu toben, nachdem er einsehen musste, sich nicht verhört zu haben, ließ sich jedoch nichts anmerken, welch einen Sturm der Entrüstung diese Unverfrorenheit in ihm auslöste.
Haie mutierten niemals zu Vegetariern, dachte er und fand, dass es erbärmlich zum Himmel stank, doch damit nicht genug! Martin erkannte, dass es unter der Oberfläche noch mehr unschöne, bizarre Überraschungen geben musste, wenn er nur lang und tief genug bohrte.
„Wie bitte? Machst du Witze? Das hat er gesagt? Hattest du deswegen keinen Schlaf? Oder steckt noch mehr dahinter? Eduardo, verdammt, die Wahrheit, was ist hier los?“ Martin kam sich vor, als wenn ihm jemand den Job des Löwendompteures anbot, ohne zu fragen, ob er eine Katzenhaarallergie hatte.
Immer mulmiger wurde ihm, er hasste das Rumstochern bei Nebel, wenn er wusste, dass im Verborgenen Klippen lauerten. Mehr und mehr spürte er, wie sich sein Innerstes sträubte. Eduardo warf seine Stirn in tiefe Falten, versuchte, das Gute in Stifforts Worten zu sehen.
„Ich weiß, wie das aussieht, aber offensichtlich ist er wirklich davon überzeugt, dass durch breitflächiges Partizipieren neue Dimensionen von Wachstum möglich sind.“ Martin war sich nicht sicher, was Eduardo wirklich dachte. Passte er seinen Gedankenapparat opportunistisch an? War er gar vielleicht tatsächlich überzeugt? Oder war alles eine abgekartete Sache und Eduardo wollte ihn nur testen? Martin wusste es nicht. Das einzige, was unübersehbar aus allen Ritzen gekrochen kam, war der Fäulnisgestank, wenn Gier, Ego und Machthunger Natur und Menschen zersetzten.
Er musste auf der Hut sein, durfte nicht die Fassung verlieren, sondern musste vorsichtig erste Zweifel anmelden, doch es gelang ihm nicht. Schnell platzte sein Zorn aus ihm raus. „Natürlich! Es stinkt zum Himmel, Eduardo und zwar hundert Meilen gegen den Wind! Wovor hast du Angst?“ Martin gab seine Selbstkontrolle nun vollständig auf. Vorbei die Zeit des Taktieren und Abwarten. Jetzt, mussten sie handeln, jetzt, oder nie. „Ich habe keine Angst!“ Eduardo hatte tatsächlich keine, oder wollte sie nicht offen zeigen. Doch das war Martin egal, ihm platzte der Kragen „Verdammt, Eduardo!“ und bekam einen roten Kopf, mit blutunterlaufenden Augen, während sein Chef, einen seiner seltenen Gefühlsausbrüche zuließ
„Er bekommt immer was er will! Immer! Er hat extrem gute Verbindung. Überall!“ Dieses Wort schrie Eduardo mit letzter Kraft und Resten seines brüchigen Atems heraus. Auch Martin begann zu kochen, ließ nicht locker, und fasste hart nach.
„Gute Verbindungen haben wir auch, aber das ist nicht der Grund, warum deine Hände zittern und warum du früh morgens Whisky wie Charles Bukowski säufst! Was ist hier los, sag es endlich!“
Mehr und mehr erhöhte sich die Spannung zwischen den beiden. Eduardo hielt seine Deckung aufrecht. „Er ist ein gewiefter Stratege, ich bin mir sicher, dass er durch die Zusammenarbeit mit uns…“ Martin setzte zu einer weiteren Offensive an. „Eduardo, hör mit dieser sinnbefreiten Laberei auf: Was verschweigst du? Hat er dich mit irgendetwas in der Hand und wenn, mit was?“ Und packte ihn am Kragen und zerrte ihn zu sich ran, Nase an Nase, Auge in Auge.
„Da ist nichts! Nichts, was mir und meiner Familie…“ Lange konnte Eduardo nicht mehr standhalten, überall bröckelten seine Burgmauern. Aus Unachtsamkeit war ihm das Wort ’Familie‘ herausgerutscht. Doch warum, wieso redete er plötzlich davon? Martins Temperament und jahrelange Anspannung überwältigten ihn. „Warum, zum Teufel, sprichst du plötzlich von Familie?“ Speichelnebel sprenkelte Eduardos Gesicht und Anzug, der wie Gift träge durch den Raum waberte. Martin zog sein geistiges Ritterschwert und holte zum vernichtenden Hieb aus.
„Wir reden von dir und DEINER verdammten Vergangenheit, von nichts anderem! Warum kommst du jetzt auf einmal mit deiner Familie? Verstehst du nicht? Wenn du mir etwas vorenthältst, wird es schwerwiegende…“ Fast berührten sich ihre Nasen, während sie so aufeinander einschrien und Martin, ihn am Kragen gepackt hielt.
„Er ist zu mächtig! Nein, kommt in seinem Wortschatz nicht vor, er will ABSOLUTION durch uns, dass ist es, worum es ihm geht!“, schrie Eduardo das große A-Wort heraus. Na endlich! Eduardo zitterte wie Espenlauf. Erschöpfung zeichnete sein schweiß überströmtes Gesicht. Das war es also! Tief drinnen hatte Martin so etwas geahnt.
Sie konnten Erzkapitalisten nichts bieten, außer, denn immerhin waren sie noch das Gewissen der freien Welt, außer einer blütenweißen Weste, womit sie zur obersten Sekte der Hochfinanz verkamen. Fürs Erste hatte Martin was er wollte und ließ Eduardos Anzug los, während er ihn sorgfältig glattstrich und den Verständnisvollen gab.
„Du hast vermutlich Recht“ Martin entschied, sich einen Sicherheitsring um sich selbst herumzubauen. Ab sofort konnte er mit keinem mehr seine Gedanken offen teilen. Kaum merklich ging Martin auch physisch auf Distanz. Jetzt hatten sie wieder ihren üblichen Abstand. Eduardo fühlte sich merklich wohler und bekam wieder Kontrolle über sich. „Marty, mit uns bekäme er globale Absolution, verstehst du, was das bedeutet?“
Jeder, dachte Martin, verstand, warum ein Mensch wie Stiffort danach streben musste, „Natürlichnatürlich!“, weswegen er es leichten Herzens bestätigte und in Highspeed weitergrübelte, um sofort die globalen Ausmaße zu erkennen.
