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Ein berührender Roman über die berühmteste Bäckerei Barcelonas
Barcelona, 1926. An einem Wintermorgen, der voller Wunder ist, wird Alba geboren. Es schneit in Barcelona so heftig wie nie zuvor, und die Menschen laufen auf die Straße, um die tanzenden Kristalle zu bewundern. Schon bald wird sich herausstellen, dass Alba in ihrem Leben noch viele Menschen verzaubern wird – mit ihrer einzigartigen Gabe, Kuchen und Kekse zu backen, die Glück und Trost spenden. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, Konditorin zu werden. Doch im Spanien der rauen Nachkriegszeit ist es für eine junge Frau alles andere als leicht, sich den Weg zum Glück zu erkämpfen. Bis sie eines Tages die Bäckerei Escribà betritt – und ahnt, dass sich ihr Leben für immer verändern wird …
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2020
Buch
Alba ließ das Mehl durch die Finger der einen Hand rinnen, während sie mit der anderen in einem kleinen Stieltopf rührte. Sofort überlagerte das Aroma des Anislikörs die Gerüche der übrigen Zutaten. Ein betörender Duft breitete sich in der Küche aus. Die junge Frau achtete peinlich genau darauf, wie rasch das Mehl auf die vermengten Zutaten rieselte. Sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, das richtige Verhältnis von Menge, Zeit und Geschwindigkeit auszuloten. Inzwischen erreichten die von ihr zubereiteten Gerichte einen Grad der Perfektion, der nur in vollkommener Harmonie zu finden ist.
Unter dem stetigen Rühren des Schneebesens verband sich das Mehl mit dem flüssigen Anislikör, dem Sonnenblumenöl, den zähflüssigen Eiern und dem weichen Puderzucker zu einem sämigen Teig. Alba mochte das Gefühl des samtig zwischen ihren Fingern dahinrinnenden Mehls und musste unwillkürlich an ihre Kindheit denken. Schon als kleines Mädchen war sie ständig voller Mehlstaub gewesen. Sie hatte sich früh von der Küche magisch angezogen gefühlt, einem Raum, der ihr nicht von dieser Welt schien.
Ein einzigartiger Roman über die berühmteste Bäckerei Barcelonas – und über die Magie des Backens, die kleinen Augenblicke des Glücks und das Wunder der Liebe.
Die Autoren
Christian Escribà führt in vierter Generation die Konditorei seiner Familie, die 1906 in der Gran Via in Barcelona eröffnete. Seine kulinarische Karriere zwischen Paris und Barcelona stand schon immer unter dem Motto der Originalität. Er wurde als bester Konditor in Spanien ausgezeichnet und gilt als einer der besten Patissiers der Welt. In seinem Roman Die Bäckerei der Wunder erzählt er die Geschichte seiner Familie.
Sílvia Tarragó Castrillón ist eine spanische Bestseller-Autorin, die bereits zahlreiche Kurzgeschichten, Gedichtbände, Jugendbücher und historische Romane veröffentlicht hat. Zusammen mit Christian Escribà, dem berühmtesten Konditor Spaniens, schrieb sie Die Bäckerei der Wunder, ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman.
Christian Escribà und Sílvia Tarragó
Die Bäckerei der Wunder
Aus dem Katalanischen von Ursula Bachhausen
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe L’obrador dels prodigis erschien erstmals 2019 bei columna edicions, llibres i comunicació, s.a.u., Barcelona
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Deutsche Erstausgabe 10/2020
Copyright © 2019 by Sílvia Tarragó & Christian Escribà
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Ulrike Gallwitz
Umschlaggestaltung: bürosüd nach einer Idee von Planeta Art & Disseny
Illustration: Pep Montserrat, www.buerosued.de, Trevillion Images / Susan Fox
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-25748-4V001
www.heyne.de
Die Gastronomie ist eine der zivilisiertesten Formen der Sinnlichkeit.
Néstor Luján
ERSTER TEILDie Magie des Süßen
(1876–1948)
Einmal mehr verhieß der Winter Schneefall – wozu es allerdings in zwanzig Nachkriegsjahren kaum gekommen war –, und alle Fabeln kamen aus der Großen Kiste, um die Welt für uns noch wunderbarer zu machen.
Terenci Moix, »El día que va morir Marilyn«
Die ersten Flocken fielen am späten Vormittag jenes ersten Weihnachtstages 1926. Anfangs schneite es so heftig, dass jedermann mit beträchtlichen Schneemengen rechnete. Der mit dicken, dunklen Wolken verhangene Himmel schien diese Annahme zu bestätigen, aber nach einer Weile ging dem Sturm die Puste aus, und er schwächte sich zu einem leichten Schneegestöber ab.
Doch allein die Tatsache, dass es in Barcelona schneite, war außergewöhnlich, und die Straßen sahen wie verwandelt aus. Der Passeig de Gràcia und das ganze Eixample-Viertel, die Rambla und die Verkehrsadern, die sich wie ein Geflecht durch die Stadt zogen, lagen unter einer dünnen, weißen Schicht aus Abermillionen winziger Eiskristalle, die aus der Atmosphäre herabgerieselt waren.
Das ungewöhnliche Schauspiel lockte die Menschen, die den seltenen Anblick bestaunen wollten, in Scharen aus ihren Häusern. Sie konnten nicht ahnen, dass sich in ihrer Stadt noch ein weiteres, nicht minder bemerkenswertes Wunder ereignet hatte.
Kurz vor Einsetzen des Schneefalls hatte sich der Himmel zugezogen, und die düstere, graue Wolkendecke ließ nicht einen Sonnenstrahl hindurch.
Genau in dem Moment, als in diesem trüben Dämmerlicht die ersten Flocken zur Erde schwebten, kam in einer bescheidenen Wohnung im Stadtteil Sants ein kleines Mädchen zur Welt. Und dieses Mädchen war kein gewöhnliches Kind. Denn die Kleine wurde mit einer Gabe geboren.
