Die Bergklinik 12 – Arztroman - Hans-Peter Lehnert - E-Book

Die Bergklinik 12 – Arztroman E-Book

Hans-Peter Lehnert

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Beschreibung

Die Arztromane der Reihe Die Bergklinik schlagen eine Brücke vom gängigen Arzt- zum Heimatroman und bescheren dem Leser spannende, romantische, oft anrührende Lese-Erlebnisse. Die bestens ausgestattete Bergklinik im Werdenfelser Land ist so etwas wie ein Geheimtipp: sogar aus Garmisch und den Kliniken anderer großer Städte kommen Anfragen, ob dieser oder jener Patient überstellt werden dürfe. "Wer bist du?" Der Kräuter-Lois sah den jungen Mann neugierig an. "Hab' ich dich richtig verstanden?" Der nickte. "Ich schätz' schon. Mein Vater ist der Erhard-Franz aus Mittenwald." "Der Sohn vom Doktor bist also…?" Hans Erhard nickte. "So ist's." "Und du bist jetzt auch ein Doktor?" fragte der Lois. "Willst deinen Vater ablösen in der Praxis? So alt ist der Franz doch noch gar net." Hans lachte. "Der Vater hört noch lang' net auf. Wenn ich ihm erzähl', daß du mich danach gefragt hast, dann wird er dir was anderes erzählen." "Sag's ihm halt net", murmelte der Lois, dann bat er seinen Besucher, Platz zu nehmen, und fragte, ob er ihm einen Tee servieren dürfe. "Ich bitte dich sogar darum", antwortete Hans. "Ich hab' nämlich schon so viel von deinem Tee gehört, daß ich direkt gespannt bin." "Was für einen Tee willst du denn? Die Prinzregentenmischung ist der, der den meisten Leuten am besten schmeckt." "Dann bring ihn halt", antwortete Dr. Hans Erhard, dann setzte er sich auf eine der Holzbänke vor des Lois' Hütte.

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Inhalt

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Auf den Falschen gesetzt

Die Bergklinik – 12–

Die Bergklinik

Hans-Peter Lehnert

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Roman von Hans-Peter Lehnert

»Herrschaftseiten, Clemens, was ist denn los mit dir?« Magnus Kelterer sah seinen langjährigen Freund und direkten Chef in der Bergklinik, Professor Clemens Stolzenbach, vorwurfsvoll an.

Die beiden standen im OP. Stolzenbach hatte in einer mehrstündigen Operation eine Muskelgeschwulst entfernt und Kelterer hatte ihm dabei assistiert.

»Es muß doch noch die Drainage gelegt werden«, sagte der, »du kannst doch noch nicht vernähen.«

Clemens Stolzenbach sah seinen Oberarzt einen Augenblick irritiert an, dann schloß er für einen Augenblick die Augen.

»Mach du den Rest«, sagte er dann, »es ist eh nimmer viel zu tun. Das kannst du auch ohne Assistenz.«

Dann drehte er sich um und verließ den OP. Im Hinausgehen streifte er zuerst die OP-Handschuhe ab, dann Mundschutz und Haube und im OP-Vorraum stieg er aus dem Kittel.

Wenige Minuten später verließ er die Bergklinik, obwohl er noch Dienst gehabt hätte. Er hatte seiner Sekretärin aufgetragen, Magnus Kelterer zu bestellen, daß er heute nicht mehr zur Verfügung stehe, erst am nächsten Tag wieder da sei.

»Irgendwas stimmt mit Clemens nicht«, sagte Kelterer, als er es erfuhr. »Haben Sie eine Ahnung, was sein könnte?«

Marianne Leuthner, sie hatte nach dem familiär bedingten Ausscheiden Helga Adlers deren Sekretärinnenstelle bei Stolzenbach übernommen, schüttelte den Kopf. Sie hatte früher nur aushilfsweise zur Verfügung gestanden und sie himmelte Clemens Stolzenbach still und heimlich an, seit der den chirurgischen Chefarztposten in der Bergklinik übernommen hatte.

»Ich weiß nur«, antwortete sie, »daß der Professor in den letzten Tagen ein wenig unkonzentriert ist. Er vergißt Sachen, an die er sonst immer gedacht hat.«

Dr. Magnus Kelterer nickte. Was Marianne Leuthner gesagt hatte, paßte genau zu seinen Beobachtungen, Clemens Stolzenbach wirkte in den letzten Tagen äußerst unkonzentriert. Was ihn sonst auszeichnete, seine überaus große und ständig präsente Konzentrationsgabe, ging ihm im Moment völlig ab.

