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Beinahe eine Woche lang beobachtet die in Kambodscha untergetauchte Clara den einsamen Mann an der Theke, der jeden Abend damit verbringt, Whisky zu trinken und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Am letzten Abend, bevor sie ihre Mutter aus dem Krankenhaus abholen soll, spricht sie ihn an und stellt überrascht fest, dass der Mann, der sich als Schriftsteller auf der Suche nach einem Sujet für seinen zweiten Roman entpuppt, sie erkennt. Die beiden kommen ins Gespräch, und bevor der Abend vorbei ist, erzählt Clara ihre Geschichte. Eine Geschichte, die in ihrer Kindheit beginnt, mit Klavierunterricht und einem tragischen Erlebnis, das sie jäh aus der Bahn wirft, weitergeht. Sie erzählt vom Wiedereinstieg in die Musikwelt und der in einer Männerdomäne hart erkämpften Karriere als Dirigentin. Und sie erzählt von einer Vergewaltigung, die so lange in ihr weitergärt, bis sie ihre Karriere Jahre später implodieren lässt. Die Befreiung ist die Geschichte einer starken Frau, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz treu bleibt. Der Roman handelt von toxischer Männlichkeit, von sexualisierter Gewalt in der Musikwelt, ist aber auch die Geschichte einer etwas anderen Mutter-Tochter-Verbindung, der Frage nach Schuld, Reue und Vergebung.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
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© 2023, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Teresa Profanter
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-97-2
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-021-5
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Roland Freisitzer
wurde 1973 in Wien geboren und wuchs in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren. Der Komponist und Dirigent ist Dozent im Bereich der zeitgenössischen Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie stellvertretender Schulleiter an der Friedrich Gulda School of Music in Wien.
Nach seinem 2021 erschienenen Debüt Frey ist Die Befreiung sein zweiter Roman bei Septime.
Klappentext:
Beinahe eine Woche lang beobachtet die in Kambodscha untergetauchte Clara den einsamen Mann an der Theke, der jeden Abend damit verbringt, Whisky zu trinken und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Am letzten Abend, bevor sie ihre Mutter aus dem Krankenhaus abholen soll, spricht sie ihn an und stellt überrascht fest, dass der Mann, der sich als Schriftsteller auf der Suche nach einem Sujet für seinen zweiten Roman entpuppt, sie erkennt. Die beiden kommen ins Gespräch, und bevor der Abend vorbei ist, erzählt Clara ihre Geschichte. Eine Geschichte, die in ihrer Kindheit beginnt, mit Klavierunterricht und einem tragischen Erlebnis, das sie jäh aus der Bahn wirft, weitergeht. Sie erzählt vom Wiedereinstieg in die Musikwelt und der in einer Männerdomäne hart erkämpften Karriere als Dirigentin. Und sie erzählt von einer Vergewaltigung, die so lange in ihr weitergärt, bis sie ihre Karriere Jahre später implodieren lässt. Die Befreiung ist die Geschichte einer starken Frau, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz treu bleibt. Der Roman handelt von toxischer Männlichkeit, von sexualisierter Gewalt in der Musikwelt, ist aber auch die Geschichte einer etwas anderen Mutter-Tochter-Verbindung, der Frage nach Schuld, Reue und Vergebung.
ROLAND FREISITZER
DIE BEFREIUNG
ROMAN
für Constanze und Julia
1
Sie setzt sich an einen Tisch an der Fensterfront, von dem man gute Sicht auf den Barbereich und den Fluss hat. Draußen schiebt sich gerade ein qualmender alter Touristendampfer am Lokal vorbei. Er ist so nah, dass sie die Aufregung in den Gesichtern der überwiegend grauhaarigen Passagiere erkennen kann. Am Achterdeck tanzen vereinzelte Paare eng umschlungen zu den Klängen einer vierköpfigen Band. Ein kurz aufflackernder Streit, ein paar Tische von ihrem entfernt, holt ihre Aufmerksamkeit ins Lokal zurück. Sie lässt den Blick durch den Raum schweifen und sieht den fragenden Blick der Barkeeperin. Sie erwidert ihn mit einem Nicken.
Der Mann ist noch nicht hier, doch sein Stammplatz an der Bar wird bereits von einem kleinen Fahnenhalter mit Fußballwimpeln bewacht, die die für Stammgäste reservierten Plätze kennzeichnen. Die Bedienung bringt ihr den ersten Gin Tonic des Abends – wie viele werden heute folgen? –, an dem sie nippt, während sie den Eingangsbereich beobachtet. Noch ist es hier ruhig. Von Zeit zu Zeit schaut das eine oder andere Pärchen zur Tür herein, zumeist händchenhaltende Touristen mit um den Hals baumelnden Fotoapparaten. Die meisten von ihnen verlassen das Lokal sofort wieder, die anderen nach dem ersten Drink. Hier bleiben überwiegend Männer hängen. Durstige Männer auf der Suche nach einem preisgünstigen sexuellen Abenteuer. Dazu die jungen Frauen, die sich, um ihre Kinder oder Eltern ernähren zu können, für diese sexuellen Abenteuer zur Verfügung stellen.
Und der Mann, der noch nicht hier ist.
Und sie.
Kurz nach achtzehn Uhr erscheint er, das obligate Buch in der linken Hand, und blickt sich, noch im Türrahmen stehend, misstrauisch im Lokal um. Nach kurzem Zögern tritt er ein und geht zielstrebig zur Bar.
