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Um einem Bürgermeister die Verschwendung von Steuermitteln nachzuweisen, reist Simon im Auftrag der Behördenaufsicht in die entlegenste Stadt des Landes. Doch kaum angekommen, muss er feststellen, dass die Uhren in dieser Stadt anders ticken.Während Simon zunächst vergeblich darum bemüht ist, mit seinen Ermittlungen zu starten, nimmt er in der Stadt, im Hotel und im Rathaus immer mehr Abweichungen von ihm bekannten Verhaltensmustern wahr. Erst nach einem Abendessen in der Villa des Bürgermeisters wird es ihm erlaubt, mit der Arbeit zu beginnen. Doch immer absurdere Beobachtungen halten ihn entweder davon ab oder verleiten ihn dazu, dubiosen Spuren nachzugehen, die er nicht einordnen kann. Während Simon seine Arbeit gewissenhaft und vorurteilsfrei zu erledigen versucht, versinkt er immer tiefer im Treibsand des Machtmissbrauchs und der Korruption des Bürgermeisters und seinen Handlangern. Als er dies erkennt, steckt er allerdings längst im erbitterten Kampf gegen seinen Untergang fest.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
© 2025, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Christie Jagenteufel
Cover: Jürgen Schütz
Umschlagfoto: © Christian Coigny
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-99120-063-5
Printversion: Hardcover
ISBN: 978-3-99120-057-4
Septime Verlag e.U. | Johannagasse 15-17/18 | A-1050 Wien
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Roland Freisitzer
wurde 1973 in Wien geboren und wuchs in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren und drei Jahrzehnte als Dirigent und Komponist tätig war. Nach seinem 2021 bei Septime erschienenen Debüt Frey erschien 2023 Die Befreiung. Weiters erschienen bei Septime auch Übersetzungen von Emily Maguire und Dwyer Murphy. Hyänen ist sein dritter Roman.
Klappentext
Um einem Bürgermeister die Verschwendung von Steuermitteln nachzuweisen, reist Simon im Auftrag der Behördenaufsicht in die entlegenste Stadt des Landes. Doch kaum angekommen, muss er feststellen, dass die Uhren in dieser Stadt anders ticken.Während Simon zunächst vergeblich darum bemüht ist, mit seinen Ermittlungen zu starten, nimmt er in der Stadt, im Hotel und im Rathaus immer mehr Abweichungen von ihm bekannten Verhaltensmustern wahr. Erst nach einem Abendessen in der Villa des Bürgermeisters wird es ihm erlaubt, mit der Arbeit zu beginnen. Doch immer absurdere Beobachtungen halten ihn entweder davon ab oder verleiten ihn dazu, dubiosen Spuren nachzugehen, die er nicht einordnen kann.Während Simon seine Arbeit gewissenhaft und vorurteilsfrei zu erledigen versucht, versinkt er immer tiefer im Treibsand des Machtmissbrauchs und der Korruption des Bürgermeisters und seinen Handlangern. Als er dies erkennt, steckt er allerdings längst im erbitterten Kampf gegen seinen Untergang fest.
Roland Freisitzer
Hyänen
Roman
Für Julia
Es war dies eine seltsame Stadt, die anmutete, als sei sie in einer Winternacht wie ein vorzeitliches Wesen plötzlich im Tal aufgetaucht … In jedem Reisenden, der sie zum ersten Mal erblickte, weckte die Stadt sofort das Verlangen, Vergleiche anzustellen. Doch kaum war ihr der Reisende in die Falle gegangen, machte die Stadt den Vergleich zunichte, denn sie war eine Stadt, die nichts anderem glich.