»Möchten Sie einen Kaffee oder einen Tee?« Die Sekretärin sah Magnus Kelterer fragend an.

Der nickte. »Einen Tee bitte. Und zwar einen von dieser Prinzregentenmischung.«

Marianne Leuthner nickte und brachte Magnus den Tee in dessen Zimmer, das sich gleich an das Chefzimmer in der Chirurgie anschloß.

Magnus Kelterer sah sich den OP-Plan für den nächsten Tag an und stutzte plötzlich. Es waren zwei Operationen für den Vormittag vorgesehen und beide sollten im großen OP stattfinden, was schlicht unmöglich war, denn beide Operationen konnten sich leicht bis zum Mittag hinziehen.

Der Oberarzt der Chirurgie trank den Tee aus und ging auf die Station, wo er mit der Stationsschwester sich kurz besprach, dann verschob er eine der Operationen auf den Nachmittag. Erstens konnten dann beide Operationen im großen OP stattfinden und zweitens konnte er notfalls einspringen, denn daß mit Clemens was nicht stimmte, stand für ihn fest.

Die Frage war, was stimmte nicht? Magnus Kelterer kannte Clemens Stolzenbach seit gemeinsamen Studientagen in München, und der war absolut nicht der Typ, der sich in sich zurückzog und den Introvertierten spielte.

Clemens stand ständig unter Spannung, er konnte sich in dem Maß gar nicht in sich zurückziehen, wie das schon mal andere taten, um aufzutanken. Clemens tankte bei der Arbeit auf; wenn er viel zu tun hatte, fühlte er sich am wohlsten. Wenn andere unter Druck standen, dann entfaltete Stolzenbach erst seine Fähigkeiten.

Während Magnus Kelterer nachdenklich zurück in sein Zimmer ging, fuhr Stolzenbach gerade die Auffahrt seines Grundstücks in Garmisch hinauf und stellte den Wagen vor dem Haus ab.

Frau Mostert, Clemens Stolzenbachs Wirtschafterin, wunderte sich, daß der Professor schon so zeitig kam, und ging ihm freundlich lächelnd entgegen.

»Grüß Gott, Herr Professor«, sagte sie, »es ist schön, daß Sie mal ein bissel zeitiger als sonst da sind. Sie haben ja sonst gar nichts von Ihrem schönen Haus. Wann soll ich Ihnen das Essen servieren?«

Stolzenbach sah Anni Mostert an, als sehe er sie zum ersten Mal, dann schüttelte er den Kopf.

»Später«, sagte er, »ich kümmere mich dann schon selbst darum. Wenn Sie möchten, dann gehen Sie ruhig schon nach Hause.«

Frau Mostert betreute tagsüber das Haus und sie verließ es immer, wenn Professor Stolzenbach nach Hause kam.

Clemens Stolzenbach war einer der jüngsten Chirurgieprofessoren gewesen, mit nicht mal vierzig hatte er die Chirurgie der Bergklinik übernommen, nachdem ihm am Münchener Klinikum eine glänzende Zukunft vorausgesagt worden war. Aber nach ein paar internen Streitereien mit seinem damaligen Chef, Professor Weinert, hatte er das Angebot der Bergklinik angenommen und es war größtenteils sein Verdienst, daß man die Bergklinik heute zu den besten Kliniken des Landes rechnete.

Man kannte Clemens Stolzenbach als ständigen Antreiber, der von seinen Mitarbeitern sehr viel verlangte, aber der auch für jeden durchs Feuer gegangen wäre, wenn es nötig gewesen wäre.

Vor allem deswegen fiel auf, daß sich sein Verhalten in den letzten Wochen verändert hatte. Wo er früher bestimmend gewesen war, tat er heute nichts, wo er früher andere mitgerissen hatte, wirkte er heute nachdenklich und in sich gekehrt.

Anni Mostert verabschiedete sich sonst jeden Tag persönlich von Clemens Stolzenbach, heute sah sie nur ganz kurz in sein Arbeitszimmer. Clemens Stolzenbach lag auf der Couch, hatte einen Kopfhörer aufsitzen, die Augen geschlossen und hörte offensichtlich Musik.

Es sah so aus, und Anni Mostert ging genau das durch den Sinn, als wenn Clemens Stolzenbach einen sehr schweren Tag hinter sich hatte und nun entspannte.

Dabei dachte Clemens Stolzenbach an nichts anderes als an eine Begegnung, die knapp vier Wochen zurücklag…!