Seit vier Tagen sitzt er jeden Abend hier und wird das Hemingway’s Hell wohl auch heute – oder eher morgen – wieder erst zur Sperrstunde verlassen, die nach Lust und Laune des Besitzers variiert. Wankend und zeitgleich mit ihr, die Abend für Abend daran arbeitet, ihre Gedanken bis zur Sperrstunde in Alkohol zu ertränken. Dabei erringt sie allerdings immer nur kleine, unwichtige Tagessiege gegen ihre Erinnerungen, mehr schafft sie nie. Am Morgen danach drängen die nur oberflächlich weggespülten Gedanken zielstrebig und schmerzhaft aus dem Haufen Schutt in ihrem Kopf hervor.
Sie fragt sich, ob es dem Mann ähnlich geht.
Er trinkt ausschließlich Whisky pur und raucht jeden Abend mindestens zwei Schachteln Lark. Wo er die japanischen Zigaretten in Phnom Penh besorgt, ist ihr ein Rätsel. Er sucht keinen Kontakt und ist nicht einmal an einem harmlosen Flirt mit den Kellnerinnen interessiert, egal, wie sehr sie sich darum bemühen. Weibliche Reize – und die sind hier wirklich im Überangebot vorhanden – interessieren ihn nicht. Mit einem verständnisvollen Lächeln, das beinahe wie eine Entschuldigung wirkt, erstickt er Annäherungsversuche sanft, aber deutlich bereits im Keim. Obwohl er diese freundliche, warme Ausstrahlung hat, ist doch klar, dass er seine Ruhe haben will. Während die anderen männlichen Gäste, entweder allein oder in Gruppen, das Lokal spätestens nach zwei oder drei lauwarmen, kohlensäurearmen Krügen Angkor Beer in Begleitung einer jungen Frau verlassen, sitzt er unbeweglich über den überquellenden Aschenbecher gebeugt und nickt in regelmäßigen Abständen einer der Frauen hinter der Bar zu, die ihm daraufhin ein weiteres Glas Whisky bringen. Immer einen doppelten. Ohne Eis.
Seine lange Leinenhose, die feinen Halbschuhe und das dezente, einfarbige Baumwollhemd passen nicht ins Bild der hier vorherrschenden Hawaiihemden, Sandalen, weißen Socken und viel zu kurzen Hosen. Der Mann sitzt einfach nur da, trinkt und raucht.
»Wieso tust du das? Wieso sitzt du gerade in diesem abscheulichen Lokal, das eigentlich Hell’s Brothel heißen sollte, und schlägst die Zeit mit Alkohol und Zigaretten tot?«, fragt sie sich leise.
Von Zeit zu Zeit zieht er ein zerknittertes Foto aus dem Buch, das er neben sich auf der Theke liegen hat, starrt das Foto eine Weile an und steckt es dann wieder weg. Ein paar Zigaretten später öffnet er das Buch, immer an einer anderen Stelle, beginnt zu lesen und bleibt spätestens nach zwei oder drei Seiten hängen, bevor er es kopfschüttelnd zur Seite legt. Wie an allen vorhergehenden Abenden auch. In dieser Umgebung ist der Mann ebenso Fremdkörper wie sie. Mit einem Lächeln stellt ihm die Barkeeperin den ersten Whisky neben den Aschenbecher und erkundigt sich nach seinem Befinden.
Was für ein hinreißender Augenaufschlag, denkt sie, überrascht, dass sie dieses sanfte Ziehen im Bauch spürt. Zum ersten Mal seit wie vielen Jahren?
Er nickt kurz und verschwindet erneut in seiner selbst gewählten Einsamkeit. Umgeben von einer eigenartigen Traurigkeit, einer Art tief sitzenden Melancholie, die ihr Interesse geweckt hat. Seit Tagen versucht sie sich von ihrem Grübeln abzulenken, indem sie sich die Gründe für das Verhalten des Mannes vorzustellen versucht. Hat er die Liebe seines Lebens verloren? Hat sie ihm vielleicht ein anderer Mann ausgespannt? Oder hat womöglich ein bösartiger Tumor oder ein Unfall sein Glück zerstört? Irgendetwas Tragisches muss ihm passiert sein. Warum sonst würde er hier sitzen und einsam trinken?
»Heute muss ich ihn endlich ansprechen, sonst mache ich das nie!«, sagt sie wenig später auf der Toilette zu sich, während sie beim Händewaschen in den Spiegel sieht. Sie kann sich nicht erklären, woher dieser Wunsch kommt. Auch nicht, was sie sich davon verspricht. Ob sie sich überhaupt etwas davon verspricht. »Was soll denn das schon bringen? Wieso willst du jemanden ansprechen, den du nicht kennst?«, fragt sie ihr ratlos schweigendes Spiegelbild. »Du bist doch auch zu gar nichts zu gebrauchen«, fügt sie kopfschüttelnd hinzu. Inmitten all dieser Verwirrung ist ihr nur klar, dass es sein muss. Sie will ihn kennenlernen.
Zurück an ihrem Tisch nippt sie wieder an ihrem Drink und bemüht sich vergeblich, in dem Buch weiterzulesen, in dem sie seit Wochen nicht weiter als bis Seite neun gekommen ist. Was nicht am Buch liegt, das ist ihr klar. Die meisten Wörter verschwimmen vor ihren Augen zu dunklen Flecken, die sich hämisch in Luft auflösen, bevor sie sie festhalten und zu sinnvollen Sätzen destillieren kann. Nach wenigen Minuten steckt sie das Buch zurück in die Handtasche und starrt aus dem Fenster, beobachtet die am Lokal vorbeitreibenden Menschen. Was tun? Sie sollte den Drang, den Mann anzusprechen, einfach ignorieren und heute einigermaßen nüchtern zurück in die Wohnung gehen. Es ist sowieso ihre letzte Nacht hier. Wozu muss sie wissen, was den Mann zum trüben Nichtstun antreibt? Sie sollte lieber ordentlich schlafen. Um wach und bereit für das zu sein, was sie morgen erwartet. Für das, was sie nur dunkel erahnen kann. Für das, was sie in Wahrheit gar nicht kommen sehen will.