Ismail Kadare, Chronik in Stein
»Ich lese Ihnen jetzt aus den Zeugenaussagen vor, die wir eingeholt haben, Magistrat«, sagt er, »damit Sie einen Eindruck von der Schwere der gegen Sie vorgebrachten Anklagepunkte haben.«
J. M. Coetzee, Warten auf die Barbaren
Turbulenzen rissen mich aus dem Traum. Zerrten mich fort von Sandstränden und Palmen, die sich wie Erinnerungen an längst vergessene Berührungen verflüchtigten. Ich schaute aus dem Fenster und sah die vom Mondlicht beschienenen nahen Berghänge. In vier lang gezogenen Schleifen schraubte sich das Flugzeug in das eintausendsiebenhundertachtzig Meter über Seehöhe liegende, von Bergen eingekesselte Tal hinab. Beim Anblick der steilen Felshänge überkam mich ein Hauch antizipierter Trauer. Ich versuchte, diesem Gefühl auf den Grund zu gehen, fand aber keine vernünftigen Erklärungen. Denn während mich bereits die bloße Vorstellung, meinem Arbeitsalltag in der fensterlosen Halle der Abteilung V zu entkommen, in euphorische Stimmung versetzt hatte, brachte nun dieses Gefühl des Kummers, das mich den ganzen Landeanflug über begleitete, meine Empfindungen ins Wanken. Als das Flugzeug kurz nach dreiundzwanzig Uhr sanft auf der Landebahn aufsetzte, befand ich mich in einem Zustand der Unruhe. Die Schubumkehr drückte mich in die Sitzlehne und bremste die siebzig Tonnen schwere Maschine von einhundertsechzig auf zwanzig Knoten ab, bevor der Druck nachließ und wir langsam in Richtung des Flughafengebäudes weiterrollten. Ich schaute aus dem Fenster, suchte andere Flugzeuge, Menschen und Lichter. Das im Dunklen hockende Flughafengebäude entdeckte ich erst, als wir die endgültige Parkposition einnahmen. Außer dem Flugplatzleuchtfeuer, drei Vorfeldbestrahlern und der Rollwegbefeuerung konnte ich keine Lichtquellen ausmachen. Das Vorfeld wirkte verwaist und der Terminal war unbeleuchtet. Als das Anschnallzeichen erlosch, blieben alle Passagiere sitzen. Ich beschloss zu warten. Schon bald eilte eine der Flugbegleiterinnen den Gang entlang und suchte mit strengem Blick die Reihen ab.
»Sie verlassen uns hier. Nun beeilen Sie sich ein wenig, wir müssen doch weiterfliegen …«, sagte sie in meine Richtung, nickte zweimal und eilte weiter in Richtung Heck.
Mein Sitznachbar machte keine Anstalten aufzustehen, er starrte geistesabwesend auf seine Hände, die er vor seiner Nase verschränkt hielt. Ich zwängte mich an ihm vorbei, holte meine Tasche aus dem Gepäckfach über den Sitzen und ging langsam in Richtung der vorderen Tür, durch die nun kühle Luft in die Kabine drang.
Auf dem oberen Absatz der mobilen Treppe sah ich mich um. Der Mond verbarg sich hinter einem Wolkengebilde, was die Bergkette noch beklemmender erscheinen ließ. In der Ferne sah ich die Lichter der Stadt. Ich stieg die Treppe hinab und wartete auf jemanden, der mir weitere Anweisungen geben würde.
»Jetzt gehen Sie doch schon, worauf warten Sie denn?«, sagte ein kleinwüchsiger, stämmiger Mann, der unvermittelt hinter dem mittlerweile verstummten Triebwerk hervortrat.
Mein Koffer, den er mit der rechten Hand trug, wirkte an seiner Seite riesig. Der Mann hob die linke Hand und zeigte schroff in Richtung des Flughafengebäudes, auf dessen Dach der Name der Stadt in Leuchtbuchstaben angebracht war. Drei der insgesamt elf Buchstaben waren zur Gänze ausgefallen, die restlichen acht begannen in diesem Moment zu flackern.
»Den bekommen Sie da drinnen bei der Gepäckausgabe«, sagte der Mann in feindseligem Tonfall und zeigte auf den Koffer. »Nach der Personenkontrolle!«
Ich lief los und erreichte bald die geschlossene Doppelglastür des immer noch dunklen Terminals. Als das Licht in der Ankunftshalle anging, heulten auf dem Vorfeld hinter mir die Triebwerke auf. Nach einiger Zeit erschien ein alter, runzeliger Mann und humpelte zum einzigen Einreisekontrollschalter, der mittig in der Halle platziert war. Der Mann steckte in einer übergroßen, altmodischen Uniform, trug eine blaue Fischermütze und vermittelte den Eindruck, Mitglied einer Laientheatergruppe zu sein. In seinem Mundwinkel hing ein Zigarrenstummel. Er betätigte einen Hebel und die Glastür schwang mit einem schauderhaften Geräusch auf. Der Mann deutete mir, näher zu kommen. Der Einreisekontrollschalter wirkte aus der Nähe wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit.