*

»Bettina… du?« Stolzenbach sah die sehr hübsche Frau erschrocken an. »Du meine Güte, das ist aber eine Überraschung. Wie geht es dir?«

»Ich hab’ wieder mal eine kleine Krise«, antwortete Bettina Wagner, lächelte jedoch dabei. »Und da ich weiß, daß du mir gut tust, habe ich mich für ein paar Tage in eurem Sanatorium angemeldet. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

»Aber woher denn, ich freue mich riesig, dich zu sehen.« Stolzenbach hatte die hübsche Frau, sie war etwa in seinem Alter, dann mit zwei Küssen auf ihre Wangen begrüßt.

Bettina Wagner hatte zu gemeinsamen Studienzeiten noch Zanger geheißen, und sie beide waren mal lange Zeit miteinander liiert gewesen. Die Beziehung hatte so lange gedauert, bis Bettina ihren späteren Mann, Konsul Wagner, kennenlernte.

Vor einem Jahr etwa war sie dann in der Bergklinik erschienen, es ging ihr nach dem Tod ihres Mannes nicht besonders gut, und hatte Clemens besuchen wollen.

Zum Schluß hatte er ihr in einer dramatischen Aktion das Leben gerettet, als sie in die Karbachklamm gestürzt war und er ihr mit Monika Gratlingers Assistenz einen Luftröhrenschnitt setzen mußte, als Bettina nach dem Sturz in die Klamm zu ersticken drohte.

»Hast du deine damaligen Verletzungen gut überstanden?« Stolzenbach sah seine ehemalige Geliebte fragend an.

Die lächelte ihn sehr nett an. »Dank deiner Hilfe, ja.«

»Wie und wo lebst du heute?« wollte Stolzenbach dann wissen. »Noch alleine oder in einer neuen Beziehung?«

»Ich lebe in München, bin ganz zufrieden und ich lebe alleine«, antwortete Bettina. »Ich weiß nicht, ob ich noch mal in der Lage bin, eine Beziehung einzugehen.«

»Aber du bist noch viel zu jung, um alleine zu leben.«

Bettina lächelte »Du meinst, ob ich mir ab und zu eine Bekanntschaft gönne?«

»Entschuldige bitte, wenn ich so indiskret bin.«

»Dir verzeihe ich diese kleinen Unebenheiten im Benehmen«, erwiderte Bettina. »Bei anderen bin ich da nicht so großzügig.« Dann nickte sie. »Zeitlich eng begrenzte Bekanntschaften habe ich ab und an.«

»Was hast du hier vor?« Stolzenbach sah seine ehemalige Freundin, mit der er während seiner Studien- und Assistenzzeit eine ganze Zeit zusammengelebt hatte, fragend an. »Willst du

eines der Fitneß-Angebote

des Sanatoriums wahrnehmen oder…!«

»Darf ich ganz ehrlich sein…?«

»Ich bitte darum.«

»Ich bin nur gekommen, um dich zu sehen.« Bettina lächelte. »Ich bin irgendwie altmodisch und ich erinnere mich immer wieder gerne an unsere… sagen wir mal an unsere gemeinsame Zeit.«

Stolzenbach warf Bettina einen aufmerksamen Blick zu. Was ging ihr durch den Kopf? Versuchte sie wieder, bei ihm zu landen, wie bei ihrem letzten Besuch, der dann so dramatisch in der Karbachklamm geendet war?

Sie lächelte und zerstreute seine Gedanken, als habe sie sie lesen können.

»Du mußt dir keinerlei Sorgen machen«, sagte sie. »Ich erinnere mich wirklich nur noch, will nichts mehr von dir, nur noch ein wenig über alte Zeiten plaudern. Wie geht es übrigens dieser netten Studentin, mit der du letztes Jahr liiert warst? Sie hat dir doch in dieser Schlucht geholfen, mich ins Leben zurückzuholen?«

»Du meinst sicher Monika…!«

»Genau, Monika hat sie geheißen. Ihr Großvater war doch dieser Kräutersammler, dessen Tee man hier in der Klinik serviert.«

»Du hast ein gutes Gedächtnis«, sagte Clemens Stolzenbach.

»Lenk nicht ab, wie geht’s Monika?«

»Monika ist inzwischen Ärztin und…!«

»Sicher an deiner Seite. Sie war ja total verschossen in dich. Du meine Güte, wer ist oder war das nicht?« Dann lachte Bettina Wagner. »Also, bist du glücklich mit dieser Monika?«

»Wir sind nicht mehr zusammen«, antwortete Stolzenbach.