Zwar sollte sich ihr Talent erst nach einigen Jahren zeigen, doch als es so weit war, konnte es keinen Zweifel daran geben, dass manche Menschen von Natur aus mit besonderen Fähigkeiten gesegnet sind. Diesem einfachen, vom Schicksal begünstigten Mädchen war eine intuitive Gabe in die Wiege gelegt worden, die etwas Magisches hatte. Schon als kleines Mädchen besaß Alba so geschärfte Sinne, dass sie Geschmacksnoten aufzuspüren vermochte, wo andere nur herkömmliche Speisen sahen. Und zu diesem siebten Sinn gesellte sich später ein faszinierender Ideenreichtum. Alba brannte dafür, einfache Zutaten in ein Fest der Sinne zu verwandeln.
Aber am ersten Weihnachtstag des Jahres 1926 war all das noch Zukunftsmusik. Sechs Monate zuvor hatte in Los Angeles ein ebenso außergewöhnliches Mädchen das Licht der Welt erblickt, nur dass dieses, anders als Alba, einmal unsterblich werden sollte. Ob es daran lag, dass sie im selben Jahr geboren waren? Tatsache war, dass sich die künftige Köchin dem flüchtigen Stern namens Marilyn Monroe immer besonders verbunden fühlte.
Als Alba zur Welt kam, lag Barcelona gleichwohl nichts ferner als die glitzernde Welt der Stars und Sternchen in Hollywood. Während die Vereinigten Staaten im Takt von Charleston und Lindy Hop ihren wirtschaftlichen Wohlstand feierten, litt Barcelona unter dem Joch des Regimes von Diktator Primo de Rivera, der die Freiheiten der Katalanen beschnitten hatte.
Dennoch hatten die Einwohner der Stadt den Weihnachtsfeiertagen mit derselben Vorfreude entgegengefiebert wie immer. In den Schaufenstern der Geschäfte lagen die erlesensten Waren, in den Häusern wurden Krippen aufgebaut, und die Speisekammern waren so gut gefüllt wie sonst nie. Wie jedes Jahr bauten Schausteller auf der Avinguda de la Catedral ihre Stände auf und boten Figuren und allerlei Dinge feil, die traditionellerweise an die Geburt Christi erinnerten, und von dort gelangte die festliche Stimmung in die Wohnungen.
Eine ähnlich überschwängliche Freude, die mit der Genugtuung einherging, dass sich eine lange Wartezeit endlich dem Ende zuneigte, herrschte, als die kleine Alba zur Welt kam. Denn dieses Kind war schon seit vielen Jahren sehnlichst erwartet worden. Albas Geburt war in gewisser Weise ein Wunder und erinnerte unweigerlich an solch ungewöhnliche Schwangerschaften, wie sie nur in der Heiligen Schrift zu finden sind. Wie jene unfruchtbaren Frauen, die auf unergründliche Weise im reifen Alter schwanger wurden und Kinder bekamen, hatte auch Albas Mutter Adela allzu lange warten müssen, bis sich ihr sehnlicher Kinderwunsch erfüllte. Sie war zwar bedeutend jünger als die biblische Sarah, die mit neunzig Mutter wurde, und auch noch nicht in dem Alter, in dem die heilige Elisabeth Johannes den Täufer empfing, doch als Adela unaufhaltsam auf die vierzig zuging, gab sie die Hoffnung auf und fand sich mit ihrer Kinderlosigkeit ab. Sie war bitter enttäuscht und empfand sich selbst als unzulänglich, doch sie musste sich notgedrungen in ihr Schicksal fügen. Sie war ein verdorrter Ast, der niemals knospen würde.
Adela war bereits seit vierzehn Jahren mit Esteve verheiratet, einem liebenswürdigen Lehrer, doch obwohl die Ehe glücklich war, war es ihnen nicht vergönnt gewesen, ein Kind zu bekommen. Als sich Alba dann ankündigte, kannte ihre Freude keine Grenzen mehr, und sie fühlten sich von einer launischen Wendung des Schicksals begünstigt.
Dies waren die Umstände, in die Alba hineingeboren wurde. Die Kleine wuchs als Augenstern ihrer Eltern und der Großeltern mütterlicherseits auf, denen die einzige Tochter den sehnlichen Wunsch, die Familienlinie fortleben zu sehen, zu guter Letzt doch noch erfüllt hatte. Von ihren anderen Großeltern hatte Alba bedauerlicherweise nicht viel. Sie starben, noch bevor die Kleine in die Schule kam. Aber die liebevolle Aufmerksamkeit der übrigen Verwandten war mehr als ausreichend, um dem Mädchen in jenem Arbeiterviertel mit seinen Fabriken eine glückliche Kindheit zu bescheren.
Alba wuchs in den alten Straßen von Sants auf, einem Viertel, in dem noch immer ein Hauch seiner ländlichen Vergangenheit zu spüren war. Hier machte sie ihre ersten Schritte, hier schloss sie ihre ersten Freundschaften. Diese eigene Welt innerhalb des Kosmos der großen Stadt verließ sie nur, wenn sie die Eltern ihrer Mutter im bedeutend herrschaftlicheren Eixample-Viertel besuchte.
Dort lernte die Kleine die Patisserie Escribà kennen, in der ihre Großmutter Elvira schon seit vielen Jahren, seit der Zeit, als der Laden noch Bäckerei Serra hieß, Kundin war. Albas Großmutter hatte sich mit den Besitzern angefreundet, und da sie gern in der Bäckerei verkehrte und ihr auch das Warenangebot zusagte, kam bei ihr an besonderen Tagen stets eine süße Köstlichkeit von Antonio Escribà auf den Tisch. Und für Alba gab es nichts Schöneres, als ihre Großmutter in die Konditorei zu begleiten und das Feingebäck aussuchen zu dürfen.
Damals durfte sie bereits tatkräftig in der Küche mithelfen, nachdem ihre Mutter und ihre Großmutter festgestellt hatten, dass Alba eine besondere Gabe besaß, die Essenz eines jeden Nahrungsmittels zu erfassen, und dabei ungewohnte Möglichkeiten aufspürte, alltägliche Rezepte auf schmackhafte Weise abzuwandeln. Sie empfand es als spannende Herausforderung, neue Gaumenfreuden zu entdecken, und scheute sich nicht zu experimentieren. Die Zeit, die sie am Herd verbrachte, verging jedes Mal wie im Flug.