Ist mein Interesse an diesem Mann nur ein Vorwand, weil ich diese Nacht nicht allein verbringen kann?, fragt sie sich. Oder weil ich diese Nacht nicht allein verbringen will? Wie kann ich die Dämonen in mir zum Schweigen bringen?
Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass es in wenigen Minuten zwanzig Uhr ist. Die letzten eineinhalb Stunden sind wie achtlos weggespült, wie so viele Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre ihres Lebens. Wie von unsichtbarer Hand ausradiert aus dem Gedächtnis. Einfach so. Sie trinkt den Gin Tonic aus, der nur mehr nach den längst geschmolzenen Eiswürfeln schmeckt, und bestellt einen zweiten. »Jetzt oder nie«, sagt sie laut, als das Glas auf ihren Tisch gestellt wird, und genehmigt sich noch einen kräftigen Schluck Mut. Ein halbes Glas Mut. Reicht das? Mit dem halb leeren Glas steht sie etwas zu schnell auf, wankt dabei leicht, geht zum Tresen, platziert sich unbeholfen neben dem Mann und schafft es gerade noch rechtzeitig, ein leises Rülpsen zu verhindern. Sie lacht. Die Barkeeperin wirft ihr einen gereizten Blick zu und schüttelt warnend den Kopf. Keine Sorge, Schätzchen, ich will nicht das, was du meinst, denkt sie. Das ist so ziemlich das Letzte, was ich möchte.
Sie räuspert sich und stellt sich den Auftakt zu einer längst verstummten Symphonie vor. Zwei Schläge, der erste fürs Tempo, der zweite für die Musik. Ja, ja, genau so. Dabei muss sie lächeln.
»Was bringt dich dazu, jeden Abend allein in diesem unappetitlichen Loch zu verbringen?«, fragt sie bemüht zwanglos und hört ihre Frage wie eine fadenscheinige, schmierige Anmache im Krach der im Hintergrund lärmenden Typen verpuffen. Oh mein Gott, wie peinlich …
Sie streckt sich, versucht, den Titel des neben ihm liegenden Buches zu erkennen. Niemandsland. Bevor sie den Namen des Autors lesen kann – irgendwas mit Onet –, dreht er sich ihr zu und verdeckt das Buch mit seinem linken Arm. Ohne Absicht, wie ihr scheint. Er sieht irritiert auf und kratzt sich an der unrasierten Wange. Seine Augen sind rot und geschwollen.
»Das könnte ich dich eigentlich auch fragen, wo du doch seit Tagen ungefähr dasselbe machst«, sagt er trocken und deutet mit einer unbeholfenen Geste auf den unbesetzten Hocker zu seiner Rechten. »Daniel.«
»Clara«, sagt sie und ärgert sich, dass sie sich im Vorfeld keinen besseren Satz überlegt hat, irgendeinen anderen Satz, egal welchen, einen, der zumindest nicht so plump und anzüglich gewirkt hätte.
»Brauchst du Nachschub?«, fragt er und deutet auf ihr Glas. Sie schüttelt den Kopf und setzt sich. Er betrachtet sie nachdenklich und zündet sich eine Zigarette an. Dann hält er ihr die Schachtel hin. Sie nickt und greift zu.
»Danke.«
»Auch auf die Gefahr hin, dass das, hm … vielleicht wie eine billige Anmache wirkt … und bitte, versteh mich jetzt nicht falsch, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dein Gesicht schon einmal irgendwo gesehen habe«, sagt er, während er ihr Feuer gibt. »Das denke ich mir schon, seitdem ich dich hier vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen habe. Vielleicht sagen dir das aber alle Männer, denen du begegnest. Sorry … So, ich meine, du weißt schon wie, so meine ich es nicht. Jedes Mal, wenn ich geglaubt habe, mir sicher zu sein, habe ich gewusst, dass das einfach nicht sein kann. Ich meine, dass es nicht möglich ist, dass ich dich schon mal gesehen habe. Nicht weil du ein Durchschnittsgesicht hättest oder so … Ich mache es gerade noch schlimmer, oder? Tut mir leid … Ich frage mich nur, wieso ich eine Frau erkennen sollte, die in einer lausigen Bar in Phnom Penh abhängt, wo es doch ungefähr vier Milliarden Frauen auf dieser Welt gibt. Eine, die außerdem, wie ich höre, aus demselben Land wie ich stammt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns nicht privat kennen, sondern dass mir dein Gesicht aus den Medien bekannt ist. Was die Sache noch unmöglicher macht, nicht wahr? Aber ich rede mich da in eine ganz schiefe Sache rein. Mir fällt schon noch ein, wer du bist oder woher du mir bekannt vorkommst … Spätestens, wenn ich wieder nüchtern bin …«
»Hoffentlich nicht …«, sagt sie.
Überrascht sieht er sie an, überlegt und lächelt kurz.