»Wie bitte?« Zuerst schien Bettina geschockt zu sein, dann lachte sie. »Das hätte ich mir denken können. Du bist kein Mann für eine dauerhafte Beziehung. Sicher hast du wieder eine Neue, oder? Garantiert wieder ein ganz junges Mädchen.«

Eine Weile blieb es still und keiner hatte ein Wort gesagt. Dann hatte Bettina plötzlich sehr ernst dreingeschaut.

»Weißt du eigentlich«, fragte sie, »daß… daß unsere Beziehung damals nicht ganz ohne Folgen geblieben ist?«

»Wie bitte?« Clemens Stolzenbach meinte, sich verhört zu haben.

»Ich habe ein Kind von dir erwartet«, erwiderte Bettina darauf. Sie lächelte wieder. »Da schaust du, oder…?«

Clemens meinte in dem Moment, jemand schnürte ihm die Luft ab.

»Du hast was?« Seine Stimme hatte einen total anderen, viel unebeneren Klang bekommen.

»Du hast mich schon verstanden«, erklärte Bettina. »Ich war schwanger von dir. Ich kann mich an die Nacht, als es passierte, noch erinnern, als sei es gestern gewesen.«

Clemens war blaß geworden. Er wußte nicht, was er sagen sollte, sah Bettina nur vollkommen verstört an.

»Genauso hab’ ich mir damals deine Reaktion vorgestellt«, fuhr sie fort. »Sprachlos und verwirrt. Du hättest mit einem Kind nichts anfangen können. Mein Gott, wenn ich mir vorstelle, daß du seit Jahren Vater sein könntest.«

»Was… was hast du mit… was hast du damals gemacht?« Stolzenbach fühlte sich inzwischen gar nicht mehr wohl.

»Was wohl? Ich war doch dank dir mit vielen Medizinern bekannt und… na ja, du kannst dir vorstellen, was ich gemacht habe.«

»Du meinst, du hast abtreiben lassen…?« Clemens Stolzenbach meinte, sein Herz bis zum Hals herauf schlagen zu spüren.

»Sicher, was meinst du denn? Sonst wärst du doch Vater.«

Bettina lachte. »Allein der Gedanke amüsiert mich schon. Du und Vater, nicht auszudenken.«

»Wie alt wäre denn… ich meine…?«

»Neunzehn«, antwortete Bettina, »unser Sohn wäre heute neunzehn.«

»Wieso Sohn, es hätte doch auch eine Tochter sein können.«

»Natürlich, aber es wäre garantiert ein Junge geworden, da bin ich mir ganz sicher.«

Clemens Stolzenbach war nicht in der Lage, darauf zu antworten. Er hatte Bettina angesehen, war aufgestanden und gegangen. Sie war insgesamt anderthalb Wochen im Sanatorium geblieben, er war ihr noch zweimal kurz begegnet, denn er ging ihr aus dem Weg. Was sie gemerkt haben mußte, denn irgendwann war sie abgereist, ohne sich von Clemens zu verabschieden.

Stolzenbach hatte in den nächsten Tagen immer öfter daran denken müssen, daß er hätte Vater sein können. Wie hatte Bettina einfach so und ohne mit ihm darüber zu reden, ein Kind – sein Kind – abtreiben lassen können?

Dieser Gedanke, Vater sein zu können, war ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und plötzlich dachte er immer öfter darüber nach, eine Familie zu gründen. Eine wirkliche Familie wollte er haben, nicht nur eine Wochenendbeziehung.

Laura, seine jetzige Freundin, würde sie seine Frau werden? Das ging Stolzenbach seit dem Besuch immer wieder durch den Kopf. Würde Laura die Mutter seiner Kinder sein? Wollte er überhaupt Kinder? Der Gedanke an Kinder war ihm nie so nah gewesen wie nach Bettina Wagners Besuch. Als wenn ihre Aussage, er könnte längst Vater sein, den Wunsch, ein Kind zu haben, erst habe wirklich werden lassen.

Clemens Stolzenbach erwachte wie aus einem Traum, nahm die Kopfhörer vom Kopf, schaltete die Musik aus, setzte sich und sah dann auf die Uhr. Er hatte überhaupt keinen Appetit und ließ das von Frau Mostert vorbereitete Abendessen unberührt stehen.

Er sah auf die Uhr, dann rief er in der Bergklinik an und ließ sich mit Magnus Kelterer verbinden.