Der Reiz, der in diesen Herausforderungen lag, hatte sie zu ihren ersten kulinarischen Versuchen animiert, doch nachdem sie zum ersten Mal in der Konditorei gewesen war und ihre Großmutter ihr von deren Gründer erzählt hatte, wurde dieser zu ihrem leuchtenden Vorbild.
Unglücklicherweise gingen die unbeschwerten Jahre viel zu früh vorbei. Alba war noch keine elf Jahre alt, als ihre kleine, heile Welt zerbrach. Der Krieg legte sich mit seinen unheilvollen Folgen wie ein böser Zauber über die Bewohner der Stadt, und jedes noch so kleine Glück war plötzlich getrübt. Luftangriffe ließen Straßen und Plätze verwaisen und setzten den Himmel in Brand.
Damals erfuhr Alba, was Angst ist.
Trotz all dem Glück, das ihr später widerfahren sollte, würde sie nie vergessen, wie es ihr die Luft abgeschnürt hatte, wenn sie beim Aufheulen des Fliegeralarms voller Panik erwacht oder an der Hand der Mutter durch Straßen gelaufen war, in denen das Chaos herrschte. Die Furcht der Menschen vor einer drückenden, unsichtbaren Bedrohung war förmlich zu greifen gewesen. Und schon gar nicht würde sie die langen, beklemmenden Stunden vergessen, in denen sie im Schutz eines Bunkers ausharren mussten.
Auf den Krieg folgte ein trügerischer Frieden, der sich über ihre Welt legte, als wäre er die unausweichliche Folge des bösen Zauberbanns. Alba erkannte, dass nichts je wieder so sein würde wie zuvor. Ihre Welt war verwüstet, und in den Straßen, die dreizehn Jahre zuvor unter einer Schneedecke gelegen hatten, türmten sich nun die Trümmer.
Aber sie besaß eine Gabe, und sie wusste, dass die Magie unter den Ruinen noch immer lebendig war.
Fünfzig Jahre zuvor hatte sich an einem anderen Ort und ebenfalls in zeitlicher Nähe zu einer Sonnenwende etwas Ähnliches zugetragen. Sieben Tage bevor die Sonne, die mit zunehmender Kraft die Felder in der vom Kanal von Urgell bewässerten Ebene wärmte, ihren höchsten Stand erreichte, kam in dem Dorf Torregrossa mit seinen gewundenen Gässchen im Süden jener Ebene der kleine Mateu zur Welt, ein Junge, der ebenso strahlte wie das Licht, das den herannahenden Sommer erahnen ließ.
Anders als Alba war Mateu kein Einzelkind, sondern der jüngste Spross von Ramon Serra und Raimunda Capell, die zuvor bereits elf Kinder bekommen hatten. Und bis auf die nahende Sommersonnenwende, die eine Woche später beim Fest des heiligen Johannes gefeiert werden würde, ereignete sich im Moment seiner Geburt nichts Bemerkenswertes.
Dennoch war es dem Jungen in die Wiege gelegt worden, einem anderen Lebensplan zu folgen, als seine bescheidene bäuerliche Abstammung erahnen ließ. Sein Schicksal nahm allzu früh eine tragische Wende, als Raimunda nur drei Tage nach der Niederkunft starb und den kleinen Mateu als Halbwaisen zurückließ. Dieser harte Schlag schien mit einem Mal das warme Strahlen zu verdüstern, das bis dahin das Elternhaus des Jungen erfüllt hatte. Zu der traurigen Stille, die auf das Unglück folgte, gesellte sich ein dunkler Schatten, und Mateu lernte bereits als Säugling das eisige Gefühl der Schutzlosigkeit kennen.
Bereits in einem so zarten Alter einem bitteren Los trotzen zu müssen führte dazu, dass der Junge eine nahezu unerschütterliche Zähigkeit entwickelte. Er klammerte sich hartnäckig an sein junges Leben und saugte es begierig auf, als läge er an der rosigen Brustwarze der Amme, die eilends gesucht worden war, um ihn zu stillen. Von Maria Olivares’ Brust ernährt und mit einem eisernen Überlebenswillen ausgestattet, wuchs Mateu heran.
Doch seine Kindheit war nicht leicht. Nicht nur die Mutter fehlte, auch mehrere seiner Geschwister verstarben und hinterließen ebenso empfindliche Lücken wie die anderen, die auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Richtung Amerika oder Barcelona aufgebrochen waren. Nach und nach wurde es still in Mateus Elternhaus, und der Junge flüchtete sich in Tagträume, in denen er sich seinen weiteren Lebensweg ausmalte. Am liebsten wollte er wie seine Geschwister nach Übersee gehen, um in einer der spanischen Kolonien sein Glück zu machen.
Er stellte sich vor, wie er sie nach einer abenteuerlichen Überfahrt, bei der Piraten und Seeungeheuer zu bezwingen waren, in jenen fruchtbaren Ländern wiedersehen würde. Er konnte weder lesen noch schreiben und besaß keine Bücher, sodass sich in seiner Vorstellung Fakten, die er in den Gesprächen der Erwachsenen aufgeschnappt hatte, mit den Märchen mischten, die ihm seine Amme Maria erzählte. Aus diesen Zutaten reimte sich sein fantasievoller Geist eine Geschichte zusammen, die ihn weit weg von den Feldern und Obstbäumen seiner Heimat bringen würde.
Lange sollte es nicht dauern, bis ihm das Leben den entscheidenden Stoß gab und er sich auf den Weg machte, wenngleich nicht zum Atlantik, sondern zur Mittelmeerküste. In seinen ersten Lebensjahren hatte er eine Reihe von Verlusten verkraften müssen. Als Jüngster der Geschwister war er schließlich allein beim Vater zurückgeblieben, dem er bei der Feldarbeit helfen musste. Zu jener Zeit war das Leben hart, und so lernte der Junge schon früh Mangel und Ungemach kennen. Zwar fügte sich Mateu trotz seiner jungen Jahre mit scheinbarer Entschlossenheit in sein Schicksal, doch tief in seinem Inneren tröstete er sich mit Träumen von einer erfreulicheren Zukunft.