»Dokumente!«
Ich legte meinen Reisepass auf den Schalter.
»Das ist doch bestimmt nicht alles! Oder? Ich hoffe, Sie haben … na, Sie wissen schon. Sie sind doch nicht privat unterwegs«, sagte der Alte.
»Warum sollte ich Ihnen mehr als nur meinen Reisepass zeigen?«, entgegnete ich, doch der Blick des Alten machte deutlich, dass er ein weiteres Dokument erwartete.
Ich vermutete, dass er meinen Dienstausweis sehen wollte. Doch von meinem Auftrag konnte er nichts wissen. Ich zögerte, hielt ihm diesen schließlich entgegen.
»Geht doch. Warum nicht gleich? Ich habe hier doch nicht ewig Zeit«, brummte er und riss beim Blättern im Reisepass heftig an den Seiten.
Allerdings wirkte es auf mich, als hätte er plötzlich alle Zeit der Welt. Er begutachtete jeden Stempel, jeden Vermerk, zog jeden einzelnen Eintrag mit dem Zeigefinger nach und blickte dabei immer wieder prüfend in ein dickes, ramponiertes Handbuch, das er neben einem schwarzen Telefon mit Wahldrehscheibe vor sich geöffnet liegen hatte.
Ich hörte das Flugzeug auf der Startbahn beschleunigen und abheben. Während sich das Motorengeräusch immer weiter entfernte, dachte ich wehmütig daran, dass es – nach einer weiteren Zwischenlandung im Landesinneren – die Hauptstadt der Küstenprovinz als finale Destination hatte. Wieso hatte ich diesen Auftrag überhaupt angenommen? Wieso nicht darauf bestanden, stattdessen an die Küste versetzt zu werden? Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn ich dankend abgelehnt und auf den Erfolg meiner letzten Ermittlung hingewiesen hätte. Der Alte musterte mich mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte.
»Erwartet man Sie?«, fragte er und schnaubte verächtlich.
»Nein«, antwortete ich.
Der Alte brabbelte unverständliches Zeug, kratzte sich am Kinn, knallte meine Dokumente auf den Schalter und teilte mir mit, dass ich meinen Koffer an der Gepäckausgabe holen könne. Froh, vom Alten davonzukommen, der meinen Abgang zum Anlass nahm, einen Schleimbatzen hinter meinem Rücken auf den Boden zu spucken, schlenderte ich zur Ausgabe und wartete. Ich sah mich nach einer Raucherecke um, fand aber keine. Fast zehn Minuten später fiel mein Koffer ohne Vorwarnung durch eine quadratische Öffnung auf den Boden. Ich bemerkte es gleich: Jemand hatte das Schloss aufgebrochen und den Koffer mit Klebeband umwickelt.
»Wieso wurde mein Koffer aufgebrochen?«, rief ich durch die Öffnung, warf einen Blick in den Raum und entdeckte den kleinwüchsigen Mann vom Rollfeld im hintersten Winkel.
»Das sind die Anweisungen!«
»Was hat Sie dazu veranlasst, den Koffer ohne meine Anwesenheit zu kontrollieren?«
»Routine!«, krächzte der Mann und betätigte einen roten Hebel. Im Raum hinter der Öffnung ging das Licht aus. Im selben Moment rasselte der Rollladen mit voller Wucht herab und verfehlte nur haarscharf meine Nase.
Ich schnappte den beschädigten Koffer und marschierte aus dem Flughafengebäude ins Freie. Es tat gut, wieder an der kühlen Luft zu sein, die mich schnell wieder zur Ruhe kommen ließ. Ich atmete ein paarmal tief durch und zündete mir eine Zigarette an. Im Terminal ging das Licht aus. Kurz darauf hörte ich, wie jemand die gläserne Eingangstür verriegelte und mit einer Metallkette sicherte.