»Du warst berühmt, nicht wahr?«
Sie erwidert, dass er sich irre. Dass er sich deshalb nicht an sie erinnern könne, weil es nichts zu erinnern gäbe. Überhaupt nichts. Eine zufällige Ähnlichkeit vielleicht, nicht mehr. Sie sei einfach eine der vier Milliarden Frauen mit einem Durchschnittsgesicht, einer Durchschnittsfigur und einer Durchschnittsfrisur, keine Berühmtheit, ja nicht einmal irgendwie erfolgreich oder so, einfach ein Niemand. Eine Loserin.
»Kannst du das so akzeptieren?«, fragt sie.
Er blickt sie noch eine Weile an, zieht die Augenbrauen hoch und nickt langsam. Sie stoßen an. Danach rauchen sie eine Zeit lang schweigend. Von Zeit zu Zeit setzt er an, wie um etwas zu sagen, schweigt jedoch, bevor er sich erneut in seine Einsamkeit zurückzieht. Irgendwann fragt sie sich, ob er überhaupt noch weiß, dass sie neben ihm sitzt.
Kurz darauf sagt er fragend: »Clara Alt…, Clara Altmeer oder irgendwas mit Wasser …« Und einen Moment später: »Du bist Clara Altwasser, die Dirigentin.« Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
Kalter Schweiß lässt sie erstarren, lässt den Boden unter ihren Füßen wanken. Das kann doch nicht sein. Ihre Hand zittert, als sie eine Zigarette nimmt und sich Feuer geben lässt. Sie konzentriert sich so lange darauf, regelmäßig daran zu ziehen, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hat.
»War …«, korrigiert sie ihn. Zumindest diese Richtigstellung muss sein.
Er nickt und bestellt die nächste Runde. Dann sagt er, dass er sich dunkel an ihre Geschichte erinnern kann. Sehr dunkel. Sie könnte sich ohrfeigen. Wie dumm von ihr, ihn anzusprechen, denkt sie und beschließt, nach dem nächsten Drink still und leise aufzubrechen. Vielleicht aber auch erst nach dem übernächsten.
»Echt gut, dass es den Mistkerl erwischt hat«, sagt er nach einem kräftigen Schluck Whisky. »Nicht, dass ich das, was ihm passiert ist, irgendjemandem gewünscht hätte, aber … irgendwie hat er das verdient … Sorry, hör nicht auf mich, ich, na ja, ich rede einfach nur wirres Zeug. Tut mir leid.«
Clara kann nicht fassen, dass sie freiwillig den wahrscheinlich einzigen Menschen in diesem Land angesprochen hat, der sich, wenn auch nur vage, aber doch irgendwie an die Sache erinnern kann. Verdammt!
»Keine Sorge. Wir müssen nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst. Es ist mir nur endlich eingefallen und ich wusste ja, dass mir dein Gesicht bekannt vorkommt«, sagt er. »Ich will dir den Abend jedenfalls nicht damit verderben, dass ich über Dinge rede, über die du nicht sprechen möchtest.«
»Danke. Nein, das möchte ich wirklich nicht.«
Daniel hebt entschuldigend die Hände, sucht ein Objekt zum Ablenken und findet die am Tresen liegende Zigarettenschachtel. Langsam dreht er sie ein paarmal, stellt sie auf und dreht sie wieder, zieht eine Zigarette heraus, betrachtet sie eine Weile und steckt sie zurück in die Schachtel. Clara beobachtet ihn leicht amüsiert.
»Aber du könntest mir dafür erzählen, was dich eigentlich seit Tagen in diese Spelunke führt«, sagt sie, als das Schweigen zwischen ihnen zu laut wird.
Er überlegt, zuckt mit den Schultern, lacht sarkastisch und sagt nach einer sehr langen Pause, dass er hier das Scheitern seines zweiten Romans feiere, für den er ein großzügiges Recherche-Stipendium erhalten habe. Dafür sei diese Spelunke genau der richtige Ort. Täglich aufs Neue. Ein netteres, schöneres, saubereres, weniger verdorbenes Lokal wäre dafür einfach falsch. Komplett daneben. Unpassend. Er habe einen in Kambodscha angesiedelten Roman schreiben wollen, die Geschichte einer Liebe zwischen einem Europäer mittleren Alters und einer jungen kambodschanischen Frau, eine Geschichte, die gut beginnt und tragisch endet. Käufliche Liebe, falsche Hoffnungen. Gewalt. Toxische Männlichkeit. Eine Geschichte, die er bewusst aus der Perspektive der Frau erzählen wollte.
»Schau sie dir doch an«, sagt er und deutet in Richtung der Tischgesellschaften. »Weiße Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters und junge einheimische Frauen. Höchstens dreißig Jahre alt. Der Großteil allerdings nicht einmal zwanzig. Viele noch minderjährig.« Er zündet sich eine weitere Zigarette an und erzählt, dass er bereits am zweiten Tag nicht mehr gewusst habe, wo er ansetzen müsse, um den Roman zu retten. Es seien so viele zuvor unbedachte Aspekte aufgetaucht, dass er die Geschichte aus den Augen verloren habe. Ein Roman dürfe ja kein Manifest sein. »Alles, was ich sah und hörte, hat meine Story unter einer derart höllischen Dreckslawine«, er spuckt das Wort regelrecht aus, »begraben, da ging einfach nichts mehr. Auch deshalb, weil ich mir beim Anhören der lähmend traurigen und sich im Großen und Ganzen wiederholenden Geschichten wie einer dieser Männer vorkam. Als ich dann auch noch erkannte, dass es mich richtiggehend davor ekelte, ein Mann zu sein, sah ich ein, dass die Sache zu groß für mich war … Es war mir mit einem Mal unmöglich, auf Distanz zu meinem Text zu gehen … «, fügt er hinzu und dämpft die Zigarette seufzend aus.