Aber die Vorsehung schien es ihm nicht leicht machen zu wollen. Er war erst neun Jahre alt, als auch sein Vater starb und ihn als Waisen zurückließ. Dieser letzte Todesfall traf ihn am schlimmsten. Stärker als zuvor spürte der Junge den bitteren Verlust, und er erkannte, dass er an dem Ort, wo er so viel Leid und Kummer erlebt hatte, nicht bleiben durfte.
Da er sich irgendwie durchschlagen musste, besann er sich fürs Erste auf das, was er konnte. Er verdingte sich auf einem Bauernhof, obwohl er die Arbeit nicht mochte. Doch die schweren Zeiten hatten ihn stark gemacht und Geduld gelehrt. Mateu war überzeugt, dass nichts ewig währte und es das Wichtigste sei, ein Ziel zu haben. Und das hatte er. Er hatte es immer gehabt. Unbewusst hatte es sich ihm in den Tagträumen von seiner Zukunft offenbart. Daher wusste er, dass er nun, da er allein auf der Welt war, seine Geschwister wiederfinden musste.
Die Anstellung auf dem Bauernhof bot ihm ausreichend Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Seine Aufgaben ermüdeten ihn zwar körperlich, aber sie ließen seinem Geist genügend Freiraum. In seinem Kopf arbeitete es unaufhörlich, während er sich anderen Dingen widmete. Und seine Sinne waren inzwischen so scharf, dass er schon am Gackern der auf dem Hof frei herumlaufenden Hühner erkennen konnte, welches ein Ei legen würde, das er essen konnte. Instinktiv war ihm sein leibliches Wohl ebenso wichtig wie sein scharfer Verstand.
Nach reiflicher Überlegung kam Mateu zu dem Schluss, dass es zu riskant sei, sich zu den Kolonien einzuschiffen. Es erschien ihm viel eher durchführbar, nach Barcelona zu gehen, wo seit einigen Jahren seine Brüder Anton und Llorenç lebten. Sie würden ihm sicher helfen, in der Hauptstadt, wo es unendlich viel mehr Möglichkeiten gab, eine bessere Arbeit zu finden als die, die er hatte. Zu verlieren hatte er nichts.
Jedenfalls nichts, das nicht in das Bündel gepasst hätte, mit dem er schließlich das Dorf verließ.
»Hast du dich verlaufen, mein Junge?«, erkundigte sich der Wirt des Gasthauses bei Mateu.
Bei seinem Eintreten hatte der Junge sämtliche Blicke auf sich gezogen. In der Schenke an der Landstraße von Arboç, einem kleinen Durchgangsort in der Nähe von Tarragona, kehrte stets ein bunt gemischtes Volk ein. Doch dass unversehens ein allein reisender Knabe auftauchte, war ungewöhnlich.
»Nein, ich bin auf dem Weg nach Barcelona.«
»Ganz allein? Das ist aber ein ganz schönes Stück …«
»Ich weiß, ich bin schon seit Tagen unterwegs.«
Die Reisenden an den Holztischen waren verstummt und lauschten dem Gespräch zwischen dem Gastwirt und dem Jungen.
»Woher kommst du denn?«
»Aus Torregrossa, einem Dorf bei Lleida. Von dort bin ich vor drei Tagen aufgebrochen. Ich bin gut vorangekommen, weil ich unterwegs auf einem Wagen mitfahren und auf einem Esel reiten durfte.«
»Und warum bist du fortgegangen? Für einen jungen Burschen wie dich kann es unterwegs sehr gefährlich sein.«
»Ich hatte dort niemanden mehr, und mir gefiel meine Arbeit nicht. Aber in Barcelona habe ich zwei Brüder. Wenn ich sie finde, helfen sie mir bestimmt. Und wenn nicht, schlage ich mich schon irgendwie durch.«
Die Gäste waren erstaunt über Mateus Entschlossenheit. Als die Gespräche allmählich wieder in Gang kamen, drehten sie sich nun alle um ihn. Es verwunderte die Leute, dass der Knabe, der offenkundig noch keine elf Jahre alt war, die neunzig Kilometer zwischen seinem Dorf und dem Städtchen Arboç ganz allein hatte zurücklegen können. Und dann wollte er mit seinem kleinen Bündel auch noch bis nach Barcelona.
Auch dem Gastwirt gingen die Geschichte und die Entschlossenheit des Jungen zu Herzen. Daher bot er ihm im Gegenzug für tatkräftige Mitarbeit in der Schankstube freies Logis an. Mateu nahm den Vorschlag dankend an, der es ihm erlaubte, wieder zu Kräften zu kommen, bevor er sich baldmöglichst erneut auf den Weg machen würde. Diese Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt verstreichen lassen, das hatte er aus den leidvollen Erfahrungen in seinem bisherigen Leben gelernt. Schon unterwegs hatte er sich auf seinen siebten Sinn verlassen können, wenn ihm andere Reisende angeboten hatten, ihn ein Stück des Wegs mitzunehmen. Früher oder später würde sich der Aufenthalt in Arboç als nützlich erweisen, davon war er fest überzeugt. Und damit traf er abermals ins Schwarze.
Am Tag nach seiner Ankunft im Gasthaus suchte ihn der Bürgermeister auf, der von der ungewöhnlichen Wanderschaft des Jungen erfahren hatte und mehr darüber wissen wollte. Mateu schilderte ihm ausführlich seine Lage und was er vorhatte. Nachdem sich der Bürgermeister die Geschichte angehört hatte, kam er auf eine Idee, wie er den Jungen gesund und sicher nach Barcelona schaffen könnte.
»Ein Bekannter von mir verkauft in der Stadt Sägemehl. Er ist ein guter Mensch, und wenn ich ihm von dir erzähle, lässt er dich sicher mitkommen. Und vielleicht hat er sogar Arbeit für dich.«
Der Bürgermeister sollte recht behalten. Sobald der Sägemehlverkäufer von der Reise des wild entschlossenen jungen Burschen hörte, bot er ihm an, sein Gehilfe zu werden. So gelangte Mateu Serra schließlich auf einem mit Säcken voller Holzstückchen beladenen Wagen nach Barcelona.