Ich sah mich vergeblich nach einem Taxi um. Auf dem Parkplatz stand kein einziges Auto und an der Bushaltestelle hielt sich auch niemand auf. Laut Fahrplanaushang war der letzte Bus in Richtung Stadt bereits vor Stunden abgefahren. Ich rauchte die Zigarette zu Ende und spielte mit der Idee, den Weg in die Stadt zu Fuß in Angriff zu nehmen. Es waren fast zehn Kilometer, und das in völliger Dunkelheit. Der Natur und ihren Gefahren ausgesetzt. Schlangen. Skorpione. Hyänen, deren höhnisches Kichern ich leise in der Entfernung bereits zu hören meinte. Ich wandte mich der Glasfront des Flughafengebäudes zu und begann heftig zu klopfen. Niemand reagierte. Wütend griff ich nach dem Stock, der neben der Tür lag, und schlug damit auf die Glastür. Irgendwann ging das Licht an und der Alte humpelte herbei.
»Sind Sie völlig übergeschnappt? Glaubt der, er kann sich alles erlauben, mit seinem Dienstausweis! Dieser Flughafen hat geschlossen! Was zum Teufel wollen Sie denn, verdammt noch mal?«, schrie er und drohte mir mit zitterndem Zeigefinger.
»Ich brauche ein Taxi oder ein Auto, egal was, ich muss einfach irgendwie in die Stadt kommen«, sagte ich, bemüht, nicht laut zu werden.
Der Alte schüttelte den Kopf und erklärte, dass alles um einundzwanzig Uhr schließe. Aus diesem Grund gebe es jetzt auch keine Busse, keine Autos und keine Taxis mehr. Er könne da nichts machen, fügte er schulterzuckend hinzu und humpelte davon. Während ich die Möglichkeiten, die sich mir boten, in Erwägung zog – entweder weiter an die Glasfront zu schlagen oder zu Fuß in die Stadt zu laufen –, blieb der Alte unvermittelt stehen und rief mir, ohne sich mir dabei zuzuwenden, die Frage zu, ob ich für die Beförderung in die Stadt denn zu zahlen bereit sei.
»Natürlich!«, erwiderte ich und sah zu, wie der Alte verschwand.
Ich ließ mich neben meinem Koffer nieder und lehnte mich an die Glasfront. Sah Oberinspektorin Hammers unehrliches Lächeln, ihre hämisch funkelnden Augen, hörte ihre säuselnden, mir Honig ums Maul schmierenden Worte. Ihre Worte, die mich dazu gebracht hatten, den Auftrag anzunehmen. Nur ich sei dazu fähig, aufzuklären, woran andere bisher kläglich gescheitert seien. Nur ich sei ihr Mann für die heiklen, die wichtigen Fälle. Ihr Feldherr gegen die Korruption in unserem Staat. Ein Feldherr, der bereits daran scheiterte, vom Flughafen in die Stadt zu gelangen. Ich sah mich schon wie ein Clochard vor dem Gebäude übernachten, zog eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an.
Irgendwann hörte ich das sich nähernde Brummen eines alten Ottomotors. Dann sah ich die Lichtkegel des Wagens in der Ferne und warf einen Blick auf die Uhr. Null Uhr fünfundvierzig. Wenig später bremste neben mir eine alte Klapperkiste mit quietschenden Reifen. Eine junge Frau saß am Steuer, kurbelte das Fenster herunter und fragte freundlich, ob ich derjenige sei, der zu so später Stunde in die Stadt wolle. Ich nickte.
»Steigen Sie ein und werfen Sie das Gepäck auf die Rückbank, der Kofferraum klemmt nämlich«, sagte sie.
Als ich den Koffer auf der Rückbank ablegte, kam mir vor, dass er schwerer wog als zuvor. Ich setzte mich auf die Beifahrerseite. Im Auto roch es nach Werkstatt. Aber auch nach einem dezenten Parfum, leicht fruchtig und nicht zu süß.
»Wohin soll es denn gehen?«
»Ins Riverside Hotel.«
»Alles klar. Ich heiße übrigens Rachel«, sagte sie und fuhr an.