»Wieso diese Geschichte? Wieso Kambodscha?«
Daniel entschuldigt sich, macht eine Geste in Richtung der Toiletten und verschwindet.
Trink aus, leg einen Schein auf die Theke und verzieh dich, hört sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen, mach schon! Komm. Geh. Jetzt ist die Gelegenheit. Nutze sie. Doch ihre Beine sind bleischwer und lassen sich keinen Millimeter bewegen. Clara sieht durch die Glasfront und bemerkt den dunkelroten Streifen am Horizont, der den Tag von der Nacht trennt. Wenige Minuten noch, denkt sie, dann ist es finster. Dann ist es endlich wieder Nacht. Auch wenn die Erinnerungen in den Nächten öfter wiederkehren, sind die dunklen Stunden doch die, in denen sie freier atmen kann.
Daniel kehrt einige Minuten später zurück und setzt sich räuspernd auf den Barhocker, wischt sich die Hände an der Hose trocken und fingert erneut nervös an der Zigarettenschachtel herum.
»Weißt du, mein Nachbar ist oft in Thailand, Kambodscha und Vietnam herumgereist. Wir waren nicht befreundet, aber wir hatten ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Hin und wieder haben wir uns auf ein mehr oder weniger stummes Bier im Lokal an der Ecke getroffen. Er war so ein typischer Mittvierziger, geschieden, Kinder komplett entfremdet. Ein richtig wortkarger Typ. Vor einigen Jahren war er in Vietnam auf Urlaub. Und da hat er eine Frau an der Rezeption eines Hotels kennengelernt. Ausgesprochen hübsch, aber viel zu jung und vor allem, sie kannten sich erst zwei Wochen, als er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat. Na ja, dann musste alles schnell gehen, eine kleine, improvisierte Zeremonie am Strand mit zufälligen Trauzeugen aus dem Hotel, nüchterne Unterschriften am Standesamt, oder wie auch immer das dort heißt, und ab zur österreichischen Botschaft. Irgendein Beamter, den er von irgendwoher kannte, konnte den Visumsantrag beschleunigen und so landeten die beiden nach seinem dreiwöchigen Urlaub in Wien. Die Frau hieß Thuy. Ihre gemeinsame Sprache war eine skurrile Form von Englisch. Die ersten Wochen schien alles gut zu laufen, aber dann sagte sie mal da nein, dort nein. Ich denke, dass er sie da bereits schlug. Sie wurde immer stiller, lächelte immer seltener, wenn ich sie auf der Straße traf, bis sie eines Tages um vier Uhr früh bei mir läutete, mit zerrissenem Nachthemd, Platzwunden, blauen Flecken, ein paar fehlenden Zähnen. Obwohl sie dagegen war, rief ich Polizei und Rettung … Um die Geschichte abzukürzen: Sie weigerte sich, Anzeige zu erstatten, behauptete, dass sie im Stiegenhaus ausgerutscht sei. Dass ich sie missverstanden hätte. So ging es fast ein Jahr. Bis …«, er schluckt heftig und bemüht sich, die Fassung nicht zu verlieren, »na ja … er sitzt seither wegen Totschlags im Gefängnis. Man hat ihn nicht einmal des Mordes angeklagt. Kannst du mir erklären, wieso? In ein paar Jahren ist er sicher wieder frei. Ich war Zeuge beim Prozess damals, ging auch deswegen hin, weil ich die Sache verstehen wollte. Seiner Meinung nach war es einfach ein Streit, der schiefgelaufen war. Pech. Tja. Seither verfolgt mich das.«
»Oh Scheiße …«, sagt Clara und sucht nach angemesseneren Worten.
»Ich dachte ja eigentlich, dass ich da ein gutes Thema für einen Roman hätte, eines, das anhand einer Geschichte Licht auf das Thema Femizide wirft, das sich mit dieser mir unverständlichen Gewalt auseinandersetzt, die Männer zu Mördern, zu Schlägern, zu niedrigen Wesen macht. Ich wollte es verstehen. So blöd das klingt, aber ich kann einen Raubmord viel eher nachvollziehen als einen Mann, der eine Frau schlägt oder tötet, nur weil sie … Wie auch immer, es ist mir ja auch nicht gelungen. Und weil mein Flug nach Nagasaki erst morgen Mittag geht, sitze ich seither da und schlage die Zeit tot …«
Sie nickt und fragt sich, ob er dem noch etwas hinzufügen will, doch er hat bereits wieder sein Whiskyglas im Visier. Etwas später fragt sie ihn, weshalb er nach Nagasaki wolle.
»Ach, das ist eine ziemlich lange und verworrene Geschichte. Richtig absurd. Die Kurzfassung: Mein bester Freund ist dort seit ungefähr zwei Jahren unter ziemlich dubiosen Umständen verschollen. Zuerst hieß es, er sei bei einem Flugzeugabsturz bei der Landung in Nagasaki ums Leben gekommen. Dann stellte sich jedoch heraus, dass er ungefähr ein Dreivierteljahr später erneut von Wien nach Nagasaki geflogen ist. Am Flughafen in Nagasaki verliert sich seine Spur dann endgültig. Vielleicht kann ich da irgendwas herausfinden. Außerdem bin ich im Scheitern ja schon recht geübt«, sagt er lächelnd.