»Hallo, Alter«, sagte er, »entschuldige, daß ich so spät störe, aber ich bitte dich, den Dienst morgen so einzuteilen, daß du ihn mit Schröder und den anderen alleine erledigen kannst. Ich muß morgen weg. Ist das möglich?«

Es war eine Weile still am anderen Ende der Leitung.

»Geht es dir gut?« wollte Magnus dann wissen.

»Ja, es ist alles okay«, antwortete Stolzenbach.

»Willst du morgen weg?«

»Ja, ich fahre nach Erlangen. Ich muß ganz dringend Laura sehen und mit ihr sprechen. Schaffst du es alleine in der Klinik?«

»Ja, natürlich«, antwortete Magnus Kelterer. »Du kannst ohne Bedenken fahren, und grüße Laura von mir.«

Ohne zu antworten legte Clemens den Hörer auf die Gabel.

*

Laura Lorenzen studierte im ersten Semester Medizin, sie war dreiundzwanzig Jahre alt, hatte in der Bergklinik als Krankenschwester gearbeitet, und Stolzenbach hatte ihr einen Studienplatz in Erlangen besorgt, nachdem sie bei ihrer Bewerbung keinen bekommen hatte.

Er hatte sich, vielleicht anfangs auch, weil Monika nach Heidelberg gegangen war, in Laura verliebt. Doch je länger er mit dem ausnehmend schönen Mädchen zusammen war, desto mehr Liebe empfand er für sie.

Jetzt war Donnerstag kurz vor Mittag, und Stolzenbach war vor knapp vier Stunden in Garmisch abgefahren. Er bog ins Erlanger Klinikviertel ein, fand sogar, was ein kleines Wunder war, einen Parkplatz, und ging dann hinüber zur Anatomie, wo er Laura wußte, denn sie hatte ihm letztens eine Fotokopie ihres Vorlesungs- und Seminarplans gegeben.

Clemens sah auf die Uhr, die Vorlesung war gerade zu Ende oder sie würde jeden Moment zu Ende sein. Als er das Anatomiegebäude betrat, wurden just in dem Moment die Türen des Vorlesungssaals geöffnet, und die Studenten strömten heraus.

Clemens sah sich nach Laura um – dann sah er sie. Sie kam mit zwei Kommilitonen heraus und lachte. Laura konnte so herzlich lachen.

Dann sah Laura Clemens. Er stand am Fuß der Treppe, die sie herunterkam. Binnen Sekundenbruchteilen verschwand ihr Lachen, und sie wirkte plötzlich wie ein ertapptes Kind. Sie sagte was zu ihren beiden Begleitern, die weitergingen, sie drehte dann ab und kam auf Clemens zu.

»Hallo… was machst du denn hier?« Lauras Stimme klang

überaus erstaunt, nicht erfreut. Das war das erste, was Stolzenbach feststellte.

»Ich hatte plötzlich große Sehnsucht nach dir«, antwortete er. »Ich mußte dich einfach sehen. Ich hoffe, du hast ein wenig Zeit für mich.«

»Bist du jetzt extra aus Garmisch gekommen?« Noch immer schien Laura nicht recht zu begreifen.

Clemens schüttelte den Kopf. »Nein, ich hatte in Erlangen zu tun und… da bin ich. Hast du nun Zeit?« Er wußte später nicht zu sagen, warum er nicht gesagt hatte, daß er extra ihretwegen gekommen war. Vielleicht, um Laura nicht unter Druck zu setzen. Sie hätte sich leicht bedrängt fühlen können, wenn sie gewußt hätte, daß er, nur um sie zu sehen, gekommen war.

»Nur wenig«, antwortete sie, »eigentlich gar keine. Ich… ich gehöre einer Lerngruppe an, wir bereiten uns gemeinsam auf die Anatomieprüfungen vor und…!«

»Ich könnte dich in Anatomie auch abfragen«, sagte Stolzenbach, dann lächelte er, »wir könnten uns auch an der Natur orientieren. Ich meine…!«

Laura hatte rote Ohren bekommen. »Ich weiß, was du meinst. Also das… das geht jetzt nicht. Das würde mich viel zu sehr ablenken. Ich… also, ich würde gerne zu meinen Leuten. Sie warten eh da hinten und… entschuldige Clemens, aber ich hab’ heut’ einfach keine Zeit für dich. Sei mir bitte nicht bös’.« Dann lächelte sie ihn verlegen an und ging. Kein Kuß, kein Servus, nicht mal ein Handschlag.

Clemens sah ihr hinterher, und als sie bei den beiden wartenden Jungs ankam, lachte sie lauthals los. Wie es aussah, hatte sie Clemens Stolzenbach, der extra ihretwegen nach Erlangen gekommen war, schon vergessen.