»Sehr erfreut. Simon.«
Eine Weile fuhren wir schweigend dahin. Mit jedem Kilometer, den wir uns vom Flughafen entfernten und der Stadt näherten, verschlechterte sich der Zustand der Straße. Rachel verringerte die Geschwindigkeit und so kamen wir bald nur noch im Schritttempo voran. Das sollte die Schnellstraße zum Flughafen sein? Hatte man diese nicht erst vor einem Jahr mit staatlichen Mitteln saniert? Ich nahm mir vor, das gleich am ersten Tag zu prüfen. Gerade als ich den Zustand der Straße ansprechen wollte, erfassten die Scheinwerfer einen riesigen Aasgeier, der mitten auf der Straße auf einem Bein stand und lustlos an einem Kadaver pickte. Vom Lichtkegel erfasst, breitete er die Flügel aus und gab einen Schrei von sich. Rachel hielt an, schaltete in den Leerlauf und versuchte, den Vogel durch mehrmaliges Betätigen des Fernlichts zu verscheuchen. Als das keine Wirkung zeigte, hupte sie. Der Vogel betrachtete das Ding, das ihn da störte, stellte das zweite Bein ab und machte dann doch ein paar Schritte zur Seite. Langsam fuhr Rachel an ihm vorbei und im Rückspiegel konnte ich sehen, wie er erneut auf einem Bein stehend an dem Aas pickte.
Bevor wir die Stadt erreichten, meinte ich im Graben neben der Straße Schemen zu erkennen. Menschliche Schatten, die sich bückten, aufrichteten und wieder bückten. Mindestens vier Personen. Ich sah zu Rachel, doch sie hatte ihre Augen starr auf die Straße gerichtet. Es war dunkel und ich war müde. Da war es nur allzu leicht möglich, sich Dinge einzubilden. Ich blickte aus dem Fenster und starrte in die Dunkelheit.
»Wissen Sie, nicht alles, was Sie sehen, ist auch immer das, was Sie zu sehen meinen …«, sagte sie leise, als wir einige Minuten später an einem Schranken hielten, der an einen Grenzposten aus vergangenen Zeiten erinnerte.
Auf beiden Seiten des von zwei Laternen beschienenen Schrankens begann ein geschätzt drei Meter hoher Zaun. Ich fragte mich, ob er wohl die ganze Stadt umschloss.
»Überlassen Sie das Reden mir. Sie antworten nur, wenn Sie gefragt werden.«
Ein Mann löste sich aus dem Schatten der neben dem Schranken platzierten Kabine und ging mit schweren Schritten auf die Fahrerseite zu. Als er vor der Motorhaube querte, sah ich, dass er ein Maschinengewehr geschultert hatte. Mit einer Taschenlampe leuchtete er ins Auto und mir ins Gesicht.
»Es ist nach einundzwanzig Uhr!«
»Mein Passagier ist mit dem Flugzeug gekommen«, sagte Rachel selbstsicher. »Außerdem ist der Mann im Auftrag der Regierung unterwegs.«
»Sind seine Papiere in Ordnung?«, fragte er und Rachel nickte. »Regierung also …«
Der Mann schwieg ein paar Momente zu lang, doch dann machte er räuspernd auf dem Absatz kehrt und ging auf den Schranken zu, den er mittels einer Kurbel hob. Rachel legte den ersten Gang ein, fuhr los und bog in eine sandige, unbefestigte Straße, die von Wellblechhütten gesäumt war. Hier gab es nur Sand, Steine und Gestrüpp. In den Hütten brannte kein Licht und die wenigen Laternen konnten den Weg nicht ausleuchten. Ein paar Straßenzüge weiter fuhren wir über eine Brücke und die Straße war mit einem Mal eine gut beleuchtete, von grünen Bäumen und Palmen begleitete, asphaltierte Allee. Hier gab es nur Grundstücke, auf denen Villen thronten, die alle mit Stacheldraht gesichert, einige wenige auch zusätzlich durch Sicherheitspersonal bewacht waren.
Ich beäugte Rachel, die seit der Kontrollstation beharrlich schwieg. Offenbar nicht verstohlen genug, da ein Lächeln über ihre Lippen huschte.
»Was haben Sie eigentlich damit gemeint?«, fragte ich. »Sie wissen schon, was Sie mir da am Posten gesagt haben.«
»Vergessen Sie es, es ist nicht wichtig …«
»Und wieso haben Sie dem Mann gesagt, dass ich im Auftrag der Regierung hier sei? Woher wissen Sie das und was genau wissen Sie darüber?«, fragte ich Rachel.
»Sie sind doch der neue Ermittler …«, sagte sie, als sie von der Allee in eine Straße bog, die drei Kreuzungen weiter in Kopfsteinpflaster überging.