»Das tut mir leid«, sagt sie. »Das mit deiner Nachbarin, das ist so traurig. Und das mit deinem Freund auch. Es muss furchtbar sein, wenn man nicht weiß, was mit einem nahestehenden Menschen passiert ist.«
Daniel nickt und zündet sich die nächste Zigarette an.
»Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück bei deiner Suche«, sagt sie.
Beinahe eine Viertelstunde sieht Clara durch das Fenster neben der Theke in die Dunkelheit hinaus. Irgendwie ist hier die Nacht dunkler, beunruhigender als woanders, denkt sie. Sie wirft einen Blick auf Daniel, der schweigend in sein leeres Whiskyglas starrt. Gegenüber, an der Spitze der Halbinsel, die den Zusammenfluss des Mekongs und des Tonle Sap überwacht, sieht sie ein hell erleuchtetes Hotel. Doch außer diesem Hotelkomplex ist kaum Licht auf der Halbinsel und dem schräg gegenüberliegenden Ufer des einem Fluss ähnelnden Sees zu sehen. Nirgendwo auf der Welt hat sie sich kleiner und verwundbarer gefühlt als hier in Kambodscha, obwohl sie hier endlich Ruhe gefunden hat, stellt sie fest.
»Du hast gesagt, dass du nicht darüber sprechen willst, aber ich frage dich jetzt trotzdem: Was ist damals eigentlich passiert?«, fragt Daniel, als er sie in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie suchen sieht. »Bitte, geh noch nicht …«
Clara sieht ihn an. Daniel ist eindeutig nicht mehr ganz nüchtern, trotzdem wirkt seine vertrauenswürdige und höfliche Ausstrahlung beruhigend auf sie. Ein kleiner Wurm regt sich in ihr, setzt sich langsam in Gang, stöbert Verdecktes und in viel zu geringer Tiefe Begrabenes auf, treibt ihr einen kalten Schauer über den Rücken und lässt sie erstmals seit Jahren in Erwägung ziehen, von sich zu erzählen. Eine Art Intuition, ein Drang, der ihr deutlich macht, dass sie sich wirklich danach sehnt, zu erzählen. Alles zu erzählen. Daniel wirkt auf sie wie ein Mensch, der geradezu prädestiniert dafür zu sein scheint, traurige Geschichten verdauen zu müssen. Doch ihre muss da nicht auch noch dazukommen. Trotzdem hat sie das Gefühl, es sei Zeit, einmal alles auf den Tisch zu legen. Oder manövriert sie sich gerade in eine Sache, die sie ebenso bereuen wird wie so viele andere Momente in ihrem bisherigen Leben? Sollte sie mit ihrer hart erkämpften Unsichtbarkeit nicht zufrieden sein? Wozu diese aufs Spiel setzen? Doch der Gedanke ist längst gesät, sie spürt, wie er keimt, sie spürt, dass nur mehr ein winziger Impuls notwendig ist, um das lähmende Schweigen zu brechen, das ihr in den letzten Jahren einen trügerischen Schein von Sicherheit gab. Vielleicht ist es notwendig, die Geschichte einmal von Anfang bis Ende zu erzählen. Einem Fremden, einem, der ein guter Mensch zu sein scheint. So viele Jahre Schweigen und jetzt erzählen? Eine Befreiung?
Sie sucht den Blick der Bedienung, die bereits nickt, bevor Clara auf ihr leeres Glas deuten kann. Sie trinkt einen weiteren Schluck Mut, sieht die Bilder im Kopf rasen, es gibt kein Zurück mehr. Kein Halten. Soll sie die Geschichte wirklich wieder ans Licht holen, jetzt, wo doch endlich Gras über die ganze Sache gewachsen ist? Sie weiß, dass sie sich belügt. Schamlos belügt. Es wird nie genug Gras über die Sache gewachsen sein. Nicht, solange sie die Erinnerungen bei jeder Gelegenheit heimsuchen und sie am Leben hindern. Es muss sein, sie muss sich noch einmal mit dieser Sache befassen, alles rauslassen und darauf hoffen, dass sie dann damit abschließen kann, denkt sie. Sie schließt die Augen, sieht sich am Fünfmeterturm stehen, ängstlich, zitternd, hört in weiter Ferne die kichernden Klassenkameradinnen und die grölenden Buben, hört den Sportlehrer von unten rufen, dass sie kein feiges Mädchen sein soll; sie atmet tief ein, noch tiefer, stellt sich auf die Zehenspitzen und lässt sich langsam vorwärtsfallen, ins Leere, fliegt taumelnd und drehend der Wasseroberfläche entgegen.
»Willst du das wirklich wissen?«, fragt sie und öffnet die Augen, bevor sie auf der Wasseroberfläche aufprallen kann.