Clemens fühlte sich in dem Moment total elend. Er starrte Laura hinterher, bis sie im Getümmel der Studenten untergetaucht war.

Mit müden Schritten ging der Chirurgieprofessor zurück zu seinem Wagen. Noch nie hatte er sich derart gedemütigt gefühlt wie in diesem Moment. Und er fühlte sich alt. Bis dahin hatte er seine vierzig Jahre nicht gespürt, jung und dynamisch war er gewesen, davon war in diesem Moment nichts zu sehen.

Als Stolzenbach zu seinem Wagen kam, hatte man ihn zugeparkt. Er wartete insgesamt anderthalb Stunden, dann kam ein schlacksdürrer junger Mann, zuckte bedauernd mit den Schultern, stieg in seinen Wagen, versuchte ihn anzulassen, was zuerst nicht gelang und zusätzlich einige Zeit in Anspruch nahm, dann fuhr er davon.

Als Clemens in seinen Wagen stieg, parkte schon der nächste vor ihm, und es brauchte einige Energie, dem jungen Mann klarzumachen, daß er wegfahren wollte.

Als er auf der Autobahn Richtung Süden war, atmete er auf, um wenige Minuten später in den ersten Stau zu geraten, und als er den glücklich überwunden hatte, in den nächsten zu kommen.

Als er die Auffahrt zu seinem Haus hinauffuhr, war es sechs Uhr abends, und der schöne Tag, den er sich mit Laura hatte machen wollen, hatte ihm nichts als Enttäuschungen gebracht.

Wer waren diese beiden Typen bei Laura gewesen? Sie hatte von einer Lerngruppe gesprochen…! Er hatte mit ihr reden, sie ganz nah spüren wollen, und was war dabei herausgekommen? Nichts als Ärger und neue Grübeleien.

Dann dachte er wieder an den Besuch Bettinas. Er konnte mit ihr einen inzwischen fast zwanzigjährigen Sohn oder eine ebenso alte Tochter haben. Sie hatte ihm bis zu ihrer Beichte vor wenigen Tagen kein Wort davon gesagt. Mal ganz davon abgesehen, daß sie ihn nicht in die Entscheidung mit einbezogen hätte, was damals passieren sollte. Sie alleine hatte entschieden, ihm nicht mal den kleinsten Hinweis gegeben.

Zählte er überhaupt was bei seinen Frauen? Oder hatten sie ihn alle nur benutzt? War er immer nur Mittel zum Zweck gewesen, und kamen sie ohne ihn ganz gut zurecht, vielleicht sogar besser als mit ihm?

Es war sieben Uhr, als das Telefon läutete, aber Clemens ging nicht dran. Er hörte, wie sich der automatische Anrufbeantworter einschaltete und jemand eine Nachricht hinterließ. Er ging nicht mal hin, um zu hören, wer angerufen hatte.

Hätte eine halbe Stunde später jemand in sein Arbeitszimmer geschaut, er hätte einen auf dem Boden liegenden Clemens Stolzenbach gesehen, der wieder die Kopfhörer aufgezogen hatte und Musik hörte.

Eines stand zu dem Zeitpunkt fest, Clemens Stolzenbach war in einer Krise, und es war nicht abzusehen, wann diese Krise so oder so zu einer Katastrophe führte…!

*

Das veränderte Verhalten Clemens Stolzenbachs blieb auch anderen in der Bergklinik nicht verborgen. Manche tuschelten miteinander, andere sahen lediglich besorgt zu, und wieder andere boten dem Chirurgieprofessor ein offenes Gespräch

an.

»Sagen Sie, Herr Kollege«, sprach Dr. Vinzenz Trautner seinen Chefchirurgen ein paar Tage später an, »haben Sie irgendwelche Probleme? Mir fällt auf, daß Sie in letzter Zeit sehr introvertiert sind. Das paßt gar nicht zu Ihnen. Wollen Sie nicht mal Urlaub machen?«

Stolzenbach schien einen Augenblick verwirrt, dann schüttelte er den Kopf.

»Lassen Sie mich bitte dann Urlaub machen, wenn ich es für angebracht halte«, antwortete er. »Außerdem kann ich nicht nachvollziehen, was Sie mir sagen wollen.«

Clemens Stolzenbachs Benehmen war noch auffälliger geworden, seit er in Erlangen gewesen war. Er war über vier Stunden hingefahren, fast sechs Stunden retour und alles nur, um von Laura binnen weniger Sekunden, die Unterredung hatte insgesamt keine Minute gedauert, abgefertigt zu werden.