Dort angelangt, wurde ihm bewusst, dass es nicht einfach sein würde, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, so bescheiden dieses auch sein mochte. Die Stadt war bedeutend größer, als er erwartet hatte. Wie sollte er in diesem Häusermeer seine Brüder ausfindig machen? Ohne andere Orientierungspunkte als das nahe Meer oder die geschwungenen Umrisse der Serra de Collserola in der Ferne fühlte er sich verloren.
In den ersten Tagen war er wie erschlagen von der schieren Größe der Stadt, die ihn schwindeln ließ. Barcelona war im Zuge der Weltausstellung stark gewachsen, einem Ereignis, das der Stadt nicht nur herrliche modernistische Gebäude, sondern auch eine neue Blütezeit beschert hatte.
Mateu begriff schnell, dass es ihm in dieser Situation ein Leichtes sein würde, sein Auskommen zu finden. Beseelt von dieser Gewissheit, lieferte der Junge Säcke mit Sägemehl aus und widmete sich daneben der Aufgabe, seine Verwandten zu finden. Nach und nach lernte er die Verkehrsadern kennen, die die Stadt durchschnitten, und fühlte sich im Straßengewirr bald nicht mehr so verloren. Überdies kam er auf diese Weise in Kontakt zu Einheimischen, die womöglich etwas über seine Brüder wissen mochten.
Bei jeder passenden Gelegenheit wandte sich der Junge an Kaufleute und Händler und erkundigte sich nach seinen Verwandten. In einer Großstadt, die schon fast eine halbe Million Einwohner hatte, war das wahrlich kein leichtes Unterfangen, doch er hatte die Hoffnung, dass man in einer der Bäckereien, in denen er seine Sägespäne feilbot, von seinem Bruder Anton gehört hatte, der Bäcker war. Sobald er in die Läden kam, sprach er daher die Bäckersleute auf Anton an. Nur seiner unerschütterlichen Geduld und der Ausdauer, die er im Laufe seines noch kurzen Lebens entwickelt hatte, hatte es Mateu zu verdanken, dass er nicht den Mut verlor, wenn seine Nachforschungen wieder einmal nicht von Erfolg gekrönt waren.
Nach tagelanger ergebnisloser Suche erhielt er in einer Bäckerei im Stadtzentrum endlich den ersehnten Hinweis. Nachdem er daraufhin eine Weile durch die Straßen geirrt war, fand er schließlich die Adresse seines Bruders.
Als Mateu dann unvermittelt vor der Tür stand, erkannte Anton ihn im ersten Moment nicht. Sie hatten sich seit dem Tod ihres Vaters vor zwei Jahren nicht mehr gesehen, und in dieser Zeit hatte sich der Junge stark verändert. Seine dunklen, lebhaften Augen waren noch dieselben, aber die weichen, kindlichen Züge waren herber geworden, und die langen Stunden harter Arbeit hatten seine Statur gekräftigt.
»Erkennst du mich etwa nicht?«, musste der Junge fragen, als sein Bruder in der Tür stehen blieb und ihn verdutzt musterte.
»Ja doch, natürlich!«, antwortete Anton zögernd und trat zur Seite, um Mateu hereinzubitten. »Ich habe nur nicht mit dir gerechnet. Aber sag mal … was machst du denn hier? Und wie hast du mich gefunden?«
»Glaub ja nicht, dass das leicht war. Ich musste lange herumfragen. Ich bin schon vor einer Woche nach Barcelona gekommen, mit einem Holzhändler, den ich in Arboç kennengelernt habe. Ich arbeite jetzt für ihn.«
»Warst du nicht Knecht auf einem Bauernhof?«
»Ich habe gekündigt. Es gefiel mir dort nicht, und da habe ich mir ein Beispiel an dir und Llorenç genommen. Weißt du übrigens etwas über ihn?«
»Er führt nicht weit von hier eine Pension. Wir gehen nachher zu ihm. Ich bin gespannt, was er für ein Gesicht macht, wenn er dich sieht … Junge, wie du dich verändert hast. Aus dir ist ja beinahe ein richtiger Mann geworden!«
Nachdem Mateu seinem Bruder ausgiebig von seiner abenteuerlichen Reise nach Barcelona erzählt hatte, erkundigte sich Anton nach seiner Arbeit.
»Die Sache mit dem Sägemehl ist gar nicht schlecht«, sagte er. »Aber wir wollen versuchen, etwas Besseres für dich zu finden.«
Einige Tage später hatten seine beiden Brüder Mateu eine Anstellung als Kohlenbote verschafft. Allerdings konnte der Junge weder lesen noch schreiben. Das erschwerte es ihm, die Adressen zu finden, an denen er die Ware abliefern sollte. Anton und Llorenç halfen ihm, so gut sie konnten. Sie erklärten ihm jedes Mal den Weg und brachten ihm mithilfe eines Kartenspiels bei, Ziffern zu erkennen. Auf diese Weise machte der blitzgescheite Mateu sein mangelndes Wissen wett und schlug sich in seiner neuen Arbeit wacker.
Nach kurzer Zeit kannte der Junge bereits sämtliche Straßen, Plätze und Alleen der Stadt und wusste, welche Geschäfte dort angesiedelt waren. Überdies schulte der Verkehr mit den Kunden seine Menschenkenntnis und Umgangsformen, was ihm in den kommenden Jahren gute Dienste erweisen sollte.
Mit vierzehn Jahren kam Mateu in das Alter, in dem er einen Beruf erlernen konnte, und er begann, als Lehrling in der Bäckerei seines Bruders Anton zu arbeiten. Zwar hatte es ihm gefallen, als Kohlenbote durch die Straßen der Stadt zu streifen, doch in seiner neuen Tätigkeit eröffnete sich ihm eine faszinierende Welt. In der Backstube kam ihm das Leben viel intensiver und unmittelbarer vor. Manchmal schien sich sogar die Zeit anders anzufühlen. Wie Mehl, dicht und flüchtig zugleich und unendlich kostbar.
Zum ersten Mal im Leben fand er wirklich Gefallen an dem, was er tat. Es war ein unbezahlbares Gefühl, aus so einfachen Zutaten wie Mehl, Salz und Wasser etwas so Edles und Lebenswichtiges zu erschaffen wie Brot. Sobald er die Grundlagen des Handwerks beherrschte, wagte er sich daher an eine eigene Kreation, die er Bauernbrot nannte.