Dort befanden sich jetzt Mehrparteienhäuser, Bürogebäude, ein Supermarkt und einige Hundert Meter weiter eine Schule. Als wir die Altstadt erreichten, erkannte ich das Rathaus, das viel kleiner war, als ich es aufgrund der Fotos geschätzt hatte.
»Wer, wenn nicht ein Mitarbeiter der Regierung, sollte hier auftauchen?«
»Vielleicht Geschäftsleute, Künstler oder Touristen?«
»Die kommen nicht in die Stadt«, antwortete sie und hielt an einer roten Ampel. »Wir haben zwar einen kleinen Konzertsaal, den der Bürgermeister für seine Frau errichten ließ, sie ist nämlich … nein, sie war Sängerin. Dort trat sie immer mit ihrem Pianisten auf. Jeden Tag gab es ein Konzert. Klassische Lieder und Improvisationen. Aber seit einigen Jahren singt sie überhaupt nicht mehr. Seither verfällt der Saal. Wir haben auch ein Museum, in dem allerdings nur Bilder von lokalen Künstlern ausgestellt sind. Künstler, die nichts von der Welt gesehen haben. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass Sie mehr Glück als Ihre Vorgänger haben … möge Ihre Ermittlung erfolgreich sein.«
»Das hoffe ich auch.«
Sie nickte und fuhr bald darauf rechts ran. »Da wären wir.«
Ich fragte mich, ob es denn überhaupt möglich war, noch weniger Glück als meine Vorgänger zu haben, entschied mich aber dafür, diesen Gedanken keinen Raum zu lassen, bedankte mich und fragte, was ich ihr für die Fahrt schulde.
Sie tat, als müsste sie überlegen, und runzelte die Stirn. Dann lächelte sie und sagte, dass eine Einladung zum Abendessen doch eine schöne Sache sein könne.
»Und wir könnten zum Du übergehen, wenn Sie nichts dagegen haben …«, fügte Rachel hinzu.
Ich war mit beidem einverstanden, holte den Koffer und die Tasche aus dem Fond und betrat das Hotel, wo mich ein livrierter Page begrüßte, der aber keine Anstalten machte, mir mit dem Gepäck behilflich zu sein. Er führte mich zur Rezeption, entfernte sich und vertiefte sich in eine akribisch genaue Begutachtung einer Topfpflanze in der Lobby, so als hätte er dort irgendwo etwas verloren. Kurz darauf erschien der Concierge, der meine Dokumente kontrollierte und mir dann kommentarlos den Zimmerschlüssel aushändigte.
Mein Zimmer befand sich im vierten Stock und lag auf der Gartenseite des Hotels. Es war unerwartet groß und stilvoll eingerichtet, anders als die meisten Hotelzimmer, in denen mich die Zentrale einquartierte. Ich trat auf den Balkon und zündete mir eine Zigarette an. Unterhalb des Balkons befand sich eine Terrasse und ein Schwimmbecken mit eingeschalteter Unterwasserbeleuchtung. Der Pool lag inmitten einer fein getrimmten, dezent beleuchteten Gartenanlage mit Palmen und Liegen. Im Gebüsch zirpten die Zikaden, weiter entfernt hörte ich die Geräusche von wilden Tieren an einer Wasserstelle im Buschland. Einen Fluss – immerhin deutete der Name des Hotels auf einen solchen hin – konnte ich nicht entdecken. Ich öffnete die Dose Bier, die ich mir aus der Selbstbedienungsbar mit ins Zimmer genommen hatte, und stieß mit dem Geländer an. Gleichzeitig gingen die Lichter auf der Terrasse, im Garten und im Pool aus.
»Dann eben im Dunklen«, sagte ich. »Auf eine angenehme Zeit hier!«
Der Ausblick auf die neue Arbeit war inzwischen längst nicht mehr so bedrückend. Ich verscheuchte ein paar Geckos aus dem Badezimmer, prüfte, ob sich Skorpione oder Spinnen unter der Bettdecke versteckten, und legte mich schlafen.