Vielleicht zum ersten Mal zweifelte Clemens an sich selbst. Er war immer ein sehr selbstbewußter Mensch gewesen. Ohne dieses Selbstbewußtsein wäre es nicht möglich gewesen, eine solche Karriere zu starten, wie er es getan hatte.

Und eines war zudem gewiß, Clemens Stolzenbach hatte stets die Frauen bekommen, die er haben wollte. Bei Laura war es insofern etwas anderes gewesen, als sie ihn anfangs gar nicht so sehr interessiert hatte. Inzwischen war er sich sicher, daß sie die Frau war, mit der er leben und zusammenbleiben wollte.

Daß seine Beziehung mit Monika Gratlinger, ohne daß er dagegen etwas hätte tun können, zu Ende gegangen war, es hatte eigentlich nicht mal ein richtiges Ende gegeben, möchte auch dazu beigetragen haben, daß Clemens Stolzenbachs Selbstwertgefühl kleine, aber doch auch sichtbare Kratzer bekommen hatte.

Als Clemens es in den nächsten Tagen ein paarmal ablehnte, sich mit Magnus auszusprechen, rief der in seiner Not im Münchener Klinikum an und ließ sich mit Dr. Peter Lohmann verbinden. Lohmann war während der gemeinsamen Studienzeit der beste Freund Clemens Stolzenbachs gewesen, und wenn einer Einfluß auf ihn hatte, dann Priv.-Doz. Peter Lohmann, der als Chef-Pathologe des Münchener Klinikums Dienst tat.

»Wenn du es irgendwie ermöglichen kannst«, sagte Magnus Kelterer zu Lohmann, »dann komm vorbei. Manch einem mag es gar nicht auffallen, daß bei Clemens was nicht stimmt, aber ich kenne ihn jahrelang, ich weiß, daß was nicht stimmt. Ich mache mir inzwischen die größten Sorgen.«

»Hast du gar keine Ahnung, warum er so verändert ist?« wollte Lohmann wissen.

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer«, antwortete Magnus Kelterer. »Ich hab’ schon alle Varianten durchgespielt. Daß er erfahren hat, eine schlimme Krankheit zu haben. Oder daß er sein Vermögen verloren hat… ich weiß es einfach nicht.«

»Was ist mit Laura oder Monika oder wer gerade aktuell ist?« wollte Peter Lohmann wissen.

»Da ist alles okay«, erwiderte Magnus. »Er war erst vor ein paar Tagen in Erlangen bei Laura.«

»Am Donnerstag komme ich«, sagte Lohmann. »Irgendwann am späten Vormittag. Du kannst Clemens schon mal darauf vorbereiten. Dir fällt schon was ein, warum ich auftauche. Laß es mich nur rechtzeitig wissen.«

Wie angemeldet betrat Dr. Peter Lohmann am Donnerstag kurz vor dem Mittag die Bergklinik, ging gleich durch in die Chirurgie, schließlich war es nicht sein erster Besuch hier. Dort erfuhr er, daß der Professor und der Oberarzt im OP seien. Man erwarte sie jede Minute zurück.

Peter Lohmann ging daraufhin zu Stolzenbachs Sekretärin, sagte, er würde gerne in Clemens Stolzenbachs Zimmer auf ihn warten. Die Sekretärin kannte ihn, und als Clemens kurz darauf aus dem OP in sein Zimmer kam, grinste Lohmann ihn an.

»Hallo, Alter«, begrüßte er ihn, »jetzt sag nur, daß das keine Überraschung ist. Ich hab’ eine solche Sehnsucht nach dir, daß ich meine kostbare Freizeit genommen habe, um dich zu besuchen. Was sagst du dazu?«

»Daß du mit dem blödsinnigen Gerede aufhören sollst.« Nicht mal der Hauch eines Lächelns huschte dabei über Stolzenbachs Gesicht.

»Was ist los? Werde ich nicht mal begrüßt?« Peter Lohmann wußte bereits jetzt, daß Magnus recht hatte, irgendwas stimmte bei ihrem gemeinsamen Studienfreund nicht.

Die beiden unterhielten sich eine knappe halbe Stunde, dann sah Clemens Peter Lohmann fragend an.