Für den Teigansatz häufte er Mehl auf, in das er eine Mulde drückte, und gab Salz, Hefe und Wasser hinein. Dann knetete er alles so lange, bis er einen geschmeidigen Teig erhielt, den er unter einem feuchten Tuch zwei Stunden lang ruhen ließ. Für den Brotteig schichtete er einen Vulkan aus vier verschiedenen Mehlsorten mit Weizenschrot und Salz auf. Nachdem er behutsam alles vermischt hatte, fügte er Wasser hinzu, bis sich eine zähe, weiche Masse bildete, zu der er langsam den Sauerteig hinzugab. Dann ließ er das Ganze unter einem feuchten Tuch für eine Dreiviertelstunde an einem warmen Ort gehen. Anschließend teilte er den Teig und formte ihn zu Brotlaiben, die er erneut mit einem feuchten Tuch bedeckte, bis er sie am nächsten Tag backen konnte.
Er konnte nicht ahnen, dass das Rezept für dieses Brot die Zeit überdauern und eines Tages als Vermächtnis an seine Nachkommen weitergegeben werden sollte. Das lag noch in ferner Zukunft, und bis dahin musste Mateu so manchen Schicksalsschlag überwinden.
Der Erste ereilte ihn noch vor seinem neunzehnten Geburtstag.
Schon seit Tagen zerbrach sich Mateu den Kopf. Die Entscheidung, die er zu fällen hatte, würde sich auf sein gesamtes Leben auswirken, und er wollte ganz sichergehen. Und so grübelte er von früh bis spät, morgens in der Backstube und abends, wenn er vor Erschöpfung ins Bett sank. Er wollte nichts überstürzen, aber die Zeit verstrich unerbittlich, und er musste eine Antwort geben.
Vier Tage zuvor war nach der Arbeit einer der Kunden der Bäckerei zu ihm gekommen. Es war der Sohn eines Ladenbesitzers aus dem Viertel, der im Geschäft seines Vaters mitarbeitete. Er mochte nicht viel älter sein als Mateu, doch an diesem Abend schien er durch seine ausgemergelte Gestalt um Jahre gealtert. Er hatte sichtlich abgenommen, und tiefe Augenringe verschatteten sein Gesicht. Der Glanz in seinen Augen war erloschen.
»Entschuldigen Sie die Störung, junger Mann«, sprach er Mateu freundlich an. »Ich würde Sie nicht belästigen, wenn ich nicht einen triftigen Grund hätte. Aber ich weiß keinen Ausweg mehr.«
»Keine Sorge, ich helfe gern, wenn ich kann.«
»Sie sind zu liebenswürdig. Sehen Sie, es geht um den Krieg mit Kuba. Ich bin eingezogen worden, aber im Moment kann ich unmöglich dorthin gehen. Ich habe ein zweijähriges Kind, und ein weiteres ist unterwegs, und außerdem ist da noch der Laden. Mein Vater ist alt, ich kann ihn mit dem Geschäft nicht allein lassen.«
»Worauf wollen Sie hinaus? Soll ich etwa an Ihrer Stelle nach Kuba gehen?«
Die Gesetze erlaubten es Rekruten zu jener Zeit, sich gegen Zahlung einer gewissen Summe durch einen Ersatzmann vertreten zu lassen. Der Mann antwortete nicht gleich. Er rieb sich die Hände, um sein nervöses Zittern unter Kontrolle zu bringen.
»Bitte bedenken Sie meine Lage. Was soll aus meinen Kindern und aus meiner Familie werden? Glauben Sie mir, ich würde Sie nicht darum bitten, wenn ich nicht verzweifelt wäre. Selbstverständlich werde ich Sie finanziell entschädigen.«
Mateu bat ihn um ein paar Tage Bedenkzeit. Resigniert willigte der Sohn des Ladenbesitzers ein. Er hatte keine Wahl, auch wenn die bohrende Ungewissheit an ihm nagte.
Vier Tage nach diesem Gespräch fasste der junge Bäcker einen Entschluss. Die Vorsehung musste ihm diesen Mann geschickt haben. War es nicht immer schon sein Traum gewesen, nach Übersee zu reisen? Gewiss war dies ein Zeichen, und Mateu hatte nicht vor, es zu ignorieren.
So kam es, dass der junge Mann sechs Jahre nach seiner Ankunft in Barcelona an Bord eines Schiffes erneut zu einer Reise aufbrach, die diesmal allerdings sehr viel länger dauern sollte als die erste. Nachdem er den Ozean überquert hatte, musste sich Mateu Abertausende von Kilometern fern der Heimat an ein neues Leben gewöhnen. Nicht nur die strenge militärische Disziplin war ihm fremd, auch das Klima und die Landschaft der Insel unterschieden sich sehr von dem Viertel in Barcelona, das er hinter sich gelassen hatte.
Doch der junge Mann wusste sich an die neuen Umstände anzupassen. Zu dem beherzten Wesen, das ihn seinerzeit dazu gedrängt hatte, aus seinem Heimatdorf zu fliehen, gesellte sich inzwischen die Lebenserfahrung der letzten Jahre. Der tägliche Umgang mit Menschen hatte seine Intuition geschärft und ihn den nötigen Scharfsinn entwickeln lassen, um mit allen Eventualitäten fertigzuwerden.
Mehr als drei Jahre verbrachte er in dem Land, das für seine Unabhängigkeit stritt. Der Krieg, in dem er kämpfte, endete schließlich in einem Fiasko, das der Gesellschaft und der politischen Klasse Spaniens jener Zeit einen empfindlichen Schlag versetzte.
Doch für Mateu sollte es nicht bei der militärischen Niederlage bleiben. Als er sein ganzes Geld in eine Schiffsladung Papier investierte und er diese in einem Unwetter verlor, traf ihn auch persönlich mit voller Wucht das Unglück.