Als ich zum Frühstück auf der Terrasse erschien, schwamm die Frau bereits im Pool. Außer ihr war niemand zugegen. Ich holte Kaffee, Brötchen und Spiegeleier und setzte mich an einen Tisch, von dem ich freie Sicht auf den Pool hatte. Beim Essen beobachtete ich die Frau möglichst diskret. Sie hielt die Beine parallel, streckte die Arme gerade nach vorn und zog sie mit kraftvollen Bewegungen synchron seitlich auseinander, stieß dabei froschartig mit den Beinen nach hinten und tauchte zum Atmen kurz aus dem Wasser. Wiederholte die Abläufe. Immer wieder aufs Neue. Es wirkte auf mich, als bemühte sie sich, bereits perfekte Bewegungsabläufe noch weiter zu optimieren. Jeder dieser Abläufe brachte sie eineinhalb bis zwei Meter vorwärts und während sie zum Atmen auftauchte, ließ sie sich von der Gegenstromanlage an die Ausgangsposition zurückschieben. Ihre eleganten Bewegungen und ihre Beharrlichkeit waren bemerkenswert. Das Schwimmen schien ihre Essenz zu sein. Sie verströmte eine Aura gesunden Wohlbefindens. Eine unerklärlich faszinierende Anziehungskraft. Als ich mir zum Kaffee eine Zigarette anzündete, ertappte ich mich dabei, dass es mir ein wenig unangenehm war, die Luft mit Zigarettenrauch zu verpesten.
Ich las in dem Roman, den ich mitgebracht hatte, und blickte dabei immer wieder über den Buchrand.
Die Stadtbesichtigung, die ich mir für den Vormittag vorgenommen hatte, verschob ich auf den Nachmittag. Mit meiner Arbeit im Rathaus würde ich ohnehin erst morgen beginnen können.
Mit einem Mal verstummte der Motor der Anlage. Die Frau tauchte ab, schwamm am Boden des Beckens ein paar Runden und tauchte am Beckenrand wieder auf. Sie schüttelte ihr langes Haar, entdeckte mich und lächelte.
»Würden Sie mir mein Handtuch reichen?«, fragte sie. »Es liegt da drüben auf der Liege.«
»Sehr gerne«, erwiderte ich und stieß beim Aufstehen ans Tischbein.
Als ich ihr das Handtuch reichte, bedankte sie sich und wickelte es sich um den Kopf. Sie blieb noch eine Weile im Wasser, streckte sich, stieg aus dem Pool und ging auf mich zu. Ihr Gang und ihre Haltung waren so elegant wie ihre Bewegungsabläufe im Wasser. Sie hatte eine weibliche, eher rundliche Figur, einen leicht dunklen Teint und war, wenn ich nicht irrte, gute zehn bis fünfzehn Jahre älter als ich. Irgendwo zwischen fünfundvierzig und fünfzig, wie ich schätzte. Ihre Augen strahlten.
»Wollen Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten?«
Ich zögerte mit der Antwort, spürte, dass alles Weitere von mir abhing.
»Das hängt von Ihnen ab«, sagte ich und spürte meine Wangen heiß laufen.
Sie nahm das Handtuch vom Kopf, wickelte es sich um die Hüfte und setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Ihre Haare waren noch feucht, aber ich konnte erkennen, dass sie gewellt waren.
»Sehr gut. Ich hasse es nämlich, allein essen zu müssen. Wären Sie so nett, mir ein Croissant und einen Kaffee zu holen? So nass, wie ich bin, sollte ich da besser nicht hineingehen.«
Mit Kaffee und Croissant kehrte ich also zur Frau zurück, die inzwischen lächelnd in meinem Buch blätterte.
»Danke … Irgendwie beneide ich Sie darum, dass Sie dieses Buch noch nicht gelesen haben«, sagte sie, blätterte irgendwo zur Mitte und las mir einen Absatz vor, in dem die Hauptfigur in einem Krankenhaus aufwacht und nicht mehr weiß, wer sie ist. Sie blätterte weiter und fragte dann unvermittelt: »Schwimmen Sie eigentlich gern?«
Ich nickte.
Sie riss ein Stück des Croissants ab und steckte es in den Mund. Den Kaffee trank sie in wenigen Schlucken aus. Ich konnte kein Auge von ihr lassen, war fasziniert von ihren großen Augen, den schelmisch wirkenden Grübchen und ihren sinnlichen Lippen.
»Starren Sie eigentlich alle Frauen so an?«, fragte sie.
»Oh … das tut mir leid, ich wollte nicht …«, stotterte ich und wusste, dass ich mir weitere Versuche, eine passende Antwort zu finden, sparen konnte.