»Ja, natürlich möchte ich das. Ich erinnere mich noch dunkel an die Hetzjagd auf dich in den Medien, seine prominenten Freunde, die ihm alle einen Heiligenschein verpasst haben. Details weiß ich allerdings keine mehr.«
»Wieso interessiert dich das überhaupt?«
Er überlegt eine Weile. »Ich kann es nicht wirklich gut ausdrücken, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es wichtig ist. Für dich und für mich«, erklärt er. »Die widerlichen Typen dieser Welt bekämpfen kann ich nicht … Ich dachte, vielleicht mit Worten …« Nach einer Weile ergänzt er: »Ich habe beim Lesen von Büchern viel über mich, das Leben und den Umgang mit anderen Menschen gelernt. Die Literatur hat mich geformt, auch wenn das vielleicht naiv klingt. Aber diese Naivität ließ mich … nein, sie lässt mich noch immer hoffen, dass auch ein Roman etwas bewirken kann.«
»Ich frage mich nur, wieso du dich an meine Geschichte erinnerst«, sagt Clara. »Sie ist ja nur eine von vielen Geschichten, die sich im Grunde nur in Details unterscheiden.«
»Das mag sein. Ich weiß nur, dass sich deine Geschichte damals, als sie in den Medien war, in meinem Kopf festgesetzt hat. Wie ein ungebetener Gast, weißt du, einer, der mich noch lange danach, beinahe immer, wenn ich mit klassischer Musik zu tun hatte, an dich erinnert hat. Deshalb wollte ich immer wissen, was aus dir geworden ist. Du warst ja von einem Tag auf den anderen weg. Keine Konzerte mehr. Nichts. Und die Suchmaschinen, die wussten auch nichts.«
»Wie ein ungebetener Gast, echt jetzt?«, fragt Clara, doch Daniel ignoriert die Frage. »Allein der Gedanke, dass ich von einem auf den anderen Tag nichts mehr mit der Literatur zu tun haben könnte, wieso auch immer, macht mich komplett fertig … Aber ich verstehe dich … Es muss ja wirklich nicht sein … Wir können einfach weiter trinken und unsere Vergangenheiten ertränken«, sagt er, als er ihre feuchten Augen bemerkt. »Wenn sie nur nicht immer wieder auftauchen würde, die Vergangenheit, weißt du, so wie bei mir … In jeder jungen Frau hier sehe ich Thuy. Kannst du dir das vorstellen? Sehe die Bilder, wie sie bei mir saß mit ihrem zerrissenen Nachthemd und den Blutergüssen, wie sie mich im Stiegenhaus lächelnd grüßte … Sehe, wie die Bestatter den grauen Sarg im Stiegenhaus hinuntertrugen. Es gibt keine Löschtaste für diese Bilder. Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, frage ich mich, ob ich es nicht verhindern hätte können.«
Da spürt sie ihre Knie weich werden, hört ihr Herz rasen und fühlt die Beklemmung in der Kehle wachsen, die, wie sie weiß, dazu führen wird, dass sie gleich losheulen wird, wenn sie sich nicht schleunigst auf andere Gedanken bringt. »Entschuldige mich bitte kurz«, sagt sie mit brechender Stimme und verschwindet rasch auf die Toilette, hält dort den Kopf unter den Wasserhahn, so lange, bis das lauwarme, stinkende Wasser die Erinnerung an diese eine, längst weit entfernte und doch unfassbar nahe Nacht und an alles, was danach folgte, weggeschwemmt hat. Zumindest für den Moment. »Wieso nur musste ich diesen verdammten Kerl ansprechen?«, fragt sie laut ihr Spiegelbild. »Wie blöd kann man nur sein?« Zu spät, denkt sie, es ist bereits geschehen, ich muss jetzt einfach so schnell wie möglich weg. Hinauf in die Wohnung, auf die Terrasse. Allein sein. Sie atmet durch, trocknet sich das Gesicht ab, verlässt die Toilette und sieht Daniel neben der Tür warten. Sein Blick drückt ehrliche Besorgnis aus.
»Es tut mir leid«, sagt er. »Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Ist schon in Ordnung …«, antwortet Clara und geht zurück zur Theke, seine schlurfenden Schritte im Rücken.
In einer Ecke des Lokals wird es plötzlich wieder laut. Drei betrunkene Australier bemühen sich, fünf junge Frauen zum Mitkommen zu animieren. Lautstark feilschen sie um den Preis für die gewünschten Leistungen.
»Du bist doch auf der Suche nach Material für einen Roman …«, sagt sie und überlegt ein letztes Mal, ob sie dem, was sie da in Gang setzt, wirklich gewachsen ist.
Er sieht überrascht auf, greift nach der Zigarettenpackung, zieht eine heraus, führt sie besonders langsam zum Mund und zündet sie an. Er nimmt einen tiefen Zug, bläst den Rauch höflich zur Seite.
»Ja, schon …«, sagt er nickend.
Sie schluckt. Natürlich will er, denkt sie und gesteht sich ein, dass sie erleichtert ist über sein Nicken, darüber, dass sie diese Nacht nicht allein verbringen wird, nicht diese heutige, dunkle Nacht. Dass sie erzählen wird, endlich alles loswerden wird.
»Wenn du Zeit hast, die ganze Geschichte zu hören, dann erzähle ich sie dir. Du versprichst mir im Gegenzug, dass du sie aufschreiben wirst. Dass du einen Roman daraus machst. Ich lasse dir alle Freiheiten, nur musst du alles erzählen, wirklich alles, du darfst nichts auslassen.«
»Warum willst du das tun?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich es als Chance sehe. Als eine Art Auslöschung. Oder Befreiung. Frag mich nur bitte nicht noch einmal, sonst überlege ich es mir womöglich wieder anders«, sagt sie leise.
»Einverstanden«, sagt er.
Eine Welle der Erleichterung überkommt sie.
»Trinken wir noch einen«, sagt sie und winkt der Barkeeperin zu. »Das wird nämlich dauern …«
»Zeit ist kein Problem. Mein Flug geht erst zu Mittag. Eingecheckt habe ich schon online. Ich sollte also eine Stunde vor Abflug am Flughafen sein. Bis dahin haben wir Zeit. Schlafen kann ich in Nagasaki auch.«
2
Die Männer kommen früh am Morgen. Ächzend, stöhnend und schwitzend bugsieren sie das riesige Instrument mit Gurten und auf untergeschobenen Rädchen ins Haus. Es dauert fast eine Stunde, bis der schwarze Flügel an der richtigen Stelle steht. Das Mädchen beobachtet die Aktivitäten interessiert und fragt sich, was das wohl für ein Ding ist, um das so viel Aufhebens gemacht wird. Bevor die Männer wieder gehen, decken sie den Flügel mit einer Plane ab. Als das Mädchen unter die Plane schauen möchte, signalisiert ihr einer der Männer mit erhobenem Zeigefinger, dass sie das nicht dürfe. Sie müsse warten, bis ihr Vater es ihr erlaube. Zuerst müsse noch der Klavierstimmer kommen.