Kurz vor seiner Heimkehr hatte er sich überlegt, wie er aus dem Geld, das er als Ersatzmann des Kaufmanns verdient hatte, Profit ziehen konnte, und hatte damit schließlich eine Partie Papier gekauft. Er rechnete beim Verkauf mit einem stattlichen Gewinn, da Papier in Spanien teuer war, und hatte vor, den Ertrag in die Textilindustrie oder Immobiliengeschäfte zu investieren. Aber dass ein Sturm während der Überfahrt die gesamte Fracht des Schiffs beschädigen könnte, hatte er nicht einkalkuliert.
Es war einer der seltenen Momente in seinem Leben, in denen der junge Mann den Mut verlor. Als der Kapitän des Schiffs sah, wie niedergeschlagen Mateu war, bekam er Mitleid mit ihm und schenkte ihm einen Sextanten und eine bronzene Glocke, um seinen Verlust wettzumachen. Diese spontane Geste deutete Mateu erneut als Wink des Schicksals und nahm sie als Beweis, dass sein Leben fortan in einem anderen Fahrwasser verlaufen sollte.
Mit dieser Überzeugung stürzte er sich wieder voller Tatkraft in seine Aufgaben in Antons Backstube und half daneben in Llorenç’ Pension aus. Dass er in diese vertraute Welt zurückkehren konnte, die er während seiner Zeit in Kuba so schmerzlich vermisst hatte, tröstete ihn über den Verlust des Geldes hinweg. Es machte ihn froh, mit seinen Brüdern zusammenzuarbeiten und im Bäckerberuf, in dem er längst seine Erfüllung gefunden hatte, zur Meisterschaft gelangen zu können.
Schon morgens beim Aufstehen beseelte ihn der Wunsch, der Kundschaft Brote in bester Qualität anzubieten. Es machte ihn stolz, wenn sein Blick über die Auslagen mit den Backwaren schweifte, die er mit derselben Hingabe hergestellt hatte, die er stets bei allem, was er tat, an den Tag legte. Die Kunden wussten seinen Eifer zu schätzen und kamen immer wieder, als wäre dies Teil eines köstlichen Zeremoniells.
Mit einigen seiner treuen Stammkunden freundete Mateu sich schließlich an. Darunter war auch der Pförtner eines nahe gelegenen Wohnhauses, der es sich angewöhnt hatte, in die Backstube zu kommen, um sich aufzuwärmen. Dort hielt er so manchen Schwatz mit dem jungen Bäcker, aus dessen anfänglicher Freundlichkeit im Laufe der Zeit Zuneigung wurde. Dabei erfuhr Mateu, dass der Mann, der Josep hieß, aus Tortosa stammte und schon vor etlichen Jahren nach Barcelona gekommen war. Früher war Josep Schuster gewesen, doch seit ihn ein Gebrechen gezwungen hatte, diesen Beruf aufzugeben, führte er gemeinsam mit seiner Frau eine Pförtnerloge.
Nach kurzer Zeit sollte Mateu erkennen, dass seine Bekanntschaft mit Señor Josep ein erneuter Wink des Schicksals war. Der Pförtner hatte mehrere Kinder, und als jemand Mateu gegenüber erwähnte, dass seine Tochter Josefina eine vorzügliche Ehefrau für ihn wäre, folgte der junge Mann abermals seiner inneren Stimme, die ihn noch nie getrogen hatte, und bat darum, das Mädchen kennenzulernen.
Seine Eingebung sollte sich auch diesmal als richtig erweisen. Josefina entpuppte sich als reizende, fleißige junge Frau, die ebenso zupackend war wie er selbst. Nur dreizehn Monate nach ihrem ersten Rendezvous beschlossen die beiden jungen Leute zu heiraten.
Die Ehe mit Josefina gab Mateus weiterem Lebensweg die entscheidende Wendung. Mit ihrer Unterstützung wagte der junge Bäcker das größte Abenteuer seines Lebens und eröffnete am 26. Juli 1906, zwanzig Jahre vor Albas Geburt, die Bäckerei Serra.
Damit legte Mateu den Grundstein dafür, dass sich der von ihm eingeschlagene Weg in eine Odyssee über die Zeiten hinweg verwandeln sollte.
Alba ließ das Mehl durch die Finger der einen Hand rinnen, während sie mit der anderen in einem kleinen Stieltopf rührte. Sofort überlagerte das Aroma des Anislikörs die Gerüche der übrigen Zutaten. Ein betörender Duft breitete sich in der Küche aus. Die junge Frau achtete peinlich genau darauf, wie rasch das Mehl auf die vermengten Zutaten rieselte. Trotz ihrer Jugend hatte sie schon vor langer Zeit gelernt, das richtige Verhältnis von Menge, Zeit und Geschwindigkeit auszuloten. Inzwischen erreichten die von ihr zubereiteten Gerichte einen Grad der Perfektion, der nur in vollkommener Harmonie zu finden ist.
Unter dem stetigen Rühren des Schneebesens verband sich das Mehl mit dem flüssigen Anislikör, dem Sonnenblumenöl, den zähflüssigen Eiern und dem weichen Puderzucker zu einem sämigen Teig. Alba mochte das Gefühl des samtig zwischen ihren Fingern dahinrinnenden Mehls, das sie an die weiche, makellose Haut kleiner Kinder erinnerte.
Unwillkürlich musste sie an ihre eigene Kindheit denken. Schon als kleines Mädchen war sie ständig voller Mehlstaub gewesen. Sie hatte sich früh von der Küche magisch angezogen gefühlt, einem Raum, der ihr nicht von dieser Welt schien. In der wohligen Wärme eines nie verlöschenden Herdfeuers, über dem sich je nach Tages- oder Jahreszeit die verschiedensten Düfte entfalteten, konnte sie beim Köcheln der Kasserollen jedes Zeitgefühl verlieren.
Ihr bisheriges Leben stellte sich wie eine einzige Abfolge von Mahlzeiten und Festmahlen dar, mit deren Zubereitung sie von ihrer Familie immer häufiger betraut wurde, je älter sie wurde und je stärker sie sich in der Küche einbringen konnte.