»Möchten Sie eine Runde schwimmen?«
»Eigentlich gerne«, sagte ich, »… ich habe nur keine Badehose dabei …«
»Ach was, das macht doch nichts. Wir sind sowieso die einzigen Gäste des Hotels. Mich stört Nacktheit nicht und wenn Sie kein Problem damit haben …«
»Aber …«
»Ich mache Ihnen die Entscheidung leichter …«
Während ich hektisch nach Ausreden suchte, war die Frau bereits aufgestanden und damit beschäftigt, sich den Badeanzug abzustreifen.
»Jetzt haben Sie aber wirklich keine Ausrede mehr«, rief sie, ließ sich ins Wasser gleiten und tauchte ab.
Das Wasser war überraschend kalt. Ich lehnte mich in ihrer Nähe an den Rand des Pools und wir blickten beide in Richtung der Bergkette. Hinter uns lag das in Stille gehüllte Hotel. Das einzige Geräusch war das leise Plätschern des Wassers. Ich betrachtete die Felshänge und da überkam mich die Erkenntnis, dass es keine Landroute gab, keinen noch so steilen und in Serpentinen geführten Bergpass, über den man dieses Hochplateau mit dem Auto hätte erreichen können.
»Wissen Sie vielleicht, wie diese Stadt hier entstanden ist?«, fragte ich die Frau. »Ich meine, wo man doch nur mit dem Flugzeug hierherkommt. Und um mit dem Flugzeug überhaupt hierherzukommen, musste der Flughafen zuvor bereits gebaut und die Stadt errichtet worden sein …«
Die Frau sah mich überrascht an. Wandte den Blick von mir ab und schaute in Richtung der Berge. Betrachtete sie, als suchte sie einen Bergpass, eine Seilbahn oder irgendeinen anderen Weg, auf dem man ins jenseits der Berge liegende Land gelangen könnte.
»Früher gab es einen Tunnel, der als Verbindung zum Hochland hinter den Bergen gedient hat. Mit einer eingleisigen Bahnstrecke und einer Schnellstraße.«
»Was ist damit geschehen?«
»Das ist eine verworrene Geschichte, über die unzählige Mythen kursieren. Eines Nachts gab es im Berg eine Erschütterung, ein Beben vielleicht. Ich weiß es nicht mehr, ich war da noch ein kleines Kind. Dabei wurde der Tunnel jedenfalls komplett zerstört. Ihn freizulegen oder einen neuen bauen zu lassen, war zu gefährlich. Da gab es den Flughafen aber bereits … und es hat niemanden wirklich gestört. Hätten Sie eine Zigarette für mich?«, fragte sie und ich nickte, bevor mir klar wurde, dass ich hierfür vor ihren Augen aus dem Pool steigen, zum Tisch gehen und dann, noch schlimmer, auch wieder zurückkehren musste. Ich zögerte.
»Falls Ihnen das lieber ist, kann ich sie gerne holen …«, sagte sie und schwamm zur Treppe, stieg ohne Eile aus dem Wasser, schüttelte ihr Haar und lief elegant zum Tisch. Mit den Zigaretten, dem Aschenbecher und dem Feuerzeug kehrte sie zurück und legte alles neben dem Becken ab. Erst da wandte ich meinen Blick ab. Dann setzte sie sich vor mir auf den Beckenrand und ließ die Beine im Wasser baumeln. Hektisch und umständlich hievte ich mich rückwärts aus dem Wasser und setzte mich ebenfalls auf den Beckenrand, bemüht, die linke Hand wie zufällig über dem Schritt zum Liegen kommen zu lassen.
»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße María. Und vielleicht könnten wir auch zum angenehmeren Du übergehen?«
Ich nickte, stellte mich vor und gab María Feuer. Eine Weile rauchten wir, ohne zu reden. Dann dämpfte sie ihre Zigarette aus, richtete sich auf und stand nur einen halben Meter vor mir, was mir jetzt einen Blick auf einen winzigen, rechts neben ihrer Scham tätowierten Delfin erlaubte. Sie reichte mir die Hand, half mir beim Aufstehen.
»Es war wirklich nett, dich kennenzulernen, Simon. Wäre doch schön, das zu wiederholen, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete ich. »Wie kann ich dich finden?«