Den Rest des Vormittags wartet das Mädchen also. Wo bleibt er nur, der Klavierstimmer? Das Mädchen wartet einige Tage, fast eine Woche, bis er wirklich eines Morgens erscheint. Er ist ein älterer, glatzköpfiger Mann mit dicker Hornbrille, der sein Sakko sofort auszieht und in einen grauen Arbeitsmantel schlüpft, den er erst wieder auszieht, als er sich nach getaner Arbeit ein paar Meter vom Flügel entfernt hat. Er spricht kaum, lehnt den Apfelstrudel ab, den ihm die Mutter des Mädchens anbietet, trinkt nicht einmal ein Glas Wasser. Er sitzt nur einige Stunden lang am Klavier, schlägt Töne an, schraubt im Inneren des Flügels herum, zupft an den Saiten, spielt Tonleitern, Akkorde. Dabei verändern die bereits klingenden Töne oft ihre Tonhöhen. Belustigt beobachtet ihn das Mädchen von der Treppe aus. Als er seine Arbeit beendet hat, schließt er den Flügel mit einem kleinen Schlüssel ab und überreicht ihn der Mutter. Sie soll ihn ihrem Mann geben, wenn er heimkommt. Bevor er geht, dreht er sich noch zu dem Mädchen um und erklärt ihr mit Nachdruck, dass der Flügel nichts für kleine Kinder sei, dass sie ihn nur angreifen dürfe, wenn ihr Vater dabei ist. Allein nie, sonst würde sie ihn kaputtmachen. Das sei nämlich ein Instrument und kein Spielzeug. Dann ist er weg. Das Mädchen wartet, bis die Mutter ihn hinausbegleitet hat, und läuft zum Klavier, doch der Deckel ist wirklich verschlossen. Während der nächsten Tage streift das Mädchen immer wieder um das Klavier herum, es möchte unbedingt sehen und angreifen, was nichts für kleine Kinder sein soll. Jedes Mal, wenn sie sich an die belehrende Miene des Klavierstimmers erinnert, muss sie kichern. Es gibt doch nichts, was kleine Mädchen nicht dürfen, denkt sie, so ein dummer alter Mann.
Es ist Heiliger Abend. Vor dem Fenster tanzen flockig leichte Schneeflocken verspielt im Licht der Straßenlaternen.
Das Mädchen trägt ein rotes Kleid, dazu ein weißes Hemdchen. Das blonde Haar hat es mit einem bunten Band zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es sitzt mit strahlendem Gesicht auf den Knien seines am Flügel sitzenden Vaters, dessen Pfeife lässig im Mundwinkel hängt.
Das Mädchen heißt Clara. Sie ist fünf Jahre alt.
Der Duft von Vanille, Zimt, Mandeln und Marzipan liegt in der Luft. In unregelmäßigen Abständen dringt die gedämpft klingende Stimme von Claras Mutter aus der Küche. Es sind immer nur ein paar einzelne Melodiefetzen aus den Refrains der von ihr heiß geliebten Schlager, mehr ist es nie. Auf dem Pult des Klaviers liegt die aufgeschlagene Partitur zu Claude Debussys La Mer.
Der Vater summt die eine oder andere Melodie aus diesem Stück, spielt immer wieder einzelne Akkorde an. Diese Melodiefetzen und Harmonien werden beinahe zwei Jahrzehnte in Claras Kopf herumgeistern, bevor sie mit dreiundzwanzig bei der ersten Probe zu ihrem Diplomprüfungskonzert realisiert, dass sie sich genau jenes Werk zum Diplom ausgesucht hat, das ihr Vater beinahe täglich gespielt und gesummt hat.
Claras Vater hatte schon als Kind Musiker werden wollen. Zuerst Pianist. Dann, nach einer unsinnigen Schulhofrauferei, bei der ihm sein Kontrahent den kleinen Finger brach, Dirigent. Nach drei misslungenen Zulassungsprüfungen in Wien, Salzburg und Graz gab er dem Druck seines Vaters nach und lernte einen anständigen Beruf. Einen Beruf, der die Familie versorgte, der es ihm erlaubte, jeden Abend nach Hause zu kommen. Der ihn im Gegenzug dazu zwang, seine Träume zu begraben. Er wurde Apotheker, lernte Silvia kennen, heiratete sie und übernahm mit finanzieller Unterstützung seiner Eltern eine Apotheke in Neulengbach, einer kleinen Stadt in der Nähe von Wien.
Clara verbringt die Nachmittage nach der Schule zumeist bei ihrem Vater in der Apotheke. Dort nascht sie Süßigkeiten, unterhält die Kunden und bringt ihren Vater zum Lachen. An den Wochenenden geht Clara mit ihm im Wald wandern, sitzt gemeinsam mit ihm am Klavier, lässt sich von ihm bei den Hausaufgaben helfen. Vor dem Einschlafen erzählt er Clara improvisierte Geschichten oder liest ihr aus Alice im Wunderland vor.