Alba hielt in der Bewegung inne, als sie sah, dass die Zutaten im Stieltopf inzwischen einen glatten Teig bildeten. Sie kippte ihn auf den Küchentisch und unterteilte ihn in Portionen, die sie zu Kugeln formte. Sie fühlten sich weich an, hatten aber genau die richtige Konsistenz, um verarbeitet zu werden. Der Anisgeruch war nun nicht mehr ganz so durchdringend, und als die junge Frau begann, die Teigkugeln zu flachen Kreisen zu zerdrücken, war sie mit dem Zusammenspiel der verschiedenen Aromen zufrieden. In die Mitte eines jeden Teigkreises gab sie einen Teelöffel des Engelshaar genannten feinfaserigen Kürbismuses und fügte ein wenig Honig hinzu. Zum Schluss klappte sie die Teigtaschen zu, verschloss den Rand mit einem Hahnenkammmuster und schob sie in den Ofen.
Während die Wärme sie in kleine, halbmondförmige Köstlichkeiten verwandelte, räumte Alba die Küche auf. Ihre Gedanken kamen jedoch nicht zur Ruhe. Sie malte sich aus, welchen Eindruck diese süßen Teilchen auf ihre neuen Arbeitgeber machen würden, für die sie seit zwei Monaten als Köchin tätig war. Sie war zum ersten Mal in einem so herrschaftlichen Haushalt angestellt, doch bisher hatte sich die Familie von ihrem Können sehr beeindruckt gezeigt.
In den vergangenen fünf Jahren hatte sie als Küchenhilfe bei der Inhaberin eines Ladens in ihrem Viertel Sants gearbeitet. Sie war gerade einmal fünfzehn Jahre alt gewesen, als sie diese erste Stelle angetreten hatte, bei der sie neue Fertigkeiten dazulernen konnte. Schließlich hatte sie sich in der Nachbarschaft einen gewissen Ruf erworben, dem sie es zu verdanken hatte, dass man in einigen betuchten Familien auf sie aufmerksam wurde. Zu guter Letzt hatten ihr die Vidals, gut situierte Leute aus dem Eixample-Viertel, die gerade eine Köchin suchten, ein verlockendes Angebot gemacht. Das Oberhaupt der Familie war ein bekannter Architekt, der ein reges gesellschaftliches Leben führte. In seiner großen Wohnung am Passeig de Gràcia gab es des Öfteren festliche Anlässe, und so hatte die Dame des Hauses Alba eine Stelle angeboten, zu der sie nicht Nein sagen konnte. Kurz entschlossen kündigte die junge Frau bei der Ladenbesitzerin, um in die Dienste ihrer neuen Herrschaft zu treten.
Nur wenige Wochen später hatte ihr ihre offensichtliche Begabung in kulinarischen Belangen die Bewunderung der Familie des Architekten und ihrer Gäste eingetragen. Ihre Arbeitgeber konnten trotz der zu jener Zeit herrschenden Rationierung selbst schwer erhältliche Lebensmittel beziehen, was in Verbindung mit Albas Einfallsreichtum zu überaus delikaten Gaumenfreuden führte.
Alba wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Teigtaschen ebenso goldgelb glänzten wie ihr sanft gewelltes Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden hatte. Auch die Sprenkel, die die grünliche Iris ihrer Augen wie ein winziger Feuerring umgaben, hatten einen ähnlichen Farbton.
Als sie die Ofentür öffnete, schlug ihr mit der Wärme ein verführerischer Duft entgegen. Er erinnerte sie daran, was sie auf die Idee gebracht hatte, diese Leckereien zu backen.
Es war der 15. März, der Geburtstag ihrer Mutter, und Alba backte in jedem Jahr an diesem Tag Pastissets de Tortosa, um dem Gebäck zu huldigen, dem sie es zuschrieb, dass sie auf der Welt war. Denn genau neun Monate vor ihrer Geburt hatte ihre Großmutter Elvira diese Naschereien in der Bäckerei von Mateu Serra, in der sie Stammkundin war, als Geburtstagsgeschenk für Albas Mutter gekauft. Ihre Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als vierzehn Jahren verheiratet gewesen, doch ihre Ehe war kinderlos geblieben. Aber vierzig Wochen nachdem ihre Mutter sich das Gebäck hatte schmecken lassen, war sie, Alba, zur Welt gekommen.
Als Alba diese Anekdote später erzählt wurde, verstand sie mit einem Mal, woher sie ihr Händchen für alles Gastronomische und ihre besondere Begeisterung für die Feinbäckerei hatte. Dieses Wunder nannte sie fortan »die Magie des Süßen«.
Von da an war sie fest davon überzeugt, dass das Konditorhandwerk mehr als eine Kunst war. Und dass das Leben für sie mehr zu bieten hatte als Wunschträume.
»Darf ich eins probieren?«
Alba schaute von dem Backblech auf, das sie auf einer Ablage abgestellt hatte, und begegnete dem Blick der ältesten Tochter der Vidals. Der flehende Ausdruck in den blitzenden Augen des Mädchens entlockte ihr ein nachgiebiges Lächeln.
»Noch nicht, Schätzchen«, antwortete sie. »Sie sind noch zu heiß. Aber heute Nachmittag kannst du so viele essen, wie du magst.«
Bei diesem süßen Versprechen leuchteten die braunen Augen der Kleinen hoffnungsvoll auf. Seufzend strich Alba über die dunklen Locken des Mädchens.
Obwohl die junge Köchin erst seit acht Wochen für die Familie arbeitete, hatte sie Núria und ihren kleinen Bruder Pau bereits ins Herz geschlossen. In diesen beiden Monaten war die Naschlust der Kinder geweckt worden, und sie hatten die neue Köchin lieb gewonnen.
Denn Alba besaß nicht nur ein umgängliches Wesen, sondern hatte auch unendlich viel Geduld mit den Kindern, deren Neugier von ihrem kulinarischen Geschick geweckt worden war. Anstatt sie aus der Küche zu verscheuchen, wo sie sie mit großen Augen beobachteten, beflügelte sie ihre Fantasie, indem sie ihnen zu den Gerichten, die sie zubereitete, passende Geschichten erzählte. Mal handelten sie von den Eigenschaften der Nahrungsmittel, andere Male von deren ferner Herkunft, und sie wurden von Alba stets mit wahren oder erfundenen Anekdoten ausgeschmückt.