»Sag mal«, brummelte er, »fühlst du dich momentan eigentlich wohl in deinem Leben?«

»Wieso?« wollte Lohmann wissen. »Was genau meinst du?«

»Du lebst doch auch solo? Sehnst du dich nicht nach einer Frau und Familie?«

»Oje«, erwiderte Peter Lohmann, »das ist ein gewaltiges Thema. Ich hab’ schon so oft darüber nachgedacht und bin nie

zu einem gültigen Schluß gekommen. Womit ich ausdrücken will, daß morgen schon nicht mehr galt, was heute absolut richtig war. Drückt dich irgendwo da der Schuh? Hast du Sehnsucht nach einer Familie, oder was soll ich deiner Frage entnehmen?«

Stolzenbach zuckte mit den Schultern. »Wenn ich das nur wüßte. In den letzten Wochen gab es ein paar Begegnungen mit meiner Vergangenheit, die mich ganz schön hergenommen haben.«

»Wie meinst du das?«

Stolzenbach winkte ab. »Nicht so wichtig. Außerdem muß ich wieder hinüber in den OP.«

»Du hast keine Zeit für mich?« Peter Lohmann war enttäuscht, das stand fest.

Stolzenbach schüttelte den Kopf. »Jetzt gerade nicht. Ich habe in letzter Zeit eh schon manchmal geschlurt und kann Magnus nicht schon wieder hängenlassen.«

»Wann hättest du denn Zeit?« maulte Lohmann. »Du meine Güte, das ist jetzt aber enttäuschend. Ich komm dich doch extra besuchen, Mensch…! Frag doch Magnus, ob er…!«

Stolzenbach schüttelte den Kopf. »Das kommt nicht in Frage. Wenn du willst, kannst du nach Garmisch in mein Haus fahren. Ich komme dann am Abend nach. Frau Mostert kann dir Kaffee machen, einen Kuchen hat sie garantiert auch da und…!«

»Ich bin nicht gekommen, um mich von deiner Frau Mostert mit Kuchen vollstopfen zu lassen«, erwiderte Lohmann. Dann nickte er. »Also gut, ich warte dann bei dir zu Hause.«

Zwei Stunden später kam ein Anruf aus der Bergklinik, den Frau Mostert weitergab.

»Entschuldigen S’ bitte, Herr Doktor«, sagte sie zu Lohmann, der auf der Terrasse Platz genommen hatte, »der Herr Professor hat gerade angerufen. Er läßt ausrichten, daß er heute gar nicht mehr nach Hause kommen wird. Sie möchten entweder bleiben, oder aber der Professor ruft Sie in München an.«

Peter Lohmann bedankte sich und nickte. Dann ging er in Clemens’ Arbeitszimmer, um ihm eine schriftliche Nachricht zu hinterlassen. Dort fiel ihm etwas sofort auf. Auf einem Tisch neben dem Schreibtisch standen fünf Fotografien. Alle in schönen Rahmen und auf besondere Art geordnet.

Ein Foto zeigte Laura Lorenzen, ein anderes Monika Gratlinger, wieder eines zeigte Bettina Wagner, eines Marion Weinert und eines ein lachendes Mädchengesicht, das er noch nie gesehen hatte.

Das war es also, Clemens Stolzenbach hatte Probleme mit seinen Frauen. Zu den fünf auf den Fotos kamen noch eine Menge andere hinzu. Doch was war der Grund, warum Clemens plötzlich so neben der Spur war? Clemens hatte es immer glänzend verstanden, seine Frauengeschichten so zu verwalten, daß er nie Probleme damit hatte.

»Was ist passiert, Alter?« murmelte Lohmann vor sich hin. »Irgendwas muß du schon preisgeben, sonst kann dir niemand helfen. Und Hilfe brauchen wir irgendwann alle mal, auch du…!«

*

»Was hat er?« Magnus Kelterer meinte, nicht richtig gehört zu haben. »Fünf verschiedene Frauenfotos auf einem Tisch in seinem Arbeitszimmer? Was hat das denn zu bedeuten? Ich denke Laura ist die absolute Favoritin seines Herzens.«

»Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat«, antwortete Lohmann, »ich weiß nur, daß neben Laura und Monika auch Marion Weinert und Bettina Wagner dabei sind.«

»Die war vor ein paar Wochen ein paar Tage hier im Sanatorium«, erwiderte Magnus Kelterer.

»Könnte sie ihm was gesagt haben, was sein Leben so total durcheinanderbringt?« Peter Lohmann schien es nicht anzunehmen, das hörte man seiner Stimme an. »Ihr Besuch hat sicher keinerlei Bedeutung…«

»Ich kann es mir auch nicht vorstellen«, stimmte Magnus zu.

»Und jetzt? Was passiert jetzt?«